Sämmtliche Werke 4: Mirgorod

Part 13

Chapter 133,451 wordsPublic domain

Nach der Mahlzeit legten sich alle, die nach Hause gehen wollten zur Ruhe nieder; sie schliefen lange und fest, wie wenn sie ahnten, daß dies das letzte Mal sei, wo sie sich als freie Männer auf freiem Felde ausschlafen konnten. Sie schliefen bis zum Sonnenuntergang: bei Anbruch der Dunkelheit aber standen sie auf, um ihre Wagen zu schmieren. Als sie fertig waren, schickten sie die Wagen voraus, sie selbst aber grüßten ihre Kameraden nochmals mit den Mützen und schritten langsam und still hinter den Wagen her; die Berittenen zogen in guter Ordnung, ohne die Pferde durch Schreien und Pfeifen anzuspornen, hinter den Fußgängern her, und bald waren sie in der Dunkelheit verschwunden. Nur hie und da hörte man noch das dumpfe Pferdegetrappel und hin und wieder das Knarren eines Rades herüberschallen, das noch nicht recht in Gang gekommen oder während der nächtlichen Dunkelheit schlecht geschmiert worden war.

Und lange noch winkten ihnen die zurückgebliebenen Kameraden zu, obgleich nichts mehr von ihnen zu sehen war. Als sie aber zu ihren Lagerplätzen zurückgekehrt waren, und als sie bei dem sternhellen Himmel sahen, daß die gute Hälfte der Wagen nicht mehr da war, und daß viele ihrer Brüder fehlten, da wurde es ihnen traurig und bang ums Herz, sie wurden unwillkürlich nachdenklich und ließen ihre unruhigen Köpfe herabsinken.

Taraß sah, wie schwermütig die Kosaken wurden, und wie sich ihrer Köpfe eine gewisse Verzagtheit, die eines tapferen Mannes unwürdig ist, bemächtigte; aber er schwieg, er wollte ihnen Zeit lassen, bis sie sich an den Schmerz gewöhnten, den der Abschied der Kameraden in ihnen hervorgerufen hatte. Im stillen nahm er sich jedoch vor, sie plötzlich durch den Kosaken-Kriegsruf aufzurütteln, um ihrer Seele wieder neuen frischen Mut und neue Stärke einzuflößen. Jene Stärke, deren nur die slavische Rasse fähig ist, diese weitherzige, mächtige Rasse, die sich zu den andern Rassen verhält, wie das Meer zu einem seichten Flüßchen. Wenn die Zeit stürmisch ist, dann bricht es in ein dröhnendes Gebrüll und Gedonner aus und wirft und türmt gewaltige Wogenmassen auf, wie es ein kraftloser Fluß nie vermag; wenn aber Windstille und Ruhe herrscht, dann streckt es seine unabsehbare, klare Spiegelfläche aus: den Augen ein ewiges Labsal, und klarer und reiner als je einer der Flüsse.

Taraß befahl seinen Dienern, einen Wagen, der gesondert dastand, auszupacken. Es war der größte und stärkste von allen Kosakenwagen. Seine Räder waren mit doppelten mächtigen Reifen beschlagen, er war hoch beladen, mit Decken und starken Ochsenfellen bespannt und mit gut geteerten Stricken umwunden. Im Innern befanden sich Gefäße und Fässer mit gutem alten Wein, der lange in Taraß' Kellern gelagert hatte. Er hatte diesen Vorrat für einen feierlichen Augenblick aufgespart, damit ein jeder Kosak -- wenn der große Augenblick gekommen war und große Taten winkten, die würdig waren, der Nachwelt überliefert zu werden -- einen köstlichen Schluck dieses verbotenen Trunkes koste, auf daß der große Moment in dem Menschen auch ein großes Gefühl auslöse. Auf den Befehl des Obersten liefen die Knechte sofort zu den Wagen, hieben mit ihren Säbeln die dicken Stricke durch, nahmen die starken Ochsenhäute und Decken ab und zogen die Gefäße und Fässer vom Wagen herunter.

»Nehmt nur alle,« sagte Bulba, »alle, so viele ihr seid, ein jeder nehme, was er bei der Hand hat: einen Becher, einen Eimer, mit dem er sonst sein Pferd tränkt, einen Fausthandschuh oder die Mütze, oder wenn es gar nicht anders geht, so haltet einfach die Hände unter.«

Und alle Kosaken, soviel ihrer da waren, taten, wie Taraß ihnen gebot; der eine hielt einen Becher unter, ein anderer einen Eimer, aus dem er sonst sein Pferd tränkte, ein dritter seinen Fausthandschuh und wieder andere die Mütze, viele aber hielten einfach beide Hände hin. Und Taraß' Knechte schenkten ihnen allen den Wein aus Gefäßen und Fässern ein. Allein Taraß gebot ihnen, nicht eher davon zu kosten, als bis er ihnen ein Zeichen gäbe, damit alle den Wein auf einmal austränken. Man sah es ihm an, daß er etwas sagen wollte. Taraß wußte, daß, so stark auch die Wirkung an und für sich ist, die ein guter alter Wein auf das Gemüt des Menschen ausübt, und so sehr er ihn ermutigt und belebt, der Einfluß des Trunkes auf Geist und Gemüt noch doppelt so stark ist, wenn er von einem guten Wort begleitet wird. »Ich habe Euch nicht deshalb zu diesem Trunke eingeladen, werte Herren und Brüder,« sprach Bulba, »weil ihr mich zu euerem Führer erwählt habt, so sehr ich mir das auch zur Ehre anrechne, und auch nicht um den Abschied von unseren Kameraden zu feiern, -- das würde sich wohl in anderen Zeiten besser geziemen als gerade in diesem Augenblick. Große, schwere Taten, edlen Schweißes wert, harren unser, Taten, die den gewaltigen Mut der Kosaken erfordern! Und darum, Kameraden, laßt uns den Wein austrinken auf einen Zug: vor allem auf den heiligen christlichen Glauben, damit endlich die Zeit kommt, wo sich der eine wahre und heilige Glaube über den ganzen Erdboden verbreite und alle Mohammedaner, soviel ihrer auch sind, gläubige Christen werden. Und zugleich laßt uns auf die Sjetsch trinken, auf daß diese noch lange bestehen möge zum Schrecken und Verderben der Mohammedaner, und auf daß alle Jahre recht viele brave Kosaken, einer tüchtiger und schöner als der andere, aus ihr hervorgehen mögen. Und endlich laßt uns auch gleich auf unsern eigenen Ruhm trinken, auf daß Kinder und Kindeskinder sich von uns erzählen, daß es einst Kosaken gegeben habe, die nicht Verrat geübt an der Freundschaft und die eigenen Waffenbrüder nicht in Stich gelassen haben! Also es lebe der Glaube, werte Herren. Es lebe der Glaube!«

»Es lebe der Glaube!« donnerten alle, die in den vordersten Reihen standen mit ihren tiefen Baßstimmen los. »Auf unsern Glauben!« fielen auch die ferner Stehenden ein, und alle Anwesenden, die Alten und die Jungen, leerten die Becher auf ihren Glauben.

»Auf die Sjetsch!« sagte Bulba und hob den Arm hoch über den Kopf empor.

»Auf die Sjetsch!« riefen die in den vordersten Reihen mit lauter Stimme. »Auf die Sjetsch!«, sagten die Alten leise und strichen sich die grauen Schnurrbärte; und die Jungen wiederholten wie ein junger Falke, der aus dem Schlafe erwacht: »Auf die Sjetsch!« -- und weithin drang über das Feld der Ruf, mit dem die Kosaken ihrer Sjetsch gedachten.

»Jetzt noch einen letzten Trunk, Kameraden: auf unsere Ehre und unseren Ruhm und auf alle Christen, die in der Welt leben!«

Und alle Kosaken, vom ersten bis zum letzten, tranken den letzten Schluck auf Ehre und Ruhm und auf alle Christen, die irgendwo in der Welt lebten. Und lange noch wiederholten die einzelnen Gruppen und Abteilungen:

»Auf das Wohl aller Christen, die in der Welt leben!«

Die Becher waren geleert, doch noch immer standen die Kosaken mit erhobenen Händen da; allein wenn auch der Wein ihre Augen heller und freudiger glänzen machte, -- sie waren doch immer noch ernst und nachdenklich. Nicht an Beute und Kriegsglück dachten sie jetzt, auch nicht daran, ob ihnen wohl goldene Dukaten, kostbare Waffen, gestickte Röcke und Tscherkessenpferde beschieden sein würden: sie saßen sinnend da wie eine Schar von Adlern, die sich hoch oben auf den Spitzen steinerner Felsen und steiler Berge niedergelassen haben, von wo aus man das weite grenzenlose Meer erblickt, wie es mit Galeeren, Segelschiffen und allerlei Fahrzeugen, gleichwie mit kleinen Vögeln, besät ist, -- das Meer mit seinen in der Ferne verschwimmenden Meerbusen und Gestaden, mit Städten, die wie Fliegen, und mit Wäldern, deren Bäume wie niedrige Grashalme aussehen. Mit Adlerblick überschauten sie die ganze Ebene und ihr von ferne winkendes Schicksal. Einst würde das ganze weite Feld, mit all seinen Wegen und Verstecken, mit nackten weißen Kosakenknochen bedeckt sein, und auf dem von Kosakenblut gedüngten Boden würde man zertrümmerte Wagen, zerbrochene Säbel und Lanzen erblicken; überall würden dicht behaarte Köpfe mit zerzausten und blutigen Mähnen und tief herabhängenden Schnurrbärten herumliegen, die Adler würden sich auf die Leichen stürzen und ihnen mit ihren Schnäbeln die Kosaken-Augen heraushacken. Aber wie schön und herrlich war doch trotz allem ein so weites, freies Sterbelager! Keine ihrer großen Taten würde vergessen werden, und der Kosakenruhm würde nie vergehen und nie sich verlieren wie die kleine Kugel, die den Flintenlauf verlassen hat. Ein Bandura-Spieler mit einem weißen, bis an den Gürtel reichenden Bart würde einst von ihm singen oder vielleicht auch ein weißhaariger Greis, der aber noch immer ein Bild kraftvoller männlicher Schönheit ist: ein Wahrsager und Prophet, würde er mit gewaltigen, mächtigen Worten von ihm künden! Und weithin über die Welt würde sich der Ruhm der Kosaken verbreiten, und alle, die nach ihnen geboren würden, würden von ihnen reden. Denn leicht verbreitet sich ein gewaltiges Heldenwort, leicht wie der Ton aus schallendem Glockenerz, in das der Meister viel köstliches und reines Silber gemischt hat, auf daß der herrliche Klang in alle Städte und Dörfer, Paläste und Hütten dringe, und alle Christen zum heiligen Gebete rufe.

Neuntes Kapitel

In der Stadt hatte noch niemand etwas davon erfahren, daß die Hälfte der Saporoger abgezogen war, um die Tataren zu verfolgen. Vom Rathausturm bemerkte man allerdings, daß ein Teil der Wagen hinter dem Walde verschwunden war, allein man glaubte, daß die Kosaken den Leuten in der Stadt einen Hinterhalt legen wollten, und so dachte auch der welsche Ingenieur. Mittlerweile aber hatte sich die Meinung des Hetmans bestätigt: in der Stadt machte sich wieder ein großer Mangel an Lebensmitteln bemerkbar: wie stets in diesen Zeiten, so hatte man es auch diesmal nicht für nötig gehalten, die Bedürfnisse des Heeres im voraus zu berechnen. So versuchte man denn, einen Ausfall aus der Stadt zu machen -- indes die Hälfte der Waghalsigen wurde auf der Stelle von den Kosaken niedergemacht, und die andern wurden mit leeren Händen in die Stadt zurückgeschickt. Die Juden aber wußten den Ausfall gut auszunutzen: sie kriegten alles heraus: wohin und weshalb die Saporoger fortgezogen waren, welche Führer, welche Abteilungen und wieviel Leute an Ort und Stelle zurückgeblieben waren, und was sie zu tun beabsichtigten -- kurz, man war in der Stadt bald darauf aufs genaueste über alles unterrichtet.

Die Führer schöpften neuen Mut und entschlossen sich, den Kosaken eine Schlacht zu liefern. Taraß erriet diese Absicht schon an dem Lärm und der Bewegung in der Stadt, worauf auch er schnell alle Anstalten traf, alle nötigen Befehle und Anordnungen gab und die einzelnen Abteilungen in drei Lager teilte, indem er sie von Proviantwagen wie mit Festungswällen umstellen ließ, -- eine Kampfart, in der die Saporoger unbesieglich waren. Zwei Abteilungen befahl er, sich in den Hinterhalt zu legen, und einen Teil des Feldes ließ er mit spitzen Pfeilen, zerbrochenen Säbeln und Lanzen spicken, um, wenn es glücken sollte, die feindliche Reiterei hineinzujagen. Als alles aufs trefflichste instand gesetzt war, hielt er eine Ansprache an die Kosaken: nicht etwa um sie zu ermutigen oder anzufeuern -- er wußte, daß sie auch ohnedies mutig und tapfer genug waren, sondern einfach weil er selbst einmal aussprechen wollte, was er auf dem Herzen hatte.

»Werte Herren, ich will euch sagen, was unsere Kameradschaft bedeutet. Ihr habt von den Vätern und Großvätern vernommen, wie unser Land überall geehrt wurde: die Griechen haben es kennen gelernt, und von Konstantinopel erhielt es Dukaten als Tribut; es hatte herrliche Städte, Kirchen und Fürsten -- Fürsten von altem russischen Adel, seine eigenen Fürsten und nicht katholische Ketzer. Und nun haben uns die Ungläubigen alles geraubt, und es ist alles verloren gegangen: nur wir arme Waisen sind übrig geblieben -- und wie eine Witwe, deren starker Mann dahingegangen ist, ist auch unser Land verwaist und schutzlos geworden. In einer solchen Zeit haben wir uns die Hände gereicht, Kameraden, um Brüderschaft miteinander zu schließen! Und das ist es, worauf unsere Kameradschaft gegründet ist! Es gibt keine heiligeren Bande als die der Waffenbrüderschaft; der Vater liebt sein Kind, die Mutter liebt ihr Kind, das Kind liebt Vater und Mutter, doch was bedeutet das alles, Brüder? Auch das Tier liebt ja sein Junges! Eine _Seelen_gemeinschaft die noch über die Blutsbande hinausgeht, die kann nur bei _Menschen_ bestehen! Auch in andern Ländern haben treue Freunde und Kameraden zusammengehalten, aber nirgends noch gab es solche, wie die russische Erde sie hervorbrachte. Viele von euch haben lange, lange Zeit in der Fremde geschmachtet, gewiß, auch dort gibt es Menschen -- auch sie sind von Gott erschaffen worden, und man kann mit ihnen sprechen wie mit seinesgleichen. Aber wenn es sich um Worte handelt, die die ganze Seele aufrühren, da merkt man sofort den Unterschied! Gewiß, es sind kluge Leute, und doch fehlt es ihnen an etwas, es sind Menschen wie wir, und doch ganz anders geartet. Nein Brüder, so lieben, wie ein russisches Herz es kann -- ich meine nicht mit dem _Verstande_ oder irgend etwas Ähnlichem, sondern mit allem, was uns Gott gegeben hat, mit alledem, was im Menschen verborgen ist -- ah,« sagte Taraß, indem er die Hand sinken ließ, sein graues Haupt schüttelte und mit dem Schnurrbart zuckte, »nein, so kann kein anderer lieben! Ich weiß wohl, es sind jetzt schlimme Sitten in unser Land gedrungen, alle Leute denken nur an ihre Heuschober, ihre Kornspeicher, ihre Roßherden und legen den allergrößten Wert darauf, daß die versiegelten Metflaschen in ihren Kellern nur ja unberührt bleiben; sie nehmen der Teufel weiß was für heidnische Sitten an, verachten ihre eigene Sprache und wollen kaum noch mit ihren eigenen Stammesgenossen sprechen, ja sie verkaufen den eigenen Bruder wie irgend ein seelenloses Vieh, das man auf dem Markte feilbietet. Die Gunst eines fremden Königs, ja nicht einmal eines Königs, sondern nur das schmähliche Wohlwollen eines polnischen Magnaten, der sie mit seinen gelben Stiefeln ins Gesicht schlägt, liegt ihnen mehr am Herzen als alle Brüderschaft. Aber auch im letzten Lumpen, so niedrig und gemein er auch sein mag, selbst wenn er sich noch so sehr in Staub, Schmutz und Unterwürfigkeit wälzt, auch in ihm, Brüder, lebt noch ein Fünkchen russischen Gefühls, und der Tag kommt, an dem er wieder erwacht und zur Besinnung kommt; dann wird er sich wie ein Verzweifelter gegen die Brust schlagen, sich am Kopfe fassen, sein schändliches Leben laut verfluchen, und seine schmachvolle Tat mit tausend Qualen sühnen wollen. So mögen sie denn alle wissen, was die Kameradschaft in russischen Landen bedeutet! Und wenn es denn gilt, zu sterben, so wird niemand von ihnen so zu sterben wissen wie wir. Niemand, niemand! Das bringt ihre Mäusenatur nicht fertig!«

So sprach der Hauptmann, und als er seine Rede beendet hatte, schüttelte er noch lange sein silberweißes Haupt, das in den vielen Kosakenzügen ergraut war.

Alle Umstehenden hatte seine Rede aufs tiefste ergriffen und bis ins Innerste erschüttert. Die Ältesten verharrten in völliger Bewegungslosigkeit, sie hatten ihre grauen Häupter zu Boden gesenkt, und in ihren alten Augen glänzte eine verstohlene Träne, die sie langsam mit dem Ärmel fortwischten. Dann aber erhoben sie alle wie auf Verabredung gleichzeitig die Hände und schüttelten die greisen Häupter.

Der alte Taraß mußte wohl mancherlei Vertrautes und Schönes wachgerufen haben, das tief im Herzen der Menschen schlummert, eines Menschen, der durch Not, Mühsal, Leichtsinn und allerhand Mißgeschick klüger geworden ist oder der zwar noch nicht alles erfahren, aber doch in seiner jungen reinen Seele vieles empfunden hat, zur Freude seiner greisen Eltern, die ihn erzeugt haben.

Doch schon kam das feindliche Heer aus der Stadt herangezogen, die Pauken und Posaunen dröhnten, und die Ritter nahten, die Hände in die Seiten gestemmt, auf ihren stolzen Rossen, umgeben von zahllosen Reisigen. Der dicke Oberst teilte Befehle aus. Ohne Verzug rückten die Polen gegen die Kosakenlager vor und legten drohend ihre Gewehre an, wobei ihre Augen zornig funkelten und ihre Kupferrüstungen glänzten.

Kaum hatten die Kosaken gesehen, daß sie nur noch auf Schußweite entfernt waren, so ergriffen auch sie ihre sechs Fuß langen Gewehre und eröffneten ein ununterbrochenes Feuer. Das dumpfe Knattern tönte über alle Wiesen und Felder und wuchs zu einem beständigen Donner an. Das ganze Schlachtfeld war in Rauch gehüllt, aber die Saporoger fuhren fort zu schießen, ohne auch nur die geringste Pause eintreten zu lassen, die hinteren Reihen taten hierbei nichts, als daß sie die Gewehre luden, die sie den vorderen reichten, worüber der Feind aufs äußerste bestürzt war, da er nicht begreifen konnte, wie die Kosaken zum Schuß kämen, ohne die Gewehre zu laden. Infolge des dichten Rauchs, der beide Heere einhüllte, war es völlig unmöglich, wahrzunehmen, wie bald der eine, bald der andere in den Reihen fehlte; doch die Polen fühlten sehr wohl, daß ein wahrer Kugelregen auf sie niederprasselte, und daß der Kampf sehr ernst wurde; als sie sich ein wenig zurückzogen, um aus dem Pulverrauche herauszukommen, und sich ein wenig umsahen, merkten sie, daß in ihren Reihen viele fehlten, während bei den Kosaken höchstens zwei oder drei vom Hundert gefallen waren. Die Kosaken aber setzten ihr Gewehrfeuer unablässig fort, ohne auch nur einen Augenblick inne zu halten.

Selbst der ausländische Ingenieur wunderte sich über diese noch nie gesehene Kampfart und erklärte laut und vor allen Leuten:

»Wackere Kerls diese Saporoger! So sollte man überall kämpfen, auch in anderen Ländern.« Und er riet, unverzüglich die Kanonen auf das Lager zu richten. Dumpf brüllten die Kanonen aus ihren weiten ehernen Schlünden, weithin und dröhnend erbebte der Erdboden, und das ganze Schlachtfeld hüllte sich in noch dichteren Pulverdampf. In den Straßen und Plätzen der benachbarten und entfernteren Städte machte sich der Pulvergeruch bemerkbar, allein die Polen hatten zu hoch gezielt: die glühenden Kugeln beschrieben einen zu großen Bogen, flogen mit schrecklichem Getöse über die Köpfe des gesamten Lagers hinweg und bohrten sich tief in den Boden ein, wobei sie das schwarze Erdreich völlig aufwühlten und hoch in die Luft schleuderten. Angesichts einer solchen Ungeschicklichkeit raufte sich der welsche Kriegskünstler die Haare und begann die Kanonen nun selbst zu richten, ohne darauf zu achten, daß die Kosaken ununterbrochen feuerten.

Taraß hatte von weitem die Gefahr bemerkt, die der ganzen Abteilung Nesamaikow und Steblikiw drohte, und rief mit dröhnender Stimme: »Alle Mann hinter den Wagen vor, und sofort auf die Pferde!« Allein die Kosaken hätten kaum noch Gelegenheit gehabt, das eine oder das andere zu tun, wenn nicht Ostap sich mitten in die Schlachtreihe des Feindes gestürzt hätte: hierbei schlug er sechs Kanonieren die Lunten aus den Händen, bei vier anderen mißglückte ihm jedoch dieser waghalsige Versuch, und die Polen trieben ihn wieder zurück. Nun aber ergriff der ausländische Hauptmann selbst die Lunte, um sie an ein Riesengeschütz zu legen, wie es noch keiner von den Kosaken bisher gesehen hatte: Es bot mit seinem furchtbaren Schlunde einen schrecklichen Anblick dar, und hundert Tode blickten aus ihm hervor. Und als es erdröhnte und zugleich mit ihm noch drei andere ihren ehernen Mund öffneten, und ein vierfacher Stoß den ganzen Erdboden erschütterte -- welch entsetzliches Unheil richteten sie da an! Wie viele Kosaken blieben auf der Walstatt! Manch alte Mutter sollte ihren gefallenen Sohn beklagen und mit den knochigen Händen ihren welken Busen schlagen! Wie viele Witwen in Gluchow, Nemirow, Tschernigow und in anderen Städten sollten ihre Männer beweinen! Tag für Tag sollten die Bräute auf den Markt hinauslaufen, jeden Vorübergehenden festhalten und ihm in die Augen blicken, ob sich nicht der unter ihnen befindet, der ihr der Liebste ist! Aber viele Soldaten sollten durch die Stadt ziehen, doch der über alles Geliebte sollte nicht unter ihnen sein!

Die Hälfte der Abteilung Nesamaikow war wie weggeblasen. Wie der Hagel ein ganzes Erntefeld niedermäht, aus dem jede Ähre gleich einem vollwertigen Dukaten glänzt, so wurden sie erschlagen und niedergestreckt!

Wie da aber die Kosaken vorwärtsstürmten! Wie sie sich alle auf den Feind stürzten! Der Hauptmann Kukubenko schäumte vor Wut, als er sah, daß die Hälfte seiner Leute nicht mehr da war. Mitten ins feindliche Zentrum warf er sich jetzt mit dem Rest seiner Abteilung. Den ersten, der ihm begegnete, hieb er in seiner Wut in Stücke zusammen; zahllose Ritter stürzte er von ihren Rossen, indem er Roß und Reiter mit seiner Lanze durchbohrte: schon hatte er sich bis zu den Kanonieren durchgeschlagen und sich einer Kanone bemächtigt, als er sah, daß die Befehlshaber der Abteilungen Uman und Stephan Guska die Riesenkanone fortschleppten. Er überließ dies also jenen Abteilungen und sprengte mit den Seinen in den feindlichen Haufen zurück. Und immer öffnete sich eine Gasse, wo sich die Krieger von Nesamaikow zeigten! Wo sie eine Wendung machten, da tat sich eine Straße auf. Man sah, wie die Reihen der Polen sich immer mehr lichteten und wie ein Haufen nach dem andern niedersank. In der Nähe der Wagen stand Wowtusenko, vor ihm Tscherewitschenko, hinter dem letzten Wagen Degtarenko und noch weiter zurück der Abteilungsführer Wertychwist. Zwei Edelleute hatte Degtarenko bereits mit seiner Lanze durchbohrt und war jetzt an den dritten geraten, der sich so leicht nicht ergeben wollte. Dieser Pole war äußerst gewandt und stark, er trug eine prachtvolle Rüstung, und fünfzig Krieger bildeten sein Gefolge.

Er versetzte Degtarenko einen gewaltigen Streich, warf ihn zu Boden und schrie jetzt, den Säbel hoch über ihm schwingend: »Ihr Hunde von Kosaken, es gibt keinen unter euch, der es mit mir aufzunehmen wagte!«