Sämmtliche Werke 8: Briefwechsel II, Hans Küchelgarten Briefwechsel II / Die Beichte des Dichters / Betrachtungen über die Heilige Liturgie / Jugendschriften / Fragmente / Hans Küchelgarten

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Nikolaus Gogol Briefwechsel II

Nikolaus Gogol Sämmtliche Werke In 8 Bänden

Herausgegeben von Otto Buek

Band 8

München und Leipzig bei Georg Müller 1914

Nikolaus Gogol

Aus dem Briefwechsel mit meinen Freunden

Zweiter Teil

Hans Küchelgarten

Deutsch von Ulrich Steindorff

München und Leipzig bei Georg Müller 1914

An Arkadius Ossipowitsch Rosetti

Neapel, im Jahre 1847.

Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihren Brief und die zahlreichen Mitteilungen danken soll, die er enthält, liebster, bester Arkadij Ossipowitsch. Wenn ich häufiger das Glück hätte, solche Briefe zu erhalten, selbst wenn sie nicht von solch herzlicher Teilnahme und Liebe zu mir erfüllt wären, müßte ich schon längst viel klüger sein, als ich es jetzt bin. Aber was soll ich tun, wenn es mir durchaus nicht gelingen will, jemand in irgendeiner Weise davon zu überzeugen, daß ich wissen muß, was man über mich spricht, daß das die einzige Gelegenheit für mich ist, etwas zu lernen, kurz, daß es einen Menschen gibt, dem man die Wahrheit sagen muß, so hart und bitter sie auch sein mag, und für den selbst die harten und rohen Worte, wie sie nur dem Haß und der Lieblosigkeit entspringen, ein Bedürfnis sind? So war denn auch einer der Gründe, der mich dazu bestimmte, meine Briefe herauszugeben -- das Bedürfnis, zu lernen, und nicht etwa das -- andere zu belehren. Da man jedoch einen Russen nicht anders zum Reden veranlassen kann, als dadurch, daß man ihn erzürnt und ungeduldig macht, so habe ich beinahe mit Vorbedacht eine Reihe von Stellen in den Briefwechsel aufgenommen, die die Menschen durch ihren arroganten Ton verletzen und an ihrer empfindlichsten Stelle treffen mußten.

Ich kann Ihnen allen Ernstes versichern: ich leide außerordentlich darunter, daß ich sehr viele Dinge nicht kenne, die ich unter allen Umständen kennen müßte; ich leide darunter, daß ich eigentlich gar nicht weiß, was heutzutage die Menschen aller Berufsarten, Ämter und aller Bildungsstufen in Rußland darstellen. Alles, was ich hierüber bisher unter einem ungeheuren Aufwand von Mühe ermitteln konnte, ist nicht ausreichend, wenn meine »Toten Seelen« das werden sollen, was sie eigentlich sein sollten. Das ist der Grund, weswegen ich so sehr danach dürste, zu erfahren, was die Menschen aller Klassen mit Einschluß der Bedienten und Lakaien über mein gegenwärtiges Buch sagen -- nicht eigentlich im Interesse meines Buches selbst, sondern weil sich der Beurteiler mit seinem Urteil über das Werk am besten charakterisiert. Aus einem solchen Urteil kann ich sofort entnehmen, was er selbst für ein Mensch ist, auf welchem Niveau geistiger Bildung er steht, wie es in seiner Seele aussieht, ob er von Natur ein schlichter und gütiger Mensch oder unwissend und korrumpiert ist. Mein Buch kann mir in gewisser Beziehung als Probierstein dienen, und glauben Sie mir, daß Sie es sich heutzutage an keinem anderen Buche so deutlich zum Bewußtsein bringen können, wie an diesem, was der Russe von heute für ein Mensch ist. Ich kann es nicht leugnen, ich hoffte auf einzelne Leute, die an gewissen Gebrechen leiden, einen wohltätigen Einfluß auszuüben, ich hatte erwartet, daß sich mehr Stimmen zu meinen Gunsten äußern würden, als das wirklich der Fall war, und es war bitter, ja sogar sehr bitter für mich, vieles mitanhören zu müssen. Aber wie danke ich Gott heute dafür, daß es gerade so und nicht anders gekommen ist! Ich sehe mich jetzt unwillkürlich genötigt, viel strenger gegen mich zu sein, ich habe jetzt die Möglichkeit, auch die Menschen weit besser und genauer kennen zu lernen, und bin endlich in der Lage, mir eine richtigere Ansicht von ihnen zu bilden. Was aber den Umstand betrifft, daß meine Persönlichkeit hierbei Schaden gelitten hat (ich muß es Ihnen gestehen; ich brenne noch heute vor Scham, wenn ich daran denke, wie anmaßend ich mich an vielen Stellen ausgedrückt habe: fast à la Chlestakow), so muß man doch immer Opfer bringen. Ich brauchte eine solche öffentliche Ohrfeige, ja ich hatte sie vielleicht nötiger als irgendein anderer. Aber es kommt darauf an, die Gelegenheit zu ergreifen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen: Gott hat plötzlich einen ganzen Haufen von Schätzen vor mir ausgeschüttet, so daß ich mit beiden Händen danach greifen muß, wenn ich sie bergen will. Wenn Sie mir etwas wahrhaft Gutes tun wollen, etwas, dessen nur ein Christ fähig ist, dann lesen Sie diese Kostbarkeiten für mich auf, wo Sie sie immer finden mögen. Es wäre Ihnen ein leichtes, sich täglich etwa in Form eines Tagebuches ein paar Aufzeichnungen zu machen wie z. B. die folgenden: »Heute habe ich den und den, die und die Meinung äußern hören; über das Leben dieses Menschen ist folgendes bekannt, er hat einen solchen Charakter« (kurz, Sie könnten mir in flüchtigen Zügen ein Bild von ihm entwerfen). Ist dagegen nichts über ihn bekannt, so schreiben Sie: über sein Leben kann ich nichts in Erfahrung bringen, ich glaube aber, daß er das und das ist; äußerlich macht er einen guten und anständigen (oder unanständigen) Eindruck; er hält seine Hände so; schneuzt sich folgendermaßen; er schnupft Tabak und zwar in folgender Weise; kurz, Sie dürfen keinen Zug vergessen, der Ihnen ins Auge fällt, vielmehr sollen Sie jeden wichtigen ebenso wie jeden geringfügigen Umstand sorgfältig buchen.

Glauben Sie mir, das ist keineswegs langweilig. Hierzu bedarf es weder eines bestimmten Planes, noch braucht es in einer bestimmten Ordnung und Reihenfolge zu geschehen: man wirft bloß zwei, drei Zeilen aufs Papier, ehe man daran geht, sich zu waschen. Ich bin sogar überzeugt, daß dies eine angenehme Beschäftigung für Sie sein wird, weil Sie stets das schöne Bewußtsein haben werden, daß Sie das für einen Menschen tun, der Sie inniglich liebt, und dem Sie damit eine Freude bereiten; eine so große Freude, wie sie ein Kind empfindet, das an einem Festtag sein Lieblingsspielzeug zum Geschenk erhält. Was soll ich machen, wenn dies Spielzeug -- das wenigstens von anderen Leuten nur für ein Spielzeug gehalten wird -- in meinen Augen nichts weniger als ein Spielzeug ist; es ist sogar so wenig ein Spielzeug, daß, wenn ich nicht genug von diesen Spielzeugen geschenkt bekomme, aus meinen »Toten Seelen« plötzlich statt lebendiger Menschen meine eigene Nase herausgucken kann und lauter Dinge zum Vorschein kommen können, wie Sie sie in meinem Buche gefunden und die Ihnen so mißfallen haben. Glauben Sie mir: wenn dies Buch nicht erschienen wäre, hätte ich nie jene kunstlose Einfachheit erreicht, die unbedingt in allen weiteren Teilen der »Toten Seelen« herrschen muß, wenn sie jedermann für einen treuen Spiegel des Lebens und nicht für eine Karikatur halten soll. Sie wissen nicht, welch großen Umweg man machen muß, um sich diese Einfachheit anzueignen. Sie wissen nicht, wie hoch diese schlichte Einfachheit steht. Man tut besser, hierüber gar nicht erst zu reden, helfen Sie mir -- das ist alles, was ich zu sagen vermag.

Was nun die Veröffentlichung meiner Briefe anbetrifft, so habe ich folgendes beschlossen. Wegen der inhibierten Briefe einen neuen Band herauszugeben -- ist mir unmöglich. Ich habe noch andere Arbeiten vor, die nicht vergessen werden dürfen, und über meine ganze Zeit habe ich schon disponiert; zudem würde ein ganz ähnliches Werk nicht einmal Aufsehen erregen. Ich möchte nur, daß Wjasemski seine Bemerkungen dazu macht und gewisse Korrekturen vornimmt. Dann will ich die Briefe noch einmal durchsehen und verbessern, so daß selbst der schlichteste Zensor, auch ohne daß sie vor eine höhere Instanz zu gelangen brauchten, die Herausgabe gestattet. Glauben Sie mir, man kann alles sagen, wenn man es nur verständig auszudrücken versteht. Der Mißerfolg der besten und hochherzigsten Unternehmungen rührt meist von unserer Ungeschicklichkeit her -- da wir gewöhnlich vergessen, an die kluge Redensart zu denken: »Man muß Wasser in seinen Wein gießen« (Nimm dieselbe Kohlsuppe, aber verdünne sie erst ein wenig). Wenn wir -- statt mit großer Sicherheit und hochmütiger Miene Ratschläge zu erteilen, die wir in dem Tone eines Menschen vorbringen, dem es nie in den Sinn kommt, daß er sich irren könnte -- schlicht und bescheiden unsere Meinung vortragen, können wir sicher sein, daß unsere Gedanken von vielen Lesern beifällig aufgenommen und weiterverbreitet werden. Kurz, was nicht hineingehört, mag fortfallen, das Kluge und Gescheite wird einen anderen Ausdruck finden; wo sich meine eigene Person in aufdringlicher Weise vordrängt, da soll sie nicht nur eins auf die Nase bekommen, sondern da lasse ich auch noch eine solche Stelle einschieben, durch die die vorhergehenden schon gedruckten Sätze einen maßvolleren Ton erhalten. Jedenfalls aber sollen diese Briefe mit in das Buch aufgenommen und nicht besonders veröffentlicht werden. Sie werden dem Buche trotzdem eine höhere Bedeutung verleihen und die Menschen in Rußland an _Rußland_ erinnern und nicht an mich. Dieses Buch darf nicht zum alten Eisen geworfen werden. Obwohl es große Mängel hat, -- es ist nicht auf kurze flüchtige Eindrücke berechnet. Man muß es mehrmals lesen, und das gilt nicht nur für die, die es überhaupt nicht verstanden, sondern auch für die, die es besser verstanden haben als die anderen. In diesem Buche liegen noch Geheimnisse der Seele verborgen, die nicht sofort ergründet werden können. Vieles wird selbst von sehr klugen Leuten gar nicht in dem Sinne genommen, den ich zum Ausdruck bringen wollte. Es wäre sehr schön, wenn die vollständige Ausgabe im September erscheinen könnte. Das Buch wird gekauft werden, man kann nämlich noch einiges hinzufügen, was dazu beitragen könnte, den Leuten (bis zu einem gewissen Grade) eine richtige Ansicht davon beizubringen. Geben Sie diesen Brief auch Pletnew zu lesen. Sie danken mir dafür, daß ich Ihnen (durch die Bemühungen um mein Buch) Gelegenheit gegeben habe, Pletnews herrliche Seele näher kennen zu lernen. Und ich danke Ihnen gleichfalls dafür, daß Sie mir einige Mitteilungen über ihn zukommen ließen, um derentwillen ich ihn heute noch weit mehr liebe und seine Freundschaft noch weit höher schätze als je zuvor. Diese Freundschaft hat mir Gott geschenkt, gleich einem schönen milden Trost, dessen ich in diesen Zeiten so sehr bedarf. Ich kann nicht sagen, mit welcher Freude ich ihn jetzt umarmen, was ich dafür geben würde, wenn ich ihn jetzt sehen, persönlich mit ihm sprechen und ihn an meine Brust drücken könnte. Doch nun umarme ich ihn und Sie aufs herzlichste, mein unschätzbarer Arkadij Ossipowitsch; und indem ich Ihnen vielmals für Ihre lieben Zeilen danke, bleibe ich Ihr

Gogol.

_P. S._ Ich begreife nicht, warum bisher noch keines von den Büchern eingetroffen ist, die, wie Sie sagen, an mich abgesandt worden sind. Alle andern erhalten durch den Kurier die schönsten Sachen zugestellt; sogar Buchweizengrütze, Wjisiga[1] und Kaviar zu Fischpasteten; nur ich erhalte nichts, nicht einmal ein Zeitungsblättchen.

Vergessen Sie nicht, mir den Empfang dieses Briefes zu bestätigen. Senden Sie bitte von nun ab alles nach Frankfurt an Schukowski und zwar senden Sie es durch unsere Botschaft an ihn.

[Fußnote 1: Getrocknete Rückensehne vom Stör, die in Rußland zur Füllung von Backwerk verwendet wird. Anm. d. Hersg.]

Über den »Zeitgenossen« (Sowremennik) Ein Brief an P. A. Pletnew

Den 4. Dez. 1846.

Endlich komme ich dazu, mit dir über den »Zeitgenossen« zu sprechen. »Der Zeitgenosse« war eine schlechte Zeitschrift trotz des vortrefflichen Ziels, das du mit ihm im Auge hattest. Selbst dieses schöne Ziel, um dessentwillen du ihn gegründet hast, war aus der Zeitschrift für niemand klar und deutlich zu erkennen; im Gegenteil, alle Leute fragten betroffen: »Erklären Sie mir bitte, warum und zu welchem Zwecke gibt Pletnew seine Zeitschrift heraus? Was will er damit sagen? Was wollen diese Gemeinplätze in seinem Programm bedeuten, diese vielen Wiederholungen über Unparteilichkeit, seine uneigennützige Liebe zur Kunst, sein Streben nach Wahrheit usw., diese Versprechungen, die jeder Journalist macht und doch keiner hält?« Der magere Inhalt dieser dünnen Büchlein, der leblose, gleichgültige, matte, verwaschene Stil, in dem seine Urteile über alles Moderne gehalten sind, gibt allen ein Rätsel auf: warum heißt die Zeitschrift »Der Zeitgenosse«? Wir wollen ganz offen miteinander sein. Dir fehlt die journalistische Begabung: weder besitzt du genug lebendige jugendliche Begeisterung für alle modernen Bewegungen, noch jene gespannte Neugierde für alle Fragen, die die große Masse unserer Gesellschaft beschäftigen, noch endlich jenen enzyklopädischen Wissensdrang, jenes Streben, alles mit dem gleichen Interesse zu umfassen, was sich auf den Fortschritt des menschlichen Wissens auf allen Gebieten bezieht. Deiner anthologischen Seele ward nur eine hohe Gabe zuteil -- sich an dem Wohlgeruch der herrlichen Blüten, die im Garten der Poesie wachsen, zu ergötzen und die höchsten Regungen der Menschenseele zu verstehen. Der Sänger des »Münnich« und einiger anderer schöner Elegien, die von der Reinheit des Geschmacks und der stillen bescheidenen Seele des Dichters zeugen, hätte die polemische Arena meiden sollen. »Der Zeitgenosse« war selbst unter Puschkin nicht das, was eine rechte Zeitschrift sein soll, obwohl sich Puschkin ein viel positiveres und leichter zu verwirklichendes Ziel gesteckt hatte. Er wollte eine Vierteljahrsschrift nach Art der englischen Zeitschriften schaffen, in der durchdachtere und gründlichere Abhandlungen zum Abdruck kommen sollten als in den Wochen- und Monatsschriften, wo die Mitarbeiter zur Eile gedrängt werden und nicht einmal soviel Zeit haben, das, was sie selbst geschrieben haben, noch einmal durchzusehen. Übrigens war sein Wunsch, eine solche Zeitschrift herauszugeben, nicht allzu lebhaft, und er selbst versprach sich nicht viel Nutzen davon. Als er die Erlaubnis zur Herausgabe der Zeitschrift erhielt, wollte er zuerst sogar zurücktreten. Die ganze Schuld fällt auf mich: ich flehte ihn an, seinen Plan doch auszuführen. Ich versprach ihm meine dauernde Mitarbeit. In meinen Aufsätzen fand er vieles, was einer periodischen Zeitschrift einen lebendigen journalistischen Charakter verleihen konnte, woran es ihm selbst seiner Meinung nach mangelte. Er hatte zu jener Zeit tatsächlich eine solche Reife erlangt und stand schon zu hoch, als daß er noch ein solch jugendliches Gefühl in sich hätte bergen können: meine Seele aber war damals noch jung; ich konnte mir damals noch vieles stark zu Herzen nehmen, was ihn kalt ließ. Mein hartnäckiges Zureden und mein Versprechen, tätig mitzuwirken, überzeugte ihn; aber ich hätte mein Wort doch nicht halten können, selbst wenn er am Leben geblieben wäre. Ich wußte noch nicht, welche Wege mich die Vorsehung führen würde, ich wußte nicht, daß ich einmal alle Kräfte und Fähigkeiten für jede lebendige literarische Betätigung verlieren und lange Zeit für alles absterben würde, was den Menschen von heute bewegt. Nach Puschkins Tode widmetest du dich, aufs tiefste erschüttert durch diesen für alle so schmerzlichen Verlust, der für dich noch weit schmerzlicher war als für alle anderen, mit Eifer der Herausgabe der Zeitschrift. Die Erkenntnis, daß die moderne Gesellschaft verwaist und des Lichts der Poesie beraubt zurückgeblieben und dazu verurteilt sein sollte, nichts wie törichte und unfruchtbare Diskussionen und Streitereien über die Kunst anzuhören, statt sich an den Werken der Kunst _selbst_ zu erfreuen, machte einen starken Eindruck auf dich; und tief betrübt über diese Vereinsamung und Leere, die sich übrigens schon zu Puschkins Zeiten der Gesellschaft bemächtigt hatte, übernahmst du die Redaktion und nun wolltest du mit Gewalt jenes poetische Hellas errichten, das zu Beginn der Puschkinschen Ära ganz von selbst emporgeblüht war. Im Eifer deiner hochherzigen Begeisterung vergaßt du sogar, daß nicht wir die Dinge und die Ereignisse lenken, sondern daß eine höhere Macht jedem Ding seinen Platz anweist. Du merktest nicht einmal, daß du ein Ziel im Auge hattest, das sich durch die Herausgabe periodisch erscheinender Monatsschriften nie und auf keine Weise erreichen ließ. »Der Zeitgenosse« hätte als Zeitschrift nicht einmal dann einen Erfolg gehabt, wenn du alle Eigenschaften eines guten Journalisten in dir vereinigt hättest. Ich muß gestehen, ich kann es mir nicht einmal vorstellen, was das Erscheinen einer neuen Zeitschrift zu einer Notwendigkeit für unsere Epoche machen sollte. Eine solche enzyklopädische Heranbildung und Erziehung des Publikums mit Hilfe einer Zeitschrift ist heute bei weitem kein so dringendes Bedürfnis mehr wie früher. Das Publikum ist schon weit besser vorbereitet. Heute drängt uns alles zu einem konzentrierten Studium; nicht nur die Bedeutsamkeit der modernen Probleme, nein selbst die Hohlheit der modernen Gesellschaft und die oberflächliche Leichtfertigkeit, mit der sie ihre Angelegenheiten behandelt, scheinen den Menschen von heute dazu aufzufordern, strenge Einkehr in sich selbst zu halten, seine Kräfte und seine Fähigkeiten genauer zu prüfen und sich eine Aufgabe, ein Ziel zu wählen, und zwar kein flüchtiges Augenblicksziel, sondern eine lebensvolle, reiche und große Aufgabe, die allein den Fähigkeiten entspricht, die jedem von uns je nach seiner Wesensart schon bei seiner Geburt geschenkt wurden. Keine einzige Zeitschrift vermag heute dem Publikum eine wirklich nahrhafte und substantielle Kost vorzusetzen. »Der Zeitgenosse« sollte gänzlich auf den Namen einer Zeitschrift verzichten; statt in Heftform sollte er wie ehedem in gedrängter Buchform erscheinen und noch mehr als zu Puschkins Zeiten den Charakter eines Almanachs annehmen; er sollte eher etwas Ähnliches darstellen wie die »Blumen des Nordens« des Barons _Delwig_, dem du durch dein Verständnis für den Wohllaut der Poesie und deine Fähigkeit, dich an ihr zu erfreuen und sie intensiv zu genießen, so sehr gleichst. Es ist weit besser, er erscheint bloß dreimal im Jahr zu ganz bestimmten Terminen: das erstemal zu Ostern, als eine heitere Festgabe, das zweitemal zum ersten Oktober, d. h. zu einer Zeit, wo bei uns alles vom Lande und aus der Sommerfrische in den Städten zusammenströmt, und das drittemal zu Neujahr; kurz -- er sollte stets gerade zu solchen Zeiten erscheinen, wo sich alles mit dem größten Heißhunger auf ein neues Buch stürzt. Alles, was im eigentlichen Sinne dieses Worts den Charakter der Journallektüre trägt, muß wegbleiben: alle Berichte über Tagesneuigkeiten, jegliche politischen Nachrichten oder Anzeigen sämtlicher neuen Bücher; höchstens darf der Band einen ernsten kritischen Bericht über die bedeutsamsten Werke enthalten, die während eines Jahrdrittels erschienen sind, und zwar nur einen solchen Bericht, der selbst einen bedeutsamen literarischen Aufsatz darstellt. Der Leser darf nie daran erinnert werden, daß es irgendwelche Streitigkeiten und Parteiungen in der Literatur und daß es etwas wie eine Zeitschriftenpolemik gibt. Nur ganz konzentrierte Artikel, die eine Frage allseitig behandeln und keinerlei Ähnlichkeit mit den übereilten hastigen und fragmentarischen Produkten unserer Zeitschriftenliteratur haben, dürfen aufgenommen werden. Nur die schönsten Blüten unserer modernen literarischen Produktion dürfen hier vereinigt sein. Das aber läßt sich nur in einer Zeitschrift erreichen, die nicht mehr als dreimal jährlich zur Ausgabe gelangt: denn in drei Monaten kann man ganz gut ein Buch zusammenstellen.

Unserer Zeit mangelt es Gott sei Dank nicht an Talenten. Der prosaische Teil des Jahrbuchs kann heute viel bedeutsamer und reichhaltiger gestaltet werden als früher. Ich will hier ausdrücklich _die_ modernen Schriftsteller anführen, deren Aufsätze unserm »Zeitgenossen« zur Zierde gereichen würden. Vor allem müssen wir da den Grafen _Sollogub_ nennen, der heute ohne allen Zweifel unser bester Erzähler ist. Niemand darf sich heute einer solchen korrekten, gewandten und eleganten Sprache rühmen wie er. Sein Stil ist treffend, jeder seiner Ausdrücke und jede seiner Wendungen ist prägnant und von einem feinen Anstandsgefühl erfüllt. Er hat einen großen Scharfsinn, Beobachtungsgabe und ist über alles unterrichtet, was heute unsere höheren Gesellschaftskreise beschäftigt. Nur eins mangelt ihm: die Seele dieses Dichters hat sich noch nicht mit einem strengeren ernsteren Inhalt erfüllt, und er ist durch seine inneren Erlebnisse noch nicht darauf hingeführt worden, sich eine ernstere und klarere Ansicht vom Leben zu erwerben. Käme noch solch ein innerliches Erlebnis bei ihm hinzu, dann könnte er ein treuer Schilderer unserer besten Gesellschaftskreise werden; seine Werke würden um mehr als hundert Prozent an Bedeutsamkeit gewinnen. --

Gleich nach ihm müssen wir einen anderen Schriftsteller nennen, der sich unter dem fingierten Namen: _Kosak Luganski_ verbirgt. Er ist kein Poet, ihm fehlt die Erfindungsgabe, ja er hat nicht einmal den Wunsch, wahrhaft produktive Schöpfungen hervorzubringen: er sieht stets nur die Sache und betrachtet jedes Ding rein sachlich. Ein starker, durchaus solider Verstand spricht aus jedem seiner Worte, und eine scharfe Beobachtungsgabe und ein angeborener Scharfsinn verleihen seinem Stil eine große Lebendigkeit. Bei ihm ist alles wahr und unmittelbar aus der Natur geschöpft. Er braucht keinen Knoten zu schürzen und ihn dann wieder zu lösen, worüber sich die Romanschreiber so sehr die Köpfe zerbrechen, er braucht nur irgendeine Begebenheit herauszugreifen, die sich in russischen Landen ereignet hat, einen beliebigen Vorgang, den er miterlebt hat und dessen Augenzeuge er war, um daraus eine äußerst interessante Erzählung zu gestalten. Meiner Ansicht nach ist er weit bedeutender als sämtliche Erzähler von großer Erfindungsgabe. Vielleicht bin ich parteiisch in meinem Urteil, weil dieser Schriftsteller mehr als irgendein anderer meinem persönlichen Geschmack und den eigentümlichen persönlichen Forderungen, die ich an einen Erzähler stelle, entgegenkommt; aus jeder Zeile von ihm schöpfe ich Belehrung und neue Kenntnisse, da sie mich das russische Leben und das Wesen unseres Volkes besser kennen lehren; jedoch was mir wohl jeder zugeben wird, ist dies, daß ein solcher Schriftsteller uns allen gerade jetzt sehr nützlich sein kann, ja daß er eine Notwendigkeit für uns ist. Seine Werke sind ein lebendiger und getreuer statistischer Bericht über Rußland. Alles, was er aus seinem umfassenden Gedächtnis schöpft und was er uns in seiner wahrheitsgetreuen Sprache erzählt, wird ein wertvoller Beitrag für deinen Almanach sein.

Ich weiß nicht, warum _N. Pawlow_ so gänzlich verstummt ist, ein Schriftsteller, der sich durch seine drei ersten Erzählungen sofort ein Anrecht auf einen Ehrenplatz unter unseren Prosaschriftstellern erworben und sich bloß dadurch geschadet bat, daß er es vorzog, nicht mehr _er selbst_ zu sein, sondern auf den Einfall kam, (in seinen drei neuen Erzählungen) jene neuen Novellisten nachzuahmen, die doch so viel tiefer stehen als er. Er brauchte nur, ohne zu irgendwelchen gewaltsamen poetischen Einfällen oder zu künstlichen mosaikartigen Ausschmückungen des Stils, die seine klare edle Sprache so verunstalten, seine Zuflucht zu nehmen, er brauchte statt dessen nur aufs Geratewohl ein beliebiges psychologisches Phänomen unserer Gesellschaft herauszugreifen und es in seiner treffenden und gescheiten Art wiederzuerzählen, um eine Novelle mit allen Eigenschaften jener strengen klassischen Schöpfungen zu schaffen, die zu den ewigen Vorbildern der Literatur gehören.