Sagenbuch des Erzgebirges

Part 48

Chapter 483,566 wordsPublic domain

547. Der Name des Dorfes Wüstenbrand.

(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 68.)

Nach einer Sage hat das Dorf Wüstenbrand bei Hohenstein-Ernstthal in uralten Zeiten einen anderen Namen gehabt, ist in der heillosen Zeit des großen Interregnum »verwüstet« und »verbrannt« und erst in der Folge unter den Hohenstaufen wieder hergestellt und mit seinem gegenwärtigen Namen belegt worden. Ebenso ist nach einer Sage Wüstenbrand als Filiale zu Pleise geschlagen worden, als das Dorf Gecksdorf, von dessen Lage zwischen dem Rabensteiner Walde und den Meinersdorfer Fluren sich bis auf die neuere Zeit Spuren erhalten haben, im Hussitenkriege völlig zerstört worden war.

548. Der Name des Dorfes Crossen.

(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 75.)

Laut Nachrichten aus einem alten Kirchenbuche stammt der Name des Dorfes Crossen bei Zwickau von dem slavischen Worte ~croszove~, d. h. zerrissen oder zerstückelt, her. Denn da es von Slaven erbaut worden und sie, wie sie dem sumpfigen Terrain nach und nach trockenes Land abgewannen, dasselbe unter sich verteilt haben, so haben die Bewohner ihre Grundstücke vereinzelt und nicht beisammen.

Immisch (die slav. Ortsnamen im Erzgebirge) ist nicht geneigt, den Namen für einen slavischen gelten zu lassen, vielmehr hält er unser Crossen, sowie alle Orte, welche dieselbe Benennung haben, für fränkische Ansiedelungen. Er verweist dabei auf die in deren Nähe liegenden Orte Frankenau (2 Stunden von Crossen bei Mitweida, 3 Stunden von Crossen bei Zeitz) und Franken (6 Stunden von Crossen bei Luckau); Crossen bei Zwickau ist von einem Frankenau ungefähr 3 Stunden entfernt.

549. Die frühere Lage und der Name von Gersdorf.

(Beschreibung über die Kirche zu Oberlungwitz, St. Martin genannt etc. von dem dortigen Schulmeister aufgezeichnet, 1766. Manuskript.)

Gersdorf soll vor Zeiten ganz anders gelegen und die Kirche oben im Hofgraben gestanden haben, bis sie durch Kriegsverwüstung ihren Untergang allda gefunden hat. Das Dorf soll nicht weiter als bis dahin, wo jetzt Hüllbert wohnt, gegangen sein. Die obere Hammermühle soll damals in einem dicken Walde gestanden haben und davon umgeben gewesen sein. Da aber der Bach vorher den Namen »Gersche« geführt haben soll, so hätte das Dorf, nachdem es weiter abwärts angebaut und auch die Kirche weiter herunter gesetzt worden wäre, vom Wasser den Namen Gersdorf bekommen.

550. Der Ursprung des Namens Silberstraße.

(Meltzer, ~Historia Schneebergensis~, S. 1102.)

Edelmann von Uttenhoff auf der Armen-Ruhe, ein alter und getreuer Diener der Kurfürsten von Sachsen, brachte einst zu Zwickau bei einem Landesfürsten folgende Bitte mündlich vor: Dieweil aus Gottes Segen das reiche Bergwerk zu Schneeberg geoffenbaret und desselben Lob in aller Welt erschollen wäre, zögen viel Fürsten, Grafen, Herren, Ritter, Edel- und andere gute, redliche Leute nach demselben, und müßten dabei meist bei ihm durch, wodurch sein und seines Geschlechtes Namen weithin bekannt würde. Aber es stünde nicht wohl, wenn man fragete, wer er sei? und geantwortet würde: Es ist der von Uttenhoff auf der Armen-Ruhe. Da nun das Erz und Silber bei ihm nach Zwickau durchgeführt würde, so bäte er unterthänigst, man wolle ihm seines Gutes und Dörfleins Namen »die Armen-Ruhe« in der Landtafel auslöschen und dasselbe dafür die »Silberstraße« nennen zu lassen. Dies würde ihn in ein größer Ansehen bei den Leuten bringen, da er doch ohne das, wenn nur sein Name nicht also bekannt werden sollte, wohl mit dem alten Namen zufrieden gewesen wäre. -- Diese Bitte wurde dem Uttenhoff gewährt, und der Armen-Ruhe Namen also geändert, daß bis diese Stunde noch das Dorf die »Silberstraße« und die dabei befindliche Muldenbrücke die Silberstraßer Brücke heißt.

551. Ursprung der Namen Frauenstein, Purschenstein, Pfaffroda, und Rechenberg.

(Mündlich, desgl. bei Bahn, Das Amt, Schloß und Städtgen Frauenstein, 1748, S. 19.)

Auf der jetzt in Ruinen liegenden Burg Rechenberg hausten einmal mächtige Ritter. Dieselben hatten in Frauenstein ihre Frauen, in Purschenstein ihre Burschen, in Pfaffroda wohnte ihr Pfaffe und in Rechenberg machten sie die Rechnung und teilten den Raub. -- Die genannten Schlösser sollen auch durch unterirdische Gänge mit einander verbunden gewesen sein.

552. Der Name des Fleckens Bockau.

(Nach Ziehnerts poet. Bearbeitung bei Gräße, Sagenbuch des K. Sachsen, No. 579.)

Die Bewohner des Bergfleckens Bockau bei Schneeberg ernährten sich sonst vorzugsweise durch den Anbau von Arzneikräutern und den Handel damit. Sie zogen damit, sowie mit Pulvern, Tropfen, Pillen und dgl. mehr auf Jahrmärkte und waren einst wie die Königsseer häufig im deutschen Vaterlande anzutreffen. Die Sage erzählt, es habe sich einst in jenem Thale, in welchem jetzt der Flecken Bockau liegt, ein Bock, das einzige Eigentum eines armen Gärtnersohns, verlaufen. Sein Herr, der ihn gesucht, habe ihn endlich mitten unter den kostbaren Arzneikräutern wohlbehalten wieder gefunden, habe sich den Platz genau gemerkt und sei dann durch das Sammeln und den Verkauf jener Kräuter sehr bald wohlhabend geworden. Nach und nach hätten sich daselbst mehrere niedergelassen und den neuen Wohnort zur Erinnerung an seinen Ursprung Bockau genannt.

Historisch ist, daß der Kräuter- und Medikamentenhandel der Bockauer erst gegen das Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts begann. Die in dem Orte wohnenden Schachtelmacher, und unter diesen zuerst zwei Brüder Weiß, füllten ihre Schachteln anfänglich mit gedörrten medicinischen Wurzeln und Kräutern, welche sie an Apotheker und Laboranten und später auch als Hausmittel an andere Leute verkauften. (Körner, Nachrichten von Bockau, S. 346--355).

In der Einleitung zum ersten Abschnitte des Sagenbuchs wurde bereits darauf hingewiesen, daß der Name des Ortes nicht von dem slavischen ~bóh~, d. i. Gott, sondern von dem slav. ~buk~, die Buche, und dem davon gebildeten Adjektivum ~bukowy~ abzuleiten ist. Aus ~bukowy~ entstand Bockau, was wir demnach mit Buchwald oder Buchholz zu übersetzen hätten. Dasselbe gilt auch von dem Ortsnamen Bockwa bei Zwickau. Bockau und Bockwa wurden in früherer Zeit mit u geschrieben. (Immisch, a. a. O., S. 8.)

553. Ursprung des Ortsnamens Remse.

(Kirchengalerie von Sachsen, 12 B., S. 87.)

Der Name des Kirchdorfes Remse zwischen Glauchau und Waldenburg scheint auf das lateinische ~remissa~, die Erlassung, hinzuweisen. Eine Sage erzählt, es habe sich in dem früher daselbst befindlichen und in dem 12. Jahrhundert gestifteten Nonnenkloster ein wunderthätiges Marienbild befunden, zu dem die Ablaß Suchenden aus der Nähe und Ferne wallfahrteten. Von einem Erker des jetzt sogenannten roten Stockes aus habe dann der Probst den Segen erteilt und die Gläubigen mit den Worten entlassen: »~peccata sunt vobis +remissa+~« (d. h. die Sünden sind euch vergeben). Daher der Name Remse.

554. Der Ursprung der Bergstadt Sebastiansberg.

(Comotovia, 2. Jahrg. 1876., S. 10.)

Es wird erzählt, daß im Jahre 1364 der Prager Bürger Johlin Rotlöw mit Bewilligung Karls IV. seinen besten Bergmeister in die Gegend des Gebirgs, wo jetzt Sebastiansberg liegt, sandte, um Erze zu suchen. Er hatte so glücklichen Erfolg, daß sich die Bergleute sogleich die ersten Häuser bauten. Man nannte nun den neuen Ort Paßberg, weil bereits der Berg, auf welchem die Stadt steht, und welcher die Grenze bildete und zum Aufpaß und zur Sicherung der Fuhrleute und Reisenden mit einem Militärposten besetzt war, den Namen Paßberg führte. Aus Paßberg soll mit der Zeit der Name Sebastiansberg entstanden sein. Nach einer anderen Sage soll jedoch Sebastiansberg anfänglich den Namen Neustadtl geführt haben.

Richtig ist wohl, daß die Stadt ihren Namen dem Sebastian von Weitmühl verdankt. Von demselben wurde Sebastiansberg des Bergbaues wegen, aber keinesfalls vor 1519 gegründet; er erbaute daselbst auch eine kleine Kirche, die auf Wunsch seiner Unterthanen nach seinem Namenspatron zu St. Sebastian benannt wurde. Von der Kirche ging der Name auch auf die ganze Ansiedelung über.

555. Der Name der Stadt Sonnenberg.

(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 71.)

Die Veranlassung zur Gründung der Stadt Sonnenberg gab der in dortiger Gegend einst stark betriebene Bergbau auf Silber, Kupfer, Zinn und Blei. An einem nebligen Morgen, in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, so erzählt die Sage, sandte der Grundherr, der ein Lobkowitz auf Hassenstein war, einige seiner erfahrenen Bergleute auf die Höhen mit dem Auftrage, dort, wo die Sonne am ersten durch das trübe Gewölk brechen würde, einzuschlagen und das Bergglück zu suchen. An dem Orte nun, wo jetzt Sonnenberg steht, erschien sie ihnen zuerst. Es wurde gleich mit Schlägel und Eisen Hand an die Arbeit gelegt, und die Mühe belohnte sich reichlich. Man baute dann einzelne Hütten für die Bergleute. Mit dem wachsenden Bergglück vermehrten sich beide. Die Sonne gab diesem Orte den Namen, und aus dem wüsten Waldorte wurde in kurzem ein Bergflecken. Durch spätere Begnadigung erwuchs er endlich zu einer Bergstadt.

556. Der Name der Stadt Falkenau.

(Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 169.)

Die Stadt Falkenau soll ihren Namen dadurch erhalten haben, daß ein Bürger aus Eger einen Falkenhof erbaut und dadurch eine Ansiedelung hervorgerufen hat, die sich allmählig zu einem Dorfe und schließlich zu einer Stadt emporhob. Die über dem Röhrbrunnen am Marktplatze in Falkenau sich erhebende Bildsäule stellt einen Falkner dar, der ein Hüfthorn am Schulterbande und einen Hund zur Seite hat. Es soll dies die Statue jenes Falkners sein, der als Gründer der Stadt gilt und dessen Name im Volksmunde »Wastel« (Sebastian) heißt.

Fr. Bernau (Comotovia 4, S. 98) hält es zwar für nicht unmöglich, daß auf dem am rechten Egerufer sich hinziehenden Wiesenlande vielleicht im 12. Jahrhunderte, da sich in Böhmen nicht bloß Edelleute, sondern auch selbst Geistliche dem Jagdvergnügen mit Leidenschaft hingaben, eine Falkenbeize errichtet war, doch hält er mehr dafür, daß zu obiger Sage bloß der Ortsname den Stoff geliefert habe. In dem Stadtwappen von Falkenau wurde seit ältester Zeit ein Falke geführt und es ist daher jedenfalls die in der Stadt in jetziger Gestalt erst 1724 errichtete Falknerstatue nur eine Ausschmückung des Stadtwappens.

Vom »Falken« abgeleitete Ortsnamen treten überhaupt häufig sowohl in deutschen, als auch slavischen Gebieten auf; der historische Ursprung dieser Benennungen ist aber wohl immer unbekannt. Nur von dem Dorfe ~Sokolec~ (~Sokol~ = Falke) bei Podiebrad wird erzählt, daß man daselbst noch im 16. Jahrhundert für die Podiebrader Jäger Falken abgerichtet habe. Dieses slavische Dorf besitzt also zu seinem Namen eine gleiche Sage wie unser im deutschen Gebiete liegendes Falkenau.

557. Die Entstehung des Namens Neudeck.

(Ed. Wenisch in der Erzgebirgs-Zeitung, 2. Jahrg., S. 4.)

In der sehr industriellen, am Rohlauflüßchen gelegenen Stadt Neudeck zieht der sogenannte Turmbergfels unsere Aufmerksamkeit auf sich. Er besteht aus mehreren über einander liegenden Granitblöcken. Auf diesem Felsen steht ein uralter Glockenturm, der ehedem zu einer Burg gehört haben soll, welche von einem Raubritter bewohnt wurde. Diesem Turme verdankt Neudeck, wie folgende Sage berichtet, seinen Namen.

Einstmals verirrte sich auf der Jagd ein Jäger im dichten Walde und wußte nicht, wo ein und aus. Schon viele Stunden hatte er im Waldesdunkel nach einem rettenden Pfade gespäht, da kam er auf den Hochtannenberg und stieg dort, um sich in der Gegend zurecht zu finden, auf eine hohe Tanne. Hocherfreut sah er östlich im Thale ein Gebäude stehen, welches neu eingedeckt war. Darauf ging der ermüdete Waidmann zu und fand daselbst den alten Turm, neben dem ein Häuschen stand, welches ein Schmied, namens Waldesel, bewohnte. Er trat in die Schmiedewerkstätte. »Lieber Waldesel«, redete er den alten Meister an, »dem neugedeckten Turme da verdanke ich den Ausweg aus dem Walde; deshalb heiße er samt den andern Gebäuden von jetzt an »Neudeckt!« Und des Jägers Wunsch ging in Erfüllung; denn noch heute trägt der Ort, der nach und nach zu einer gewerbfleißigen Stadt anwuchs, den Namen Neudeck.

558. Die Entstehung des Namens Frühbuß.

(Mündlich.)

Frühbuß ist ein altes Bergstädtchen im böhmischen Gebirge, das einst weiter oben und zwar da lag, wo sich heute der Kranichsee ausbreitet. In diesem Moore ist es eines Tages versunken. Da haben sich die Bewohner tiefer angebaut, weil ihnen hier die vielen Zinnerze, welche aus dem Gebirgsschutte durch die Seifenarbeit gewonnen werden konnten, reichen Unterhalt versprachen. Die Gewinnung der Erze nahm sie auch so in Anspruch, daß sie den Bau ihrer Hütten und ihre häuslichen Arbeiten nur vor der Seifenarbeit vornehmen konnten, um bei dieser selbst keine Zeit zu versäumen. Solche Früharbeit aber nannte und nennt man noch jetzt in der Gegend »Frühbuß«, und von ihr erhielt in der Folge die Ansiedelung ihren Namen.

Bezüglich des ersten Teiles der Sage wird noch auf »die unterirdischen Glocken im Kranichsee« verwiesen.

Das Wort »Frühbuß« erinnert an das in manchen Gegenden, z. B. in Geringswalde und in der Oberlausitz gebräuchliche »herumbusseln« = geschäftig da und dort in der Arbeit nachhelfen, und das davon abgeleitete »Hausbussel«, womit ein auf diese Weise thätiger Mensch bezeichnet wird.

559. Über den Namen des Dorfes Sauersack.

(Mündlich.)

Oberhalb Karlsfeld nahe am Kranichsee, durch welchen sich die sächsisch-böhmische Grenze zieht, liegt auf einer Meereshöhe von ca. 900 Mtr. das böhmische Dorf Sauersack.

~M.~ Christoph Gottlob Grundig macht in den »Neuen Versuchen nützlicher Sammlungen zu der Natur- und Kunstgeschichte, sonderlich von Ober-Sachsen, 2. B., (Schneeberg, 1752,)« bei diesem Orte und seinem Namen folgende Bemerkungen: »Sauersack, ein fast auf dem höchsten Gipfel derer Gebirge, welche Böhmen und Meißen auf dieser Seite von einander scheiden, sehr zerstreut liegender Bergort, welcher auf dem kahlen Boden derer abgetriebenen Holzungen an einem aus Nordwest nach Südost streichenden Gehänge sich als der Rest des ruinirten Waldes vom Grunde bis auf die Giebel der Häuser hölzern erhebt, -- -- hat wohl den Namen mit der That, weil sowohl denen Reisenden die hier vorübergehende Straße, sonderlich bei üblem Wetter, äußerst sauer werden, als auch denen armen Einwohnern des Ortes, welche wie die Vögel des Himmels weder säen, ernten, noch etwas in ihre Scheuern sammeln können, -- -- nicht weniger ihr mühseliges Leben sehr sauer und unangenehm fallen muß.« Und: »Es ist unter diesem Gehänge, zunächst gegen Westen, eine lange, schmale und sumpfige saure Wiese, welche die gebirgischen Bauern ein »Geseer« (Gesäuer?) zu nennen pflegen und die vermutlich zu dem Namen der Gegend und des Ortes Anlaß gegeben hat.«

Eine Sage erzählt nun über die Entstehung des Ortsnamens Sauersack folgendes:

In jener Zeit als der Zinnreichtum des dortigen Gebirges, welcher hauptsächlich in Seifenwerken ausgebeutet wurde, die ersten Ansiedler anlockte, gebot die unwirtliche Gegend, daß alle Nahrungsbedürfnisse aus dem fruchtbaren Egerthale geholt wurden. Diese Arbeit hatten hauptsächlich die Frauen der Seifner zu verrichten. Da geschah es nun, daß die Frau des ersten Ansiedlers einen schweren Sack mit Nahrungsmitteln (die Volkssage spricht von Kartoffeln) geholt hatte und bei ihrer Ankunft in der Hütte sprach: »Ei, das ist ein saurer Sack!« So wurde die Hütte und später die gesamte Ansiedelung »Sauersack« genannt, welchen Namen sie bis zum heutigen Tage behalten hat.

560. Ursprung des Namens Sorgenthal.

(Mündlich.)

Sorgenthal bei Jöhstadt ist ein Ortsteil des böhmischen Dorfes Pleil. Wo derselbe jetzt liegt, war einst ein finsteres Waldthal, durch welches früher die Straße von Weipert nach Preßnitz führte. Wenn nun die Reisenden durch das Waldthal kamen, befiel sie große Sorge, denn hier lauerten ihnen vielfach Räuber auf, die in dem sogenannten Blechhammer zwischen Weipert und dem »weißen Hirsch« ihre Herberge hatten. Sie führten die Gefangenen aus dem Thale mit sich nach genanntem Blechhammer, wo viele Mordthaten geschehen sind. In dem Thale aber, wo anfangs nur einige Köhlerhütten standen, wurde nach Lichtung des Waldes ein Ort gegründet, welcher den Namen Sorgenthal erhielt.

561. Name und Ursprung der Stadt Weipert.

(Geschichte der Stadt Weipert von C. Schmidl und Joseph Pohl, Chemnitz, 1874, S. 10 und 17.)

Die Stadt Weipert wurde früher auch Weiberg oder Weinberg genannt. Dieser Name schreibt sich daher: Als die Bergbaulustigen die reichen Silberanbrüche der »Milde-Hand-Gotteszeche« auffanden, riefen sie freudig aus: »Das ist ein fruchtbringender Weinberg!« Davon ist dann der Ort genannt worden.

Der Ursprung von Weipert ist jedenfalls unmittelbar an der heutigen Grenzbrücke und wahrscheinlich an der Stelle zu suchen, wo jetzt die Fabrik des Julius Schmidt steht. Hier am Bache ist die tiefste Thaleinsenkung, welche der uralte Paß von Preßnitz nach Schlettau zu überwinden hatte, und hier hatte der Frachtfuhrmann, mochte er kommen, von welcher Seite er wollte, einen steilen Berg vor sich, so daß er seinen Tieren Ruhe gönnen mußte. Es entstand daher an dieser Stelle die erste Niederlassung, die eine Herberge war. Die Sage erzählt, daß dieses Wirtshaus später eine Räuberhöhle war, in welcher Reisende durch eine Fallthüre in einen Keller stürzten und dort ermordet und begraben wurden, bis es endlich durch eine Dienstmagd, die einen jungen Mann warnte, verraten wurde, worauf Soldaten aus Kaaden das Haus umringten und samt den Bewohnern niederbrannten. Man hat auch unter späteren Besitzern des Hauses, das jedenfalls bald wieder aufgebaut wurde, bei Umbauten Totengebeine im Keller gefunden.

Als dann im 12. Jahrhunderte mit dem in der Gegend aufblühenden Eisensteinbergbau auch die ersten Eisenschmelzen in Sorgenthal und bei Pleil entstanden, bildete sich oberhalb des Passes dort, wo jetzt der Gasthof zur Stadt Leipzig steht, eine zweite Ansiedelung. Ein unternehmender Mann mit Namen Weyperth, von dem Erzreichtum der Gegend angelockt und mit der Erz- und Eisengewinnung vertraut, erbaute hier das erste Haus und ein Hammerwerk, dem seine Angehörigen und Arbeitsleute den Namen ihres Werkherrn gaben.

Wir haben nach obiger Überlieferung zwei sagenhafte Deutungen des Namens Weipert. Die erste widerspricht insofern der Geschichte, als schon im Jahre 1533 der Name Weiberg (Weinberg), demnach in einer Zeit, zu welcher der Silberbergbau in der Gegend noch nicht begonnen hatte, in den Gerichtsbüchern des Ortes vorkommt. Vielleicht wurde auch der Name eines Bergwerks, das man dem heiligen Wigbert geweiht hatte, auf den entstehenden Ort übertragen.

Von Interesse ist es, daß die Sagen von der Entstehung Weiperts und Sorgenthals des uralten Passes gedenken, welcher über den Höhenzug zwischen Preßnitz und Pleil, das sogenannte Kremsiger und Bremsiger Gebirge, nach Pleil und Sorgenthal und weiter über das Pleilwasser und Kreuziger Gebirge zwischen Weipert und Pleil nach dem weißen Hirsch führte. Derselbe ging beim Blechhammer über den Pöhlbach und sodann über Kuhberg, Sehma, Schlettau, Elterlein und Zwönitz nach Leipzig und Halle, von woher die Böhmen schon in den ältesten Zeiten ihr Salz bezogen. Eine alte Straße, auf welcher Fuhrleute Salz nach Böhmen holten, führte auch über die Gegend, wo jetzt Freiberg steht, und solche Fuhrleute waren es nach der Sage auch, welche in einem Wagengleise daselbst die ersten Silbererze fanden und so die Gründung Freibergs veranlaßten.

Der alte Weiperter Paß hat noch deutliche Spuren von Weipert bis zum Blechhammer und in Kuhberg hinterlassen, wo tiefe Hohlwege, zum Teil selbst in festem Gestein vorhanden sind.

Christian Lehmann leitet im Hist. Schauplatz (S. 42) den Namen des Ortes Kuhberg von einem czechischen Worte ~küweribi~, welches er mit »ausspannen« verdeutscht, ab. Wenn dies richtig ist, so würde dieser Name zur Bestätigung von einer uralten Herberge am Pöhl- oder Grenzbache dienen.

Erwähnt mag hierbei werden, daß der zwischen Weipert und Kuhberg gelegene sächsische Grenzort Bärenstein früher »Kuhzahl«, d. h. Kuhschwanz geheißen haben soll. Seinen jetzigen Namen führt er nach dem Archiv für sächs. Geschichte (12. B., S. 95) erst seit dem Jahre 1526 nach dem basaltischen Bärensteine, an dessen Fuße er liegt.

562. Von dem Ortsnamen Stolzenhahn.

(Aus einer handschriftlichen Chronik von Böhmisch-Wiesenthal, mitgeteilt vom Pfarrer H. Friedlein in Ober-Wiesenthal.)

Bei dem Städtchen Böhmisch-Wiesenthal liegt der Ort Stolzenhahn, auch Stolzenhain und Stolzenhann, in alten Kirchenbüchern »der Stoltze Hayn« genannt.

In alten Zeiten stand in der Gegend des jetzigen Dorfes im dichten Walde eine Schmelzhütte. Als eines Morgens zwei Arbeiter vor die Thür traten, erblickte der eine von ihnen einen schönen Auerhahn, der auf einem nahen Baume saß. Da rief er aus: »Sieh, welch ein stolzer Hahn!« und von diesem Ausrufe hat der Ort später seinen Namen bekommen.

563. Die Entstehung des Ortsnamens Einsiedel.

(Aug. Kießling, Das Mineralbad zu Einsiedel, 1881, S. 8. Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 72.)

Nach einer alten geschriebenen Chronik, welche im Pfarramts-Archive zu Neuhausen aufbewahrt wird, hat der Ort Einsiedel bei Sayda seinen Namen von drei Brüdern bekommen, welche sich vor langer, langer Zeit als Einsiedler dort aufhielten. Auch die zu Einsiedel gehörige Ortschaft Brüderwiese soll ihren Namen diesen drei Brüdern verdanken. Man vermutet, daß sich daselbst ihre Einsiedelei befand, denn in der Kirche zu Seiffen zeigt man eine alte Glocke, welche in der Brüderwiese aufgefunden worden sein soll und die möglicherweise der Klause der drei Einsiedler einst angehörte.

Auch das Dorf Einsiedel bei Chemnitz soll seine Entstehung einem Einsiedler verdanken, der in frühesten Zeiten dort gehaust hat.

Bei der früheren Unsicherheit des Reisens auf den alten Verkehrsstraßen durch unwirtliche Gebirge nahm die Kirche derartige Straßen vielfach unter ihren Schutz. Klosterbrüder bauten sich an ihnen in der Wildnis Klausen, um die Reisenden mit geistlichem Troste zu versehen und ihnen wohl auch leibliche Pflege angedeihen zu lassen. Die Namen von Dörfern, welche an den Plätzen solcher Einsiedeleien, an denen sich vielleicht auch Kapellen befanden, später entstanden sind, ebenso wie die Namen von Brunnen oder Anhöhen u. s. w., haben die Erinnerung an derartige Stationen erhalten. Es ist wohl möglich, daß auch der Ursprung unserer beiden Ortschaften auf die Niederlassung solcher Klosterbrüder zurückzuführen ist. Eine der alten Handelsstraßen führte von Sayda über Purschenstein und das jetzige Einsiedel nach Böhmen. (S. auch ~Dr.~ Alfr. Moschkau, Oybin-Chronik, S. 197.)

564. Der Name der Halsbrücke bei Freiberg.

(Gräße, Sagenschatz d. K. S., N. 294.)

In der Nähe der Dörfer Rothenfurth und Halsbrücke bei Freiberg führt eine Brücke über die Mulde, welche man die Halsbrücke nennt. Die Sage erzählt, sie habe ihren Namen davon erhalten, daß der Bote, welcher Kunzens von Kauffungen Begnadigung vom Kurfürsten überbringen sollte, hier, weil die Brücke von den Fluten der sehr angeschwollenen Mulde weggerissen worden war, aufgehalten ward, also nicht zu rechter Zeit eintreffen konnte und so Kunz seinen Hals hergeben mußte.

565. Die Namen von Ortmannsdorf, Mülsen St. Niklas und St. Jakob.

(Mitgeteilt vom Lehrer R. Schlegel aus Hartenstein.)

Als in früheren Zeiten im jetzigen Ortmannsdorf, Mülsen St. Niklas und St. Jakob eine furchtbare Pest wütete, sollen in diesen Dörfern, welche damals andere Namen hatten, nur drei Männer, Ortmann, Niklas und Jakob, am Leben geblieben sein, nach deren Namen später die Dörfer benannt wurden.

566. Über den Namen des Dorfes Lichtenberg bei Frauenstein.

(Nach der metr. Bearbeitung eines Lichtenbergers.)