Part 42
Als im Jahre 1730 der Totengräber auf dem Kirchhofe zu Buchholz ein Grab machen wollte, fand er im Sande noch eine ganz unverweste Totenhand, der aber der Gold- und kleine Finger wie abgehackt waren. Er zeigte dieselbe dem Pastor Melzer daselbst und dieser schlug nun im Kirchenbuche nach, wem dieselbe gehört haben möge, da er sich erinnerte, daß schon am 14. Juni des Jahres 1704 ihm von dem damaligen Totengräber dieselbe Meldung gemacht worden sei, er aber demselben den Bescheid gegeben, die Hand wieder einzuscharren, weil sie wahrscheinlich an einer Wasserkluft gelegen und deshalb nicht habe verwesen können. Jetzt fand sich's, daß die Hand dem im Jahre 1669 begrabenen Sohne des Stadtrichters von Buchholz, Andreas Müller, gehörte, der, weil er seine alte Mutter, die er bestohlen und die ihm den Diebstahl vorgeworfen, gemißhandelt und mit Ermordung bedroht, von dieser verflucht worden war. Dadurch war denn jene alte Sage bewiesen, daß dem, der sich an seinen Eltern vergeht, die Hand aus dem Grabe wächst.
Auch Temme erzählt in den Sagen der Altmark (Nr. 56.) von einem ungeratenen Sohne im Dorfe Groß-Redensleben, welcher seinen Vater schlug, als ihn derselbe wegen seines sündhaften Wandels ermahnte. Darauf ereilte den Sohn sogleich die Strafe des Himmels; er stürzte tot nieder. Als man ihn aber begrub, wuchs seine eine Hand aus dem Grabe heraus und man mußte sie abhauen, da sie sich nicht mit vergraben ließ. Zur Erinnerung wurde sie in der Kirche aufgehangen und darüber an einer schwarzen Tafel folgendes geschrieben:
Sieh, sieh Du böses Kind, Was man hier merklich find't, Eine Hand, die nicht verwest, Weil der, deß sie gewest, War ein ungeratenes Kind, Wie man auch jetzt noch find't. Den Vater schlug der Sohn, Drum hat er dies zum Lohn, Daß hier hängt seine Hand; Hüt' Dich für solche Schand'.
462. Der Doppelgänger zu Wiesenthal.
(Flader, Wiesenthalisches Ehrengedächtniß, 1719, S. 108. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. S., Nr. 500.)
Im Jahre 1709 ist ein kurfürstlicher Geleitseinnehmer, mit Namen A. L., in gewissen Angelegenheiten verreist; da er nun wenigstens zwanzig Meilen entfernt ist, so sieht sein damaliges Hausmädchen, da sie am Abend gegen 5 Uhr von ihrer Frau in ihre Schlafkammer geschickt wird, ihn von ohngefähr in seinem Bette liegen und meint, er sei ohne ihr Wissen nach Hause zurückgekehrt. Sie fragte also die Frau: »Ist der Herr nach Hause gekommen?« Diese antwortet aber: »Du wirst ihn ja sehen.« Daher hat sie sich weiter nicht darum gekümmert. Nachdem nun die Frau selbst des Nachts gegen 12 Uhr schlafen geht, erblickt diese ihn ebenfalls in ihrem Bette, da er sich denn gerührt, daß es davon geknistert und das Bett ein wenig von sich geschlagen. Welches sie bewegt, daß sie unten um das Bett herumgegangen und ihn angeredet hat: »Ei, mein Kind, wie bist Du denn hier? Hast Du mich doch erschreckt!« Da er denn die Beine hinausgeschlagen, aus dem Bette gefahren und unter das Dach, so sich in der Schlafkammer findet, gekrochen, auch daselbst plötzlich verschwunden ist. Die Frau hat sich nun zwar ins Bett gelegt, aber vor großem Schreck die ganze Nacht nicht schlafen können, weil sie nicht gewußt, wie es zugehe, daß sie ihren Mann, der so viele Meilen entfernt war, habe sehen können. Sie hat aber fleißig gebetet, der Herr wolle sie vor Anfechtung bewahren. Als ihr Mann nun wieder nach Hause gekommen, hat er erzählt, er sei an jenem Tage gerade bei einem Jäger gewesen, der ihn sehr wohl traktiert und mit Braten, Kuchen und Wein bestens bewirtet, da habe er immer an seine Frau gedacht und gewünscht, daß sie solches auch mit genießen möge.
463. Arndts Paradiesgärtlein ist unverbrennlich.
(~Curiosa Saxon.~, 1738, S. 269. Darnach Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 229.)
Als Gott am heiligen Abende vor dem Johannistage des Jahres 1738 Tuttendorf bei Freiberg mit einem heftigen Donnerwetter heimsuchte und der Strahl des Bergmanns J. D. Schieffels Wohnhaus im Oberdorfe entzündete, hat zwar die wütende Feuersglut alles verzehrt, allein alle im Hause befindliche Personen sind mit dem Leben davon gekommen, und was das Sonderbarste ist, die schon zu mehreren Malen über ~Dr.~ Joh. Arndts berühmtes Gebetbuch, Paradiesgärtlein betitelt, in Feuersgefahr waltende Fürsorge Gottes hat sich auch hier wiederum bethätigt. Denn da sich unter dem geistlichen Büchervorrat dieser armen Verunglückten auch gedachtes Buch in der von Chr. Weinmann, Buchhändler zu Erfurt, in länglich Duodez 1725 besorgten Auflage befunden, so hat man dasselbe am anderen Tage unter der Asche dergestalt angetroffen, daß, obwohl der Einband desselben gänzlich zu Kohlen verbrannt, dennoch kein Buchstabe in dem Buche selbst verletzt war, sondern dasselbe ganz unversehrt im Feuer geblieben ist. Es ist solches dem Pastor des Ortes von den Abgebrannten zum ewigen Andenken überlassen worden, bei dem man es noch lange hat sehen können.
464. Das Meteoreisen in Elbogen.
(I. Erzgebirgs-Zeitung, 1. Jahrg., S. 168. II. Die Natur von Müller, 1878, Nr. 45.)
I. Es war seinerzeit in Elbogen ein Burggraf von Wülfenfels unter der Oberherrschaft der Rohenburger als berüchtigter, mordlustiger und raubgieriger Burgherr und wegen seiner grausamen Handlungen gefürchtet und bekannt. Seine Leibeigenen pflegte er oft ohne besonderen Anlaß in den Sprudel-Teufelsweiher zu werfen, um sie zu versteinern. Als er sogar seine eigene Tochter im Burghofe anketten ließ und im Begriff war, den Todespfeil auf sie zu schleudern, da grollte plötzlich der Himmel, ein Donnerschlag ertönte und ein Blitz lähmte seinen Arm. Das Kind war gerettet, denn soeben hielt der edle Rohburger seinen Einzug in Elbogen. Da ihm Mitteilung von den Schandthaten des Burgherrn gemacht wurde, befahl er, denselben sofort festzunehmen und zu züchtigen. Wülfenfels, der dies hörte, verschwand. Das letztemal sah man ihn mit drohenden Gebärden, seine Armbrust gegen den Himmel haltend, auf dem Schloßbalkon stehen und hörte ihn lästern über den Donner und Blitz, die Schuld trugen, daß sein Kind noch lebte. Vergeblich suchte man nach ihm; doch bald sollte sich das Ganze aufklären; am Balkon fand man einen großen, zur Eisenschlacke zusammengeschmolzenen Stein, mit den Resten einer halbverbrannten Armbrust auf einem Klumpen liegen. Der Markgraf ließ diesen Stein im Schlosse aufbewahren; die Franzosen aber warfen ihn bei ihren Kriegszügen im Jahre 1776 in den tiefen Schloßbrunnen, aus dem er später wieder herausgehoben wurde, um auf das Rathaus gebracht zu werden. Dieser Stein, von den Naturforschern als Meteor bezeichnet, war ursprünglich 192 Pfund schwer; ein Teil davon kam in das Naturalienkabinet nach Wien, ein Teil in jenes nach Prag, und der Rest im Gewichte von 43 Pfund wird auf dem Rathause zu Elbogen vorgezeigt.
II. Auf dem Schlosse zu Elbogen lebte vor Jahrhunderten ein böser Burggraf, welcher seine Unterthanen hart drückte. Einst läutete derselbe während eines Gewitters eigenhändig auf dem Turme die Glocke, um damit seine Leute zum Frohndienste zusammenzurufen. Da schlug plötzlich der Blitz ein und schmolz den Grafen und die Glocke in einen Guß zusammen. Das ist nun jener Eisenklumpen, von welchem man noch heute in der Stadt einen Teil zeigt. Man hat die Masse schon oft in einen Brunnen versenkt, aber immer ist dieselbe von selbst wieder herausgekommen. Sie soll bald zentnerschwer, bald ganz leicht sein, letzteres aber nur für Menschen, welche noch nicht gesündigt haben.
465. Der Köhler von Klingenthal.
(Metrisch von Hager, Vogtl. Volkssagen, 1839, II., S. 13. Darnach bei Gräße a. a. O., Nr. 640.)
Vom Kirchhofe zu Klingenthal bis an den naheliegenden Wald geht jede Nacht um die zwölfte Stunde ein gespenstiger Schatten, eine Leuchte in der Hand. Das Volk erzählt sich hierüber folgende Geschichte: Es soll einst in Klingenthal ein Köhler gewohnt haben, der jede Nacht von der Seite seiner getreuen Hausfrau aufstand, um angeblich im Walde nach seinem Meiler zu sehen. Die wahre Ursache war aber, daß er im Busche zu einer dort wohnenden Concubine schlich. Einst ging er auch in finsterer Nacht, die Leuchte in der Hand, den wohlbekannten Weg, da folgte ihm sein Weib, das er schlafend glaubte, und warf ihm geradezu sein Vergehen vor. Er wollte es zwar anfangs leugnen, aber bald gab ein Wort das andere, er ward heftig, schlug seine rechtschaffene Frau nieder und begab sich zu seinem Kebsweibe. Als er mit diesem im besten Kosen begriffen war, öffnete sich plötzlich die Thür und sein Weib stürzte herein und traf die Schuldigen auf offner That. Jetzt halfen keine Verstellungen mehr, er mißhandelte sie abermals und warf sie zur Thür hinaus mit der Drohung, sie in den brennenden Meiler zu schleudern, wenn sie ihm wieder zu nahe komme. Sie aber verfluchte ihn und rief: »Der Meiler werde Dir selbst zum Grab, mögest Du lebendig verbrennen!« Des lachte der Köhler; als er aber nach seiner Gewohnheit den Meiler erklomm, um sich umzuschauen, stürzte dieser plötzlich zusammen und der Frevler versank in seinen feurigen Schlund.
466. Vom flinken Knecht zu Rechenberg.
(Gießler, Sächs. Volkssagen, Stolpen o. J., S. 289.)
An der südlichen Grenze des meißnischen Erzgebirges lebte vor alter Zeit ein wohledler Ritter, mit Namen Kurt von Rechenberg, auf seinem Stammschlosse Rechenberg an der Mulde, von welchem sich noch jetzt Ruinen auf einem Felskegel am rechten Thalgehänge inmitten des freundlichen Fleckens Rechenberg vorfinden.
Hochbegütert und vom Glanze einer zahlreichen Dienerschaft umgeben, lebte der fromme Edelmann gar glückliche Tage dahin. Seine Diener hielt er gleich eigenen Kindern wert, und er wurde darum von allen auch wieder geliebt wie ein Vater.
Da geschah es eines Tages, daß ein junger, dürftig gekleideter Bursche aus fremden Landen zum Ritter kam und ihm seine Dienste anbot. Das treuherzige Wesen des jungen Mannes, der erzählte, wie viel Elend er schon habe ertragen müssen, gefiel dem Herrn von Rechenberg und er nahm ihn in seinen Dienst.
Georg -- so hieß der junge Bursche -- war munter und flink auf den Füßen, er flog gleichsam wie ein Pfeil, wenn ihn sein Herr irgendwo hinsandte, und seiner thätigen, willfährigen und geschickten Hand glückte alles wunderbar, ja, es schien ordentlich, als wenn ein besonderer Segen auf seinem Thun ruhte. Ein außerordentliches Ereignis sollte seine Verdienste um das Haus Rechenberg noch mehr ins Licht stellen.
Einst versetzten Flüchtlinge aus der nahen böhmischen Pflege die Bewohner der Burg Rechenberg in lebhafte Aufregung, denn sie meldeten, daß einige bekannte böhmische Raubritter mit ihren Mannen sich der Grenze näherten und mordend und sengend das Land verwüsteten. Darüber ward Kurt von Rechenberg sehr betrübt und er beschloß nach Rücksprache mit seinem Vogte einen Kundschafter auszusenden, um zu erfahren, wie stark die Zahl der Feinde sei. Niemand erschien ihm dazu geeigneter als sein flinker Diener Georg. Derselbe dankte für den ihn ehrenden Auftrag und wenige Minuten später jagte er auf flüchtigem Rosse hinaus zum Burgthore, dem Feinde entgegen. Bereits am andern Morgen kehrte der Knappe in das Schloß zurück. Zum Erstaunen der Burgbewohner befanden sich zwei gefüllte Säcke, einer hinten und einer vorn, auf dem Gaule. Ritter Kurt stand unter dem Thor, und befremdet wegen des seltsamen Aufzuges fragte er: »Was klirrt denn so um Deinen Sattel?« Georg antwortete wohlgemut: »Seid getrost, Herr Ritter, alles hat gute Wege. Das sind Hufeisen, die ich den Pferden abgerissen habe, während die Feinde schliefen. Vorsichtig und dennoch sonder Hast eilte ich den Raubgesellen entgegen, immer der Grenze entlang, bis ich sie in der Nähe des Dorfes Einsiedel erblickte. Es war schon finstere Nacht und alle hatten sich sorglos dem Schlafe überlassen. Deshalb machte ich mich unverweilt an die Arbeit und glaube damit unsern Feinden einen recht üblen guten Morgen geboten zu haben, denn ohne Hufeisen sind die Spitzbuben nicht imstande, die Gebirgspfade zu bereiten, und noch viel weniger möchte es gelingen, hier herum so viel Eisen aufzutreiben, als ihnen fehlen. Damit ihr aber, gestrenger Herr, die Anzahl der Feinde schätzen möget, bracht' ich die Eisen gleich mit, da die Dunkelheit der Nacht mich hinderte, die Feinde zu überzählen. Nun ist es wohl mit uns bestellt, und ruhig können wir uns rüsten, bevor sie sich uns nahen.« Der Burgherr lächelte zufrieden und sagte: »Du bist, traun, ein seltsamer, aber vortrefflicher Bursche!« Dann setzte er, zu dem Vogte gewendet, hinzu: »Entweder war das Begebnis ein Wunder, oder der Knecht Georg ist verwegen bis zur Tollkühnheit. Nun, wir wollen die Raubgesellen gehörig empfangen!«
Die Worte Georgs erfüllten sich; die Feinde nahten erst, nachdem alle Vorbereitungen zu deren nachdrücklichem Empfange getroffen waren. Sie wurden über die Grenze zurückgetrieben und dabei zeichnete sich Georg durch persönliche Tapferkeit aus, so daß er sich noch mehr die Liebe seines Herrn gewann.
Später zeigte sich die Treue und Liebe Georgs noch auf eine andere Art. Sein Herr gab ihm einst ein Schreiben, welches nach dem Rittersitze Grünau bei Marienberg bestimmt war, mit dem Bemerken, bei der Bestellung zu eilen, dieweil es Not habe, der Ort, wohin der Brief solle, fern liege und die Sonne schon tief stehe. Georg versprachs und rühmte sich, die drei Meilen bis nach dem Orte Grünau mit der Schnelle eines Vogels zurücklegen zu wollen. Nach Verlauf einer Stunde aber kam der Ritter von ungefähr in den Stall. Wie erstaunte er da, als er seinen Knecht, den er weit fort glaubte, in einer Ecke des Stalles, auf Stroh gebettet, sanft schlafend fand. Da ward der Ritter unwillig und weckte den Knecht auf, indem seine Augen in aufsteigendem Zorne funkelten, doch bezwang er sich, denn sein Herz war gut und sein Gemüt lauter und fromm. Erschrocken vor seines Herrn plötzlicher Umwandlung fuhr Georg auf und sprach: »Da, lieber Herr, -- o zürnt mir nur nicht! -- da ist ja schon die Antwort!« Unter diesen Worten überreichte er das Gegenschreiben. »Bei allen Heiligen!« rief der Ritter aus, dessen Angesicht erbleicht war, »es ist die Wahrheit! Sage, Georg, wie wäre das wohl möglich? Du müßtest schneller als der Sturm, flüchtiger als der Raubvogel gewesen sein, um das zu vollbringen. Du warst also wirklich in Grünau?« Und als Georg diese Frage bejahte, verfinsterten sich des frommen Rechenbergers Züge; mit stillem Grausen erbrach er zitternd das Schreiben und taumelte mit Entsetzen zurück, als er wirklich die ihm wohlbekannte Handschrift des weitentfernten Freundes in Grünau erblickte.
Nachdem er die Antwort gelesen hatte, hob er also an: »So ist es denn wahr, was ich nimmermehr für möglich gehalten hätte! Dies zu vollbringen, reicht die Menschenkraft nicht aus. Entweder bist Du, seltsames Wesen, ein Bote Gottes, oder ein Abgesandter der Teufels! Die Weise Deines Thuns, wie auch Dein Thun selber ist unheimlich und verschlossen, und Du scheinst mir unmöglich ein Sterblicher zu sein!« Da verwandelte sich schnell, wie durch Zauberkraft, der rätselhafte Jüngling vor den Augen des Ritters und eine von Licht umflossene Engelsgestalt stand da, welche sprach: »Der Herr der Herren, welcher mich zu Dir gesandt hat, Dir zu dienen, hat mich auch zugleich befähigt, Dir also thun zu können, wie ich that; sein Auge ruhte schon lange auf Deinem Haupte, Dir zum Schutze. Durch mich läßt Dir der Herr verkünden, wie wohl es ihm gefalle, wenn Herrscher gegen ihre Untergebenen Milde und Geduld üben! Diese hast Du mir erwiesen und auch den andern Knechten. Der Herr wird Dir dafür lohnen, wenn Du die Menschen stets wie Deine Brüder liebst!« Darauf verschwand der Engel wie das Rot eines Sommermorgens, den Ritter aber durchwehte Gottesfrieden, und es zog ihn in die Burgkapelle, wo er Gott für seine unendliche Gnade dankte. Er gelobte, seinen Untergebenen stets ein Vater sein zu wollen und bis an sein Lebensende hat er dieses Gelöbnis treu gehalten.
467. Warum die Eisenberger Kapelle nicht vollendet wurde.
(Lotti Cori in den Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 1885, S. 126.)
Seitwärts vom Eisenberger Forsthause befindet sich auf einer malerisch schön gelegenen Waldlichtung eine niemals vollendet gewesene und teilweise wieder verfallene Kapelle in romanischem Stil. Behauene Steine und Säulen liegen rings umher, von Gesträuch und Epheu überwuchert, die Stufen sind mit Moos überkleidet, und im Innern der Kapelle grünt und blüht es. Die Vögel üben hier nun ungestört ihre Baukunst, denn die Gebirgsbewohner meiden voll Scheu jenen Unglücksort. Die Sage giebt nämlich die Kunde, daß ein Graf Lobkowitz, als das Geschlecht noch nicht gefürstet war, hier einst eine Kapelle für den heiligen Dorn erbauen wollte, um einen Wallfahrtsort zu gründen; doch der edle Graf fand beim Bau, den er oft besichtigte, durch einen herabstürzenden Stein den Tod. Ein Nachkomme, ein Fürst Lobkowitz, wollte später das begonnene Werk vollenden, doch ihn erschlug eine riesige Eiche, die man zum Bau fällte. Dieses abermalige Unglück wurde als Fingerzeig Gottes aufgefaßt, daß der heilige Dorn in der Schloßkapelle verbleiben solle, und die Kapelle, deren Kuppel sich schon zu wölben begann, blieb unvollendet. Aus jener Eiche wurde ein großes Crucifix geschnitzt, das man an der Unglücksstelle mit einer kleinen Kapelle überbaute. Jetzt aber ist dieses Kreuz, welches einen nicht unbedeutenden Kunstwert besitzen soll, in der renovierten Schloßkapelle aufgestellt.
VIII.
Völker-, Helden- und Geschlechts-Sagen.
Abgesehen von Ortsnamen und andern sprachlichen Resten, sowie von einzelnen Gebräuchen, sind von den einstigen sorbischen Bewohnern des Erzgebirges nur wenig Ueberlieferungen uns erhalten worden. Dies gilt insbesondere auch von den Sagen. Manche mythische Sagen tragen zwar noch unverkennbar das Gepräge ihres slavischen Ursprungs, aber nur zwei Sagen dieses Abschnittes, die vom Riesen Einheer und von Schwanhildis, gedenken auch der Kämpfe der Deutschen mit der slavischen Nation, über deren Wohnsitze in unserem Gebirge mir ebenfalls nur zwei dem Sagengebiete angehörige Überlieferungen bekannt geworden sind. Diese Armut hierher gehöriger Stoffe beruht jedenfalls auf dem Umstande, daß die Sorben einen doch nur vorübergehenden und teilweise nur geduldeten Wohnsitz in unserm Gebirge gefunden haben. Ebenso arm sind die Sagen von bergentrückten Helden und versunkenen Kriegern; sie besitzen teilweise einen mythischen Grund, teilweise gestalten sie sich zu bloßen Gespenster- und Spukgeschichten. Die Sagen von den edlen Geschlechtern endlich, welche aufgenommen wurden, wenn Glieder der letzteren in unserm Gebirge auf Gütern ansässig waren oder noch sind, leben nur in den chronikalischen Aufzeichnungen, obschon sie wenig wirkliche und urkundliche Begebenheiten enthalten. Im Volksmunde haben sie sich bei uns nicht fortgepflanzt, ja sie sind wohl kaum dem eigentlichen Volke aus den alten Schriften bekannt geworden, und so finden wir auch bei uns bestätigt, was die Brüder Grimm in der Vorrede zum 2. Bande der deutschen Sagen schreiben, daß sich nämlich die Sage um die seltsame Bildung eines Felsens dauernder, als um den Ruhm selbst der edelsten Geschlechter sammelt.
468. Von den alten Wenden bei Eibenstock.
(Oesfeld, Historische Beschreibung einiger merkwürdigen Städte im Erzgebirge, 2. Teil, 1777, S. 50. -- Oettel, Alte und neue Historie der freien Bergstadt Eibenstock, 1748, S. 3, 202.)
Bei Eibenstock sind von den alten Wenden noch verschiedene Spuren anzutreffen; z. B. an der Mulde gegen Schönheide liegt die Cunitzhöhe und die daneben am Dorfbache liegenden Wiesen heißen die wendischen. In derselben Gegend hat auch ein Dorf gestanden und der über der Mulde angebaute Hammer hat sonst Windischthal geheißen. Ferner die anstreichende Höhe von der Mulde nach der Stadt zu heißt noch jetzt der wendische Berg oder wendische Knock, und die auf derselben Höhe befindlichen drei Freihöfe sollen aus einem zerteilten Rittergut entstanden und nach der Überlieferung die Wohnung des vornehmsten wendischen Herrn gewesen sein. Dieselben haben auch mit der Schwarzenberger Herrschaft keine Verbindung gehabt und bereits mit der Lehnsfolge nach Dresden gehört, ehe noch Eibenstock mit Schwarzenberg an das Kurhaus Sachsen verkauft wurde. -- Man ist auch der Meinung, es wäre mit dem Seifen des Zwitters der Anbau Eibenstocks erfolgt, und die Wenden hätten schon den ganzen Grund der Wendisch- oder Windischwiesen bis an die jetzige Stadt ausgeseift.
469. Rottmannsdorf von Wenden bewohnt.
(Sachsens Kirchengalerie, 8. B., S. 69.)
Der am Fuße des Erzgebirges, 1½ Stunde südlich von Zwickau liegende Ort Rottmannsdorf, welchen man zum Unterschiede von Alt-Rottmannsdorf auch Wendisch-Rottmannsdorf nennt, soll von Wenden bewohnt gewesen sein, die später vom Landesherrn genötigt wurden, in die Lausitz auszuwandern.
Der Zusatz »Wendisch« zu dem Namen Rottmannsdorf, welcher sich auch häufig in andern jetzt deutschen Provinzen und Ländern, wie in der Altmark und in Thüringen findet, oder welcher wenigstem früher daselbst gebräuchlich war, weist vielleicht darauf hin, daß sich in dem Dorfe unter den Bewohnern die slavische Sprache und slavische Gebräuche und Sitten länger als anderswo erhielten. Im alten Pleißnerlande behielten die daselbst wohnenden Nachkommen der ehemaligen sorbischen Bevölkerung lange Zeit ihre Sprache bei, so daß man sie auch vor Gericht hören mußte. Im Jahre 1327 ward aber ernstlich anbefohlen, daß weder Parteien noch Advokaten ihre Klagen und Verantwortungen in wendischer, sondern allein in deutscher Sprache anbringen sollten. (Gottl. Göpfert, Gesch. d. Pleißnergrundes, S. 18.)
470. Der Riese Einheer.
(Tob. Schmidt, ~Chronica Cygnea~, II, 1656, S. 5 und 6.)
Als im Jahre 805 Karl der Jüngere, Karls des Großen Sohn, die aufrührerischen Böhmen überwunden und ihren Fürsten Lecho erschlagen hatte, zog er durch den Böhmerwald in die Gegend von Zwickau, um hier, sowie überhaupt zwischen Saale, Mulde und Elbe die mit den Böhmen verbündeten Wenden zu strafen. In diesem Kriege hat auch die Fürstin Schwanhildis mit ihren Schwanfeldern dem Kaiser getreulich gedient, so daß Karl der Jüngere die Stadt Zwickau zur Mark wider die Wenden und Böhmen machte. In derselben Zeit lebte auch ein Riese oder Recke, der hieß Einheer (sein rechter Name ist aber ~Aenotherus~ gewesen) und war ein Schwabe, gebürtig aus Thurgau in der Schweiz. Dieser watete durch alle Wasser, durfte über keine Brücken gehen, zog sein Pferd bei dem Schwanze nach und sagte allezeit: »Nun Gesell, du mußt auch hernach«. In den genannten Kriegen des Kaisers half er diesem gegen die Wenden. Er mähete die Leute wie das Gras nieder, hängte sie an den Spieß, trug sie über den Achseln wie Hasen oder Füchse, und da er wieder heim kam und seine guten Gesellen und Nachbarn fragten, was er ausgerichtet hätte und wie es ihm im Kriege gegangen wäre, sagte er aus Unmut und Zorn: »Was soll ich von diesen Fröschlein sagen? Ich trug ihrer sieben oder achte an dem Spieß über der Achsel, weiß nicht, was sie quaken, ist der Müh nicht wert, daß der Kaiser so viel Volks wider die Kröten und Würmer zusammengebracht.« Es flohen vor ihm die Feinde und Wenden und meinten, er wäre der leidige Teufel.
Die Sage vom Riesen Einheer erzählen auch die Brüder Grimm (Deutsche Sagen, I, Nr. 18), jedoch ohne Beziehung auf die Gegend von Zwickau. Es heißt darin noch: Diesen Riesen nennt man Einheer, weil er sich in Kriegen schier einem Heer vergleicht und also viel ausrichtet.
471. Schwanhildis.
(Tob. Schmidt, ~Chronica Cygnea~, Zwickau, 1656, S. 20 u. 24.)