Part 49
Bei dem Dorfe Lichtenberg erhebt sich der bewaldete und die ganze Umgegend beherrschende Burgberg. Man erzählt, daß einst auf ihm ein Schloß stand, welches als gefürchtetes Raubnest weit und breit bekannt war. Wenn der Herr dieser Burg mit seinen Knappen durch das Land zog, so bezeichneten Mord und Brand die Stätten, welche er heimsuchte. Kehrte er dann von seinem blutigen Zuge wieder nach dem Schlosse auf dem Burgberge zurück, so kreisten in wilder Lust daselbst die Becher und die geängstigten Bewohner des Thales sahen dann in der Nacht die Fenster des Schlosses hell erleuchtet. Da sprachen sie zu einander: »Es wird wieder Licht auf unserm Berge!« Dabei verwünschten sie die Bösewichter und baten Gott, daß er sie doch von dieser Plage befreien wolle. Und die Zeit kam endlich auch, daß die Burg zerfiel, und nur einen alten Steinwall bezeichnet man als deren Reste. An dem Fuße des Berges konnte man wieder ruhig wohnen, es bauten sich daselbst mehr und mehr an, und die zerstreuten Ansiedelungen wurden später zu einem Dorfe vereinigt, dem man zur Erinnerung an das Licht, welches einst nach jedem Raubzuge der Ritter auf der Spitze des Burgberges zu sehen gewesen war, den Namen »Lichtenberg« gab.
567. Der Ursprung des Namens Dörnthal.
(Mündlich. Wilisch, Kirchenhist. v. Freiberg etc. II., S. 293. Kirchengalerie, 12. B., S. 115.)
Das Dorf Dörnthal bei Sayda hieß früher Dorothenthal nach einer des heiligen Dorothea gewidmeten Kapelle, welche im 30jährigen Kriege zerstört worden sein soll. Diese Kapelle soll zum Kloster Ossegg gehört haben und sind zu derselben viel Wallfahrten geschehen. Man sagt, daß von ihr noch eine zerschossene Wetterfahne vorhanden sei, welche sich jetzt auf dem dermalen dem Kramer Keilig in Dörnthal gehörigen Hause befindet. Auch zeigt man noch die eingefriedigte Stelle, wo jene Kapelle gestanden haben soll. Von zwei Glocken, die auf der Kapelle gehangen haben, soll die eine nach Annaberg und die andere nach Großhartmannsdorf gekommen sein.
568. Deutung des Namens Weiters-Wiese.
(Mitgeteilt vom Lehrer Thuß in Tellerhäuser.)
Das nur aus wenigen Waldhäusern bestehende Örtchen Weiters-Wiese bei Karlsfeld soll ehemals »Weidewiese« geheißen haben. Es war an dieser Stelle mitten im Walde eine nach Auerbach gehörige Wiese vorhanden, auf welche während des Sommers von den Fleischern genannter Stadt das Vieh zur Weide getrieben wurde.
569. Von den Namen Schellenberg und Lichtenwalde.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, 1847, S. 13.)
Auf dem Schellenberge, wo sich jetzt Augustusburg erhebt, trieb in ihrem Raubschlosse eine starke Zahl Räuber besonders heillos ihr Wesen. Ein ähnliches Raubschloß befand sich kaum 2 Stunden davon entfernt, jenseits der Chemnitzer Straße auf einem Waldhügel. Durch Signale standen sie in enger Verbindung. Wenn nämlich von Freiberg her jenseits der Oederaner Gegend Reisende mit Handelsgütern sich zeigten, so zogen die Räuber des Schellenberges eine Glocke an -- daher der Name Schellenberg --, was für die jenseitigen Räuber das Zeichen war, sich an der Straße zur Plünderung bereit zu machen. Wenn hingegen von Chemnitz her sich die Reisenden sehen ließen, zündeten jene ein Feuer an, um dem Schellenberger ein gleiches Zeichen zu geben; daher der Name; denn der Wächter rief dann: »Licht im Walde!« Länger als 300 Jahre trieben die Räuber ungestraft dies Wesen; man weiß jedoch nicht, wer und wann es endigte.
570. Von den Namen Streitwald, Beutha, Affalter und Lößnitz.
(Oesfeld, Hist. Beschr. von Lößnitz, 1776, S. 2.)
Es wird gesagt, daß bei Streitwald ein Treffen vorgefallen sei, man darauf in Beutha die Beute geteilet habe, in Affalter der Feind sei abgehalten und Lößnitz durch einen Nebel den Feinden unsichtbar und also aus ihrer Hand sei erlöset worden.
Eine andere Tradition meldet nichts von einem Streite, erzählt aber mit der vorigen Sage übereinstimmend, daß die Stadt Lößnitz durch einen Nebel verdeckt und so von dem Kriegsheere »erlöset« worden sei. Es sei nämlich der Feind einst früh aufgebrochen und habe seinen Weg auf Lößnitz genommen. Ein starker Nebel aber habe die Stadt, welche im Grunde liegt, den Augen des Feindes entzogen, der alsdann den Weg verfehlt habe und nach Zwönitz und dem Chemnitzwasser entlang bis an die Stadt Chemnitz gekommen sei. (Peck, Beschreibung des Chursächsischen Erzgebirges, 1. B., 1795, S. 4.)
571. Der frühere Name von Lichtenstein.
(Beschreibung über die Kirche zu Oberlungwitz, St. Martin genannt etc. von dem dortigen Schulmeister aufgezeichnet 1766, Manuskript.)
In den älteren Zeiten soll in der Gegend, wo jetzt Lichtenstein steht, ein sehr finsterer und dicker Wald gewesen sein, da denn die wenigen Häuser, welche anfänglich erbaut gewesen, den Namen »Finsterstein« bekommen haben. Darnach aber, als der Wald durch Erbauung mehrerer Häuser immer lichter geworden, so daß man den Ort zu einer Stadt bestimmte, hätte er den Namen Lichtenstein bekommen.
572. Der Zeisigstein und der »Storch« bei Frauenstein.
(Glückauf 2. Jahrg. No. 7. und ~Dr.~ Hasse im Glückauf 3. Jahrg. No. 3., Bahn, Das Amt, Schloß und Städtchen Frauenstein, 1748, S. 34.)
Hinter der Ruine des Schlosses Frauenstein ragt ein mit einem Pavillon versehener Felsen hervor, genannt der Zeisigstein. Der Name soll von einem Hauptmann der meißnischen Burggrafen, Zeisig, herrühren. Erzählt wird darüber folgendes: In der Fehde zwischen dem Kurfürsten Friedrich dem Sanftmütigen und dem Meißner Burggrafen Heinrich Reuß-Plauen, worin ersterer dessen Burg Frauenstein im Jahre 1438 erstürmen und brechen ließ, soll ein sie verteidigender Schloßhauptmann, mit Namen Zeisig, als Rebell auf dem obengenannten Felsen enthauptet worden sein. Noch heutigen Tages zeigt man in der Ringmauer der Burgruine die Thür, durch welche jener burggräfliche Lehnsmann zur Hinrichtung geführt worden sein soll. Ein gleicher und gleichzeitiger Vorgang soll einem weiter nördlich jetzt in den »Bürgerfichten« versteckten Felsen den Namen »Storch« gegeben haben. Die Sage meldet überhaupt von drei Vögeln: Finke, Storch und Zeisig, die auf dem Frauenstein genistet, oder deutlicher zu reden, des Burggrafen zu Meißen Hauptleute gewesen sind.
573. Der Predigtstuhl bei Rabenau.
(Mitgeteilt vom Dir. Ludw. Lamer in Hainsberg.)
Als sich im dreißigjährigen Kriege die Bewohner von Rabenau in die nahen Wälder flüchteten, hielten sie Gottesdienst im Freien, und es heißt der Felsen, von dem herab der Pfarrer predigte, noch jetzt der Predigtstuhl oder die Kanzel. Rabenau aber, welches damals bis auf wenige Häuser niedergebrannt wurde, soll weiter auf der Höhe, in der Gegend des jetzigen neuen Kirchhofs gestanden haben. Nachdem die Kriegsfurie vorbeigezogen war, bauten sich die übrig gebliebenen Einwohner näher der Kirche wieder an.
574. Das Brautbette bei Rabenau.
(Mitgeteilt von. Dir. Ludw. Lamer in Hainsberg.)
Die Tochter des letzten Herrn von Rabenau verliebte sich sterblich in den Junker Jeschke (~Jesico~) von Dohna. Der harte Vater verwehrte sie ihm aber und schlug seine Werbung rundweg ab. Rasch entschlossen raubte sie der edle Junker und feierte die Brautnacht und das Beilager gleich im Walde an der Stelle, die noch heute das Brautbette genannt wird.
Übrigens soll in den Hainleiten zwischen dem Predigtstuhl und Brautbette, welche vormals zum Schlosse gehört haben sollen, eine ganze Braupfanne voll Gold vergraben sein. Näheres ist darüber aber nicht bekannt geworden.
575. Der Katharinenstein bei Lauenstein.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl., Prosaischer Anhang, No. 1.)
Um das Jahr 1651 war Agnes Katharina von Bünau, geb. von Ponikau, Besitzerin von Lauenstein. Ihr Gemahl war auf einer Reise nach Mainz gestorben und hatte sie in Mutterhoffnungen zurückgelassen. Im dritten Monat ihres Wittums gebar sie einen Sohn, der unter der sorgsamen Pflege der Mutter und einer Amme wohl gedieh. Der Knabe war wenig über das zweite Jahr alt, als einst an einem schönen Sommertage Frau Katharina mit der Amme ohnweit des Schlosses auf jenem Hügel lustwandelte, welcher jetzt der Pavillon heißt. Als der Knabe in den Armen der Amme entschlummert war, sprach die Mutter: »Laß uns Blumen pflücken, damit wir ihn dann mit einem Kranze schmücken.« Die Amme bettete das Kind an der Höhe des Hügels in das weiche Gras und half sodann der Herrin die Blumen zu dem Kranze pflücken. Da schoß plötzlich aus der Höhe über dem nahen Forste ein gewaltiger Raubvogel herab auf das schlummernde Kind, faßte es mit den Klauen und schwang sich damit in die Höhe. Doch schien des Knaben Last seinem Fluge hinderlich, denn kaum achtzig Fuß hoch flog er langsam nach den Felsklüften und Wäldern jenseits des Schlosses. Jetzt gewahrten die beiden Frauen den Raub des Kindes. Zum Tode erschrocken schlug die arme Mutter die Hände vor das Gesicht und sank ohnmächtig nieder; die Amme aber verfolgte schreiend und händeringend den über ihr fliegenden Räuber. Schon schwebte derselbe über dem hohen und felsigen Hügel, der im oberen Teile des unmittelbar vor dem Schlosse liegenden Städtchens Lauenstein sich erhebt, -- da fiel ein Schuß. Ein Jäger, welcher, aus dem nahen Forste zurückkommend, die Gefahr sah, hatte den Schuß gethan und gut getroffen. Der Vogel stürzte tot zur Erde und lebend und wohlbehalten hing das geraubte Kind an den Klauen des erschossenen Vogels.
Zum Andenken an diese wunderbare Rettung ihres Söhnchens ließ Frau Katharina auf dem Hügel, wo der Vogel tot niederstürzte, einen Turm erbauen und später auch eine Glocke darin aufhängen. Dieser Turm ist zur Ruine geworden und die Glocke hängt jetzt auf dem Turme der Lauensteiner Kirche; der Hügel aber heißt heute noch der Katharinenstein.
576. Die Kutte bei Elterlein.
(Erzgeb. Bote, 1809, No. 2. Desgl. bei Ziehnert a. a. O., Anhang, No. 35.)
Ein Grünhainer Pater empfand auf dem Wege zur Kapelle, wo er seines Amtes warten wollte, große Hitze und setzte sich im Walde nieder, um zu verkühlen und auszuruhen; aber im Niedersetzen berührte ihn etwas von hinten so unsanft, daß er vor Schmerz laut aufschrie. Er untersuchte den Boden und fand einen starken Zacken gewachsenen Silbers, der drei Zoll lang aus der Erde hervorstand. Um die Stelle sicher zu bezeichnen, zog er seine Kutte aus und legte sie darüber. Dann eilte er in vollem Laufe nach Grünhain zurück und erzählte von seinem Funde voller Freude dem Abte. Bald darauf ward an der mit der Kutte bezeichneten Stelle ein regelmäßiges Berggebäude angelegt, welches lange Zeit gute Ausbeute gab und noch jetzt die Kutte heißt.
577. Sechs Brüder bei Geyer.
(Ziehnert, Sachsen Volkssagen, Anhang, No. 37.)
Im Jahre 1632, als kaiserliche Truppen von der Burg Scharfenstein die ganze Umgegend durchreisten und plünderten, war es einem Trupp herzhafter Burschen aus Elterlein und Zwönitz gelungen, in der Nähe von Scharfenstein sechs Österreicher, welche im dichten Walde schliefen, zu überfallen und gefangen zu nehmen. Was nun mit den Gefangenen zu beginnen sei, darüber entstand bei den Siegern heftiger Streit. Die von Elterlein meinten, daß es das beste sei, sie sämtlich tot zu schlagen; die von Zwönitz wollten nichts davon wissen und brachten es dahin, daß man zuletzt beschloß, sie zur Armee zu bringen. So zogen sie fort. Als sie in die Nähe von Geyer kamen, erhob sich der Streit von neuem, und weil die Elterleiner mit Gewalt drohten, so wurden die Zwönitzer voll Ärger und schieden von ihnen, die Gefangenen ihrem Schicksale überlassend. Dieses war ein trauriges. Denn kaum waren die Zwönitzer im Walde verschwunden, so fielen die mordlustigen Elterleiner über die wehrlosen Opfer ihrer Wut her und ermordeten fünf Österreicher auf die grausamste Weise; den sechsten aber warfen sie in ein tiefes Loch, in welchem ihn die Vorübergehenden noch am andern Tage jammern hörten.
Zum Gedächtnis dieser Greuelthat heißt jene Stelle der Wiesen bei Geyer noch jetzt »sechs Brüder,« ohne daß man bestimmen kann, ob wirklich die sechs unglücklichen Österreicher Brüder gewesen sind.
578. Die Dreibrüderhöhe bei Marienberg.
(Mündlich.)
An der Straße von Marienberg nach Wolkenstein, ungefähr eine halbe Stunde von ersterer Stadt entfernt, erhebt sich die Dreibrüderhöhe, welche jetzt mit dem Prinzeß-Marienturme geschmückt ist. Über den Namen dieses Berges wird folgendes erzählt: Es geschah, daß einst drei Brüder mit einander in den Wald nach Holz fuhren. Da fanden sie einen zu Tage gehenden Silbergang. Sie bauten denselben alsobald ab und legten hierauf, um auch die Erze aus der Tiefe zu holen, ein Bergwerk an, in welchem sie große Reichtümer gewannen. So entstand zuerst die Grube »Alte Brüder«, und später, als auch weiter abwärts Silbererze gefunden wurden, die Zeche »Neue Brüder«. Die Anhöhe aber wurde zur Erinnerung an jene Brüder die Dreibrüderhöhe genannt.
579. Die Waldung »Reue« bei Waldkirchen.
(Fickenwirth, Chronik von Lengenfeld, S. 275.)
Nach einer Nachricht ist die in Waldkirchner Flur und nahe der Grenze des ehemaligen erzgebirgischen Kreises befindliche Waldung, »Reue« genannt, nebst ein paar über der Pammlersmühle gelegenen Feldparzellen einst in der Teurung für 50 Meißner Gulden verkauft worden. Weil nun der Verkäufer es später bitter bereut hat, die Grundstücke so billig verkauft zu haben, so hat man der Waldung den Namen »Reue« beigelegt, welchen sie noch heute führt.
580. Woher der Name des Waldgrundes »Bär« bei Blauenthal stammt.
(Mündlich.)
Von Sosa herab kommt das Bärbächel, welches sich etwas unterhalb Blauenthal in die Mulde ergießt. Der auf beiden Seiten von Wald eingeschlossene Grund, durch welchen es fließt, wird der »Bär« genannt. Der Name soll sich von folgender Begebenheit herschreiben: In dem dortigen, einst noch ausgedehnteren Walde sollen sich die letzten Bären aufgehalten haben. Dieselben kamen einst von der gegenüberliegenden Spitzleite und mußten dabei über die Mulde. Ein kleiner Bär wollte nicht mit hinüber, da gab ihm ein alter einen Schlag, daß er sofort tot war. Die übrigen zogen weiter nach ihrem Lager. Von dem getöteten Bären nun soll der Name des Grundes herrühren.
581. Der Ursprung des Felsnamens Bärenstein.
(Mitgeteilt vom Prof. ~Dr.~ Friedrich Polle in Dresden.)
An der Müglitz erhebt sich dem Schlosse Bärenstein gegenüber eine schöne, schroff abfallende Felswand, welche ebenfalls der Bärenstein heißt. Sie hat ihren Namen daher, daß auf dem Felsen einst ein Jäger mit einem Bären kämpfte und den Sieg dadurch errang, daß er den Bären die Felswand hinunter warf.
582. Der Ursprung des Namens Mückenberg mit dem Mückentürmchen.
(Ed. Haller, Kurzgefaßte Volkssagen über den Mückenberg. Mückenberg, 1880. Grohmann, Sagenbuch aus Böhmen, S. 246. Karl Müller, die Natur, 1882, No. 24.)
I. Der Volkssage nach soll im 9ten Jahrhundert auf dem Mückenberge bei Graupen, dort, wo sich jetzt bei der Restauration die Pinge befindet, eine Art Turm von Zinngraupen zu Tage gestanden und durch den Schein der Sonne sowohl wie des Mondes einen solchen Glanz verbreitet haben, daß die Ritter der Festen Geiersburg und Lauenstein, welche in jener Zeit diese Gegend allein beherrschten, bei ihrem gegenseitigen Verkehre, welcher meistens auf der Strecke zwischen dem jetzt dort befindlichen sogenannten »Goldammer-« und »Schänkerkreuz« nächst dem Kesselgrund stattfand, diesem Berge mit seinem Zinngraupenturme auswichen, weil dieselben den weithinsichtbaren Schein als einen Spuk ansahen, daher der Berg »Spukberg« oder »Muckberg«, woraus später »Mückenberg« ward, genannt wurde. -- Auf derselben Stelle am Mückenberg, wo gegenwärtig das St. Wolfgangs-Kirchlein steht, hatte um jene Zeit ein Einsiedler, mit Namen Wolfgang, seine Klause aufgeschlagen, und bei einem Fehdezug der alten Ritter hatten sich in einer sehr finsteren und furchtbar stürmischen Nacht zwei Knappen in der Richtung von der Geiersburg bis zu der Klause verirrt und waren ob des schlechten Wetters, der dabei ausgestandenen Lebensgefahr und des immerwährenden Spukes so erzürnt, daß sie den alten Einsiedler verdächtigten und ihm als alleinigen Bewohner des Berges alles Unangenehme und Überstandene sowie auch den Spuk zur Last legten. Sie erfaßten endlich den ehrwürdigen Greis, banden ihn und drohten mit Todesqualen, wenn er nicht ein aufrichtiges und reumütiges Geständnis über den teuflischen Spuk und das höllische Wetter, woran er nur allein Schuld sein könne, ablege. Der fromme Einsiedler fiel vor Schreck auf die Knie und bat bei Gott und allen Heiligen, man möchte ihm nur bis Tagesanbruch Lebensfrist gewähren, dann würden ihre Herren Ritter die reichsten Menschen auf Erden sein. Als dies die Knappen hörten, versprachen sie die Bitte zu gewähren. Da nun der Tag graute, war in der Natur Stille eingetreten, kein Lüftchen regte sich, die Lerchen erhoben sich zum Gesange und der alte Einsiedler Wolfgang führte die beiden Knappen den Hügel empor, wo jetzt die Restauration Mückenturm steht, zeigte mit seiner Rechten gegen Osten und siehe da -- majestätisch ging die Sonne auf, sodaß die Knappen wie versteinert dastanden. Sodann sprach der Einsiedler mit feierlicher Stimme: »Sehet ihr Rittersknappen! Derjenige Gott, der jetzt die Sonne aufgehen läßt, welche ihre wunderbaren Strahlen auf diesen Zinnturm wirft und immer den Glanz und Schein verbreitet, vor dem ihr euch fürchtet, der läßt auch finstere Nächte, große Stürme und Regen werden; darum gehet hin zu euren Rittern und verkündet ihnen, daß dies kein Spuk, sondern ein mir bekanntes, gewinnreiches Erz ist und daß ich die nächtigen Unbillen von euch unschuldig ertragen mußte, euch aber doch verziehen sei!« Hierauf verließen die beiden Knappen erstaunt und vergnügt über die Schönheit des Sonnenaufganges, aber mehr noch über die glänzenden Zinngraupen, den Muckberg und begaben sich durch den Kesselgrund nach der Geiersburg, wo sie alles verkündeten, was sie erlebt und gesehen hatten. Von dieser Zeit an wurde der Einsiedler oft von den Rittern der Geiersburg und Lauenstein besucht, die auch angefangen haben sollen, daselbst die Zinngraupen zu brechen.
II. In der Nähe von Teplitz hauste einst ein gottvergessener Räuber, dessen weittragendes Gewehr alle Hühner und Gänse in der Nachbarschaft erlegte. Obendrein stahl er den Leuten ihre Haustiere. Mit dem Raube eilte er immer auf den Berg, und so rasch, daß ihn der schnellste und gewandeste Mann nicht einzuholen vermochte. Einst hatte der Bösewicht auch einer armen, alten Frau ihre Kuh gestohlen. Das Mütterchen aber, froh des Besitzes einer Wünschelrute, schwang diese, sobald sie den Raub entdeckt, und rief im höchsten Ingrimme die Worte aus: »Du sollst zerstochen sein, bevor du den Gipfel des Berges erreichst!« Diese Verwünschung ging sofort in Erfüllung. Ein ungeheurer Mückenschwarm tauchte auf und zerstach den Jägersmann, bis er entseelt am Boden lag. An der Stelle, wo ihn die Strafe für seine Unthaten ereilte, errichtete man später ein Denkmal, das als Mückentürmchen noch heute ein beliebter Ort für die Ausflüge der Badegäste von Teplitz ist.
Die wunderbaren Angaben einzelner Sagen lassen sich auf wirkliche Naturerscheinungen zurückführen. Der Turm von Zinngraupen, welcher sich an der Stelle der jetzigen Pinge bei der Restauration erhob, ist z. B. eine Erinnerung an den großen Reichtum genannten Erzes, dessen auch Albinus mit den Worten gedenkt: Der Mückenberg ist vor Zeiten berufen gewesen; zu unsern Zeiten hat ein Zinngraup allda so groß als ein Menschenhaupt gebrochen. (Meißnische Bergk-Chronika. 1590. S. 131.) Ebenso mag die zweite Sage auf einer Thatsache beruhen. Ungeheure Mückenschwärme sind gewiß dann und wann im Erzgebirge aufgetreten; so schreibt Lehmann in seinem Hist. Schauplatz (S. 646), daß am 1. Mai 1648 auf dem Markte zu Scheibenberg ein großes Heer seltsamer Mücken eingefallen sei und an den Häusern eine halbe Stunde geruht habe, um darauf seinen Flug nach dem böhmischen Walde fortzusetzen.
583. Ursprung des Namens Fastenberg.
(Engelschall, Beschreibung der Exulanten- und Bergstadt Johanngeorgenstadt. Leipzig, 1723, S. 11.)
Der Name des Fastenberges, worauf jetzt Johanngeorgenstadt steht, soll davon herrühren, daß einst bei einer Jagd auf diesem Berge eine Kurfürstin starken Hunger empfand, und daß sie darauf, nachdem nichts oder nur wenig Speise sich vorgefunden, gesagt habe: »Das mag mir wohl ein rechter Fastenberg sein!«
584. Der weiße Helm, eine Anhöhe bei Oederan.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, 1847, S. 84.)
Im Jahre 1429 zog Procopius mit 300 der edelsten Hussiten aus der Lausitz nach Basel zu einem Friedensversuche. Unangefochten zog dabei der Furchtbare, vor dem die Kinder auf der Gasse davon liefen, über Dresden und Freiberg durch Oederan. Einer von seinem Gefolge, Bodowin von Horomirz wird er genannt, welcher sich verspätet hatte, kam zwei Tage nachher ganz allein durch Oederan. Da wurde er sogleich von den Oederanern ergriffen, hinaus an das Weichbild an der Nossener Straße geschleppt, dort lebendig gespießt und ihm sein silberner Helm oben auf den Pfahl genagelt, an dem der Unglückliche verblutete. Weithin schimmerte in der Sonne diese Silberkappe, an der sich niemand zu vergreifen wagte, und erst zur Zeit der Reformation verschwand sie zugleich mit dem daneben errichteten Heiligenbilde. Von dieser Begebenheit wurde die Stelle und Anhöhe der weiße Helm genannt.
585. Ursprung des Bergnamens »Schweiger.«
(Weymann, Führer durch das böhm. Erzgebirge, S. 132.)
Nördlich von dem Städtchen Platz auf dem böhmischen Abhange des Gebirges erhebt sich die »Schweiger-Höhe« oder der »Schweiger«. Nördlich und nordöstlich ansteigend und fast bis zum Scheitel urbar, fällt diese Höhe südlich und westlich jäh ab, nach allen Seiten hin die schönste Fernsicht gewährend. Der Name »Schweiger« soll daher kommen, daß der Sage nach hier einst ein Sprosse der Hassensteiner als Einsiedler seine Zelle hatte und »schweigend« seine Lebenstage zubrachte.
586. Ursprung des Namens Silberbach.
(Mündlich.)
Auf dem Hausberge bei Graslitz i. B. stand einst ein Schloß, welches erstürmt und zerstört wurde. Dabei stürzte der silberne Knopf des Turmes in den unten im Thale fließenden Bach, worauf dieser fernerhin der Silberbach genannt wurde.
587. Ursprung des Namens Höllengrund im Oederaner Walde.
(Staberoh, Chronik der Stadt Oederan, 1847, S. 14.)
Kurz vor Entstehung von Oederan veranstalteten die reich gewordenen Bewohner Freibergs eine Wallfahrt nach Ebersdorf bei Frankenberg, um daselbst am Marienbilde zu beten und reiche Geschenke darzubringen. Sie kamen glücklich durch die ausgedehnten Waldungen bis an den jetzigen Schieferbach bei Falkenau. Hier wurden sie plötzlich von den Räubern des Schellenbergs angefallen. Aber die Wallfahrer hatten sich eine starke Bedeckung von kampffähigen Männern mitgenommen, denen die Räuber unterlagen. Ihre Flucht über das Eis der Flöha, welches brach, mißlang gänzlich und sie suchten deshalb ihre Rettung in dem Walde. Doch auch hier ereilte sie das Verderben; sie wurden umzingelt, mit Feuerbränden hinausgetrieben und größtenteils erschlagen. Das Versteck der Räuber aber führt seit dieser Zeit zur Erinnerung an den teilweisen Feuertod der Räuber den Namen »Höllengrund.«
588. Das Schulmeisterbächel bei Wildenthal.
(Mündlich.)
Das Schulmeisterbächel ist ein kleines Bergwässerchen, welches sich von Westen her in den aus der Gegend von Weiters Glashütte herabkommenden Glashüttenbach ergießt. Zu Zeiten, da die Schulmeister in dem nahen Karlsfeld noch sehr gering besoldet waren, soll sich ein solcher aus Nahrungssorgen in einem kleinen Teiche, welcher früher die Zuflüsse für das genannte Wässerchen vereinigte, das Leben genommen haben.
589. Der Spitzberg bei Pfaffengrün.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 51.)
Bei dem Dorfe Pfaffengrün steigt ein Basaltkegel empor, der gleichsam ein von dem Bergesheer des Erzgebirges hinausgeschobener Vorposten ist. Er führt seines scharf zugespitzten Gipfels wegen den Namen Spitzberg, wird aber auch Kreuzberg genannt, weil seine äußerste Spitze ein Kreuz aus Fichtenholz ziert.