Sagenbuch des Erzgebirges

Part 61

Chapter 613,704 wordsPublic domain

In Zwickau, am rechten Ufer der Mulde, an der Straße, die von der Stadt nach Chemnitz führt, befindet sich noch heute ein Gasthof, zum Paradies genannt, der ehedem aber das Ochsenhaus oder der Ratsweinkeller hieß und seinen jetzigen Namen von seiner schönen Lage erhalten haben soll. Nach einer Sage rührt derselbe aber von folgender, freilich unverbürgter Begebenheit her: Als Luther einst zu Zwickau war und seine Predigten einen solchen Eindruck auf das Volk machten, das dasselbe das Kloster oder den Grünhainer Hof stürmte, lockten die erbitterten Mönche Luthern eines Abends zu einem angeblichen Kranken in eine entlegene Straße, um ihn zu ermorden. Sie sendeten nämlich ein Weib in Luthers Haus, welches daselbst weinend aussagte, ihr Mann sei zum Tode krank und verlange vor seinem Ende noch einmal den frommen Herrn zu sehen. Auf solche Bitten ging Luther mit ihr und sie führte ihn durchs Tränkthor. Plötzlich öffnete sich ein Haus, das Weib entsprang und aus dem Hause stürzte voller Wut der Mönche Troß. Jedoch gelang es dem großen Reformator, sich ihren Händen zu entreißen und in ein offenstehendes Haus zu flüchten, dessen Thor er eilig durch den vorgeschobenen Riegel verschloß. Da zogen sich die Mönche still zurück; Luther aber sprach mit freudigem Blicke zum Wirte des Hauses, der ihn nach dem Grunde seiner Flucht fragte: »Die Kuttenträger lechzten lange nach meinem Blute; aber Gott sei Dank, der mich dieses Haus in meiner Bedrängnis finden ließ, dasselbe ist mir zum wahren Paradiese geworden!« Der Wirt gab ihm darauf zwei Knechte mit, die ihn sicher nach seiner Wohnung geleiteten. Das Haus, in welchem Luther damals Schutz fand, wird aber noch heute das Paradies genannt.

772. Der Leichnam des Grafen Joachim Andreas Schlick.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 33.)

Als man im Jahre 1769 auf der Ostseite der durch den Brand von 1873 zerstörten schönen Joachimsthaler Decanatkirche eine neue Sakristei baute, an deren Stelle heutzutage der prachtvolle Hochaltar steht, entdeckte man in einer Tiefe von ungefähr fünf Ellen ein altes Gewölbe. In demselben befand sich ein Doppelsarg, in welchem »ein in purpurrotem Sammt gekleideter, verwester großer Körper ohne Kopf« ruhte.

An diesen Fund knüpft sich die Sage, daß dies der Leichnam des Grafen Joachim Andreas Schlick, Oberstlandrichters von Böhmen, gewesen sei, der am 21. Juni 1621 wegen Teilnahme am böhmischen Aufstande am Altstädter Ringe zu Prag das Blutgerüst besteigen mußte und enthauptet wurde. Der Kopf des Hingerichteten ward am »Bruckthor« aufgestellt, während dessen Rumpf sechs verkappte Personen entfernten.

773. Wie Bernsbach seine Waldungen verlor.

(Richter, Chronica der freyen Bergstadt St. Annaberg. II. 1748. S. 29.)

Die Wälder um Bernsbach sind einst unbedachtsamer Weise der Gemeinde verloren gegangen. Denn dem Verlaut nach soll zu Joh. Georgs I. Zeiten eine Revision gekommen sein, und da die Bernsbacher gleichfalls gefragt worden, ob sie Grundstücke hätten, so noch nicht zinsbar, sollen sie geantwortet haben, es wäre Refier und wilder Wald genug, was ihnen der Quark sollte, sie könnten das Holz so nicht tilgen. Worauf die Kommission gefragt, ob sie es denn nicht haben wollten? Darauf sie gesagt, das Holz wüchse ihnen so in die Fenster hinein; wenn es der Kurfürst besser zu gebrauchen wüßte, möchte er es hinnehmen, sie wüßten damit nichts anzufangen. Darauf hätten sie sich ordentlich losgesagt, und ist dies Holz also hernach eingezogen worden, und hat jetzt dieses ganze Dorf nicht eine Hand breit an Refieren und Holz.

774. Aus welchem Grunde der Pfarrherr zu Reinsdorf Getreidezins erhält.

(Schmidt, ~Chronica Cygnea~. II. 1656. S. 131.)

Im Jahre 1267 ward vom Papste Urban IV. das Fronleichnamsfest angeordnet, wobei die Geistlichkeit die Fluren der betreffenden Gemeinden zu umgehen hatte. Weil aber die Pfaffen in Zwickau nicht alle Felder und Fluren an diesem Tage umgehen konnten, haben sie ein gewisses Teil auf dem Berge, der Stadt gegen Morgen gelegen, den Pfaffen zu Reinsdorf zu umziehen übergeben. Und daher ists gekommen, daß die Besitzer dieser Felder dem Pfarrherrn zu Reinsdorf noch jährlich ein gewisses an Getreide zinsen müssen.

775. Warum in Zwickau kein Kürschner zum Ratsstand gezogen wurde.

(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygnea~. II. 1656. S. 181.)

Im Jahre 1403 ist in Zwickau ein so großes Feuer ausgebrochen, daß die ganze Stadt ausgebrannt, also daß man auf dem Markt zu allen vier Thoren hat hinaussehen können. Dieses Feuer ist bei einem Kürschner in der Scheergasse ausgekommen, und sind dem Rat damals die wichtigsten Urkunden mit verbrannt. Es ist dann die gemeine Sage gegangen, daß von der Zeit an kein Kürschner mehr zum Ratstand gezogen worden sei.

776. Ein altes Recht der Töpfer von Dippoldiswalde.

(Mündlich.)

Dresden war einmal von der Pest heimgesucht, so daß alle Umwohnenden die Stadt mieden und die Märkte unbesucht blieben. Eine Ausnahme davon aber machten, wie erzählt wird, die Schachtelmacher von Seiffen und die Töpfer von Dippoldiswalde. Dieselben besuchten auch während der Zeit, da die Krankheit viele Einwohner hinwegraffte, die Märkte der Stadt und boten ihre Waren feil. Daher erhielten insbesondere die Töpfer von Dippoldiswalde das Recht, auch fernerhin frei und ungehindert diese Märkte besuchen zu dürfen. Später wurde ihnen solches Privilegium von den Kurfürsten wiederholt und unter anderem auch von August dem Starken bestätigt, jedoch mit dem Zusatze, daß jeder Meister nur einen Korb Waren mitbringen und nur »einen Sonnenschein lang« (d. h. nur einen Tag lang) verkaufen dürfe.

777. Warum die Griesbacher Gemeinde keinen eigenen Pfarrer hat.

(Mitgeteilt vom Lehrer Krauß aus Schneeberg.)

Das Dorf Griesbach bei Schneeberg hat wohl eine kleine Kirche, aber keinen eigenen Pfarrer; das Pfarramt zu Griesbach ist nämlich dem Diakonus von Schneeberg übertragen. Vom Volke wird nun erzählt, daß einst auch genanntes Dorf seinen eigenen Pfarrer gehabt habe. Der letzte derselben soll eines Tages mit mehreren Gliedern seiner Gemeinde nach dem nahen Lindenau gegangen sein und dort sich in dem Biere etwas gütlich gethan haben. Auf dem Heimwege entstand ein Streit, der immer hitziger wurde und damit endete, daß der allein als Partei auf einer Seite stehende Pfarrer erschlagen wurde. Dies geschah in dem Walde zwischen Griesbach und Lindenau. Der Körper des Erschlagenen aber wurde in dem Walde verborgen und noch heute soll sich die Gestalt dieses Pfarrers zu manchen Zeiten daselbst sehen lassen. Die Griesbacher Gemeinde hat aber seitdem keinen eigenen Pfarrer mehr erhalten.

Nach der Kirchengalerie von Sachsen (8. B. S. 132.) ist die Griesbacher Kirche, ehe das dortige Pfarramt von Schneeberg aus verwaltet wurde, stets ein Filial von Neustädtel gewesen; sie hatte also niemals einen eigenen Pfarrer. Zu Beschützern hatte sie St. Georg und St. Martin. Am Tage des heilg. Georg stand die Bildsäule desselben zu Pferde vor der Kirchthüre und bei derselben wurden Almosen für Arme gesammelt. Am St. Märtens-Tage aber saß der heil. Martin hoch zu Roß vor dem Kirchthore, und die leichtgläubigen Bauernweiber brachten ihm, als einem besonderen Schutzpatrone des Viehes, ansehnliche Opfer an Geld und andern Dingen. (Kirchengalerie a. a. O.) Der heilige Martin trat bei der Gründung von Martinskirchen durch die deutschen Heidenapostel als Schimmelreiter an die Stelle Wuotans.

778. Wie das Schnorrsche Chor in der St. Wolfgangs-Kirche zu Schneeberg eine Thür von außen erhielt.

(Kirchengalerie Sachsens, 8. B. S. 165.)

Nahe an der äußern Thüre zur Sakristei der Schneeberger St. Wolfgangskirche führt auch eine schwarze eiserne Thüre nach dem Chor der Schnorrschen Familie. Durch diese Thüre sind früher oft Diebe in die Kirche eingebrochen, und so oft dies geschah, wurde die Thüre fester und fester gemacht; jetzt hält man sie für unüberwindlich.

Über ihre Entstehung wird folgendes erzählt:

Der reiche Veit Schnorr von Carlsfeld, welcher um das Ende des vorigen Jahrhunderts in Schneeberg lebte, wollte nicht gern durch die ganze Kirche wandern und dann im Angesichte aller Kirchleute die damals nur von innen auf sein Chor führende Thüre aufschließen. Aber obschon er oft um die Erlaubnis bat, eine Thür von außen auf seine Kosten durchbrechen zu lassen, wurde ihm dies von dem Rate doch nicht gestattet. Da wurde er endlich still und man hielt die Angelegenheit für erledigt. Unter dem Vorwande, die Herren vom Rate, welche ihm wegen seiner dringlichen Gesuche doch am Ende etwas böse gesinnt sein könnten, wieder mit sich auszusöhnen, lud er sie alle zu sich nach Carlsfeld zu einem dreitägigen Feste ein. Wer geladen war und kommen konnte, fand sich ein. Man aß und trank nach Herzenslust und voller Dank gegen den gastfreien Schnorr zog man endlich ab. Wer ihm irgend einen Dienst für die Zukunft anbieten konnte, that dies; alles, wenn es sonst nur ginge, sollte für ihn geschehen, nur freilich mit dem Eingange, das wisse er, ging es nicht. Schnorr entschuldigte nochmals seine Zudringlichkeit, und versöhnten Herzens gingen sie auseinander. Da erfuhr man es am andern Tage, der Herr Wirt habe sich während des gegebenen Festes Maurer bestellt und diese hätten eine Thüre in drei Tagen durchgebrochen und fertig gemacht. Was konnte man thun? Die Thüre blieb bis auf den heutigen Tag.

779. Der erste Klöppel in Annaberg.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang. No. 24.)

Als man im Jahre 1512 den Galgen vor der Stadt Annaberg aufbaute, kam einer, namens Klingensporn, gewandert und betrachtete den Galgen und sagte im Vorübergehen zu dem Baumeister, den die Chronik den dicken Michel nennt, lachend: »Ei, ihr baut da eine schöne Glocke! Nun, ich will gerne sehen, wer der erste Klöppel darin sein wird!« Nicht lange darauf fing man einen Dieb, und wer war's? Klingensporn. Er ward zum Strange verurteilt und hing nach wenig Tagen als der erste Klöppel in der großen steinernen Glocke vor der Stadt. Seinen Tod aber haben die Alten angesehen für ein göttliches Warnungszeichen, daß man über ernste Dinge nicht mutwillig scherzen solle.

780. Das Geschwistergrab in der Kirche zu Annaberg.

(Ziehnert a. a. O. Anhang No. 25.)

Am 27. April 1604 brach in Annaberg eine Feuersbrunst aus, welche, vom Sturme rasch verbreitet, die Stadt bis auf sieben Häuser verzehrte. Nun wohnte aber am Markte in dem Hause, welches jetzt das Museum heißt, ein Geschwisterpaar, Johann und Benigna Biener. Der Bruder krankte seit längerer Zeit am gräßlichsten Wahnsinn, so daß er mit Ketten an die Wand gefesselt werden mußte. Als nun der Markt bereits in vollen Flammen stand, da suchte Benigna in Todesangst nach dem Schlüssel, um ihrem Bruder die Ketten abzunehmen und ihn fortzuführen, aber der Schlüssel war nicht zu finden; sie suchte die Ketten zu zerschlagen, aber das Eisen trotzte der schwachen Mädchenhand. Schon schlug die Lohe zu den Fenstern und der Thüre herein, die treue Benigna ließ nicht von ihrem Bruder. Die Decke brach nieder und unter dem nachstürzenden Schutt und Gebälke lagen die beiden Geschwister begraben. Am dritten Tage darauf zog man ihre verschrumpften und halbverbrannten Leichen unter den Trümmern hervor. Sie hielten sich noch fest umarmt, wie der schreckliche Tod sie übereilt hatte. War vielleicht dem Wahnsinnigen durch die Todesangst ein lichter Augenblick gekommen?

Am 13. Mai wurden die beiden Leichen in der ebenfalls ausgebrannten Annenkirche unter großem Zulauf beerdigt. Ihr gemeinsames Grab zeigt man noch jetzt.

781. Das Blutopfer des Baumeisters der Kirche zu St. Jacob in Chemnitz.

(Richter, Chron. v. Chemnitz I., 1767, S. 169.)

Der Ort, wo die Kirche zu St. Jacob in Chemnitz stehet, soll ehedem sehr sumpfig und morastig gewesen sein, daher die Kirche auf der einen Seite, gleichwie auch der Turm, auf eingerammelten Pfählen steht. Der Baumeister, welcher zuerst diese Kirche erbaut, soll, nachdem er mit dem ganzen Bau fertig gewesen, sich von oben herabgestürzt und also den Bau mit seinem Blute versiegelt haben.

Auch wird erzählt, daß der Kaiser Otto I., unter welchem die anfängliche, viel kleinere Kirche erbaut wurde, den ersten Grundstein, nebst einer Münze mit dem Bildnisse St. Jacobs darunter, legte. Er schenkte auch der Kirche das Bildnis der heiligen Maria; dasselbe soll viel Zeichen und Wunder gethan haben, weshalb nicht weniger Zulauf von Wallfahrern dahin gewesen, als nach Aachen oder St. Compostell in Spanien.

782. Die Zipperleinkur in Annaberg.

(Ziehnert a. a. O. Anhang. No. 27.)

Schriftlich und mündlich hat sich folgende seltsame Geschichte in Annaberg erhalten. Im Jahre 1572 nämlich ließ ein Ratsherr, welcher schon seit vielen Jahren mit dem heftigsten Zipperlein beladen war, sein Haus pflastern und stand dabei und sahe zu. Der Pflasterer war gerade bemüht, das Pflaster mit dem Rammel eben und fest zu schlagen. Im Gespräche aber mit dem Ratsherrn hatte er auf seinen Rammel nicht wohl acht und traf damit heftig den Fuß des Ratsherrn. Dieser schrie zwar laut vor Schmerz, ward aber bald gar froh darüber, denn das Zipperlein war aus seinem Fuße verschwunden und ist auch bis an seinen Tod nicht wiedergekehrt.

In Zwickau ward auch einem vom Zipperlein geholfen dadurch, daß ein geladenes Gewehr, welches der Kranke auf dem Schoße liegen hatte, unversehens los ging.

783. Der Blutfleck auf dem Pfarrhofe zu Elterlein.

(Mündlich, z. T. Einige Nachrichten zur Elterleiner Geschichte vom Pfarrer Christoph Schreiter. Manuskr.)

Auf dem Pfarrhof zu Elterlein zeigt man eine Stelle, welche nach jedem Regen rot wird. Hier soll im Jahre 1518 der Bergmeister Hans Hünerkopf den frevelnden und grobscherzenden Kaplan Moritz von Annaberg erstochen haben, »weil er seiner Henne (d. h. des Bergmeisters Frau) nachgegangen war.«

Die oben genannte Thatsache findet sich auch in Meyers Geschichte des Annen-Tempels zu Annaberg, S. 128 und bei Chr. Friedr. Haupt, die gelehrten Elterleiner, 1739.

Die Hünerkopfe werden »uralt adelige Bergherren« genannt, welche »ein ihrem Namen gleiches Wappen« führten. Nach der Familie soll noch ein Feld bei Elterlein seinen Namen haben. In der Elterleiner Kirche aber fand man eine Messingtafel mit dem Hünerkopfschen Wappen und folgender Inschrift: »~Anno~ 1533 ist verschieden der Erbare Hans Hünerkopf von Adorf, allhier begraben, dem Gott gnädig sey.« Dieser Hans Hünerkopf war bereit um das Jahr 1516 der Herren von Schönburg geschworener Bergmeister an dem damaligen Bergamte Elterlein.

Der nach jedem Regen sichtbare braunrote Fleck auf dem Pfarrhofe zu Elterlein rührt von einer zur Familie der ~Chroococcaceen~ gehörige Alge her.

784. Die Bäuerin in Frohnau.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang No. 28.)

In den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts, als das Berggebäude »himmlisches Heer« bei Kunnersdorf noch 1400 Flgr. vierteljährliche Ausbeute für den Kux gab, baute auch eine Bäuerin in Frohnau als Gewerkin an jenem Gebäude mit und ward dadurch in kurzer Zeit sehr reich, wußte aber nicht im Glücke mäßig zu sein und trieb allerlei Unfug der Verschwendung. So z. B. badete sie sich täglich in dem teuersten Weine, den sie aufzutreiben wußte, und um nun denselben nicht umkommen zu lassen, so gab sie ihn, mit Semmelbrocken vermischt, den Armen als Kaltschale zu trinken. Diese wußten nicht, was die Bäuerin erst mit dem Weine gemacht hatte, aßen mit vieler Lust und dankten der reichen Geberin viel tausend Mal für die köstliche Erquickung. Aber als sie die Badegeschichte erfuhren, da ekelte sie und warfen der übermütigen Bäuerin die Fenster ein und sangen Spottlieder auf sie, so daß sie sich nicht mehr öffentlich sehen lassen durfte. Übrigens muß sie auch noch andere recht unziemliche Dinge verübt haben, denn der Klerus war darüber so erzürnt, daß er Gott öffentlich bat, den Bergsegen zu vermindern.

Ein Andenken an diese Bäuerin ist das Berggebäude »die Bäuerin« am Schottenberge, welches sie aufgenommen haben soll.

785. Die beiden Brüder zu Frohnau.

(Hering, Gesch. d. Sächs. Hochlandes. 1828. II. S. 42.)

Im Dorfe Frohnau bei Annaberg befanden sich im Jahre 1544 zwei Brüder, die zusammen ein Gut hatten, eines Sonntags im Wirtshause und hatten etwas zu viel getrunken. Nur um sie zu necken, raunt ihnen einer zu, es habe sich ein Dieb in ihr Feld geschlichen und raube dort die Früchte. Sie springen hastig auf, ergreifen ihre Schwerter und nahmen die Abrede, daß der eine von dieser, der andere von jener Seite das Feld durchsuchen solle, damit der Dieb nicht entwische. So schleichen sie denn heran und als einer den andern im Dunkel erblickt, stürzen sie in der Meinung, daß es der Dieb sei, auf einander los und einer erhält eine tödliche Wunde. Bei seinem Hülfsgeschrei erkennt ihn der Sieger als seinen Bruder, man eilt herbei und als der schwer Getroffene noch in derselben Nacht an seinen Wunden stirbt, ergreift der unglückliche Brudermörder die Flucht, und erhielt nur unter der Bedingung Verzeihung von dem Herzoge Moritz, daß er seinen Anteil an dem Gute an die Frau und Kinder des Erschlagenen abtrat. Der Fleck aber, wo jener Mord geschah, wird noch jetzt gezeigt.

786. Das Mönchskalb zu Freiberg.

(Moller, ~Theatr. Freibg.~ I. S. 213. II. S. 179. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 279.)

Den 29. Juni 1523 ist zu Freiberg im öffentlichen Kuttelhofe in einer geschlachteten Kuh, so einem Bauer zu Klein-Waltersdorf zugehörte, das sogenannte Mönchskalb gefunden worden. Dieses Kalb hat einen runden ungestalteten Kopf gehabt und oben darauf eine Platte wie ein Pfaffe, samt zwei großen Warzen wie kleine Hörner; mit dem Untermaule ist es einem Menschen, mit dem obern und der Nase einem Kalbe gleich, sonst aber ganz glatt am Leibe gewesen, es hat die Zunge lang aus dem Munde herausgestreckt; die Haut am Halse und Rücken herunter hat wie eine gewundene Mönchskutte ausgesehen, an den Seiten aber vorn und an den Beinen ist es voller Ritze und Schnitte gewesen, als wenn die Kutte zerhauen oder zerschnitten wäre. Solches Ungeheuer ist von ~Dr.~ M. Luther in seinen Schriften, wo es auch abgebildet wird, neben der Beschreibung des Papstesels, den man 1496 zu Rom gefangen, gedeutet worden, Melanchthon aber meinte, daß durch dieses Kalb die Verderbnis der lutherischen Lehre in fleischliche und verderbliche Meinungen, wie sie zu selbiger Zeit im Schwunge gewesen, angezeigt worden, inmaßen auch bald hierauf ein Schwein zu Halle in den Osterfeiertagen ein Ferklein geworfen, welches einem Pfaffen in Gestalt des damaligen Habits ganz ähnlich gesehen. Es hat aber gedachtes Mönchskalb die Autorität der Geistlichen, so dem Papste zugethan gewesen, sehr verringert, also daß auch die Bergleute ein besonderes schimpfliches Lied davon gedichtet und dasselbe den Mönchen und Pfaffen zu Spott und Hohn lange Zeit allhier gesungen mit Bezug darauf, daß der Fleischer mit Vorbedacht und Willen das Fleisch von der Kuh, in welcher man das besagte Mönchskalb gefunden, niemandem als den Canonicis, Mönchen und andern Geistlichen gelassen und solche dasselbe unbewußt verzehrt haben.

787. Die Abschiedstanne zwischen Mitweida und Gottesgab.

(Mitgeteilt von H. Weißflog aus Raschau.)

An der Waldstraße, welche von Mitweida nach Gottesgab führt, stand hart an der sächsischen Grenze eine starke Tanne; man sagt, daß sieben Mann dieselbe kaum hätten umspannen können. Jetzt sieht man von derselben nur einen Stumpf, da der morsche Baum abgebrannt und dadurch vernichtet worden ist. Diese Tanne hieß die »Abschiedstanne«, und man erzählt, daß einst an ihr Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen und der Schwedenkönig Gustav Adolf von einander Abschied genommen hätten. Ebenso knüpfte sich an den Baum folgende Sage: Ein Graf von Schwarzenberg kehrte unverhofft von einer Fehde zurück und traf in seinem Schlosse bei seiner Gemahlin einen für treu gehaltenen Freund als Buhlen an. Darüber ergrimmte er dermaßen, daß er beide binden ließ und mit sich tief in den Forst führte. Hier gebot er ihnen, von einander und von dem Leben Abschied zu nehmen; nachdem sie dies gethan hatten, fielen sie von seiner Hand. Dies aber soll an jener Tanne geschehen sein, welche davon den Namen Abschiedstanne erhielt.

788. Die Fichte auf dem Gottesacker in Annaberg.

(Nach G. Andrä, Chron. Nachr. von Annaberg. 1837. S. 67. Bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 504.)

Zu Frohnau bei Annaberg lebte einst ein ganz armer Mann, namens Georgi, der in den kümmerlichsten Umständen starb. Da nun sein einziger Sohn wegen seiner Armut die Begräbniskosten für denselben nicht aufbringen konnte, man also deshalb mit der Beerdigung anstand nahm, steckte er seinen Vater in einen Leinwandsack, legte denselben auf einen Schubkarren und beerdigte ihn auf dem hintern oder neuen Gottesacker in Annaberg mit den Worten: »Komm, alter Vater, komm! laß dich von mir begraben, dieweil die Menschen dich nicht hier begraben wollen.« Kurze Zeit nachher soll nun aus dessen Grab eine Fichte hervorgewachsen sein, die man heute noch sehen kann, und eine im Beinhaus ausgehängte Tafel vom Jahre 1737 deutet noch jetzt auf diese Begebenheit hin.

789. Die drei Eichen im Gründel bei Glauchau.

(Alb. Schiffner im Archiv für sächs. Gesch., 2. B. S. 169.)

Nächst dem Glauchauer Schlosse stehen an einem sehr anmutigen Spazierwege im sogenannten Gründel drei Eichen nahe beisammen. Diese sollen, wie erzählt wird, ein Gesamteigentum des Hauses Schönburg in der Maße bilden, daß ohne Einwilligung aller majorennen Glieder des Hauses keine derselben geschlagen werden darf.

790. Woher der Name Preißelbeere stammt.

(Lindner, Wanderungen durch die interess. Gegenden des sächs. Erzgebirgs. I. Heft. Annaberg, 1844. S. 43.)

Ober- und Unterjugel bei Johanngeorgenstadt sind älter als genannte Stadt, welche 1654 gegründet wurde; denn schon 1571 erhielt Sebastian Preisler die Konzession zur Erbauung einer Glashütte und 8 Häusern; ebenso hatte Gabriel Löbel die Vergünstigung zur Anlegung eines Blaufarbenwerks erhalten. Dies waren die Anfänge von Ober- und Unterjugel. Im Volke aber hat sich die Sage erhalten, daß die jetzt allgemein bekannten Preißelbeeren ihren Namen von jenem Preisler empfingen, weil dieser sie erst in den Handel gebracht und genießbar zu machen gelehrt habe.

Der Name »Preißelbeere« führt uns auf die Wurzelbrossen, mhd. ~brozzen~, d. h. brechen, hervorbrechen, hervorsprießen. Er würde also mit »sprießende Beere« oder »Sprießeln«, welche letztere Bezeichnung in der That für das Kraut gebraucht wird, zu deuten sein. Die Pflanze macht in den Waldungen, deren Boden sie mit frischem Grün bedeckt, den Eindruck des sprießenden.

(Graßmann, deutsche Pflanzennamen, S. 152.)

791. Was der Name Wismut bedeutet.

(Engelschall, Beschr. v. Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. 1723. S. 188.)

Es halten etliche dafür, weil Wismut seine Blüte und mancherlei Farben hat, und siehet weiß, braun, rot, gesprenglich durcheinander aus, so habens die alten Bergleute Wismut genannt, das blühe wie eine schöne Wiese, darauf allerlei farbige Blumen stehen. Albinus schreibt in seiner meißnischen Bergchronik, daß die Bergleute der Meinung seien, Silber bilde sich aus Wismut, wie man bei Halden gefunden, auf die man Wismut gestürzt und in denen man dann nach Jahren Silber gefunden habe. Sie nennen es auch des Silbererzes Mutter oder des Silbers Dach, da dasselbe öfters darunter liegt. Auch sprechen die Bergleute, sie kommen zu frühe, wenn sie Wismut finden, und bekennen, wenn diese Bergart länger im Bergfeuer gestanden hätte, so wäre gut Silber daraus geworden.

Der Name Wismut soll jedoch nach Koch aus dem Arabischen: ~wiss majaht~, d. h. die Leichtigkeit des Storax oder was so leicht wie Storax schmilzt, abstammen. (Leunis, Synopsis d. Min. und Geogn., bearbeitet von Senft, I. S. 294.)

792. Woher die alte Bezeichnung »Schnieber« für Groschen stammt.

(Meltzer, Bergkläufftige Beschreibung der löbl. Bergk-Stadt Schneebergk. 1684. S. 163.)