Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 3

Chapter 33,689 wordsPublic domain

[Fußnote 1: Dieser Abschnitt ist dem Roman »Der Hetman« entnommen, dessen erster Teil vom Autor verbrannt wurde, weil er ihn nicht befriedigte. Wir bringen an dieser Stelle die zwei einzigen Kapitel, die überhaupt im Druck erschienen sind.]

Unterdessen überschritt unser Abgesandter die Grenze, die heute den Pirjatinsker Kreis von dem Lublinschen Kreise trennt. Damals gab es in Kleinrußland noch keine allgemeine Landstraßen, dafür aber kannte ein jeder irgendeinen kleinen Weg, der nach seiner Meinung der allerkürzeste war. Diese Wege waren meistens recht uneben, liefen zwischen Gräben dahin oder an einer Böschung entlang, überschritten eine Schlucht, und nur die von den Pferdehufen hinterlassenen Spuren bezeichneten ihre Richtung. Man brauchte nur eine Reise anzutreten, um sogleich mit jedem Nachtlager vorliebnehmen zu müssen. Die größte Unbequemlichkeit für den Reisenden, der mit der Gegend unbekannt war, bestand aber darin, daß er sich im Umkreise von 25 bis 30 Schußweiten bei den Bewohnern nach dem Wege erkundigen mußte und daß die Aussagen sich fast immer widersprachen.

Unser Reiter ritt in Gedanken versunken dahin, hielt die Zügel nur schlaff in Händen und ließ den Kopf hängen, bisweilen nur stolperte das feurige Roß, sein treuer Kamerad, über Erdhügel und Baumstümpfe und riß ihn aus seinen Träumereien, die sich aber bald wieder wie eine Perlenschnur um sein Haupt schlangen. Zum erstenmal hatte er solch einen Auftrag auszuführen. Er war hinausgesandt in die weiten Steppen der Ukraine! Gott allein nur wußte, wohin ihn der Weg führen würde! Wer war nur dieser Gletschik? ... Und was hatte Kasimir mit dem Anführer einer Bande, der sich Oberst des Mirgorodschen Regiments nannte, zu tun? ... Man hatte ihm keine genügenden Erklärungen gegeben, weder über seinen Charakter, noch seine Stärke, noch darüber, was für Beziehungen er hatte, noch auch zu wem ... Wozu also diese Vorsicht, die man im Gespräch mit ihm beobachten sollte? Warum sollte er so weit reiten -- nur um ihm Nachricht von den Ereignissen zu bringen, die Warschau so beunruhigten? Welchen Nutzen hätte auch ein so weit entfernter Verbündeter bringen können? Er schalt innerlich auf sich selbst, weil er Brigitte nicht genauer nach allem ausgefragt hatte; ihr waren sicherlich die Gründe für diese merkwürdige Botschaft mehr oder weniger bekannt.

Die Sonne nahm langsam Abschied von der Erde. Malerische Wolken, deren Ränder von feurigen Strahlen vergoldet wurden, zogen, fortwährend ihre Gestalt ändernd und sich wieder auflösend, am Himmel hin. Die Dämmerung breitete mürrisch einen grauen Nebel über alles und schloß die Läden vor den Fenstern, aus denen noch soeben ein Licht auf Gottes Welt gefallen war. Nach einem langen Ritt durch die Steppe gelangte unser Reisender in einen Wald. Die vom Herbst unbarmherzig ihres grünen Laubes beraubten Bäume erinnerten an ein großes Sieb und schienen in der nächtlichen Kühle zu zittern. Gelbe Blätter lagen unordentlich am Boden wie Speisereste und zerbrochene Scherben nach einem Gelage, und nur ihr Rascheln unter den Hufen des Rosses ließ die Gegenwart unseres Reiters erkennen. Zwischen den kahlen Wipfeln der Bäume lugte der dunkle Himmel hervor. Ein scharfer Wind erhob sich im Felde und entsandte trübselige Seufzer bis in das Waldesdickicht.

Unwillkürlich stutzte der Reiter und hemmte unschlüssig sein Roß; was sollte er beginnen, der Weg war vollkommen verschwunden, und vor ihm lag nichts wie dichter Wald und das Ungewisse; da drang plötzlich ein lautes »Zop, zop« an sein Ohr, ein schwer beladener Wagen kam knarrend dahergefahren, und ein paar Stiere tauchten hinter den Bäumen auf. Man muß sich in die Lage unseres Reisenden hineinversetzen, um seine Freude über eine solche Begegnung zu verstehen. In diesem Augenblick erschien auch der Mond am Himmel. Ein silbernes Licht, von furchtsamen Schatten der Bäume durchkreuzt, fiel wie ein Gitter auf die Erde, erleuchtete weithin die Umgegend, und Laptschinsky sah einen kräftigen ältlichen Bauer vor sich. Der graue herabhängende Schnurrbart saß ihm stolz in dem gebräunten, scharf geschnittenen, muskulösen Gesicht, und ein Zug asiatischer Sorglosigkeit lag gutmütig darüber. Durch die schwarzen Brauen zog sich schon manch silbernes Fädchen hindurch; die kleinen braunen Augen sprühten Feuer, und zuweilen leuchtete etwas wie Schlauheit oder Treuherzigkeit daraus hervor. Er hatte eine schwarze Kosakenmütze mit einem blauen Dach auf dem Kopfe. Ein kurzer Pelz ohne Tuchüberzug diente ihm als undurchdringlicher Schutz gegen die Kälte und wurde von einem hellen, farbigen Gürtel festgehalten. Zum Überfluß hatte er sich noch einen gewöhnlichen Mantel aus dickem, schmutziggrauem Stoff übergeworfen, wie ihn noch heute die kleinrussischen Bauern tragen. Im Gürtel staken eine Flinte und ein krummer tatarischer Säbel, -- denn in jenen unruhigen Zeiten hielt jeder Kosak -- ob Krieger oder Bauer, es für unumgänglich notwendig, immer eine Waffe bei sich zu tragen.

»Gott helf!« sagte er, hielt seine Stiere an und entblößte zum Zeichen der Hochachtung, die die einfachen Bauern zu jener Zeit noch den Kriegern zu erweisen pflegten, seinen Kopf, der nur noch ganz oben mit einem Haarbüschel geschmückt war. Hier müssen wir uns erinnern, daß Laptschinsky gezwungen gewesen war, sein schmuckes Kostüm mit der bescheidenen Kleidung eines Kosakenführers zu vertauschen, um allen Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, die er sich seitens der Einwohner zugezogen hätte, weil diese alles haßten, was den Namen Pole trug oder auch nur zu ihnen gehörte.

Unser Reiter dankte mit einem leichten Nicken des Kopfes für den Gruß.

»Weißt du nicht, Landsmann, ob es von hier noch weit bis zur Ramodanowschen Landstraße ist?« fragte er mit freundlicher Miene.

»Das kann ich nicht so ohne weiteres sagen, Euer Gnaden, warten Sie mal!« Und er begann zu rechnen, was man aus den mechanisch zusammengedrückten Fingern entnehmen konnte. »Bis zur Ramodanowstraße? ... Wie soll ich Euch sagen? ... sie ist nicht gerade sehr nahe. Ich muß gestehen, daß unsere Kosaken ein wenig Angst gekriegt haben: jemand hat das Gerücht verbreitet, daß die ganze polnische Schlachta uns an der Ssula einen Besuch abstatten wolle. In ihrem blinden Eifer haben sie alle Brücken zerstört, da werden Euer Gnaden vielleicht einen großen Umweg machen müssen. Übrigens, der Himmel mag's wissen, ich wiederhole nur, was die anderen sagen ... es kann ja auch sein, daß Ihr einen kürzeren Weg findet ... aber Sie wissen, jetzt ist es Herbst ... da kann es auch recht weit werden ... Aber wenn man recht bedenkt, so scheint es doch wieder viel näher. Ja, es wäre eine andere Sache, wenn es Wegweiser gäbe, wie Euer Gnaden sie gewiß auf den Straßen in Polen gefunden haben, wenn Sie dort gewesen sind.«

Man muß sich nicht über die Widersprüche, die den Monolog unsers Landmanns auszeichneten, wundern. Abgesehen von der tatsächlichen Unkenntnis, liebten es die Kleinrussen stets, auch an den allerbekanntesten Dingen zu zweifeln. Ein Kleinrusse wird euch auch noch heutzutage nie eine kurze, klare Antwort geben, er wird sich erst zehnmal verbessern und manchesmal seinen Partner mit Absicht so in Verwirrung bringen, daß jener zu seinem Staunen erfahren wird, daß es bis zu einem bestimmten Ort sehr weit und zugleich sehr nahe ist.

»In welcher Richtung muß ich denn nun aber weiterreiten?« fragte unser Reisender und blickte prüfend auf seinen Lehrmeister.

Unser Bauer sah sich den Mann von Kopf bis zu Fuße an.

»Euer Gnaden wollen jetzt gleich weiterreiten?«

»Und warum nicht?«

»Gott bewahre! jetzt würde sogar unsereiner, d. h. ein Hiesiger, sich's sehr überlegen, ehe er weiterreiten würde. Weißt du, Mosjpane, wir brauchen ja nur noch eine kleine Weile zu fahren, -- nicht länger als ein tüchtiger Bauer dazu braucht, eine halbe Fuhre Getreide zu zermahlen, dann hören wir schon die Hunde auf meinem Hofe bellen. Es ist immer besser, in einer warmen Hütte zu schlafen -- morgen magst du dann mit Gott weiterreiten.«

Diesen Vorschlag konnte unser Reisender nicht von der Hand weisen, ja es schien fast, als ob er ihn erwartet hätte.

»Und wohin führt Sie der Weg, Mosjpane?« fragte der Bauer unterwegs seinen zukünftigen Gast.

»Ich reise weit, bis an das andere Ufer der Worskla zu dem Mirgoroder Oberst, Gletschik. Hör' mal, Landsmann, kennst du ihn vielleicht?«

»Wie sollte ich diesen alten Hund nicht kennen! Und woher kommt ihr?«

»Aus dem großen Lager bei Lochwitza.«

»Wie kommt denn das, Euer Gnaden; wir haben doch gar nicht gehört, daß bei Lochwitza ein Lager aufgeschlagen ist.«

Hierbei durchbohrte er den Fremden mit seinen Augen, als wolle er ihn auf Herz und Nieren prüfen. »Ja, natürlich, wie soll ein Bauer etwas von Kriegssachen verstehen; es sind noch keine Gerüchte bis in unsere Einöde gedrungen.«

Unser Gesandter stutzte und überlegte sich's, daß man auch im Gespräch mit einem simplen Bauer die Vorsicht nicht außer acht lassen dürfe, dachte eine Weile nach und fuhr dann fort: »Sieh mal Landsmann, mit Bestimmtheit kann ich es dir freilich nicht sagen. Ich selbst bin nicht im Lager gewesen, aber der Saporoger Hauptmann, Schljaiko, dem ich bei Lochwitza begegnet bin, hat mir einen Brief an den Mirgoroder Oberst mitgegeben, als er vernahm, daß ich nach jener Gegend reite. Er jagte dahin wie ein Verrückter, trotz aller Fragen konnte ich nichts Zuverlässiges erfahren ... Ich war erst vor kurzem aus Warschau zurückgekehrt ... Sieh mal, möglicherweise hatte er Grund, mir zu mißtrauen ... d. h. ... er ... nun ich glaube, du verstehst mich.«

»Was reden Euer Gnaden, kann denn ein Bauer verstehn, was die Herren untereinander sprechen! Bei Gott, nein, wie soll unsereiner das verstehen. Unsere Schädel sind ja ganz anders gebaut als die Köpfe der Herrn ... weiß der Teufel, was das ist! ... sie haben mehr Ähnlichkeit mit einem Kohlkopf als mit einem Menschenkopf ...«

»Oh, du bist mir ein Schlauer!« dachte Laptschinsky und nahm sich vor, seine Worte so bedächtig wie möglich zu setzen.

Er ritt die ganze Zeit im Schritt und paßte den leichten Gang seines stolzen Rosses den langsamen Schritten der schwerfälligen Stiere an, denen der Bauer mit phlegmatischer Würde, den Stock schwenkend und seine Pfeife rauchend, voranschritt. Der Rauch hüllte sein braunes Gesicht wie in eine Wolke ein; zuweilen, wenn es von der aufflackernden Flamme beleuchtet wurde, erinnerte es an einen Vampir, der hie und da aus dem undurchdringlichen Sumpfnebel auftauchte und von dem ein wundersamer Funkenstrom ausging. Dies veranlaßte Laptschinsky, ihm immer wieder in die Augen zu sehen, um sich zu vergewissern, ob es wirklich noch derselbe Mann sei, den er soeben getroffen hatte.

Aber unser Bauer verscheuchte selbst alle Zweifel und ließ seinem Gast keinen Augenblick Zeit zum Grübeln.

»Haben Euer Gnaden schon von solch einem Wunder gehört?« fragte er, ohne die Pfeife aus dem Munde zu nehmen; »siehst du dort im Dunkeln weit vor uns die Tanne?«

Zu seinem großen Erstaunen sah der Reisende wirklich eine Tanne. Wie hatte die ihren Weg hierher gefunden? denn hier zu Lande, d. h. in Kleinrußland, hätte das Auge wohl selbst im Umkreise von hundert Werst keine dieser Bewohnerinnen des Nordens entdecken können. Unwillkürlich starrte er sie an: sie allein schien sich inmitten dieser kahlen Bäume etwas wie Leben erhalten zu haben. Aber konnte man das Leben nennen? Es war eine Mumie, die man nur mit Verwunderung unter nackten Skeletten entdeckt, und die allein der Verwesung Trotz geboten hatte. Man gewahrt an ihr dieselben Züge und dieselbe herrliche menschliche Form, aber, Gott, in welchem Zustande! Ein unbeschreibliches, unbegreifliches Gefühl von Wehmut und Grauen erfaßt die Seele beim Anblick dieses elenden Betruges, durch den die geschäftige Kunst etwas dem Leben Ähnliches zu ergreifen und festzuhalten versucht.

»Das ist noch kein großes Wunder, daß da eine Tanne steht. Wunderbar ist nur dieses: Jetzt wo wir miteinander plaudern, sind es wohl fünfzig Jahre her, daß hier, wohl gar an diesem selben Platze, in prächtigen Gemächern ein großer, vornehmer Herr hauste. Ob er nun ein Woiwode, ein Hauptmann oder ein einfacher Gutsbesitzer gewesen ist, weiß ich Euch nicht zu sagen; ich weiß nur, daß er Pole war und nicht unserer Religion angehörte. Er lebte, wie alle die unsaubern polnischen Herren leben; sein Haus war von früh bis zum Abend von Wein und Gesang erfüllt, ein Zittern überlief jeden ehrlichen Christenmenschen, wenn er die Schreie vernahm, die aus dem Walde drangen. Die Gutsknechte ritten alle Gehöfte ab und plünderten deren arme Bewohner. Aber mehr noch. Sie fingen bald an, auch noch die heiligen Kirchen zu plündern und zu bestehlen, und trieben es so schlimm, ... hol' sie der Teufel, ich mag gar nicht sagen, was sie alles verübten. Man hätte sie alle erschlagen sollen ... Euer Gnaden ... Aber das ging nicht, denn es waren ihrer vielleicht hundertfünfzig Knechte, und jeder war mit einer Hellebarde, einem Luntengewehr und einer ganzen Kriegsrüstung bewaffnet. Da erbot sich ein Kirchensänger, -- wie er hieß und aus welchem Kirchspiel er stammte, das weiß ich bei Gott nicht, Euer Gnaden, -- der also erbot sich, in den Wald zu gehen. Wenn es jetzt nicht Nacht und der Boden nicht mit Blättern bedeckt wäre, könnte ich Ihnen vielleicht noch die Reste von diesem Teufelsnest zeigen. Um diese Zeit, -- offenbar hatte Gott es schon so bestimmt -- feierten sie gerade irgendeinen ihrer verfluchten Feiertage. Der Kirchensänger war aufs Schlimmste gefaßt und sagte zu sich: >Gott, steh mir bei!< und schob sich mutig durch das Tor, das von dem sich drängenden Volk versperrt wurde. Zimbeln und Trommeln erschallten und dröhnten wie bei einer Hochzeit, und die betrunkenen Herren und ihre Knappen tanzten einen wilden Krakowiak. Als sie nun den Kirchensänger erblickten, Euer Gnaden, da riefen sie alle: >Was will der Pope hier!< Der Herr aber sprach: >He, ihr Knappen, schenkt dem Popen etwas Schnaps ein! mag er doch mit uns braven Christen einen Krakowiak tanzen, und helft ihm ordentlich mit dem Stock auf die Beine!< Der Sänger fing nun, offenbar des Heiligen Geistes voll, an, den Ketzern ihre Sünden und ihr gottloses Leben vorzuhalten, ihnen die Qualen des Jenseits zu schildern und ihnen klarzumachen, wie sie einmal in der Hölle tanzen würden, dann aber nicht mehr freiwillig, sondern angetrieben von den glühenden Gabeln der Teufel! >Ah, du willst uns hier auch noch was vorpredigen? He, Knappen! bringt den Popen auf den Chor und legt ihm eine Binde um den Hals, damit er sich nicht erkältet!< Da packten die Knechte den unglücklichen Sänger und schleppten ihn mit unmenschlichem Gelächter und Gejohle zu der Tanne, an der uns unser Weg vorbeiführt. Seht, Euer Gnaden, das war nun eben die Sache. Die Tanne stand gerade vor dem Hause und wie mit Absicht unmittelbar vor dem Fenster des herrschaftlichen Schlafzimmers. Als nun die Nacht alle verscheucht und der eine auf seiner Latte, der andere darunter lag, kam es unserem Herrn plötzlich so vor, als ob etwas Kaltes auf ihn heruntertropfe. >Hol's der Teufel,< dachte der Herr, >was tropft denn da herunter?< Er erhob sich von seinem Lager und sah plötzlich, wie die stachlichten Tannenzweige die Mauer durchdrangen und sich -- als wären sie lebendig, -- immer weiter und weiter ausstreckten, bis sie ihn erreicht hatten. Unser Pan bekreuzigte sich vielleicht zum erstenmal in seinem Leben, als er sah, daß Menschenblut von den Zweigen herabtropfte. Erst war es kalt wie Eis, dann aber verbrannte es ihn so heftig, daß er aufsprang und zum Fenster lief. Seine Beine drohten ihm den Dienst zu versagen, als er hinausging. Die Tanne war ganz blau wie eine Leiche und sie nickte ihm fürchterlich mit ihrem schwarzen, sich hochaufbäumenden Barte zu. Anfänglich glaubte unser Herr, daß ihm der Wein in den Kopf gestiegen wäre; in der folgenden Nacht aber war es ebenso und das ganze Hausgesinde wußte wie aus einem Munde zu erzählen, wie der ganze Wald widerhallte von Grabesliedern, die schreckliche Stimmen zu Ehren der Toten sängen, so daß einem ein Schauder über den Rücken laufe und die Haare zu Berge stünden. Was taten sie nicht alles? Sie begruben den Leib des Sängers mit allen Ehren, dann wollten sie die Tanne umhaun, aber die Axt konnte ihr nichts anhaben. Bei jedem Schlag, den das Beil tat, wurde es schartig, der Baum aber stöhnte wie ein ungetauftes Kind. Endlich entschlossen sie sich, diesen verfluchten Ort zu verlassen. Tag für Tag versammelte sich das Gesinde, sattelte die Pferde, lud alles Hausgerät auf und brach frühmorgens auf, eh noch die Teufel sich den Sand aus den Augen gerieben hatten, sie ritten und ritten bis zum späten Abend; man könnte meinen, sie müßten weiß Gott wie weit gekommen sein -- doch nun schlagen sie ihr Nachtlager auf, und blicken um sich; was sie sehen, sind lauter bekannte Dinge: derselbe finstre Wald, dasselbe Haus, die verfluchte Tanne; sie streckt ihre Äste aus, wie ein Paar Arme, ergreift den Pan, übergießt ihn mit Blut und der schwarze zerwühlte Bart nickt ihm unheimlich zu, wie ehemals.«

Hier warf der Erzähler seinem Zuhörer einen herausfordernden Blick zu, seine funkelnden Augen blitzten in der dunklen Nacht noch heller, und er stellte mit Wohlgefallen den Eindruck fest, den seine Erzählung auf jenen gemacht hatte. In der Tat, unser Reisender konnte ein gewisses Gefühl des Schreckens nicht loswerden, das sich heimlich in seine Seele schlich, und er sah sich unruhig um.

Indessen kamen sie an der Tanne vorüber. Der silberne Mondschein fiel gerade auf ihre traurigen Äste, ihre langen Schatten, die sich fast wie eine Fortsetzung der Zweige ausnahmen, brachen sich an denen der anderen Bäume und legten sich wie eine unendliche Leiter auf den Erdboden. Nachdem der Reiter vorübergeritten war, wandte er seinen Kopf noch einmal um. Sanft schaukelte der Wind die Wipfel der Tanne, da aber schien es ihm, daß ein böser Geist von schrecklicher majestätischer Gestalt ihm langsam folgte, traurig mit dem schaurigen Bart nickte und seine dunkelgrünen Arme ausstreckte, um ihn zu ergreifen.

»Nun, und was geschah weiter?« fragte er den Mann, der plötzlich stumm geworden war, und er versuchte es, sich die Angst nicht merken zu lassen, die ihn unwillkürlich erfaßt hatte.

»Was? Nun dem Herrn erging es schlecht; er entließ sein ganzes Gesinde und wurde ein Einsiedler; erst nachdem er zweiundfünfzig Seelenmessen für den verstorbenen Kirchensänger gelesen hatte, verschwand der Spuk. Was dann weiter aus dem Einsiedler geworden ist, das wird Ihnen wohl niemand sagen können. Drei Tage vor Johannisnacht aber tropft Tag und Nacht ein feuchter Tau von diesem Baume herab. Ja, man behauptet sogar, daß eine verlorene Seele hier im Walde umherirrt. Meine Schwiegermutter erzählte mir noch vor vier Jahren, als sie noch bei Verstande war, daß sie dem Teufel einmal im Walde begegnet sei; und er hätte eine rote Jacke getragen, gerade so wie der verstorbene Pan es zu tun pflegte. Zop, zop, zop! Hüh! Na, da wären wir, Euer Gnaden.«

Laptschinsky erblickte tatsächlich eine kleine Pforte, die aus wenigen quer übereinanderliegenden Brettern zusammengefügt war, wie man sie auch jetzt noch bei allen kleinrussischen Bauern finden kann. Hundegebell erfüllte den Wald, und ein altes Weib, das sich schnell einen Pelz übergeworfen hatte, trat heraus, um das Tor zu öffnen. Unser Reiter sah einen kleinen Hof vor sich, den ein Zaun aus Schilfrohr einfaßte, im Hintergrunde sah man ein paar Scheunen und Ställe, die gleichfalls mit Dächern aus Schilfrohr gedeckt waren und eine gewöhnliche kleinrussische Hütte.

Auf dem Hof lagen eine Menge Bienenkörbe herum, viele von ihnen hingen auch an den Bäumen, die ihre eigentümlich geformten Zweige von allen Seiten in den Hof herabhängen ließen, als könnte diesen Riesen das einfache, bukolische Leben ein anziehendes Schauspiel darbieten. Hinter dem Hof zog sich noch ein Gebäude hin, das man in der Dunkelheit nicht recht erkennen konnte. All dieses ließ darauf schließen, daß das Gut einem recht wohlhabenden Kosaken gehörte; denn zu jener Zeit konnte man nicht bei jedem soviel Pracht und Überfluß finden.

Während der Hausherr mit dem Abladen seiner Säcke beschäftigt war, hatte Laptschinsky vollauf Zeit, das Innere seiner Behausung zu betrachten. Es war fast alles genau so, wie man es heute noch bei den kleinrussischen Bauern findet: der Tür gegenüber befanden sich einige Fenster und vor ihnen stand ein Tisch, auf dem er ein Roggenbrot und etwas Salz bemerkte; dieses wird nie fortgenommen zum Zeichen, daß hier jeder Gast stets einer freundlichen Aufnahme gewärtig sein kann. Um die ganze Stube zogen sich breitere und schmälere Bänke aus Lindenholz hin; neben der Tür stand ein mächtiger Ofen, der unten eine große Öffnung hatte; diese war von einem dichten Gitter umschlossen, hinter dem Hühner, Gänse, Truthähne und Hauskaninchen hervorguckten. Jeder von diesen der Sprache beraubten Hausgenossen machte sich auf seine Art bemerkbar, piepte, gackerte, schnatterte und gab zu verstehen, daß er durchaus keines von den Geringsten unter Gottes Geschöpfen sei. Auf dem Fußboden saß ein vierjähriger Knabe und schlug mit dem mächtigen Stengel einer Sonnenblume auf einen umgestülpten Topf; während ein anderer, der ein Jahr älter sein mochte, einen Kater an der Kehle hielt und ein Lied dazu sang, das sich ihm wohl, weil er es so oft von seiner Mutter gehört, für sein ganzes Leben eingeprägt hatte. Vor einer großen eisenbeschlagenen Kiste saß ein elfjähriges Mädchen, sie hielt einen Säugling auf dem Schoß, der aus vollem Halse schrie, obgleich sie zu seiner Unterhaltung mit einem großen Hängeschloß klapperte und das Kind mit dem neuen Ankömmling schreckte. An der Wand hingen: eine Sichel, ein Säbel, eine Flinte, deren Hahn abgeschraubt war und in der Nähe auf einem Regal lag, wohin man ihn wahrscheinlich gelegt hatte, weil er reparaturbedürftig war, ferner ein Beil, eine türkische Pistole, noch eine Flinte, eine Sense ohne Stiel und eine kurze Nagaika -- alles Waffen, die seit undenklichen Zeiten miteinander im Streite liegen und die der unbegreifliche Mensch zwingt, trotz ihres so unverträglichen Charakters miteinander in Frieden zu leben.

»Bitte nehmt mirs nicht übel, daß ich Euch etwas warten ließ, Euer Gnaden!« sagte der eintretende Hausherr, »der verfluchte Jahrmarkt hat mir so sehr den Kopf verwirrt, daß er mir noch immer brummt. Ein wahres Glück, daß meine Alte nicht zu Hause ist, sonst hätte sie ihn mir tüchtig gewaschen. Nur meine Schwiegermutter und ich sind zu Hause.«

Bei diesen Worten trat dieselbe Alte herein, die ihnen vorhin das Tor geöffnet hatte. Der Reisende betrachtete sie mit einem eigentümlich wehmütigen Gefühl. Es war ihm so, als sähe er ein dem Grabe verfallenes Wesen vor sich, in dem eine starke Natur noch einen Rest von Leben festzuhalten suchte, um dem Menschen die ganze Nichtigkeit eines langen Lebens, nach dem er so gierig strebt, vor Augen zu führen. Auf ihren von Runzeln durchfurchten Zügen lag die Gleichgültigkeit des Todes. Kein Funken von Leben oder Interesse war in ihren Augen zu entdecken; nur hie und da richteten sie einen ihrer trüben Blicke auf ihn; doch der hätte sich sehr geirrt, der irgend etwas wie Neugierde in ihnen zu lesen geglaubt hätte. Sie blieben an keinem Gegenstande haften, und alles erschien ihnen in Nebel gehüllt, wie einem Menschen, der sich den Schlaf noch nicht ganz aus den Augen gerieben hat.