Part 17
Es ist in den Chroniken ausführlich beschrieben, wie die polnischen Besatzungen aus den erschrockenen Städten flohen, wie die gewissenlosen jüdischen Pächter, einer nach dem andern, aufgeknüpft wurden, wie wehrlos der königliche Hetman Nikolaus Potozki mit seinem großen Heere dieser unüberwindlichen Macht gegenüberstand, wie er geschlagen und verfolgt wurde und wie er die bessere Hälfte seines Heeres in einem kleinen Flüßchen untergehen ließ; wie die furchtbaren Kosakenhorden ihn in das Städtchen Polomo einschlossen, und wie der bis zum Äußersten getriebene polnische Hetman ihnen mit einem feierlichen Eid im Namen des Königs und aller Magnaten vollständige Genugtuung und die Wiederherstellung aller früherer Rechte und Privilegien versprach. Aber die Kosaken waren nicht gesinnt, sich damit zu begnügen: wußten sie doch, welch einen Wert ein polnischer Eid hatte. Und Potozki hätte nicht mehr auf seinem schmucken Renner, der wohl sechstausend Gulden wert war, die Blicke der Edeldamen und den Neid des Adels auf sich lenken, nicht mehr im Reichstag lärmen und keine glänzenden Gastmähler zu Ehren der Senatoren geben können, wenn ihn die russische Geistlichkeit, die sich im Städtchen befand, nicht gerettet hätte. Als nämlich alle Polen in ihren glänzenden, goldgestickten Meßgewändern, mit Heiligenbildern und Kreuzen in den Händen und allen voran der Erzbischof mit Kreuz und Mitra ihnen entgegenkamen, da senkten die Kosaken ihre Häupter und nahmen die Mützen ab. In jenem Augenblick hätten sie wohl niemandem Achtung erwiesen, selbst dem König nicht -- aber gegen ihre Kirche erdreisteten sie sich nicht, sich aufzulehnen, und daher begrüßten sie ihre Geistlichkeit ehrfürchtig. Der Hetman wie die Hauptleute erklärten sich bereit, Potozki freizugeben, doch ließen sie ihn vorher einen Schwur leisten, daß er alle christlichen Kirchen in Ruhe lassen, der alten Feindschaft entsagen und dem Kosakentum keinen Schimpf und Schaden mehr zufügen werde. Nur einer der Hauptleute wollte diesen Friedensschluß nicht mitmachen: dieser eine war Taraß. Er riß sich ein Büschel Haare aus und rief:
»He, du Hetman und ihr Hauptleute! macht doch keine solchen Weibergeschäfte! Traut den Polen nicht: sie werden euch ja doch verraten!« Und als der Heerschreiber den Vertrag vorlegte, und der Hetman ihn mit seiner mächtigen Faust unterzeichnete, da zog Taraß seine herrliche Klinge, den kostbaren türkischen Säbel von feinstem Stahl, zerbrach ihn in zwei Stücke wie einen Stab, warf sie weit weg, nach verschiedenen Richtungen und rief: »So lebt denn wohl! So wenig wie diese beiden Enden sich je zu einem Säbel vereinigen werden, werden auch wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersehen, Kameraden! Seid meiner Abschiedsworte eingedenk!« (Hier wurde seine Stimme lauter, sie erhob sich gewaltig, und eine ungewohnte Macht ging von ihr aus, so daß alle über diese propethischen Worte in Verwirrung gerieten.) »In Eurer Todesstunde werdet ihr meiner gedenken! Ihr glaubt, daß ihr euch nun Ruhe und Frieden erkauft habt, ihr glaubt, daß ihr jetzt wie die Herren leben werdet? Das kann ein rechtes Herrenleben werden! Die Haut wird man dir vom Kopfe ziehen, Hetman, man wird sie mit Buchweizenspreu ausstopfen und sie auf allen Märkten herumschleppen und ausstellen! Und auch ihr, werte Herren, werdet eure Köpfe nicht behalten! In feuchten Kellern, zwischen steinernen Mauern eingepfercht, werdet ihr elend verrecken -- wenn man euch nicht etwa lebendig röstet wie Hammel in glühenden Kesseln.«
»Doch ihr, Kameraden,« fuhr er fort, indem er sich an seine Leute wandte, »wer von euch will einen Tod sterben, wie er selbst ihn sich wünscht, -- nicht hinter dem Ofen und an der Seite seines Weibes, nicht trunken hinterm Zaun neben irgend einer Schenke, wie ein stinkendes Aas, -- sondern einen ehrlichen Kosakentod, zusammen mit allen, auf einem Lager, wie Braut und Bräutigam? Oder wollt ihr vielleicht nach Hause zurückkehren, eurem Glauben abschwören und die polnischen Priester auf eurem Rücken schleppen.«
»Führe du uns Hauptmann, führe uns, Herr,« riefen alle die zu seiner Abteilung gehörten, und noch viele andere schlossen sich ihnen an.
»Nun also denn, vorwärts« rief Taraß, drückte seine Mütze noch kühner in die Stirn, warf den Zurückbleibenden einen verächtlichen Blick zu, richtete sich auf seinem Rosse hoch auf und rief den Seinen zu: »Niemand wage es, uns zu beschimpfen! Auf Freunde, jetzt wollen wir diesen Katholiken einmal einen Besuch abstatten!« Damit gab er seinem Pferd einen Schlag und stürmte davon, und ein ganzer Zug von hundert Wagen, dem sich viele Kosaken zu Fuß und zu Pferde anschlossen, folgte ihm. Taraß wandte sich um und warf den Zurückbleibenden noch einen drohenden Blick zu -- seine Augen sprühten vor Zorn. Niemand wagte es, sie zurückzuhalten. Die Abteilung zog Angesichts des ganzen Heeres ab, und noch viele Male drehte sich Taraß nach ihm um, und blitzte sie zornig an.
Der Hetman und die Kosaken blieben zurück; sie versanken in Gedanken und schwiegen lange Zeit, wie wenn eine schwere Vorahnung sie bedrückte. Taraß hatte die Wahrheit gesagt. Es kam ganz so, wie er es vorausgesehen hatte. Kurze Zeit darauf, nach dem Verrat von Kanewo, ward der Kopf des Hauptmanns und mit ihm der vieler vornehmer Würdenträger, auf einen Pfahl gesteckt und öffentlich zur Schau gestellt.
Was aber geschah mit Taraß? Er stürmte mit seinen Leuten durch ganz Polen, brannte achtzig Städtchen und ungefähr vierzig Kirchen nieder und rückte schon gegen Krakau vor. So manchen Edelmann hatte er schon niedergemacht und die reichsten und schönsten Schlösser geplündert. Die Kosaken öffneten die Wein- und Metfässer, welche Jahrhundertelang im Keller der polnischen Herren gelagert hatten, und ließen den köstlichen Wein auf den Boden laufen, schnitten die kostbaren Stoffe in Stücke und verbrannten die Gewänder und Zierrate, die sich in den Kammern befanden. »Schont mir nur nichts,« wiederholte Taraß fortwährend, und die Kosaken schonten selbst die schwarzäugigen Fräulein mit dem weißen Busen und den lieblichen Gesichtchen nicht, nicht einmal vor den Altären fanden sie Schutz vor ihnen: Taraß ließ sie mitsamt den Altären verbrennen. Manch schneeweiße Hand hob sich flehend aus der feurigen Glut zum Himmel: bei ihrem jämmerlichen Geschrei hätte die Erde selbst sich erweicht, und das Gras der Steppe hätte sich mitleidig zu Boden geneigt. Aber die grausamen Kosaken achteten auf nichts, sie spießten auf den Straßen die Säuglinge auf ihre Lanzen und schleuderten sie ihnen in die Flammen nach. »Da ihr verdammten Polen, das ist die Totenfeier für Ostap,« wiederholte Taraß beständig. Und solche Totenfeiern für Ostap veranstaltete er in jedem Dorfe, bis die polnische Regierung endlich erkannte, das Taraß' Toben mehr bedeute als ein einfaches Rauben, sie erteilte daher Potozki den Auftrag, mit fünf Regimentern auszuziehen, um Taraß unverzüglich zu fangen.
Sechs Tage lang entzogen sich die Kosaken auf allerhand Feldwegen der Verfolgung, die Pferde vermochten die ungewohnte schnelle Flucht kaum zu ertragen und retteten nur mit Mühe die Kosaken. Potozki erwies sich jedoch diesmal des ihm gegebenen Auftrags gewachsen: unermüdlich verfolgte er sie und erreichte sie endlich am Ufer des Dnjestr, wo Bulba eine zerfallene und verlassene Festung bezogen hatte, um dort Rast zu halten.
Diese Festung stand dicht an den steilen Ufern des Dnjestr, die Wälle waren niedergerissen, die Mauern waren zerfallen, und die Spitze des Felsens, die jeden Augenblick zusammenzustürzen und herabzufallen drohte, war über und über mit zerbrochenen Kiesel- und Felssteinen bedeckt. Hier war es, wo der königliche Hetman Potozki die Kosaken von drei Seiten, die mit dem offnen Feld in Verbindung standen, umzingelte. Vier Tage lang kämpften und verteidigten sie sich, indem sie Felsen und Ziegelsteine auf die Polen herabschleuderten, aber als die Vorräte und Kräfte zu Ende waren, faßte Taraß den Entschluß, sich durch die feindlichen Reihen hindurchzuschlagen. Der Versuch wäre beinahe gelungen -- schon hatten die Kosaken die feindliche Schlachtordnung durchbrochen, und vielleicht hätten ihnen ihre schnellfüßigen Rosse noch einmal einen treuen Dienst geleistet, -- da hielt Taraß plötzlich mitten im vollen Lauf inne und rief aus: »Halt, ich habe meine Pfeife und meinen Tabak verloren! Ich will nicht, daß die verfluchten Polen auch nur meine Pfeife in die Hände bekommen!« Und der alte Hauptmann bückte sich und begann im Grase nach seiner Pfeife zu suchen, die immerdar -- zu Wasser und zu Lande, im Feldzug und daheim, seine treue Begleiterin gewesen war. Inzwischen war jedoch ein Trupp Polen herbeigesprengt, und plötzlich packten ihn ein paar Leute bei den kräftigen Schultern. Er suchte sie mit aller Macht abzuschütteln, aber diesmal fielen die Heiducken nicht wie ehemals von ihren Rossen herunter. »Ach ja, man wird alt,« sagte er, und der schwere, alte Kosak begann bitterlich zu weinen, doch es war nicht das Alter, das an seiner Niederlage schuld war: er war der Übermacht erlegen, denn mehr als dreißig Mann hielten seine Hände und Füße umklammert.
»Endlich haben wir dich, alte Krähe!« schrieen die Polen, »jetzt müssen wir es uns nur noch überlegen, du Hund, wie wir dich am besten ehren!« Mit Zustimmung des Hetmans wurde er dazu verurteilt, angesichts des Heeres, lebendig verbrannt zu werden. Ganz in der Nähe befand sich ein kahler Baumstamm, dessen Spitze vom Blitze zerstört war. Taraß wurde in eiserne Ketten geschlossen, zum Baume geschleppt und an den Stamm gefesselt; man erhob ihn so hoch wie möglich über den Erdboden, damit man ihn von allen Seiten sehen konnte, nagelte seine Hände fest und schichtete einen Scheiterhaufen unter dem Baume auf. Aber Taraß blickte nicht auf den Scheiterhaufen; er dachte nicht an das Feuer, das ihn verzehren sollte, er sah dorthin, wo die Gewehre knatterten und die Kosaken sich ihrer Feinde zu erwehren suchten, war doch von seinem erhöhten Platze aus alles zu sehen wie auf der flachen Hand. »Schnell, schnell hinauf, Kameraden,« schrie er, »besetzt den Hügel hinter dem Walde! Dorthin können sie euch nicht folgen!« Aber der Wind trug seine Worte nicht bis zu ihnen. »Sie werden umkommen, nutzlos umkommen« sagte er und blickte verzweifelt nach unten hinab, wo der Dnjestr glänzte. Plötzlich blitzte eine helle Freude in seinen Augen auf. Er hatte hinter einem Busch auf dem Flusse vier Nachen erblickt, und so nahm er denn seine ganze Kraft zusammen und schrie mit lauter Stimme »Ans Ufer, ans Ufer Kameraden! Lauft den kleinen Weg hinunter, den, der zur Linken liegt! Am Ufer liegen Kähne! Bemächtigt euch ihrer sofort, aber aller, hört ihr, damit sie euch nicht verfolgen können!«
Diesmal wehte der Wind von der andern Seite, und den Kosaken entging keins seiner Worte. Aber für seine Warnung erhielt er einen solchen Hieb mit der Keule über den Schädel, daß es ihm dunkel vor den Augen wurde.
Schnell wie der Blitz jagten die Kosaken den Bergsteig hinab, und dicht hinter ihnen die Verfolger. Sie sahen, daß der schmale Pfad sich vielfach hin und her schlängelt und windet und sich seitwärts verzweigt. »Ach Kameraden, es wird uns nicht glücken« seufzten alle und hielten einen Augenblick inne, dann aber ließen sie ihre Peitschen durch die Luft sausen -- ein Pfiff, und im Nu flogen ihre Tatarenpferde über die Erde hin; lang streckten sie sich in der Luft aus gleich einer Schlange, setzten im Sprung über Abgründe und stürzten dann mitten in den Dnjestr hinein. Nur zwei Kosaken vermochten den Fluß nicht mehr zu erreichen: sie fielen samt ihren Pferden auf die Felsen hinab und blieben dort für immer tot liegen, ohne auch nur einen Schrei ausgestoßen zu haben. Die andern aber schwammen bereits mit ihren Pferden im Flusse und banden die Boote los. Verdutzt blieben die Polen vor dem Abgrunde stehen; ganz erstaunt über diese unerhörte Kühnheit der Kosaken und noch im Zweifel ob sie ihnen folgen sollten oder nicht. Nur ein junger Hauptmann, dem das Blut heiß und wild durch die Adern stürmte, ein Bruder der schönen Polin, die den armen Andrij betört hatte, überlegte nicht lange, nahm einen Anlauf und warf sich mit seinem Roß in die Fluten: dreimal überschlug er sich in der Luft mit seinem Pferde und stürzte dann jäh auf die spitzen Felsen herab. Das scharfe Gestein riß seinen Körper in Stücke, der bald im Abgrunde verschwand, und sein mit Blut vermischtes Gehirn spritzte weit über Sträucher, die an den rauhen Felsenklippen des Abhanges wuchsen. Als Taraß sich von dem Schlage erholt hatte, blickte er nach dem Dnjestr hinab, die Kosaken saßen bereits in den Kähnen und ruderten davon; die Kugeln regneten nur so von oben auf sie herab, allein sie trafen niemand, und freudig leuchteten die Augen des alten Hetmans.
»Lebt wohl, Kameraden,« rief er ihnen von oben zu, »denkt an mich, kommt im nächsten Frühling wieder her und setzt ihnen ordentlich zu. Nun! Was habt ihr erreicht, ihr teuflischen Polen? Glaubt ihr, es gibt etwas auf der Welt, wovor der Kosak sich fürchtet? Wartet nur, es kommt noch einmal der Tag, wo ihr erfahren werdet, was der rechte russische Glaube vermag! Schon jetzt spüren es die fernen und die nahen Völker! Ein Zar wird erstehen aus dem russischen Blute, und es wird keine Macht der Welt geben, die sich ihm nicht unterwerfen müßte!« Schon züngelte die Glut über den Scheiterhaufen, das Feuer beleckte seine Füße und schlängelte sich in einer mächtigen Flamme am Baume empor. Aber gibt es denn irgendwo in der Welt ein Feuer, gibt es Qualen oder irgend eine Macht, die die Kraft eines Russen zu überwältigen vermöchte?
Ein großer Fluß ist der Dnjestr; er hat viele Buchten, viel dichtes Schilf, viele Sandbänke und gewaltige Untiefen. Es glänzt sein Wasserspiegel; hell klingt das Schreien der Schwäne, und stolz fliegt die Quäker-Ente über ihn dahin; viele Wasserschnepfen, Rebhühner mit roten Kröpfen und noch manch andere Vögel hausen in dem dichten Rohr seiner Ufer. Behend und kraftvoll glitten die Kosaken in ihren zweiruderigen Kähnen dahin, wacker legten sie sich in die Ruder, wichen vorsichtig den Sandbänken aus, scheuchten die ängstlich flatternden Vögel auf und sprachen preisend von ihrem Hauptmann.
Mirgorod 1835 Eine Novellen-Sammlung zugleich eine Fortsetzung der Abende auf dem Gutshofe bei Dikanka
Mirgorod ist eine recht kleine Stadt, am Flusse Chorol. Sie hat eine Seilfabrik, eine Ziegelei, 4 Wassermühlen und 45 Windmühlen.
Lehrbuch der Geographie von Sjablowski.
Obwohl man in Mirgorod die Bretzeln aus schwarzem Teig backt, sind sie dort doch recht schmackhaft.
Aus dem Tagebuche eines Reisenden.
Zweiter Teil
Übersetzt von _Charlotte König_
Wij.[2]
[Fußnote 2: Wij ist eine ins Riesenhafte gehende Schöpfung der Volksphantasie. So heißt nämlich bei den Klein-Russen der Fürst der Gnomen, dessen Augenlider bis an die Erde reichen. Die ganze folgende Erzählung ist eine Volkssage. Ich wollte sie völlig unverändert lassen, und erzähle sie daher fast ebenso schlicht und einfach, wie ich sie gehört habe.]
Sowie die helle Glocke ertönte, die an der Pforte des Bruderschaftsklosters zu Kiew hing, kamen die Schüler und Seminaristen von allen Enden der Stadt in dichten Scharen herbeigeeilt. Die Grammatiker, die Rhetoriker, die Philosophen und Theologen, sie alle strebten mit ihren Heften unter dem Arm der Schule zu. Die Grammatiker waren noch sehr klein; sie balgten sich unterwegs und schimpften sich mit ihren feinen Diskantstimmen. Fast immer hatten sie zerrissene, schmutzige Kleider an, und ihre Taschen waren stets mit allerlei Plunder wie: Knöcheln, Federkielpfeifen und angebissenen Pasteten vollgestopft. Manchmal trugen sie sogar junge Spatzen in der Tasche, und mitunter begann wohl der eine oder der andere, wenn tiefe Stille in der Klasse herrschte, zu zwitschern, was seinem Besitzer ein paar tüchtige Schläge auf beide Hände, und ab und zu auch eine Tracht Prügel mit der Rute aus jungen Kirschbaumzweigen eintrug. Bei den Rhetorikern ging es schon solider zu; ihre Kleider waren oft noch vollkommen heil, aber dafür waren sie im Gesicht fast immer mit einer Trophäe in Form einer rhetorischen Trope geschmückt: entweder versteckte sich ein Auge ganz unter der geschwollenen Stirn, oder man sah statt der Lippen eine große Blase, oder auch ein anderes charakteristisches Merkzeichen. Diese Rhetoriker sprachen und fluchten im Tenor, die Philosophen aber griffen eine ganze Oktave tiefer. Ihre Taschen enthielten nichts, außer kräftigen Tabaksblättern. Sie legten sich keine Vorräte an, denn alles, was ihnen unter die Finger kam, wurde sofort verzehrt. Sie rochen oft schon von weitem so stark nach Tabak und Schnaps, daß ein vorübergehender Handwerker stets stehen blieb und wie ein Jagdhund in der Luft herum schnüffelte.
Um diese Zeit begann der Marktplatz langsam zu erwachen. Die Händlerinnen breiteten ihre Bretzeln, Semmeln, Wassermelonen und Mohnsamen mit Honig aus und zupften die Vorübergehenden, die Kleider aus feinem Tuch oder schmuckem Baumwollstoff trugen, an den Rockschößen.
»Junge Herren, junge Herren, hierher! hierher!« riefen sie von allen Seiten. »Sehen Sie nur, was für Mohnkuchen, was für schöne Brötchen und Bretzeln -- sie sind ganz ausgezeichnet, bei Gott! Von feinstem Honig -- ich habe sie selbst gebacken!«
Eine andere hielt ein langes, gewundenes Gebäck aus Teig in die Höhe und schrie: »He, he, die schöne Honigstange! Junger Herr kaufen Sie doch diese Honigstange!«
»Kaufen Sie ja nichts bei der: Sehen Sie doch diese widerliche Person an, die häßliche Nase, die unsauberen Hände ...«
Die Philosophen und Theologen aber ließen sie in Ruhe; denn diese liebten es nur zu »probieren«, und zwar nahmen sie sich immer gleich eine ganze Hand voll.
Im Seminar angekommen, verteilte sich die ganze Schar sogleich in den Klassen, die sich in niedrigen aber ziemlich geräumigen Zimmern, mit breiten Türen, kleinen Fenstern und schmutzigen Bänken befanden. Plötzlich erfüllte ein vielstimmiges Summen die Räume: die älteren Schüler, die sogenannten Auditoren, hörten den jüngeren ihre Lektionen ab; hierbei war der helle Diskant des Grammatikers genau auf den Ton der kleinen Fensterscheibe abgestimmt, die ihn fast unverändert zurückwarf; in der Ecke brüllte ein Rhetor, dessen Mund und wulstige Lippen eigentlich mehr zu einem Philosophen paßten. Er rezitierte mit tiefer Baßstimme und man vernahm von weitem nichts wie ein dumpfes Bu, bu, bu, bu ... Die Auditoren, die den jüngeren Schülern ihre Lektion überhörten, schielten mit einem Auge unter die Bank, wo gewöhnlich aus der Tasche des ihnen unterstellten Seminaristen ein Brot, ein Quarkkuchen, oder Kürbissamen hervorblickten.
Traf es sich, daß sich die ganze gelehrte Schar etwas früher als nötig versammelt hatte, oder wenn es bekannt wurde, daß die Professoren später als sonst kommen würden, dann inszenierte man unter allgemeinen Beifall eine »Schlacht«, an der alle Schüler, sogar die Zensoren teilnehmen mußten, die verpflichtet waren, die Ordnung aufrechtzuerhalten, und die die Moral des ganzen Schülerstandes zu beaufsichtigen hatten. Gewöhnlich entschieden zwei Theologen, wie die Schlacht vor sich gehen, ob jede Klasse für sich kämpfen, oder ob alle zusammen zwei Lager, nämlich die Bursa und das Seminar, bilden sollten. Auf alle Fälle machten die Grammatiker den Anfang, sobald sich dann die Rhetoriker hineinmengten, liefen sie fort und stellten sich an erhöhten Plätzen auf, um den Gang der Schlacht zu beobachten. Dann kamen die Philosophen mit ihren langen schwarzen Schnurrbärten an die Reihe, und ganz zuletzt griffen die Theologen mit ihren gräßlichen Hosen und den furchtbaren, dicken Hälsen in die Schlacht ein. Gewöhnlich endete der Kampf damit, daß die Theologie sämtliche Kämpfer besiegte, die Philosophie aber wurde in die Klasse gedrängt, rieb sich die Lenden und setzte sich auf die Bänke, um sich zu erholen. Der Professor, der zu seiner Zeit auch an ähnlichen Kämpfen teilgenommen hatte, merkte beim Eintritt in die Klasse sofort an den Gesichtern seiner Zuhörer, daß es keine üble Schlacht gegeben hatte, und klopfte den Rhetoren mit Ruten auf die Finger, während sein Kollege in der anderen Klasse die Hände der Philosophen mit einer Holzleiste bearbeitete. Mit den Theologen wurde ganz anders verfahren: ihnen wurde, nach dem Ausdruck des Theologieprofessors, ein Maß »grober Erbsen«, und zwar vermittelst eines kurzen Lederriemens zugemessen.
An Festen und an Feiertagen zogen die Seminaristen und Schüler mit einem Puppentheater von Haus zu Haus; manchmal spielten sie auch selbst Komödie, und dann zeichnete sich immer ein Theologe besonders aus: irgend ein Riese, der nicht viel kleiner war, als der Glockenturm von Kiew. Er spielte die Herodias oder Frau Potiphar, die Gemahlin des ägyptischen Kämmerers. Zur Belohnung erhielten sie ein Stück Leinwand, einen Sack Hirse, die Hälfte einer gebratenen Gans und dergleichen. All diesem gelehrten Volk, der Bursa, wie dem Seminar -- die eine ererbte Antipathie gegeneinander hegten -- fehlte es meist an den notwendigen Subsistenzmitteln, dabei aber waren sie außerordentlich gefräßig; es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, die Zahl der Klöße anzugeben, die jeder von ihnen beim Abendbrot herunterschlang; so reichten denn auch die freiwilligen Spenden der wohlhabenden Gutsbesitzer gewöhnlich nicht aus. Daher schickte mitunter der Senat, der nur aus Philosophen und Theologen bestand, die Grammatiker und Rhetoriker unter Führung eines Philosophen, -- zuweilen aber schloß er sich auch selbst ^in corpore^ an -- mit Säcken auf den Schultern in die fremden Gemüsegärten; an solchen Tagen gab's in der Bursa Kürbisbrei. Die Senatoren schlugen sich den Magen so mit Melonen und Wassermelonen voll, daß die Auditoren am nächsten Tage statt eines Vortrages, deren zwei zu hören bekamen: der eine drang aus dem Munde, der andere aus dem Magen des Senators hervor. Die Zöglinge der Bursa wie auch die des Seminars trugen lange Röcke, welche »bis _dahin_« reichten; ein technischer Ausdruck, der soviel besagte als: »bis an die Fersen«.