Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 32

Chapter 323,478 wordsPublic domain

Hier erschien selbst die Armut in einem heiteren Lichte, sorglos und unbekannt mit Qualen und Tränen streckte sie unbefangen und schön ihre Hand aus; hier wirkte alles schön und heiter: die malerischen Regimenter von Mönchen, die in langen weißen und schwarzen Kleidern über die Straßen gingen, ein schmutziger rothaariger Kapuziner, der plötzlich in seinem hellen kamelfarbenen Kleide in der Sonne aufleuchtete, endlich dieses ganze Künstlervolk, das sich hier von allen Weltenden zusammenfand, die engen Fetzen europäischer Kleidung fortwarf und in freien, malerischen Kostümen einherging, ihre würdigen majestätischen Bärte, wie wir sie auf den Porträts Leonardo da Vincis und Tizians finden, und die so wenig Ähnlichkeit mit dem häßlichen, schmalen Bärtchen haben, das sich der Franzose zurecht schneidet und dann fünfmal im Monat stutzen lassen muß. Hier bekam der Künstler ein Gefühl für das lange wallende Haar, das er sich in dichten Locken herunterfallen ließ. Hier erhielt selbst der Deutsche mit seinen krummen Beinen und seinem ungegliederten Körperbau einen bedeutenden Ausdruck, ließ sich seine goldenen Locken über die Schultern fallen und kleidete sich in eine leicht gefaltete griechische Bluse oder einen Sammetrock, wie er unter dem Namen Cinquecento bekannt ist und wie ihn nur die Künstler in Rom tragen. Auf ihren Gesichtern lagen die Spuren einer strengen Ruhe und einer friedlichen Arbeit. Selbst die Gespräche und Meinungsäußerungen, die man auf den Straßen, in den Cafés, in den Osterien vernahm, hatten keine Ähnlichkeit mit denen, die der Fürst in den anderen Straßen Europas gehört hatte, ja sie waren ihnen geradezu entgegengesetzt. Hier hörte man nichts von gefallenen Fonds, von Kammerdebatten oder von der spanischen Frage. Hier sprach man nur von einer neuerdings entdeckten antiken Statue, von der Kraft des Pinsels der großen Meister, hier stritt man sich und diskutierte über das neu ausgestellte Werk eines modernen Künstlers, über Volksfeste, oder man hörte hier Reden, in denen der Mensch sein Inneres preisgab, und die in Europa durch langweilige Salongespräche und politische Unterhaltungen verdrängt sind, die selbst jeden beseelten Ausdruck aus den Gesichtern vertrieben haben.

Oft verließ er die Stadt, um sich in der Umgegend umzusehen, und dann setzten ihn neue Wunder in Erstaunen. Wie herrlich waren diese stummen Wüsten der römischen Felder, die mit Ruinen antiker Tempel übersät, sich mit unbeschreiblicher Ruhe ringsherum erstreckten. Bald ließ die dichte Decke gelber Blüten sie ganz wie in Gold getaucht erscheinen, bald wieder ließen die roten Blüten wilden Mohns sie aufglühen wie eine neuentfachte Kohle. Nach vier verschiedenen Seiten bot sich ein vierfacher wunderbarer Anblick dar. Auf der einen Seite flossen die Felder unmittelbar in einer scharfen ebenen Linie mit dem Horizont zusammen. Die Arken der Wasserleitungen schienen in der Luft zu schweben und gleichsam auf den glänzenden silbernen Himmel aufgeklebt zu sein. Auf der andern Seite sah man hinter den Feldern die Berge hindurchschimmern. Sie türmten sich nicht wild und jäh aus der Ebene empor, wie in Tirol oder in der Schweiz, sondern in harmonischen fließenden Linien, sich hebend und senkend und umstrahlt von der herrlichen Klarheit der Luft, schienen sie zum Himmel emporfliegen zu wollen. An ihrem Fuße zog sich eine lange Arkade von Wasserwerken gleich einem langgestreckten Fundament dahin, der Gipfel der Berge glich der luftigen Fortsetzung eines wunderbaren Gebäudes, und die Farbe des Himmels war hier schon nicht mehr silbern, sondern hatte jenen unbeschreiblichen Ton des jungen Flieders. In einer dritten Richtung wurden diese Felder gleichsam durch Berge begrenzt, aber hier traten sie näher an sie heran, türmten sich höher empor, traten mit ihren Vorderreihen noch stärker hervor und verschwanden in sanften Abstufungen in der Ferne. Die dünne blaue Luft ließ ihre Farben wunderbar abgetönt erscheinen, und durch diese blaue ätherische Hülle hindurch sah man kaum merklich die Häuser und Villen von Frascati durchschimmern, hier leise und sanft berührt von den Strahlen der Sonne, dort untertauchend in dem Helldunkel kaum erkennbarer Heine, die in der Ferne erglühten. Aber wenn man sich plötzlich umdrehte, dann lag mit einemmal ein neues Bild vor einem. Die Felder gingen unmittelbar in die Stadt Rom über. Die Ecken und die Linien der Häuser zeichneten sich scharf und klar ab, in scharfen Konturen rundeten sich die Kuppeln, die Statuen des lateranischen Johann und die majestätische Kuppel der Peterskirche, die immer höher und höher emporstrebte, je mehr man sich von ihr entfernte, und die endlich den ganzen Horizont einsam beherrschte, wenn die ganze Stadt bereits verschwunden war. Noch mehr aber liebte er es, diese Felder während eines Sonnenunterganges von der Terrasse einer der Villen von Frascati oder Albano zu betrachten. Dann erschienen sie wie ein unübersehbares Meer, das hinter dem dunklen Gitter der Terrasse erglänzte und aufstieg. Alle Unebenheiten und Linien verschwanden in dem sie umspielenden Lichte. Anfangs erschienen sie noch grünlich, und hie und da erkannte man noch die Arken und Grabmäler, die auf ihnen verstreut waren, dann aber spielten sie plötzlich in regenbogenfarbenem Lichte, in hellen, durchscheinenden, gelben Tönen, und kaum noch konnte man die Ruinen der antiken Baudenkmäler erkennen. Endlich aber färbten sie sich immer tiefer purpurrot, verschlangen selbst die unendliche Kuppel und flossen in ein tiefes Himbeerrot zusammen, und nur noch der in der Ferne glänzende goldene Streifen des Meeres trennte sie von dem Horizont, der ebenso purpurrot dalag, wie sie. Niemals aber hatte er gesehen, daß die Felder gleich dem Himmel wie in Flammen getaucht waren. Lange stand er, ganz erfüllt von einer unbeschreiblichen Wonne, in diesen Anblick versunken, da, und dann hatte er wieder alles vergessen, selbst sein Entzücken. Und wenn dann auch die Sonne untergegangen war, der Horizont schnell erlosch und sich noch schneller, ja beinahe plötzlich die Felder verdunkelten, wenn dann der Abend sein finsteres Antlitz zeigte, Leuchtkäfer in feurigen Fontänen über den Ruinen emporschwirrten und jenes plumpe geflügelte Insekt, das aufrecht herangeflogen kommt wie ein Mensch und unter dem Namen Teufel bekannt ist, ihm plötzlich sinnlos ins Auge flog, dann erst merkte er, daß die Kälte der südlichen Nächte bereits herabgesunken war und ihn ganz durchschüttelte, und er beeilte sich, in die Straßen der Stadt zu kommen, um nicht an dem Fieber, wie es hier im Süden verbreitet ist, zu erkranken.

So floß sein Leben in dem Genuß der Natur, der Künste und der Antike dahin. Bei dieser Lebensweise erfaßte ihn plötzlich stärker als je der Wunsch, sich tiefer in die Geschichte Italiens zu versenken, die er bisher nur fragmentarisch und in einzelnen Episoden kennen gelernt hatte. Ohne dies wäre ihm die Gegenwart unvollständig und unvollkommen erschienen, und so machte er sich gierig daran, die Archive, die Chroniken und Memoiren zu studieren. Er konnte sie jetzt nicht bloß so lesen wie irgendein Italiener, der ewig in der Stube hockt, sich mit Leib und Seele in die beschriebenen Vorgänge versenkt und über der großen Zahl der Personen und der Ereignisse, die sich um ihn drängen, die große Masse, das Ganze übersieht; -- er konnte jetzt alles ruhig überschauen, wie aus einem Fenster des Vatikan. Sein Aufenthalt außerhalb Italiens inmitten des Lärms und der Bewegung tätiger Völker und Staaten diente ihm als strenge Prüfung und Probe bei allen Schlüssen und Folgerungen, und verlieh seinem Auge eine reiche Vielseitigkeit und einen allumfassenden Blick. Wenn er jetzt in den Geschichtsbüchern las, war er noch mehr und ohne alle Voreingenommenheit überrascht durch die Größe und den Glanz der italienischen Vergangenheit. Er war ganz erstaunt über die schnelle und vielseitige Entwicklung des Menschen auf einem so schmalen, engbegrenzten Fleckchen Erde, durch die mächtige und kraftvolle Regsamkeit aller Kräfte. Er sah, wie hier der Mensch in voller Tätigkeit war, wie jede Stadt ihre eigene Sprache sprach und ihre große Geschichte besaß, die ganze Bände ausfüllte, und wie hier mit einem Schlage alle Arten und Gestalten des bürgerlichen Lebens und der Regierungsformen entsprangen: -- ewig bewegte Republiken voll starker unbotmäßiger Charaktere, und mitten unter ihnen -- allmächtige Despoten, eine ganze Stadt voll königlicher Kaufleute, von geheimen Fäden der Regierung umsponnen unter der monarchischen Scheingewalt des einen Dogen; die Fremden, die herbeigerufen worden waren und nun inmitten der einheimischen Bewohner lebten, die starken Zusammenstöße und Abwehrmaßregeln im Schoße eines unbedeutenden Städtchens, der fast märchenhafte Glanz der Herzöge und Monarchen winziger Länder, alle die Mäzene, Protektoren und Inquisitoren, diese ganze Reihe großer Männer, die um ein und dieselbe Zeit zusammentrafen, die Lyra, der Zirkel, das Schwert und die Palette, diese Tempel, die mitten im Streit, im Kampf und während mächtiger Unruhen errichtet wurden, diese Feindschaften, die Blutrache, diese Züge des Großmuts und diese ganze Masse romantischer Ereignisse im bürgerlichen Leben, mitten im Wirbel des politischen, gesellschaftlichen Daseins, und das wundersame Band, das sich um dies alles schlang, eine so erstaunliche Entfaltung aller Seiten des politischen und bürgerlichen Lebens, ein solches Erwachen aller menschlichen Elemente in einem so engen Bezirk, die an andern Orten immer nur in Bruchstücken und auf großen Flächen zur Darstellung kamen! -- Und das alles war plötzlich verschwunden, plötzlich dahin, alles war erloschen wie erkaltete Lava und von Europa selbst aus seinem Gedächtnis getilgt, wie ein alter unnützer Plunder.

Nirgends, nicht einmal in den Journalen läßt uns das arme Italien seine des Diadems beraubte Stirn sehen; mit seiner politischen Bedeutung hat es jeden Einfluß auf die Welt verloren.

»Wie aber,« dachte er, »wird denn sein Ruhm nie wieder auferstehen? Gibt es denn gar kein Mittel, ihm seinen entschwundenen Glanz wiederzugeben?« Und er gedachte der Zeit, als er noch als Student der Universität, als er in Lucca von der Zurückführung der ruhmreichen Vergangenheit geträumt hatte; er erinnerte sich, wie dies der liebste Gedanke der italienischen Jugend gewesen war und wie sie gutmütig und treuherzig beim vollen Becher davon geschwärmt hatten. Und nun mußte er erkennen, wie kurzsichtig diese jungen Leute gewesen waren und wie kurzsichtig die Politiker sind, die dem Volke Trägheit und Sorglosigkeit vorwerfen. Und eine dunkle Ahnung des mächtigen Fingers, vor dem der Mensch verstummt und sich demütig beugt, des mächtigen Fingers, der den Weltereignissen ihr Ziel und ihren Gang vorschreibt, bemächtigte sich seiner und erfüllte sein Gemüt mit Staunen und Ehrfurcht. Aus dem Schoße Italiens hatte Er den armen von seinem eigenen Heimatlande verfolgten Genueser emporsteigen lassen, der allein sein ganzes Vaterland zugrunde richten sollte, indem er ein neues unbekanntes Land und neue weite Seewege entdeckte. Der Horizont der Welt erweiterte sich; das Leben Europas erhielt einen mächtigen Schwung und ward erfüllt von lebhafter Bewegung. Schiffe begannen die Welt zu umsegeln und machten die mächtigen Kräfte des Nordens frei. Das Mittelmeer verödete, und wie das versandende Bett eines Flusses, versandete Italien, das in dem Wettstreit zurückgeblieben war. Noch steht Venedig, noch spiegeln sich seine erloschenen Paläste in den Wellen des Adriatischen Meeres, und ein herzzerreißender Schmerz erfüllt die Seele des Fremden, wenn ihn der Gondelführer gebeugten Hauptes an den kahlen Mauern und zerstörten Brüstungen stummer marmorner Balkone vorüberrudert. Stumm liegt Ferrara da und schreckt uns mit dem drohend finstern Anblick seines herzoglichen Schlosses. Traurig und öde stehen in ganz Italien die gebeugten Türme und die architektonischen Wunder inmitten einer Generation, die gleichgültig zu ihnen emporsieht. Laut schallt das Echo durch die einst so lebhaften Straßen, und der ärmliche Vetturino hält vor einer schmutzigen Osteria, die sich in einem prunkvollen Schloß angesiedelt hat. Im härenen Bußkleid des Bettlers wandelt das heutige Italien einher, und wie staubige Lumpen hängen an ihm die Fetzen seines verblichenen Königsmantels.

In einer Aufwallung tiefen Seelenschmerzes hätte er mitunter sogar Tränen vergießen können. Aber dann bemächtigte sich seiner von selbst ein großer trostreicher Gedanke, und ein höheres Ahnungsvermögen gab ihm die Gewißheit, daß Italien noch nicht gestorben sei, daß die Spuren seiner ewigen unerschütterlichen Macht über die ganze Welt sich noch fühlbar machten, daß sein gewaltiger Genius ewig über dem Lande schwebt, er, der von Anbeginn das Schicksal Europas in seinen Busen gelegt hatte, der das Kreuz in die finsteren europäischen Wälder trug, der mit dem Schifferhaken der bürgerlichen Ordnung den an ihren fernen Grenzen hausenden halbwilden Menschen an sich zog, der die Glut des Verkehrs und des Welthandels entfachte, die Listen der Politik und das verwickelte Federwerk der bürgerlichen Verhältnisse spielen ließ, all seine geistigen Kräfte glanzvoll entfaltete, seine Stirn mit dem heiligen Kranze der Poesie umwand, und als der _politische_ Einfluß Italiens bereits zu schwinden begann, die Welt mit herrlichen Wundern erfüllte: mit Kunstwerken, die den Menschen mit nie geahnten Genüssen und göttlichen Gefühlen beschenkten, wie sie bisher noch nie den Schächten seiner Seele entstiegen waren. Und als nun auch das Jahrhundert der Kunst zur Neige ging und die ganz von ihren Rechnungen und Geschäften in Anspruch genommenen Menschen für sie erkalteten, da schwebt er über der Welt und wird er getragen von den klagenden Seufzern der Musik, und an den Ufern der Seine, an der Newa, an der Themse, an der Moskwa, am Mittelmeer und am Schwarzen Meer, an den Küsten Algeriens und auf fernen, vor kurzem noch halbbarbarischen Inseln ertönt begeisterter Beifall zum Preise der unser Ohr mit Wohllaut erfüllenden Sänger. Und endlich beherrscht er selbst durch sein ehrwürdiges Alter und als Bild des Verfalls und der Verwesung drohend die Welt: diese erhabenen architektonischen Wunder blieben uns erhalten wie ein mahnender Schatten, als ein ewiger Vorwurf, um Europa seinen kleinlichen chinesischen Luxus und seine kindliche, spielerische, geistige Zersplitterung entgegenzuhalten. Dieser ganze Haufen untergegangener Welten und diese wunderbare Mischung mit der ewig blühenden Natur -- das alles existiert nur zu dem Zweck, um die Welt aufzurütteln, um den Bewohner des Nordens zuweilen wie im Traum diesen Süden sehen zu lassen, es existiert nur, damit der Gedanke an ihn, ihn aus dem kalten Leben und all der Geschäftigkeit, die die Seele verhärtet und erstarren läßt, herausreiße und über sich emporhebe, indem sich plötzlich ein leuchtender, den Menschen weit mit sich forttragender Ausblick vor ihm auftut, ihm eine coliseische mondbeglänzte Nacht, das in Schönheit sterbende Venedig, ein unsichtbares Leuchten des Himmels und das warme Gekose der herrlichen Luft vorzaubert -- auf daß er wenigstens _einmal_ in seinem Leben ein _schöner Mensch_ sei.

In einem solchen feierlichen Augenblick söhnte er sich mit dem Niedergang und Verfall seines Vaterlandes aus, und nun glaubte er, überall Keime des ewigen Lebens und einer besseren Zukunft zu erblicken, die uns der ewige Schöpfer der Welt unablässig bereitet. In solchen Augenblicken dachte er auch häufig über die Bedeutung des römischen Volkes für die Gegenwart nach; und es schien ihm, als ob hier noch ein ganz unverbrauchtes Material vorliege. In den Epochen des Glanzes hatte es auch nicht ein _einziges_ Mal eine bedeutende Rolle gespielt; nur die Päpste und die adligen Familien hatten ihre Namen ins Buch der Geschichte eingezeichnet, das Volk aber war unbeachtet geblieben. Das Spiel der Interessen in ihm und um es herum hatte nicht in seinen Kreis eingegriffen und es nicht mit sich fortgerissen; noch war es unberührt von jeglicher Bildung geblieben, die wie ein Sturmwind die in ihm schlummernden Kräfte aufgerüttelt hätte. Etwas von kindlicher Güte und Vornehmheit lag in seiner Natur. Dieser Stolz auf den römischen Namen, der Grund weshalb ein großer Teil der Bürger, die sich für Nachkommen der alten Quiriten hielten, nie eine ehrliche Verbindung mit andern Bevölkerungsklassen einging; dieser aus Gutmütigkeit und Leidenschaft gemischte Charakter, ein Beweis für seine Schönheit und Reinheit (der Römer vergißt nie das Gute oder Böse, das ihm angetan wird; er ist entweder gut oder böse, verschwenderisch oder geizig, seine Laster und Tugenden ruhen noch in ihren ursprünglichen Schächten und haben sich noch nicht zu einem unbestimmten Ganzen vermischt wie beim Menschen unserer Zivilisation, der alle möglichen Leidenschaften, jedoch nur in ganz geringen Dosen besitzt und bei dem sie alle unter der Oberherrschaft des Egoismus stehen); diese Unmäßigkeit und diese Neigung, aus dem Vollen zu genießen -- ein allgemein verbreiteter Zug bei allen starken Völkern -- das alles wurde für ihn von großer Bedeutung. Und dann diese strahlende ungekünstelte Heiterkeit, wie wir sie heute kaum bei einem andern Volke finden, überall, wo der Fürst hingekommen war, hatte er den Eindruck gewonnen, als mache man mühsame Anstrengungen, das Volk zu _zerstreuen_ und zu unterhalten; hier dagegen unterhielt es sich selbst, hier wollte es selbst mit teilnehmen; während des Karnevals war es kaum zu zügeln; alles, was es im Laufe eines Jahres zurückgelegt hatte, war es bereit, in diesen einundeinhalb Wochen wieder durchzubringen; für ein Kostüm konnte es sein ganzes Geld ausgeben; der einfache Mann verkleidet sich als Bajazzo, als Weib, als Poet, als Doktor oder Graf, schwatzt euch allerhand törichtes Zeug vor oder hält euch wohl gar eine Vorlesung, ob ihr nun zuhört oder nicht -- und diese Fröhlichkeit ergreift alle miteinander wie ein Wirbel, vom vierzigjährigen Mann bis zum jüngsten Burschen, der letzte Bettler, der nichts hat, was er anziehen könnte, wendet seinen Kittel um, schwärzt sich sein Gesicht mit Kohle, schließt sich dem bunten Haufen an und läuft mit. Und diese Heiterkeit entspringt ganz einfach seiner Natur, sie ist kein Produkt des Rausches, denn dasselbe Volk pfeift einen Betrunkenen aus, wenn es ihm auf der Straße begegnet. Und dann -- diese Züge eines angeborenen künstlerischen Instinkts und Gefühls! hatte doch einmal in Gegenwart des Fürsten eine einfache Frau einen Künstler auf einen Fehler in seinem Gemälde aufmerksam gemacht; er sah, wie dieses Gefühl sich in der malerischen Kleidung und in dem Schmuck der Kirchen ausprägte, sah wie das Volk in _Gensano_ die Straßen mit Blumenteppichen bedeckte, wie die vielfarbigen Blumenblätter sich zu bunten Flecken und Schatten verwandelten und auf dem Pflaster zu allerhand Figuren gruppierten -- zu dem Wappen eines Kardinals, zum Bilde des Papstes, zu einem Namenszug, zu Vögeln, Tieren und verschieden gestalteten Arabesken; er sah, wie die Eßwarenhändler, die Pizzicaruoli am Abend vor Ostersonntag ihre Läden ausschmückten: die Schinken, die Würste, die weißen Schweinsblasen, die Zitronen und allerhand Blätter ordneten sich zu einem bunten Mosaik zusammen, das einen _Plafond_ darstellte. Die zylindrischen Parmesankäse und andere Käsesorten bildeten ganze Säulenreihen, indem sie sich übereinander türmten; Talgkerzen gruppierten sich zu dem mosaikartigen Gewebe eines Vorhanges, der die inneren Wände schmückte; da sah man ganze Statuen und historische Gruppen, die einen christlichen oder biblischen Stoff darstellten, aus schneeweißem Talg gegossen, den der erstaunte Beschauer für Alabaster halten mußte -- der ganze Boden verwandelte sich in einen heiteren Tempel, in dem vergoldete Sterne erstrahlten, der von kunstvoll aufgehängten _Ampeln_ erleuchtet wurde und in dessen Spiegelscheiben sich zahllose Haufen von Ostereiern spiegelten. Zu alledem ist ein gewisser Geschmack erforderlich, und der Pizzicaruolo machte das nicht, weil es ihm etwas einbrachte, sondern nur um andere und sich selbst an diesem Anblick zu erfreuen. Und endlich war dies ein Volk, das sich seiner eigenen Würde bewußt war: hier bildete es das Volk: _il popolo_, und nicht den gemeinen Pöbel; es war sich bewußt, die wahren Urelemente des ersten Quiritenzeitalters in sich zu tragen; nicht einmal die fremden Reisenden, diese Verführer, die die Korruption in die müßig dahinlebenden Völker tragen, -- brachten es fertig, dies Volk zu verderben, obwohl sich freilich infolge der Überflutung mit fremden Gästen die Gasthäuser und die Landstraßen mit einer Klasse von verächtlichen Leuten bevölkern, nach denen sich der Reisende häufig ein Urteil über das ganze Volk bildet. Sogar die Torheit der Regierungsmaßnahmen, dieser zusammenhanglose Haufen aller möglichen Gesetze, die zu den verschiedensten Zeiten und unter ganz verschiedenartigen Verhältnissen entstanden waren, und noch bis heute nicht wieder aufgehoben sind, unter denen es sogar Edikte gibt, die aus der alten römischen Republik stammen, selbst sie haben es nicht vermocht, in diesem Volke das hohe Rechtsbewußtsein zu entwurzeln. Er verfolgt den unehrlichen Gläubiger mit seinem Tadel, begleitet den Leichenzug der Verstorbenen mit Pfeifen und spannt sich großmütig vor den Leichenwagen, der den Leib eines vom Volke geliebten Mannes mit sich führt. Selbst das Betragen der Geistlichkeit, das häufig Ärgernis erregen könnte und in andern Ländern Sittenlosigkeit und Korruption zur Folge haben würde, scheint keinen Eindruck auf das Volk zu machen: denn es versteht die Religion von ihren heuchlerischen Dienern zu unterscheiden und ist noch nicht angekränkelt von dem kalten Geist des Unglaubens. Und schließlich haben es selbst die Not und die Armut, diese unvermeidlichen Begleiterscheinungen eines stagnierenden Staates, nie zu finsteren Übeltaten verleitet: dieses Volk bleibt immer heiter, erträgt alles mit Ruhe, und nur in Romanen und Erzählungen lesen wir von Mordtaten und Messerstechereien auf den Straßen. Aus diesen Zügen ersah der Fürst, daß er es hier mit einem starken, noch unberührten Volke zu tun hatte, dem sich offenbar in der Zukunft noch ein großes Feld der Betätigung eröffnen mußte. Die europäische Bildung hatte es, wie es schien, mit Absicht übergangen und keine ihrer Vollkommenheiten in seinem Busen Wurzeln schlagen lassen. Selbst die geistliche Herrschaft, dieses seltene Schattengebilde, das sich aus einer vergangenen Zeit herübergerettet hatte, hatte sich gleichsam nur zu dem Zwecke erhalten, um die Nation vor fremden Einflüssen zu behüten, damit keiner der ehrgeizigen Nachbarn sich an ihm vergreife, und damit sein stolzes Volkstum in stiller Einsamkeit warte, bis seine Stunde kommen werde. Und dennoch hatte man hier in Rom nicht den Eindruck der Totenstarre; selbst diese Ruinen und die prunkvolle Armut strömten nichts von jener peinigenden, wühlenden Stimmung aus, die uns bei der Betrachtung der Überreste einer bei lebendigem Leibe verwesenden Nation befällt. Hier war man von dem entgegengesetzten Gefühl beherrscht: von einer heiteren, feierlichen Ruhe. Und jedesmal, wenn der Fürst an dies alles dachte, versank er unwillkürlich in Sinnen, und es schien ihm, als läge eine seltsame geheimnisvolle Bedeutung in dem Worte: »das ewige Rom«.