Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago

Chapter 27

Chapter 273,658 wordsPublic domain

Das gesamte punische Fußvolk warf sich jetzt von neuem auf die Barbaren und durchbrach ihre Linien. Die auseinandergesprengten Züge wirbelten um sich selbst, und die glänzenden Kürasse und Waffen der Karthager umschlossen sie wie goldene Ringe, in deren Mitte wildes Gewühl herrschte. Die Sonne warf zuckende weiße Lichter auf die Spitzen der Schwerter. Ganze Reihen von Klinabaren lagen in der Ebene niedergestreckt. Die Söldner rissen ihnen die Rüstungen ab, legten sie selbst an und stürzten sich wieder in den Kampf. Dadurch getäuscht, rannten manche Karthager unter sie. Große Bestürzung ergriff die Punier. Sie wichen allenthalben zurück, und das Siegesgeschrei, das in der Ferne erscholl, trieb sie hin und her, wie Schiffstrümmer der Sturm. Hamilkar war in Verzweiflung. Alles drohte dem Genie Mathos und dem unüberwindbaren Mute der Söldner zu erliegen.

Da erscholl lauter Trommelschlag in der Ferne. Es war eine Schar von Greisen, Kranken, fünfzehnjährigen Kindern, ja selbst Frauen, die ihre Angst nicht länger bezwingen konnten und von Karthago aufgebrochen waren. Um sich unter den Schutz von etwas Furchtgebietendem zu stellen, hatten sie aus Hamilkars Tierpark den einzigen Elefanten mitgenommen, den die Republik noch besaß. Es war der, dessen Rüssel abgehauen worden war.

Da schien es den Karthagern, als ob die Vaterstadt ihre Mauern verlassen habe und zu ihnen käme, um ihnen zu gebieten, für die Heimat zu sterben. Ungeheure Wut ergriff sie, und ihr Fanatismus riß alle übrigen mit fort. Die Barbaren hatten sich mitten in der Tiefebene mit dem Rücken an einen Hügel gestellt. Sie hatten keine Hoffnung mehr auf Sieg, nicht einmal auf ihr Leben. Aber dieser Rest bestand aus den besten, unerschrockensten und stärksten Leuten.

Der karthagische Landsturm begann Bratspieße, Spicknadeln und Hämmer zu schleudern. Männer, vor denen römische Konsuln gezittert, starben nun unter Knüppeln in Weiberhänden. Der punische Pöbel vernichtete die Söldner mit Stumpf und Stiel.

Die Letzten zogen sich schließlich auf den Gipfel des Hügels zurück. Nach jeder neuen Lücke schloß sich ihr Kreis wieder. Zweimal brachen sie vor. Ein Gegenstoß warf sie jedesmal wieder zurück. Der Karthager waren zu viele. Die Hintenstehenden steckten ihre Lanzen zwischen den Beinen ihrer Kameraden durch und stießen aufs Geratewohl zu. Man glitt vor Blut aus. Die Toten rollten den steilen Abhang hinab und umtürmten den Elefanten, der den Hügel erklimmen wollte, bis an den Bauch. Es hatte den Anschein, als stampfe er mit Wonne auf ihnen herum, und sein Rüsselstumpf erhob sich von Zeit zu Zeit wie ein riesiger Blutegel.

Dann trat eine allgemeine Pause ein. Die Karthager schauten zähneknirschend zu dem Hügel empor, wo die Barbaren standen.

Endlich stürzten sie wiederum wild vor, und das Kampfgetümmel begann von neuem. Mehrfach ließen die Söldner sie dicht herankommen, indem sie ihnen zuriefen, sie wollten sich ergeben. Dann aber töteten sie sich selber mit entsetzlichem Hohngelächter, und je mehr fielen, desto höher stiegen die übrig bleibenden Verteidiger. Es war, als wachse allmählich eine Pyramide auf. Bald waren ihrer nur noch fünfzig, dann zwanzig, dann drei, und schließlich nur noch zwei: ein Samniter, mit einer Axt bewaffnet, und Matho, der noch sein Schwert besaß.

Knieend hieb der Samniter mit seiner Waffe nach rechts und links. Dabei warnte er Matho vor den Schlägen, die man gegen ihn führte:

»Achtung, Herr! Dort! Da!«

Matho hatte Schulterschutz, Helm und Küraß verloren. Er war vollständig nackt und bleicher als die Toten um ihn herum. Das Haar stand ihm in die Höhe, und zwei Schaumstreifen flossen aus seinen Mundwinkeln. Sein Schwert kreiste mit solcher Schnelligkeit, daß es ihn mit einem Strahlenkranz umgab. Ein Stein zerschmetterte es am Griff. Der Samniter war gefallen, und die Flut der Karthager umbrandete nun den letzten der Söldner und kam dicht an ihn heran. Da hob er seine beiden leeren Hände gen Himmel, schloß die Augen und stürzte sich mit ausgebreiteten Armen in die Lanzen, wie ein Mensch, der sich von einem Vorgebirge ins Meer wirft.

Man wich ihm aus. Mehrmals rannte er gegen die Karthager an. Doch immer wieder gaben sie ihm Raum und wandten ihre Waffen ab. Mathos Fuß stieß gegen ein Schwert. Er wollte es ergreifen. Da fühlte er sich an Händen und Füßen gefesselt und fiel zu Boden.

Naravas war ihm seit einiger Zeit auf Schritt und Tritt mit einem jener großen Netze gefolgt, mit denen man wilde Tiere fängt. Indem er den Augenblick benutzte, wo Matho sich bückte, hatte er es ihm übergeworfen. Nun band man ihn auf dem Elefanten fest, mit kreuzförmig weit ausgespreizten Gliedern. Alle Unverwundeten begleiteten ihn im Sturmschritt, unter wildem Lärm nach Karthago.

Die Siegesnachricht war dort unerklärlicherweise schon in der dritten Nachtstunde eingetroffen. Die Wasseruhr am Khamontempel zeigte die fünfte Stunde, als man Malka erreichte. Da schlug Matho die Augen auf. Auf den Dächern der Häuser schimmerten so viele Lichter, daß die Stadt in Flammen zu stehen schien.

Ungeheures Getöse drang ihm verworren entgegen. Er lag auf dem Rücken und betrachtete die Sterne.

* * * * *

Dann schloß sich eine Tür, und Finsternis umhüllte ihn.

Am nächsten Tag um die nämliche Stunde starb der letzte von denen, die in der »Säge« zurückgeblieben waren.

An dem Tage, wo ihre Gefährten abmarschiert waren, hatten heimziehende Zuaesen die Felsen weggerollt und die Barbaren auf kurze Frist ernährt.

Man wartete immer noch auf Mathos Erscheinen und wollte den Ort nicht verlassen, aus Mutlosigkeit und Ermattung, auch aus jenem Eigensinn, mit dem sich Kranke weigern, den Platz zu wechseln. Schließlich aber waren die Nahrungsmittel aufgezehrt und die Zuaesen weitergezogen.

Die Punier wußten, daß höchstens noch dreizehnhundert Mann von den Söldnern übrig waren. Um ihnen ein Ende zu bereiten, bedurfte man keiner Soldaten.

Die wilden Tiere, besonders die Löwen, hatten sich seit den drei Jahren, die der Krieg währte, vermehrt. Naravas hatte eine große Treibjagd veranstaltet, wobei er in bestimmten Abständen Ziegen an Pfähle gebunden und damit die Bestien in die Säge gelockt hatte. Dort hausten sie noch, als ein Kundschafter der Alten ankam, um festzustellen, was von den Barbaren noch übrig sei.

Auf der ganzen Ebene lagen Löwen und Leichen. Tote, Waffen und Kleider bildeten eine einzige Masse. Fast allen Leichnamen fehlte der Kopf oder irgendein Glied. Wenige nur sahen unversehrt aus, manche waren zu Mumien ausgedörrt. Staubbedeckte Schädel grinsten aus Helmen. Fleischlose Füße sahen aus Beinschienen hervor. Skelette trugen noch Mäntel, und gebleichte Gebeine leuchteten wie helle Flecken im Sande.

Die Löwen ruhten mit der Brust und ihren vorgestreckten Vordertatzen auf dem Boden. Geblendet vom Sonnenlicht, das grell von den weißen Felsen zurückstrahlte, blinzelten sie. Andre saßen auf den Hintertatzen und starrten vor sich hin. Wieder andre schliefen, zu Knäueln zusammengerollt, halb verdeckt von ihren dichten Mähnen. Alle sahen übersättigt, träge und gelangweilt aus. Unbeweglich lagen sie wie das Gebirge und die Toten. Die Nacht sank herab. Breite rote Streifen flammten im Westen am Himmel.

Aus einem der unregelmäßig über die Erde verstreuten Haufen erhob sich eine Gestalt, undeutlich wie ein Gespenst. Einer der Löwen schritt ihr entgegen. Sein Riesenkörper hob sich als schwarzer Schatten vom purpurroten Himmelsgrund ab. Als er dem Manne ganz nahe war, schlug er ihn mit einem Schlag seiner Tatze zu Boden.

Dann legte er sich lang auf ihn nieder und zerrte mit seinen Zähnen langsam die Eingeweide heraus. Nach einiger Zeit öffnete er seinen Rachen in ganzer Weite und stieß mehrere Minuten hindurch ein langes Gebrüll aus, dessen Echo die Berge zurückwarfen, bis es schließlich in der Einöde verhallte.

Plötzlich rollten kleine Steine von der Höhe herab. Tritte huschten über den Boden. Von der Schlucht und der Drahtsperre her tauchten spitze Schnauzen und große Stehohren auf. Fahlrote Augäpfel funkelten. Das waren die Schakale, die herbeischlichen, die Überreste zu verzehren.

Der Karthager, der das, über den steilen Rand der Halde herabgebeugt, sah, machte sich auf den Heimweg.

XV

Matho

Karthago frohlockte in tiefer, allgemeiner, maßloser, wahnwitziger Freude. Man hatte die Zerstörungen flüchtig ausgebessert, die Götterbilder neu bemalt, das Pflaster mit Myrtenzweigen bestreut und an den Straßenecken Weihrauch entzündet. Die Menge auf den Terrassen glich mit ihren bunten Gewändern großen Blumenbeeten in hängenden Gärten.

Das unaufhörliche Summen der Stimmen ward durch die Rufe der Wasserträger übertönt, die das Pflaster besprengten. Sklaven Hamilkars boten in seinem Namen geröstete Gerste und Stücke rohen Fleisches dar. Man begrüßte und umarmte einander unter Tränen. Die tyrischen Städte waren erobert, die Nomaden zerstreut, die Barbaren mit Stumpf und Stiel vernichtet. Die Akropolis war vor lauter bunten Zeltdächern kaum noch zu sehen. Die Schnäbel der Kriegsschiffe, die vor dem langen Außenkai in einer Paradelinie vor Anker lagen, blinkten wie eine lange Diamantenkette. Überall war die Ordnung wiederhergestellt. Neues Leben begann. Ein ungeheures Glück schwebte über allem: es war der Tag von Salambos Hochzeit mit dem Numidierfürsten Naravas.

Auf dem flachen Dache des Khamontempels standen, mit massigem Goldgerät beladen, drei lange Tafeln, an denen die Priester, die Alten und die Patrizier Platz nehmen sollten. Ein vierter, etwas erhöht stehender Tisch war für Hamilkar, Naravas und die Braut bestimmt. Da Salambo das Vaterland durch den Wiederraub des Schleiers gerettet hatte, feierte das Volk ihre Hochzeit wie ein Nationalfest und harrte drunten auf dem Platze ihres Erscheinens.

Noch ein andres wilderes Verlangen reizte die allgemeine Ungeduld: Mathos Tod war für diese Feier verheißen.

Zuerst hatte man vorgeschlagen, ihn lebendig zu schinden, ihm Blei in die Eingeweide zu gießen oder ihn verhungern zu lassen. Dann sollte er an einen Baum gebunden werden und ein Affe sollte ihm mit einem Stein auf den Kopf schlagen. Hatte er doch Tanit beleidigt! Die heiligen Tiere der Göttin sollten Rache üben! Andre machten den Vorschlag, man solle ihn auf einem Dromedar durch die Stadt führen, nachdem man ihn mit ölgetränkten Flachsdochten an verschiedenen Körperteilen gespickt hätte. Man ergötzte sich bereits bei dem Gedanken, wie das große Tier durch die Straßen jagte und der Mensch darauf unter den Flammen zuckte wie ein Kerzenlicht im Winde.

Aber welche Bürger sollten mit seiner Hinrichtung betraut werden, und warum sollte man die andern des Genusses berauben? Man forderte darum allgemein eine Todesart, an der die ganze Stadt teilnehmen durfte, bei der ihn alle Hände, alle Waffen, buchstäblich ganz Karthago bis zum Straßenpflaster und den Fluten des Golfes, zerreißen, zermalmen, vernichten konnten. So bestimmten denn die Alten, daß er ohne Geleit, die Hände auf den Rücken gebunden, von seinem Kerker bis zum Khamonplatze gehen sollte. Man verbot aber, ihn ins Herz zu treffen--damit er möglichst lange lebe--, oder ihm die Augen auszustechen--, damit er seine Marter bis zu Ende selber sehen könne. Auch durfte nicht nach ihm geworfen werden, und niemand sollte ihn nicht mit mehr als drei Fingern berühren.

Obwohl er erst gegen Abend losgelassen werden sollte, glaubte man ihn lange vorher schon ein paarmal zu erblicken. Man stürzte nach der Burg. Die Straßen leerten sich, dann aber kehrte man mit lautem Murren wieder zurück. Einzelne standen schon seit dem frühen Morgen auf ein und derselben Stelle. Sie riefen einander von weitem zu und zeigten ihre Fingernägel, die sie sich hatten wachsen lassen, um sie recht tief in Mathos Fleisch bohren zu können. Andre gingen aufgeregt auf und ab. Manche waren so blaß, als ob sie ihrer eigenen Hinrichtung entgegensahn.

Plötzlich tauchten am Ende der Mappalierstraße hohe Federfächer über den Köpfen auf. Das war Salambo, die vom väterlichen Palast her nahte. Seufzer der Erleichterung liefen durch die Menge.

Aber es dauerte noch lange, ehe der Zug herankam. Er bewegte sich feierlich-langsam.

Zuerst zogen die Priester der Kabiren heran, dann die Eschmuns, Melkarths, und alle übrigen Priesterschaften, eine nach der andern, mit denselben Abzeichen und der gleichen Ordnung wie damals beim Opfer. Die Molochpriester kamen mit gesenkter Stirn. Die Menge, von einer Art Reue ergriffen, wich vor ihnen zurück. Die Priester der Tanit aber nahten stolzen Schrittes, Leiern in den Händen. Die heiligen Hetären folgten ihnen in durchsichtigen Gewändern von gelber oder von schwarzer Farbe. Sie stießen Vogelrufe aus, wanden sich wie Schlangen oder drehten sich bei Flötenklang im Kreise, um den Reigen der Sterne nachzuahmen. Ihren leichten Gewändern entströmten schwere Düfte überallhin. Mit besonderem Beifall begrüßte man unter diesen Weibern die Kedischim mit ihren bemalten Augenlidern. Sie versinnbildlichten die Doppelgeschlechtlichkeit der Gottheit. Ihnen waren die Wohlgerüche und die gleiche Tracht eigen wie den priesterlichen Hetären, denen sie trotz ihrer flachen Brüste und ihrer schmalen Hüften ähnelten. Überhaupt beherrschte und erfüllte die Verherrlichung des Weiblichen an diesem Tage alles. Eine mystische Lüsternheit schwängerte die schwüle Luft. Schon flammten die Fackeln in der Tiefe der heiligen Haine auf, wo in der Nacht eine allgemeine geschlechtliche Tummelei stattfinden sollte. Drei Schiffe aus Sizilien hatten Dirnen hergeführt, und auch aus der Wüste waren welche gekommen.

Die Priesterschaften stellten sich in der Reihenfolge ihres Eintreffens auf, in den Höfen, in den Vorhallen und längs der doppelten Treppen des Tempels, die an der Mauer emporliefen und sich oben wieder einander näherten. Reihen langer weißer Gewänder wehten zwischen den Säulen, und der ganze Bau bevölkerte sich mit lebendigen Bildsäulen, die unbeweglich wie Steinbilder standen.

Dann kamen die Würdenträger, die Statthalter der Provinzen und alle Patrizier. Unten erhob sich gewaltiges Getöse. Aus den anstoßenden Straßen strömte das Volk hervor. Tempeldiener stießen es mit Stockschlägen zurück. Umschart von Gerusiasten, die goldene Tiaren trugen, erschien jetzt in einer Sänfte, unter einem hohen purpurnen Baldachin, Salambo.

Ungeheures Geschrei ertönte. Die Zimbeln und Kastagnetten schallten lauter, die Tamburine rasselten, und der große Purpurbaldachin verschwand zwischen den beiden Pylonen.

Auf dem ersten Stockwerk kam er wieder zum Vorschein. Salambo schritt, nunmehr zu Fuß, langsam unter ihm hin und dann quer über die Terrasse, um sich im Hintergrund auf einem Thron niederzulassen, der aus einer Schildkrötenschale geschnitzt war. Man schob ihr einen Elfenbeinschemel mit drei Stufen unter die Füße. Am Rande der untersten knieten zwei Negerkinder. Hin und wieder legte sie ihre mit schweren Ringen belasteten Hände auf die Köpfe der Kleinen.

Von den Knöcheln bis zu den Hüften war sie in ein Gewebe gehüllt, dessen enge Maschen wie Fischschuppen aussahen und wie Perlmutter glänzten. Ein dunkelblauer Gürtel umschloß ihren Leib und ließ über zwei mondsichelförmigen Ausschnitten ihre Brüste sehen, deren Knospen durch Karfunkelgehänge verdeckt waren. Ihr Kopfputz bestand aus edelsteinbesetzten Pfauenfedern. Ihr weiter schneeweißer Mantel fiel hinter ihr herab. So saß sie da, die Ellbogen angelegt, die Knie geschlossen, die Oberarme mit Diamantenreifen geschmückt, starr und steif wie ein Götterbild.

Auf zwei niedrigeren Sitzen ließen sich ihr Vater und ihr Gatte nieder. Naravas, in einen hellgelben Talar gekleidet, trug seine Hochzeitskrone aus Steinsalz, aus der zwei gewundene Haarflechten wie Ammonshörner hervorsahen. Hamilkar, in violetter, mit goldenen Weinranken bestickter Tunika, trug sein Schlachtschwert an der Seite.

Vor den Festtafeln auf dem Boden lag die Pythonschlange des Eschmuntempels zwischen Lachen von Rosenöl und beschrieb, sich in den Schwanz beißend, einen großen schwarzen Kreis. In seiner Mitte stand eine kupferne Säule, die ein Kristallei trug. Da die Sonne darauf fiel, sprühte es glitzernde Strahlen nach allen Seiten.

Hinter Salambo stellten sich die Tanitpriester in ihren Linnengewändern auf. Rechts von ihr bildeten die Alten mit ihren Tiaren eine lange goldene Reihe, links die Patrizier mit ihren Smaragdzeptern ein breites grünes Band, während die Molochpriester mit ihren roten Mänteln den Hintergrund wie mit einer Purpurwand abschlossen. Die übrigen Priesterschaften nahmen die unteren Terrassen ein. Das Volk füllte die Straßen, stieg auf die Dächer und stand in dichten Reihen bis zur Akropolis hinauf. Wie Salambo so das Volk zu ihren Füßen, den Himmel über ihrem Haupte und um sich das unendliche Meer, den Golf, die Berge und den Fernblick in die Binnenländer hatte, da ward sie in ihrem Glanze eins mit Tanit und erschien als Karthagos Patronin, als die verkörperte Seele der Stadt.

Das Fest sollte die ganze Nacht hindurch währen. Vielarmige Lampenträger standen wie Bäume auf den Decken aus bunter Wolle, mit denen die niedrigen Tische bedeckt waren. Große Bernsteinkrüge, Amphoren aus blauem Glas, Schildpattlöffel und kleine runde Brote umgaben die doppelte Reihe der perlenbesetzten Schüsseln. Trauben waren mit ihrem Laub um elfenbeinerne Weinstöcke geschlungen wie um Thyrsusstäbe. Eisblöcke schmolzen auf Schüsseln aus Ebenholz. Zitronen, Granatäpfel, Kürbisse und Melonen türmten sich über breiten Silberplatten. Wildschweine mit offenem Rachen starrten aus Bergen von Gewürz. Hasen im Fell waren so aufgestellt, daß es aussah, als sprängen sie aus Blumen heraus. Daneben lagen Muschelschalen, mit Fleischragout gefüllt. Das Backwerk hatte symbolische Formen, und wenn man die Glocken von den Schüsseln nahm, flogen Tauben heraus.

Währenddem liefen zahllose Sklaven mit aufgeschürzter Tunika auf den Fußspitzen hin und her. Von Zeit zu Zeit spielten Leiern eine Hymne, oder es erhob sich ein Chorgesang. Der Lärm des Volkes, anhaltend wie Meeresrauschen, umbrauste verworren das Festmahl, wie um die Harmonie der Stimmung zu erhöhen. Wenige nur gedachten des Gelages der Söldner. Man überließ sich glückseligen Träumen. Die Sonne begann zu sinken, und auf der andern Seite des Himmels kam bereits der Mond empor.

Plötzlich wandte Salambo den Kopf, als hätte jemand sie gerufen. Das Volk, das zu ihr aufschaute, folgte der Richtung ihres Blickes.

Auf der Höhe der Akropolis hatte sich die Tür des Kerkers, der zu Füßen des Eschmuntempels in den Fels gehauen war, soeben geöffnet. Ein Mann stand auf der Schwelle der schwarzen Öffnung.

Tiefgebückt trat er heraus, mit der verstörten Miene eines wilden Tieres, das man plötzlich freigelassen hat. Das Licht blendete ihn. Eine Weile blieb er unbeweglich stehen. Man hatte ihn allgemein erkannt und hielt den Atem an.

Der Körper dieses Opfers war für alle etwas Besonderes, fast von einem Heiligenschein umstrahlt. Man beugte sich vor, um ihn zu sehn, vornehmlich die Weiber. Sie waren darauf erpicht, den zu betrachten, der ihre Kinder und Gatten getötet hatte. Im Grunde ihrer Seele erhob sich eine schmähliche Neugier, das Verlangen, ihn vollständig kennen zu lernen, ein Gelüst, das sich mit Reue paarte und in ein Übermaß von Haß umschlug.

Schließlich schritt er vorwärts. Da wich die Betäubung der ersten Überraschung. Tausend Arme streckten sich empor, aber man sah ihn nicht mehr.

Die Treppe zur Burg hatte sechzig Stufen. Matho stürzte sie hinab, wie in einem Gießbach vom Gipfel eines Berges hinuntergerissen. Dreimal sah man ihn hochschnellen. Endlich kam er unten wieder auf die Füße.

Seine Schultern bluteten, seine Brust keuchte in heftigen Stößen, und er machte solche Anstrengungen, seine Fesseln zu zerreißen, daß seine auf dem bloßen Rücken gefesselten Arme anschwollen wie Schlangenleiber.

Von der Stelle, wo er stand, gingen mehrere Straßen aus. Durch jede von ihnen spannten sich zwei dreifache Reihen eherne Ketten, die am Nabel von Kabirenbildsäulen befestigt waren, in gleicher Richtung von einem Ende bis zum andern. Die Menge stand gegen die Häuser gedrängt. In der Mitte schritten Ratsdiener und schwangen Peitschen.

Einer von ihnen trieb Matho mit einem kräftigen Schlag an. Da begann er von neuem seinen Leidensgang.

Man streckte die Arme über die Ketten und schrie, der Weg sei ihm allzu breit gelassen worden. Er aber schritt, von tausend Fingern betastet, gestochen und zerhackt immer weiter. War er am Ende einer Straße, so tat sich ihm eine andre auf. Mehrmals sprang er zur Seite, um zu beißen. Man wich rasch zurück, und die Menge brach in Hohngelächter aus.

Ein Kind zerriß ihm das Ohr. Ein junges Mädchen, das unter seinem Ärmel eine spitzige Spindel versteckt hatte, zerschlitzte ihm die Backe. Man riß ihm Hände voll Haare und Fetzen Fleisch aus. Andre beschmierten ihm das Gesicht mit Schwämmen, die in Unrat getaucht und auf Stöcke gesteckt waren. Aus seiner rechten Brustseite schoß ein Blutstrom hervor. Alsbald brach der Wahnsinn vollends aus. Dieser letzte der Barbaren war für das Volk der Vertreter aller andern, des ganzen Heeres. An ihm rächte man alles Unglück, alle Ängste, alle Schande. Die Wut der Menge nahm mit der Sättigung ihres Blutdurstes zu. Die allzu straff gespannten Ketten weiteten sich und drohten zu brechen. Man fühlte die Schläge der Sklaven nicht mehr, die auf die Massen einhieben, um sie zurückzutreiben. Manche hingen an den Erkern der Häuser. Alle Öffnungen in den Mauern waren mit Köpfen erfüllt, und das Böse, das man dem Libyer nicht antun konnte, brüllte man ihm wenigstens zu.

Es waren wilde, unflätige Schmähungen, vermischt mit spöttischen Zurufen und Flüchen; und da man an seiner gegenwärtigen Marter nicht genug hatte, kündigte man ihm noch fürchterlichere Qualen für die Ewigkeit an.

Das ungeheure Geheul erfüllte Karthago mit stumpfsinniger Beharrlichkeit. Oft fand eine einzige Silbe, ein heiserer, dumpfer, wilder Laut ein minutenlanges Echo im ganzen Volke. Die Mauern erbebten von diesem Geschrei vom Grund bis zum Giebel, und Matho war zumute, als ob die beiden Straßenwände auf ihn zukämen und ihn vom Boden aufhöben wie zwei ungeheure Arme, um ihn in der Luft zu erwürgen.

Da fiel ihm ein, schon einmal etwas Ähnliches empfunden zu haben. Die gleiche Menge auf den Terrassen, die gleichen Blicke, die gleiche Raserei! Nur war er damals frei, damals wichen alle vor ihm aus, damals beschirmte ihn ein Gott! Und diese Erinnerung, die immer deutlicher ward, erfüllte ihn mit niederschmetternder Traurigkeit. Schatten schwebten ihm vor den Augen, die Stadt schwankte vor ihm. Das Blut rieselte ihm aus einer Wunde an der Hüfte. Er fühlte den Tod. Seine Knie schlotterten, und er sank langsam auf das Pflaster.

Irgendwer holte aus der Vorhalle des Melkarthtempels die auf Kohlen glühend gemachte Querstange eines Dreifußes, schob sie unter der obersten Kette hindurch und stieß sie gegen Mathos Wunde. Man sah das Fleisch rauchen. Das Hohngeschrei der Menge erstickte den Aufschrei des Getroffenen. Schon aber stand er wieder auf den Beinen. Sechs Schritte weiter stürzte er abermals hin, dann noch ein drittes-, ein viertesmal. Immer jagte ihn eine neue Marter wieder auf. Man bespritzte ihn durch Röhren mit siedendem Öl, streute Glasscherben unter seine Füße. Er schritt weiter. An der Ecke der Sathebstraße lehnte er sich unter dem Dache eines Ladens mit dem Rücken gegen die Mauer und ging nicht mehr weiter.

Die Schergen des Rats schlugen ihn mit ihren Peitschen aus Flußpferdhaut so wütend und so lange, daß die Fransen ihrer Tuniken von Schweiß troffen. Matho schien kein Gefühl mehr zu haben. Plötzlich aber nahm er von neuem einen Anlauf und begann darauf loszurennen, während seine Lippen bebten, als ob er Schüttelfrost habe. Er stürzte durch die Budesstraße, die Söpogasse, über den Gemüsemarkt und langte auf dem Khamonplatz an.

Jetzt gehörte er den Priestern. Die Ratsdiener hatten die Menge zurückgedrängt. Hier gab es mehr Raum. Matho schaute sich um, und seine Blicke trafen Salambo.