Sagenbuch des Erzgebirges

Part 8

Chapter 83,744 wordsPublic domain

Auf die mögliche Verwandtschaft der Ziegenschachter Jungfrau mit der Huldra wurde bereits in der Einleitung hingewiesen. Eine thüringische Sage ist übrigens der unsrigen sehr ähnlich. Eine Krämerin, welche ihre Käufer durch falsches Gewicht und Maß betrog, wandelt ebenfalls als Gespenst in der Nähe von Mehlis bei dem Reißigersteine umher und ruft dabei: »Drei Viertel für ein Pfund! Drei Quärtchen für eine Kanne!« (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 10.) Daß aber gerade der Betrug beim Milchverkauf mit dem gespenstischen Umherwandeln der Betrüger bestraft wird, ist eine in der Volkssage erhaltene Erinnerung an den hohen, alle übrigen Besitztümer überragenden Wert der Milch und Milch gebenden Tiere aus dem frühesten Zeitalter der indoeuropäischen Völker.

56. Die Jungfrau des Grauensteins bei Joachimsthal.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 64 etc.)

Sehr viel wird von der Grauensteiner Jungfrau erzählt, welche keinen Kopf hat und sich zuweilen blicken läßt. Einst ging ein Weib von Joachimsthal nach Holz, da bemerkte sie einen schönen rasigen Platz, auf dem sich Wäsche ausbreitet fand. Darauf zugehend, um es näher anzuschauen, bemerkte sie, daß die Wäsche immer reiner und schöner ward. In ihrem Innern regte sich der Wunsch, ein Stück Wäsche zu nehmen, was sie auch that. Plötzlich hörte sie hinter sich ein Geschrei; als sie aber, sich umsehend, niemanden bemerkte, nahm sie noch ein Stück Wäsche und ging ihren Weg, auf ein abermaliges Rufen nicht achtend. Sie erreichte eben einen Kreuzweg, als die unbekannte Stimme zum dritten Male sich hören ließ: »Wenn kein Kreuzweg gekommen wäre, wärest Du des Todes!« Hätte sie alle Wäsche gestohlen, so wäre die Grauensteiner Jungfrau erlöst worden.

Es geht noch die Sage, daß das Weib an derselben Stelle, wo es ein Stück Linnen erbeutete, um Mitternacht eine wundersam blaue Flamme als Wahrzeichen eines verborgenen Schatzes emporschlagen sah. Als sie, um den Geist zu bannen und den Schatz zu heben, ihren Rosenkranz in den blauen Flammenschein geworfen hatte, siehe da! des Morgens lagen an dieser Stelle zwei funkelnde Silbersiebzehner.

Eines Tages ging ein altes, gebücktes Mütterchen in den Wald, um dürre Reiser zu sammeln. Als die Alte in der Nähe des Grauensteines das aufgeschichtete Reisigbündel zusammengebunden hatte und es auf den Rücken nehmen wollte, tönte ihr von dort bezaubernder Gesang entgegen. Das Mütterchen lauschte eine Weile, faßte sich dann ein Herz und schritt dem Grauensteine zu. Doch welch eine Überraschung! Es erblickte daselbst ein prächtiges Schloß, vor dem eine schöne, weißgekleidete Jungfrau Wäsche bleichte. Kaum wurde die Jungfrau des Weibes ansichtig, so zog sie sich stillschweigend und langsam hinter die Mauern des Schlosses zurück. Als aber das herzhafte Mütterlein nach einem Stück Wäsche griff und mit dem gestohlenen Gut davontrippelte, verschwand unter Blitz und Donner das Zauberschloß, an dessen Stelle wieder die Halde war. -- Wie die Sage weiter erzählt, soll das Weib, das auf diesen weggenommenen Linnen ein paar Jahre gelegen hat, darauf schmählich verkommen sein.

Der Bergschmied Bernhard ging eines Tages nach der Schönerzzeche, um dort sein Gezähe in Ordnung zu bringen, all die Fäusteln und Stopfer, Stecher und Bohrer, Hacken und Sägen, mit denen der Bergmann hantiert. In der Mondscheinnacht kam er zwischen elf und zwölf Uhr am Grauensteine an. Potztausend! Auf der blanken Wiese, wo weitum keine Einschichte liegt, rings Wäsche um Wäsche, die ganze Wiese ist von Linnen vollauf überspannt. Bernhard nahm sich sein klopfendes Herz in die Hand, und eine innere Stimme sagte ihm: Ei! für wen liegt so herrliche Wäsche ausgespannt? die Geister haben genug daran, unsereins wäre reich fürs ganze Leben! Greif zu, Bernhard! Nimm, so viel du schleppen kannst! Und er griff zu, faßte die Wäsche mit beiden Händen, schlug sie über den Rücken, wand sie um den Leib und lief hastig; doch horch! Hollah! hinterher welch ein Gepolter, welch ein Getümmel, welch ein Gekrach! Ist der Grauenstein geborsten? Schnell, wie er sie zusammenraffte, warf er die Wäsche wieder von sich. -- Da hat er die Poltergeister versöhnt; denn mit einemmale ist es stille geworden ringsum, und die Wäsche war verschwunden, als er sich umsah, und er lief voll Entsetzen nach der Schönerzzeche.

Einem Weibe aus Joachimsthal träumte in einigen aufeinander folgenden Nächten, sie solle auf ihre unweit des Grauensteins gelegene Wiese gehen, dann könne sie reich werden. Als sie sich endlich in einer mondhellen Nacht auf den Weg machte und zwischen 11 und 12 Uhr auf der Wiese anlangte, sah sie zu ihrer Verwunderung auf derselben ringsum Kinderwäsche ausbreitet. Find' ich auch kein Geld, dachte sie, so lasse ich doch auch dieses Zeug nicht liegen. Sie nahm also die Wäsche in ihre Schürze und trat die Heimkehr an. Doch siehe! Kaum näherte sich das Weib einem Graben, da rührte es sich mit einemmale in der Schürze und als sie dieselbe öffnete, erblickte sie darin lauter zischende Ottern. Vor Furcht und Ekel warf sie alle in den Graben und lief bestürzt nach Hause; nur zwei Schlangen erreichten den jenseitigen Rand. Als das Weib des anderen Tages zu dieser Stelle kam, fand sie zwei Häufchen Gold.

57. Die eifersüchtige tote Frau.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 943.)

Im Jahre 1666 im September hat sich in einer Bergstadt folgendes begeben. Eine Frau war in der Fastenzeit gedachten Jahres Todes verblichen. Da nun der Witwer zur andern Heirat schreiten wollte, kam immer ein Gespenst in der Gestalt der verstorbenen Frau und ängstigte ihn, daß er keine Ruhe haben konnte. Daher gebot er seinem Gesinde, sie sollten in der Stube schlafen und ihr Bette vor seine Schlafkammer schieben. Am Donnerstage zuvor spricht das Gesinde: Herr, wenn ihr doch zuvor, ehe ihr wieder Bräutigam seid, eurer vorigen Frau einen Leichenstein legen ließet, vielleicht bliebe sie außen. Er bestellte am Freitage die Maurer und läßt ihn legen und sagt: Nun habe ich meine Alte fein eingeschwert, sie wird nicht wiederkommen, der Teufel müßte sie denn heraus führen. Er nimmt die Maurer mit sich nach Hause, ißt und trinkt mit ihnen, bestellt einen Boten, der morgens frühe soll weglaufen, gehet zu Bette, und das Gesinde liegt vor der Kammerthür. Zur Mitternacht kommt ein Gespenst in die Stube, sucht erst in den Registern und blättert darin, darnach rauschet es über das Gesindebette weg, kam in die Kammer und würgte den Mann. Früh kam der bestellte Bote und wartete zwei Stunden; das Gesinde hieß ihn anpochen, rufen und gar hinausgehen, da findet er ihn tot. Und dieser Mann hat sich nach dem Tode gleichfalls sehen lassen.

58. Eine gespenstische Frau in Joachimsthal wird zur Ruhe gebracht.

(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 946.)

In Joachimsthal hat sichs begeben, daß ein Gespenst in Gestalt einer daselbst verstorbenen Frau immer in ihres hinterlassenen Mannes Haus kam und ihn bei Tag und Nacht beunruhigte. Der Witwer klagte seine Not dem Pfarrer und bat, ob er nicht gegen Mittag zu ihm kommen und wider den Geist beistehen möchte. Der Pfarrer kam endlich auf des Mannes inständiges Bitten, und da erschien die gespenstische Frau gleich am Mittage in ihrem Todeshabit, wie sie im Sarg war beschicket worden. Der Pfarrer redete den Geist getrost an und fragte ihn, was er hier im Hause zu schaffen habe. Das Gespenst sagte: Ich habe eine Kette verborgen, die liegt da und da vergraben; ebenso fürchte ich auch, mein Mann möchte eine Person in der Nachbarschaft heiraten, mit der ich nicht kann zufrieden sein, darum kann ich auch im Grabe nicht ruhen. Der Pfarrer aber verwies dem Teufel seine Bosheit und trieb ihn mit Gottes Wort so weit, daß er keine Ausflucht mehr hatte, sondern es verschwand die gespenstische Gestalt allmählich und ließ endlich an der Stelle, da sie gestanden, eine Hand voll Asche übrig. Sie ist auch von der Zeit an nicht wieder gesehen worden.

59. Eine Verstorbene verhilft ihrer Schwester zu ihrem Rechte.

(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 947.)

Im Jahre 1694 hat sich im September in einem Bergstädtchen zugetragen, daß eines Fleischhackers Frau vier Wochen nach ihrem Begräbnis wieder kam. Sie hatte sonst den Nachruf eines frommen und eingezogenen Lebens und man sagte von ihr, daß sie sich zu ihren Lebzeiten unterschiedlichemal über das böse Leben beklagt habe, so ihr zweiter Mann mit Fluchen und Streit nebst den Kindern treibe, und daß sie es nicht vertragen könne, sie müsse viel leiden, daß es kein Wunder wäre, sie ließe sich lebendig begraben. Als sie kurz darauf starb, hinterließ sie auch eine arme Schwester, welche bei dem Witwer allerhand Erbstücke suchte, aber nichts erhalten konnte. Ungeachtet nun diese Erbforderung gerichtlich beigelegt worden war, wollte sich doch die blutarme Schwester nicht so abweisen lassen und vergoß viel Thränen. Der Witwer lag nebst seinem Sohne krank in der Unterstube. Da kommt ein Gespenst zu Mitternacht in Gestalt der Verstorbenen und setzt sich vor sein Bette. Er erschrickt und fängt an zu beten: Gott, der Vater steh' uns bei! zu dreien malen, aber die gespenstische Frau will nicht weichen, der Kranke kann nicht fort und schwitzet gar sehr. Es schlägt 12 Uhr, da meint er, nun werde sie fortgehen, aber sie bleibet sitzen bis nach 2 Uhr. Da fängt er an: Alle guten Geister loben Gott den Herrn. Sie antwortet, zwei Schritte zurücktretend: Ich auch. Der Kranke fragt: Was wollet ihr hier? Gehet hin, wo ihr hingehöret. Sie antwortet: Ihr sollt meiner Schwester Magdalena nicht alles nehmen. Und damit fuhr der Geist zum vordern Fenster hinaus. Eine Hausgenossin wohnte in der Oberstube, die auf der Bank liegend eben dieses Gespenst gesehen, welches sie angegriffen und begehrt, man solle ihre Schwester nicht kränken; damit warf's ein Biermaß nach ihr und blieb außen.

60. Die umherwandelnde Gräfin in der Kirche zu Wildenfels.

(Mündlich.)

In der früheren, jetzt nicht mehr vorhandenen Kirche zu Wildenfels befanden sich die Begräbnisse der verstorbenen Glieder der erlauchten gräflichen Familie der Herrschaft. Alte Leute erzählen noch jetzt, einst habe eine verstorbene Gräfin daselbst nicht Ruhe finden können, sondern sei oft in der Kirche umhergewandelt und habe die Orgel gespielt. Als sich endlich der Pfarrer des Ortes entschloß, sie zur Ruhe zu bringen, habe er den Kantor vor der Kirchthüre mit der Weisung stehen bleiben lassen, während seiner, des Pfarrers Abwesenheit in der Kirche, ein Gebet zu verlesen. Als der Kantor aus Neugierde durch ein Schlüsselloch sah, soll eine Stimme gerufen haben: »Es guckt!« Nach Beendigung der Beschwörung trat der Pfarrer aus der Kirche und verkündete dem Kantor, daß sie beide in dem Jahre sterben müßten. Solches soll dann auch geschehen sein.

61. Die grüne Frau zwischen Altenberg und Zaunhaus.

(Gießler, Sächs. Volkssagen. Stolpen, S. 618.)

Auf der Straße zwischen Altenberg und Zaunhaus, in der Nähe des Kahlenberges gesellt sich nach der Sage manchmal eine schweigsame, dunkelgrün und nach längst vergessener Mode gekleidete Frau zu dem Wanderer, geht neben ihm her, ohne ihm Rede zu stehen, biegt auch wohl auf einen sonst nicht sehr betretenen Waldweg ein und verschwindet daselbst. Dieselbe zeigte sich zumeist nach Eintritt der Abenddämmerung, seltener des Nachts, ist aber auch schon im Morgengrauen bemerkt worden. Ein Mann erzählte, daß er in seiner Jugend, als er am frühesten Morgen der verbotenen Lust des Vogelstellens in der Nähe von »Paradies-Fundgrube« am Kahlenberge nachgehen wollte, einer lustwandelnden Dame begegnete, die er höflich begrüßte und anredete, da er selbige für die alte Schwester des damaligen Bergmeisters hielt. Der junge Mann erhielt keine Antwort; die Frau ging an ihm vorbei, in einen Waldweg hinein und verschwand dort vor seinen Augen.

Diese Sage könnte vielleicht besser unter den Dämonensagen stehen, da die grüngekleidete Frau an Holzweibchen erinnert, welche im Vogtlande grün erscheinen. Ebenso erzählen Tyroler Sagen von den grüngekleideten Norgen oder Wildmänneln, die zu den Pflanzendämonen gehören und mit denen auch die grünen, in Menschengröße erscheinenden Männchen der Burgundischen und Schweizer Sage, welche die Leute im Walde irre führen, verwandt sind.

Grün ist auch die Farbe des Teufels. Auf dem Blocksberge erschien der Teufel grün und ebenso waren auch die Hexen bei ihren Tänzen in Grün gekleidet. (Österreich. Touristenzeitung, I. No. 5.)

62. Das Fräulein auf der Mulde bei Klösterlein Zelle.

(Nach einer Mitteilung von L. Fischer aus Aue.)

Vor langer Zeit war auf dem Rittergute Klösterlein bei Aue ein Fräulein gestorben, welches nach seinem Tode des Nachts auf der Mulde dahin schweben sollte. Da geschah es, daß zwei Bergleute einst eines Sonntags in einer schönen Sommernacht von Schlema nach Zelle gingen, um daselbst Musik zu machen. Ihr Weg führte sie über die sogenannte Ochsenwiese und den Klostersteg. Als sie an die Ochsenwiese kamen, setzten sie sich nieder, um ein wenig auszuruhen; dabei kamen sie auf den Gedanken, dem Fräulein ein Morgenständchen zu bringen, und als sie eine Weile geblasen hatten, näherte sich ihnen das in einen Schleier gehüllte Fräulein und warf jedem ein Sträußchen in den Schoß. Der eine von ihnen steckte dasselbe in eine Tasche seines Kittels, der andere aber warf es weg. Als am nächsten Morgen derjenige, welcher sein Sträußchen eingesteckt hatte, den Kittel wieder anziehen wollte, kam ihm derselbe so schwer vor, und da er in die Tasche griff, um nachzusehen, zog er sein Sträußchen heraus, welches sich in pures Gold verwandelt hatte. Voll Freude teilte er dies seinem Kameraden mit. Da nun derselbe eilends nach der Ochsenwiese lief, um das andere Sträußchen zu suchen, konnte er es nirgends finden und er mußte unverrichteter Sache wieder nach Hause zurückkehren.

Ähnlich ist die Sage von den Musikanten aus Kleingölitz, welche des Nachts am alten Schlosse vorbeigehen und dem alten Grafen, welcher in der Burg umgeht, ein Ständchen bringen. Jeder von ihnen erhält ein grünes Buchenreis, welches jedoch nur einer behält; am andern Morgen sieht er, daß es vom reinsten Golde ist. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 193.)

63. Gespenstische Frauen in Eibenstock.

(Mündlich.)

Wenn man in Eibenstock in der Johannisnacht um 12 Uhr um eine gewisse Straßenecke geht, so sieht man eine weiße Frau mit einem weißen Tragkorbe. Redet man dieselbe furchtlos an, so wird man von ihr beschenkt. -- Auf dem alten Gottesacker befindet sich eine Begräbnishalle, in welcher oft des Nachts eine Frau mit einem Kindlein auf dem Arme gesehen wurde, die heftig weinte. Welche Bewandnis es mit dieser Frau hat, kann niemand sagen.

64. Die alte Frau in der Isenburg.

(Mündlich.)

In dem jetzigen Mehlhornschen Gute neben der Pfarre in Wildbach diente vor Jahren ein Mädchen, welches draußen bei der damals noch besser erhaltenen Isenburg die Kühe hüten mußte. Zu diesem Mädchen kam eines Vormittags eine alte Frau, welche von ihm verlangte, es solle mit ihr gehen. Sie führte dasselbe hierauf zwischen das zerfallene Gemäuer der Burg und hier in ein bis dahin verborgen gewesenes Zimmer, dessen Thür sie wieder zuschloß. Dann verlangte sie, das Mädchen solle ihr das Zimmer kehren. Als solches geschehen war, gab sie ihm zum Lohne 2 Groschen. Dies wiederholte sich vielmals; jedesmal, wenn das Mädchen das Wohnzimmer der Frau ausgekehrt hatte, erhielt es 2 Groschen. Da geschah es, daß das Mädchen einmal zum Jahrmarkte nach Schneeberg ging. In der Abwesenheit öffnete die Bäuerin, welche bereits längst gemerkt hatte, wie ihre Dienstmagd mehr Geld besaß, als sie zum Lohne erhielt, deren Lade und fand darin eine große Menge Zweigroschenstücke. Als nun das Mädchen am Abend wieder heim kam, erzählte es auf dringendes Befragen die Geschichte, wie es zu dem vielen Gelde gekommen war. Von dieser Zeit an ist ihm jedoch die alte Frau von der Isenburg nie wieder erschienen.

65. Das Fegeweib vom Katzenstein.

(Poetisch von Freih. v. Biedermann. Eine Sängerjugend. 1847, S. 27. Darnach Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 452.)

In der letzten Zeit des Mittelalters lebte ein wilder Raubritter auf einer Burg, die auf dem Katzensteine an der schwarzen Pockau bei Pobershau gelegen war, und machte die ganze Umgegend durch seine Unthaten unsicher. Da beschlossen denn die in der nächsten Umgebung ansässigen Ritter diesem Treiben ein Ende zu machen, sie rückten also vor die Burg, umschlossen sie aufs Engste und fingen an, sie aus Kartaunen und Feldschlangen zu beschießen. Allein alle Kugeln fielen, sowie sie die Mauern trafen, kraftlos und unschädlich nieder, denn auf der Mauer stand die alte Amme des Ritters, welche mit dem Teufel im Bunde war, hatte einen Besen in der Hand und fegte mit demselben die fliegenden Kugeln aus der Luft weg; sie selbst natürlich traf keine derselben, ebenso wenig wie irgend jemanden im Schlosse. Schon wollten die Belagerer schier verzweifeln, da trat der Burgkaplan eines der Ritter auf und sprach, er wolle die Kugeln segnen, denn er wisse einen Spruch, dem nichts widerstehen könne. Wie gedacht, so geschehen, er that es; die erste Kugel, die man abschoß, schmetterte die Hexe zu Boden, die zweite riß ein großes Loch in die Mauer und nicht lange dauerte es, so war die feste Burg so zerschossen, daß die Mannschaft auf Gnade und Ungnade sich ergeben mußte. Der böse Ritter ward hingerichtet und seine Burg der Erde gleich gemacht; noch heute aber soll man um Mitternacht bei Mondschein die gespenstige Amme die Trümmerhaufen fegen sehen.

66. Das Gespenst auf der Superintendentur zu Glauchau.

(A. Flader, Wiesenthälisches Ehrengedächtnis, 1719. S. 110. Darnach bei Gräße, Sagenschatz d. K. S., No. 463.)

Im Jahre 1675 im Monat Oktober hat sich auf der Superintendentur zu Glauchau ein Gespenst sehen lassen, welches einen weißen Trauerhabit anhatte und sich für eine von Adel ausgab, so bei dem zu Glauchau früher befindlichen Nonnenkloster die Stelle einer Äbtissin vertreten habe. Das erste Mal ist dieses Gespenst, welches man später nur die weiße Frau genannt hat, einer hier dienenden Nähterin aus Leipzig, namens Marie Sabine Demantin erschienen, ist vor das Bett, in welchem sie mit der Kindermagd lag, getreten, hat geächzt und geseufzt, dann hat es die silbernen Eßlöffel, welche in einem Körbchen gelegen, gezählt und, da ihrer nur elf gewesen, gesagt: »Ei, des Herrn Löffel fehlt!« was auch der Fall gewesen. Hierauf hat es des Superintendenten langen Mantel und die mit Pelz gefütterte Schaube seiner Frau, welche an der Wand gehangen, heruntergenommen, den Mantel und die Schaube oben darauf umgenommen und ist so in der Stube herumspaziert, als aber das Kindermädchen darüber gelacht und gesagt: »Was macht denn der Narr!« ist es ihr schlecht bekommen, denn sie hat augenblicklich im Munde und Gesicht heiße Blasen bekommen und deshalb 14 Tage das Bett hüten müssen. So oft aber, als das Gespenst erschienen, hat es einen hellen Glanz und Schimmer um sich verbreitet, daß man einen Pfennig auf der Erde erkennen konnte. So haben denn zwei Männer, G. C. Müller und A. Flader, sich, nachdem die beiden Mädchen aus der Kammer weggebettet worden waren, in dieselbe niedergelegt, um das Gespenst abzulauern, es ist aber nicht von ihnen wahrgenommen worden, sondern hat sich nur durch Geräusch kundgegeben, hat auch mit einem schweren Steine in die Kammer geworfen, daß darüber alles erschüttert worden ist; darauf ist es in den Stall gegangen, und hat daselbst einer alten Ziege den Hals umgedreht, auch in dem Hühnerhause gegenüber eine Henne erdrückt. Seit dieser Zeit ist das Gespenst fast alle Nächte zu der Nähterin gekommen und hat sich mit traurigen Geberden vor ihr Bett gestellt, auch öfters bitterlich geweint, da denn die herabfallenden Thränen wie weiße Milch ausgesehen, welche das Gespenst mit einem schönen weißen Schnupftuch abgewischt hat. Ob nun gleich der Superintendent dem Mädchen verboten, sich mit dem Gespenste in ein Gespräch einzulassen, hat sie es doch nicht lassen können, sondern gefragt, was es denn wolle, worauf es mit einer ganz ungewöhnlichen Stimme geantwortet, sie solle mit ihm gehen und einen Schatz heben, der gehöre zwar dem Superintendenten, allein sie solle davon allen im Hause soviel bringen, daß sie alle genug hätten.

Nun hat das Gespenst sein Begehren alle Nächte wiederholt, endlich ist die Nähterin mitgegangen, und wie sie durch des Superintendenten Studierstube gehen und zwei angezündete Unschlittlichter in den Händen haben, thut sich auf einmal die Thüre auf den Saal hinaus von selbst auf, worauf ihr ein ziemlicher Haufe von schwarzgekleideten Mönchen entgegenkommt, unter welchen ein sehr langer war, der sich nach ihr hinneigte und beide Lichter ausblies, daher sie seufzte: Ach Jesus! Aber diese Worte zogen einen solchen Tumult nach sich, daß es schien, es wolle alles zu Grund und Boden gehen. Hierauf ist sie vor Schreck davon gelaufen, hat sich aber verirrt und ist in das Schlafgemach des Superintendenten gekommen, der von dem Lärm aufgewacht war und gemeint hatte, es sei ein großer Stein in seine Studierstube geworfen worden. Als er aber die Nähterin erblickt, hat er ihr zugerufen zu beten, und selbst angefangen zu singen; das Mädchen aber hat gesehen, wie die ganze Kammer nach und nach durch das Absingen der geistlichen Lieder von den schwarzen Mönchen, mit denen sie angefüllt war, leer ward. In der nächsten Nacht ist das Gespenst zu der Nähterin, die mittlerweile krank geworden war, wiedergekommen und hat gesagt, sie hätte sich nicht fürchten sollen, denn die schwarzen Männer würden ihr nichts gethan haben, der Schatz stehe schon außen und bestehe aus Kirchenkleinodien, welche vor etlichen 100 Jahren dorthin gebracht worden seien, sie möge nur nachsuchen lassen, so würden sich gewiß Vorzeichen finden. Als man nun nachgesucht, haben sich verschiedene Gefäße von Zinn und etliche Lampen von Thon gefunden, welche noch so neu und weiß waren, als wenn sie erst gestern hineingelegt worden wären. Unter der Grundmauer hat man auch ein mit Ziegelsteinen ausgemauertes Behältnis und am Ende desselben starke Pfosten von Eichenholz und nach denselben schöne Schiefertafeln gefunden, mit welchen das Behältnis oder die Kästen zu den Kleinodien bedeckt gewesen waren, die letzteren sind aber nicht mehr zu sehen gewesen, sondern waren, wie man meinte, verrückt worden. Aber über den Ziegeln hat ein großer Ziegelstein, ein Quadrat, gelegen, auf welchem ein Crucifix ganz kenntlich geprägt gewesen ist. Während dem hat sich auch das Gespenst sehen lassen und außen an der Mauer über der Erde ist ein ziemliches Getöse bemerkt worden, wie wenn Bergleute da arbeiten und etwas bewältigen wollten, allein als man zum Fenster hinabgesehen, hat man nicht das Geringste wahrgenommen. Während des Grabens hat man auch etliche Totenknochen gefunden, welche vermutlich Reliquien von diesem und jenem Heiligen gewesen, so zu diesem Schatz gelegt worden, daß er sich nicht verrücken möchte. Es hat auch das Gespenst bei dem Ausfüllen des gemachten Loches nicht wenig Widerwillen, zum Teil auch Spötterei sehen lassen, denn nachdem man lange Bratspieße genommen und an dem Orte, wo die Ziegelsteine herausgegangen waren, herabwärts in den Erdboden gefühlt, ob sich etwa die Kästen gesenkt, hat es bei der Nacht auch einen Bratspieß mitgebracht und hin und wieder in der Kammer mit solchem gegen den Boden gefühlt. Da man nun wirklich anfing, den Berg wieder einzufüllen, hat es nicht allein mit Ziegeln und Steinen um sich geworfen, daß die Arbeitenden davon liefen, sondern es hat auch in der folgenden Nacht die Betten des Frauenvolks mit Schutt und Erde bestreut, daß darüber etlichen, zumal den Mägden, der Mund mit Erde angefüllt ward, den sie im Schlafen offen gehalten.