Salambo: Ein Roman aus Alt-Karthago
Chapter 13
Dann wurden die Verurteilten mit dem Gesicht gegen die Sonne, gegen Moloch den Verzehrer, auf den Bauch oder Rücken hingestreckt, die mit Geißelung Bestraften aber aufrecht an Bäume gebunden und neben ihnen je zwei Männer aufgestellt, einer, der die Schläge zählte, und einer, der zuschlug.
Er bediente sich beider Arme. Die Riemen pfiffen und rissen die Rinde von den Platanen. Das Blut spritzte wie Regen auf die Blätter, und rote Fleischmassen wanden sich heulend am Fuße der Bäume. Die, denen Ketten angeschmiedet wurden, zerfetzten sich das Gesicht mit ihren Nägeln. Man hörte die Holzschrauben krachen. Dumpfe Schläge schallten. Bisweilen gellte ein schriller Schrei durch die Luft. In der Nähe der Küchen kauerten Männer zwischen zerfetzten Kleidungsstücken und abgerissenen Haaren und schürten mit Fächern die Kohlen. Geruch von verbranntem Fleische stieg empor. Die Gegeißelten brachen zusammen, doch die Stricke an ihren Armen hielten sie hoch. Sie schlossen die Augen und ließen die Köpfe von einer Schulter zur andern fallen. Die übrigen, die noch zusahen, begannen vor Entsetzen zu schreien, und die Löwen, die sich vielleicht des Festtages erinnerten, reckten sich gähnend hinauf zum Rand ihrer Gruben.
Da erblickte man Salambo oben auf ihrer Terrasse. Sie lief vor Entsetzen hin und her. Hamilkar bemerkte sie. Es schien ihm, als ob sie die Arme gegen ihn ausstreckte, um seine Gnade zu erbitten. Mit einer Gebärde des Abscheus wandte er sich nach dem Tierpark.
Die Elefanten waren der Stolz der vornehmen punischen Häuser. Sie hatten die Vorfahren getragen, in den Schlachten gesiegt, und man verehrte sie als Lieblinge der Sonne. Die von Megara waren die stärksten in Karthago. Vor seiner Abreise hatte Hamilkar Abdalonim schwören lassen, daß er sie auf das beste behüten wolle. Doch die meisten waren an ihren Verstümmelungen eingegangen, und nur drei lagen noch in der Mitte des Hofes im Sande vor ihren zertrümmerten Krippen.
Sie erkannten den Suffeten und kamen auf ihn zu.
Dem einen waren die Ohren fürchterlich zerschlitzt, der andre hatte am Knie eine breite Wunde, dem dritten war der Rüssel abgehauen. Die Tiere blickten ihren Herrn traurig wie denkende Wesen an, und der eine, der keinen Rüssel mehr hatte, versuchte, indem er die Knie beugte und seinen riesigen Kopf herabneigte, ihn mit dem Stumpf seines Rüssels zu streicheln.
Bei dieser Liebkosung des Tieres traten Hamilkar Tränen in die Augen. Er stürzte auf Abdalonim los.
»Ha! Elender! Ans Kreuz! Ans Kreuz!«
Ohnmächtig fiel Abdalonim nach rückwärts zu Boden.
Hinter der Purpurfabrik, aus der blauer Rauch langsam zum Himmel schmauchte, ertönte ein Schakalschrei. Hamilkar blieb stehen.
Der Gedanke an seinen Sohn hatte ihn plötzlich beruhigt, als ob ihn ein Gott berührt hätte. In ihm glaubte Hamilkar seine eignen Kräfte fortlebend, sein Ich ins Unbegrenzte weiterdauernd. Die Sklaven begriffen freilich nicht, warum er mit einem Male besänftigt war.
Auf dem Wege nach der Purpurfabrik kam er am Gefängnis vorüber, einem langen Gebäude aus schwarzen Steinen, das in einer großen viereckigen Grube erbaut war. Ringsum lief ein kleiner Steg mit Treppen an den vier Ecken.
Iddibal wartete offenbar die Nacht ab, ehe er das entscheidende Zeichen gab.
»Noch hab ich Zeit!« dachte Hamilkar und stieg in den Kerker hinab.
»Kehre um!« riefen ihm einige zu. Die Beherztesten folgten ihm.
Der Wind spielte mit der offenen Tür. Durch die engen Fenster lugte das Abendrot. Man sah im Innern zerbrochene Ketten an den Wänden hängen.
Das war von den Kriegsgefangenen übrig geblieben!
Da wurde Hamilkar totenbleich, und seine Begleiter, die sich von draußen über die Grube neigten, sahen, wie er sich mit der Hand an die Mauer stützte, um nicht umzufallen.
Der Schakal schrie dreimal hintereinander. Hamilkar blickte auf. Er sprach kein Wort, machte keine Gebärde.
Als die Sonne völlig untergegangen war, verschwand er hinter der Kaktushecke. Am Abend, in der Versammlung der Patrizier im Eschmuntempel, erklärte er beim Eintreten:
»Von den Göttern Erleuchtete! Ich nehme den Oberbefehl unsrer Armee gegen das Heer der Barbaren an!«
VIII
Die Schlacht am Makar
Schon am folgenden Tage entnahm Hamilkar den Syssitien anderthalb Millionen Mark in Gold und legte jedem Mitgliede der dreihundert Patriziergeschlechter eine Kopfsteuer von zehn Talern auf. Selbst die Frauen und Kinder wurden besteuert. Ja, die Priesterschaften--etwas Unerhörtes nach karthagischer Sitte--zwang er, Geld herzugeben.
Er beschlagnahmte alle Pferde, alle Maultiere, alle Waffen. Manche wollten ihren Reichtum verheimlichen: ihre Güter wurden einfach verkauft. Um den Geiz der andern einzuschüchtern, lieferte er selber sechzig Rüstungen und siebenhundertundfünfzig Metzen Mehl. Das war allein soviel, wie die Elfenbeingesellschaft zu geben hatte.
Er sandte Bevollmächtigte nach Ligurien, um Söldner anzuwerben: dreitausend Bergbewohner, die mit Bären zu kämpfen gewohnt waren. Man zahlte ihnen im voraus auf sechs Monate den Sold.
Man brauchte unbedingt ein Heer. Gleichwohl nahm er nicht, wie Hanno, jeden Bürger an. Zunächst wies er alle Leute mit sitzender Lebensweise zurück, ferner solche, die einen dicken Bauch oder ein ängstliches Aussehen hatten. Dagegen nahm er Ehrlose, Vagabunden aus Malka, Barbarenabkömmlinge und Freigelassene. Den Neukarthagern versprach er als Belohnung das volle Bürgerrecht.
Seine erste Sorge war die Erneuerung der Garde. Diese Truppe von schönen jungen Männern, die sich für die kriegerische Blüte der Republik hielt, wählte sich ihre Führer selbst. Er verabschiedete ihre bisherigen Offiziere und faßte die Mannschaft hart an, ließ sie laufen, springen, in einem Atem den Abhang des Burgbergs erklettern, Speere werfen, ringen und nachts auf den öffentlichen Plätzen biwakieren. Ihre Angehörigen kamen sie besuchen und beklagten sie.
Er rüstete die Garde mit kürzeren Schwertern und stärkerem Schuhwerk aus, beschränkte die Zahl der Burschen und das Gepäck. Im Molochtempel bewahrte man dreihundert römische Lanzen. Er nahm sie trotz des Einspruchs des Oberpriesters.
Aus den Elefanten, die bei Utika entkommen waren, und andern aus Privatbesitz bildete er ein Regiment von zweiundsiebzig Tieren, die er bis an die Zähne bewaffnete. Ihre Führer rüstete er mit Hammern und Meißeln aus, damit sie nötigenfalls im Handgemenge wütend gewordenen Tieren die Schädel spalten konnten.
Er gestattete dem Großen Rat nicht, die Unterführer zu ernennen. Die Alten versuchten, ihm die Gesetze entgegenzuhalten, aber er ging nicht darauf ein. Da wagte man nicht mehr zu murren. Alles beugte sich der Gewalt seines Geistes.
Er übernahm ganz selbständig Krieg, Verwaltung und Finanzen. Um Beschwerden vorzubeugen, forderte er den Suffeten Hanno zum Nachprüfen der Rechnungen auf.
Er ließ an den Wällen arbeiten und, um Steine zu bekommen, die längst zwecklos gewordenen alten Binnenmauern niederreißen. Der Unterschied im Vermögen, der an Stelle der Rassenvorherrschaft getreten war, hielt die Söhne der Eroberer und der Besiegten auch weiterhin getrennt. Deshalb sahen die Patrizier die Zerstörung der alten, schon halbzerfallenen Mauern mit scheelen Augen an, während sich das Volk darüber freute, ohne recht zu wissen warum.
Die Truppen zogen vom Morgen bis zum Abend in voller Bewaffnung durch die Straßen. Aller Augenblicke vernahm man Trompetensignale. Wagen mit Schilden, Zelten und Lanzen fuhren vorüber. Die Höfe waren voller Weiber, die Leinwand zupften. Der Eifer der einen teilte sich den andern mit. Hamilkars Geist beseelte die Republik. Er hatte seine Soldaten in gradzahlige Glieder abgeteilt und Sorge getragen, daß in den Langreihen abwechselnd immer ein Starker neben einem Schwachen stand, so daß der Minderkräftige oder Feigere stets von zwei Tüchtigen geführt und mit vorwärts gebracht wurde. Mit seinen dreitausend Ligurern und der Elite der Karthager konnte er freilich nur eine einfache Phalanx von viertausendsechsundneunzig Gepanzerten bilden, die eherne Helme trugen und mit einundzwanzig Fuß langen Lanzen aus Eschenholz, sogenannten Sarissen, bewaffnet waren.
Zweitausend junge Leute waren mit Schleudern, Dolchen und Sandalen ausgerüstet. Er verstärkte sie durch achthundert andre, die Rundschilde und Römerschwerter bekamen.
Die schwere Reiterei bestand aus neunzehnhundert Mann, dem Reste der Garde. Sie waren wie die assyrischen Klinabaren mit vergoldeten Erzschienen gepanzert. Ferner hatte er über vierhundert berittene Bogenschützen, die man Tarentiner nannte, mit Mützen aus Wieselfell, Doppeläxten und Lederwamsen. Endlich sollten zwölfhundert Neger aus dem Karawanenviertel, unter die Klinabaren verteilt, neben den Pferden herlaufen, indem sie sich mit der Hand an den Mähnen festhielten. Alles war marschbereit, und dennoch rückte Hamilkar nicht aus.
Oft verließ er Karthago nachts ganz allein und wagte sich über die Lagune hinaus bis zur Mündung des Makar. Suchte er mit den Söldnern Fühlung? Die Ligurer, die in der Straße der Mappalier lagen, schützten sein Haus.
Die Befürchtungen der Patrizier schienen gerechtfertigt, als man eines Tages dreihundert Barbaren den Mauern näher kommen sah. Der Suffet öffnete ihnen die Tore. Es waren Überläufer. Sie kehrten zu ihrem General zurück, von Furcht oder Treue getrieben.
Hamilkars Rückkehr hatte die Söldner keineswegs überrascht. Dieser Mann konnte in ihrer Vorstellung überhaupt nicht sterben. Er kehrte endlich zurück, um sein Versprechen zu erfüllen. Das war eine Hoffnung, die nichts Widersinniges hatte. So tief war die Kluft zwischen Volk und Heer. Überdies war man sich keiner Schuld bewußt. Das Gelage hatte man vergessen.
Aufgegriffene Spione belehrten die Barbaren eines andern. Das war ein Triumph für die Unzufriednen, und sogar die Lauen wurden wütend. Dazu kam, daß die beiden Belagerungen höchst langweilig wurden. Man brachte es nicht vorwärts. Eine Schlacht war vonnöten. Viele hatten sich vom Heere getrennt und durchstreiften das Land. Bei der Kunde von den Rüstungen der Karthager kehrten sie zurück. Matho tanzte vor Freude. »Endlich! endlich!« rief er aus.
Der Groll, den er gegen Salambo hegte, wandte sich nun gegen Hamilkar. Jetzt sah sein Haß ein bestimmtes Opfer vor sich. Und da seine Rachgier vielleicht doch Befriedigung finden konnte, so wähnte er die Beute schon in seinen Händen und weidete sich bereits an ihr. Gleichzeitig ward er von immer größerer Sehnsucht ergriffen, von immer heftigerer Begierde verzehrt. Bald sah er sich inmitten seiner Soldaten, wie er den Kopf des Suffeten auf einer Pike durch die Luft schwenkte, bald im Schlafgemache auf dem Purpurbette, wo er die Jungfrau an sich drückte, ihr Gesicht mit Küssen bedeckte und mit den Händen über ihr langes schwarzes Haar strich. Er wußte, daß dieser Traum nie Wirklichkeit werden konnte. Das peinigte ihn. Seine Kameraden hatten ihn zum Schalischim ernannt, und so schwor er sich, den Krieg auf das beste zu leiten. Die Überzeugung, daß er daraus nicht zurückkehren würde, reizte ihn dazu, ihn erbarmungslos führen zu wollen.
Er kam zu Spendius und sprach zu ihm:
»Nimm deine Leute zusammen! Ich werde die meinen herbeiführen! Benachrichtige Autarit! Wir sind verloren, wenn Hamilkar uns angreift! Verstehst du mich? Steh auf!«
Spendius war über dieses gebieterische Gebaren verblüfft. Matho ließ sich gewöhnlich leicht leiten, und wenn er zuweilen auch heftig erregt gewesen war, so war dieser Zustand stets schnell wieder vergangen. Jetzt erschien er ruhig, aber doch unheimlich. Aus seinen Augen loderte ein stolzer Wille, gleich der Flamme eines Opferfeuers.
Der Grieche hörte nicht auf seine Vorstellungen. Er wohnte jetzt in einem perlenbesetzten Punierzelte, trank kühle Getränke aus Silberbechern, spielte Kottabos, ließ sein Haar wachsen und leitete die Belagerung mit Muße. Übrigens hatte er geheime Verbindungen in der Stadt angeknüpft. Er dachte gar nicht daran, abzurücken, überzeugt, daß man ihm in wenigen Tagen die Tore öffnete.
Naravas, der zwischen den drei Heeren Streifzüge machte, befand sich gerade bei ihm. Er unterstützte seine Meinung, ja, er tadelte den Libyer, daß er den Feldzugsplan aus Tollkühnheit aufgeben wolle.
»Geh nur wieder, wenn du Furcht hast!« schrie ihn Matho an. »Du hast uns Pech, Schwefel, Elefanten, Fußvolk und Pferde versprochen! Wo sind sie?«
Naravas erinnerte ihn daran, daß er Hannos letzte Kompagnien vernichtet hatte. Was die Elefanten anbelange, so jage man zurzeit in den Wäldern danach. Das Fußvolk würde mobil gemacht. Die Pferde seien unterwegs.
Dabei rollte der Numidier seine Augen wie ein Weib, streichelte die Straußenfedern, die ihm auf die Schultern herabwallten, und lächelte in verletzender Weise. Matho wußte ihm nichts zu antworten.
Da trat ein unbekannter Mann in das Zelt, schweißbedeckt, mit verstörter Miene, blutenden Füßen und offenem Gürtel, ganz außer Atem. Seine mageren Flanken schlugen. In unverständlicher Mundart berichtete er etwas. Dabei riß er die Augen weit auf, als ob er von einer Schlacht erzähle. Der Numidierfürst stürzte hinaus und rief seine Reiter.
Sie ordneten sich in der Ebene in einem Kreis um ihn herum. Naravas bestieg sein Pferd. Gesenkten Hauptes starrte er vor sich hin und biß sich auf die Lippen. Endlich teilte er seine Mannschaft in zwei Hälften und gebot der einen, zu bleiben. Der andern gab er mit herrischer Gebärde das Zeichen zum Galopp, und bald war er in der Richtung nach den Bergen am Horizont verschwunden.
»Herr,« murmelte Spendius, »ich liebe solch unerwartete Zufälle nicht! Hamilkar kehrt zurück, Naravas verläßt uns ...«
»Was tut das?« versetzte Matho verächtlich.
Es war ein Grund mehr, Hamilkar durch eine Vereinigung mit Autarit zuvorzukommen! Doch wenn man die Belagerungen jetzt aufhob, kamen die Einwohner wahrscheinlich aus ihren Städten heraus und fielen ihnen in den Rücken, während man die Karthager vor der Front hatte. Nach vielem Hin- und Herreden wurden folgende Maßregeln beschlossen und unverzüglich ausgeführt.
Spendius rückte mit fünfzehntausend Mann bis zur Makarbrücke, zwölf Kilometer vor Utika. Die Brücke war durch ein Kastell gedeckt. Es wurde durch Schanzen verstärkt und mit vier großen Geschützen besetzt. Alle Wege und Pässe in den Bergen dicht südlich des Makar wurden durch Baumstämme, Felsblöcke, Heckenhindernisse und Steinwälle gesperrt. Auf den Berggipfeln wurde Heu gehäuft, um Signalfeuer anzünden zu können, und in großen Abständen stellte man Hirten, die besonders gute Augen hatten, als Beobachtungsposten auf.
Ohne Zweifel war Hamilkars Vormarsch nicht wie der Hannos über den Berg der Heißen Wasser zu erwarten. Er mußte sich sagen, daß ihm Autarit als Beherrscher des Binnenlandes den Weg verlegen würde. Auch mußte ihn eine Niederlage zu Beginn des Feldzuges vernichten, während eine Scharte bald wieder auszuwetzen war, wenn die Söldner erst weiter entfernt standen. Er konnte allerdings auch am Vorgebirge der Trauben landen und von da gegen eine der beiden Städte vorrücken. Dann aber kam er zwischen die beiden Belagerungsheere. Allerdings war er dieser Unvorsichtigkeit bei seinen geringen Streitkräften kaum fähig. Folglich mußte er dicht südlich der arianischen Berge hinmarschieren, dann nach links schwenken, um nicht in das Morastgebiet des Makar zu geraten, und gerade auf die Brücke losgehen. Dort wollte ihn Matho erwarten.
Nachts bei Fackelschein überwachte er die Erdarbeiten. Er eilte nach Hippo-Diarrhyt, besichtigte die Arbeiten im Gebirge, kam zurück und ruhte keinen Augenblick. Spendius beneidete ihn um seine Kraft. Alles, was die Aussendung von Aufklärern und Spionen, die Wahl der Vorpostenstellungen, den Bau von Maschinen und sonstige Verteidigungsmaßregeln betraf, überließ Matho willig seinem Gefährten. Von Salambo sprachen beide nicht mehr. Der eine dachte nicht an sie, und den andern machte eine Art Scham schweigsam.
Oft unternahm Matho Wanderungen in der Richtung nach Karthago, in der Hoffnung, Hamilkars Annäherung zu erspähen. Mit starrem Blicke schaute er nach dem Horizont, oder er legte sich flach auf den Boden und wähnte, in den Schlägen seines Pulses den Anmarsch eines Heeres zu vernehmen.
Er erklärte Spendius, wenn Hamilkar nicht binnen dreier Tage erscheine, würde er ihm mit seiner ganzen Mannschaft entgegenrücken und ihm die Schlacht anbieten. Zwei Tage verstrichen darüber hinaus. Spendius hielt ihn zurück. Am Morgen des sechsten aber brach Matho auf.
* * * * *
Die Karthager waren nicht weniger auf eine Schlacht erpicht als die Barbaren. In den Zelten und in den Häusern herrschte der gleiche Wunsch, die gleiche Besorgnis. Jedermann fragte sich, was Hamilkar zum Zauderer mache.
Der Suffet stieg von Zeit zu Zeit auf die Kuppel des Eschmuntempels zu dem Mondbeobachter und schaute nach dem Winde.
Eines Tages--es war der dritte im Monat Tibby--sah man ihn hastigen Schritts von der Burg herabkommen. In der Straße der Mappalier entstand lauter Lärm. Bald ward es auf allen Straßen lebendig, und überall begannen sich die Soldaten zu wappnen, umringt von schluchzenden Weibern, die sich ihnen an die Brust warfen. Dann eilten sie rasch nach dem Khamonplatz, um sich in Reih und Glied zu stellen. Niemand durfte ihnen folgen, noch gar mit ihnen reden, noch sich den Befestigungswerken nähern. Eine Weile war die ganze Stadt still wie ein Grab. Die Soldaten standen nachdenklich an ihre Lanzen gelehnt. Die Menschen in den Häusern seufzten. Bei Sonnenuntergang rückte das Heer durch das Westtor ab. Anstatt aber den Weg nach Tunis einzuschlagen oder in Richtung auf Utika gegen die Berge zu marschieren, zog man am Meeresufer hin. Bald erreichte man die Lagune, um die herum runde, über und über mit weißem Salz bedeckte Stellen wie riesige Silberschüsseln schimmerten, die man am Strande liegen gelassen hatte.
Bald mehrten sich die Wasserlachen. Der Boden wurde immer sumpfiger. Hamilkar wandte sich nicht um. Er ritt stets bei der Vorhut, und sein Pferd, das gelb gescheckt war wie ein Drache und Schaum um sich warf, trat geräumigen Schritts immer tiefer in den Morast. Die Nacht sank herab, eine mondlose Nacht. Stimmen jammerten, man renne ins Verderben. Der Suffet entriß den Schreiern die Waffen und gab sie den Troßknechten. Der Schlamm wurde immer grundloser. Man mußte die Lasttiere besteigen. Manche klammerten sich an die Schweife der Pferde. Die Starken zogen die Schwachen, und die ligurischen Schwadronen stießen das Fußvolk mit den Lanzenspitzen vorwärts. Die Dunkelheit nahm zu. Man hatte den Weg verloren. Alles machte Halt.
Nun eilten die Ordonnanzen des Suffeten vor, um die Merkzeichen zu suchen, die vorher auf seinen Befehl in bestimmten Abständen eingerammt worden waren. Sie riefen durch die Dunkelheit, und das Heer folgte ihnen von weitem.
Endlich fühlte man wieder festen Boden unter den Füßen. Bald ließ sich eine krumme, weißliche Linie deutlich erkennen. Man befand sich am Ufer des Makar. Trotz der Kälte wurden keine Feuer angezündet.
Um Mitternacht erhoben sich Windstöße. Hamilkar alarmierte die Soldaten, doch ohne Trompetensignale: die Unteroffiziere klopften ihnen leise auf die Schultern.
Ein besonders großer Mann stieg ins Wasser. Es reichte ihm nicht bis zum Gürtel. Man konnte also hindurchwaten.
Der Suffet befahl, zweiunddreißig Elefanten hundert Schritte oberhalb im Flusse aufzustellen, während die übrigen ein Stück unterhalb etwa vom Strome fortgerissene Leute aufhalten sollten. Derart durchschritt das ganze Heer, die Waffen über den Kopf hochhaltend, den Fluß wie zwischen zwei Mauern. Hamilkar hatte nämlich beobachtet, daß der Westwind den Sand vor sich hertrieb und den Fluß hemmte, so daß in seiner ganzen Breite eine natürliche Straße entstand, eine Barre.
Nunmehr befand man sich am linken Ufer südöstlich von Utika, in einer weiten Ebene,--ein Vorteil für die Elefanten, die Hauptkraft des punischen Heeres.
Der geniale Übergang begeisterte die Soldaten. Das vollste Vertrauen kehrte zurück. Sie wollten sich unverzüglich auf die Barbaren werfen. Der Suffet ließ sie aber erst zwei Stunden rasten. Sobald die Sonne aufging, rückte man in der Ebene in drei Treffen vor: die Elefanten voran, dann das leichte Fußvolk mit der Reiterei und schließlich die Phalanx.
Die Utika belagernden Barbaren und die fünfzehntausend an der Brücke nahmen voll Erstaunen wahr, daß sich der Boden in der Ferne bewegte. Der Wind blies sehr stark und trieb Sandwirbel vor sich her. Sie erhoben sich, wie vom Boden losgerissen, stiegen in breiten gelben Streifen empor, zerflatterten dann und wuchsen immer wieder von neuem, so daß sie das punische Heer verbargen. Da die Karthager hochragende Hörner an den Helmen trugen, glaubten manche von den Söldnern, eine Rinderherde zu sehen. Andre, durch das Wehen der Mäntel getäuscht, behaupteten, Flügel zu erkennen, und Wüstenkenner zuckten die Achseln und erklärten das Ganze für eine Luftspiegelung. Inzwischen aber rückte etwas Ungeheures immerfort näher. Kleine Wölkchen, dünn wie dampfender Atem, liefen über den Wüstenboden hin. Die höhersteigende Sonne leuchtete stärker. Ein grelles zitterndes Licht rückte das Himmelsgewölbe scheinbar mehr in die Höhe, durchleuchtete die Gegenstände und machte eine Schätzung der Entfernungen unmöglich. Die weite Ebene dehnte sich unabsehbar nach allen Seiten, und die kaum merklichen Bodenwellen zogen sich bis zum äußersten Himmelsrand, durch eine lange blaue Linie begrenzt: das Meer, wie man wußte. Die Heere hatten ihre Zeltlager verlassen und hielten Umschau. Die Einwohner von Utika standen, um besser zu sehen, in Scharen auf den Wällen.
Endlich unterschied man mehrere parallele Linien, von gleichhohen Buckeln überragt. Sie wurden immer dichter und größer. Schwarze Hügel schaukelten auf und ab. Plötzlich erkannte man viereckige Büsche. Das waren Elefanten und Lanzen! Ein einziger Ruf erscholl: »Die Karthager!« Und ohne Signal, ohne Befehl, ohne Ordnung eilten die Belagerer von Utika und die Brückenbesatzung heran, um sich gemeinsam auf Hamilkar zu werfen.
Spendius erbebte bei diesem Namen. »Hamilkar! Hamilkar!« wiederholte er, nach Atem ringend. Und Matho war nicht da! Was sollte er machen! Keine Möglichkeit zu fliehen! Die Überraschung, seine Furcht vor dem Suffeten, vor allem aber der Zwang eines sofortigen Entschlusses verwirrte ihn. Schon sah er sich von tausend Schwertern durchbohrt, enthauptet, tot. Indessen rief man nach ihm. Dreißigtausend Mann harrten seiner Befehle. Eine Wut gegen sich selbst ergriff ihn. Er klammerte sich an die Hoffnung auf Sieg und die Fülle von Glück, die ein Sieg mit sich brachte. Da wähnte er sich kühner als Epaminondas. Um seine Blässe zu verdecken, schminkte er seine Backen mit Zinnober, dann schnallte er sich seine Beinschienen und seinen Küraß an, goß eine Schale Wein hinunter und galoppierte seinen Truppen nach, die denen von Utika eiligst entgegenzogen. Diese Vereinigung geschah so schnell, daß der Suffet nicht Zeit hatte, seine Schlachtordnung zu verändern. Er verlangsamte nur allmählich seinen Vormarsch. Die Elefanten machten Halt, wiegten ihre schweren mit Straußenfedern geschmückten Köpfe und schlugen sich mit den Rüsseln gegen die Schultern.
Durch die Abstände hindurch erblickten die Söldner die Kompagnien der Leichtbewaffneten und weiterhin die großen Helme der Klinabaren, in der Sonne blitzende Waffen, Panzer, Helmbüsche und flatternde Banner. Das karthagische Heer, elftausenddreihundertsechsundneunzig Mann, erschien nicht so stark, weil es ein langes in sich zusammengedrängtes Rechteck mit schmalen Flanken bildete.
Angesichts eines so schwachen Gegners wurden die Barbaren, die dreimal stärker waren, von unbändiger Freude ergriffen. Man erblickte Hamilkar nicht. War er in der Stadt geblieben? Vielleicht gar! Was lag übrigens daran? Die Verachtung, die man gegen die Krämer von Karthago hegte, verstärkte den Mut. Kaum hatte Spendius den Angriffsbefehl gegeben, so war er allerorts auch aufgefaßt und schon ausgeführt.