Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 27

Chapter 273,425 wordsPublic domain

Seltsam -- wohin nur die Residenz Rußlands verschlagen ward --: Bis ans Ende der Welt. Ein merkwürdiges Volk, diese Russen. Einst besaßen sie in Kiew eine Hauptstadt, da war es zu heiß, da war es nicht kalt genug; und so siedelte denn die russische Residenz nach Moskau über -- doch nein, auch hier war's noch nicht kalt genug. Herrgott! Also her mit Petersburg! Aber wie wildfremd sind sich dafür auch Mutter und Sohn! Was für eine Landschaft! Was für eine Natur! Die Luft ist mit Nebel erfüllt, die blasse, graugrüne Erde ist mit verkohlten Baumstümpfen, Tannen, Kiefern und kleinen Erdhügeln bedeckt ... Noch gut, daß einen die blitzschnell vorüberfliegenden, schnurgeraden Chausseen und die russische Troika mit Sang und Klang wie im Sturmwind an ihnen vorbeitragen. Und welch ein Unterschied -- welch ein Unterschied zwischen den beiden. Moskau ist noch bis heute ein langbärtiger russischer Bauer -- Petersburg dagegen ist schon ein gewandter Europäer. Wie sich das alte Moskau weit ausgedehnt, wie es in die Breite gewachsen ist! Und wie hat sich dagegen das stutzerhafte Petersburg zusammengezogen und in die Länge gestreckt! Von allen Seiten ist es von Spiegeln umstellt, hier die Newa, dort der Finnische Meerbusen! Wahrhaftig, es fehlt ihm nicht an Gelegenheit, sich selbst anzuschauen, sich zu bespiegeln! Bemerkt es nur das kleinste Stäubchen oder Flöckchen auf seinem Kleide, so wird's sofort entfernt. Moskau ist ein altes Hausmütterchen, es bäckt seine Pfannkuchen, sitzt daheim, sieht sich die Dinge von ferne an und läßt sich, ohne sich vom Sessel zu erheben, erzählen, wie es in der Welt hergeht. Petersburg dagegen ist ein flotter Bursche, der nie zu Hause sitzt, der immer gut angezogen ist, sich für Europa schön macht und den Ausländern zunickt. In Petersburg ist alles in steter Bewegung, vom Keller bis hinauf zur Dachkammer; um Mitternacht fängt man an, französische Brötchen zu backen, die am nächsten Morgen allesamt von der aus den verschiedensten Volksstämmen zusammengesetzten Bevölkerung verzehrt werden; während der Nacht leuchtet bald eins seiner Augen, bald das andre. Während der Nacht liegt ganz Moskau in tiefem Schlaf, am Morgen aber schlägt es ein Kreuz, verneigt sich nach allen vier Himmelsrichtungen und fährt dann mit seinen Kalatschi[14] auf den Markt. Moskau ist _weiblichen_[15], Petersburg männlichen Geschlechts. In Moskau gibt es lauter Bräute, in Petersburg lauter Freier. Petersburg gibt mehr acht auf seine Kleidung, hat die grellen Farben nicht gern, ebensowenig wie alle kühnen Abweichungen von der Mode, Moskau dagegen verlangt, daß, wenn's schon eine Mode geben soll, diese auch nach allen Regeln durchgeführt werde; trägt man lange Taillen -- dann müssen sie noch viel länger werden; werden große Frackaufschläge getragen, dann sind sie hier so groß wie das Tor einer Scheune. Petersburg -- ist ein Mensch von peinlicher Akkuratesse -- ein echter Deutscher, es erwägt alles und rechnet alles nach, und ehe es eine Abendgesellschaft gibt, tut es einen Blick in die Tasche; Moskau -- ist ein russischer Edelmann, wenn er sich einmal amüsiert, dann amüsiert er sich so, daß er hinfällt, und kümmert sich nicht darum, ob er mehr ausgibt, als er in der Tasche hat. Moskau liebt die goldene Mittelstraße nicht. Alle Moskauer Zeitschriften bringen am Schluß jeder Nummer, sie mögen einen noch so gelehrten Inhalt haben, immer ein Modebild; die Petersburger Zeitschriften bringen nur selten Illustrationen als Beilage, aber wenn sie einmal eine beifügen, dann kriegt ein Leser, der das nicht gewöhnt ist, einen Schreck. Die Moskauer Zeitschriften reden von Kant, Schelling usf. usf., in den Petersburger Journalen wird nur vom Publikum und über die gute Gesinnung geschrieben ... In Moskau halten die Zeitschriften Schritt mit dem Jahrhundert, verspäten sich aber bei Zustellung ihrer Nummern; in Petersburg halten die Journale nicht Schritt mit dem Jahrhundert, dafür erscheinen sie mit großer Pünktlichkeit zur festgesetzten Zeit. In Moskau bringen die Literaten ihr Geld durch, in Petersburg verdienen sie welches. In Moskau fährt alle Welt in dichte Bärenpelze eingehüllt -- und meist zu einem Diner; in Petersburg läuft alles in Friesröcken herum, die Hände tief in die Taschen vergraben, und fliegt in höchster Eile zur Börse oder ins Bureau. Moskau amüsiert sich bis 4 Uhr morgens und verläßt am nächsten Tage das Bett nicht vor 2 Uhr. Petersburg amüsiert sich auch bis 4 Uhr morgens, und doch eilt es am andern Tage, als ob nichts passiert wäre, schon um 9 Uhr in seinem Friesrock in die Kanzlei. Nach Moskau kommt Rußland mit vollen Taschen und kehrt erleichtert wieder zurück. Nach Petersburg kommen die Leute mit leerem Beutel und fahren mit einem hübschen Kapital nach allen Himmelsgegenden auseinander. Nach Moskau kommt Rußland in Winterschlitten auf holperigen Winterwegen gefahren, um zu kaufen und zu verkaufen: in Petersburg läuft das russische Volk im Sommer zu Fuß, um bei einem Bau Beschäftigung zu finden und um zu arbeiten. Moskau -- ist die große Vorratskammer, hier türmt sich Ballen über Ballen, und den kleinen Händler beachtet es kaum. Petersburg ist ganz in kleine Stücke zersplittert, hat sich in lauter Läden und Kaufhäuser aufgelöst und macht Jagd auf die ärmeren Käufer. Moskau sagt: »Wenn der Käufer mich braucht -- wird er mich schon finden!« Petersburg fährt Ihnen mit seinen Aushängeschildern direkt unter die Nase, verkriecht sich mit seinem »Weinausschank« bis unter den Fußboden Ihrer Wohnung und bringt seine Droschkenhaltestellen geradewegs in Ihrem Haustor unter. Moskau sieht über seine eigenen Einwohner hinweg und sendet seine Waren nach ganz Rußland; Petersburg verkauft seine Krawatten und seine Handschuhe an seine eigenen Beamten. Moskau ist eine große Markthalle; Petersburg -- ein heller Kaufladen. Moskau ist für Rußland eine Notwendigkeit. Rußland ist eine Notwendigkeit für Petersburg. In Moskau begegnet man nur selten einem Frack mit Uniformknöpfen, in Petersburg hat jeder Frack solche Knöpfe. Petersburg macht sich gern über die Unbeholfenheit und Geschmacklosigkeit Moskaus lustig. Moskau spottet über Petersburg, weil hier nicht gut russisch gesprochen wird. In Petersburg spazieren um 2 Uhr auf dem Newsky-Prospekt Leute, von denen man meinen könnte, sie seien aus den Modebeilagen der Journale, die in den Schaufenstern ausliegen, entsprungen; sogar ganz alte Damen haben hier so dünne Taillen, daß man lachen muß; in Moskau trifft man stets inmitten der Masse modern gekleideter Spaziergänger eine alte Frau mit einem Kopftuch, die keine Spur von Taille hat. Ich könnte noch mancherlei sagen, allein es ist --

[Fußnote 14: Eine Art Semmel.]

[Fußnote 15: Moskau = russisch Moskwa ist weiblichen, Petersburg spr. Pitirburg -- männlichen Geschlechts.]

»Ein Abstand von ganz ungeheurer Größe! ...«

II

Es ist schwer, die allgemeine Physiognomie von Petersburg zu schildern. Es hat etwas, das an eine amerikanische Kolonie in Europa erinnert: ebensowenig ursprüngliche Nationalität und ebensoviel fremdländische Mischlinge, die sich noch nicht zu einer festen Masse zusammengefügt haben. Soviel verschiedene Nationen sich hier zusammen finden, ebensoviel Gesellschaftsschichten gibt es hier. Diese Kreise sind streng voneinander geschieden: Aristokraten, Beamte im Dienste, Handwerker, Engländer, Deutsche, Kaufleute, sie alle bilden Kreise, die sich nur ganz selten miteinander vereinigen, gewöhnlich aber für sich leben und sich unterhalten, ohne daß einer von dem andern etwas weiß.

Jeder von diesen Kreisen besteht, wenn man genauer zusieht, wieder aus einer Menge kleiner Kreise, die gleichfalls nicht miteinander zusammenhängen. Nehmen wir z. B. die Beamten. Die jungen Gehilfen der Tischvorsteher bilden ihren eigenen Kreis, und nie wird der Abteilungschef zu ihnen herabsteigen. In Gegenwart eines Kanzleibeamten hebt wiederum der Tischvorsteher seinen Kopf um ein paar Zoll höher. Die deutschen Handwerker und die deutschen Beamten bilden auch ihren besonderen Kreis. Die Lehrer bilden einen Kreis, die Schauspieler einen, ja sogar die Literaten, die noch immer recht zweideutige und zweifelhafte Persönlichkeiten darstellen, stehen abseits für sich da. Mit einem Wort, es ist fast so, wie wenn eine riesengroße Postkutsche bei einem Gasthause vorgefahren wäre, in der alle Gäste während der Fahrt in ihre Mäntel gehüllt dagesessen hätten, und nur darum zusammen in den allgemeinen Saal träten, weil eben kein anderer Raum vorhanden ist. Der Versuch, öffentliche Vereine zu gründen, hat bis jetzt keinen Erfolg gehabt. Der Petersburger besucht auch den Klub nur, um dort Mittag zu essen, und nicht, um seine Zeit dort zu verbringen. Daß Petersburg noch nicht zu einem Gasthaus geworden ist, das liegt allein an einer inneren Naturanlage des Russen, der, trotzdem er sich beständig an den Fremden abschleift, sich immer noch eine gewisse Originalität bewahrt hat. Um von jedem dieser einzelnen Kreise erzählen zu können, um ihr Leben, das in Genüssen und Vergnügen, Hoffnungen und Schmerzen dahinfließt, zu studieren, müßte man zu den Leuten gehören, die gar nicht schreiben, weil diese Leute -- dies ist der Lohn für ihre Tätigkeit -- absolut keine Zeit haben. Also lassen wir die Bälle und Soireen beiseite. Ich will mich den Vergnügungen zuwenden, die eine längere Erinnerung an sich zurücklassen und die von allen Gesellschaftsklassen mitgemacht werden. Die Theater und Konzerte -- das sind die Punkte, wo alle Klassen der Petersburger Gesellschaft zusammenstoßen, wo sie genug Muße haben, sich aneinander sattzusehen. Das Ballett und die Oper -- sind der König und die Königin der Petersburger Theater. Sie waren noch prächtiger, rauschender, hinreißender als in den früheren Jahren, und die entzückten Zuschauer hatten völlig vergessen, daß es auch noch eine gewaltige Tragödie gibt, die den gleichgestimmten Herzen der stumm lauschenden Menge unwillkürlich die erhabensten Gefühle einhaucht, daß es eine Komödie gibt, die das getreue Abbild der sich vor uns hin und her bewegenden Gesellschaft ist: eine tief durchdachte Komödie, die durch die Tiefe ihrer Ironie uns zum Lachen reizt; nicht zu jenem Lachen, das durch einen oberflächlichen Eindruck, durch einen flüchtigen Witz oder durch einen Kalauer hervorgerufen wird, auch nicht zu jenem Lachen, das die rohe Menge in unserer Gesellschaft bewegt, die nach Verrenkungen und fratzenhaften Verzerrungen der Natur verlangt, sondern zu jenem elektrisierenden, belebenden Lachen, das, durch den blendenden Gedankenblitz erschüttert, unwillkürlich, frei, ungewollt, unmittelbar aus der Seele hervorströmt, das aus dem ruhigen Genuß geboren wird und nur durch einen hohen Verstand hervorgerufen werden kann. Die Zuschauer hatten recht, wenn sie von dem Ballett und der Oper entzückt waren ... Auf der dramatischen Bühne gab es Melodramen und Possen und zugereiste Gäste, die sich auf der französischen Bühne zu Hause fühlten, aber auf der russischen eine recht merkwürdige Rolle spielten. Es ist ja eine längst anerkannte Tatsache, daß die russischen Schauspieler sich recht seltsam ausnehmen, wenn sie Marquis, Vicomtes und Barone spielen, ebenso wie die französischen Schauspieler wahrscheinlich recht komisch wären, wenn sie versuchen wollten, russische Bauern darzustellen. Und wie machen sich Bälle, Abendgesellschaften und moderne Routs, die in den russischen Stücken vorkommen, auf der Bühne? Und die Possen? Die Posse hat sich schon längst die russische Bühne erobert und bildet die Unterhaltung der Mittelklassen, denn diese Leute wollen eben lachen. Wer hätte gedacht, daß wir nicht nur Übersetzungen, sondern auch Originalpossen auf der russischen Bühne zu sehen bekommen würden? Eine russische Posse! Es ist wirklich sehr merkwürdig, und zwar deshalb, weil dieses leichte, farblose Spiel nur bei den Franzosen entstehen konnte, bei einer Nation, deren Charakter keine tiefen, unwandelbaren Züge besitzt; aber wenn man den immer noch etwas schwerfälligen und rauhen russischen Charakter zwingt, sich als »_petit maître_« zu bewegen, dann kommt es mir immer so vor, wie wenn einer von unseren wohlbeleibten, pfiffigen und langbärtigen Kaufleuten, der bis dahin nichts anderes als schwere Stulpenstiefel getragen hat, statt dieser den einen Fuß mit einem schmalen Schuh und Strümpfen _à jour_ bekleiden wollte, während der andere noch im Stiefel steckt, und dann in diesem Aufzuge im ersten Paar der Française erscheinen wollte.

Es sind schon fünf Jahre, seit sich das Melodrama und die Posse alle Theater der Welt erobert haben. Welch eine Nachäfferei! Sogar die Deutschen .... wer hätte das gedacht, daß selbst die Deutschen, dieses gediegene, zu tiefen, ästhetischen Genüssen geneigte Volk, daß die Deutschen jetzt Possen schreiben und spielen und geschwollene, kalte Melodramen zusammenkleistern und für die Bühne bearbeiten. Ja, wenn dieses Miasma noch auf den Wink eines mächtigen Genies hergetragen worden wäre! Als alle Welt der Leier Byrons nachahmte, war dies keineswegs lächerlich; im Gegenteil, in diesem Streben lag etwas Tröstliches. Aber daß Dumas, Dulange und andere -- universale Gesetzgeber werden konnten! ... Ich möchte schwören, das XIX. Jahrhundert wird sich dieser fünf Jahre schämen! O Molière! großer Molière! du, der du deine Charaktere so großzügig ausstattetest, mit einer solchen Vollkommenheit entwickeltest, der du ihre Schatten so eingehend studiert hast, und du strenger, umsichtiger Lessing, und du edel glühender Schiller, der du die Menschenwürde in so poetisch verklärtem Lichte dargestellt hast! schaut hin, was jetzt nach euch auf eurer Bühne geschieht, seht, was für ein seltsames Ungeheuer sich unter dem Namen des Melodramas unter uns eingeschlichen hat! Wo ist denn unser Leben? wo bleiben wir mit all unseren heutigen Leidenschaften und Seltsamkeiten? Wenn wir doch nur einen schwachen Widerschein davon in unseren Melodramen erblicken könnten! Aber unser Melodrama lügt in der schamlosesten Weise ....

Welch unbegreifliche Erscheinung: nur das große, tiefe, ungewöhnliche Talent bemerkt und entdeckt das, was uns alltäglich umgibt, was unzertrennlich mit uns verwachsen ist, das Gewöhnliche; das dagegen, was nur selten geschieht, was eine Ausnahme bildet, was uns durch seine Häßlichkeit, durch seine Unförmlichkeit inmitten der Ordnung in Erstaunen setzt, ist gerade das, wonach die Mittelmäßigkeit mit beiden Händen greift. Und so fließt das Leben eines großen Talents wie ein großer breiter Strom in voller Regelmäßigkeit, rein wie ein Spiegel, dahin und reflektiert mit derselben Klarheit die dunklen und die hellen Wolken: bei der Mittelmäßigkeit dagegen fließt es hin wie eine trübe und schmutzige Welle und spiegelt weder die Helligkeit noch die Finsternis.

Das _Seltsame_ ist der Gegenstand des heutigen Dramas geworden. Es kommt vor allem darauf an, eine Begebenheit darzustellen, die unbedingt neu, unbedingt merkwürdig, noch nie dagewesen und ganz unerhört sein muß: ein Mord, eine Feuersbrunst, die allerwildesten Leidenschaften, an die man in der modernen Gesellschaft gar nicht einmal denkt! Wie wenn die Söhne des glühenden Afrika europäische Fräcke angezogen hätten; Henker und Gift -- nichts als Effekt, dieser ewige unvermeidliche Effekt, und doch weckt keine Gestalt unsere Teilnahme. Noch nie hat ein Zuschauer das Theater gerührt und tränenden Auges verlassen, im Gegenteil, er setzt sich eilig und in einer seltsamen Erregung in den Wagen, und es dauert lange, bis er seine Gedanken sammeln und sich klar über sie werden kann. Solch ein Schauspiel bietet man unserer verfeinerten, gebildeten Gesellschaft! Unwillkürlich steigen die blutigen Wettkämpfe, zu denen ganz Rom während der Epoche höchster Macht und stumpfer Übersättigung zusammenströmte, vor einem auf. Aber, Gott sei Dank, wir sind noch keine Römer und stehen nicht vor dem Untergang unseres Daseins, sondern im Morgenrot des Lebens! Wenn man alle Melodramen, die in unserer Zeit gegeben worden sind, zusammennimmt, so könnte man glauben, in ein Museum geraten zu sein, in dem absichtlich alle Mißgeburten und Auswüchse der Natur vereinigt sind, oder besser gesagt -- man glaubt einen Kalender vor sich zu haben, in dem mit kalendermäßiger Kaltblütigkeit alle merkwürdigen Ereignisse eingetragen sind, und wo unter jedem Datum zu lesen steht: heute geschah an dem und dem Orte folgender Spitzbubenstreich; heute wurde der Räuber und Brandstifter Soundso geköpft; dann und dann hat der Handwerker X. seine Frau umgebracht .... und dergleichen mehr. Ich kann mir das Staunen eines unserer Nachkommen vorstellen, der das Leben unserer Gesellschaft aus unseren Melodramen studieren wollte.

Da ist es denn nicht zu verwundern, daß das Ballett und die Oper noch eine erfreuliche Erscheinung sind und einem eine gewisse Erholung bieten: hier findet man doch noch einen ruhigen Genuß. Die Oper wird bei uns mit einem gierigen Enthusiasmus aufgenommen. Bis heute noch ist die Begeisterung nicht vorüber, mit der sich ganz Petersburg auf die lebendige, feurige Musik der »Fenella« und die wilde, von höllischen Genüssen erfüllte Musik »Robert des Teufels« stürzte. -- »Semiramis«, die noch vor fünf Jahren vom Publikum sehr kühl aufgenommen wurde, versetzt heute, wo die Musik Rossinis fast einen Anachronismus bildet, dasselbe Publikum in Verzückung. Über den Enthusiasmus, den die Oper »Das Leben für den Zaren« hervorgerufen hat, will ich gar nicht erst reden: er ist begreiflich und ganz Rußland bekannt. Über diese Oper müßte man entweder sehr viel oder gar nichts sagen.

Ich rede jedoch nicht gern über die Musik oder über den Gesang. Mir scheint, alle musikalischen Traktate und Rezensionen müssen die Musiker von Fach langweilen; in der Musik ist das allermeiste unaussprechlich und beruht auf einer unbewußten Wirkung. Die Leidenschaften der Musiker -- sind keine irdischen Leidenschaften; die Musik ist nur hin und wieder der Ausdruck unserer Leidenschaften oder besser gesagt: sie ahmt ihre Stimme nach, um auf sie gestützt, sich wie ein perlender, singender Springquell gänzlich anderer Leidenschaften in eine andere Sphäre emporzuschwingen. Ich will nur noch bemerken, daß sich die Melomanie immer mehr verbreitet. Leute, denen man gar keine musikalische Denkart zutrauen würde, sitzen beständig in dem »Leben für den Zaren«, im »Robert«, in der »Norma«, in »Fenella« und in »Semiramis«. Beinahe zweimal in jeder Woche wird eine Oper aufgeführt; jede von ihnen erlebt unzählige Aufführungen, und trotzdem ist es häufig schwer, ein Billett zu bekommen. Ist das nicht eine Folge unserer slawischen zum Gesang neigenden Natur? Und ist es nicht eine Rückkehr zu unserer alten Zeit, nach einer Reise durch das fremde Land der europäischen Kultur, wo alles um uns herum eine fremde Sprache sprach und wo sich lauter fremde Menschen um uns drängten -- eine Rückfahrt in einem russischen Dreigespann mit seinen klingenden Glocken -- ist es nicht so, als erhöben wir uns von unserem Sitz, und als riefen wir, unsere Mützen schwenkend, aus: »In der Fremde ist es schön -- aber zu Hause ist's doch noch besser.«

Was für eine herrliche Oper könnte man nach unseren nationalen Motiven komponieren! Zeigt mir ein Volk, das mehr Lieder hätte! Unsere Ukraine hallt wider von Liedern. Auf der Wolga, von ihrer Quelle bis zum Meere, ertönen -- die ganze Reihe der dahintreibenden Barken entlang -- die Lieder der Schiffsknechte. Unter Gesang werden in ganz Rußland aus Balken von Fichtenholz die Hütten gezimmert. Mit Gesang fliegen die Ziegel von Hand zu Hand und wachsen Städte wie Pilze empor. Alte Frauen singen, wenn der kleine Russe in Windeln gewickelt wird, wenn er sich verheiratet und wenn er begraben wird. Alles, was reist, Adlige und Bürgerliche, fliegen beim Gesang des Kutschers dahin. Am Schwarzen Meer singt der bartlose braune Kosak mit dem pechschwarzen Schnurrbart, während er seine Flinte ladet, ein altes Lied; und dort am anderen Ende Rußlands erlegt der russische Händler rittlings auf einer Eisscholle sitzend, den Walfisch mit seiner Harpune und singt ein Lied dazu. Und da sollte es uns an Stoff zu einer nationalen Oper fehlen! Die Oper Glinkas ist nur ein schöner Anfang. Er hat es mit viel Glück verstanden, in seinem Werk zwei slawische Tonsprachen zu vereinigen; man hört es deutlich, wo der Russe und wo der Pole spricht; aus dem Gesang des einen hört man die freie, weite Melodie des russischen Liedes heraus, aus dem des anderen den kecken, schnellen Rhythmus der polnischen Mazurka.

Das Petersburger Ballett ist hervorragend. Bei dieser Gelegenheit muß ich ein paar Worte über das Ballett überhaupt sagen. Die Ballettaufführungen in Paris, Petersburg und Berlin haben eine hohe Vollendung erreicht; aber man muß gestehen, daß der Fortschritt nur in der wachsenden Pracht der Kostüme und der Dekorationen besteht, das eigentliche Wesen des Balletts, jedoch, die Erfindung hält nicht Schritt mit der Ausstattung, die Ballettschreiber bringen nur wenig Neues in den Tänzen. Bisher fehlt es noch an dem eigentlich Charakteristischen. Sehen wir einmal zu: an allen Enden der Welt gibt es überall Nationaltänze; der Spanier tanzt ganz anders als der Schweizer, der Schotte wiederum anders als der Deutsche (bei Teniers), der Russe anders als der Franzose und der Asiate. Selbst in den verschiedenen Provinzen desselben Staates wechseln die Tänze. Der Russe des Nordens tanzt nicht so wie der Kleinrusse, wie der Südslawe, der Pole oder Finne; der Tanz des einen ist ausdrucksvoll, der des andern gefühllos, der eine ist wild und rasend, der andere ruhig, der eine gewaltsam und schwerfällig, der andere leicht und ätherisch. Woher stammt diese Mannigfaltigkeit der Tänze? Sie stammt aus dem Charakter der Völker, aus ihrer Lebensweise und der Art ihrer Beschäftigung. Ein Volk, das ein stolzes, kriegerisches Leben führt, bringt diesen Stolz auch in seinem Tanz zum Ausdruck; bei einem sorglosen, freien Volk spiegelt sich auch in den Tänzen eine grenzenlose Freiheit und eine poetische Selbstvergessenheit; ein Volk, das in einem heißen Klima lebt, läßt auch in seinen Nationaltänzen Glut, Leidenschaft und Eifersucht spüren. Der Schöpfer eines Balletts kann zur Charakterisierung seiner tanzenden Helden, wenn er sich nur von einem feinen Geschmack leiten läßt, aus diesem reichen Stoffe wählen, soviel er will. Es versteht sich von selbst, daß er, wenn er erst einmal den Grundcharakter erfaßt hat, ihn noch weiter entwickeln und sich weit über sein Original emporschwingen kann, so wie ein musikalisches Genie aus einem einfachen Liede, das es auf der Straße hört, ein ganzes Gedicht macht. Wenigstens wird der Tanz erst dann einen tieferen Sinn erhalten, und so kann diese leichte, luftige und feurige Sprache, die bis jetzt immer noch etwas beengt und beschränkt erscheint, sich zu höherer Form und Plastik entwickeln.