Part 19
Hans faßt allmählich sich. Er blickt Durch Tränen ihr ins Angesicht Und denkt: »In Traum bin ich entrückt; Erwachte ich doch ewig nicht! Sie ist noch die, die mich umfaßt Mit kindlich innigem Verlangen. Ach, ihre Jugend starb wohl an der Last Der Trauer. Wie verhärmt, verblaßt Ist jetzt das frische Rot der Wangen. Ich Tor, der ich, um Not und Schmerzen Zu finden, floh von ihrem Herzen.« Des Leidensschlafes Schwere sank Von ihm; gesund und ruhig ward Er wieder, er, den Stürme lang Geschüttelt, wild durchtobt und hart. -- So strahlt die Welt stets sonnenblank Aufs neu. -- In Glut gehärtet Stahl Glänzt stärker, heller tausendmal. -- Die Gäste zechen. Ihre Runde Gehn Glas und Becher und erklingen. Die Alten plaudern manche Stunde. Derweil sich heiß im Tanze schwingen Die Jünglinge, da lärmt und schallt Die heiterste Musik. In Saus und Braus Herrscht Freude über Alt und Jung; Und gastlich ladend lacht das Haus. Der Bäuerinnen junge Schar Bringt blaue Veilchen für die Braut, Dem Bräut'gam Flammenrosen dar. Sie schmücken das verliebte Paar. »Bleibt lang noch jung,« so hallt es laut, »Blüht, wie hier diese Veilchen blühn Vom Felde, frisch und immer grün. Mag euer Herz von Liebe, schaut, Wie dieser Rosen Feuer glühn!«
* * * * *
Von Zärtlichkeit ganz hingerissen harrt Hans erbebend schon. Sein Blick Ist helle Freude, tiefes Glück. Sein Herz will unverstellt genießen, Nachdem des Zwanges Panzerkleid Gefallen ist, die Seligkeit. Euch, Träume voller Trug und List, Wird nun nicht mehr vergöttern er, Der ird'scher Schönheit Diener ist. -- Doch was umdüstert ihn so schwer? (Unfaßlich ist des Menschen Art!) Von seinen Träumen scheidend, starrt Er ihnen trauernd nach, verloren, Wie einem, dem er Treu' geschworen. -- So harrt der Schüler vor dem Schlage Der Glocke am ersehnten Tage Des letzten Unterrichts. Ganz voll Von Plänen und vor Freude toll, Spinnt er sich Träume. Ohne Klage, Zufrieden mit der Welt und sich in lang Entbehrter Freiheit Überschwang. Doch wenn die Abschiedsstunde naht Von Haus und Freund und Kamerad, Mit denen Arbeit er und Ruh', die Zeit Geteilt und Lust an tollen Streichen, Dann seufzt er wohl und Tränen schleichen Ins Aug' ihm, und er fühlt ein Leid. --
Epilog
Es heben in der Öde sich und steigen In meines Tempels Einsamkeit, Die unerkannt und unentweiht Von eines Menschen Fuß, im Schweigen Der Seele Träume auf. Wie weit Dringt wohl hinaus ihr lauter Reigen? Ob wer erregt sein Ohr ihm leiht? Wird einer Jungfrau heißes Herz sich neigen, Wird eines Jünglings Sinn durch sie befreit? Voll ungewollter Rührung singe Mein Lied ich, rätselhaft erregt, Das stille Lied, das mich bewegt Und das ich dir als Loblied bringe, Mein Deutschland! Hoher Pläne Land, Der Feen und Geister Königtum, Mein Herz ist voll von deinem Ruhm! Der große Goethe hält die Hand Als Schutzgeist über dein Gedeihn. Mit seinen hohen Liedern bannt Er jede Not von dir und Pein. -- --
Beilage Aus Gogols Briefwechsel mit Bjelinski
I. Gogols Brief an Bjelinski
Um den 20. Juni 1847 (neuen Stils).
Ich habe Ihren Aufsatz über mich im »Sowremennik« mit schmerzlichem Bedauern gelesen -- nicht deshalb, weil mich die Art, wie Sie mich vor allen herabzusetzen suchen, verletzt, sondern weil mir aus diesem Aufsatz die Stimme eines Menschen entgegentönt, der mir zürnt. Ich aber wünsche keinen Menschen, selbst keinen solchen, der mich nicht liebt, gegen mich aufzubringen, am wenigsten Sie, von dem ich geglaubt habe, daß er mich liebt. Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Sie durch eine Stelle in meinem Buche zu betrüben. Wie konnte es nur geschehen, daß in Rußland alle Menschen bis auf den letzten so über mich aufgebracht waren? Das ist etwas, was ich bisher noch nicht zu verstehen vermag. Die Östlinge, die Westlinge und die, die eine neutrale Stellung einnehmen, sie alle fühlen sich schmerzlich berührt. Es ist wahr, ich wollte jedem von ihnen einen kleinen Schlag versetzen, ich hielt das für nötig, weil ich es an meiner eigenen Haut gespürt hatte, wie notwendig so etwas ist [wir alle hätten etwas mehr Demut und Bescheidenheit nötig], aber ich habe nicht geglaubt, daß die Schläge, die ich austeilte, so plump, so ungeschickt und so verletzend ausfallen würden. Ich dachte, man würde mir das alles großmütig verzeihen, und mein Buch würde den Grund zu einer allgemeinen Versöhnung und nicht zu Streit und Zwietracht legen. Sie haben mein Buch mit dem Auge eines zornigen, verärgerten Menschen gelesen, und daher haben Sie alles unrichtig ausgelegt. Sehen Sie über alle die Stellen hinweg, die bisher noch für viele, wenn nicht gar für alle ein Rätsel, achten Sie vor allem auf die, die jedem gesunden und einsichtsvollen Menschen verständlich sind, und Sie werden erkennen, daß Sie sich in vielen Punkten geirrt haben.
Ich habe nicht vergebens alle meine Leser angefleht, mein Buch mehrmals zu lesen, da ich alle Mißverständnisse, denen es ausgesetzt sein würde, schon vorausahnte. Glauben Sie mir, es ist nicht leicht, ein Buch zu beurteilen, das so eng mit der ganzen geistigen Entwicklung seines Autors zusammenhängt, der lange Zeit im Verborgenen und ganz in sich selbst zurückgezogen lebte und unter seiner Unfähigkeit, sich auszudrücken, litt. Es war ja auch kein leichter Entschluß, sich selbst an den Pranger zu stellen und dem allgemeinen Gespött auszusetzen, indem man einen Teil seiner inneren Entwicklung, deren wahrer Sinn nicht so bald verstanden wird, der Öffentlichkeit preisgab. Schon dieses Wagnis allein hätte einen gescheiten Menschen nachdenklich stimmen und ihn veranlassen müssen, mit der Abgabe seines Urteils über das Buch zu warten und es zu verschiedenen Stunden und in einer ruhigeren, mehr zur aufrichtigen Rechenschaftsablage über sich selbst geeigneten Geistesstimmung aufs neue zu überlesen, denn nur in solchen Augenblicken ist die Seele fähig, eine andere Seele zu verstehen, mein Buch ist aber eine durchaus seelische, geistige Angelegenheit. Sie hätten dann sicherlich nicht diese unüberlegten Folgerungen daraus gezogen, von denen Ihr Aufsatz strotzt. Wie kann man zum Beispiel daraus, daß ich gesagt habe, die Kritiker, die von meinen Fehlern und Mängeln reden, enthielten viel Richtiges, folgern, die Kritiker, die meine Vorzüge hervorgehoben haben, hätten unrecht. Eine solche Logik kann nur dem Kopfe eines zornigen Menschen entspringen, der nur nach etwas sucht, was ihn reizen und ärgern muß, und der einen Gegenstand nicht ruhig von allen Seiten in Betracht zieht. Ich habe es mir in meinem Geiste lange überlegt, wie ich mich über die Kritiker äußern sollte, die meine Vorzüge hervorgehoben und anläßlich meiner Werke viele schöne Gedanken, die die Kunst betrafen, ausgesprochen haben; ich wollte die Vorzüge und die ästhetischen Gefühlsnuancen eines jeden von ihnen unvoreingenommen feststellen und charakterisieren; ich wartete nur auf den Augenblick, wo ich etwas hierüber sagen konnte, oder richtiger, wo es mir anstehen würde, hierüber zu sprechen, damit man nachher nicht erklären sollte, daß ich ein eigennütziges Ziel im Auge gehabt und mich nicht allein und ganz vorurteilslos von meinem Gerechtigkeitsgefühl hätte lenken lassen. Schreiben Sie die unbarmherzigsten Kritiken, wählen Sie die bittersten Worte, über die Sie verfügen, um einen Menschen herabzusetzen, tragen Sie das Ihre dazu bei, mich in den Augen Ihrer Leser lächerlich zu machen, ohne die empfindlichsten Seiten des vielleicht zartfühlendsten Herzens zu schonen -- meine Seele wird dies alles ertragen, wenn auch nicht ohne Schmerz und ohne schmerzliche Erschütterungen; aber es ist bitter, sehr bitter für mich -- dies erkläre ich Ihnen ganz aufrichtig -- zu wissen, daß selbst ein böser Mensch Haß und Zorn gegen mich in seinem Herzen hegt; und Sie habe ich doch für einen guten Menschen gehalten. Dies der aufrichtige Ausdruck meiner Gefühle.
N. G.
II. Aus einem Briefe Gogols an N. I. Prokopowitsch
Frankfurt, den 20. Juni (1847).
Du wunderst dich, daß ich so begierig bin, zu hören, was man über mein Buch spricht. Das kommt daher, weil ich sehr begierig bin, die Menschen kennen zu lernen, und aus den Urteilen über mein Buch gewinne ich doch etwas wie eine Vorstellung von den Menschen mit all ihrem Wissen und ihrer Unwissenheit; was jedoch viel wichtiger ist, dadurch gewinne ich einen Einblick in ihre Seelenverfassung, die für mich noch weit bedeutsamer ist, als ihre äußere Charakteristik, und die ich, wie du selbst zugeben wirst, ohne mein Buch nie hätte kennen lernen können. Übrigens, da wir gerade darüber reden: Vor einigen Tagen las ich _Bjelinskis_ Kritik im zweiten Heft des »Zeitgenossen« (Sowremennik). Er scheint zu glauben, daß das ganze Buch auf ihn gemünzt ist, und hat aus ihm einen offenen Angriff gegen alle, die seine Ansicht teilen, herausgelesen. Das ist ganz falsch; in meinem Buche sind, wie du siehst, Angriffe gegen alle und gegen alles enthalten, was sich ins Maßlose verliert. Wahrscheinlich hat er die »Leithämmel«[6] auf sich bezogen, und doch galt diese Bemerkung bloß den Journalisten im allgemeinen. Diese Gereiztheit hat mich sehr betrübt, nicht wegen der harten Worte, die ich angeblich nicht zu ertragen vermag -- du weißt doch, daß ich die härtesten Worte vertragen kann --, sondern weil dieser Mensch doch immerhin während zehn Jahren, trotz aller Übertreibungen und Maßlosigkeiten, mit Teilnahme und Sympathie von mir gesprochen und dabei doch auch in ganz richtiger Weise auf viele Züge in meinen Werken aufmerksam gemacht hat, die die anderen nicht bemerkt haben, obwohl sie glaubten, ein viel besseres Verständnis für diese Dinge zu besitzen als er. Ich müßte undankbar gegen diese Menschen sein, wo ich es doch verstehe, selbst denen gerecht zu werden, die nichts als Mängel und Fehler in mir entdecken und nur auf diese hinweisen! Aber gerade das Gegenteil trifft zu: in diesem Falle habe ich mich nur getäuscht; ich hielt Bjelinski für größer und glaubte nicht, daß er solch einer kurzsichtigen Ansicht und solch kleinlicher Folgerungen fähig sei. Ich weiß nicht, warum es einem so schwer wird, den Vorwurf der Undankbarkeit zu ertragen, aber für mich war dieser Vorwurf schwerer als alle anderen Vorwürfe, weil meine Seele tatsächlich sehr zur Dankbarkeit neigt, und ich bin gerne dankbar, weil mir das selbst Genuß bereitet. Bitte sprich hierüber mit Bjelinski und schreibe mir, welches seine Stimmung gegen mich ist. Wenn ihm die Galle überläuft und er eine Wut gegen mich hat, so mag er sie im »Zeitgenossen« (Sowremennik) an mir auslassen und zwar in jeder Form, die ihm recht ist, nur soll er sie nicht wider mich in seinem Herzen hegen[7]. Wenn sich jedoch sein Unmut gelegt haben sollte, so gib ihm den beifolgenden Brief zu lesen, den du gleichfalls lesen darfst.
[Fußnote 6: Vergl. Band 7: Von der Odyssee.]
[Fußnote 7: Hierauf erwiderte Prokopowitsch: »Mir scheint, du bist sehr im Irrtum, wenn du glaubst, daß Bjelinski seinen Aufsatz geschrieben hat, weil er deine Ausfälle gegen die Journalisten im allgemeinen auf sich bezogen hat. Ich kenne Bjelinski schon lange und kann nicht anders, als fest davon überzeugt sein, daß er nie eine Zeile geschrieben hat, um sich für eine persönliche Kränkung zu rächen.«]
Aus alledem ersehe ich, daß ich genötigt sein werde, einige Erklärungen über mein Buch abzugeben, weil nicht nur Bjelinski, sondern selbst solche Leute, die mich und meine Persönlichkeit doch weit besser kennen könnten als er, so seltsame Schlüsse aus meinem Werke ziehen, daß man einfach starr ist. Offenbar enthält es weit mehr Dunkelheiten und Unklarheiten, als ich selbst darin finde ...
III. Bjelinskis Brief an Gogol
Sie haben nur teilweise recht, wenn Sie glauben, den Zorn eines _verärgerten_ Menschen aus meinem Aufsatz herauslesen zu können. Dieses Epitheton ist viel zu schwach und matt, um die Stimmung zu charakterisieren, in die mich die Lektüre Ihres Briefes versetzt hat. Aber Sie haben vollkommen unrecht, wenn Sie dies auf Ihr tatsächlich nicht sehr schmeichelhaftes Urteil über die Verehrer Ihres Talentes zurückführen. Nein, das hat einen anderen, weit gewichtigeren Grund. Eine Kränkung, eine Verletzung unseres Selbstgefühls läßt sich noch ertragen, und ich wäre vernünftig genug gewesen, über diesen Gegenstand zu schweigen, wenn es sich bloß darum gehandelt hätte; was der Mensch jedoch nicht ertragen kann, ist eine Verletzung seines Wahrheitsgefühls, seiner Menschenwürde: man kann nicht mehr schweigen, wenn man unter dem Deckmantel der Religion und einer Apologie der Knute Lüge und Unsittlichkeit für Wahrheit und Tugend ausgibt.
Ja, ich habe Sie geliebt, ich habe Sie mit der ganzen Leidenschaft geliebt, mit der ein Mensch -- den die Bande des Blutes mit seinem Vaterlande verknüpfen, dessen Hoffnung, dessen Ehre und Ruhm -- einen seiner großen Führer auf dem Wege zum Selbstbewußtsein, zum Fortschritt und zur Entwicklung lieben kann. Und Sie hatten begründeten Anlaß, einen Augenblick Ihre Seelenruhe zu verlieren, als Sie das Recht auf eine solche Liebe einbüßten. Ich sage dies nicht deshalb, weil ich glaube, meine Liebe sei ein würdiger Lohn für ein großes Talent, sondern deshalb, weil ich in dieser Beziehung nicht nur eine einzige, sondern viele Personen darstelle, deren Mehrzahl weder Sie noch ich je gesehen und die Sie ihrerseits auch noch niemals kennen gelernt haben. Ich bin nicht imstande, Ihnen auch nur einen schwachen Begriff von der Empörung zu geben, die Ihr Buch in allen edlen Herzen hervorgerufen hat, noch von dem wilden Freudengeheul, in das alle Ihre Feinde und alle die unliterarischen Tschitschikows, Nosdrjows, Polizeimeister so gut wie alle literarischen, deren Namen Ihnen wohlbekannt sind, ausgebrochen sind. Sie sehen selbst, daß sogar Menschen von derselben Geistesrichtung wie die, die in Ihrem Buche vertreten wird, Ihr Werk fallen lassen. Selbst wenn es das Produkt einer tiefen, aufrichtigen Überzeugung wäre, selbst dann müßte es denselben Eindruck auf das Publikum machen. Und wenn alle (mit Ausnahme weniger Menschen, die man gesehen haben und die man kennen muß, um sich nicht über ihren Beifall zu freuen) das Buch für einen schlauen, aber gar zu ungenierten Trick hielten, um auf dem Umwege über den Himmel einem höchst irdischen Ziel nachzujagen, -- so sind Sie allein schuld daran. Und das ist durchaus nicht verwunderlich, erstaunlich ist nur das, daß Sie sich darüber wundern. Ich glaube, das käme daher, weil Sie Rußland _nur als Künstler_ so tief und gründlich kennen, nicht aber auch als denkender Mensch, dessen Rolle Sie in Ihrem phantastischen Buche mit so wenig Glück auf sich genommen haben. Und das nicht etwa deswegen, weil Sie kein denkender Mensch sind, sondern deshalb, weil Sie sich schon seit vielen Jahren daran gewöhnt haben, Rußland aus einer gewissen lockenden Ferne anzusehen, es ist doch bekannt, daß nichts leichter ist, als die Dinge aus der Ferne genau so zu sehen, wie man sie gerne sehen möchte; denn Sie leben ja auch in dieser _schönen Ferne_ ganz für sich und in sich selbst, bleiben ihr selbst fremd und bewegen sich in dem einförmigen Kreise gleichgestimmter oder doch solcher Menschen, die nicht kräftig genug sind, sich Ihrem Einfluß zu widersetzen. Daher haben Sie auch nicht bemerkt, daß Rußlands Heil nicht im Mystizismus und Asketismus, ebensowenig wie im Pietismus, sondern vielmehr in dem Fortschritt der Zivilisation, der Aufklärung und der Humanität liegt. Was es braucht, sind nicht Predigten (die hat es genug gehört!) und nicht Gebete (die hat es genug gestammelt!), was es braucht, ist, daß das Volk zum Gefühl seiner Menschenwürde erweckt wird, ein Gefühl, das ihm für Jahrhunderte durch den Schmutz und die Unsauberkeit, in denen es lebte, verloren gegangen war; was es braucht, sind Rechte und Gesetze, nicht wie sie den Lehren der Kirche, sondern wie sie der gesunden Vernunft und der Gerechtigkeit entsprechen, und eine möglichst strenge und pünktliche Erfüllung dieser Gesetze. Statt dessen aber bietet Rußland das furchtbare Bild eines Landes dar, in dem Menschen mit Menschen handeln, ohne sich auch nur damit rechtfertigen zu können, womit sich die schlauen amerikanischen Pflanzer entschuldigen, die da behaupten, der Neger sei kein Mensch; das Bild eines Landes, in dem sich die Menschen nicht beim Namen nennen, sondern sich mit plumpen Kosenamen und Diminutiven wie Wanjka, Waßjka, Stjoschka, Palaschka titulieren; eines Landes endlich, in dem es keinerlei Garantien für die Integrität der Persönlichkeit, die Ehre und das Eigentum, ja nicht einmal eine polizeiliche Ordnung, sondern nur gewaltige Korporationen aller möglicher Diebe und Räuber in Ämtern und Würden gibt! Die aktuellsten nationalen Fragen, die das Rußland von heute bewegen, sind folgende: die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Prügelstrafe und die Sorge für eine möglichst strenge Durchführung zum mindesten _der_ Gesetze, die es heute schon gibt. Das fühlt sogar die Regierung selbst (die sehr gut weiß, wie die Gutsbesitzer ihre Bauern behandeln, und wie viele von den ersten alljährlich durch die Hand der letzten umkommen), was durch die schwächlichen, fruchtlosen und halben Regierungsmaßnahmen zugunsten der weißen Neger und durch die komische Einführung der einschwänzigen Knute an Stelle der dreischwänzigen Peitsche dokumentiert wird.
Das sind die Fragen, die ganz Rußland während seines apathischen Schlummers bewegen und beunruhigen! Und in einer solchen Zeit tritt ein großer Schriftsteller, der durch seine wunderbaren, künstlerischen, von tiefer Wahrheit durchdrungenen Werke so machtvoll an der Erweckung Rußlands zum Selbstbewußtsein mitgearbeitet und ihm die Möglichkeit gegeben hat, sich selbst wie in einem Spiegel zu sehen, mit einem Buche auf, in dem er barbarische Gutsbesitzer im Namen Christi und der Kirche unterweist, wie sie ihren Bauern möglichst viel Geld abnehmen können, und sie belehrt, daß sie sie möglichst viel schimpfen sollen ... Und das sollte mich nicht empören? Ja, wenn Sie einen Angriff auf mein Leben unternommen hätten, könnte ich Sie nicht mehr hassen, wie um dieser schmachvollen Zeilen willen ... Und danach wollen Sie, daß man an die Aufrichtigkeit, an die gute Absicht Ihres Buches glauben soll! Nein! Wenn Sie von der wahren Lehre Christi und nicht von einer falschen teuflischen Lehre erfüllt wären, so hätten Sie in Ihrem neuesten Buche etwas ganz anderes geschrieben. Sie hätten zum Gutsbesitzer gesagt: Da seine Bauern seine Brüder in Christus seien, und da ein Bruder nicht der Sklave seines Bruders sein kann, so seien die Gutsherren verpflichtet, ihren Bauern die Freiheit zu schenken oder wenigstens ihre Arbeitskraft möglichst im eigenen Interesse ihrer Bauern zu gebrauchen, da sich die Herren in ihrem Inneren und vor ihrem Gewissen eingestehen müßten, wie unwahrhaftig das zwischen ihnen und ihren Bauern bestehende Verhältnis sei.
Und dann der Ausdruck: »_O du ungewaschenes Maul!_« Welchem Nosdrjow, welchem Sabakewitsch haben Sie diesen Ausdruck abgelauscht, um ihn der Welt als eine große Entdeckung zum Nutz und zur Belehrung der Bauern zu überliefern, die sich ja auch ohnedies nur darum nicht waschen, weil sie ihren Brüdern glauben und sich selbst nicht für Menschen halten? Und Ihren Begriff von der nationalen russischen Rechtspflege, deren Ideal Sie in der törichten Redensart erblicken, daß man sowohl den, der recht, wie den, der unrecht hat, auspeitschen solle? Aber das geschieht ja auch ohnedies oft genug bei uns, obwohl man freilich weit häufiger den prügelt, der im Recht ist, wenn er sich durch nichts von der Strafe loszukaufen vermag; sagt doch ein anderes Sprichwort in solch einem Falle: Schuldig ohne Schuld! Und solch ein Buch konnte das Ergebnis eines mühsamen und schwierigen inneren Prozesses, einer erhabenen geistigen Erleuchtung sein! Das ist unmöglich! Entweder Sie sind krank ... dann müssen Sie sich eiligst in Behandlung begeben, oder ... ich wage es nicht, meinen Gedanken auszusprechen ... Apologet der Knute, Apostel der Unwissenheit, Vorkämpfer des Obskurantismus und der finstersten Reaktion, Verherrlicher tatarischer Sitten -- was tuen Sie! Blicken Sie vor sich hin -- Sie stehen vor einem Abgrund. Daß Sie für diese Lehre eine Stütze in der apostolischen Kirche suchen, das verstehe ich noch: sie war ja doch stets die Stütze der Knute und die Bediente des Despotismus: warum aber ziehen Sie Christus in diese Sache hinein? Was haben Sie Gemeinsames zwischen ihm und der Kirche, vor allem aber der griechisch-katholischen Kirche entdeckt? War er es doch, der den Menschen zuerst die Lehre von der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündete und der die Wahrheit seiner Lehre durch sein Martyrium bekräftigte und besiegelte. In dieser Lehre lag ja auch nur so lange das _Heil_ der Menschen, als diese sich nicht zu einer Kirche zusammenschlossen und das Prinzip der Orthodoxie zu ihrer Grundlage machten. Die Kirche aber erschuf eine Hierarchie und wurde demgemäß eine Vorkämpferin der Ungleichheit, die den Machthabern schmeichelte, eine Feindin und Verfolgerin der Brüderlichkeit unter den Menschen -- und das ist sie bis auf die heutige Zeit geblieben. Indessen, der Sinn der Lehre Christi ist durch die philosophische Bewegung des verflossenen Jahrhunderts an den Tag gebracht worden. Und daher ist ein Voltaire, der in Europa mit dem Hauch seines Spottes alle Scheiterhaufen, die Fanatismus und Unwissenheit errichteten, auslöschte, natürlich in weit höherem Sinn ein Sohn Christi, Fleisch von Seinem Fleisch und Bein von Seinem Bein, als alle Ihre Popen, Erzpriester, Metropoliten und Patriarchen zusammen! Sollten Sie das wirklich nicht wissen? Das weiß doch heute bereits jeder Gymnasiast! ... Sollte es daher wirklich möglich sein, daß Sie, der Verfasser des »Revisors« und der »Toten Seelen«, aufrichtigen Herzens einen Hymnus auf die niederträchtige russische Geistlichkeit singen und sie so unendlich hoch über die katholische stellen konnten? Nehmen wir einmal an, Sie wußten nicht, daß diese Kirche einmal etwas bedeutet hat, während die erste nie etwas war, als die Bediente und Sklavin der weltlichen Macht; -- wie --? sollten Sie denn wirklich nicht wissen, daß unsere Geistlichkeit vom ganzen russischen Volke und der russischen Gesellschaft verachtet wird? Von wem erzählt das russische Volk obszöne Anekdoten? Vom Popen, von der Popenfrau, von der Popentochter und vom Knecht des Popen. Ist nicht in Rußland der Pope für jeden Russen der Inbegriff der Gefräßigkeit, des Geizes, der Speichelleckerei, der Schamlosigkeit? Und das sollten Sie alles nicht wissen? Seltsam! Nach Ihrer Meinung ist das russische Volk das religiöseste Volk der Welt. Das ist eine Lüge. Die Grundlage der Religiosität ist der Pietismus, die Ehrfurcht und die Gottesfurcht. Der Russe dagegen kratzt sich den ... wenn er den Namen Gottes ausspricht ... Und von den Heiligenbildern sagt er: sind sie gut -- so betet man zu ihnen; sind sie nicht mehr zu brauchen -- so deckt man die Töpfe mit ihnen zu.