Part 63
An einigen Orten des böhmischen Erzgebirges wird noch gegenwärtig am Sonntage Lätare das Todaustreiben unter der Bezeichnung des Todaustragens (»Tudaustrog'n«) gefeiert. Von fünf Knaben zieht sich einer als Tod (Winter) an, ein anderer als König, der dritte als dessen Tochter (Lenz) und die übrigen als Diener (Sommer und Herbst.) Der König, wohl den Herrn der Jahreszeiten personifizierend, trägt eine goldpapierne Krone und einen Rocken als Szepter. Die Königstochter ist ihrer Würde angemessen aufgeputzt, verschmäht es indessen nicht, Geld und andere Geschenke entgegen zu nehmen. Die Diener tragen Degen, der weißgekleidete Tod ein Bund Späne. Alle aber, mit Ausnahme des Winters, sind mit bunten Bändern geschmückt; deshalb heißt dieser Gebrauch auch der »Bändertod«. Die Gesellschaft zieht von Haus zu Haus und führt ein kurzes dramatische Spiel auf, dessen Inhalt folgender ist: Die Diener, in der Folge auch der Tod, halten um die Hand der Königstochter an. Letzterer büßt seine Vermessenheit mit dem Leben, indem ihn der König niedersticht. Die beiden übrigen Brautwerber stehen zitternd da, weil sie eine gleiche Strafe befürchten. Der König überwindet indessen seinen Zorn bald und lächelnd legt er die Hand des Sommers in die seiner Tochter, welche er auffordert, daß sie sich von dem anderen Freier durch Darreichung der von ihr gesammelten Gaben loskaufe.
An andern Orten tritt diese Sitte in nachfolgender Gestalt auf: Mehrere Knaben gehen mit einer langen Stange, an die oben ein Querholz befestigt ist, von Haus zu Haus und sammeln alte Kleider, die dem den Tod darstellenden Holzgerippe angethan werden. Nach Vollendung dieser Toilette ist der Teil der Vorbereitung vorüber und nun geht der eigentliche Umzug vor sich, indem man den Tod durch das Dorf trägt und dabei singt:
»Tud aus! Tud aus! Hätt'n m'r 'n Tud nich ausgetrog'n, Hätt ar uns im Bett erschlog'n. Tud aus! Tud aus!«
Zuletzt wird der Popanz ins Wasser geworfen. Dies ist das Signal für die Knaben, eilends die Flucht zu ergreifen. Wer am meisten zurückbleibt, heißt der »Tud'nvota« und wird als solcher das Jahr über geneckt.
Das Todaustragen ist ein Privilegium der Mädchen. Knaben bringen ihnen aus dem Walde ein kleines Fichtenbäumchen. Die Mädchen schmücken erst dieses und dann sich selbst aufs beste und schönste. Darnach tragen sie das Bäumchen von Haus zu Haus und singen in jedem ein Liedchen, wofür sie Kuchen, Kaffee und Geld erhalten. Letzteres wird zu Kerzen für die Kirche oder Kapelle verwendet.
Das Todaustreiben fand sich früher an vielen Orten Sachsens, besonders der Lausitz und des Vogtlands, ferner in Böhmen, Schlesien u. s. w. Meist wurde dabei von den jungen Burschen ein Strohmann, welcher den Winter, in der späteren christlichen Zeit aber den Tod vorstellte, angeputzt, unter Gesang durch das Dorf getragen und endlich ins Wasser geworfen oder verbrannt. Mit grünen Zweigen geschmückt kehrte die Jugend wieder heim. Im Vogtlande sang man dabei das Lied:
»Wir alle, wir alle kommen 'raus, Und tragen heute den Tod 'naus, Komm' Frühling wieder mit uns in das Dorf, Willkommen lieber Frühling!«
In Deutsch-Böhmen sang man:
»Nun treiben wir den Tod aus, Den alten Weibern in das Haus, Den Reichen in den Kasten, Heute ist Mitfasten!«
Das Todaustreiben war ein Nachklang des alten Frühlingsfestes, von dem wir auch Andeutungen bei den alten Griechen und Römern, ja selbst in Persien und Indien finden, und das jedenfalls die indoeuropäischen Völkerstämme aus ihren Ursitzen in Asien mitbrachten. Bei den heidnischen Germanen wurde es vielleicht zu einem Feste der Ostara, der Göttin des aufgehenden Lichtes, oder der mütterlichen Erdgöttin Nerthus oder auch Odhins, bei den Slaven zu einem Feste der Ziva, der Göttin des Lichts und der Fruchtbarkeit.
Es ist sicher, daß die in verschiedenen Gegenden gefeierten Maifeste, bei denen eine Maikönigin oder ein Maikönig einzog, oder ein Maigraf aus dem Walde in die Stadt eingeholt wurde, oder bei denen man den in Tannenrinde und Laub gehüllten Pfingstbutz zu Roß ins Dorf führte (s. Mannhardt, die Götter der deutsch. und nord. Völker, S. 144 etc.), mit dem Todaustreiben gleiche Bedeutung hatten. Wegen der in unsern Gegenden zu zeitigen Feier des Frühlingsfestes im März, da häufig noch Eis und Schnee die Fluren deckte, wurde dieselbe vielfach auf den sonnigen Mai verlegt und jetzt nun nicht mehr der Winter verjagt, sondern der vor der Thür harrende Frühling eingeholt und begrüßt. (S. über die Frühlingsfeier bei den Germanen und Slaven: Preusker, Blicke in die vaterländische Vorzeit, I. S. 142--152.)
800. Der Totenteich bei Tharand.
(B. C. (Cotta), Tharand und seine Umgebungen. 1835. S. 101. Gräße, Sagenschatz etc. No. 268.)
Wenn man durch Tharand hinauf am Amthause vorbei nach dem Kalkofen und dann weiter im Thale fortgeht, so kommt man in den sogenannten Ebergrund und zur Ebermühle, bei welcher der von dem Mühlbache gebildete Totenteich liegt, der seinen Namen davon hat, daß früher bis an das Ende des vorigen Jahrhunderts die Sitte herrschte, wenn die Bewohner der umliegenden Dörfer den Tod austrieben, den diesen vorstellenden Strohmann hier hineinzuwerfen. Man behauptet, bei hellem Sonnenschein in der Tiefe noch heute das steinerne Bild desselben liegen zu sehen.
801. Altes Fastnachtsspiel der Bergleute.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz etc. S. 757.)
Im Erzgebirge trägt man sich mit einer alten Tradition, daß wilde Waldleute bisweilen an die Waldhäuser gekommen seien. Solcher wilden gebirgischen Satyren erinnerten sich vor Alters die Einwohner und Bergleute bei ihrem »Quaß« und Fastnachtsspiel, bei welchem sie jährlich zwei wilde Männer verkleidet, den einen in Reisig und Moos, den andern in Stroh gehüllt, auf den Gassen umhergeführt, endlich aber auf dem Markt herumgejagt und endlich zum Schein niedergeschossen und gestochen haben. Die verkleideten Personen riefen dabei durch ihr Taumeln und ihre seltsamen Gebärden Gelächter hervor und spritzten dabei aus angefüllten Blasen Blut unter die umstehenden Leute, ehe sie als Tote niederfielen. Dann faßten sie die Jäger, legten sie auf Breter und trugen sie ins Wirtshaus. Die Bergleute gingen daneben her und bliesen durch ihre Pechpfeifen und Grubenleder auf, als hätten sie ein stattliches Wildpret gefangen. Dergleichen Aufzüge hielt man vor dem dreißigjährigen Kriege; aber darnach sind sie abgekommen.
Auch dieses Fastnachtsspiel war jedenfalls ein Überrest der alten Frühlingsfeste; seine Bedeutung ist aber hier sehr verwischt worden. Der in Reisig und Moos gehüllte Mann sollte den Frühling, der Strohmann dagegen den Winter darstellen. Ursprünglich haben beide wohl miteinander gekämpft, bis der Frühling den Winter besiegte. Daß solche Kämpfe zwischen den persönlich dargestellten Jahreszeiten Winter und Frühling (Sommer) wirklich, z. B. in Schweden und Gothland, dargestellt worden sind, dafür bringt Jac. Grimm in seiner deutschen Mythologie mehrere Beispiele; auf S. 440 heißt es daselbst: Ein vermummter Sommer und Winter, jener im Epheu oder Singrün, dieser in Stroh oder Moos gekleidet, traten auf und kämpften so lange miteinander, bis der Sommer siegte. Dann wird dem zu Boden geworfenen Winter seine Hülle abgerissen, zerstreut, und ein sommerlicher Kranz oder Zweig umhergetragen.
802. Der Streittag der Freiberger Bergleute.
(Gießler, Sächs. Volkssagen (Stolpen o. J.), S. 271.)
In Freiberg kehrt alljährlich am Tage Maria Magdalena, den 22. Juli, ein besonderer Bergfeiertag wieder, an welchem vormittags im Dome eine große Kirchenparade der Bergleute und eine Bergpredigt abgehalten wird. Bei Gelegenheit im Jahre 1737 angestellter Erörterungen ergab sich, daß die Freiberger Bergleute bis dahin den Maria-Magdalena-Tag angeblich seit länger als 200 Jahren am sogenannten Hungerborne gefeiert hätten, woselbst sogar zu Zeiten gepredigt worden sein sollte. Dieser Brunnen, welcher wegen seines guten und reichlichen Trinkwassers besonders von den benachbarten Huthäusern stark benutzt wurde, lag etwa eine Viertelstunde nordwestlich von dem Huthause »Beschert Glück« im Ratswalde und ist erst im Jahre 1790 infolge der von »Beschert Glück« betriebenen Grubenbaue weggefallen. Eine Meinung der damaligen Bergleute schreibt den Ursprung seines Namens einer Frau Maria Magdalena Hunger zu; die Veranlassung zum Festtage, dessen althergebrachte Feier sich die Bergleute 1737, als solche auf den nächsten Sonntag verlegt werden sollte, »erstritten« haben, soll sich aber daher schreiben, daß die Kurfürstin Magdalena Sybilla, Witwe des Kurfürsten Johann Georgs II, als sie ihren Namenstag am Hungerborne feierte, den Bergleuten für alle Zeiten ihren Namenstag daselbst zu feiern angeordnet habe. Gewiß ist, daß die Bergleute bis zum Jahre 1737 die Umgebung des Hungerbornes als einen gewohnten Versammlungsplatz betrachteten und als solchen benutzten; ja noch in unserm Jahrhunderte fand daselbst zu gewissen Zeiten im Jahre, besonders Pfingsten, ein großer Zusammenfluß von Personen aus der Umgegend statt. Man unterhielt sich dabei mit Musik und Spielen.
Die Feier des »Streittags« fand sich wahrscheinlich in allen sächsischen Bergrevieren vor. Meltzer schreibt in seiner »bergkläuffigen Beschreibung der Bergk-Stadt Schneeberg«, (1684. S. 3), daß die Bergleute daselbst diese Feier »mit dem Schwerte errungen hätten«, und er vermutet, daß solches bei dem Aufstande der Bergleute im Jahre 1496 geschehen sei. Herzog Heinrich der Fromme ließ den Maria-Magdalena-Tag bei Einführung der Reformation 1539 ausdrücklich als bergmännischen Feiertag fortbestehen, und derselbe wird auch noch gegenwärtig in Schneeberg durch Bergaufzug, Gottesdienst und eine Ergötzlichkeit der Bergleute gefeiert.
803. Der Schwerttanz der Tuchknappen in Chemnitz.
(Lehmann, Chronik der Stadt Chemnitz, S. 158.)
Am 18. Februar 1613 führten die Tuchknappen zur Feier des Faschings auf dem Markte zu Chemnitz den Schwerttanz auf. Dieser Schwerttanz ist noch heutzutage unter den Salzknappen Halleins und Hallstadts üblich, und er wurde von neun Tänzern, zwei Pfeifern, einem Trommler und zwei Hanswürsten aufgeführt, welche mit dem Spruche auftraten:
Wir treten herein ganz edel und fest, Und grüßen alle anwesenden Zuschauer aufs Best'; Grüßten wir einen und den Andern nicht, So möchtens meinen, wir wären die echten Schwerttänzer nicht; Die rechten Schwerttänzer sind wir genannt, Wir tragen das Schwert in unserer Hand. Spielmann, mach' auf den rechten Schwerttanz!
Nun begann der Tanz, indem jeder die Spitze des Schwertes von seinem Nebenmann faßte, mit einem Rondo; alsdann Springen über Schwerter. Darauf legte man die Schwerter nieder, tanzte herum, hob sie wieder auf und bildete eine Schnecke, die sich wieder auseinander winden mußte, ohne daß ein Tänzer die Schwertspitze seines Nachbars losließ. Dann trat ein Hanswurst in den Kreis und kniete nieder. Die Tänzer hielten ihre Schwerter auf ihn, der Vortänzer schwang sich auf diese Schwerter und sprach folgenden Spruch:
Da bin ich heraufgestiegen, Wär' besser, ich wär' unten blieben; Der Fasching ist ein verthunlicher Mann, Hat all sein Hab und Gut verthan; Er hat verthan sein Hab und Gut, Bis auf einen alten zerrissenen Hut. Er reist das Land wohl auf und nieder, Was er bekommt, versäuft er wieder; So spring' ich aus dem grünen Kranz, Spielmann, mach' auf den lustigen Schwerttanz.
Nun ward wiederum ein Rondo getanzt, aber schneller als das erste; die Tänzer traten einer nach dem andern ab, bis Vor- und Nachtänzer allein waren, die sich noch ein paar Mal herumdrehten, mit den übrigen die Schwerter zusammenschlugen und so unter dem Jubelruf der Zuschauer schlossen.
804. Strafe für zänkische Weiber.
(Oesfeld, Histor. Beschreibung von Lößnitz (1776) S. 10. Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes (1794), S. 180.)
Auf der rechten Seite ohnweit der Hauptthüre des Rathauses in Lößnitz befanden sich zwei steinerne halbe Zentnergewichte, welche oben einen eisernen, sehr weiten Angriff hatten und auf der einen Seite glatt, übrigens aber rund und an einem Ring aufgehangen waren. Auf dem einen Steingewichte sah man ein Frauenbild mit einem Bund Schlüssel, welches sie über dem Kopfe hielt, als ob sie damit werfen wollte, und der Umschrift. »Du leugst wie eine Hure.« Auf dem anderen Gewichte war auch ein Frauenbild mit einem »Waschbleu« und den Worten: »Du bist eine Hure«, zu sehen, und die gemeine Sage war, daß in alten Zeiten diese Gewichte von zänkischen Weibern, welche sich geschlagen, öffentlich hätten herumgetragen werden müssen.
Eine ähnliche Strafe gab es in Crimmitschau. Wenn daselbst Weibspersonen einander geschimpft hatten, so mußten sie an der Rathausthüre einander gegenüber stehen und ward jeder eine Art von bleiernem Gewichte an den Hals gehängt.
In Bautzen war es im Mittelalter bis gegen Ende des 17. Jahrh. eine gewöhnliche Strafe für zänkische Weiber, daß sie sogenannte Schandsteine, welche die Form von runden Flaschen hatten, an einer eisernen Kette um den Hals durch die Stadt tragen mußten. Man nannte diese Strafe das Flaschentragen oder das trinken aus des Büttels Flasche. (Haupt, Sagenbuch d. L. II. No. 89.) Auch in Leipzig gab es für solche Weiber, welche sich auf dem Markte schlugen, rauften oder einander schmähten, Schandsteine, die der Rat 1624 neu anfertigen ließ. An manchen Orten wurden auch diejenigen Personen damit geschmückt, welche nächtlichen Straßenlärm machten. Da und dort hatten diese Steine Brotform, und daher schreibt sich wohl auch die Redensart: Ein schwerer Bissen Brod. In Lübeck hatten sie die Form von Schüsseln, und nach dem Dortmunder und Halberstädter Statut von 1348 sollten sie das Gewicht eines Zentners haben. Waren die »losmäuligen« Frauen wohlhabend, so konnten sie sich von dieser schmachvollen Strafe durch einen Sack voll Hafer, der mit einem roten Bande zugebunden sein mußte, loskaufen. (Schäfer, deutsche Städtewahrzeichen, I. S. 54.)
805. Strafe für liederliche Weibspersonen.
(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)
Es war sonst in Crimmitschau die Gewohnheit, welche auch an andern Orten, z. B. in Schmölln, eingeführt war, daß liederliche Weibspersonen sich auf den niedern Stadtturm begeben mußten, allwo oben auswendig ein großer Korb befindlich war. In diesen mußten sie sich setzen, worauf sie dann jählings in den unten am Thore befindlichen Teich herabgelassen wurden.
806. Wie das Lehen gereicht wurde.
(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)
Wenn sonst jemandem in Crimmitschau das Lehen gereicht wurde, so beobachtete man die Zeremonie, daß dem Empfänger vom Gerichtsdirektor oder Amtmann ein runder Hut dargereicht wurde, woran der Empfänger greifen mußte, und wenn mehrere etwas in sämtliche Lehn empfingen, so mußten ebenfalls alle diesen Hut berühren.
807. Gebrauch bei einer zweiten Verheiratung.
(Göpfert, Geschichte des Pleißengrundes, S. 180.)
Eine Gewohnheit, welche in Crimmitschau ausgeübt wurde, war, daß die Witwen, welche sich zum zweiten Male verheirateten, der Gerichtsherrschaft ein Bett abgeben mußten.
Hidda, Friedrichs und Dedaus, Grafen zu Eilenburg Schwester, verordnete, daß jede Witwe, welche sich wieder verheiratete, dem Amtmann (~praefecto arcis~) zwei Schreckenberger in einem Beutel ohne Naht geben sollte.
808. Das Bärenprivilegium für Lößnitz.
(C. Lehmann, Chronik der freien Bergstadt Schneeberg. 1. B. Schneeberg 1837. S. 8.)
In der ältesten bekannten, aus dem Jahre 1284 stammenden Urkunde von Lößnitz erhielt die Stadt das Privilegium, daß sich in seinen Mauern kein Mönch oder Priester häuslich ankaufen sollte, sowie kein Edelmann. Letzteres soll der Sage nach davon kommen, daß ein Edelmann, mit Namen von Hagenest, im Jahre 1283 einen Bären gehabt, der sich von der Kette losgerissen und eines Bürgers Kind erwürgt. Darauf hätten die Bürger den Bären samt dem Edelmann erschlagen. Daher das Privilegium, welches deshalb auch das Bärenprivilegium hieß.
Anhang.
809. Der Wegzug der Zwerge.
(A. Stropnitzky in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 120.)
Am rechten Ufer der Eger liegt bei dem Dorfe Sosau eine Bauernwirtschaft, deren Besitzer schon seit Menschengedenken den Dienst von Fährleuten versehen haben. Eines Tages kam nun zu dem Bauer ein kleines Männchen und sagte, er wäre der Zwergkönig und wolle mit seinem Volke aus der Gegend auswandern, da die Leute schon das Brot in den Ofen und die Knödel in den Topf gegeben hätten. Der Fuhrmann möge sich für seine Arbeit eine Mütze voll Gold oder für jeden Zwerg einen Pfennig wählen. Der Bauer wählte das Erstere. Am nächsten Morgen kamen die Zwerge, aber alle unsichtbar; nur durch den Lärm, den sie verursachten, wurde es dem Bauersmanne klar, daß er sein Werk beginnen könne. Er band also den Kahn los, und tief sank dieser in das Wasser, so schwer war er beladen. Doch sah der Fährmann niemanden. Bereits den ganzen Tag hatte er schon gearbeitet, und noch immer war kein Ende. Als er nun von neuem leer herübergekommen war, trat der Zwergkönig zu ihm heran, lobte ihn und gab ihm den bedungenen Lohn. Zugleich sagte er, daß er noch einmal hinüberfahren müsse. Der Fährmann war in den Kahn gestiegen und der Zwergkönig folgte ihm. Als sie nun in der Mitte der Eger waren, fragte der Zwergkönig, ob der Fuhrmann nicht sehen wolle, wie viel Zwerge er hinüber gefahren habe. Und als der Fährmann diesen Wunsch äußerte, so schlug der Zwergkönig mit seinem Stabe in die Lüfte, und nun sah der Fährmann die ganze Straße und die benachbarten Felder mit Zwergen erfüllt. Doch nur einen Augenblick währte es, und alles war wieder vorbei. Seitdem sind die Zwerge aus der Gegend verschwunden.
In No. 186 bezieht sich diese Sage auf den Wegzug der Holzweibchen.
810. Der gespenstische Hund bei Unterscheibe.
(Nach der Mitteilung von H. Weißflog.)
An der Grenze der Dörfer Unterscheibe und Markersbach, unterhalb des sogenannten Vogtelgutes, läßt sich in stürmischen Nächten ein schneeweißer Hund mit rotleuchtenden Augen sehen, dessen Klagegeheul schauerlich durch die Nacht tönt. Er thut jedoch niemandem etwas zu Leide. Es soll dies der Hund eines Schäfers sein, der seinem Herrn sehr treu ergeben war. Der Schäfer hat sich einst in jener Gegend erhängt, und der Hund soll nun seinen Herrn suchen.
811. Der Schmiedmönch von Thierfeld.
(Mitgeteilt vom Seminarist Emil Müller.)
Alte Leute in Thierfeld bei Hartenstein erzählen von einem Geiste, dem sogenannten Schmiedmönch, welcher früher in der Schmiede des Ortes sein Wesen getrieben haben soll. Den Kindern ist er zu einem Schreckgespenst geworden, denn wenn dieselben nicht folgen wollen, so droht man ihnen mit dem Schmiedmönch, welcher jetzt neben der Schmiede unter den Wurzeln eines Strauches wohnen soll.
812. Warum einer von den Eingängen in die St. Wolfgangskirche zu Schneeberg zugemauert wurde.
(Nach einer Mitteilung des Archidiakonus Blanckmeister in Schneeberg.)
Ursprünglich hatte die St. Wolfgangskirche in Schneeberg drei Haupteingänge, von denen aber derjenige, welcher sich der Superintendentur gegenüber an der Turmseite befand, später zugemauert wurde. Als Veranlassung dazu wird folgendes erzählt: Ein früherer Pfarrer hat sich alle hundert Jahre des Nachts sehen lassen, und das letzte Mal soll er dem Pfarrer W. erschienen sein. Um nun das Wiedererscheinen des Gespenstes für alle Zeiten zu verhindern, vermauerte man nicht nur den oben bezeichneten Kircheneingang, sondern auch die gegenüberliegende Hausthüre der Oberpfarrerwohnung, welche sich auf der schmalen Seite des Hauses befand, und verlegte sie nach der Breitseite, wo sie sich noch heute befindet. Trotzdem glaubt man noch jetzt, daß es auf dem Kirchplatze nicht richtig sei, und man bringt z. B. das vor einer Reihe von Jahren auf dem Platze geschehene Unglück, wobei ein Arbeiter durch einen Erdfall ums Leben kam, damit in Zusammenhang, indem viele meinen, daß der umgehende Geist sein Opfer gefordert habe.
813. Die Befreiung der geraubten Prinzen Albert und Ernst.
(Johann Vulpius, ~Plagium Kauffungense~, das ist: Der Chur-Fürstl. Sächß. Printzen durch Conrad (Curt, Cuntz) von Kauffungen, geschehene Entführung aus dem Schlosse zu Altenburg, wie sich solche ~Anno~ 1455 zugetragen. Ohne Jahrzahl.)
Nachdem Kunz von Kauffungen mit seinen Genossen in der Nacht vom 7. zum 8. Juli 1455 die beiden Prinzen Ernst und Albert aus dem Schlosse Altenburg geraubt hatte, setzte er den erst genannten Prinzen auf ein gut gesattelt Roß und führte ihn bei finsterer Nacht nach dem Lande Böhmen zu, erstlich durch die Leine, so ein Wald oder Holz bei Altenburg gelegen, ferner durch die Rabensteiner Wälder bis ohnfern Elterlein um die Gegend des Klosters Grünhain, dahin er bei aufgehendem Mondschein gegen Morgen gekommen, vermeinend, nun mit seinem hohen Gefangenen leicht vollends nach Böhmen zu gelangen. Die andern haben den Prinzen Ernst auch auf ein Roß gesetzt und zwischen sich einen andern Weg davon geführt, willens ihn durch das Vogt- und Frankenland durch einen andern Strich in ihre Gewahrsam zu bringen; denn sie hatten sich dessen zuvor mit einander verglichen, diesen Raub durch unterschiedliche Wege wegzubringen, und obschon ein Teil mit seinem Prinzen ergriffen würde, so sollte doch der andere Teil seinen gefangenen Herrn nicht eher von sich geben, es wäre ihnen denn allen das Leben und Straffreiheit zugesagt.
Unterdessen ist auf dem Schlosse zu Altenburg ein groß Wehklagen, bei den Hofleuten aber ein großer Schrecken entstanden. Man hat es durch einen Eilboten gen Leipzig dem Kurfürsten zu wissen gethan, dem anfänglich diese That fast unglaublich vorgekommen. So haben die Hofleute auch nicht gesäumt, sondern von Stund an in alle Gegenden geschicket, sind auch zum Teil selbst ausgeritten, den Sturmschlag in allen Städten und Dörfern angehen zu lassen, dadurch das ganze Land rege geworden, sintemal immer eines dem andern auf frischem Fuße gefolget, auch den Nachbarn zu wissen gethan, und alle Straßen beleget. Im Städtlein Geyer ist von den heftigen Glockenschlägen über diesem Sturme die Glocke zersprungen. Solchen Sturmschlag und Nacheilen hat Kunz von Kauffungen wohl gehöret, weil er aber bei Mittagszeit den Wald erreichet, verhoffte er leichtlich davon zu kommen. Da er nun nicht über eine halbe Meile bis zur böhmischen Grenze gehabt, hat es Gott sonderlich geschickt, daß den jungen Herrn, Herzog Albrechten (Albert) sehr gehungert und gedürstet, welches er Kunzen mit den Worten beklagt: Wo er nicht zu essen und zu trinken bekäme, würde er Krankheit halber nicht weiter kommen können, sondern müsse liegen bleiben. Solches besorget Kunz selbst, sintemal er ihn von Mitternacht bis nun fast gegen Mittagszeit auf einem schnell trabenden Rosse geführet. Deswegen behielt er einen Reiter bei sich und stieg vom Pferde ab, in Mangel anderer Speise dem Herzoge im Walde Erdbeeren abzupflücken; seine andern Reiter, derer fünf gewesen, hieß er ein wenig auf den Halt voranreiten, er aber spazierte im Walde mit dem Prinzen ein wenig abseits, Erdbeeren zu suchen. In diesem Walde arbeiteten aber unterschiedliche Köhler. Von denen war ein Junge, namens Urban Schmidt, gen Geyer geschickt worden, einen Kober voll Brot, Salz und andere nötige Dinge zu holen. Dieser Junge hatte das Anschlagen der Glocken gehört, dazu vernommen, wie die große Glocke von gemeldetem Stürmen geborsten und die Rede gegangen, es hätte der Feind zu Altenburg einen Einfall gethan, das Schloß erstiegen und einen großen Raub weggeführet. Weil man nun dazumal von keinem Krieg noch Feinde wußte, der Junge auch nicht mehr erzählen konnte, so gerieten die Wäldler oder Köhler in große Verwunderung und Bestürzung.