Samoafahrten

Part 9

Chapter 93,387 wordsPublic domain

Die zufriedenen Menschen sind übrigens in ihren Rassencharakteren echte Papuas, erschienen aber, wie die Bilibiliten, kräftiger und ein feinerer Menschenschlag als die Bewohner von Port Konstantin, hauptsächlich wohl infolge der besseren Ernährungsverhältnisse. Die Höhe der von mir gemessenen Männer bewegte sich zwischen 1,47 und 1,62 Meter. Wir kamen übrigens trefflich mit den Leuten aus, und wie wir sie an Bord der Samoa gut behandelten, so erwiderten sie dies in ihren Dörfern. Freilich zeigten sich die Frauen (Pein) nur verstohlen, aber nach und nach kamen sie mit ihren Männern längsseit, um sich das fremde Ungeheuer und dessen Bewohner anzusehen. Wie ich dies schon in Astrolabe-Bai bemerkt hatte, scheint auch hier, dem sonstigen Brauch vieler Melanesier entgegen, keine Vielweiberei zu herrschen, denn immer stellte uns der Mann nur eine bessere Hälfte vor. Die Leute führen also einen sehr moralischen Lebenswandel, wie ich dies bei allen von der Civilisation noch unberührten Eingeborenen gefunden habe. Dabei herrscht eine Decenz, die vielen Kulturmenschen zum Muster dienen könnte. Als sich einst einer unserer Leute beim Baden unbekleidet zeigte, verbargen alle Frauen und Mädchen scheu ihre Gesichter, und ich will diesen einen Fall nur deshalb anführen, weil man gewöhnlich geneigt ist, von sogenannten Wilden gerade ein entgegengesetztes Betragen vorauszusetzen.

Die Eitelkeit des weiblichen Geschlechts verleugnete sich auch bei diesen Naturkindern nicht, die in ihrem schönsten Staat erschienen, wovon die nachfolgende Abbildung eines jungen Mädchens eine Probe giebt. Die Frauen trugen ihre besten Grasröcke, »Nai«, junge Mädchen vorn und hinten ein buntes Schürzchen (ähnlich T. XVI 9) zuweilen mehrere volantartig übereinander, welche die hübschen braunen Gestalten in der That gut kleideten. Und so ein bißchen Kokettieren verstehen selbst Papuamädchen, das ist ein Erbteil des ganzen weiblichen Geschlechts! Das Haar hing in sorgfältig gedrehten dünnen Strähnen, gleich Polkalöckchen, vorn bis zu den Augen, hinten bis in den Nacken herab und glänzte im schönsten Rot. Schon daran konnte man die Wohlhabenheit erkennen, an dem sonstigen Ausputz aber Reichtum. Den Hals zierten lange Schnüre aufgereihter Samenkerne von Coix lacryma, die an matte Schmelzperlen erinnern, die Brust mehrere große flache Ringe aus dem Basisteil eines Conus, ebensolche waren an den breiten Arm- und Kniebändern aus rotem oder gelbem Grasgeflecht befestigt. Ich habe selten in Neu-Guinea so reich geschmückte Mädchen gesehen als hier, aber es war nur eine Ausnahme, die der besonderen feierlichen Gelegenheit galt. Die Männer hatten mit Beendigung der Feste bereits wieder ihr Alltagsgewand angelegt, d. h. einen gewöhnlichen Lendenschurz, Mal, umgebunden; Armband und Halsstrickchen vollendeten das einfache Kostüm. Ein etwa fingerdicker Halsstrick bezeichnete übrigens einen Häuptling oder angesehenen Mann überhaupt und war unverkäuflich. An Waffen hatten sie Überfluß und verkauften davon am liebsten. Ihre Waffen sind übrigens dieselben als in ganz Astrolabe-Bai (Wurfspeer, Bogen »Fi«, Pfeil »Tu«), aber besser gearbeitet als z. B. in Bongu. Ungern gaben sie dagegen die schön mit erhabener Schnitzerei verzierten runden Schilde her, die ganz so sind, wie die auf Bilibili, die aber hier »Gubir« oder »Gubil« (Taf. XII, 1) heißen, da r und l meist gleichlauten wie in allen Papuasprachen. Die Kunstfertigkeit in Holzarbeiten zeigten besonders die sanduhrförmigen Handtrommeln (Dubuag oder Dugag), deren Henkel zuweilen sehr geschmackvoll durchbrochen gearbeitet waren (vergl. T. XIII 2 u. 3), und kahnförmige oder ovale Schüsseln, Tabir, die mit zu den Wertgegenständen gehören, z. B. den Brautpreis hauptsächlich mit ausmachen. Diese Tabir sind sehr sauber gefertigt, am Rande mit erhabener Schnitzerei verziert und mit einer glänzenden metallischen Masse geschwärzt, die Mangan oder Graphit zu sein scheint. Alle diese Gegenstände waren Repräsentanten der Steinperiode, welche bei unserem Besuche in Friedrich-Wilhelms-Hafen noch voll und ganz herrschte. Von dem durch die Russen zurückgelassenen Eisen sahen wir nichts mehr. Die hiesigen Steinäxte, »Ihr«, sind übrigens ganz so wie die in Bongu.

An Lebensmitteln war kaum etwas zu erlangen, und ohne eigene Vorräte kann der Fremde in diesen reichen Tropengebieten beinahe verhungern. Diese überall in Neu-Guinea herrschende Knappheit an Nahrungsmitteln des Landes ist auch für Inlandexpeditionen, namentlich im Hinblick auf das eingeborene Trägerpersonal, sehr hinderlich und erschwert solche ungemein. Jams heißt in Friedrich-Wilhelms-Hafen »Dabel«, Banane »Fud«, Betel »Jeb«, Schwein »Bor« oder »Bol«, Kokosnuß »Niu«, letzteres ein polynesisches Wort, aber weit über Neu-Guinea verbreitet. Ich führe diese wenigen Wörter nur an, um die große Verschiedenheit der Sprache von Grager und Bongu zu zeigen, Lokalitäten, die kaum 20 Meilen entfernt voneinander liegen und zwischen denen noch fünf oder sechs verschiedene Dialekte gesprochen werden; zugleich ein Beispiel des heillosen Sprachgewirrs in Neu-Guinea und Melanesien überhaupt.

Um für die etwa nachfolgenden Kriegsschiffe Zeichen unseres Besuches zu hinterlassen, beschlossen wir eine Flagge aufzuhissen und klärten zu diesem Zweck eine Stelle auf der die Südseite von Friedrich-Wilhelms-Hafen bildenden Halbinsel, die später auch von den deutschen Kriegsschiffen benutzt und »Flaggenhalbinsel« benannt wurde. Die Eingeborenen sahen diesen Arbeiten mit Vergnügen zu, denn nichts imponierte ihnen mehr als die Wirkung der eisernen Haugeräte. Ja, das ging freilich schneller als mit ihren Steinäxten, und es gab allemal ein lautes Freudengeschrei, wenn unter den Schlägen der schweren amerikanischen Äxte ein großer Baum sich neigte und krachend zusammenbrach, mit seinem Falle andere Bäume niederschmetternd. Wir hatten zu thun, um die Kanus in gehöriger Entfernung zu halten. Denn daß Bäume so schnell gefällt werden konnten, schien den Eingeborenen unglaublich, und sie stoben erst in wilder Flucht auseinander, wenn das erste Geknister das baldige Fallen signalisierte. Als eine besondere Auszeichnung wurde es betrachtet, wenn ich dem einen oder anderen ein Beil anvertraute, denn alle wollten sich gern mit an dem Vernichtungswerk beteiligen. Aber die Kräfte der Eingeborenen reichten nur hin, um dünneres Unterholz, Äste und dergleichen abzuhauen, denn abgesehen, daß sie ein Beil überhaupt nur schlecht zu hantieren verstanden, so fehlte es ihnen namentlich an physischer Stärke, denn alle diese Naturmenschen haben ihre Muskeln wenig ausgebildet und sind infolgedessen nur schwach. Mit betrübtem Gesicht legten die meisten nach wenigen Schlägen die Äxte nieder und deuteten an, daß diese ihnen zu schwer seien. Ja, die Eingeborenen selbst werden bei der einstigen Urbarmachung und Klärung dieses Landes wohl wenig nützen, und man wird, wie überall, auf ihre Hilfe nicht sehr zu rechnen haben. Romillys drastische Neubenennung des »Archipel der zufriedenen Menschen« in »Archipelago of useless idle men« trifft mit wenig Worten das Richtige, und er kennt Kanaker besser als irgend jemand. Große Freude erregte das Aufhissen der Flagge selbst, deren Farben (schwarz »sed«, weiß »ruo«, rot »fiar«) den Eingeborenen besonders zu gefallen schienen, weil es dieselben sind, welche sie kennen. Bald sollten sie ganz unter den Schutz dieser mächtigen Trikolore gestellt werden, denn gerade einen Monat später (am 20. November 1884) entfaltete sich an derselben Stelle die Flagge der deutschen Kriegsmarine.

Wir hatten zum großen Leidwesen das von den Eingeborenen so sehr gewünschte und erwartete Panu (Dorf) nicht gebaut, und mußten sie auf »Wiederkommen« vertrösten, wofür schon die Flagge bürgte, die ich den ersten Häuptlingen Malbag, Szebog, Telom von Grager, Kuram von Bilia, Karun und Amang von Tiar übergab, welche, wie wir später sehen werden, in vollem Verständnis trefflich für die Erhaltung sorgten. So verließen wir denn Friedrich-Wilhelms-Hafen, eine Kanuflottille mit fröhlichen Eingeborenen im Schlepptau, die alle »o! Maclay! ujan-ujan« (sehr gut) riefen und uns erst in der Dallmann-Einfahrt verließen.

Viertes Kapitel.

Längs der Maclayküste.

Küste bis Kap Croissilles. -- Es giebt kein Kap Duperrey. -- Karkar, oder Dampier-Insel. -- Wir umschiffen dieselbe. -- Neues »Giebacht-Inselchen«. -- Eingeborene. -- Zusammentreffen mit denselben. -- Treffliche Lokalitäten für Deportation. -- Bismarck-Gebirge. -- Längs der Maclayküste. -- Geringe Kenntnis derselben. -- Gabinafluß. -- Vulkanische Anzeichen. -- Küstengebirge. -- Schönes Land. -- Spärlich bevölkert. -- Kleine und verlassene Dörfer. -- Sareuak-Buchtung. -- Erste Begegnung mit Eingeborenen. -- Finisterre-Gebirge. -- Heimatliche Landschaft. -- Pfahldörfer. -- Teliata-Huk. -- Das merkwürdige Terrassenland. -- Exkursion dahin. -- Dallmannfluß. -- Die Terrassen sind gehobener Korallfels -- haben ausgezeichneten Boden -- trefflich für Weiden. -- Temperatur. -- Geringes Tierleben. -- Basilisk-Gorge -- Rook und Lottin. -- Cape King William nicht aufzufinden. -- Auffallende Schluchten. -- »Meerfall«. -- »Kanzel«. -- »Bienenkorb«. -- Festungs-Huk. -- Siedelungen schwer bemerkbar. -- Geringe Bevölkerung. -- Zusammentreffen mit derselben -- deren Verwandtschaft mit Huon-Golf. -- Keine Menschenfresser. -- Andenken Verstorbener. -- Rückblick auf die Maclayküste. -- Vorzüge derselben. -- Keine Häfen. -- Hinüber nach Neu-Britannien. -- Unrichtigkeit der Karten. -- Längs der unbekannten Südküste -- verspricht wenig. -- »Hansabucht«. -- Eingeborene. -- Rückkehr nach Mioko.

Karkar, Dampiers »Isle Brûlante«, die später den Namen dieses großen Seefahrers erhielt, war unser nächstes Ziel und schien angesichts der so kärglichen Nachrichten über dieselbe wohl einer Rekognoszierung wert. Wir dampften nordwärts bis Kap Croissilles hinauf, längs einer Küste, die einen ganz anderen Charakter als die bisher gesehene von Astrolabe-Bai zeigte. Sie erscheint wie ein ausgedehntes, dichtbewaldetes Vorland, an welches sich weiter inland niedrigere Bergketten anschließen. Kokospalmen fehlen diesem Gebiete leider fast ganz und damit auch der Mensch, dessen Existenz mit dem Vorkommen und der Häufigkeit der ersteren in so innigem Zusammenhange steht. Nur gegen das Kap zu bemerkten wir unter dem Schatten einiger Kokospalmen ein Dorf; die Bevölkerung dieses ca. 15 Meilen langen Küstenstriches ist daher jedenfalls nur sehr spärlich. Die Ungenauigkeit der vorhandenen Karten wurde uns schon auf dieser kurzen Strecke klar. Vergebens suchten wir Kap Duperrey[28] und auch Kap Croissilles markiert sich in der gleichförmigen Küstenlandschaft nur wenig.

Dampier-Insel erscheint vom Süden aus gesehen wie ein mächtiger, dicht bewaldeter, stumpfer Kegel, dessen Höhe auf 5000 Fuß angegeben wird und der schon in weiter Ferne die vulkanische Bildung deutlich erkennen läßt. Als Dampier Anfang 1700 die Insel entdeckte, fand er den Vulkan in voller Thätigkeit und gab der Insel deshalb den Namen die »brennende«. Jetzt ist der Krater längst erloschen; nur die den Spitzenteil verhüllenden Wolken, welche meist hier lagern, erinnern zuweilen an mächtigen Rauch.

Wie es scheint ist die Insel seit Dampier nicht mehr betreten worden, und auch wir mußten uns auf eine Umschiffung derselben beschränken, denn nirgends fanden wir einen Hafen- oder Ankerplatz, noch sonst eine Stelle, welche aus praktischen Gründen zu einer Landung verleiten konnte. Überall zeigte sich dichter Urwald, von der Wasserkante des Ufers bis zur höchsten Spitze, in einer Üppigkeit wie man selten Urwald zu sehen bekommt, nirgends geklärte Stellen mit Plantagen, selten flacheres Vorland und dann nur in geringerer Ausdehnung. An der Nordwestseite der Insel sahen wir hie und da felsiges Steilufer, Basalt, aus dem die Insel zu bestehen scheint. Nur wenige Male hatten wir Korallriffen auszuweichen, aber an der Nordspitze entdeckten wir kaum eine halbe Seemeile von der Küste ein kleines Inselchen, das keine Karte verzeichnet, und von welchem sich ca. 3 Seemeilen ein Riff mit Brandung und einem einzelnen kahlen schwarzen Fels nach Ost hinzieht. Ich benannte das Inselchen, immerhin groß genug um das größte Schiff zum Scheitern zu bringen, »Giebacht-Insel«. Vom Norden aus gesehen, bietet Dampier übrigens ein ganz anderes Bild als vom Süden und erscheint als ein langgestreckter Gebirgsrücken mit zwei hohen stumpfen Kegeln, beides erloschene Vulkane.

Wir waren an der Leeseite, also von West nach Ost um die Insel gegangen und beobachteten nur an dieser unbedeutende Siedelungen der Eingeborenen; die Ostseite schien unbewohnt. Die größte der westlichen Siedelungen zählte etwa 10 Häuser, die übrigen zehn je 2-4 Häuser, verdienten also kaum den Namen von Dörfern. Aus der geringen Anzahl von Kokospalmen konnte man schon mit ziemlicher Sicherheit auf die geringe Bevölkerung schließen, wie sich das meist überall wiederholt. Einzelne Siedelungen besaßen kaum mehr als etliche, die größte nur 30 Kokospalmen, das war alles!

Die wenigen Eingeborenen, welche uns am Ufer mit Staunen betrachteten, gaben sich durch Schreien alle erdenkliche Mühe uns an Land einzuladen, aber nur bei dem einen Dorfe kamen etliche Kanus ab, so daß wir die Maschine stoppten, um die Leutchen kennen zu lernen. »Oh! Maclay« war ihr erstes Wort und »Kai« (Eisen) ihr zweites, dies aber auch alles was ich verstand, denn auf Karkar wird eine ganz andere Sprache gesprochen. Sie klang viel rauher als in Astrolabe; dabei schrieen und spektakelten die Leute sehr viel, so daß man oft kaum das eigene Wort verstehen konnte.

Armselig wie ihre, roh aus einem Baumstamm gezimmerten, Kanus waren die Insassen selbst. Sie brachten nichts als ein paar alte vertrocknete Kokosnüsse, einige Betelnüsse und Tabakblätter, hatten aber keinerlei Waffen und von sonstigen Arbeiten nicht viel mehr. Dabei wollten sie für jeden schlechten Bambukamm oder Kalkkalebasse nur Hobeleisen haben. Einer hatte es auf meinen Feldstecher abgesehen und verlangte, daß ich ihm denselben ins Kanu reichen sollte, denn an Bord wagte sich keiner. Nun habe ich Eingeborenen stets gern Spaß gemacht, und mir war auch wegen des Zurückgebens nicht bange, aber ich wußte auch, daß diese Freundlichkeit nur unnützen Zeitverlust bereiten würde. Hat nämlich der eine durchgesehen und wirklich etwas gesehen, denn gewöhnlich wird das Glas soweit ab oder so dicht gehalten, daß überhaupt nichts gesehen werden kann, dann will jeder in das geheimnisvolle Ding gucken und die Sache nimmt kein Ende. Zudem lassen die meist nicht sehr reinlichen Finger Spuren zurück, an deren Vertilgung man lange putzen kann.

Äußerlich unterschieden sich übrigens diese Insulaner durch nichts von den Bewohnern des Festlandes; es gab dunkle und hellgefärbte, und auch hier schienen die Gatessi, d. h. lang in den Nacken herabhängende Zottelstränge, eine besondere Zier. Außer dieser besaßen sie aber nicht viel: ein schlechter Lendengurt (Mal), dito Armband, ein dünner Nasenpflock aus einem Rohrstäbchen, etliche Schildpattohrringe, nebst Bambukamm und der Ausputz ist fertig. Einzelne hatten die Haarkämme mit Büscheln Kasuarfedern verziert, ein Beweis, daß die Insulaner mit den Küstenbewohnern in Verkehr stehen, wofür auch drei große Kanus, in der Bauart ganz mit solchen von Bilibili übereinstimmend, sprachen, die ich am Ufer bemerkte.

Wir hatten ca. 6 Stunden Zeit gebraucht, um von der Südspitze bis zur Mitte der Ostseite zu dampfen, und schon daraus wird man ersehen, daß Dampier-Insel nicht ganz so klein ist. In der That beträgt ihr Längsdurchmesser ca. 20 Meilen (= 5 deutsche M.) ihr Flächeninhalt 272 qkm., ist also immerhin noch etwas bedeutender als der der Freien- und Hansestadt Bremen. Letztere zählt aber über 150000 Bewohner, Dampier nach meiner allerdings nur oberflächlichen Schätzung, denn Volkszählungen sind in allen diesen Gebieten noch nie gemacht worden, wenn's hoch kommt -- 500! Da können allerdings noch viel Menschen Platz und ausreichend Nahrung finden, denn ohne Zweifel ist die Insel äußerst fruchtbar, und in gewisser Höhe auch gesund. Aber schwerlich werden sich freiwillige Zuzügler finden, um die Urwälder zu lichten; eben kein kleines Stück Arbeit! -- Und doch könnte es gehen, -- so meditierte ich angesichts der Insel, -- wenn man jene Freiwilligen aufforderte, welche die unfreiwillige Arbeit in Kerkermauern gern mit solcher in Gottes freier Natur vertauschen würden. »Eine Verbrecherkolonie«? höre ich viele im stillen ausrufen! -- Nun ja denn! eine Verbrecherkolonie oder besser Deportation solcher Freiwilligen unserer überfüllten Zuchthäuser, die für den Rest ihres Lebens dem Kulturstaate nur eine Last sind, in solchen neuen Gebieten aber noch ganz nützlich werden könnten, sowohl dem großen Ganzen, als sich selbst. Wer die Geschichte der Gründung Australiens kennt, wird wissen, welchen gewichtigen Faktor das Deportationssystem in den ersten Jahrzehnten der Kolonien durch die Beschickung mit billigen Arbeitskräften einnahm. In der That so wichtig, daß die jüngste Kolonie, West-Australien, noch in den vierziger Jahren beim Parlament[29] um Deportierte petitionierte, weil es eben an Arbeitern mangelte. Und diese werden für jedes neue Kolonisationsgebiet stets die Lebensfrage bleiben, am dringendsten jedoch für ein Land mit so geringer und für Arbeit in unserem Sinne nicht geeigneter Bevölkerung als Neu Guinea. Da würde ein Depot brauchbarer Arbeiter recht am Platze sein, und Dampier-Insel oder Rook, oder eine andere jener isolierten fruchtbaren Inseln unserer neuen Schutzgebiete, geeignete Localitäten zur Gründung eines solchen abgeben.

Doch kehren wir nach dieser Abschweifung auf die Samoa zurück, die in früher Morgenstunde wieder nach der Küste zu dampft, in Sicht von Bilibili und Astrolabe-Bai, deren herrliche Landschaftsbilder gerade jetzt so schön hervortraten, wie noch nie. Die Kammlinien der Gebirge erschienen in derjenigen Klarheit, auf welche man in diesen Breiten meist nur gegen Sonnenaufgang, so gegen 6 Uhr, rechnen darf. Heut sahen wir alles in seltener Deutlichkeit vor uns liegen, ja dieselbe brachte eine unerwartete Überraschung. Weit hinter den uns schon bekannten Gebirgen ragte nämlich im Süden eine gewaltige Gebirgskette hervor, die wir früher nicht gesehen hatten und die wahrscheinlich überhaupt nur wenige[30] erblickt haben. Wir befanden uns damals noch ca. 25 Meilen von der Küste, aber dieses Gebirge mußte noch weit im Inneren, nach Schätzung an 70 bis 80 Meilen von uns abliegen, und dementsprechend taxierten wir die Höhe auf 14000-16000 Fuß! Wie unsere späteren Reisen zeigten ist diese Gebirgskette, die wir nur noch einmal zu sehen bekamen, die höchste an der ganzen Nordostküste von Neu-Guinea, und ich erlaubte mir deshalb sie zu Ehren unseres großen Reichskanzlers »Bismarck-Gebirge« zu benennen. Die Frage: »wie mag es dort aussehen«? drängte sich unwillkürlich in die Gedankenflut des stummen Bewunderers; ja, wer das beantworten könnte! Denn wie viele Zeit wird noch darüber hingehen, ehe der weiße Mann nur bis zum Fuße jener gewaltigen Gebirgskette vordringt, geschweige auf deren Scheitel gelangt.

Wir passierten Port Konstantin, nahe genug um unsere Flagge lustig winken zu sehen, und steuerten in östlichen Cours längs der Maclayküste (vergl. Karte S. 30). Sie erstreckt sich von Astrolabe-Bai bis Teliata-Huk, ca. 100 Meilen weit und wurde zuerst 1871 von dem russischen Reisenden von Miklucho-Maclay mit dem russischen Kriegsschiffe »Vitiaz« befahren, fünf Jahre später bei seinem zweiten siebzehnmonatlichen Aufenthalte näher durchforscht, trägt also seinen Namen mit Recht. Leider hat aber der Reisende selbst kaum mehr als eine flüchtige Notiz über seine Forschungen publiziert und Kapt. Moresby[31], der 1874 längs dieser Küste westwärts dampfte, sagt nicht mehr über dieselbe. Die folgenden Nachrichten dürften daher als die ersten ausführlicheren willkommen sein.

Gleich ostwärts von dem Dorfe Gumbu und Novosilsky-Point nimmt die Gegend einen total verschiedenen Charakter an. Der Urwald verschwindet vom Ufer und eine spärlich mit Krüppelholz bestandene Ebene tritt an die Stelle, welche treffliches Land für Kultur wie Viehzucht zu bieten und sehr der Beachtung wert scheint. In dieser Niederung sahen wir die Mündung zweier Flüsse, die jetzt in der trockenen Jahreszeit indes nur schmale Rinnsale bis ins Meer führten, in der Regenzeit aber sehr ansehnlich sind. So fanden wir bei einem spätern Besuch im Mai den westlichsten und größten Gabinafluß, gleich ost von Novosilsky-Huk, weithin das Meer trübend. Mit Maragum-Huk beginnen wieder Hügel und Berge, die gegen das, übrigens nur schwer erkennbare, Kap Rigny (Tevalib) und weiterhin bedeutend höher werden und zugleich einen sehr eigentümlichen Charakter bieten. Die Berge zeigen Schluchten, zuweilen jähe Spalten, mit senkrecht abfallenden Wänden, wie Erdrutsche; eine wilde, malerische Landschaft. Dabei fehlt an manchen Bergabhängen fast alle Vegetation und das Ganze macht den Eindruck, als wenn hier gewaltsame Veränderungen durch Erdbeben[32] stattgefunden hätten.

Wir waren am Abend bis etwa 6 Meilen ost von Cap Rigny gekommen und begannen unsere Fahrt mit Anbruch des folgenden Tages an derselben Stelle, eine Methode, die stets an unbekannten oder wenigbekannten Küsten von uns befolgt wurde, damit kein Teil derselben uns entgehen konnte. Die Landschaft blieb im ganzen dieselbe, aber das Gebirge wurde höher und zeigte bis auf die Kammhöhe dichte Baumvegetation. Diese Hauptkette ist sehr steil, von fast senkrechten Schlürfen und Rinnen durchsetzt und mag eine Höhe von 6000-7000 Fuß erreichen. Aber man sieht die Kammlinie auch an sonnenhellen Tagen selten frei, denn gewöhnlich sammeln sich schon gegen 8 Uhr die kleinen weißen Nebelflecke zu großen Wolken, die in weniger als einer Stunde den Scheitel des ganzen Gebirges ziemlich weit herab vollständig einhüllen. Häufig bleibt nur die Basis des Hauptstockes frei, aber an denselben lehnt sich ein dichtbewaldetes Mittelgebirge, das in ansehnliche grüne, mit Gras bedeckte Vorberge ausläuft, die sich sanft bis zum Meere herabsenken, dessen Ufer von einem schmalen dichten Baumgürtel eingefaßt wird. Dies ist so im wesentlichen der Hauptcharakter dieser Küstenlandschaft östlich von Kap Rigny und 10 Meilen über Lemtshug Point hinaus. Sie macht mit ihren ausgedehnten, infolge Abbrennens hie und da braun und schwarz gefleckten, grünen Matten, ihren mit Baumstreifen bestandenen Schluchten ganz den Eindruck kultivierten Landes und würde offenbar ausgezeichnetes Weideland abgeben. Aber diesem ganzen Küstenstrich schienen wie Kokospalmen so auch Menschen zu fehlen. Erst ca. 4 Meilen ost von Iris Point, das wir, ohne es mit Sicherheit ausmachen zu können, passiert hatten, sahen wir seit Gumbu das erste Haus, weiterhin die ersten Dörfer, wie alle Siedelungen stets schon von weitem an einer kleinen Gruppe Kokospalmen und jenen gelben Bäumen kenntlich, die ich bereits in Astrolabe-Bai erwähnte. Von nun an waren fast in jeder der sanften Buchtungen, die ohne bedeutendere Vorsprünge das Ufer bilden und charakteristisch für diese ganze Küste sind, Siedelungen bemerkbar, meist nur aus wenigen Häusern bestehend, überdies mehrere in Verfall oder bereits ganz verlassen. Da, wo sich bei den Häusern Menschen zeigten, schienen sie keine Kanus zu besitzen, denn erst in der Sareuak-Buchtung, einige 60 Meilen östlich von Port Konstantin, kam ein Kanu mit sieben Männern ab, deren: »oh! Maclay« schon von weitem entgegenschallte und die Bekanntschaft mit dem Reisenden bewies, dessen Namen wir übrigens weiter ostwärts nicht mehr nennen hörten.