Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago
Chapter 16
Das war eine unnötige Vorsichtsmaßregel. Man beschuldigte den Barkiden allgemein der Saumseligkeit. Er hätte nach seinem Siege die Söldner vernichten sollen. Warum hatte er die Stämme gebrandschatzt? Hatte man nicht hinreichend schwere Opfer gebracht? Die Patrizier jammerten über die Kriegssteuern, die man persönlich sowie aus den Syssitien gezahlt hatte. Auch wer nichts gegeben hatte, klagte mit den übrigen. Das Volk war eifersüchtig auf die Neukarthager, denen Hamilkar das volle Bürgerrecht versprochen hatte. Und selbst die Ligurer, die sich so tapfer geschlagen hatten, rechnete man zu den Barbaren und verwünschte auch sie. Man warf ihnen ihre Abstammung wie ein Verbrechen, wie eine Mitschuld vor. Die Kaufleute auf den Schwellen ihrer Läden, die Arbeiter, die, ihr bleiernes Winkelmaß in der Hand, vorübergingen, die Salzlakehändler, die ihre Körbe spülten, die Badeknechte in den Bädern, die Verkäufer warmer Getränke, alle erörterten sie die Vorgänge des Feldzuges. Man zeichnete mit dem Finger Operationspläne in den Sand, und es gab keinen noch so kleinen Gassenbengel, der nicht Hamilkars Fehler zu verbessern gewußt hätte.
Die Pfaffen predigten, das sei die Strafe für so lange Gottlosigkeit. Er hätte keine Opfer gespendet, hätte seine Truppen nicht weihen lassen, ja, er hätte sich geweigert, Auguren mitzunehmen. Das Ärgernis über seine Gottlosigkeit schürte den unterdrückten starken Haß, die Wut über die enttäuschten Hoffnungen. Man erinnerte sich seines Unglücks in Sizilien. Sein Hochmut, den man so lange ertragen, drückte nun mit einem Male mehr denn je. Die Priesterschaften verziehen ihm nicht, daß er ihre Kassen beschlagnahmt hatte. Sie forderten dem Großen das Versprechen ab, ihn kreuzigen zu lassen, wenn er jemals zurückkehre.
Die Hitze des Monats Elul, in diesem Jahr ungewöhnlich stark, war eine weitere Plage. Vom Ufer des Haffs stiegen ekelhafte Dünste auf. In sie mischten sich die Wirbelwolken des Räucherwerks, das an den Straßenecken brannte. Unablässig hörte man Hymnen absingen. Menschenmassen wogten auf den Treppen der Tempel. Alle Mauern waren mit schwarzen Schleiern behängt. Kerzen brannten auf der Stirn der Kabirenstandbilder, und das Blut der zum Opfer geschlachteten Kamele rann in roten Kaskaden die Tempelstufen hinab. Ein düsterer Wahnsinn hatte Karthago erfaßt. Aus den engsten Gassen, den finstersten Spelunken tauchten blasse Gestalten auf, Menschen mit Schlangengesichtern, die mit den Zähnen knirschten. Schrilles Weibergekreisch erfüllte die Häuser, drang durch die Fenstergitter auf die Plätze und beunruhigte die dort plaudernden Müßiggänger. Zuweilen glaubte man, die Barbaren kämen. Man hatte sie hinter dem Berge der Heißen Wasser gesehen. Sie sollten bei Tunis lagern. Die Stimmen vervielfältigten sich, schwollen an und verschmolzen zu einem einzigen Schrei. Dann trat allgemeine Stille ein. Eine Menge Leute hockten auf den Dächern der Gebäude und spähten, die Hand über den Augen, in die Weite, während andre am Fuße der Wälle platt auf dem Boden lagen und aufmerksam lauschten. Wenn der Schreck vorüber war, dann begann die Wut von neuem. Aber das Bewußtsein ihrer Ohnmacht versenkte die Bevölkerung bald wieder in die alte Trübsal.
Die Niedergeschlagenheit nahm mit jedem Abend zu, wenn man allgemein auf den Terrassen stand und sich neunmal verneigte und die Sonne mit lautem Rufen grüßte. Sie sank langsam hinter der Lagune, bis sie dann mit einem Ruck in den Bergen, in der Richtung nach den Barbaren, verschwand.
Das dreimal heilige Fest stand bevor, bei dem ein Adler von der Höhe eines Scheiterhaufens zum Himmel emporflog, das Symbol der Erneuerung des Jahres, eine Botschaft des Volkes an den höchsten Gott, eine Feier, die man als eine Art von Bündnis, als Vermählung mit der Kraft der Sonne betrachtete. Übrigens wandte sich das haßerfüllte Volk jetzt abergläubisch dem menschenverschlingenden Moloch zu, und alle verließen Tanit. In der Tat schien die Mondgöttin, ihres Mantels beraubt, einen Teil ihrer Macht verloren zu haben. Sie versagte die Wohltat ihrer Gewässer, sie hatte Karthago verlassen. Sie war eine Abtrünnige, eine Feindin. Manche warfen mit Steinen nach ihr, um sie zu beschimpfen. Doch während man sie arg schmähte, beklagte man sie gleichzeitig. Man liebte sie noch, inniger vielleicht als vordem.
Alles Unglück rührte unbedingt vom Verluste des Zaimphs her, und Salambo war mittelbar daran schuld. Der Groll richtete sich deshalb auch auf sie. Sie müsse bestraft werden! Alsbald lief der unbestimmte Gedanke einer Opferung im Volke um. Um die Götter zu versöhnen, müsse man ihnen offenbar einen Gegenstand von unschätzbarem Werte opfern, ein schönes, junges, jungfräuliches Geschöpf aus altem Hause, den Göttern entsprossen, einen Stern der Menschheit. Täglich drangen unbekannte Männer in die Gärten von Megara. Die Sklaven zitterten für ihr eigenes Leben und wagten ihnen keinen Widerstand zu leisten. Trotzdem gingen die Eindringlinge nicht über die Galeerentreppe hinaus. Sie blieben unten stehen und starrten hinauf nach dem hohen flachen Dache des Schlosses. Sie warteten auf Salambo und schrien stundenlang nach ihr wie Hunde, die den Mond anheulen.
X
Die Schlange
Das Pöbelgeschrei schreckte Hamilkars Tochter nicht. Sorgen beunruhigten sie. Ihre große Schlange, ein schwarzer Python, ward immer matter. Schlangen waren den Karthagern ein nationaler wie persönlicher Fetisch. Man hielt sie für Kinder des Urschlamms, weil sie aus den Tiefen der Erde kriechen und keiner Füße bedürfen, um auf ihr hinzuschleichen. Ihre Bewegung erinnerte an die Wellen im Strom, ihr kühler Körper an die schleimige, fruchtbare Urnacht, und der Kreis, den sie beschreiben, wenn sie sich in den Schwanz beißen, an die Gesamtheit der Planeten, an den Geist Eschmuns.
Salambos Schlange hatte schon öfters die vier lebendigen Spatzen verschmäht, die man ihr bei jedem Vollmond und jedem Neumond brachte. Ihre schöne Haut, wie das Himmelsgewölbe mit goldnen Flecken auf tiefschwarzem Grund übersät, war jetzt gelb, welk, runzelig und für ihren Körper zu weit. Flockiger Schimmel sproß rings um ihren Kopf, und in den Winkeln ihrer Lider erblickte man flackernde kleine rote Punkte. Von Zeit zu Zeit trat Salambo an den aus Silberdraht geflochtenen Korb und hob den Purpurvorhang, die Lotosblätter und die Daunendecke auf, worunter die Schlange beständig in sich zusammengerollt lag, unbeweglicher als eine verdorrte Liane. Infolge des steten Hinsehens fühlte Salambo in ihrem eigenen Herzen einen Druck wie von einer Spirale, als ob sich eine zweite Schlange allmählich bis hinauf zur Kehle um sie winde und sie ersticke.
Sie war in Verzweiflung, daß sie den Zaimph gesehen hatte, und doch empfand sie eine seltsame Freude darüber, einen geheimen Stolz. In den schimmernden Falten des heiligen Mantels war ein Geheimnis verborgen. Er war ein Symbol der Wolken, die die Götter umhüllen, das Mysterium des Weltalls. Salambo graute es vor sich selbst, aber sie bedauerte doch, den Mantel nicht hochgehoben zu haben.
Fast immer kauerte sie in einem Winkel ihres Gemachs, die Hände um ihr linkes Bein geschlungen, mit halbgeöffnetem Munde, gesenktem Kinn und starrem Blick. Voll Entsetzen rief sie sich das Gesicht ihres Vaters ins Gedächtnis. Sie hätte in den Libanon Phöniziens zum Tempel von Aphaka pilgern mögen, wo Tanit in Gestalt eines Sternes auf die Erde gekommen war. Allerlei Vorstellungen lockten und schreckten sie. Überdies ward ihre Einsamkeit von Tag zu Tag größer. Sie wußte nicht einmal, was aus Hamilkar geworden war.
Schließlich ward sie des Grübelns müd. Sie erhob sich und schlürfte in ihren niedlichen Sandalen, deren Sohlen bei jedem Schritte gegen ihre Fersen klappten, durch das weite stille Gemach, immer hin und her, ohne Zweck und Sinn. Die Amethyste und Topase an der Zimmerdecke warfen tausend zitternde Lichttupfen herunter. Im Gehen wandte Salambo den Kopf ein wenig nach oben, um sie zu betrachten. Sie betastete die aufgehängten zweihenkligen Steinkrüge an den Hälsen oder kühlte sich den Busen mit breiten Fächern oder vertrieb sich die Zeit damit, in hohlen Perlen Zimt zu verbrennen. Wenn die Sonne unterging, nahm Taanach die schwarzen Filzläden aus den Fenstern weg. Flugs kamen dann Salambos Tauben hereingeflattert, die mit Moschus eingerieben waren wie die Tauben der Tanit, und ihre rosenroten Füßchen hüpften über die Glasfliesen der Diele zwischen den Gerstenkörnern hin, die sie ihnen mit vollen Händen hinstreute, wie ein Landmann den Samen auf ein Ackerfeld. Plötzlich aber brach sie in Schluchzen aus, und dann lag sie, ohne sich zu rühren, auf dem langen Ruhelager aus Rindsleder, lang hingestreckt, während sie immer ein und dasselbe Wort wiederholte, mit offnen Augen, totenblaß, kalt und empfindungslos ... und doch hörte sie das Gekreisch der Affen draußen in den Palmenwipfeln und das unablässige Knarren des großen Rades, das durch alle Stockwerke hindurch einen Strom reinen Wassers in ihre Porphyrwanne leitete.
Bisweilen weigerte sie sich tagelang, zu essen. Im Traume sah sie verschleierte Gestirne, die ihr zu Füßen tanzten. Sie rief Schahabarim; aber wenn er kam, wußte sie nicht mehr, was sie ihn fragen wollte.
Ohne den Trost seiner Gegenwart vermochte sie nicht zu leben. In ihrer tiefsten Seele freilich wehrte sie sich seiner Herrschaft. Sie empfand dem Priester gegenüber zugleich Furcht, Eifersucht, Haß und eine wunderliche Liebe, der Dankbarkeit entsprossen für die eigentümliche Wollust, die sie in seiner Nähe fühlte.
Er hatte erkannt, daß Salambo im Banne der Tanit stand, denn er wußte wohl Bescheid, welche Götter die oder jene Krankheit sandten. Um Salambo zu heilen, ließ er ihr Gemach mit einer Essenz von Eisenkraut und Krullfarn besprengen. Jeden Morgen mußte sie Alraun einnehmen. Nachts schlief sie auf einem Säckchen wohlriechender Kräuter, die von den Oberpriestern gemischt worden waren. Schahabarim hatte sogar Baaras angewandt, eine feuerrote Wurzel, mit der die bösen Geister nach Norden vertrieben werden. Zu guter Letzt murmelte er, gegen den Polarstern gewandt, dreimal den geheimnisvollen Namen der Tanit. Doch Salambo blieb leidend, und ihre Beklemmungen wurden immer stärker.
Niemand in Karthago war so gelehrt wie Schahabarim. In seiner Jugend hatte er auf der Schule der Mogbeds zu Borsippa bei Babylon studiert, hatte dann Samöthrake, Pessinunt, Ephesus, Thessalien, Judäa besucht, die Tempel der Nabatäer, die halb verweht im Sande lagen, und er war zu Fuß an den Ufern des Nils von den Katarakten bis zum Meere hinabgepilgert. Vor der Brust des Sphinx, des Vaters des Schreckens, hatte er mit verschleiertem Antlitz, Fackeln schwingend, einen schwarzen Hahn auf einem Sandarakfeuer geopfert. Er war in die Grotten der Proserpina hinabgestiegen. Er hatte die fünfhundert Säulen des Labyrinths auf Lemnos sich drehen und den Leuchter von Tarent brennen sehen, der auf seinem Schafte so viele Lampen trug, als es Tage im Jahre gibt. Nachts empfing er zuweilen Griechen, um von ihnen zu lernen. Die Weltordnung beunruhigte ihn nicht minder als das Wesen der Götter. Er hatte mit den Astrolabien im Portikus zu Alexandria die Äquinoktien beobachtet und hatte die Bematisten des Euergetes, die den Himmel durch Schrittzählungen ausmaßen, bis nach Kyrene begleitet. Und so war in seiner Gedankenwelt eine besondere Religion erstanden, ohne feste Formeln, aber gerade deshalb voller Glut und Mystik. Den Glauben, daß die Erde wie ein Pinienapfel gestaltet sei, hatte er abgetan. Er hielt sie für rund, für eine Scheibe, die ewig falle, in die Unendlichkeit hinein, mit einer so fabelhaften Geschwindigkeit, daß man ihren Fall gar nicht gewahr wird.
Aus der Stellung der Sonne über dem Monde schloß er auf die Vorherrschaft des Sonnengottes, von dem die Sonne selbst nur Widerschein und Sinnbild war. Überdies zwang ihn alles, was er von irdischen Dingen beobachtete, zu der Erkenntnis, daß das vernichtende männliche Prinzip das höhere sei. Auch zieh er die Mondgöttin insgeheim der Schuld am Unglücke seines Lebens. Hatte ihn nicht ihretwegen der Oberpriester dereinst beim Schall der Zimbeln unter einer Schale siedenden Wassers der künftigen Mannheit beraubt? Schwermütig folgte sein Blick den Männern, die sich mit den heiligen Hetären der Tanit im Schatten der Terebinthenhaine verloren.
Seine Tage rannen dahin, während er die Räucherpfannen beaufsichtigte, die goldnen Gefäße, die Feuerzangen, die Harken vor dem Altar, die Gewänder der Götterbilder und dergleichen mehr, bis herab zu der Metallnadel, mit der das Haar eines alten Tanitbildes gekräuselt wurde, in der dritten Kapelle nahe dem Weinstock mit den Smaragden. Immer zur nämlichen Stunde schlug er die breiten Vorhänge der nämlichen Türen zurück und ließ sie wieder fallen. In der nämlichen Haltung stand er mit ausgebreiteten Armen da oder lag betend auf den nämlichen Steinfliesen, während ein Schwarm von Priestern um ihn her barfuß durch die Gänge wallte, die in ewigem Dämmerlichte schlummerten.
In der Öde seines Lebens sah er Salambo wie eine Blume in der Spalte einer Gruft. Und doch war er streng gegen sie und ersparte ihr keine Buße und kein hartes Wort. Seine Geschlechtslosigkeit schuf zwischen ihr und ihm eine Art von Gleichheit. Er grollte der Jungfrau weniger, weil er sie nie besitzen konnte, als weil er sie so schön und vor allem so rein fand. Oft sah er wohl, wie es ihr schwer fiel, seinen Gedanken zu folgen. Dann ging er tieftraurig von ihr, und dann fühlte er sich ganz verlassen, einsam und leer.
Zuweilen entfuhren ihm seltsame Worte, die vor Salambo aufleuchteten wie gewaltige Blitze, die Abgründe erhellen. Das geschah in den Nächten oben auf dem flachen Dache des Schlosses, wenn sie beide allein die Sterne betrachteten und Karthago tief drunten zu ihren Füßen prangte, mit seinem Golf und dem weiten Meer, das sich im Dunkel der Schatten verlor.
Er dozierte ihr eine Lehre, nach der die Seelen auf dem gleichen Wege zur Erde hinabsteigen, den die Sonne durch die Zeichen des Tierkreises wandelt. Mit ausgestrecktem Arme zeigte er ihr im Widder das Tor des menschlichen Ursprunges und im Steinbock das der Rückkehr zu den Göttern. Salambo bemühte sich, sie zu erkennen, denn sie hielt diese Vorstellung für Wirklichkeit. Bloße Symbole, ja selbst bildliche Ausdrücke nahm sie für wahr an sich. Allerdings war auch dem Priester der Unterschied nicht immer völlig klar.
»Die Seelen der Verstorbenen«, sagte er, »lösen sich im Monde auf wie ihre Körper in der Erde. Ihre Tränen bilden seine Feuchtigkeit. Es ist ein dunkler Ort voller Sümpfe, Trümmer und Stürme.«
Salambo fragte, was dort dermaleinst aus ihr würde. »Zuerst schwindest du dahin, leicht wie ein Hauch, der sich über den Wogen wiegt; und erst nach längeren Prüfungen und Ängsten gehst du ein in das hohe Haus der Sonne, in den Quell der Erkenntnis selbst!«
Von Tanit jedoch sprach er nicht, und zwar--wie Salambo glaubte--aus Scham über das Mißgeschick seiner Göttin. Auch sie sprach immer nur das gewöhnliche Wort »Mond« aus, das nichts weiter bedeutete als bloß das Gestirn, und sie erschöpfte sich in frommen Worten über sein mildes befruchtendes Licht. Schließlich aber rief Schahabarim aus:
»Nein, so ist das nicht! Der Mond erhält all seine Fruchtbarkeit von anderswo! Siehst du denn nicht, wie er um die Sonne schleicht wie ein verliebtes Weib, das einem Manne über das Feld nachläuft?« Und unaufhörlich pries er die Kraft des Sonnenlichtes.
Weit entfernt, ihre mystische Sehnsucht zu ertöten, reizte er sie vielmehr auf. Er schien sogar Vergnügen daran zu finden, Salambo durch die Offenbarung einer unerbittlichen Lehre in Verzweiflung zu stoßen, und sie ging trotz der Schmerzen, die er ihrer Liebe zu Tanit bereitete, eifrig darauf ein.
Je mehr der Oberpriester an Tanit irre wurde, desto mehr gab er sich Mühe, sich doch seinen Glauben an sie zu wahren. In tiefster Seele hielt ihn die Angst vor späterer Reue fest. Er sehnte sich nach einem Beweise, einer Kundgebung der Göttin, und in der Hoffnung, dies zu erringen, ersann er ein Unternehmen, das zugleich sein Vaterland und seinen Glauben retten sollte.
Von nun an begann er vor Salambo den Tempelraub und das Unglück zu beklagen, das davon ausgegangen sei und sich bis in die Weiten des Himmels erstrecke. Jetzt verkündete er ihr auch unvermittelt die Gefahr, in der ihr Vater schwebte, von drei Heeren unter Mathos Führung bedrängt. Matho, der Räuber des heiligen Mantels, war für die Karthager der Herzog der Barbaren. Schahabarim setzte hinzu, daß das Heil der Republik und des Suffeten einzig und allein von Salambo abhänge.
»Von mir?« rief sie aus. »Wie kann ich denn ...?«
Der Priester unterbrach sie mit verächtlichem Lächeln:
»Nie wirst du dich dazu verstehen!«
Sie flehte ihn an. Endlich sagte Schahabarim:
»Du mußt zu den Barbaren gehen und den Zaimph zurückholen!«
Salambo sank auf den Ebenholzschemel und blieb lange, am ganzen Leibe zitternd, mit schlaff zwischen den Knien herabhängenden Armen sitzen, wie ein Opfertier am Fuße des Altars, des Schlages mit der Keule harrend. Die Schläfen summten ihr, sie sah feurige Ringe um sich kreisen und begriff in ihrer Betäubung nur noch das eine: daß sie bald sterben müsse.
Aber wenn Tanit triumphierte! Wenn der Zaimph zurückkäme und Karthago gerettet würde! Was lag dann am Leben eines Weibes!
So dachte Schahabarim. Überdies war es ja möglich, daß sie den Mantel erlangte, ohne dabei umzukommen. Drei Tage kam er nicht zu Salambo. Am Abend des vierten Tages ließ sie ihn rufen.
Um ihren Mut recht zu entflammen, hinterbrachte er ihr alle die Schmähungen, die man im versammelten Rate gegen Hamilkar ausstieß. Er sagte ihr, daß sie schuldig sei, daß sie ihre Sünde sühnen müsse und daß die Göttin dies als Opfer von ihr erheische.
Mehrfach drang lautes Geschrei aus der Straße der Mappalier hinauf nach Megara. Schahabarim und Salambo traten rasch hinaus und hielten von der Galeerentreppe Ausschau.
Auf dem Khamonplatze schrien Volkshaufen nach Waffen. Die Alten weigerten sich, welche zu liefern, da sie dergleichen Versuche für unnütz erachteten. Schon manche wären ohne Führer ausgezogen und hätten den Tod gefunden! Endlich aber erlaubte man den Schreiern, in den Kampf zu gehen, und nun entwurzelten sie, sei es um Moloch eine Art Huldigung darzubringen oder bloß aus ziellosem Zerstörungstriebe, in den Tempelhainen große Zypressen, zündeten sie an den Ampeln der Kabiren an und trugen sie singend durch die Straßen. Diese Riesenfackeln bewegten sich in gemächlichem Hin- und Herwiegen vorwärts und warfen Lichtscheine in die Glaskugeln auf den Tempelfirsten, auf die Schmuckstücke der Kolosse und auf die Schiffsbeschläge. Sie zogen über die Terrassen hin und kreisten wie Sonnen durch die Stadt. Sie kamen die große Treppe von der Akropolis herab. Das Tor von Malka tat sich ihnen auf.
»Bist du bereit?« fragte Schahabarim. »Oder hast du denen da den Auftrag mitgegeben, deinem Vater zu melden, daß du ihn im Stiche lässest?«
Salambo verbarg ihr Gesicht in ihrem Schleier, während sich der Fackelzug entfernte und langsam zum Meeresstrande hinabzog.
Eine vage Angst hielt sie zurück. Sie fühlte Furcht vor Moloch, Furcht vor Matho. Dieser Mann, von Gestalt ein Hüne, der Herr des Zaimphs, hatte jetzt die gleiche Macht über Tanit wie Moloch. Sie sah ihn in der nämlichen Gloriole. Manchmal, sagte sie sich, wohnen die Seelen der Götter in den Leibern von Menschen. Und hatte Schahabarim, als er von Matho sprach, nicht gefordert, daß sie Moloch besiegen solle? Matho und Moloch verschmolzen in ihrem Geist miteinander. Sie verwechselte beide, und beide waren ihre Verfolger.
Sie wollte die Zukunft wissen und ging zu ihrer Schlange. Die Haltung der Schlangen galt als Vorbedeutung. Doch der Korb war leer. Salambo erschrak.
Sie fand das Tier neben ihrem Hängebett. Es hatte sich um einen Pfeiler des silbernen Geländers geringelt und rieb sich daran, um die alte welke Haut abzustreifen, aus der sein heller glänzender Leib schon hervorschimmerte wie ein halb aus der Scheide gezücktes Schwert.
Je mehr sich Salambo in den folgenden Tagen überzeugen ließ, je geneigter sie ward, Tanit zu helfen, um so gesünder und kräftiger ward ihre Schlange. Sie lebte sichtlich wieder auf.
Jetzt war Salambo gewiß, daß Schahabarim den Willen der Götter übermittle. Eines Morgens erwachte sie fest entschlossen und fragte, was sie tun müsse, damit Matho den Mantel zurückgäbe.
»Ihn fordern!« entgegnete Schahabarim.
»Aber wenn er sich weigert?«
Der Priester sah sie starr an, aber mit einem Lächeln, das sie bei ihm noch nie gesehen hatte.
»Ja, was dann?« wiederholte Salambo.
Der Priester spielte mit den Enden der Bänder, die von seiner Tiara auf seine Schultern herabfielen, und stand unbeweglich da, mit gesenktem Blick. Als er aber merkte, daß sie ihn nicht verstand, da sagte er endlich:
»Du wirst mit ihm allein sein!«
»Weiter?« fragte sie.
»Allein in seinem Zelte!«
»Was heißt das?«
Schahabarim biß sich auf die Lippen. Er suchte nach einer Umschreibung, einer Ausflucht.
»Wenn du sterben mußt, so wird das später geschehen!« sprach er. »Später! Fürchte also nichts! Und was er auch beginnt, rufe nicht! Erschrick nicht! Du mußt demütig sein, verstehst du, und seinem Wunsche gefügig, denn das ist ein Gebot des Himmels!«
»Und der Zaimph?«
»Dafür werden die Götter schon sorgen!« entgegnete Schahabarim.
»Kannst du mich nicht begleiten, Vater?«
»Nein!«
Er hieß sie niederknien, drückte die Linke an sich und schwor mit der ausgestreckten Rechten für sie, daß sie den Mantel der Tanit nach Karthago zurückbringen wolle. Unter grauenhaften Formeln weihte er sie den Göttern, und jedes einzelne Wort, das Schahabarim sprach, wiederholte Salambo halb ohnmächtig.
Er schrieb ihr genau die nötigen Reinigungen vor, und wie sie fasten müsse, und wie sie zu Matho gelangen könne. Übrigens solle ein wegekundiger Mann sie begleiten.
Salambo fühlte sich wie erlöst. Sie dachte nur an das Glück, den Zaimph wiederzusehen, und so segnete sie Schahabarim für seine frommen Ermahnungen.
* * * * *
Es war die Zeit, wo die Tauben von Karthago nach Sizilien auf den Berg Eryx zum Tempel der Venus zu ziehen pflegten. Mehrere Tage vor ihrem Aufbruch suchten und riefen sie sich, um sich zu vereinigen. Endlich flogen sie eines Abends fort. Der Wind trieb sie vor sich her, und wie eine große weiße Wolke schwebten sie am Himmel, hoch über dem Meere.
Der Horizont war rot wie Blut. Die Tauben schienen sich allmählich zu den Fluten herabzusenken. Dann verschwanden sie, als wären sie in den Rachen der Sonne hineingestürzt und von ihm verschlungen. Salambo, die ihrem Fortfliegen zusah, ließ den Kopf sinken, und Taanach, die ihren Kummer zu erraten glaubte, sprach sanft zu ihr:
»Sie kehren wieder, Herrin!«
»Ja, ich weiß es.«
»Und du wirst sie wiedersehen!«
»Vielleicht!« versetzte Salambo seufzend.
Sie hatte ihren Entschluß keinem Menschen anvertraut. Um ihn ganz heimlich ausführen zu können, sandte sie Taanach in die Vorstadt Kinisdo, damit sie dort alles einkaufe, dessen sie bedurfte: Zinnober, Parfümerien, einen leinenen Gürtel und neue Gewänder. Sie wollte diese Dinge absichtlich nicht vom Haushofmeister fordern. Die alte Dienerin erstaunte über diese Zurüstungen, wagte aber keine Fragen. So kam der Tag heran, den Schahabarim zum Aufbruche Salambos bestimmt hatte.
Um die zwölfte Stunde bemerkte sie im Sykomorenhaine einen blinden Greis, der sich mit einer Hand auf die Schulter eines vor ihm hinschreitenden Kindes stützte und mit der andern eine Harfe aus schwarzem Holz gegen die Hüfte gepreßt trug. Die Eunuchen, die Sklaven und Dienerinnen waren sorgfältig entfernt worden. Niemand sollte etwas von dem Mysterium erfahren, das sich zu vollziehen begann.