Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 8

Chapter 83,352 wordsPublic domain

Obgleich der Geschmack im Laufe des XVIII. Jahrhunderts etwas besser wurde, haben wir darum noch nichts gewonnen; denn diese Besserung vollzog sich innerhalb der Fesseln fremder Formen. Die gotische Schwere wurde mit Recht verpönt, in ihrer Mischung mit der griechischen Form war sie häßlich bis zur Unmöglichkeit. Jetzt begann man mit noch größerem Eifer die Antike zu studieren. Aber man tat es, wie es ängstliche Schüler tun, die die kleinsten Einzelheiten des Originals mit peinlicher Sorgfalt kopieren und darüber die Idee des Ganzen vergessen. Man nahm einzelne Teile heraus und klebte sie an die ungeheure Masse und überlud diese mit ihnen, die dadurch einen bis dahin geradezu unerhörten Mangel an Einheitlichkeit und Harmonie aufzuweisen begann. Die Säulen und Kuppeln, die uns ehedem am meisten entzückt hatten, wurden bei jedem Gebäude ganz ziel- und zwecklos und an jeder nur möglichen Stelle angebracht. Sie bildeten nicht mehr den Grundgedanken des Bauwerks, sondern nur noch seine Teile oder -- besser gesagt -- seinen Schmuck. Wir vergrößerten die Dimensionen des Gebäudes immer mehr, während wir die Kuppel im Verhältnis zum Ganzen immer kleiner werden ließen. Wir betrachteten das Gebäude, das wir zum Modell gewählt hatten, nicht aus einer gewissen Entfernung und durch das Vergrößerungsglas, sondern wir sahen es aus der Nähe, und die Kuppel wurde ganz klein und verschwand vor dem Ganzen. Und da wir nun dieses einsame Thronen hoch über dem Gebäude als leer empfanden, so fügten wir schnell noch ein paar weitere hinzu, setzten dem Gebäude noch einige Türme auf, die über sie hinausragten, und die Kuppeln bekamen eine gewisse Ähnlichkeit mit Pilzen. Die Kuppel, dieses schönste und herrlichste Produkt des Geschmacks, wenn sie anmutig und leicht geschwungen das ganze Gebäude beherrscht und strahlend mit ihrer wolkigen Oberfläche auf der ganzen weißen Masse ruht, verschwand vollständig. Ich liebe die Kuppel, jene wundervolle, gewaltige, schwach gewölbte Kuppel, die der reiche Geschmack der Griechen im alexandrinischen Zeitalter und nach ihm im Jahrhundert der Genußsucht und des Egoismus wieder erstehen ließ. Dieses Jahrhundert einer raffinierten Lebenszerstückelung, das Jahrhundert der leichten, duftigen Wollust, der Trägheit und Üppigkeit atmenden Anthologie, wo ein jeder nur sich selbst angehörte, für sich selbst und nicht für die Gesellschaft lebte, und wo über den herrlichen, prächtigen öffentlichen Bädern sich überall diese Kuppel erhob, kühn geschwungen wie das Himmelsgewölbe. Nichts kann die Masse der Häuser so selig und so wundervoll krönen, wie eine solche Kuppel; aber sie darf nur über einem Gebäude ruhn, das sich unermeßlich in die Breite dehnt und einen möglichst großen Flächenraum umspannt. Sie muß auf seinem ganzen großen Grundriß ruhn, sie muß heller als das Gebäude selbst und womöglich ganz weiß sein. Dieses blendende Weiß verleiht ihrer leicht geschwungenen Form einen unbegreiflichen Zauber und eine herrliche Fülle, und sie rundet sich dann noch wunderbarer und luftiger im Himmelsblau. Noch heute haben die Städte von Syrien und Äthiopien einen ganz ungewöhnlichen Reiz, weil sich in ihnen noch einzelne Kuppeln dieser Art erhalten haben. Und auch gegenwärtig noch kann man im Orient eine ganze Menge von großartigen Exemplaren finden.

Der Portikus mit seinen Säulen, dieses leuchtende Erzeugnis des harmonischen, attischen Geschmacks, der keinerlei Überbau über sich duldete, ist uns gleichfalls verloren gegangen. Man kam nicht auf den Gedanken, ihn ins Kolossale zu steigern, ihn über die ganze Breite und Höhe des Gebäudes auszudehnen. Man hat ihn nicht in die Breite entwickelt und auch nicht vergrößert, sondern man wandte ihn in seiner gewöhnlichen Form an. Ist es da ein Wunder, daß Gebäude, die eines mächtigen Portikus bedurft hätten, leer erschienen, da nur über den Portalen einige auf Säulen ruhende Giebel angebracht wurden. Die in Kirchen und Palästen über ihm aufgebauten Massen und Türme, die seinem Charakter gar nicht entsprachen, erdrückten und vernichteten ihn vollends. So ist auch ein Dichter, der kein großes Genie besitzt, stets unzufrieden mit einem einfachen Sujet, und statt es neu zu entwickeln und ins Große zu steigern, verkoppelt er es mit einer ganzen Reihe anderer. Seine Dichtung wird durch die Buntheit der verschiedenen Gegenstände nur belastet, aber es fehlt ihr an einem beherrschenden Gedanken, und so bildet sie kein harmonisches Ganzes mehr.

Zu Beginn des XIX. Jahrhunderts begann sich plötzlich die Idee der attischen Schlichtheit zu verbreiten, sie wurde -- wie das immer zu geschehen pflegt -- zur Mode und legte ihren Stempel auf alles, selbst auf die Kleider der Frauen, die sich in leichte nachlässige Hetärengewänder verwandelten. Man hätte meinen können, die Zeit hätte sich noch weiter in das Studium der Antike vertiefen und ihren Geist noch umfassender ergründen müssen, und doch trug alles, was nach ihrem Vorbild erbaut wurde, den Stempel des Kleinlichen und Miniaturhaften. Man lernte wohl die Kunst, die Teile miteinander zu verbinden und zu harmonisieren, nicht aber _die_, dem Ganzen Größe zu verleihen und ihm die Proportion zu geben, die das Staunen und die Bewunderung des Beschauers erregen konnte. Diese neue Strömung gab sich fast ausschließlich in der Errichtung kleiner Lauben, Gartenpavillons und ähnlichen Spielereien aus. Diese Dinge hatten wohl mancherlei Attisches an sich, aber man mußte sie durch das Mikroskop betrachten. Bei großen öffentlichen Gebäuden dagegen hielt man es nicht für nötig, sich von diesem Stil leiten zu lassen; und so wurde dieser schließlich primitiv und einfach bis zur Plattheit. Eine überaus schädliche Richtung in der Architektur führte zu der Idee der Proportion, aber nicht zu der, die ein Gebäude in Beziehung auf sich selbst, sondern nur zu der, die es in Beziehung auf die es umgebenden Bauten haben muß. Das ist fast ebenso, wie wenn ein Genie sich von allem Originellen und Ungewöhnlichen fernhalten wollte, weil die gewöhnlichen Menschen sonst gar zu armselig und unbedeutend erscheinen würden. Diese Proportionalität bestand auch darin, daß ein Gebäude, so groß seine Dimensionen an sich auch sein mochten, unbedingt klein erscheinen mußte. Man isolierte es und suchte einen so gewaltigen und breiten Platz für es aus, daß es einen noch weit unbedeutenderen Eindruck machen mußte. Es war fast so, als gölte es vor allem, den Gedanken einzuprägen, daß das Große gar nicht groß sei, und als wollte man die Achtung und die Andacht vor dem Großen gewaltsam in der Seele ersticken und den Menschen gegen alles gleichgültig machen.

Man begann nun, allen städtischen Gebäuden eine ganz platte einfache Form zu geben. Die Häuser suchte man einander so ähnlich wie möglich zu machen, aber sie glichen mehr Scheunen und Kasernen, als heiteren Wohnstätten von Menschen. Ihre ganz glatte Form gewann durchaus nicht an Lebhaftigkeit durch die kleinen, regelmäßigen Fenster, die gegenüber dem ganzen Gebäude das Aussehen von zusammengekniffenen Augen annahmen. Und auf diese Architektur waren wir noch vor kurzem so stolz, hielten sie für die höchste Blüte des Geschmacks und erbauten ganze Städte in ihrem Stile. Wenn sich heutzutage jemand erkühnte, inmitten dieser glatten einförmigen Häusermassen einen Bau zu errichten, der den Stempel eines eigenartigen, scharf ausgeprägten Stiles trüge, oder unmittelbar neben ein Gebäude im attischen Geschmack ein anderes gotisches zu setzen -- man würde ihn sicherlich für halb verrückt halten! Und darum haben ja auch die neuen Städte gar keine Physiognomie: sie sind alle so regelmäßig, so einförmig, so monoton; wenn man eine Straße kennen gelernt hat, fühlt man sich schon gelangweilt und verspürt durchaus keinen Wunsch, in eine zweite hineinzublicken. Das ist eine lange Reihe von Mauern und weiter nichts! Vergebens sucht das Auge nach einem Punkt, wo sich eine Mauer von der ununterbrochenen Reihe loslöst, in die Höhe schießt und in kühn geschwungener Wölbung nach den Wolken strebt oder in einen gewaltigen Turm ausmündet. Eine alte deutsche Stadt mit ihren engen Gassen, ihren bunten Häusern und ihren hohen Glockentürmen bietet ein Bild dar, das unserer Einbildungskraft weit mehr zu sagen hat; selbst die Ansicht einer morgenländischen Stadt mit ihren hohen schlanken Minaretts, ihren bunten orientalischen, ganz im Grün der Gärten ertrinkenden Kuppeln hat weit mehr Charakter und strömt mehr Poesie und Phantasie aus als unsere europäischen Städte mit ihrer modernen Architektur.

Große und kolossale Türme gehören unbedingt zu einer Stadt, ganz abgesehen von der großen Bedeutung, die sie für die christlichen Kirchen haben -- sie bieten nicht nur einen schönen Anblick dar und dienen ihnen nicht nur zum Schmuck, sie sind auch darum so notwendig, weil sie einer Stadt ein scharfes charakteristisches Gepräge geben und die Rolle eines Leuchtturms spielen, der jedem den Weg weist und ihn davor bewahrt, sich zu verirren. Noch notwendiger sind sie für die Hauptstädte, da sie günstige Punkte darbieten, von denen aus man die Umgebung beobachten kann. Bei uns begnügt man sich gewöhnlich schon mit einer Höhe, die gerade ausreicht, das Stadtbild zu überblicken. Und doch wäre es für eine große Stadt von hervorragender Bedeutung, einen Überblick über eine Fläche von mindestens 150 Werst in allen Richtungen zu haben. Dazu würden wahrscheinlich schon ein oder zwei Stockwerke mehr genügen, und das Bild würde sich sofort ändern, denn bei der Erhöhung des Standortes nimmt die Peripherie des Horizontes in ungeheurer Progression zu. Die Hauptstadt gewinnt damit einen großen Vorteil, wenn ihr der Überblick über die Provinz gewährleistet wird und wenn sie die Dinge schneller vorauszusehen vermag; ein Gebäude, das das gewöhnliche Maß übersteigt, nimmt sogleich ein majestätisches Ansehen an. Auch der Architekt hat nur Vorteil davon, denn die Größe des Baues spornt seine Begeisterung zu höherem Fluge und regt seine Einbildungskraft lebhafter an.

Diese Richtung in der Architektur schien dagegen ihre Größe wie mit Absicht verbergen zu wollen, während sie doch gerade ihre Raumwirkung um so stärker hätte betonen sollen. Nein, das Gesetz der Größe ist ein anderes: ein Gebäude muß sich fast unmittelbar über dem Haupte des Beschauers bis ins Grenzenlose erheben, auf daß sich ein plötzliches Staunen seiner bemächtige, und er muß kaum imstande sein, die ganze Höhe mit den Augen auszumessen. Daher ist es immer besser, wenn ein Gebäude auf einem kleinen Platze steht. In diesen darf eine Straße münden, so daß man den Bau von ferne in perspektivischer Verkürzung übersehen kann; in der Nähe aber muß er eine überwältigende Größe haben. Es ist auch gut, wenn eine Straße an ihm vorbeiführt, wenn an seinem Eingangstor Wagen donnernd vorüberrollen, wenn sich Menschen um ihn drängen und durch ihre Kleinheit seine Größe noch gewaltiger erscheinen lassen. Gebt nur dem Menschen mehr Raum, und er wird höher und stolzer emporblicken auf die vor ihm liegenden Gegenstände. Alles wird ihm klein erscheinen. Wir sind so seltsam konstruiert; unsere Nerven sind so merkwürdig eingerichtet, daß nur das Plötzliche, das uns beim ersten Blick Betäubende uns erschüttert. Daher muß die Höhe eines Gebäudes im Verhältnis zum Platze, auf dem es steht, wachsen. Wenn es vom äußersten Ende des Platzes aus klein erscheint und der Beschauer nicht in Staunen und Verwunderung versetzt wird, sondern dazu erst näher herankommen muß, dann ist es nichts mit dem Gebäude, und zugleich damit sind die Mühen und die Kosten, die es verursacht hat, dahin.

Aber kehren wir zu der Schlichtheit des Stiles zurück, der unser XIX. Jahrhundert beeinflußt hat. Selbst die Griechen fühlten es, daß die ewigen geraden Linien und die vollkommene Schlichtheit bei einem Gebäude gar zu platt wirken müssen, besonders wenn eine größere Anzahl solcher Bauten nebeneinander stehen. Sie fühlten, daß die strenge Regelmäßigkeit und Einfachheit unbedingt in der nächsten Umgebung irgendeinen Gegensatz herausforderten, um originell zu wirken und aufzufallen. Und daher überwölbten sie ihre Häuser mit einem Laubdach. Und in der Tat, das blendende Weiß der geraden Wand oder des schlanken Giebels mit seinen Säulen hebt sich überaus schön von dem grünen Dunkel des Laubes ab. Denn es bildet einen Kontrast zu dem wolkigen Dickicht der Bäume, die ihre Zweige fast immer unregelmäßig, aber darum um so schöner darüber ausbreiten. Auch wenn ihre Gebäude von anderen Bauten umgeben waren und mitten in der Stadt standen, empfanden sie dies Übermaß an Schlichtheit und versuchten es daher, ihnen möglichst viel Abwechslung zu geben. Zunächst dachten sie an die Natur und an Bäume; aber in der Stadt ist der Baum ein teures Objekt, und so verfielen sie darauf, statt der glatten dorischen Säulen immer häufiger korinthische mit Kapitälen aus krausem Blattwerk zu verwenden; überhaupt kamen alle Völker instinktiv darauf, ihre Gebäude mit Blättern oder Weinranken und -trauben oder anderen Zieraten, die entfernt an Baumzweige erinnerten, zu schmücken. Sie folgten dabei blind und unwillkürlich einer dunkeln Eingehung ihres Geschmacks. In der gotischen Architektur spiegelt sich der Eindruck von einem dunklen Urwaldgestrüpp, wo seit unvordenklichen Zeiten nie der Schlag einer Axt ertönte, am deutlichsten wieder. Diese sich in unendlichen Linien verlierenden Ornamente, dieses Netz durchbrochenen Schnitzwerks ist nichts anderes als die ferne Erinnerung an den Baumstamm mit seinen Ästen, Zweigen und Blättern. Daher stelle man ruhig neben einen gotischen Bau eine griechische Architektur in ihrer schlichten Anmut. Sie wird zwischen ihnen dastehen wie in einer Umgebung von herrlichen, majestätischen Bäumen, und der griechische wie auch der gotische Bau werden dadurch noch an Reiz gewinnen. Die höchsten Effekte werden durch schroffe Gegensätze erzielt. Die Schönheit wirkt nie glänzender und auffälliger als im Kontrast; ein Kontrast wirkt nur dort häßlich, wo er das Produkt eines rohen Geschmacks oder richtiger des Mangels an jeglichem Geschmack ist; wo er dagegen unter der Herrschaft eines feinen und edlen Geschmackes steht, da ist er die Vorbedingung für alles andere und da wirkt er in gleichem Maße auf alle Menschen. Die einzelnen Teile stehen untereinander in einem harmonischen Verhältnis, nach demselben Gesetz, nach dem die hellgelbe Farbe mit der dunkelblauen, die weiße mit der hellblauen, die hellrote mit der grünen usw. harmonieren.

Alles hängt vom Geschmack und von der Kunst der Gruppierung ab, nur muß man es vermeiden, bei ein und demselben Gebäude verschiedene Geschmacksrichtungen und Stile miteinander zu vermischen. Man lasse ein jedes für sich ein Ganzes und Ursprüngliches bilden, dann darf der Gegensatz zwischen diesen eigenartigen Individuen und ihr Verhältnis zueinander schroff und kraftvoll sein. Je mehr Denkmäler der verschiedensten Baustile eine Stadt aufzuweisen hat, um so interessanter ist sie, um so häufiger wird sie die Aufmerksamkeit des Beschauers auf sich lenken und ihn dazu veranlassen, bei jedem Schritt stehenzubleiben und zu genießen. Wäre es denn etwa wünschenswert, daß der Spaziergänger in einem englischen Garten statt der langen Reihe überraschender Bilder immer nur denselben Weg wiederfände oder doch immer solche Alleen, die durch ihre Ausblicke so sehr an schon früher Gesehenes erinnern, daß sie einem längst bekannt vorkommen.

Wir bedürfen durchaus einer gewissen Toleranz; denn ohne sie ist in der Kunst nichts zu erreichen. Alle Stilarten sind schön, wenn sie in _ihrer Art_ schön sind. Jeder Stil, der glatte und massive der Ägypter, der kolossale und bunte der Indier, der prächtige maurische Stil, der finstere durchgeistigte gotische, der anmutige griechische Stil -- sie alle sind schön, wenn sie der Bestimmung des Baues entsprechen. Sie alle wirken majestätisch, wenn sie nur richtig verstanden werden.

Wenn man jedoch von mir verlangte, ich solle einem von diesen verschiedenen Baustilen einen entschiedenen Vorzug geben, so würde ich immer den gotischen wählen. Er ist rein europäisch, ein reines Erzeugnis des europäischen Geistes -- und darum steht er uns auch am besten an. Seine wunderbare Erhabenheit und Schönheit übertrifft alle andern, aber ich flehe euch an, habt Mitleid mit ihm und verunstaltet und korrumpiert ihn nicht. Blickt häufiger hin auf den berühmten Kölner Dom, -- da habt ihr ihn in seiner ganzen Vollkommenheit und Majestät. Weder die Antike noch die Moderne haben je ein herrlicheres Denkmal erschaffen. Ich ziehe die gotische Architektur auch noch darum vor, weil sie den Künstlern mehr Spielraum gewährt. Die Phantasie strebt lebendiger und feuriger in die Höhe als in die Breite; daher darf man den gotischen Stil auch nur bei Kirchen und solchen Bauten anwenden, die sich hoch zum Himmel emporrecken. Die Linien und die der Gesimse entbehrenden gotischen Pilaster müssen eng gedrängt das ganze Gebäude durchziehen. Keinesfalls dürfen sie zu weit voneinander abstehen, und niemals darf die Länge des Gebäudes seine Breite nicht mindestens um zwei- oder sogar dreimal überragen. Denn dann vernichtet es sich selbst. Richtet es auf, wie es dies verlangt, höher, immer höher, laßt seine Mauern emporstreben und dicht, wie von Pfeilen, Pappeln oder Föhren, von unzähligen Eckpfeilern umgeben sein. Nirgends darf es Horizontale und Ruhepunkte geben, nirgends Gesimse, die dem Ganzen eine andere Richtung verleihen und die Dimension des Gebäudes verringern. Alle Linien müssen vom Fundament bis zur Spitze ihre Richtung bewahren. Größere Fenster, von mannigfaltigster Form und kolossalen Verhältnissen! Eine leichte ätherische Spitze, und je mehr sich der Bau in die Höhe schwingt, um so durchsichtiger, schwebender muß er werden. Vor allem aber vergesse man die Hauptsache nicht: es darf kein Verhältnis zwischen der Höhe und der Breite bestehen. Das Wort »Breite« muß völlig verschwinden. Hier gibt es nur eine gesetzgebende Idee: die Höhe.

Ich bin überzeugt, daß mancher einwenden wird, die Errichtung eines gar zu hohen Baues sei nutzlos: was wir brauchen, ist mehr Raum, die Höhe habe keinen Wert für uns und sei ein unproduktiver Aufwand von Material. Aber ich rate ja auch gar nicht dazu, diesen gotischen Stil bei Theatern, Börsen oder Vereinshäusern, wie überhaupt bei Bauten anzuwenden, die die Bestimmung haben, Sammelplätze für das Amüsement, für Händler und Arbeiter zu sein. Jeder wird mit mir einverstanden sein, daß es keinen erhabeneren, großartigeren und passenderen Stil für ein Wohnhaus des Christengottes gibt, als den gotischen. Wem aber würden wir dann entsagen? was aufgeben? Alles Erhabene, alles Gewaltige, bei dessen Anblick alle Gedanken sich auf ein Ziel richten und den Betenden von seiner niederen Hütte abziehen. Hier ist es vielleicht am Platze, sich der alten großen Wahrheit zu erinnern, daß das Volk nicht imstande ist, die Religion in derselben Reinheit und Körperlosigkeit zu erfassen, wie ein Mensch von höherer Bildung, daß auf den gemeinen Mann die sichtbaren Gegenstände den stärksten Eindruck machen und daß, je geringer diese Wirkung auf ihn, desto schwächer auch seine Begeisterung und sein einfältiger Glaube ist. Die Pracht versetzt den schlichten Mann in eine Art von Betäubung, und sie ist die einzige Feder, die den Wilden bewegt. Das Ungewöhnliche macht einen Eindruck auf jeden Menschen, aber nur dann, wenn es von schroffer Kühnheit ist und einem in die Augen sticht. Hier ist keine Sparsamkeit und kein Geiz am Platze, vielmehr würde die Sparsamkeit an dieser Stelle in ihr Gegenteil umschlagen, und der Vorteil, der sich aus ihr ergäbe, käme dem eines einzelnen Menschen gegenüber dem der ganzen Menschheit gleich.

Walter Scott war der erste, der den Staub von dem gotischen Stil entfernte und die Welt auf seine Vorzüge hinwies. Von da ab begann er sich rapide zu verbreiten. In England wurden alle neuen Kirchen im gotischen Stile gebaut. Sie sind sehr hübsch, sehr gefällig für das Auge, aber ach! es fehlt die wahre Größe, die uns in den großen Baudenkmälern der Vorzeit entgegentritt. Trotz der Spitzbögen über den Fenstern und trotz der Türme ist der wahrhaft gotische Charakter in ihnen nicht überall gewahrt, und oft entfernen sie sich zu weit von ihren Vorbildern. Einmal sind sie an und für sich schon nicht kolossal genug (ein großer Mangel bei einem gotischen Gebäude!) und ferner fehlt jener Wald vierkantiger, schlanker Pfeiler und Linien, die sich einträchtig durch den ganzen Bau hindurchziehen, oder er ist mit Bewußtsein beiseite gelassen worden, und die daher rührende Glätte verleiht ihnen unwillkürlich einen anderen Charakter.

Durch die machtvolle Sprache Walter Scotts begann der gotische Stil sich schnell überall zu verbreiten und überall einzudringen. Noch ehe er Zeit hatte, sich zu wahrer Größe zu erheben, wurde er kleinlich und spielerisch. Landhäuser, Schränke, Paravents, Tische, Stühle -- alles wurde gotisch. Und die mächtigen und herrlichen Ornamente wurden zu allerhand Spielereien verwandt. Unser Jahrhundert ist so klein, unsere Wünsche und Neigungen sind so zersplittert, unsere Kenntnisse sind so enzyklopädisch, daß wir unsere Gedanken gar nicht auf einen einzigen Gegenstand zu konzentrieren vermögen. Und daher zerstückeln wir alles, was wir hervorbringen, indem wir lauter Nichtigkeiten und Nippes erzeugen. Wir besitzen die wunderbare Gabe, alles ins Kleinliche und Gewöhnliche herabzuziehen. Die ägyptische Architektur, deren ganze Wirkung auf ihren ungeheuren Dimensionen beruht, verwenden wir beim Bau von kleinen Brücken und Torbögen, deren Spitze ein vorüberfahrender Droschkenkutscher mit der Hand erreichen kann. Den gotischen Stil verwenden wir bei der Anfertigung von Ohrgehängen und Uhrgehäusen und den griechischen bei der Anlage von Gartenlauben. Dagegen bedienen wir uns bei großen öffentlichen Gebäuden einer Architektur, der man kaum einen eigenen Stil zuschreiben kann. Sie ist so sinnlos, stellt eine derartige unharmonische Verbindung von Teilen dar und verrät einen solchen Mangel an Phantasie, daß man sie unmöglich als einen eigenartigen charaktervollen Stil anerkennen kann.