Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago

Chapter 14

Chapter 143,658 wordsPublic domain

Man entwickelte sich zu einer langen geraden Linie, die über die Flügel des punischen Heeres hinausging, um es zu umfassen. Doch als sich beide Heere auf dreihundert Schritt genähert hatten, machten die punischen Elefanten, anstatt weiter vorzurücken, Kehrt. Darauf taten die Klinabaren ein gleiches und gingen ebenfalls rückwärts. Das Erstaunen der Söldner verdoppelte sich aber, als sie auch die feindlichen Schützen zurücklaufen sahen, um wieder zu den andern zu stoßen. Die Karthager hatten also Angst! Sie flohen! Ein ungeheures Hohngeschrei erscholl aus dem Heere der Barbaren, und von seinem Dromedar herab rief Spendius: »Ha, das wußt ich wohl! Vorwärts! Vorwärts!«

Da schwirrten die Pfeile, die Wurfspieße, die Schleuderkugeln alle auf einmal durch die Luft. Die Elefanten, in den Kruppen von Pfeilen getroffen, begannen schneller zu laufen. Dichte Staubmassen hüllten sie ein, und sie verschwanden wie Schatten in einer Wolke.

Indessen vernahm man dahinter ein Dröhnen von Tritten, übertönt von dem gellenden Klang der Trompeten, die wie wütend geblasen wurden. Der Raum, den die Barbaren vor sich hatten, voll von wirbelndem Staub und wildem Gewühl, zog sie an wie ein Strudel. Manch einer rannte hinein. Gepanzerte Massen tauchten auf, fest in sich geschlossen, und gleichzeitig sah man auf den Flügeln das leichte Fußvolk wieder im Laufschritt heranstürmen und Reiterscharen im Galopp der Attacke.

Hamilkar hatte nämlich der Phalanx den Befehl gegeben, die Intervalle zu öffnen und die Elefanten, die Leichtbewaffneten und die Reiterei in ihrer Rückwärtsbewegung durchzulassen. Sie sollten sich alsdann rasch auf die beiden Flügel der Phalanx begeben und diese verlängern. Er hatte den Abstand von den Barbaren so gut berechnet, daß die Karthager in dem Augenblick, wo sie mit ihnen zusammenstießen, ebenfalls eine lange gerade Schlachtlinie bildeten.

In der Mitte starrte die Phalanx in den ihr eigentümlichen Unterabteilungen, das heißt in Karrees, je sechzehn Mann tief und ebenso breit. Die Vorderleute der Rotten standen umstarrt von Lanzenspitzen, die weit über sie vorragten. Die ersten fünf Glieder hielten ihre Lanzen so gefaßt, daß die Spitzen alle in gleicher Höhe zur Wirkung kamen. Die elf hinteren Glieder legten die Lanzen auf die Schultern der vor ihnen stehenden Rotte. Aller Gesichter verschwanden zur Hälfte unter den Helmblenden. Eherne Beinschienen schützten den rechten Schenkel. Die langen halbzylinderischen Schilde reichten bis zu den Knien herab. Das ganze schreckliche Rechteck rückte wie ein einziger Mann vor. Es schien lebendig wie ein Tier und bewegte sich zuverlässig wie eine Maschine. Zwei Elefanten-Schwadronen deckten die Phalanx auf beiden Seiten. Die Tiere schüttelten sich, um die Pfeilsplitter los zu werden, die in ihrer schwarzen Haut stecken blieben. Die Indier hockten auf den Widerristen zwischen weißen Federbüschen und hielten sie mit dem Löffel ihrer Harpunen im Zug, während in den Türmen Schützen, bis an die Schultern gedeckt, große Bogen spannten und eiserne Spindeln, mit brennendem Werg umwickelt, als Pfeile einlegten. Rechts und links von den Elefanten schwärmten die Schleuderer, eine Schleuder um die Hüften geschlungen, eine zweite um den Hals, eine dritte in der rechten Hand. Ihnen schlossen sich die Klinabaren an, jeder einen Neger neben sich. Sie steckten ihre Lanzen zwischen den Ohren ihrer Pferde hindurch, die wie sie in Gold strotzten. Noch weiter nach den Seiten kamen weit ausgeschwärmt die Leichtbewaffneten mit Schilden aus Luchsfell, hinter denen die Spitzen der Wurfspieße hervorsahen, die sie in der Linken trugen. Schließlich bildeten die Tarentiner, die neben ihrem Sattelpferde noch ein Handpferd führten, die beiden Schlußsteine dieser Soldatenmauer.

Das Barbarenheer dagegen hatte seine Schlachtlinie nicht festgeschlossen erhalten können. In ihrer übermäßigen Ausdehnung waren Bogen und Lücken eingetreten. Alles keuchte, atemlos vom Laufen.

Die punische Phalanx setzte sich schwerfällig in Bewegung und machte mit gefällten Lanzen einen Vorstoß im Laufschritt. Unter ihrem wuchtigen Anprall gab die allzu dünne Linie der Söldner alsbald in der Mitte nach.

Jetzt holten die Flügel der Karthager aus, um den Gegner zu umfassen. Die Elefanten folgten ihnen. Die Phalanx aber durchbrach nunmehr durch eine nochmalige Lanzenattacke die Linie der Barbaren. Die beiden langen Hälften wurden nach links und rechts abgedrängt, aber die karthagischen Flügel warfen sie mit ihren Schleuderkugeln, Wurfspießen und Pfeilen gegen die eingedrungene Phalanx zurück. Um den Geschoßangriff abzuschlagen, fehlte es den Barbaren an Reiterei. Die wenige, die da war, zweihundert Numidier, attackierte die auf dem rechten Flügel stehenden Schwadronen der Klinabaren. So war alles festgekeilt, und kein Teil konnte aus den feindlichen Massen loskommen. Die Gefahr war drohend und ein Entschluß dringend notwendig.

Spendius befahl, die Phalanx gleichzeitig auf beiden Flanken anzugreifen, um sie quer zu durchstoßen. Aber die Flügelrotten manöverierten so geschickt, daß die Phalanx sich auch hier gegen die Barbaren wandte, ebenso furchtbar auf den Flanken, wie sie es vorher in der Front gewesen war.

Die Barbaren hieben auf die Schäfte der Lanzen ein, doch die Reiterei störte sie von hinten im Angriff, und die Phalanx, an die Elefanten gelehnt, schloß sich bald zusammen, bald dehnte sie sich wieder aus, bald bildete sie ein Viereck, bald einen Kegel, einen Rhombus, ein Trapez oder eine Pyramide. Eine doppelte Bewegung flutete beständig von der Front nach der Queue. Die nämlich, die in den hintern Gliedern standen, drängten nach vorn, und die vorderen, wenn sie ermüdet oder verwundet waren, zogen sich zurück. Die Barbaren sahen sich gegen die Phalanx gedrückt. Aber auch diese konnte unmöglich vorwärts. Sie glich einem Meer, in dem die roten Federbüsche und die blitzenden Metallschuppen wogten und wallten, und die schimmernden Schilde wie Silberschaum auf und nieder brandeten. Zuweilen stürzten breite Ströme von einem Ende zum andern und fluteten dann wieder zurück, während in der Mitte eine schwarze unbewegliche Masse brodelte. Die Lanzen hoben und senkten sich abwechselnd. Anderswo zuckten blanke Schwerter in so hastiger Bewegung, daß man nur die Spitzen erkannte, und Reiterschwärme brachen durch die Masse, die sich hinter ihnen rasch wieder wirbelnd zusammendrängte.

Durch die Kommandorufe der Hauptleute, die Signale der Trompeten und den schrillen Klang der Leiern pfiffen die Blei- und Tonkugeln, um die Schwerter aus den Händen und das Hirn aus den Schädeln zu schmettern. Verwundete deckten sich mit einem Arm unter ihrem Schild und streckten die Schwerter vor, den Knauf auf den Boden gestemmt. Andre wälzten sich in Blutlachen, um den Gegner in die Fersen zu beißen. Die Masse stand so gedrängt, der Staub war so dicht, das Gewühl so stark, daß man nichts zu unterscheiden vermochte. Feiglinge, die sich ergeben wollten, wurden nicht einmal gehört. Wenn man keine Waffen mehr hatte, rang man Leib an Leib. Die Brustkörbe krachten gegen die Panzer, und Leichname hingen mit zurückgesunkenem Haupt zwischen zwei sie umklammernden Armen. Eine Kompagnie von sechzig Umbriern marschierte festen Tritts, die Lanzen eingelegt, zähneknirschend und unerschütterlich vor und zwang zwei Karrees der Phalanx auf einmal zum Weichen. Epirotische Hirten stürmten gegen die Klinabarenschwadronen des linken Flügels vor, packten die Pferde bei den Mähnen und ließen ihre Stöcke kreisen. Die Tiere warfen ihre Reiter ab und jagten über die Ebene hin. Die ausgeschwärmten punischen Schleuderer standen verblüfft da. Die Phalanx begann zu wanken. Die Hauptleute liefen ratlos umher. Die hinteren Glieder drängten die vorderen aus der Reihe. Die Barbaren aber hatten sich wieder geordnet. Sie griffen von neuem an: der Sieg war ihnen!

Da erscholl ein Geschrei, ein furchtbares Geheul, ein Gebrüll von Schmerz und Wut. Das waren die zweiundsiebzig Elefanten, die in zwei Treffen anstürmten. Hamilkar hatte nur gewartet, bis die Söldner auf einem einzigen Punkt zusammengeknäuelt waren, um sie dann loszulassen. Die Indier hatten die Tiere so gewaltsam gestachelt, daß ihnen das Blut über die breiten Ohren rann. Ihre mit Mennige bestrichenen Rüssel standen senkrecht empor wie rote Schlangen, ihre Brust war mit einem Spieße bewehrt, ihr Rücken gepanzert, ihre Stoßzähne durch eiserne Klingen verlängert, die wie Säbel gekrümmt waren. Um sie wilder zu machen, hatte man sie mit einer Mischung von Pfeffer, Wein und Weihrauch berauscht. Brüllend schüttelten sie ihre Schellenhalsbänder, und die Elefantenführer duckten die Köpfe vor den über sie hinwegschwirrenden Brandpfeilen, die jetzt von den Türmen herabzufliegen begannen.

Um mehr Wucht zu haben, stürzten die Barbaren den Ungetümen in dichten Haufen entgegen. Die Elefanten stürmten ungestüm mitten in sie hinein. Die Spieße an ihrer Brust spalteten wie Schiffsschnäbel die Heerscharen, die in großen Wogen zurückfluteten. Sie erdrückten die Kämpfer mit den Rüsseln oder rissen sie empor und reichten sie über ihre Köpfe hinweg den Soldaten in den Türmen. Mit ihren Stoßzähnen schlitzten sie den Gegnern die Bäuche auf und schleuderten sie hoch in die Luft. Lange Eingeweide hingen an ihren Elfenbeinhauern wie Tauwerk an Masten. Die Barbaren suchten den Tieren die Augen auszustechen oder die Kniekehlen durchzuschneiden. Manche krochen ihnen unter den Bauch, stießen ihnen das Schwert bis zum Heft hinein und wurden dann von ihnen zermalmt. Die Tapfersten klammerten sich an das Riemenzeug und sägten mitten in Flammen, Kugeln und Pfeilen die Gurtung durch, bis der Weidenturm umklappte wie ein Turm aus Stein. Vierzehn Elefanten vom rechten äußersten Flügel, durch ihre Wunden in Wut versetzt, wandten sich um, gegen das zweite Treffen. Da griffen die Indier zu ihren Hämmern, setzten die Meißel auf die Schädeldecken und schlugen mit aller Kraft zu. Die riesigen Tiere brachen zusammen und fielen übereinander. Sie bildeten Berge. Auf solch einem Haufen von Kadavern und Rüstzeug lag ein ungeheurer Elefant, »Zorn Baals« genannt, die Beine in Ketten verstrickt, einen Pfeil im Auge. Er brüllte bis zum Abend.

Wie Eroberer, die sich an der Vernichtung weiden, zermalmten, zerstampften und zertrümmerten die übrigen Tiere alles und ließen ihren Zorn an den Toten und Überbleibseln aus. Um die Reihen von Soldaten zurückzudrängen, von denen die Kolosse umringt wurden, drehten sie sich auf den Hinterfüßen in einem fort im Kreise herum, wobei sie immer vorwärts zu kommen verstanden. Die Karthager fühlten sich wieder stark und frisch, und die Schlacht begann von neuem.

Die Barbaren ermatteten. Von den griechischen Schwerbewaffneten warf ein Teil die Waffen weg. Schrecken ergriff die übrigen. Man sah Spendius, auf seinem Dromedar hockend, wie er es an den Schultern mit zwei Speeren anstachelte. Da stürzte alles nach den Flügeln und eilte auf Utika zu.

Die Klinabaren, deren Pferde erschöpft waren, machten keinen Versuch, die Söldner zu verfolgen. Die Ligurer, von Durst verzehrt, schrien und wollten nach dem Flusse. Nur die Karthager, die in der Mitte der Karrees gestanden und weniger auszuhalten gehabt hatten, stampften vor Begier, weil ihnen die Gelegenheit zur Rache zu entgehen drohte. Schon machten sie sich zur Verfolgung der Söldner auf,--da erschien Hamilkar.

Er hielt sein schweißbedecktes, getigertes Pferd an silberbeschlagenen Zügeln. Die an den Hörnern seines Helmes flatternden Bänder wehten hinter ihm im Winde. Seinen ovalen Schild hatte er unter den linken Schenkel geschoben. Mit einem Zeichen seiner dreizackigen Lanze gebot er dem Heere Halt.

Die Tarentiner sprangen schnell von den Sattelpferden auf ihre Handpferde und galoppierten in verschiedenen Richtungen nach der Stadt und nach dem Flusse zu.

Die Phalanx vernichtete gemächlich alles, was von den Barbaren noch übrig war. Gegnerischen Schwertern nah, hielten die Söldner die Kehle hin und schlossen die Augen. Andre verteidigten sich verzweifelt. Man warf sie aus der Ferne mit Steinen tot wie tolle Hunde. Hamilkar hatte befohlen, Gefangene zu machen. Doch die Karthager gehorchten ihm nur mit Groll. Es gewährte ihnen Vergnügen, ihre Schwerter in die Leiber der Barbaren zu stoßen. Da es ihnen zu heiß wurde, begannen sie, wie Schnitter, mit entblößten Armen zu arbeiten. Wenn sie innehielten, um Atem zu schöpfen, folgten sie mit den Augen den Reitern, die in der Ebene hinter Söldnern herjagten, und sahen zu, wie es ihnen gelang, die Flüchtlinge bei den Haaren zu packen, wie sie sie eine Zeitlang festhielten und dann mit Axthieben niederschlugen.

Die Nacht brach an. Karthager wie Barbaren waren verschwunden. Flüchtige Elefanten jagten am Horizont mit brennenden Türmen umher. Da und dort leuchteten sie durch die Finsternis wie halb im Nebel verlorene Blinkfeuer. In der weiten Ebene bemerkte man keine andre Bewegung als das Wogen des Flusses, der durch die vielen Leichen geschwollen war, die er dem Meere zutrug.

* * * * *

Zwei Stunden später kam Matho an. Beim Schein der Sterne sah er lange, unregelmäßige Haufen auf dem Boden liegen.

Es waren die Reihen der Barbaren. Er bückte sich. Sie waren alle tot. Er rief. Keine Stimme gab ihm Antwort.

Er hatte am nämlichen Morgen mit seinen Truppen Hippo-Diarrhyt verlassen, um gegen Karthago zu marschieren. Als er Utika erreichte, war das Heer des Spendius bereits abgezogen, und die Einwohner waren eben dabei, die Belagerungsmaschinen zu verbrennen. Man hatte sich auf beiden Seiten mit Erbitterung geschlagen. Doch als das Getöse, das man in der Richtung auf die Brücke hörte, in unbegreiflicher Weise zunahm, war Matho auf dem kürzesten Wege über die Berge geeilt. Niemand begegnete ihm, da die Barbaren in die Ebene flohen.

Vor ihm im Dunkel erhoben sich kleine pyramidenartige Massen, und diesseits des Flusses, noch näher, brannten dicht über dem Boden unbewegliche Lichter. Die Karthager hatten sich hinter die Brücke zurückgezogen. Um die Barbaren jedoch zu täuschen, hatte der Suffet zahlreiche Wachtposten am linken Ufer aufgestellt.

Matho schritt weiter. Er glaubte punische Feldzeichen zu erkennen. Es waren regungslose Pferdeköpfe auf den Spitzen von Lanzenpyramiden, die er undeutlich sah. In der Ferne hörte er starken Lärm, laute Lieder und Becherklang.

Er wußte nicht, wo er war, noch wo er Spendius finden könne. Von Angst befallen, verwirrt und im Dunkel verloren, kehrte er in noch größerer Hast auf demselben Wege zurück. Der Morgen graute, als er von der Berghöhe Utika erblickte, davor die Gerippe der vom Feuer geschwärzten Belagerungsmaschinen, die wie Riesenskelette an den Stadtmauern lehnten, und südlicher das Söldnerlager.

Alles ruhte in seltsamer Stille und Ermattung. Zwischen den Soldaten, dicht an den Zelten, schliefen halbnackte Männer, auf dem Rücken liegend oder die Stirn auf den Arm gelegt, der auf ihrem Panzer ruhte. Einige wickelten blutige Binden von ihren Beinen. Sterbende rollten sacht den Kopf. Andre schleppten sich umher und brachten ihnen zu trinken. In den engen Lagergassen gingen die Posten auf und ab, um sich zu erwärmen, oder sie standen mit der Lanze an der Schulter in trotziger Haltung da, die Augen nach dem Horizont gerichtet. Matho fand Spendius unter einer zerrissenen Leinwand, die über zwei in die Erde gerammten Stöcke gespannt war. Er saß da, die Hände um die Knie geschlungen, mit gesenktem Haupte.

Lange verharrten beide in Stillschweigen.

Endlich murmelte Matho: »Besiegt!«

»Ja, besiegt!« wiederholte Spendius dumpf.

Auf alle weiteren Fragen antwortete er nur mit verzweifelten Gebärden.

Stöhnen und Röcheln drang bis zu ihnen. Matho schlug die Leinwand zurück. Der Anblick der Soldaten gemahnte ihn an ein andres Unglück an nämlicher Stätte, und zähneknirschend rief er aus:

»Elender! Schon einmal ...«

»Damals warst du auch nicht da!« unterbrach ihn Spendius.

»Ein Fluch lastet auf mir!« klagte Matho. »Aber am Ende werd ich ihn doch erreichen! Ihn besiegen! Ihn töten! Ach, wär ich dagewesen!«

Der Gedanke, die Schlacht verfehlt zu haben, erbitterte ihn noch mehr als die Niederlage an sich. Er riß sein Schwert ab und schleuderte es zu Boden.

»Aber wie, auf welche Weise haben die Karthager euch geschlagen?«

Der ehemalige Sklave begann den taktischen Hergang der Schlacht zu erzählen. Matho sah im Geiste alles vor sich und geriet in große Aufregung. Das Heer, das vor Utika lag, hätte Hamilkar in den Rücken fallen müssen, statt zur Brücke zu eilen, meinte er.

»Ach, ich weiß es wohl,« gab Spendius zu.

»Du hättest deine Schlachtstellung noch einmal so tief nehmen müssen! Die Leichtbewaffneten nicht gerade gegen die Phalanx führen! Und Lücken für die Elefanten offen halten! Noch im letzten Moment wäre alles wieder zu gewinnen gewesen! Nichts zwang zur Flucht!«

Spendius entgegnete:

»Ich sah ihn in seinem roten Mantel mit erhobenem Arm aus dem Staub emporragen. Wie ein Adler flog er an den Flanken der Bataillone hin. Bei jedem Winke seines Hauptes ballten sie sich zusammen oder dehnten sich aus. Das Gewühl brachte uns nahe aneinander. Er hat mich angeblickt und mir war zumute, als dränge mir kalter Stahl ins Herz!«

»Sollte er sich den Tag ausgesucht haben?« dachte Matho bei sich.

Sie erörterten beide, was den Suffeten gerade unter den ungünstigsten Umständen herbeigeführt haben könnte. Dann kamen sie auf die Kriegslage zu sprechen. Spendius, der seinen Fehler beschönigen oder sich selber ermutigen wollte, behauptete, es sei immer noch Hoffnung.

»Und wenn auch keine mehr bliebe, was tut's!« rief Matho. »Ich ganz allein werde den Krieg fortsetzen!«

»Und ich gleichfalls!« schrie der Grieche und sprang auf. Mit großen Schritten ging er auf und ab. Seine Augen blitzten, und ein seltsames Lächeln verzog sein Schakalgesicht.

»Wir werden wieder von vorn anfangen. Verlaß mich nur nicht wieder! Ich habe kein Geschick für die offnen Feldschlachten. Der Glanz der Schwerter trübt meinen Blick. Das ist krankhaft an mir. Ich habe zu lange im Kerker gelebt. Aber gib mir bei Nacht Mauern zu ersteigen, und ich will in die Festungen eindringen und die Insassen sollen kalt sein, ehe noch die Hähne krähen! Zeig mir ein Wesen, eine Sache, einen Feind, einen Schatz, ein Weib ...«, er wiederholte: »_ein Weib_, und wäre sie eine Königstochter,--ich bringe dir schleunigst, was du begehrst, und leg es dir zu Füßen! Du wirfst mir vor, daß ich die Schlacht gegen Hanno verloren hätte. Aber ich habe sie ja dann doch wiedergewonnen! Gesteh nur, meine brennenden Schweine haben uns mehr genützt als die spartanische Phalanx!« Und indem er dem Bedürfnis nachgab, sich herauszustreichen und Rache zu üben, zählte er alles auf, was er für die Sache der Söldner getan hatte. »Ich war's, der in den Gärten des Suffeten den Gallier antrieb! Dann, in Sikka, habe ich sie mit der Furcht vor der Republik toll gemacht! Gisgo leuchtete ihnen heim,--ich ließ die Dolmetscher gar nicht zu Worte kommen! Ha, wie ihnen die Zungen aus dem Halse hingen! Entsinnst du dich noch? Ich habe dich nach Karthago hineingebracht! Ich habe den Zaimph geraubt! Ich habe dich zu _ihr_ geführt. Und ich werde noch mehr tun! Du sollst sehen!«

Er brach in ein tolles Gelächter aus.

Matho blickte ihn mit großen Augen an. Er empfand Grauen vor diesem Manne, der so feig und dabei so schrecklich war.

Der Grieche schnippte mit den Fingern und fuhr in heiterem Tone fort:

»Evoe! Auf Regen folgt Sonnenschein! Ich hab in den Steinbrüchen Fronarbeit getan und unter goldnem Sonnendache auf einem Schiffe, das mein war, Massiker geschlürft wie ein Ptolemäer. Unglück hat den Zweck, uns schlauer zu machen. Das Glück will überlistet werden. Es liebt die Schlauköpfe. Es läßt sich fangen!«

Er trat auf Matho zu und faßte ihn am Arme.

»Herr, jetzt sind die Karthager ihres Sieges sicher. Du hast ein ganzes Heer, das noch nicht gekämpft hat. Deine Leute gehorchen dir! Stelle sie in das Vortreffen! Die meinen werden folgen, um Rache zu nehmen. Ich habe noch dreitausend Karier, zwölfhundert Schleuderer und Bogenschützen, ganze Kompagnien. Man kann sogar eine Phalanx formieren. Kehren wir um!«

Matho, durch das Unglück betäubt, war bis jetzt noch nicht zu der Überlegung gekommen, wie er es vielleicht wieder gutmachen könne. Er hörte mit offenem Munde zu, und die Erzschuppen, die seine Brust umspannten, drohten unter den Schlägen seines Herzens zu zerspringen. Er hob sein Schwert auf und rief:

»Folge mir! Vorwärts!«

Doch die Aufklärer meldeten bei ihrer Rückkehr, daß die Toten der Karthager fortgeschafft, die Brücke zerstört und Hamilkar verschwunden sei.

IX

Im Felde

Hamilkar hatte geglaubt, die Söldner würden ihn entweder vor Utika erwarten oder gegen ihn vorrücken. Aber da er seine Streitkräfte weder zum Angriff noch zur Verteidigung für ausreichend schätzte, war er auf dem rechten Ufer des Flusses nach Süden marschiert, was ihn vor einem unmittelbaren Überfalle sicherte.

Er wollte zunächst die afrikanischen Stämme der Sache der Barbaren abspenstig machen, indem er ihnen ihren Abfall stillschweigend verzieh. Später freilich, wenn sie wieder isoliert dastanden, wollte er einzeln über sie herfallen und sie vernichten.

In vierzehn Tagen beruhigte er die Gegend zwischen Thukkaber und Utika mit den Städten Tignikabah, Tessurah, Vakka und andern Orten weiter im Westen. Das in den Bergen liegende Zunghar, das durch seinen Tempel berühmte Assuras, das wacholderreiche Djeraado, Thapitis und Hagur schickten ihm Gesandte. Die Landleute kamen mit Lebensmitteln, baten ihn um Schutz, küßten ihm und seinen Soldaten die Füße und beklagten sich über die Barbaren. Einige brachten ihm in Säcken die Köpfe von Söldnern, die sie angeblich getötet hatten. In Wahrheit hatten sie nur Tote geköpft. Viele von den Barbaren hatten sich nämlich auf der Flucht verirrt, und so fand man hier und da unter den Ölbäumen und in den Vignen ihre Leichname.

Um dem Volk etwas vorzugaukeln, hatte Hamilkar am Tage nach dem Siege die zweitausend Gefangenen, die man auf dem Schlachtfelde gemacht hatte, nach Karthago gesandt. Sie kamen in langen Kolonnen zu je hundert Mann an, die Arme auf dem Rücken an ihnen hinten aufgebundene Eisenstangen gefesselt. Sogar die Verwundeten mußten blutend mitlaufen. Reiter hinter ihnen trieben sie mit Peitschenhieben vorwärts.

Ein Freudentaumel brach aus. Man wiederholte sich immerfort, daß sechstausend Barbaren gefallen waren, daß die andern nicht Widerstand leisten könnten, daß also der Krieg beendet sei. Man umarmte einander auf den Straßen und rieb die Gesichter der Kabirenstandbilder mit Butter und Zimt ein, um ihnen zu danken. Es sah aus, als ob sie mit ihren Glotzaugen, ihren dicken Bäuchen und den bis zu den Schultern erhobenen Armen unter der frischen Bemalung Leben gewönnen und an dem Jubel des Volkes teilnähmen. Die Patrizier öffneten ihre Paläste. Die Stadt hallte wider vom Rasseln der Tamburine. Die Tempel waren allnächtlich erleuchtet, und die Hetären der Göttin zogen nach Malka hinunter und errichteten an den Straßenecken Bühnen aus Sykomorenholz, auf denen sie sich preisgaben. Man bewilligte Ländereien für die Sieger, Brandopfer für Melkarth und dreihundert Goldkronen für den Suffeten. Obendrein stellten seine Anhänger den Antrag, ihm neue Würden und Vorrechte zu verleihen.

Er hatte die Alten ersucht, Verhandlungen mit Autarit anzuknüpfen, um den alten Gisgo und die mit ihm in Gefangenschaft geratenen Karthager gegen gefangene Barbaren auszutauschen und zwar, wenn es nicht anders ginge, sollten alle ausgeliefert werden. Die Libyer und Nomaden, aus denen Autarits Heer bestand, hatten aber nur wenig Zusammenhang mit den gefangenen Söldnern, die von italischer oder griechischer Abkunft waren. Und da die Republik ihnen so viele Söldner für so wenige Karthager anbot, so mußten offenbar die einen nichts, die andern aber sehr viel wert sein. Sie fürchteten eine Falle, und Autarit lehnte das Angebot ab.