Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago

Chapter 19

Chapter 193,624 wordsPublic domain

Hamilkar ließ auf der Stelle die Zeremonie des unlösbaren Verlöbnisses vollziehen. Man legte Salambo eine Lanze in die Hand, die sie Naravas reichte. Dann band man die Daumen der Verlobten mit einem Riemen aus Rindsleder zusammen und streute ihnen Korn auf die Häupter, das um sie her niederfiel und wieder aufsprang wie Hagelschlag.

XII

Die Wasserleitung

Zwölf Stunden später war von den Söldnern nur noch ein Haufen Verwundeter, Toter und Sterbender übrig.

Hamilkar war mit aller Gewalt aus dem Bergkessel hervorgebrochen, und zwar gegen den westlichen Abhang, der nach Hippo-Diarrhyt zu lag, in der Absicht, die Barbaren allesamt dahin zu locken, da dort mehr Raum war. Naravas hatte dann die gegnerischen Linien mit seiner Reiterei umgangen und von rückwärts attackiert, während der Marschall sie in der Front zum Wanken brachte und vernichtete. Übrigens waren sie durch den Verlust des Zaimphs schon im voraus geschlagen. Selbst die, die sich nie um ihn gekümmert hatten, ergriff ein Bangen und eine Art Entkräftung.

Hamilkar, der seinen Stolz durchaus nicht darein setzte, das Schlachtfeld zu behaupten, hatte sich nach seinem Siege auf die Höhen etwas nördlicher zurückgezogen, von wo aus er den Feind in Schach hielt.

Man erkannte die Grundrisse der Lager nur noch an den umgerissenen Pikettpfählen. Ein langer schwarzer Aschehaufen qualmte an der Stelle, wo das libysche Lager gestanden hatte. Der aufgescharrte Boden hatte wellenförmige Erhebungen wie das Meer, und die Zelte mit ihrer zerfetzten Leinwand hatten gewisse Ähnlichkeit mit zwischen Klippen gescheiterten und halb gesunkenen Schiffen. Lanzen, Heugabeln, Trompeten, Holz, Erz und Eisen, Getreide, Stroh und Kleidungsstücke lagen zwischen den Leichen herum. Hie und da glimmte ein verlöschender Brandpfeil neben einem Haufen von Gepäck. An manchen Stellen war der Boden mit weggeworfenen Schilden völlig bedeckt. Die Pferdekadaver sahen aus wie lange Reihen kleiner Hügel. Man erblickte Beine, Sandalen, Arme, Panzerhemden und Köpfe, auf denen durch die Schuppenketten der Helm noch festsaß und die wie Kugeln hinrollten. An den Dornsträuchern hingen Haare. Elefanten mit heraushängendem Eingeweide, ihre Türme noch auf dem Rücken, lagen röchelnd in großen Blutlachen. Überall trat man auf schlüpfrige Gegenstände und, obgleich es nicht geregnet hatte, in große Schlammpfützen.

Das Leichengewirr bedeckte den Berghang von oben bis unten. Die Überlebenden rührten sich ebensowenig wie die Toten. In großen und kleinen Gruppen herumhockend, blickten sie einander verstört an und sprachen kein Wort.

Jenseits der weiten Prärie blitzte der See von Hippo-Diarrhyt in der untergehenden Sonne. Rechts davon ragten enggedrängte weiße Häuser über einen Mauergürtel hinweg. Weiterhin dehnte sich endlos das Meer. Das Kinn in die Hand gestützt, gedachten die Barbaren seufzend ihrer Heimat. Eine graue Staubwolke sank herab.

Der Abendwind begann zu wehen. Die Menschen atmeten auf. Es ward kühler. Man konnte beobachten, wie das Ungeziefer die erkaltenden Toten verließ und über den warmen Sand lief. Auf hohen Steinblöcken saßen reglose Raben und lugten nach den Sterbenden.

Als die Nacht herabgesunken war, kamen gelbhaarige Hunde, Bastarde, wie sie gewöhnlich den Heeren nachzulaufen pflegten, zu den Barbaren herangeschlichen. Zuerst leckten sie das geronnene Blut von den noch warmen Gliederstümpfen, doch bald begannen sie die Toten zu verzehren, indem sie zuerst die Bäuche anfraßen.

Die Flüchtlinge erschienen wieder, einer nach dem andern, wie Schatten. Auch die Weiber wagten sich zurück, denn es waren noch immer welche übrig, besonders libysche, trotz des furchtbaren Blutbades, das die Numidier unter ihnen angerichtet hatten.

Etliche nahmen Tauenden und zündeten sie an, um sie als Fackeln zu benutzen. Andre hielten gekreuzte Lanzen. Man legte die Toten darauf und trug sie beiseite.

Sie lagen in langen Reihen offnen Mundes auf dem Rücken, ihre Lanzen neben sich, oder in Haufen übereinander. Wenn man einen Vermißten finden wollte, mußte man oft einen ganzen Leichenhügel durchwühlen. Dabei fuhr man ihnen mit den Fackeln langsam über das Gesicht. Alle die gräßlichen Waffen hatten ihnen die verschiedenartigsten Wunden beigebracht. Manchen hingen grünliche Hautlappen von der Stirn. Andre waren in Stücke zerhackt oder bis aufs Knochenmark zerquetscht, blau vom Würgetode oder von den Stoßzähnen der Elefanten der Länge nach aufgeschlitzt. Obwohl alle fast zur selben Zeit den Tod gefunden hatten, zeigten sich Unterschiede in der Zersetzung der Leichen. Die Nordländer sahen bleigrau aus und waren aufgedunsen, während die sehnigen Afrikaner wie geräuchert erschienen und bereits vertrockneten. Die Söldner erkannte man an der Tätowierung ihrer Hände. Die alten Krieger des Antiochus trugen einen Sperber eingebrannt. Wer in Ägypten gedient hatte, einen Affenkopf. Wer im Solde asiatischer Fürsten gestanden, ein Beil, einen Granatapfel oder einen Hammer. Die Söldner der griechischen Republiken hatten das Bild einer Burg oder den Namen eines Archonten eingeritzt. Bei manchen waren die Arme von oben bis unten mit diesen vielfachen Zeichen bedeckt, die sich mit alten Narben und neuen Wunden vermischten.

Für die Toten lateinischer Abkunft, die Samniter, Etrusker, Kampaner und Bruttier, errichtete man vier große Scheiterhaufen.

Die Griechen hoben mit der Spitze ihrer Schwerter Gruben aus. Die Spartaner nahmen ihre roten Mäntel und hüllten die Toten hinein. Die Athener legten sie mit dem Gesicht nach der aufgehenden Sonne. Die Kantabrer begruben die ihren unter Haufen von Feldsteinen. Die Nasamonen knickten sie zusammen und umschnürten sie mit Riemen aus Rindsleder, und die Garamanten bestatteten sie am Meeresstrande, damit die Fluten sie beständig benetzten. Die Lateiner waren untröstlich, daß sie die Asche nicht in Urnen sammeln konnten. Die Nomaden vermißten den heißen Sand, in dem ihre Toten zu Mumien wurden, und die Kelten ihre üblichen drei unbehauenen Steinblöcke, den regnerischen Himmel ihrer Heimat und den Blick auf eine Bucht voll kleiner Inseln.

Lautes Gejammer erscholl, dann folgte lange Stille. Das geschah, um die Seelen zur Rückkehr zu zwingen. Nach regelmäßigen Pausen hub das Geschrei immer wieder an.

Man entschuldigte sich bei den Toten, daß man sie nicht ehren könne, wie die Bräuche es verlangten, denn ohne die frommen Zeremonien mußten sie unendliche Zeiträume hindurch unter allerlei Schicksalen und Verwandlungen umherirren. Man rief sie an. Man fragte sie nach ihren Wünschen. Andre überhäuften sie mit Schmähungen, weil sie sich hatten besiegen lassen.

Der Feuerschein der großen Scheiterhaufen ließ die blutleeren Gesichter, die hie und da an zerbrochenen Rüstungen lehnten, noch bleicher erscheinen. Tränen riefen neue Tränen hervor. Das Schluchzen ward heftiger, die Erkennungsszenen und letzten Umarmungen wilder. Weiber warfen sich Mund an Mund, Stirn an Stirn auf die Toten. Man mußte sie mit Schlägen wegtreiben, wenn man die Gräber zuschaufelte. Man schwärzte sich die Wangen, schnitt sich das Haar ab, riß sich selber Wunden und ließ das Blut in die Gräber fließen. Oder man brachte sich Schnitte bei, Abbilder der Wunden, die geliebte Tote entstellten. Wehgeschrei durchtönte den Klang der Zimbeln. Manche rissen sich ihre Amulette ab und spien sie an. Sterbende krümmten sich in blutigem Schlamm und bissen vor Wut in ihre verstümmelten Fäuste. Dreiundvierzig Samniter, ein ganzer »heiliger Frühling«, mordeten einander wie Gladiatoren. Bald gebrach es an Holz für die Scheiterhaufen. Die Flammen erloschen. Alle Gräber waren voll. Müde vom Schreien, erschöpft und schwach, schliefen die Lebendigen neben ihren toten Kameraden ein, die einen mit dem Wunsch, am Leben bleiben zu wollen, und sei es in Angst und Not, die andern, um am liebsten nicht wieder zu erwachen.

* * * * *

Beim Morgengrauen erschienen in der Nähe der lagernden Barbaren Soldaten, die vorübermarschierten, ihre Helme auf den Spitzen ihrer Lanzen. Sie grüßten ihre Waffengenossen und fragten sie, ob sie nichts in ihrer Heimat zu bestellen hätten. Andre Trupps kamen näher heran. Man erkannte alte Gefährten.

Der Suffet hatte allen Gefangenen angeboten, in sein Heer einzutreten. Manche hatten sich mutig geweigert, und da er fest entschlossen war, sie weder zu ernähren noch dem Großen Rat auszuliefern, so hatte er sie mit dem Befehle heimgeschickt, nicht mehr gegen Karthago zu kämpfen. An die aber, welche die Furcht vor Martern gefügig machte, hatte man die Waffen der Besiegten verteilt, und nun zeigten sie sich ihren alten Kameraden, weniger um sie zum Abfall zu verleiten, als in einer Anwandlung von Übermut und Neugier.

Zunächst erzählten sie von der guten Behandlung durch den Marschall. Die Rebellen hörten ihnen zu und beneideten sie, obwohl sie die Feiglinge verachteten. Doch bei den ersten Worten des Vorwurfs gerieten jene in Wut. Sie zeigten ihnen von weitem ihre eignen Schwerter, ihre Harnische und forderten sie unter Schmähungen auf, sie sich doch wieder zu holen. Die Rebellen griffen nach Steinen. Da entflohen die Spötter. Bald sah man nur noch die Lanzenspitzen über dem Höhenkamm.

Jetzt ergriff die Barbaren ein Schmerz, der sie mehr niederdrückte als die Demütigung ihrer Niederlage. Sie vergegenwärtigten sich das Nutzlose ihres Mutes. Zähneknirschend starrten sie vor sich hin.

Allen kam derselbe Gedanke. Sie stürzten sich in wilder Wut auf die gefangenen Karthager. Die Soldaten des Suffeten hatten sie durch Zufall nicht entdeckt, und als er das Schlachtfeld verließ, befanden sie sich noch immer in der tiefen Grube.

Man legte sie auf einer ebenen Stelle platt auf den Boden. Posten bildeten einen Kreis um sie. Dann ließ man die Weiber hinein, je dreißig bis vierzig auf einmal. Sie wußten, daß man ihnen nicht viel Zeit gewährte, und so liefen sie erst unentschlossen und aufgeregt von einem zum andern, dann aber beugten sie sich über die armen Schelme und schlugen sie aus Leibeskräften. Die Namen ihrer Männer heulend, zerrissen sie ihnen mit den Fingernägeln die Haut und stachen ihnen mit ihren Haarnadeln die Augen aus. Dann kamen die Männer und marterten die Unglücklichen von den Füßen, die sie ihnen an den Knöcheln abhieben, bis zur Stirn, aus der sie kranzartige Stücke herausschnitten, die sie sich um den Kopf schlangen. Insbesondere waren die Esser unreiner Speisen erfinderisch in Grausamkeiten. Sie entzündeten die Wunden, indem sie Staub, Essig und Topfscherben hineinpreßten. Hinter ihnen standen schon wieder andre und warteten. Das Blut floß in Strömen, und die Peiniger ergötzten sich daran wie Winzer an ihren Keltern.

Matho saß immer noch am Boden, an der nämlichen Stelle, wo er sich nach der Schlacht hingesetzt hatte, die Ellbogen auf die Knie gestemmt, die Schläfen in den Händen. Er sah nichts, hörte nichts, dachte nichts.

Bei dem Freudengeheul, das die Menge ausstieß, blickte er auf. Vor ihm, auf einer Stange, flatterte ein Stück Leinwand, dessen Ende die Erde streifte. Darunter lagen Körbe, Decken und ein Löwenfell in buntem Durcheinander. Er erkannte sein Zelt, und seine Augen bohrten sich in den Boden, als ob dort Hamilkars Tochter in die Erde versunken wäre.

Die zerrissene Leinwand wehte im Winde, und zuweilen berührte der wehende Fetzen sein Gesicht. Da bemerkte er ein rotes Zeichen, offenbar den Abdruck einer Hand. Es war Naravas' Hand, das Wahrzeichen ihres einstigen Bundes. Matho sprang auf. Er nahm ein glimmendes Stück Holz, das auf dem Boden lag, und warf es verächtlich in die Reste seines Zeltes. Dann stieß er mit der Spitze seines Panzerstiefels allerlei verstreut umherliegende Gegenstände in die Flammen. Es sollte nichts übrig bleiben!

Plötzlich tauchte Spendius auf, ohne daß man hätte erraten können, aus welcher Richtung.

Der einstige Sklave hatte sich einen seiner Schenkel in zwei Bruchstücke einer Lanze eingeschient. Er hinkte jämmerlich und stieß Klagelaute aus.

»Beseitige das doch!« sagte Matho zu ihm. »Ich weiß schon, daß du ein Held bist!« Die Ungerechtigkeit des Schicksals hatte ihn so niedergebeugt, daß er nicht mehr die Kraft hatte, sich über Menschen zu entrüsten.

Spendius winkte ihm und führte ihn zu einer Höhle im Hange, wo sich Zarzas und Autarit verborgen hielten.

Sie waren beide wie der Sklave geflohen, der eine trotz seiner Blutgier, der andre trotz seiner Tapferkeit. Wer hätte denn, meinten sie, den Verrat des Naravas, den Brand im Lager der Libyer, den Verlust des Zaimphs, Hamilkars plötzlichen Angriff und vor allem seine geschickten Manöver ahnen können, durch die er die Söldner in den Kessel hinabgelockt hatte, um sie dann über den Haufen zu rennen? Spendius gestand seine Feigheit nicht ein und beharrte darauf, daß er ein zerschmettertes Bein habe.

Schließlich begannen die drei Führer und der Schalischim eine Beratung, was nunmehr zu tun sei.

Hamilkar verlegte ihnen den Weg nach Karthago. Sie waren zwischen seinem Heer und dem Gebiet des Naravas eingeschlossen. Die tyrischen Städte würden sich zweifellos dem Sieger anschließen. Dadurch drängte man die Söldner gegen die Küste, um sie mit vereinten Kräften zu vernichten.

Es gab kein Mittel, einen Kampf zu vermeiden. Folglich mußten sie ihn bis aufs Äußerste fortsetzen. Aber wie sollten sie die Notwendigkeit eines endlosen Krieges ihren entmutigten, aus frischen Wunden blutenden Leuten begreiflich machen?

»Ich übernehme es!« rief Spendius.

Zwei Stunden später kam ein Mann aus der Richtung von Hippo-Diarrhyt in raschem Laufe den Berg herauf. Hoch in der Hand schwenkte er eine Schreibtafel. Da er laut schrie, umringten ihn sofort die Barbaren.

Die Tafel kam von den griechischen Söldnern in Sardinien. Sie empfahlen ihren Kameraden in Afrika, Gisgo und die andern Gefangenen gut zu bewachen. Ein Kaufmann aus Samos, ein gewisser Hipponax, der von Karthago gekommen sei, habe ihnen mitgeteilt, daß ein Handstreich in Vorbereitung sei, um sie zu befreien. Man rate deshalb den Barbaren, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Die Republik sei allmächtig.

Das war eine List des Spendius, aber sie glückte zunächst nicht in dem Maße, wie er gehofft hatte. Die Aussicht auf neue Gefahr erregte nur Schrecken, anstatt Wut zu entfachen. Man erinnerte sich der Drohung, die Hamilkar vor kurzem mitten unter sie geworfen, und erwartete etwas Unvorhergesehenes, Entsetzliches. Die Nacht verlief in lauter Angst. Viele warfen sogar ihre Waffen ab, um den Suffeten mild zu stimmen, wenn er erscheine.

Am nächsten Tage um die dritte Wache erschien ein zweiter Bote, noch atemloser und mit noch mehr Staub bedeckt. Der Grieche riß ihm eine Papyrosrolle mit phönizischen Schriftzeichen aus der Hand. Man beschwor darin die Söldner, den Mut nicht zu verlieren. Die Tapfern von Tunis würden ihnen mit großer Verstärkung zu Hilfe kommen.

Spendius las den Brief an Ort und Stelle dreimal hintereinander vor. Dann ließ er sich von zwei Kappadokiern auf den Schultern herumtragen und verlas ihn überall. Sieben Stunden lang hielt er Ansprachen. Er erinnerte die Söldner an die Versprechungen des Großen Rates, die Afrikaner an die Grausamkeiten der Statthalter, alle Barbaren an die Unredlichkeit Karthagos. Die Milde des Suffeten sei ein Köder, um sie zu fangen. Wer sich freiwillig ergäbe, der würde als Sklave verkauft, im Gefecht Besiegte aber unter Martern hingerichtet. Man rede von Flucht? Auf welchem Wege denn? Kein Stamm würde sie durchmarschieren lassen. Dagegen könnten sie bei Fortsetzung des Krieges Freiheit, Rache und Reichtum erringen! Lange brauchten sie darauf nicht zu warten, denn schon eile ihnen Tunis und ganz Libyen zu Hilfe. Er hielt den aufgerollten Papyros hoch.

»Seht her! Lest! Hier sind ihre Versprechungen! Ich lüge nicht!«

Hunde mit blutbefleckten schwarzen Schnauzen schwärmten umher. Die Mittagssonne brannte auf die bloßen Köpfe. Widriger Geruch stieg von den ungenügend verscharrten Leichen auf. Einige ragten bis zur Hälfte aus der Erde empor. Spendius rief sie zu Zeugen für die Wahrheit seiner Worte an. Sodann streckte er die Fäuste gegen Hamilkar aus.

Er wußte, daß ihn Matho beobachtete, und so trug er, um seine Feigheit zu bemänteln, eine Begeisterung zur Schau, in die er sich nach und nach wirklich hineinredete. Er weihte sich den Göttern und häufte Flüche auf Karthago. Die Hinrichtung der Gefangenen sei gar nichts weiter. Warum sie schonen und dieses unnütze Pack immer mit sich herumschleppen? »Auf keinen Fall! Man muß ihnen den Garaus machen! Wir wissen ja, was sie vorhaben! Ein einziger kann uns verderben! Kein Mitleid! Wer ein ganzer Kerl ist, der renne, was er kann, und haue nach Leibeskräften auf sie los!«

Da stürzte man sich abermals auf die Gefangenen. Mehrere röchelten noch. Man gab ihnen den Rest, indem man ihnen mit dem Absatz in den Mund trat oder sie mit Lanzenspitzen abstach.

Gisgo fiel ihnen ein. Man erblickte ihn nirgends. Unruhe und Verwirrung nahmen überhand. Man wollte sich von seinem Tode überzeugen und zugleich daran teilhaben. Endlich entdeckten ihn drei samnitische Hirten fünfzehn Schritt von der Stelle, wo Mathos Zelt gestanden hatte. Sie erkannten ihn an seinem langen Barte und riefen die andern.

Er lag auf dem Rücken, die Arme an den Körper gedrückt und die Beine geschlossen, wie ein Toter, der begraben werden soll. Doch seine mageren Seiten hoben und senkten sich noch und seine weitgeöffneten Augen starrten aus dem totenbleichen Antlitz in gräßlicher Weise immerfort geradeaus.

Die Barbaren betrachteten ihn zuerst mit großem Erstaunen. Seit er in der Grube lebte, hatte man ihn fast vergessen. Jetzt, im Banne alter Erinnerungen, blieb man in einiger Entfernung von ihm stehen und wagte nicht, Hand an ihn zu legen.

Doch die Hintenstehenden murrten und drängten vorwärts, bis ein Garamant die Menge durchschritt. Er schwang eine Sichel. Alle verstanden seine Absicht. Die Gesichter röteten sich, und voll Scham über ihre eigne Feigheit brüllten alle: »Ja! ja!«

Der Mann mit dem krummen Eisen näherte sich Gisgo. Er ergriff den Kopf des Greises, legte ihn auf sein Knie und hackte ihn mit raschen Schnitten ab. Gisgos Haupt fiel zu Boden. Zwei große Blutströme bohrten ein Loch in den Staub. Zarzas stürzte sich auf den abgeschnittenen Kopf und sprang damit leichtfüßiger als ein Leopard auf das Lager der Karthager zu.

Als er zwei Drittel des Berghanges hinter sich hatte, zog er Gisgos Kopf am Barte aus seinem Busen hervor, kreiste mit seinem Arm mehrmals durch die Luft und ließ dann den Kopf fliegen. Er beschrieb einen weiten Bogen und verschwand hinter der punischen Verschanzung. Bald darauf erhoben sich über den Pfählen des Walles zwei gekreuzte Fahnen, das übliche Zeichen, daß man die Toten zurückfordere.

Da zogen vier besonders ausgewählte hünenhafte Herolde mit großen Trompeten hinaus und erklärten, durch die ehernen Tuben sprechend, daß es fortan zwischen Karthagern und Barbaren weder Treu und Glauben, noch Mitleid, noch Götter gäbe, daß man im voraus alle Unterhandlungen ablehne und jeden Unterhändler mit abgeschnittenen Händen zurückschicken würde.

Unmittelbar darauf schickte man Spendius nach Hippo-Diarrhyt, um Lebensmittel zu holen. Die tyrische Stadt sandte deren noch am selben Abend. Man aß gierig. Dann, als sich alle gestärkt hatten, rafften die Söldner eilends die Reste ihres Gepäcks und ihre zerbrochenen Waffen zusammen. Die Weiber in die Mitte genommen und ohne Erbarmen gegen die Verwundeten, die ihnen nachschrien, marschierten sie in flottem Tempo nach dem Meere zu, wie ein Rudel abziehender Wölfe.

Sie gingen auf Hippo-Diarrhyt los, fest entschlossen, es einzunehmen, denn sie bedurften einer Stadt.

* * * * *

Als Hamilkar den Abmarsch wahrnahm, war er sehr ärgerlich, trotz des stolzen Gefühls, das ihm diese Flucht an und für sich bereitete. Er hätte auf der Stelle mit frischen Truppen angreifen mögen. Noch ein solcher Tag und der Krieg war zu Ende! Zog er sich aber noch länger hin, so würden die Barbaren verstärkt zurückkommen. Auch konnten sich die tyrischen Städte ihnen anschließen. Seine Milde gegen die Besiegten hatte nichts genutzt. Er faßte den Entschluß, fortan unbarmherzig zu sein. Noch am nämlichen Abend sandte er dem Großen Rate ein Dromedar, das mit den Armbändern der Gefallenen beladen war, und befahl unter den fürchterlichsten Drohungen, ihm Verstärkung zu schicken.

Man hielt ihn allgemein für längst verloren. Die Kunde von seinem Siege rief ein an Schrecken grenzendes Staunen hervor. Die Rückkunft des Zaimphs, die Hamilkar unbestimmt andeutete, vollendete das Wunder. Offenbar gehörte jetzt ihm die Gunst der Götter, und so war er die Stütze Karthagos.

Keiner seiner politischen Gegner wagte eine Klage oder eine Anschuldigung vorzubringen. Dank der Begeisterung der einen und der Feigheit der andern stand alsbald ein Heer von fünftausend Mann noch vor der bestimmten Frist marschbereit.

Es rückte schleunigst vor Utika, um den Suffeten im Rücken zu decken, während weitere dreitausend Mann Kerntruppen eingeschifft wurden, um bei Hippo-Diarrhyt zu landen und die Barbaren von dort zu vertreiben.

Hanno hatte den Oberbefehl angenommen, übergab aber das Landheer seinem Stellvertreter Magdassan, während er die Truppen auf den Schiffen in Person führte. Er konnte nämlich das Rütteln der Sänfte nicht mehr vertragen. Seine Krankheit hatte ihm die Nasenflügel und Lippen angefressen und ein weites Loch in sein Gesicht gegraben. Auf zehn Schritte weit sah man ihm in den Schlund hinab, und er war sich seiner Ekelhaftigkeit so gut bewußt, daß er sich wie ein Weib verschleierte.

Hippo-Diarrhyt hörte auf seine Aufforderungen ebensowenig wie auf die der Barbaren. Allerdings ließen die Einwohner diesen allmorgendlich Lebensmittel in Körben hinab, wobei sie von den Türmen herab vermeldeten, die Republik bedränge sie hart, sie bäten die Söldner deshalb, abzuziehen. Durch Zeichen richteten sie die gleichen Beteuerungen an die karthagische Flotte, die auf dem Meere kreuzte.

Hanno begnügte sich, den Hafen zu blockieren, und wagte keinen Angriff. Doch überredete er den Rat von Hippo-Diarrhyt, dreihundert Soldaten einzulassen. Dann segelte er nach dem Vorgebirge der Trauben und machte einen weiten Umweg, um die Barbaren zu umfassen,--ein unzweckmäßiges, ja gefährliches Beginnen. Seine Eifersucht hielt ihn ab, den Suffeten zu unterstützen. Er fing dessen Spione ab, durchkreuzte alle seine Pläne und gefährdete damit das ganze Unternehmen. Endlich schrieb Hamilkar dem Großen Rate und forderte Hannos Entfernung. Da ward dieser nach Karthago zurückberufen, wütend über die Erbärmlichkeit der Alten und die Torheit seines Amtsgenossen.

So befand man sich also nach so viel Hoffnungen in einer beklagenswerteren Lage denn zuvor, doch bemühte man sich, darüber nicht nachzudenken, ja nicht einmal davon zu reden.

Als ob es des Mißgeschicks noch nicht genug wäre, erfuhr man zu alledem, daß die Söldner in Sardinien ihren Kommandeur ans Kreuz geschlagen, sich der festen Plätze bemächtigt und die Männer kanaanitischer Abkunft allerorts niedergemacht hatten. Dazu bedrohte Rom die Republik unmittelbar mit einem Kriege, wenn sie nicht zwölfhundert Talente bezahle und ganz Sardinien abträte. Rom hatte das Bündnis mit den Barbaren angenommen und sandte ihnen Frachtschiffe mit Mehl und getrocknetem Fleisch. Die Karthager kaperten diese Fahrzeuge und nahmen fünfhundert Mann gefangen. Aber drei Tage später ging eine Flotte, die von Bysazene mit Lebensmitteln nach Karthago kam, bei einem Sturme unter. Die Götter erklärten sich sichtlich gegen die Republik.

Dann lockten die Bürger von Hippo-Diarrhyt die dreihundert Leute Hannos durch einen blinden Alarm auf die Stadtmauern, schlichen sich hinter sie, packten sie unversehens bei den Beinen und warfen sie über die Wälle. Die wenigen, die nicht tot waren, wurden verfolgt und ins Meer gejagt.