Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago

Chapter 20

Chapter 203,491 wordsPublic domain

Auch Utika litt unter den punischen Soldaten, denn nach Hannos Befehl und Beispiel hatte Magdassan die Stadt eingeschlossen und blieb gegen Hamilkars Bitten taub. Man gab den Belagerern Wein mit Alraun gemischt und erdrosselte sie im Schlafe. Zu gleicher Zeit rückten die Barbaren an. Magdassan entfloh. Die Tore öffneten sich, und fortan bezeigten die beiden tyrischen Städte ihren neuen Freunden unerschütterliche Ergebenheit, ihren ehemaligen Verbündeten hingegen einen unbegreiflichen Haß.

Ihr Abfall von der punischen Sache war ein Beispiel, ein Aufruf. Allerorts erwachte die Hoffnung auf Selbständigkeit von neuem. Völker und Städte, die bis dahin unschlüssig gewesen, zauderten nicht mehr. Alles begann zu wanken. Der Suffet erfuhr es und gab alle Hoffnung auf Hilfe auf. Jetzt war er unwiderruflich verloren.

Sofort entsandte er Naravas, um die Grenzen seines Reiches zu sichern. Er selbst beschloß, nach Karthago zurückzukehren, dort eine neue Aushebung zu machen und den Krieg abermals zu beginnen.

Die Barbaren in Hippo-Diarrhyt bemerkten sein Heer, wie es aus den Bergen herabkam.

Wohin wollten die Karthager? Ohne Zweifel trieb sie der Hunger. Durch ihre Leiden von Sinnen, wollten sie trotz ihrer Schwäche eine Schlacht suchen ... Doch jetzt wandten sie sich nach rechts! Sie flohen also! Man konnte ihnen nachsetzen und sie allesamt vernichten. Die Barbaren machten sich schleunigst an die Verfolgung.

Die Karthager wurden durch den Makar aufgehalten. Er war diesmal breit, und kein Westwind hatte geweht. Die einen schwammen hindurch, die andern setzten auf ihren Schilden hinüber. Dann marschierten sie weiter. Die Nacht brach an. Man sah sie nicht mehr.

Die Barbaren machten nicht Halt, sondern zogen flußaufwärts, um eine Furt zu finden. Bewaffnete Banden aus Tunis eilten herbei, auch von Utika kamen welche. Bei jedem Gehölz nahm ihre Zahl zu. Wenn sich die Karthager auf den Boden legten und lauschten, hörten sie Marschgeräusch durch die Dunkelheit. Um die Söldner aufzuhalten, ließ Barkas von Zeit zu Zeit einen Pfeilhagel hinter sich abschießen. Etliche Barbaren fielen. Als der Morgen dämmerte, war man in den arianischen Bergen, an einer Stelle, wo die Straße eine Biegung machte.

Da glaubte Matho, der bei der Vorhut ritt, am Horizont auf dem Gipfel einer Anhöhe etwas Grünes zu erkennen. Der Boden fiel allmählich ab. Obelisken, Kuppeln, Häuser tauchten auf. Das war Karthago! Er mußte sich an einen Baum lehnen, um nicht umzusinken, so heftig pochte sein Herz.

Er dachte an alles zurück, was ihm widerfahren war, seit er das letztemal dort geweilt hatte! Er war tief verwundert, wie betäubt. Dann aber ergriff ihn maßlose Freude bei dem Gedanken, Salambo wiederzusehen. Er hatte wohl Anlaß, sie zu verabscheuen, und das kam ihm auch in den Sinn, doch er wies das schnell von sich. Bebend und mit starren Augen blickte er von der Kuppel des Eschmuntempels weg nach der hohen Terrasse des Schlosses, das über Palmen glänzte. Ein verzücktes Lächeln sonnte sein Gesicht, als ob ihn ein Lichtmeer überflute. Er breitete seine Arme aus, warf Kußhände in den Wind und murmelte: »Komm! Komm!« Ein Seufzer hob seine Brust, und Tränen, lang wie Perlen, rannen in seinen Bart.

»Was hält dich auf?« rief Spendius. »Eile! Vorwärts! Der Marschall wird uns entrinnen! Was? Deine Knie zittern? Du schaust mich an wie ein Trunkener!«

Er stampfte vor Ungeduld und trieb Matho an. Und indem er die Augen aufriß, als erblicke er plötzlich ein lang erstrebtes Ziel, setzte er hinzu:

»Ah! Da sind wir! Da sind wir! Wir haben sie!«

Spendius hatte ein so selbstbewußtes, triumphierendes Aussehn, daß Matho in aller seiner Herzensnot erstaunte und sich fortgerissen fühlte. Die Worte des Griechen trafen ihn im Augenblicke tiefster Trübsal, verwandelten seine Verzweiflung in Rachgier und zeigten seiner Wut eine Beute. Er rannte zu einem der Kamele, die bei der Bagage liefen, riß ihm die Halfter ab und schlug mit dem langen Riemen aus Leibeskräften auf die Nachzügler ein. Abwechselnd lief er rechts und links um die Nachhut herum, wie ein Schäferhund, der eine Herde vorwärts treibt.

Auf seine donnernden Zurufe schlossen sich die Reihen enger zusammen. Selbst die Lahmen beschleunigten ihren Schritt. Auf der Mitte der Landenge nahm der Abstand zwischen beiden Heeren immer mehr ab. Die Vorhut der Barbaren marschierte bereits im Staube der Karthager. Bald waren sie einander ganz nahe und berührten sich beinahe. Doch da taten sich das Malkaer Tor, das Tangaster Tor und das große Khamontor auf. Die punischen Massen teilten sich. In drei Kolonnen strömten sie hinein und drängten sich in die Gewölbe. Dabei wurde aber das Gewühl so groß, daß schließlich niemand mehr vorwärts kam. Die Lanzen stießen in der Luft aneinander, während die Pfeile der Barbaren gegen die Mauern prallten.

Am Khamontor erblickte man Hamilkar. Er wandte sich um und rief seinen Leuten zu, Platz zu machen. Er selber saß ab und jagte sein Pferd, indem er es mit dem Schwert in die Kruppe stach, den Barbaren entgegen.

Es war ein oringischer Hengst, den man mit Mehlklößen fütterte und der in die Knie sank, wenn sein Herr aufsitzen wollte. Warum trieb ihn Hamilkar zurück? Wollte er damit ein Opfer bringen?

Das mächtige Tier galoppierte mitten in die feindlichen Lanzen hinein, riß Soldaten um, verwickelte sich mit den Füßen in seine Eingeweide, stürzte, sprang dann mit wütenden Sätzen wieder auf, und während die Soldaten beiseitesprangen, es aufzuhalten suchten oder verblüfft zusahen, kamen die Karthager wieder in Ordnung und zogen durch das riesige Tor ein, das sich dröhnend hinter ihnen schloß.

Es gab nicht nach. Die Barbaren drängten dagegen an, und ein paar Minuten lang lief durch das Heer vom Anfang bis zum Ende eine Wellenbewegung, die allmählich verebbte und endlich ganz aufhörte.

Die Karthager hatten auf die Wasserleitung Soldaten gestellt, die Steine, Kugeln und Balken zu schleudern begannen. Spendius machte den Söldnern klar, daß sie nicht halsstarrig sein dürften. Sie lagerten sich nunmehr in größerer Entfernung, alle fest entschlossen, Karthago zu erobern.

* * * * *

Mittlerweile war das Gerücht von dem Kriege über die Grenzen des punischen Reiches hinausgedrungen. Von den Säulen des Herkules bis über Kyrene hinaus träumten die Hirten davon, während sie ihre Herden weideten, und die Karawanen plauderten nachts darüber beim Sternenschein. Es gab also Menschen, die es wagten, das große Karthago anzugreifen, die Stadt, die so glänzend war wie die Sonne und furchtbar wie ein Gott! Die Königin der Meere! Man hatte schon mehrfach ihren Sturz verkündet, und alle hatten daran geglaubt, weil alle ihn wünschten: die unterworfenen Völkerschaften wie die zinspflichtigen Dörfer, die verbündeten Provinzen wie die unabhängigen kleinen Stämme, kurzum alle, die Karthagos Tyrannei haßten, es um seine Macht beneideten oder seine Schätze begehrten. Die Tapfersten hatten sich auf der Stelle den Söldnern angeschlossen. Die Niederlage am Makar hatte dann allerdings die übrigen zurückgeschreckt, aber schließlich hatten sie wieder Mut gefaßt, waren allmählich vorgerückt und näher gekommen, und jetzt standen die Männer aus den östlichen Gegenden in den Dünen von Klypea jenseits des Golfes. Sobald sie die Barbaren erblickten, kamen sie zum Vorschein.

Es waren nicht die Libyer aus der Umgegend Karthagos--diese bildeten schon lange das dritte Heer--, sondern Nomaden aus der Hochebene von Barka, die Banditen vom Kap Phiskus und vom Vorgebirge Derne, aus Phazzana und Marmarika. Sie hatten die Wüste durchzogen und aus den Brackwasserbrunnen getrunken, die aus Kamelsknochen aufgemauert sind. Die Zuaesen, mit Straußenfedern überladen, waren auf Viergespannen gekommen. Die Garamanten, einen schwarzen Schleier vor dem Gesicht, ritten rücklings auf ihren angemalten Stuten. Andre kamen auf Eseln, Wildeseln, Zebras oder Büffeln herbei. Manche schleppten neben ihren Familien und Götzenbildern auch die Dächer ihrer bootförmigen Hütten mit. Man sah Ammoniter, deren Haut durch das Wasser der heißen Quellen runzlig war, Ataranten, die die Sonne verfluchen, Troglodyten, die ihre Toten lachend unter Baumzweigen bestatten, ferner scheußliche Auseer, die Heuschrecken essen, Achyrmachiden, die Läuse verzehren, und Gysanten, die mit Zinnober bemalt sind und Affenfleisch essen.

Alle hatten sich am Meeresufer in einer langen Breitkolonne aufgestellt. Sie rückten nun näher wie Sandwolken im Wirbelwind. Auf der Mitte der Landenge machten die Scharen Halt, da die Söldner, die vor ihnen unter den Stadtmauern lagerten, sich nicht von der Stelle rührten.

Dann tauchten von Ariana her die Männer des Westens auf, Numidier. Naravas beherrschte nämlich nur die Massylier, und da ihnen überdies die Sitte gestattete, nach Mißerfolgen ihren Häuptling zu verlassen, so hatten sie sich am Zaineflusse versammelt und ihn bei der ersten Rückwärtsbewegung Hamilkars überschritten. Zuerst kamen die Jäger vom Maleluth-Baal und den garaphischen Bergen, die Löwenfelle trugen und ihre kleinen, mageren, langmähnigen Pferde mit dem Schaft ihrer Lanzen lenkten. Hinter ihnen marschierten die Gätuler an, in Kollern aus Schlangenhaut, dann die Pharusier, mit hohen Kränzen aus Wachs und Harz auf den Köpfen, und endlich die Kauner, Makarer und Tillabaren, alle bewaffnet mit zwei Wurfspießen und einem runden Schild aus Flußpferdhaut. Sie machten am Fuße der Totenstadt an der Lagune Halt.

Als die Libyer vorgerückt waren, erblickte man an der Stelle, wo sie gestanden hatten, eine Masse Neger, die wie eine schwarze sich am Boden hinwälzende Wolke aussahen. Sie waren aus dem weißen und schwarzen Harudsch, der augylischen Wüste, ja selbst aus dem fernen Agazymba gekommen, einem großen Reiche, das hundertundzwanzig Tagereisen und noch weiter südlich von den Garamanten lag. Mit ihren Schmuckstücken aus rotem Holz und ihrer schmutzigen schwarzen Haut glichen sie reifen Maulbeeren, die lange im Staube gerollt sind. Sie trugen Hosen aus Rindenfasern, Röcke aus getrockneten Gräsern und die Köpfe wilder, die Rachen aufsperrender Tiere. Indem sie wie Wölfe heulten, schwenkten sie Stangen, an denen Metallringe klirrten, und Kuhschwänze, die wie Wimpel an Stöcken flatterten.

Hinter den Numidiern, Maurusiern und Gätulern drängten die gelbfarbigen Männer aus den jenseits von Taggir gelegenen Zedernwäldern heran. Köcher aus Katzenfell hingen auf ihrem Rücken. Sie führten an Leinen riesige Hunde, die so groß waren wie Esel und nicht bellten.

Aber als ob Afrika noch nicht genügend Menschen gespendet und als ob man, um alle bösen Triebe zu versammeln, selbst der Hefe der Völker bedurft hätte, sah man hinter allen diesen noch blödsinnig grinsende Menschen mit Schafsprofilen, Elende, die durch widerliche Krankheiten entstellt waren, verkrüppelte Zwerge, Mischlinge von zweifelhaftem Geschlecht, Albinos, die mit roten Augen in die Sonne blinzelten. Sie stammelten unverständliche Laute und steckten die Finger in den Mund, zum Zeichen, daß sie Hunger hätten.

Der Wirrwarr der Waffen war nicht geringer als das Chaos der Trachten und Völker. Kein Mordwerkzeug fehlte, von den hölzernen Dolchen, den Steinbeilen und elfenbeinernen Dreizacken bis zu den langen, dünnen, sägeartig gezähnten Säbeln, die aus biegsamen Kupferstreifen gefertigt waren. Man schwang Säbel, die wie Antilopenhörner in mehrere Spitzen ausliefen, Messer, die an einem langen Strick befestigt waren, eiserne Triangel, Keulen und Kolben. Die Äthiopier vom Bamboflusse trugen kleine vergiftete Dolche im Haar versteckt. Manche hatten Steine in Säcken mitgebracht. Andre waren mit leeren Händen gekommen und klapperten mit ihrem Gebiß.

Ein unaufhörliches Wogen ging durch diese Massen. Dromedare, wie Schiffe über und über mit Teer bestrichen, rissen die Weiber um, die ihre Kinder auf dem Rücken trugen. Mundvorräte fielen aus Körben. Man trat auf Salzstücke, Säckchen mit gedörrtem Speck, verdorbene Datteln und Gurunüsse. Zuweilen sah man auf einer von Ungeziefer starrenden Brust an einer dünnen Schnur Diamanten, nach denen Satrapen gefahndet hätten, schier fabelhafte Steine, die ein Königreich wert waren. Die meisten wußten kaum, was sie eigentlich wollten. Ein rätselhafter Zauber, die Gier nach Neuem, trieb sie her. Nomaden, die noch nie eine Stadt gesehen, empfanden Furcht vor dem Schatten der Mauern.

Die Landenge war von der Menschenmenge völlig bedeckt, und diese breite Masse, aus der die Zelte hervorragten wie die Häusergiebel bei einer großen Überschwemmung, dehnte sich bis zu den ersten Zeltreihen des waffenblinkenden eigentlichen Söldnerlagers, das zu beiden Seiten des hohen Aquädukts planmäßig aufgeschlagen war.

Die Karthager waren noch voller Entsetzen über das Erscheinen ihrer Feinde, da sahen sie schon, gleich Ungeheuern oder wandelnden Häusern, die von den tyrischen Städten geschickten Belagerungsmaschinen mit ihren Masten, Tauen, Hebeln, Hauben und Schutzschilden geradewegs auf sich zukommen: sechzig Lafettengeschütze, achtzig Schleudergeschütze, dreißig Steinböller, fünfzig Sturmkrane, zwölf größere Widder und drei besonders schwere Ballisten, die Felsblöcke im Gewicht von sieben bis acht Zentnern schleudern konnten. Große Menschenhaufen, gegen die Untergestelle der Maschinen gestemmt, schoben sie vorwärts. Bei jedem Schritt erzitterten sie. So gelangten sie vor die Mauern.

Es bedurfte jedoch noch mehrerer Tage, ehe man die Zurüstungen vollendet hatte. Die durch ihre Niederlagen gewitzigten Söldner wollten sich nicht in nutzlosen Kämpfen opfern. Man hatte beiderseits keine Eile, wohl wissend, daß der Kampf furchtbar werden und mit Sieg oder völliger Vernichtung enden mußte.

Karthago konnte lange Widerstand leisten. Seine breiten Mauern hatten eine Reihe vorspringender Basteien; eine Anlage, zur Abwehr von Stürmen sehr vorteilhaft.

Nach der Totenstadt zu war freilich ein Teil der Mauer eingestürzt, und in dunklen Nächten sah man durch die verfallenen Stellen die Lichter in den Hütten von Malka, die hie und da höher lagen als die Wälle.

Hier hausten auch die von Matho vertriebenen Weiber der Söldner mit ihren neuen Gatten. Als sie ihre alten Männer wiedersahen, konnten sie nicht widerstehen. Sie winkten von weitem mit ihren Tüchern, kamen dann in der Dunkelheit an die Mauerlücken, um mit den Söldnern zu plaudern, und eines Morgens ward dem Großen Rat vermeldet, daß sie allesamt entflohen waren. Die einen hatten sich zwischen den Steinen hindurchgezwängt, andre, beherztere, sich an Stricken hinabgelassen.

Endlich beschloß Spendius, einen bestimmten Plan auszuführen.

Der Krieg, der ihn von Karthago ferngehalten, hatte ihn bisher daran gehindert, und seitdem er wieder vor der Stadt lag, schien es ihm, als ob die Einwohner sein Vorhaben ahnten. Bald jedoch verminderten sie die Posten auf der Wasserleitung. Man brauchte die Leute zur Verteidigung der Mauern.

Der einstige Sklave übte sich mehrere Tage lang im Bogenschießen, indem er auf die Flamingos am Haff jagte. Dann, an einem mondhellen Abend, bat er Matho, mitten in der Nacht ein großes Strohfeuer anzünden und gleichzeitig seine Leute ein lautes Geschrei erheben zu lassen. Begleitet von Zarzas ging er sodann am Ufer hin, in der Richtung auf Tunis.

In Höhe mit dem letzten freistehenden Bogen des Aquädukts bogen sie nach rechts und gingen stracks auf ihn zu. Das Terrain bot keine Deckung. Sie krochen bis an den Unterbau der Pfeiler.

Die Posten oben auf der Plattform schritten ruhig auf und ab.

In diesem Augenblicke loderten in der Ferne hohe Flammen auf, und Trompeten erklangen. Die Posten glaubten, der Feind mache einen Sturmangriff, und eilten der Stadt zu.

Ein einziger war zurückgeblieben. Er hob sich schwarz vom Himmel ab. Der Mond stand gerade hinter ihm, und der riesige Schatten des Mannes fiel weit über die Ebene, einem wandelnden Obelisken gleich.

Die beiden Söldner warteten, bis der Posten schräg über ihnen stand. Da griff Zarzas nach seiner Schleuder. Doch aus Vorsicht oder aus Blutgier hielt Spendius ihn zurück.

»Nicht doch! Das Schwirren der Tonkugel macht zu viel Lärm! Ich wills tun!«

Er spannte seinen Bogen mit aller Kraft, indem er das eine Ende gegen die große Zehe seines linken Fußes stemmte. Dann zielte er. Der Pfeil flog ab.

Der Mann fiel nicht herunter, aber er verschwand. »Wäre er verwundet, so würden wir ihn hören!« meinte Spendius.

Mit Hilfe eines Seiles und einer Harpune, ganz wie das erstemal, kletterte er nun eiligst von Stockwerk zu Stockwerk hinauf. Als er oben neben dem Erschossenen stand, ließ er das Seil hinab. Der Balearier band einen Hammer und eine Hacke daran und kehrte in das Lager zurück. Die Trompeten waren verstummt. Alles war wieder ruhig. Spendius hatte eine der Steinplatten aufgehoben, war ins Wasser gestiegen und hatte den Gang über sich wieder geschlossen.

Indem er die Entfernung nach der Zahl seiner Schritte berechnete, gelangte er zu einer bestimmten Stelle, wo er ehedem einen kleinen senkrechten Spalt in der Mauer bemerkt hatte. Dort arbeitete er drei Stunden lang bis zum Morgen ununterbrochen und fanatisch, wobei er durch die Fugen der Deckplatten mühsam Luft schöpfte, öfters von Atemnot befallen ward und sich zwanzigmal dem Tode nahe wähnte. Endlich krachte es. Ein riesiger Steinblock stürzte, von Stockwerk zu Stockwerk fallend, hinab, und plötzlich ergoß sich ein Katarakt, ein voller Wasserstrom aus den Lüften hinab in die Ebene. Die durchbrochene Wasserleitung entleerte sich. Das war der Tod für die Stadt und der Sieg für die Barbaren!

Bald darauf waren die Karthager alarmiert und erschienen auf den Mauern, den Häusern, den Tempeln. Die Barbaren stürzten laut jubelnd herbei. Wie rasend umtanzten sie den großen Wasserfall und tauchten im Übermaß ihrer Freude die Köpfe in die Fluten.

Auf der Höhe des Aquädukts bemerkte man einen Mann in brauner, zerrissener Tunika. Die Hände in die Hüften gestemmt, beugte er sich über den Rand und schaute hinab, wie erstaunt über sein eigen Werk.

Dann richtete er sich hoch auf und ließ seinen Blick stolz über den Horizont schweifen, als wolle er sagen: »Das alles ist jetzt mein!« Die Karthager, die ihr Unglück voll begriffen, heulten vor Verzweiflung. Da begann Spendius auf der Plattform von einem Rande zum andern zu laufen, und wie ein Wagenlenker, der bei den olympischen Spielen triumphiert, hob er im Rausche seines Stolzes die Arme gen Himmel.

XIII

Moloch

Nach dem Innern des Landes zu bedurften die Barbaren keines Walles. Das Hinterland war in ihrer Gewalt. Um aber leichter an die Mauern der Stadt heranzukommen, zerstörte man die vor dem Wallgraben angelegte Brustwehr. Die Stellungen seiner Truppen ordnete Matho in einem großen Halbkreise an und schloß damit Karthago an der Landseite vollständig ab. Das schwere Fußvolk der Söldner stellte er in das vorderste Treffen, weiter hinter die Schleuderer und die Reiterei und zuhinterst das Gepäck, die Wagen und die Pferde. Vor der ganzen Heeresmasse, dreihundert Schritte von den Türmen Karthagos entfernt, standen die Geschütze und Belagerungsmaschinen.

Bei der unendlichen Mannigfaltigkeit ihrer Benennungen, die im Laufe der Jahrhunderte mehrfach gewechselt hatten, konnte man die Geschütze immerhin noch in zwei Systeme gliedern: in Geschütze mit Horizontalspannung und in solche mit Winkelspannung. Die ersteren, die Katapulte oder Pfeilgeschütze, schossen lediglich Pfeile, auch Brandpfeile. Die andern, die Ballisten oder Steinböller, warfen Steinkugeln oder nach ihrem Gewicht genau abgemessene Steine, auch mächtige balkenartige Pfeile. Die Katapulte hießen auch Skorpione.

Daneben gab es noch Schleudergeschütze, die Onager, so genannt nach den Wildeseln, die mit ihren Hinterhüfen Steine werfen.

Die Erbauung aller dieser schweren Geschütze erforderte wissenschaftliche Berechnungen. Das Holz mußte von den härtesten Sorten sein. Sämtliche feineren Teile waren aus Erz. Die größeren Kaliber wurden nicht mit der Hand gespannt, sondern durch Flaschenzüge und dergleichen. Die grobe Seitenrichtung der großen Geschütze wurde durch lange Richtbäume genommen. Die Fortbewegung erfolgte auf Walzen. Die größten, die man stückweise herbeischaffte, wurden erst angesichts des Feindes zusammengesetzt.

Spendius richtete seine drei größten Steinböller gegen die drei Hauptvorsprünge der Mauer. Vor jedes Tor stellte er einen Widder, vor jeden Turm ein Pfeilgeschütz. Die Karroballisten, das waren die Geschütze auf fahrbaren Lafetten, fuhren weiter hinten auf. Sie überschossen die vorderen. An den Stellen, wo man die Geschütze aus den Schanzen herausschob, mußte man vorher den Graben zuschütten.

Alle diese Maschinen mußte man gegen das Feuer der Belagerten schützen. Man schob Lauben aus Reisig und sogenannte Schildkröten aus Eichenholz vor, die riesigen Schilden glichen und auf drei Rädern liefen. Kleine, mit frischen Häuten überzogene und mit Seegras gepolsterte Hütten deckten die Bedienungsmannschaft. Die Katapulte und Ballisten schützte man durch Seilvorhänge, die in Essig getaucht waren, um sie unverbrennbar zu machen. Frauen und selbst Kinder halfen den Geschützbedienungen, indem sie die nötigen Steine suchten und herbeischleppten.

Die Karthager rüsteten sich gleichfalls.

Hamilkar hatte sie rasch beruhigt, indem er erklärte, daß in den Zisternen Wasser für hundertdreiundzwanzig Tage vorhanden sei. Diese Versicherung, seine Gegenwart und namentlich die des heiligen Mantels machten die Stadt guten Mutes. Sie erholte sich von ihrer Bestürzung, und auch die Einwohner nicht kanaanitischer Herkunft wurden durch den Eifer der andern mit fortgerissen.

Man bewaffnete die Sklaven. Man leerte die Zeughäuser. Jeder Bürger erhielt sein Amt und seinen Posten. Von den Überläufern waren noch zwölfhundert da. Der Suffet ernannte sie sämtlich zu Unteroffizieren. Die Waffen-, Grob- und Goldschmiede wurden in den Geschützwerkstätten angestellt. Die Karthager besaßen noch einige schwere Geschütze, den Friedensbedingungen mit den Römern zuwider. Man setzte sie wieder instand. Die Handwerker verstanden sich darauf.

Die Nord- und Ostseite der Stadt, durch das Meer und den Golf geschützt, waren uneinnehmbar. Auf die von den Barbaren belagerte Mauer auf der Landenge schaffte man Baumstämme, Mühlsteine, Bottiche mit Schwefel, und Fässer voll Öl. Man erbaute Öfen, häufte Steine auf der Plattform der Türme und füllte die Häuser, die unmittelbar an den Wall stießen, mit Sand, um dadurch seine Widerstandsfähigkeit und Stärke zu zu vermehren.

Angesichts dieser Zurüstungen gerieten die Barbaren in Wut. Sie wollten den Kampf unverzüglich beginnen. Die Steine, mit denen sie ihre Ballisten luden, waren aber so ungeheuer schwer, daß die Geschütze defekt wurden. Der Sturm mußte aufgeschoben werden.

Endlich, am dreizehnten Tage des Monats Schebar, vernahm man in der Stadt bei Sonnenaufgang einen gewaltigen Stoß gegen das Khamontor.

Fünfundsiebzig Soldaten schoben an Seilen einen Widder heran. Das war ein mächtiger Balken, der an Ketten wagrecht von einem Gerüste herabhing und vorn in einen ehernen Widderkopf auslief. Man hatte den Balken mit Ochsenhäuten überzogen und in Abständen mit eisernen Reifen umschmiedet. Er war dreimal so dick wie ein Mannskörper und siebzig Meter lang. Wenn ihn die Menge der nackten Arme vorstieß, schwebte er in regelmäßigen Schwingungen vor und wieder zurück.