Sämmtliche Werke 6: Arabesken, Prosaschriften, Rom
Part 18
Die äußere ins Auge fallende Eigenart oder die Manier Brylows bildet auch einen völlig originellen und einen besonderen Fortschritt. Auf seinen Bildern liegt ein Meer von Licht. Das ist sein Charakter. Seine Schatten sind kräftig und scharf, gehen aber in der Gesamtmasse unter, verschwinden im Licht. Wie in der Natur, so sind sie auch bei Brylow kaum bemerkbar. Man könnte seinen Pinsel glänzend und durchsichtig nennen. Die Rundung eines schönen Körpers hat etwas Durchscheinendes und erinnert an Porzellan; das Licht, das ihn mit seinem Glanze überflutet, scheint zu gleicher Zeit in ihn einzudringen. Und dieses Licht ist wiederum so zart, daß es zu phosphoreszieren scheint. Selbst der Schatten erscheint bei ihm durchsichtig und strömt bei aller Kraft und Stärke eine reine, weiche Zartheit und Poesie aus. Seine Pinselführung prägt sich einem für alle Zeiten ein. Ich hatte zuerst nur ein Bild von ihm gesehen -- das Porträt der Familie Witgenstein. Es prägte sich sofort und mit einem Schlage meiner Phantasie ein und lebt dort für immer in seinem leuchtenden Glanze. Als ich auf dem Wege war, mir das Bild »Die Zerstörung von Pompeji« anzusehen, war das erste ganz aus meinem Gedächtnis geschwunden. Ich näherte mich mit einer größeren Menge von Menschen dem Saal, wo das Bild hing, und ich hatte, wie das in solchen Fällen zu geschehen pflegt, für einen Augenblick ganz vergessen, daß ich gekommen war, um mir ein Werk Brylows anzusehen; ich hatte sogar vergessen, ob überhaupt ein Brylow auf der Welt existiert. Aber als mein Blick auf das Bild fiel, als es vor mir aufstrahlte, da durchzuckte mich wie ein Blitz der Gedanke an jenes Porträt, und ich glaubte das Wort »Brylow« zu hören. Ich hatte ihn wiedererkannt. Sein Pinsel hat etwas von jener Poesie, die man nur empfinden kann und die man stets wiedererkennt: unsere Sinne erkennen und fühlen stets die spezifischen Eigentümlichkeiten, obwohl wir sie mit Worten nie auszudrücken vermögen. Sein Kolorit hat eine Leuchtkraft, wie man sie früher fast nie gekannt hat; seine Farben glühen und treffen sprühend unsere Augen. Bei einem Künstler, der nur eine kleine Stufe tiefer stände als Brylow, wären sie unerträglich, bei ihm aber sind sie von jener Harmonie belebt und von jener inneren Musik durchdrungen, die die lebendigen Geschöpfe der Natur erfüllt.
Aber die stärkste Eigenart und das, was das Größte an Brylow ist, das ist die ungeheure Vielseitigkeit und der ungeheure Umfang seines Talents. Er läßt nichts außer acht, bei ihm ist alles von der Grundidee und den Hauptgestalten bis zum letzten Pflasterstein frisch und lebendig. Er bemüht sich, alle Gegenstände zu umfassen und ihnen allen den machtvollen Stempel seines Talents aufzudrücken. Gewöhnlich pflegten sich die Künstler früherer Zeiten nur eine einzelne Seite eines Gegenstands vorzunehmen und auf diese ihr ganzes Talent zu konzentrieren, das sich daher auch zu einer ungewöhnlichen, man möchte sagen, abstrakten Größe entwickelte. Raffael malte gewöhnlich nur Gesichter und stellte das Erwachen himmlischer Leidenschaften und Neigungen auf ihnen dar; alles übrige, selbst die Gewänder, ließ er seine Schüler vollenden. Auch alle übrigen großen Künstler vernachlässigten, ergriffen von der Erhabenheit der Religion oder der Erhabenheit der Leidenschaften, alles Beiwerk und alles Sekundäre auf ihren Gemälden. Bei ihnen hat der Himmel immer eine dunkelbraune Farbe; ihre Wolken erinnern mehr an Heubündel oder an Granitmassen; die Bäume bilden entweder in ihrer Regelmäßigkeit etwas Kindlich-Einförmiges oder in ihrer willkürlichen Form etwas Unharmonisch-Häßliches. Für Brylow dagegen sind alle Gegenstände vom größten bis zum kleinsten wertvoll. Er sucht die Natur mit seinen Riesenarmen zu umfassen und drückt sie mit der Leidenschaft eines Liebhabers an sein Herz. Vielleicht ist ihm dabei die detaillierte Durcharbeitung der Teile, mit der ihm das XIX. Jahrhundert vorangegangen ist, von Nutzen gewesen. Vielleicht hätte Brylow, wenn er früher zur Welt gekommen wäre, nicht dieses vielseitige aufs Ganze und Kolossale gerichtete Streben besessen, und vielleicht gehören daher seine Werke zu den ersten, die durch ihre Lebendigkeit und als reine Spiegel der Natur einem jeden verständlich sind. Seine Werke gehören zu den ersten, die sowohl der Künstler, der einen hochentwickelten Kunstgeschmack hat, wie der Laie, der nicht einmal weiß, was Kunst ist (wenn auch nicht in gleicher Weise), begreifen kann. Es sind die ersten Werke, denen das beneidenswerte Los zuteil ward, sich einen Weltruf zu erobern, und das hervorragendste unter ihnen ist bis heute das Gemälde »Der letzte Tag von Pompeji«, das sich durch seine ungewöhnliche Größe und die Vereinigung aller höchsten Schönheiten nur mit einer Oper vergleichen läßt, wenn die Oper wirklich eine Vereinigung der dreieinigen Welt der Künste, der Malerei, der Poesie und der Musik darstellt.
1834. Im August.
VII Der Gefangene Ein Kapitel aus einem historischen Roman
Im Jahre 1543, zu Beginn des Frühjahrs, wurde nachts die Ruhe des kleinen Städtchens Lukoma durch eine Abteilung der ordentlichen königlichen Truppen gestört. Der abnehmende Mond, der mit seiner leuchtenden Sichel durch die Wolken brach, die sich immerfort um ihn zusammenballten, erhellte für einen Augenblick den Boden der Schlucht, auf deren Grunde sich das kleine Städtchen angesiedelt hatte. Zum Erstaunen der wenig zahlreichen Stadtbewohner, die erwacht waren, zog die Abteilung, deren bloßes Erscheinen sonst der Vorbote von allerhand Unruhen und Plünderungen war, mit einer schauerlichen Ruhe durch die Gassen. Man merkte, daß die ganze Kraft ihrer stark gespannten Aufmerksamkeit sich auf den Gefangenen konzentrierte, der in ihrer Mitte einherritt; er hatte wohl das seltsamste Kostüm an, das einem Menschen je gewaltsam aufgezwungen wurde. Sein Körper war von unten bis oben mit Gewehren bedeckt, die an ihm festgebunden waren, wahrscheinlich, um ihm eine gewisse Bewegungslosigkeit zu verleihen. Ein Kanonengestell war auf seinem Rücken befestigt. Sein Roß konnte sich kaum fortbewegen, und der unglückliche Gefangene wäre längst herabgefallen, wenn er nicht mit einem dicken Seil an den Sattel gebunden gewesen wäre. Hätte ein Mondstrahl auch nur für einen Augenblick sein Gesicht gestreift, er hätte sich in den blutigen Schweißtropfen gebrochen, die ihm über die Wangen rannen. Aber der Mond konnte das Gesicht des Gefangenen nicht sehen, da es hinter einer eisernen Maske verborgen war. Die neugierigen Bewohner versuchten hin und wieder mit offenem Munde näher an den Gefangenen heranzutreten, wenn sie aber die drohend geballte Faust oder den Säbel eines der Begleiter erblickten, schraken sie zurück, liefen eilig in ihre elenden Hütten und wickelten sich, in der Kühle der Nachtluft fröstelnd, fester in die um die Schulter geworfenen tatarischen Pelze.
Die Abteilung hatte die Stadt passiert und näherte sich einem einsamen Kloster. Dieses Gebäude, das aus zwei völlig verschiedenen Teilen bestand, lag ganz am Ende der Stadt auf einem steilen Abhang. Der untere Teil der Kirche war aus Stein und bestand sozusagen ganz aus Spalten und Rissen; er war von Feuerrauch und Pulverdampf geschwärzt, stellenweise war er ganz grün, mit Nesseln, Hopfen und wilden Glockenblumen bedeckt, und bildete eine lebendige Chronik des Landes, das unter so viel blutigen Ernten zu leiden gehabt hatte. Der obere Teil mit seinen fünf geschwungenen, hölzernen Kuppeln, die eine entartete byzantinische Architektur geschaffen und die von barbarischen Nachahmern noch mehr verunstaltet waren, bestand ganz aus Holz. Die neuen Bretter, die zwischen den alten rauchgeschwärzten hervorschimmerten, verliehen der Kirche eine gewisse Buntheit und ließen erkennen, daß fromme Pilger sie vor nicht gar zu langer Zeit ausgebessert hatten. Ein blasser Strahl der Mondsichel stahl sich durch die krausen Zweige der Apfelbäume, die mit ihrem dichten Laubwerk einen Teil des Gebäudes verdeckten, und fiel auf die niedrige Tür und das über ihr angebrachte zackige Gesims, das mit kleinen, eigensinnig wuchernden gelben Blumen bedeckt war; sie leuchteten auf und glichen einer feurigen oder goldenen Aufschrift auf dem natürlichen Gesims. Einer aus der Menge, ein Mann mit einem nicht enden wollenden Schnurrbart, wie man noch nie einen ähnlichen gesehen hatte, -- er war noch länger als seine Arme -- ein Mensch, den man nach seinem Benehmen und seinem frechen, gebieterischen Blick wohl für den Führer der Abteilung halten konnte, schlug mit dem Flintenlauf an das Tor. Die morschen Klostermauern dröhnten und gaben einen Ton von sich, der wie die Stimme eines Sterbenden klang und in der Luft verhallte. Darnach trat wieder tiefe Stille ein. Ein wildes Fluchen in den verschiedensten Mundarten donnerte unter dem gewaltigen Schnurrbart des Abteilungschefs hervor: »Macht auf! verfluchtes Popenvolk! Sonst weiß ich schon, wie ich euch wecken will!« Ein Pistolenschuß ertönte, die Kugel drang durch das Tor und schlug ins Kirchenfenster ein, so daß innen die Scheiben klirrend zu Boden fielen. Dies verursachte eine große Verwirrung in den Zellen, die an die Kirche grenzten; man sah Lichter aufblitzen; ein Schlüsselbund erklirrte; das Tor öffnete sich knarrend, und vier Mönche mit dem Prior an der Spitze traten bleich mit einem Kreuz in der Hand heraus.
»Hebt euch weg! unreine Geister, Bewohner der Hölle!« sagte kaum hörbar mit zitternder Stimme der Prior. »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, hebe dich weg von hier, Satan!«
»_Allez!_ Das kläfft noch! Verfluchter Kerl!« brüllte der Führer in einer Sprache, der kein Mensch hätte einen Namen geben können -- aus so verschiedenartigen Elementen war sie zusammengebraut -- »Was kläffst du Strolch und sagst, wir seien Teufel; wir Teufel? Wir sind von den Königlichen!«
»Was seid ihr für Leute? Ich kenne euch nicht! Was seid ihr gekommen, die Ruhe der rechtgläubigen Kirche zu stören?«
»Ich werde dir die Augen mit Pulver auswaschen, alte Hündin! Gib mir die Schlüssel zu den Klosterkellern.«
»Wozu braucht ihr die Schlüssel zu unseren Kellern?«
»Ich werde nicht erst viel mit dir reden, dummer Pope. Aber wenn du willst, Baßamasenjata, sprich mit meinem Gaul.«
»Bring' diesem Antichristen die Schlüssel, Bruder Kasjan,« seufzte der Prior und wandte sich an den einen Mönch. »Aber ich habe keinen Wein, so wahr Gott heilig ist, ich habe keinen! nicht ein einziges Faß, auch kein Fäßchen, ich habe nichts, was ihr brauchen könntet.«
»Was geht mich das an! Meine Jungens wollen trinken. Ich sage dir, wenn du dummer Pope keinen Stall, kein Heu und keinen Weizen für meine Pferde hergibst, dann führe ich sie in eure Kirche und versetze dir einen Fußtritt ins Gesicht.«
Der Prior sagte keine Wort, er blickte die Ankömmlinge mit seinen bleiernen Augen an, die, wie es schien, schon längst nicht mehr dieser Welt gehörten, denn sie ließen keine Andeutung von einer Leidenschaft erkennen, und sein Blick traf mit dem des Jesuiten zusammen, der seine Augen haßerfüllt auf ihn gerichtet hatte. Der Prior wandte sich ab, und sein Auge fiel auf den seltsamen Gefangenen mit dem Eisenvisier. Es schien, daß dieser Anblick den Greis, der gegen alles, was nicht die Kirche anging, teilnahmslos war, überraschte.
»Warum habt ihr diesen Menschen gefangen? Gott! strafe sie mit Deiner dreifaltigen Macht! Gewiß wieder ein Märtyrer, der für seinen Glauben an Christus leidet.«
Der Gefangene ließ nur ein schwaches Stöhnen vernehmen.
Die Schlüssel wurden gebracht, und beim Schein eines schläfrig brennenden Lämpchens näherte sich die ganze Bande dem Eingang einer Höhle, die sich hinter der Kirche befand. Kaum waren sie alle in das unterirdische, häßliche Gewölbe hinabgestiegen, als Grabesfeuchtigkeit sie umfing. Stumm schritt der Führer voran, und die flackernde Flamme der Lampe mit ihrem nebligen Strahlenkranz warf ihm einen fahlen, gespenstigen Lichtschimmer ins Gesicht, während der Schatten seines endlosen Schnurrbarts sich emporbäumte und alle mit zwei langen, dunklen Streifen bedeckte. Nur die beiden Enden des Kopfes mit ihrer plumpen Rundung waren hell und scharf beleuchtet und ließen den unsäglich gefühllosen Ausdruck erkennen, der darauf hindeutete, daß jede weichere Regung in dieser Seele längst erstorben und erstarrt, daß Tod und Leben ihm innerlich gleichgültig waren, daß sein größter Genuß in Tabak und Branntwein bestand und daß er sich nur dort ganz selig fühlte, wo alles lärmt und klirrt und trunken zu Boden sinkt. Er war ein Sprosse der Grenzvölker, in dem zahlreiche Nationen sich gemischt hatten. Von Geburt ein Serbe, der alles Menschliche in den wüsten Raubzügen und Trinkgelagen Ungarns in sich ertötet hatte, seiner Kleidung und auch zum Teil seiner Sprache nach ein Pole, seiner Geldgier nach ein Jude, seiner Verschwendungssucht nach ein Kosak und in seinem ehernen Gleichmut ein Teufel. Er schien die ganze Zeit über ganz ruhig zu sein und nur dann und wann murmelte er einen gewöhnlichen Fluch zwischen den Zähnen hindurch, besonders wenn er auf dem unebenen Boden stolperte, der sich immer tiefer und tiefer hinabsenkte.
Mit großer Sorgfalt betrachtete er alle Löcher in den Erdwänden, die jetzt ganz verschüttet waren, und einst als Zellen und einzige Zufluchtsstätte im Lande gedient hatten, wo selten ein Jahr verging, ohne daß die Zerstörung durch Steppen und Felder raste, und wo niemand massivere Gebäude und Schlösser errichtete, weil jedermann wußte, wie geringe Dauer ihnen beschieden war. Endlich erreichten sie eine hölzerne ganz mit Moos und Schimmel bedeckte Tür, die mit Balken und Steinen verrammelt war.
Der Führer blieb vor ihr stehen und betrachtete sie argwöhnisch von oben bis unten. »Nun!« sagte er, wies mit den Augen nach der Tür hin, und es war, als ginge ein Windstoß von seiner struppigen Braue aus. Sofort machten sich einige von seinen Leuten an die Arbeit; nur mit Mühe gelang es ihnen, die Balken zu entfernen.
Die Tür öffnete sich! Gott! welch ein grauenerregender Anblick bot sich den Augen der Anwesenden dar! Schweigend blickten sie einander an, ehe sie wagten, dort einzutreten. Es liegt etwas von den Schrecken des Grabes in solch einem unterirdischen Gang. Dort herrscht der Tod in seiner starren Majestät, er reckt seine knöchernen Gliedmaßen unter all den blühenden Städten und Dörfern, unter der heiteren, lebensfrohen Welt. Aber wenn dieses Todesgrauen atmende Innere der Erde noch von lebenden Wesen, von jenen Höllengeistern bevölkert wird, deren Anblick uns schon allein erzittern läßt, dann erscheint es noch furchtbarer. Der Modergeruch war so stark, daß anfänglich allen der Atem stockte. Eine riesengroße Kröte hockte da und glotzte die Eindringlinge, die sie in ihrer Ruhe gestört hatten, mit ihren gräßlichen hervorquellenden Augen an. Die viereckige Höhle hatte nur einen einzigen Eingang; große Stücke von Spinngeweben hingen in langen Fetzen von dem Erdgewölbe herab, das die Decke der Höhle bildete. Große Haufen von Erde, die von der Decke herabgestürzt waren, lagen am Boden. Auf einem dieser Haufen lagen Menschenknochen, und blitzschnell huschten schnellfüßige Eidechsen zwischen ihnen hindurch. Eine Eule oder eine Fledermaus hätte in dieser Umgebung noch schön gewirkt.
»Warum ist das keine Stube! 's ist eine schöne Stube!« schrie der Führer. »_Allez_, hinein! Du, Hund, du wirst hier gut schlafen! Leg' dich mal auf den Erdklumpen und nimm dir die Kröte zum Kopfkissen, oder besser, nimm sie dir für die Nacht zur Frau!«
Einer von den Königlichen lachte über diesen Scherz, aber sein Gelächter fand in diesen feuchten Hallen ein so schreckliches, tonloses Echo, daß er selbst erschrak. Der Gefangene, der bis dahin stillgestanden war, wurde in die Mitte der Höhle gestoßen und hörte nur noch, wie hinter ihm die Tür knarrte und die Balken krachten, die den Eingang versperrten. Das Licht erlosch, und Finsternis umfing das Innere der Höhle.
Der Unglückliche erbebte. Es schien ihm, als hätte man den Sargdeckel über ihm zugeschlagen, und das Krachen der Balken, die den Eingang versperrten, schien ihm dem Klirren des Spatens zu gleichen, wenn die Erde mit schrecklichem Laute auf die letzten Überreste eines Menschen fällt und die Menge gleichgültig wie das Grab und wie im Traume flüstert: »Er ist nicht mehr -- aber einst lebte er.« Nach dem ersten Schrecken verfiel der Gefangene in eine sinnlose Spannung, in einen seelenlosen Zustand, der gewöhnlich einzutreten pflegt, wenn ein Schlag einen so furchtbar trifft, daß der Mensch nicht einmal den Mut hat, an ihn zu denken, sondern seine Augen auf irgendeinen unbedeutenden Gegenstand heftet und ihn aufmerksam betrachtet. In solchen Augenblicken gehört er einer anderen Welt an und hat keinen Teil mehr an dem, was die Menschen bewegt: er sieht gedankenlos vor sich hin, er fühlt, ohne zu empfinden, und ist von einem seltsamen Leben erfüllt. Zuerst heftete er seine Aufmerksamkeit auf die ihn umgebende Finsternis. Für eine Spanne Zeit war alles vergessen -- ihr Schrecken und der Gedanke daran, daß er lebendig begraben war. Mit all seinen Sinnen suchte er sich mit der Finsternis vertraut zu machen, und vor ihm tat sich eine ganz neue seltsame Welt auf: plötzlich sah er helle Streifen die Dunkelheit durchziehen -- eine letzte Erinnerung an das Licht. Diese Streifen nahmen alle möglichen Farben an und bildeten die seltsamsten Figuren. Es gibt keine absolute Finsternis für das Auge. Man mag es zudrücken, soviel man will, es malt und zaubert uns Farben vor, die es früher einmal gesehen hat. Diese bunten Arabesken nahmen entweder die Form eines bunten Schals oder eines reich geäderten Marmors oder endlich jene seltsame Gestalt an, die uns so wunderbar fremdartig anmutet, wenn wir ein Stück eines Flügels oder das Beinchen eines Insekts unter dem Mikroskop betrachten. Zuweilen sah er einen schlanken Fensterrahmen, den es doch in seiner Höhle nicht gab, vor seinem Blick auftauchen. Ein phantastisches Azurblau leuchtete in dem schwarzen Rahmen auf, verwandelte sich dann in ein Kaffeebraun, verschwand ganz und ging dann in ein dunkles Schwarz über, das mit Pünktchen von gelber, blauer oder unbestimmter Farbe besät war.
Bald aber verschwand diese ganze Welt, und des Gefangenen bemächtigte sich eine andere Empfindung. Anfänglich konnte er sich von diesem Gefühle keine Rechenschaft geben, dann aber gewann es immer mehr an Bestimmtheit. Er hatte ein Gefühl der Kälte auf seiner Hand, und seine Finger glitten unwillkürlich über etwas Schlüpfriges hin. Plötzlich fuhr ihm der Gedanke an die Kröte durch den Kopf! ... Er schrie auf und fühlte sich augenblicklich in die Wirklichkeit versetzt! Seine Gedanken tauchten plötzlich tief unter in den Schrecken der Gegenwart. Hierzu kam noch die gänzliche Erschöpfung seiner Kräfte und die furchtbare Stickluft: dies alles hatte zur Folge, daß er in eine tiefe Ohnmacht versank.
Unterdessen machten sich's die königlichen Truppen in den Klosterzellen bequem, als ob sie zu Hause wären; sie schickten die Mönche fort, um die Ställe zu reinigen, und fingen fröhlich an zu zechen, voller Freude, daß sie sich endlich des Menschen, dessen sie bedurften, bemächtigt hatten.
1830.
VIII Über die Völkerwanderung am Ende des V. Jahrhunderts