Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom

Part 21

Chapter 213,566 wordsPublic domain

Bald darauf erfolgte die endgültige Teilung des römischen Reichs. Der Kaiser Theodosius hoffte, es noch durch diese Säkularisierung zu retten, er glaubte, die Schwäche des Reiches sei die Folge seiner unermeßlichen Größe und der Unmöglichkeit seiner Beherrschung durch einen einzelnen. Die östliche Hälfte, die von nun an mit Recht die griechische genannt wurde -- noch treffender hätte man sie das Reich der Eunuchen, Komödianten, Günstlinge, Rennbahnen, der Verschwörer, der gemeinen Mörder und der disputierenden Mönche nennen können -- erhielt Arcadius, der ganz unter dem Einfluß seines verschmitzten Vormunds Rufinus stand; die westliche Hälfte, die mit Unrecht die römische genannt wurde, weil hier alle beliebigen Ämter der Verwaltung von Emporkömmlingen besetzt waren, die von Goten, Vandalen oder anderen germanischen Völkern abstammten und nur mit einem dünnen äußerlichen Firniß römischer Bildung überzogen waren: diese westliche Hälfte, die mitten im eigenen Herzen gewaltsam eindringende Feinde beherbergte, und die wie ein lebendiger Leichnam die Lebenskraft in sich schwinden sah und fühlte, dies weströmische Reich fiel dem minderjährigen Honorius zu, der sich völlig von Stilicho leiten ließ; letzterer war von Geburt ein Vandale, der unter Theodosius ein treuer und tapferer Vasall gewesen war, aber unter dessen unbedeutendem Sohn ein gemeiner Schwächling wurde. Die Vormünder, die die entgegengesetzten Enden Europas regierten, haßten einander. Das erste Geschenk, das Rufinus, der schlau war wie ein byzantinischer Grieche, seinem Feinde Stilicho übersandte, war das mächtige Heer der Westgoten, die er überredet hatte, Italien zu erobern, während er ihnen versprach, seinerseits Rom jede Hilfe zu verweigern. Und die Westgoten verließen insgesamt ihre Wohnsitze in Dacien und an den Ufern der Donau und drangen in Italien ein. Aber für Stilicho hatte diese Invasion gar keine Schrecken, im Gegenteil, er freute sich im geheimen über sie und knüpfte eine Menge von Plänen an sie. Vor allem hoffte er, mit Hilfe dieser zahlreichen Menge junger, kräftiger Barbaren viele andere Barbaren, die schon ins Innere des römischen Reichs eingedrungen waren, zu vernichten. Damals _gehörte_ Gallien zu Rom und es gehörte doch auch wieder nicht dazu. Der starke Frankenbund stand mit den unter seiner Hegemonie vereinigten Stämmen an der Grenze dieses Landes; im Osten und Süden, d. h. im Herzen Frankreichs, hatten sich's die Alemannen und Burgunder bequem gemacht. In Spanien hielten die Sueven, die Alanen und Vandalen die besten Teile des Landes, d. h. den Süden, besetzt, und die römischen Präfekten und Befehlshaber spielten unter ihnen eine recht traurige Rolle: sie bekleideten eine Würde, ohne die geringste Macht zu besitzen. Es schien fast, als läge über der halben Welt statt des römischen Reichs nur sein langer, mächtiger Schatten. Dieses Reich glich einer tausendjährigen Eiche, die einen durch ihren ungeheuren Umfang in Erstaunen setzt, aber deren Inneres schon längst verfault und vermodert ist. Stilicho wußte geschickt Alarich von seiner Absicht, sich in Italien niederzulassen, abzubringen, indem er ihm das reiche blühende Spanien anbot. Er hatte sogar den Plan, diese Barbaren gegen seinen Feind Rufinus aufzuhetzen; ja er träumte schon davon, sich, wenn der Plan gelingen sollte, an Stelle des schwachen Honorius zum Kaiser ausrufen zu lassen, aber die Sache war zu fein gesponnen, und statt dessen sank sein eigener Kopf vom Rumpfe. Der schwache, unbedeutende Honorius, der auch nicht einen von Stilichos Plänen erfaßt hatte, befahl einem seiner Feldherrn, der ebenso unverständig war wie er, den Goten, die sich schon nach Spanien gewandt hatten, um sie zu schädigen, in den Rücken zu fallen. Da aber kehrte Alarich mit einem Male um und stand nun plötzlich vor den Toren Roms. Wie gewöhnlich floh Honorius; der Senat, der seine Ohnmacht einsah, flehte den mächtigen Goten an, er möge doch abziehen, versprach ihm, Tribut zu bezahlen, und folgte ihm sofort einen Teil aus; der Sieger entschloß sich, auf den anderen Teil zu warten, und zog sich von Rom zurück. Kaum aber hörte Honorius, daß die Gefahr vorüber sei, als er nach Rom zurückkehrte, doch er dachte nicht daran, den versprochenen Tribut zu bezahlen. Da jedoch erschien Alarich in heller Empörung vor den Mauern Roms, und drohte, die ewige Stadt in einen Haufen Asche zu verwandeln.

Am 23. August 409 nahmen die Mauern der Weltresidenz den Anführer der Goten in sich auf. Die herrlichen Häuser und Paläste wurden geplündert, aber der fürchterliche Alarich verbot die Brandstiftung und das Blutvergießen. Hieraus kann man ermessen, wie groß seine Willenskraft und die Macht war, die er über seine wilden Heerscharen besaß, konnte er sie doch _davon_ abhalten, wovon selbst ein Befehlshaber gebildeter Truppen seine Soldaten nicht immer abzuhalten imstande ist. Von Honorius war in der Stadt keine Spur zu entdecken, er hatte längst Zeit gefunden, sich davonzumachen. Dafür aber machte der Eroberer kein Hehl aus seiner tiefen Verachtung der Römer; er ernannte ihren Präfekten Attalus zum Kaiser und ließ ihn auf den Knien vor der Tür seines Zeltes vorbeirutschen. Nachdem er seinen Rachedurst gestillt hatte, verließ er Rom und zog nach dem Süden Italiens. Hier schmiedete er große Pläne; er erbaute eine Flotte und wollte schon seine siegreichen Fahnen nach der afrikanischen Küste tragen, da gebot der Tod seinem Siegeszuge Halt. Um ihm ein Grab zu bereiten, leiteten die Westgoten das Bett des Busentostromes ab, gruben auf seinem Grunde ein tiefes Grab, in das sie den Leichnam hinabsenkten, schütteten es zu und lenkten den Strom in sein früheres Bett zurück, damit niemand das Grab des großen Goten schänden oder ihm Schimpf antun könnte. Nach Alarichs Tode ward Athaulf zum König gewählt und dieser führte die Goten endlich nach Spanien, wo sie sich sehr bald festsetzten und ein mächtiges gotisches Königreich gründeten, nachdem sie die unbedeutenden römischen Befehlshaber von dort vertrieben hatten.

Die Einwanderung der Westgoten machte sich an allen Enden Spaniens lebhaft bemerkbar. Die Alanen und Sueven wurden stark bedrängt und sahen sich gezwungen, die Herrschaft der Goten anzuerkennen. Selbst die Vandalen, die bis dahin in Spanien die stärkste Vormacht gebildet hatten, wurden energisch zurückgedrängt und gegen die Küste des Mittelmeers zurückgeworfen. Schon dachte der König Geiserich daran, nach Afrika überzusetzen. Da trat ein Ereignis ein, das die Verwirklichung seines Planes, wie absichtlich, noch beschleunigte. Um diese Zeit herrschte in Rom für den minderjährigen Valentinian und seine Mutter der berühmte Aëtius; er war sehr unternehmend, ehrgeizig, schlau und nicht wählerisch in den Mitteln, wenn es galt, zu erringen, was er wünschte. Aëtius hatte einen mächtigen Feind in Bonifacius, dem Statthalter in Afrika, und daher war er entschlossen, ihn zugrunde zu richten. Zu diesem Zweck ließ er ihn im Auftrag des Kaisers nach Rom rufen. Bonifacius aber hatte den Plan durchschaut, und daher war er entschlossen, in Afrika zu bleiben und Geiserich um Hilfe anzugehen. 427 landete Geiserich mit seinen Vandalen und einem Teil der Alanen an der afrikanischen Küste und bezeichnete seinen Weg durch Brandstiftungen und Verwüstungen. Zu spät sah Bonifacius ein, welchen Fehler er begangen hatte, sich einen solchen Gast einzuladen. Er hatte sich bereits mit seinem Kaiser ausgesöhnt und wollte nun seinem unruhigen Verbündeten Einhalt gebieten. Aber es war nicht so leicht, mit Geiserich fertig zu werden, und Bonifacius ward geschlagen. Geiserich steckte Karthago in Flammen, plünderte die Häuser, metzelte die Einwohner nieder und riß alle Reichtümer an sich, die er nur finden konnte.

Die schnellen Erfolge entfachten seinen wilden Ehrgeiz noch mehr. Bald war die ganze Küste Nordafrikas der Herrschaft der Vandalen unterworfen. Mit Feuer und Schwert bekehrte er die Bevölkerung zum arianischen Glauben und gründete eins der mächtigsten Reiche dieser wilden und finsteren Epoche. Nun aber wurde Geiserich übermütig. Seine fürchterliche Flotte zerstreute sich über das Mittelmeer und machte durch ihre Raubzüge jegliche Schiffahrt unmöglich. Jedes Jahr erschien dieser numidische Löwe an sämtlichen Küsten des Mittelmeers, von Griechenland und Illyrien bis Gibraltar, und raubte, als sammele er die Ernte von den eigenen Feldern ein, alles, was diese blühenden und bevölkerten Gegenden erzeugten. Spanien, Sizilien, Sardinien, Dalmatien hatten abwechselnd die fürchterliche und zerstörende Hand dieses gekrönten Piraten zu fühlen, der hier so schnell das erste Reich christlicher Corsaren gegründet hatte. Endlich aber erfaßte ihn inmitten aller Größe und der Pracht der zusammengeraubten Reichtümer jener Geisteszustand, jene schreckliche Melancholie, die den Geist verdorren läßt und quält und stets der Vorbote der Tyrannei, dieser furchtbaren Seelenkrankheit der Herrscher, ist. Er begann mißtrauisch zu werden gegen alle, die ihn umgaben, und sein Argwohn erstreckte sich zuletzt sogar auf seine Gemahlin, die Tochter eines Königs der Westgoten: er bildete sich ein, sie habe die Absicht, ihn zu vergiften. Ganz hingenommen von diesem Gedanken, befahl er, ihr Nase und Ohren abzuschneiden, und schickte sie so verunstaltet zu ihrem Vater. Weil er aber die Rache der Goten fürchtete, machte er dem Hunnenführer Attila den Vorschlag, von Norden aus in Spanien und Italien einzubrechen.

Attila residierte in Dacien; hier hatte er, unweit der Donau, sein Standlager aus rohen, hölzernen Hütten aufgeschlagen, in deren Mitte sich sein plumper Palast erhob. Attila war der Führer, der den Hunnen bis dahin gefehlt hatte. Er hatte gezeigt, welch furchtbare Gewalt die vorwärtsstürmende Kraft der Asiaten annehmen kann. Der ganze Nordosten Europas erkannte seine Herrschaft an. Die lange Kette der Völker, die dem schier unüberwindlichen Hunnenkönige Tribut zahlten, begann mit dem Kaukasus und endete am Rhein. Die Goten, die Gepiden, die Alanen, die Heruler, die Akatirer, die Thüringer und die Slawen, sie alle wurden von den Grenzen seines schnell wachsenden Nomadenreichs umschlossen. Der griechische Kaiser, der seine Verachtung kennen gelernt hatte, sandte ihm demütig seinen Tribut und lag im Staube vor seiner Macht und Größe. Attila war ein Mensch von kleiner Gestalt, fast ein Zwerg, mit einem ungeheuren Kopf und kleinen Kalmückenaugen, und sein Blick war so schnell, daß keiner seiner Untertanen ihn ertragen konnte, ohne unwillkürlich zu zittern. Mit diesem Blick allein beherrschte er alle seine Stämme, die trotz ihrer zerstreuten Wohnsitze und trotz der Verschiedenheit ihrer Lebensweise, ihrer Sitten und Gebräuche durch sein Wort zu einem einzigen Wesen zusammenschmolzen. Mitten unter seinen Höflingen, die mit geraubtem Golde prunkten, ging dieser merkwürdige Mensch in einem groben, weiten Gewand umher, lag auf einem gewöhnlichen Lager von Filz und trank fast nur Wasser aus einem Holzeimer; weder sein Roß, noch sein Sattel waren je mit Edelsteinen geschmückt, und er nannte sich selbst die Geißel Gottes, die gesandt ward, um die Welt zu züchtigen. Seine Macht über die Truppen war grenzenlos: sie glaubten, daß er ein verzaubertes Schwert besäße, mit dem er die ganze Welt erobern müsse. Die unterworfenen Völker beugten sich mit bewunderungswürdigem Gehorsam unter seine Herrschaft. Übrigens war auch jeder Gedanke an eine Empörung völlig ausgeschlossen, denn Attila hätte leicht vor seinem Zelt eine Pyramide von Schädeln errichten können, bei deren Anblick wohl einem jeden die Lust zu solchen Unternehmungen vergangen wäre. Er ließ sich nicht gern ohne Grund in einen Krieg ein, besonders wenn der Friede für ihn dieselben Vorteile hatte. Er war ein furchtbarer Richter. Er konnte auch großmütig sein, aber nur gegen Sklaven, die zu seinen Füßen lagen. Aber Attilas Rache .... jedoch niemand hätte den Mut gehabt, seine Rache heraufzubeschwören.

Anscheinend hatte Geiserichs Vorschlag ihn in seinen eigenen Plänen befestigt. Auf sein Gebot sammelten sich all seine zahllosen Stämme, und er zog mit ihnen gen Westen. Das römische Reich merkte bald, welch große Gefahr ihm drohte. Alle Nationen, die das Westeuropa jener Zeit bevölkerten, wurden von einer gewaltigen Aufregung ergriffen. Und nun geschah etwas Außerordentliches: Das ganze barbarische Westeuropa vereinigte sich zu einem einzigen Bündnis, die Römer schlossen sich den Zerstörern ihres Reichs, den Westgoten, Alanen und Franken an. Nomaden- und Hirtenvölker stürzten sich auf seßhafte und zum Teil schon ackerbauende Völker, das ungestüme despotische Asien auf das gefestigte, freie Europa. Hier müssen wir bemerken, daß die germanischen Völker um so freiheitsliebender waren, je weiter gen Westen sie lebten. Die Alpen waren von alters her eine Schutzwehr der europäischen Freiheit und im weiten Umkreise um sie herum haben sich die Stämme auch heute noch einen gewissen Unabhängigkeitszug bewahrt. Die Marneebene in Frankreich sollte der Schauplatz dieser in der Geschichte einzig dastehenden Schlacht werden. Das freie Westeuropa, die Römer, die Westgoten, die Aremoriker, die Breonen, die Burgunder, die Sachsen, die Alanen und die Franken unter Führung ihrer Könige und Feldherrn und unter der Oberleitung des gewandten Aëtius und das nomadisierende Osteuropa: die Ostgoten, Alanen, Gepiden, Markomannen, Veneter, Longobarden, Heruler, Akatirer, Avaren, Thüringer, Roktolanen sowie einige slawische Stämme unter der Führung ihrer Fürsten, Könige und Prinzen, geleitet von dem einen allmächtigen Willen Attilas, sollten eine Entscheidung über so manches herbeiführen, was für die Nachwelt von höchster Bedeutung ward. Das freie Europa hielt stand. Die unüberwindliche verderbenbringende Reiterei Attilas und die verbündeten Völker wurden zurückgeworfen, und der unbezwingliche Hunne, der seine ganze ihm zu Gebote stehende Willenskraft eingesetzt hatte, kehrte mit seinen Roßherden und Völkern in die Ebenen Ungarns und Pannoniens zurück. Aëtius, der nicht den Wunsch hatte, daß die Westgoten, die sich in dieser blutigen Schlacht mehr denn alle übrigen ausgezeichnet hatten, ein zu großes Übergewicht gewönnen, erleichterte Attila den Rückzug. Die große Völkerliga zerfiel, nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatte, und alles kehrte, da man annahm, die Gefahr sei vorüber, in seinen Anfangszustand zurück.

Aber der fürchterliche Hunnenführer raufte sich zornig seinen edlen Haarschopf und fiel nach einem Jahr, nachdem er die Reihen seiner Truppen durch neue ergänzt hatte, in Italien ein, wo der sorglose Kaiser Valentinian und sogar Aëtius selbst nichts von Gefahr ahnten. Die erste Stadt, die Attilas schwere Hand zu spüren bekam, war Aquileja. Er äscherte sie vollkommen ein und wurde so die Veranlassung, daß ein Häuflein überlebender Einwohner am Adriatischen Meere die Stadt Venedig gründeten. Von hier zog er wie eine feurige Geißel durch ganz Italien. Die Städte Concordia, Brescia, Vicenza, Padua, Verona, Mantua, Mailand, Modena, Parma ließen nichts wie niedergebrannte Mauern sehen. »Ich schwöre es,« rief der wilde Hunne, »da soll kein Gras mehr wachsen, wo der Huf meines Rosses den Boden berührt hat!« Endlich sah auch Rom Attila vor seinen Mauern. Der erschrockene Papst trat in vollem Ornat und begleitet von einer ganzen Prozession dem unerbittlichen Hunnen entgegen und, -- war es nun die Pracht des christlichen Ritus oder der unter den wilden, ja selbst unter den heidnischen Völkern vielfach verbreitete Gedanke, daß Rom etwas Heiliges in seinen Mauern berge -- genug, Attila begnügte sich damit, einen großen Tribut zu erheben, zog sich zurück und verließ Italien.

Schon sollte die vereinigte Liga der westlichen Völker seine Macht und Rache kennen lernen, aber sein plötzlicher Tod rettete sie. Attila fand einen seltsamen Tod. Er, der so düster und zurückhaltend gewesen war, der es nicht einmal geduldet hatte, daß der Griff seines Säbels und sein Filzsattel mit goldenem Zierat oder Edelsteinen geschmückt werde, veränderte von einem Tage zum andern seine Lebensweise. Nachdem er die Tochter des Kaisers von Baktrien, ein Mädchen von wunderbarer Schönheit, geheiratet hatte, gab er sich, ganz berauscht von Wein und Gelagen, mit einer so wilden Leidenschaft der Sinnenlust hin, daß er seine ganze stählerne Lebenskraft wie in einem Zuge ausströmen ließ. Ein Blutstrom rann ihm aus Ohren, Mund und Nase, und er erstickte.

In einer unbekannten Wüste, in stockfinstrer Nacht grub man Attila das Grab und begleitete diese Arbeit mit Gesängen, in denen seine Heldentaten gepriesen wurden. Sein Leichnam wurde in einen dreiwändigen Sarg gelegt -- die eine Wand war von Gold, die andre von Silber und die letzte von Kupfer; seine Waffen und das Geschirr seiner Rosse wurde mit ihm ins Grab gesenkt. Alle Knechte und Sklaven, die die Grube gegraben, wurden am Grabe erstochen, damit kein Lebender je die Stelle fände, wo die Gebeine des großen Mannes ruhten[13].

Nach dem Tode Attilas stoben die Hunnen plötzlich auseinander und zerstreuten sich wie alle asiatischen Völker, die nur durch den mächtigen Willen eines Führers zusammengehalten werden. Nunmehr breiteten sich die europäischen Völker weiter und freier aus, sie wurden selbständiger, und im Osten traten slawische Stämme mehr in den Vordergrund, die sich allmählich vermehrten und in sechzig verschiedene Stämme teilten; sie zogen bis nach Tirol, machten nach dem Abzug der Ostgoten an den Grenzen des griechischen Kaiserreichs von sich reden, drangen immer mehr in die weiten Ebenen ein und verwandelten sich allmählich in seßhafte Völker.

Über Italien lagen nach den Verwüstungen Attilas noch lange Rauchwolken, aber selbst in den halbzerstörten Ruinen nisteten noch immer allerhand Tücken und Ränke, und in diesem völlig erschöpften Reiche gab es immer noch elende Ehrgeizlinge. Dem Senator Maximus war es gelungen, Aëtius, die einzige Stütze des schwankenden Thrones, vor dem ohnmächtigen Kaiser Valentinian zu verdächtigen, und der undankbare Valentinian erschlug ihn mit eigener Hand. Nun aber, als er dieser Stütze verlustig gegangen war, fiel er selbst von der Hand des Maximus, dieser setzte sich die Kaiserkrone auf sein von kindischem Ehrgeiz erfülltes Haupt und heiratete die Witwe Eudoxia. Die Witwe aber dürstete nach Rache, sie war empört über den gemeinen Mord an ihrem Gemahl, Italiens Schicksal beunruhigte sie wenig, und so forderte sie Geiserich im geheimen auf, nach Rom zu kommen, um den Tod des Kaisers, seines Verbündeten und Freundes, zu rächen.

[Fußnote 13: Über die Hunnen und Attila siehe Jornandes, De Guignes, Fischer.]

Geiserich ließ nicht gern lange auf sich warten; sofort verließ er mit seinen Vandalen die afrikanische Küste, schiffte sich auf seinen Piratenschiffen ein und landete in Italien. Und alles, was vom Schwert Attilas verschont geblieben war, das vernichtete Geiserich in gewohnter Weise. Er untersuchte nicht lange, wer recht und wer unrecht hatte, oder wem er Hilfe leisten sollte. Alle traf dasselbe Schicksal. Geiserich verstand sich besonders gut auf das Plündern; nach ihm fand niemand etwas, woran er sich hätte bereichern können. Rom, das bis dahin selbst von den Heiden verschont geblieben war, wurde von diesem christlichen König ganz erbarmungslos geplündert; alles, was überhaupt mitgenommen werden konnte, wurde mitgenommen. Er füllte seine Schiffe mit einer Unzahl von Gefangenen, mit denen er selbst nichts anzufangen wußte; er nahm eine Menge von Schauspielern und Künstlern mit, selbst die Frau des Kaisers samt ihren Töchtern, denen er doch zu Hilfe geeilt war, zuletzt holte er auch die goldene Kuppel vom Kapitol herunter und schleppte sie zugleich mit anderen Schätzen nach Afrika.

Nach all diesen Ereignissen erinnerte Italien kaum noch an den Schatten seines ehemaligen Ruhms. Einst in herrlicher Blüte prangend, der Glanzpunkt der europäischen Natur, bot es jetzt den wilden Anblick eines verwüsteten, zerstörten Landes dar. Der Name des Kaisers war in den verlassenen Städten kaum noch zu hören. Der römische Imperator hatte gar keine Einkünfte mehr. Er war nicht mehr imstande, seinem eigenen Heer, das aus Herulern, Rugiern und Turcilingern bestand, seinen Sold zu bezahlen. Und so setzte denn ihr Anführer Odoaker den Kaiser ab und wurde selbst ein unbeschränkter und völlig unabhängiger Herrscher; allein, er wollte die kaiserliche Würde gar nicht mehr annehmen, sondern nannte sich ganz einfach König der Heruler. Ein anderer Teil des römischen Heeres befand sich in Gallien, es war durch die Alpen gewissermaßen von der Heimat abgeschnitten, und sein Anführer Syagrius, der von den Ereignissen in Italien gar keine Kunde hatte, verteidigte hier das gar nicht mehr existierende Reich gegen den vereinigten Frankenbund, der um diese Zeit bereits übermächtig zu werden begann, weil ein unternehmender König und Feldherr, Chlodwig, an seiner Spitze stand. Syagrius, der von seinem Reich abgeschnitten war und gar keine Verstärkungen erhielt, fiel es schwer, diesen frischen Kräften Widerstand zu leisten: er gab nach, und Gallien wurde von fränkischen Stämmen überschwemmt. Bald darnach brachen die Ostgoten unter der Führung von Theoderich von den nördlichen Grenzen des oströmischen Reiches auf, nahmen Italien ein und brachten die dort lebenden Völker unter ihre Herrschaft. Kurze Zeit nachher setzten die Angelsachsen auf ihren plumpen, kühnen Schiffen über das Meer, unterwarfen England -- und damit fand die große Völkerwanderung, soweit sie sich in großen Massen vollzog, endgültig ihren Abschluß, aber in engeren Grenzen und in kleinerem Umfange nahm sie auch noch weiter ihren Fortgang. Die vielen wilden Jäger, die dieses allgemeine Herüber- und Hinüberwandern und dieser beständige Wechsel der Wohnsitze herangezogen hatten, waren von einer starken Leidenschaft für allerhand Abenteuer und Wandern ergriffen, und obgleich ganz Europa jetzt scheinbar unbeweglich dalag, rührte es sich und wogte es dort hin und her wie auf einem ungeheuren Marktplatz. Alle Nationen waren so durcheinandergemengt, daß es vergeblich gewesen wäre, eine reine und unberührte entdecken zu wollen, und erst mit der Zeit drückten bestimmte stabile Regierungsformen oder Beschäftigungen den bedeutendsten unter ihnen eine besondere Eigenart und bestimmte unterscheidende Merkmale auf. Damals gab es vier große Völkergruppen oder -massen, die die anderen an Bedeutung überragten, gleichsam vier Hauptpunkte, in denen sich die Macht Europas konzentrierte. In Spanien -- die Westgoten, die mit einem Teil der von ihnen unterjochten Völker dort eingefallen waren, sich daselbst, d. h. in Spanien mit den Alanen, Sueven, Vandalen und einigen anderen von diesen abhängenden Stämmen vereinigt und in dem Gebirge von Asturien eine Menge feindlicher Banditenbanden wider sich aufgeregt hatten. Ferner in Gallien die Franken, die bereits aus den früheren Nachbarn der Römer, den Germanen von der Donau und vom Rhein, den Usipiern, Sigambern, Cheruskern, Chatten, Brukteren, Angrivariern, Chasuariern und anderen eine Nation gebildet, sich mit den einheimischen römischen Galliern vereinigt, mit den unterworfenen Aremorikern, Bretonen, Alemannen, Burgundern und zum Teil auch mit den Bajuwaren und Friesen verbunden, ohne sich doch mit ihnen zu verschmelzen, und die das Gebiet ihrer Herrschaft bis über die Alpen über den Rhein hinaus ausgedehnt hatten.

Das war eine der mächtigsten Völkergruppen. Im nördlichen Deutschland saßen die Sachsen, die durch ihre Wildheit und ihr Korsarentum Schrecken erregten und sich nur wenig mit anderen Stämmen vermischt hatten, und in Italien die Ostgoten, in deren Masse sich viele Abkömmlinge von Völkern befanden, die in Osteuropa herumwanderten -- Sueven, Alanen, Avaren, Slawen, Gepiden -- und die unter der geschickten und festen Regierung Theoderichs eine Zeitlang das Übergewicht in Europa erlangten. Außerdem übten diese großen Völkermassen noch eine Schutzherrschaft über eine Menge weit abseits wohnender Stämme aus.