Sämtliche Werke 11

Part 23

Chapter 232,451 wordsPublic domain

Ich sage nochmals, diese Änderung vollzog sich nicht so schnell, sondern ganz allmählich und erst nach sehr, sehr langer Zeit. Es war nicht Stolz, nicht Eigenliebe, was dem Eingeständnis im Wege stand. Und dabei war ich vielleicht einer von jenen (ich spreche nun wieder von mir allein), denen die Rückkehr zur Volkswurzel, zum Erkennen der russischen Seele, zur Anerkennung des Volksgeistes von Hause aus am meisten erleichtert war. Ich stammte aus einer Familie, die russisch und gottesfürchtig war. Soweit ich überhaupt zurückdenken kann, erinnere ich mich der Liebe meiner Eltern zu mir. Mit dem Evangelium waren wir in unserer Familie bereits seit der frühesten Kindheit vertraut. Schon mit zehn Jahren kannte ich alle wichtigeren Geschehnisse der russischen Geschichte nach dem Werk Karamsins, aus dem uns der Vater abends vorlas. Der Besuch des Kremls und der alten Moskauer Kirchen war für mich stets etwas Feierliches gewesen. Vielleicht hatten die anderen Petraschewzen keine Erinnerungen solcher Art, wie ich sie hatte. Ich denke jetzt sehr oft darüber nach und frage mich: was für Eindrücke mag die heutige Jugend in der Mehrzahl aus ihrer Kindheit ins Leben mitnehmen? Und nun, wenn es sogar mir, der ich schon auf ganz natürliche Weise über jene verhängnisvolle neue Umgebung, in die das Unglück uns hineingeschleudert hatte, nicht hochmütig hinwegsehen konnte, wenn es sogar mir, der ich mich zu der Offenbarung des Volksgeistes vor meinen Augen nicht herablassend verhalten oder sie nur mit einem flüchtigen Blick streifen konnte, – wenn es also auch mir, sage ich, so schwer war, mich schließlich von der Lüge und Unwahrheit fast alles dessen, was wir zu Hause für Licht und Wahrheit gehalten hatten, zu überzeugen, so frage ich mich: wie schwer muß es dann erst den anderen gefallen sein, allen denen, die viel tiefer dem Volk entfremdet waren, die aus Familien stammten, in denen die Entzweiung mit dem Volk ererbt war und schon von den Vätern und Großvätern übernommen wurde?

Es würde mir sehr schwer fallen, die Geschichte der Wandlung meiner Überzeugungen zu erzählen, um so mehr, als sie vielleicht auch gar nicht so interessant ist; und überdies paßt es auch irgendwie nicht zu einem Feuilletonartikel ...

* * * * *

Meine Herren Verteidiger unserer Jugend, prüfen Sie doch schließlich auch das Milieu, prüfen Sie die Gesellschaft, in der diese Jugend aufwächst, und fragen Sie sich dann: gibt es in unserer Zeit überhaupt etwas, das gegen _gewisse Einflüsse_ noch weniger geschützt ist, als diese Jugend?

Stellen Sie zunächst die Frage: wenn selbst die Väter dieser Jünglinge in ihren Überzeugungen nicht besser, nicht fester, nicht gesünder sind; wenn diese Kinder in ihren Familien schon von kleinauf nur Zynismus und hochmütige, gleichgültige (meistenteils gleichgültige) Verneinung erlebt haben; wenn das Wort Vaterland vor ihnen nie anders als mit einem spöttischen Zug um den Mund ausgesprochen worden ist; wenn alle, die sie erzogen, sich zu der Sache Rußlands nur mit Verachtung oder Gleichgültigkeit verhalten haben; wenn die großmütigsten unter ihren Vätern und Erziehern ihnen immer nur „allgemein-menschliche“ Ideen gepredigt haben; wenn schon ihre Kinderwärterinnen davongejagt wurden, weil sie an ihren Wiegen trotz des Verbots das Gebet an die Gottesmutter sprachen, – so sagen Sie doch: was kann man danach von diesen Kindern verlangen, und ist es dann noch human, bei einer Verteidigung der Jugend, wenn sie einer solchen bedarf, das Ganze für sich selbst mit einfacher Leugnung der Tatsache abzutun?

Vor kurzem fiel mir in unserer Tagespresse folgendes Entrefilet auf:

„Die ‚Kama- und Wolga-Zeitung‘ berichtet, daß in diesen Tagen drei _Gymnasiasten_ des zweiten Gymnasiums in Kasan, _Quintaner, zur Verantwortung gezogen worden sind wegen eines Vergehens, das mit ihrer geplanten Flucht nach Amerika_ in Verbindung stand“ ... (St. Petersburger Nachrichten vom 13. November.)

Vor zwanzig Jahren wäre mir die Nachricht, ein paar Gymnasiasten, Quintaner, hätten nach Amerika zu fliehen beschlossen, als unsinniges Geschwätz erschienen. Doch schon in dem einen Umstande, daß eine solche Nachricht mir _jetzt_ nicht mehr als Unsinn erscheint, sondern als eine Sache, die ich, im Gegenteil, _verstehe_, – ja, schon in diesem einen Umstande sehe ich bereits ihre Rechtfertigung!

_Ihre Rechtfertigung!_ Mein Gott, kann man denn das so sagen!

Ich weiß, das sind nicht die ersten Gymnasiasten, auch andere sind schon vor ihnen geflohen, und zwar, weil wiederum ihre älteren Brüder oder ihre Väter geflohen waren. Erinnern Sie sich der Erzählung Kelssijeffs von dem armen kleinen Offizier, der _zu Fuß_ über Torneo und Stockholm zu Herzen nach London floh, wo dieser ihn in seiner Druckerei als Setzer anstellte?[109] Und erinnern Sie sich der Erzählung Herzens von dem jungen _Kadetten_, der, wenn ich mich nicht irre, nach den Philippinen auswanderte, um dort die Kommune einzuführen, und Herzen 20000 Franken für die zukünftigen Emigranten übergab?[110] Und solche Fälle gab es schon in einer Zeit, die heute für uns doch bereits längst historisch ist! Und wer ist seitdem nicht schon ausgewandert, um in Amerika „freie Arbeit“ in einem „freien Staate“ zu erproben: Greise, Väter, Brüder, Jungfrauen, Gardeoffiziere ... höchstens Seminaristen hat es unter ihnen vielleicht noch nicht gegeben. Sind nun diese kleinen Kinder anzuklagen, diese drei Gymnasiasten aus der Quinta, wenn die _großen Ideen_ von der „freien Arbeit im freien Staate“ und von der Kommune und vom allgemein-europäischen Menschen auch ihre schwachen Köpfchen überwältigt haben? Sind sie anzuklagen, weil dieses ganze Gewäsch ihnen als Religion und der Absenteismus und der Verrat am Vaterlande als lobsame Tat erschienen? Wenn man sie aber anklagt, dann stelle man doch fest, inwieweit das ihre Schuld war? – das ist doch noch die Frage.

Der Verfasser des kleinen Artikels in der „Russischen Welt“ führt zur Bekräftigung seiner Auffassung, daß an „ähnlichen Verrücktheiten“ _nur_ müßige, unreife Faulenzer beteiligt seien, die schon bekannten und so erfreulichen Worte des Ministers der Volksaufklärung an, die der Minister in Kiew nach der Besichtigung der Unterrichtsanstalten in sieben Kreisen geäußert hat: daß „_in den letzten Jahren die Jugend sich unvergleichlich ernster zur Wissenschaft verhalte, viel mehr und unvergleichlich gründlicher arbeite, als früher_“.

Ja, das sind natürlich erfreuliche Worte, Worte, die vielleicht unsere _einzige_ Hoffnung enthalten. In der Unterrichtsreform der gegenwärtigen Regierung liegt fast unsere _ganze_ Zukunft und wir wissen das. Aber derselbe Minister hat in derselben Rede, wie ich mich erinnere, auch erklärt, daß man auf die definitiven Früchte der Reform noch lange wird warten müssen. Wir haben immer daran geglaubt, daß unsere Jugend mehr als nur befähigt ist, sich ernster zur Wissenschaft zu verhalten. Doch vorläufig ist rings um uns noch ein solcher Nebel von falschen Ideen, umgeben so viele Vorspiegelungen und Vorurteile sowohl uns wie auch unsere Jugend, und nimmt unser ganzes gesellschaftliches Leben, das Leben der Väter und Mütter dieser Jugend, immer mehr eine so sonderbare Gestalt an, daß man manchmal unwillkürlich nach allen nur möglichen Mitteln sucht, um aus den Zweifeln herauszukommen. Eines von solchen Mitteln ist: selbst etwas weniger herzlos zu sein, sich wenigstens manchmal nicht dessen zu schämen, daß irgend jemand einen deshalb einen Bürger nennt, und ... wenigstens manchmal die Wahrheit zu sagen, – selbst wenn diese nach Ihrer Meinung, meine Herren, nicht genügend liberal ist.

„Tagebuch eines Schriftstellers“

aus dem Jahre 1876.

George Sands Tod[111].

Das vorige Heft des Tagebuches – die Mai-Nummer – war schon gesetzt und wurde bereits gedruckt, als ich in den Zeitungen die Nachricht vom Tode George Sands las (am 27. Mai oder 8. Juni neuen Stils). So war es mir nicht mehr möglich, ein Wort über diesen Tod zu sagen. Aber es war mir, als ich die Nachricht las, im Augenblick ganz klar geworden, was dieser Name in meinem Leben bedeutet hatte, wieviel gerade dieser Dichter seinerzeit Entzücken und Verehrung in mir erweckt und auf seinen Namen vereint hat, und wieviel Freuden, ja Glück er mir einst gegeben! Ich schreibe dreist jedes dieser Worte hin, denn alles das war buchstäblich so. Das war eine unserer (d. h. _unserer_) Zeitgenossinnen im vollen Sinn des Wortes – diese Idealistin der dreißiger und vierziger Jahre. Es ist das einer jener Namen unseres mächtigen, selbstgewissen und gleichzeitig kranken Jahrhunderts, das voll ist von noch ungeklärtesten Idealen und unstatthaftesten Wünschen – einer jener Namen, die, nachdem sie dort bei sich im „Lande der heiligen Wunder“ auftauchten, von uns, aus unserem ewig sich erschaffenden Rußland gar zu viel Denken, Liebe, heilige und edle Aufschwungskraft, lebendiges Leben und teure Überzeugungen zu sich hinüberzogen. Doch nicht steht es mir an, darüber zu klagen: indem hier solche Namen erhöht und verehrt wurden, erfüllten und erfüllen die Russen nur ihre unmittelbare Bestimmung. Möge man sich nicht über diese meine Worte wundern, im besonderen über ihre Verbindung mit George Sand, über deren Wert als Schriftstellerin man ja immer noch geteilter Ansicht sein kann und die man bei uns heute zur Hälfte, wenn nicht gar zu neun Zehnteln schon vergessen hat. Aber ihre Tat hat sie bei uns zu ihrer Zeit immerhin vollbracht und darum: wer sollte sich nun an ihrem Grabe versammeln und ihrer gedenken, wenn nicht wir, ihre Zeitgenossen aus der ganzen Welt? Wir Russen haben doch zwei Vaterländer: unser Rußland und Europa, und das selbst in dem Fall, wenn wir uns Slawophile nennen (mögen diese sich deshalb nicht über mich ärgern). Dagegen zu streiten ist nicht nötig. Die größte von den großartigen zukünftigen Bestimmungen, die von den Russen vorausschauend bereits erkannt sind, ist die allgemein-menschliche Bestimmung, ist das der _Menschheit_ Dienen, – nicht Rußland allein, nicht dem Panslawismus allein, sondern der Allmenschheit. Denken Sie nach und Sie werden zugeben, daß die Slawophilen dasselbe bekannt haben, und eben deshalb aber rief man uns auf, strenge, feste und verantwortungsbewußte Russen zu sein: indem man dies so versteht, daß Allmenschlichkeit die wichtigste persönliche Note und Bestimmung des Russen ist. Übrigens bedarf alles das noch vielfacher Erläuterung: so schon dies allein, daß jenes Dienen der allgemein-menschlichen Idee und das leichtsinnige Herumtreiben in Europa, nachdem man freiwillig und launisch dem Vaterlande den Rücken gekehrt hat, zwei ganz verschiedene und entgegengesetzte Dinge sind, die aber bisher immer noch miteinander verwechselt werden, als handle es sich dabei im wesentlichen um dasselbe. Im Gegenteil, vieles, sehr vieles von dem, was von uns aus Europa genommen und zu uns verpflanzt worden ist, haben wir nicht einfach kopiert wie Sklaven nach Herren, und wie das von gewissen Leuten unbedingt gefordert wird, sondern wir haben es unserem Organismus, unserem Fleisch und Blut eingeimpft; manches aber haben wir ganz _selbständig_ erlebt und sogar durchlitten, ganz wie jene dort, im Westen, für die alles das ihr blutlich Eigenes war. Die Europäer werden uns das zwar um keinen Preis glauben wollen; sie kennen uns nicht, und vorläufig ist es auch besser so. Um so unmerklicher und ruhiger wird sich der notwendige Prozeß vollziehen, der in der Folge die ganze Welt in Erstaunen setzen wird. Gerade diesen Prozeß aber kann man am klarsten und greifbarsten auch an unserem Verhältnis zu den Literaturen der anderen Völker verfolgen. Ihre Dichter stehen uns, wenigstens der Mehrzahl unserer entwickelten Menschen, genau so nah, wie ihnen dort in ihrer Heimat, im Westen. Ich behaupte und wiederhole, daß jeder europäische Dichter, Denker, Philantrop außerhalb seines Landes am meisten und allernächsten auf der ganzen übrigen Welt immer in Rußland verstanden und aufgenommen wird. Shakespeare, Byron, Walter Scott, Dickens sind den Russen verwandter und verständlicher, als zum Beispiel den Deutschen, obschon natürlich von den Übersetzungen dieser Schriftsteller bei uns nicht einmal ein Zehntel der Exemplare verkauft werden, wie in dem bücherreichen Deutschland. Der französische Konvent, der im Jahre 1793 ein Patent auf das Bürgerrecht _au poète allemand Schiller, l’ami de l’humanité_{[61]} schickte, vollbrachte damit zwar eine sehr schöne, großartige und prophetische Tat, nur ahnte er nicht einmal, daß am anderen Ende Europas, im barbarischen Rußland, derselbe Schiller viel nationaler war, den russischen Barbaren viel näher stand, als viel verwandter, eigener empfunden wurde, als dies in Frankreich von seiten der Franzosen geschah, und das war nicht nur damals so, sondern auch später, in unserem ganzen Jahrhundert, in dem diesen Schiller, den französischen Bürger und _ami de l’humanité_,{[62]} in Frankreich nur die Professoren der Literatur kannten, und selbst von diesen nicht alle und auch die nur kaum-kaum. Bei uns aber hat er sich, zugleich mit Shukowski[112], in die russische Seele hineingesogen, einen Stempel in ihr hinterlassen, hat in der Geschichte unserer Entwicklung fast eine ganze Epoche bedeutet. Dieses russische Verhältnis zur Weltliteratur ist eine Erscheinung, die sich in der ganzen Weltgeschichte bei den anderen Völkern in einem solchen Grade fast nicht wiederholt hat, und wenn diese Eigenschaft nun wirklich unsere nationale russische Besonderheit ist, – welcher empfindliche Patriotismus, welcher Chauvinismus hätte dann noch das Recht, gleichviel was gegen diese Erscheinung zu sagen, und würde nicht, im Gegenteil, gerade darin vor allen Dingen die meist versprechende und prophetischste Tatsache in den Mutmaßungen über unsere Zukunft sehen. Oh, natürlich, viele werden vielleicht lächeln, wenn sie in dem oben Geschriebenen lesen, was für eine Bedeutung ich George Sand beilege; aber die Lachenden werden unrecht haben. Es ist über all diesen vergangenen Dingen jetzt schon mehr als genug Zeit vergangen und auch George Sand selbst ist nun als siebzigjährige Greisin gestorben, nachdem sie vielleicht schon längst ihren Ruhm überlebt. Doch alles das, was in der Erscheinung dieses Dichters das „neue Wort“ ausmachte, alles, was in ihm „Allmenschliches“ war, alles das fand seinerzeit bei uns, in unserem Rußland, einen mächtigen Widerhall, hinterließ einen starken und tiefen Eindruck, verfehlte uns nicht und bewies damit, daß jeder Dichter, jeder Novator Europas, jeder, der dort mit einem neuen Gedanken und einer neuen Kraft vorübergegangen ist, sofort auch zu einem russischen Dichter wird, dem russischen Denken nicht zu entgehen vermag, ja, nicht umhin kann, fast zu einer russischen Kraft zu werden. Doch übrigens will ich keineswegs eine literarische Kritik über George Sand schreiben, sondern ich wollte bloß der Toten, die uns verlassen hat, ein paar Geleitworte an ihrem frischen Grabe sagen.

Ein paar Worte über George Sand.

Das Auftreten George Sands in der Literatur fällt zeitlich mit den Jahren meiner ersten Jugend zusammen, und es freut mich sehr, gerade jetzt, daß dies schon so lange her ist, denn nun darf man doch wohl, nach guten dreißig Jahren, nahezu ganz offen darüber sprechen. Es sei hier vorausgeschickt, daß damals nur so etwas erlaubt war, – d. h. nur Romane, alles übrige, fast jeder Gedanke, besonders wenn er aus Frankreich kam, war strengstens verboten. Oh, versteht sich, sehr oft verstand man nicht zu sehen, aber von wem hätten sie denn das auch lernen sollen: verstand doch selbst Metternich nicht zu sehen, wie sollten es da unsere Nachahmer verstehen. Und deshalb schlüpften denn auch „schreckliche Sachen“ durch (zum Beispiel der ganze Bjelinski). Dafür wurde dann, gleichsam um das wettzumachen, besonders zum Ende hin und um Versehen auszuschließen, so gut wie alles verboten, so daß es zu guter Letzt, wie man weiß, bei den Transparenten endete. Aber Romane waren erlaubt, sowohl zu Anfang, wie in der Mitte und sogar ganz zuletzt[113], und gerade auf diesem Gebiet, und zwar speziell hinsichtlich George Sand’s, schossen die Beschützer damals einen großen Bock. Erinnern Sie sich des Gedichts:

„Die Werke von Thiers und Rabeau kennt auswendig unser Mann, Und wie der feurige Mirabeau preist er die Freiheit an.“