Part 41
Bevor die Eisenbahnen aufkamen, vermittelten die Reischdorfer Fuhrleute den Handel zwischen Böhmen und den übrigen Ländern. So fuhr auch einmal ein Reischdorfer nach Nürnberg. Eines Tages, da ein großer Sturm und Regen herrschte, geschah es, daß unser Fuhrmann mit seinem Wagen in einen Abgrund fiel, wo Wagen und Pferde zerschmetterten. Er fluchte und jammerte, allein alles vergebens. Plötzlich fühlte er, daß ihm jemand auf die Achseln klopfte. Er schaute sich um und sah einen sonderbar gekleideten Mann vor sich, der ihn fragte, weshalb er so jammere. Der Fuhrmann zeigte auf seinen Wagen und erzählte sein Unglück. Da zog der Fremde ein Fläschchen aus der Tasche, in welchem sich ein Ding hin und her bewegte, und sagte zum Fuhrmann, er solle ihm dafür zwei Thaler geben; wenn er das Fläschchen rüttle und sich dabei etwas wünsche, so werde sein Wunsch augenblicklich in Erfüllung gehen; nur müsse er das Fläschchen billiger verkaufen, als er es eingehandelt habe. Der Fuhrmann zahlte voll Freuden das Geld, rüttelte das Fläschchen und wünschte sich das schönste Haus in Nürnberg. Dort lebte er in Hülle und Fülle. Eines Tages aber, als er wiederum im Wirtshaus saß und mit Geld um sich warf, sah er einen schwarz gekleideten Herrn, der ihn ganz seltsam anblickte. Der Fuhrmann ging auf ihn zu und fragte ihn, warum er ihn so betrachte. Der Fremde antwortete, daß ihm seine Verschwendung auffalle. »Ja,« sagte der Reischdörfer, »ich hab' da ein Fläschchen, damit kann ich mir alles wünschen, was ich will. Um einen Thaler jedoch will ich's Euch verkaufen.« Der Fremde nahm das Fläschchen, sprach einen Spruch darüber, so daß es in tausend Stücke zersprang; das darin befindliche Ding aber ward eine Schlange, die so stank, daß der Bauer in Ohnmacht fiel. Als er erwachte, befand er sich auf der nämlichen Stelle, wo sein Gespann zu Grunde gegangen war. Er ging nach Nürnberg, um zu sehen, was aus seinen Reichtümern geworden sei. Da sah er auf dem Balkon des Hauses, das ihm gehört hatte, seine eigene Gestalt, die ihm zuwinkte. Er trat ins Haus, allein alle Leute darin waren ihm fremd und die Gestalt war verschwunden. So kehrte er ebenso arm nach Hause zurück, als er ausgezogen war.
447. Die Tempiskapelle zwischen Komotau und Görkau.
(J. Mann in der Erzgebirgs-Zeitung, 1882, S. 15.)
Über die Entstehung der Tempiskapelle am obern Wege von Komotau nach Görkau erzählt die Sage:
In Rothenhaus war Herr Tempis Kastellan, der seine Arbeitsleute und Herrschaftsangehörige sehr hart und grausam behandelte. Einmal kehrte er auf seinem Rosse von Komotau nach Hause zurück. Es war eine finstere, rabenschwarze Nacht, und dazu hatte er noch etwas zu viel von geistigen Getränken genossen. Anfangs ging sein Roß ganz gut, dann aber sauste es im rasenden Galopp dahin. In der Ferne bemerkte Herr Tempis ein Licht und glaubte schon bei Rothenhaus zu sein. Da auf einmal fing sein Pferd an zu sinken, und je weiter er ritt, desto tiefer sank es. Trotz aller seiner und seines Pferdes Anstrengung gelang es nicht, aus diesem Moraste heranzukommen. Herr Tempis sah schon seine letzte Stunde gekommen, da eine Rettung hier nicht möglich war. In diesem qualvollen und entsetzlichen Augenblicke that er das Gelübde, im Falle er gerettet werde, eine Kapelle zu Ehren der Mutter Gottes an dieser Stelle zu erbauen. Er trieb jetzt sein Pferd noch einmal an. Dieses bot seine letzten Kräfte auf und siehe, Roß und Reiter waren gerettet. Herr Tempis erfüllte nun auch gewissenhaft sein Gelübde.
448. Sieben versteinerte Jungfrauen.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 274.)
Bei Komotau gegen das Gebirge hin liegen auf einem Berge mehrere große Steine, die Katzen ähnlich sind. Das sollen sieben Jungfrauen sein, welche ein schlechtes Leben führten und deshalb in diese katzenähnlichen Steine verwandelt worden sind.
449. Wie die große Glocke in der Marienkirche zu Zwickau ihre Stimmung bekommen hat.
(T. Schmidt, ~Chronica Cygnea~ I., S. 78.)
Als auf dem Turme der Marienkirche zu Zwickau die große Glocke am 12. Juli 1512 sprang, weil man von 8 Uhr des Abends bis den andern Morgen früh um Vier eines schrecklichen Gewitters halber nach damaliger Gewohnheit geläutet hatte, so fragte der Glockengießer, der sie umzugießen hatte, als das Metall schon geschmolzen war, und er das Werk selbst beginnen sollte, die dabei stehenden Ratsherren, was für einen Ton er der Glocke geben solle? Da nun diese verlangten, er solle derselben das Chormaß nach der Orgel, also das bloße ~C~ geben, hat er ein Pulver von Kräutern zugerichtet und in das Metall geworfen, und davon hat die Glocke den gewünschten Ton bekommen.
450. St. Wolfgang zu Freiberg.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 290.)
Ist einst ein Bischof, namens Wolfgang, aus dem Geschlechte derer von Schleinitz zu Freiberg gewesen. Wie der nun einmal in vollem Ornate zum Dienste des Herrn in den Dom geht, da stürzt sich ein Bettler vor seine Füße nieder, der Gliederreißen oder das böse Wesen zu haben schien. Mitleidsvoll blickten den Unglücklichen alle Anwesende an, nur der Bischof machte eine Ausnahme, er sprach zu ihm: »Tobt wirklich eine Krankheit in Dir, so möge sich Gott Deiner erbarmen und Dich gesund machen, hast Du sie aber zum Frevel erlogen, um Almosen zu erlangen, soll sie von jetzt an Deine Strafe sein.« Kaum war aber der gottlose Heuchler, welcher der ernsten Mahnung des Bischofs nicht ungehorsam zu sein wagte, vom Boden aufgestanden, als er auch mit jämmerlichem Geschrei wieder niederfiel und niemand mehr an der Erfüllung des göttlichen Strafgerichts zweifeln konnte. Da hat das Volk den frommen Bischof als Heiligen verehrt und die Begleiter haben seitdem den St. Wolfgang zu ihrem Schutzpatron angenommen.
451. Der Fallsüchtige in der Kirche zu Annaberg.
(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert bei Gräße, Sagenschatz etc., Nr. 511.)
Am 26. Juli des Jahres 1519 ward die St. Annenkirche in der Stadt Annaberg durch den Bischof von Meißen, Johann VI., geweiht und bei dieser Gelegenheit ereignete sich folgende wunderbare Begebenheit, welche durch ein, wahrscheinlich von Lucas Cranach gemaltes Bild, das sich am Grabmonumente L. Pflocks, eines reichen Bergherrn, der bei diesem Vorgange zugegen war, befindet, noch heute im Andenken erhalten wird. Als nämlich die Prozession, bei der sich auch Herzog Georg von Sachsen befand, an der Pforte der Kirche angelangt war und der Bischof sich anschickte, dieselbe einzuweihen, sah er plötzlich einen zerlumpten Bettler, der sich in epileptischen Zuckungen auf der Erde herumwälzte, vor sich. Da erhob sich in der Seele des geistlichen Herrn der Verdacht, die Krankheit dieses Elenden sei nur eine verstellte und derselbe benutze dieselbe bloß, um bei dem heutigen hohen Feste das Mitleid der Anwesenden zu erregen. Er hob also die Rechte zur Benediktion, schlug ein Kreuz über den Bettler und sprach mit laut erhobener Stimme: »Bist Du wirklich krank, so helfe Dir der Herr, verstellest Du Dich aber, so strafe er Dich!« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so geschah es, daß die von dem Bettler vorgegebene Krankheit zur Wirklichkeit ward, ein fürchterliches Geschrei verkündete ihr Dasein und mehrere starke Männer waren jetzt kaum im Stande, den Unseligen in seinen Zuckungen zu bändigen und auf die Seite zu bringen.
452. Ein Totenschänder wird entdeckt.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 572.)
Vor einer Reihe von Jahren lebte in Schöneck ein Pfarrer Merz, welchem ein Kind von 2 Jahren starb. Nach 14 Tagen rief eine Kinderstimme bei diesem Pfarrer Merz des Abends nach 10 Uhr beim Schlafstubenfenster: »Mein Händchen und mein Füßchen!« und dies einigemale. Der letzte Ruf lautete: »Vater, mein Händchen und mein Füßchen fehlt mir!« Darauf ließ der Pfarrer Merz sein Kind wieder ausgraben, und wirklich fehlten auch diese Glieder. Es wurde nachgeforscht und man hatte auf einen Bewohner der Birkenhäuser bei Schöneck, welcher einen Schatz hatte heben wollen, Verdacht. Am nächsten Sonntage erblickte der Pfarrer den bezeichneten Mann in der Kirche; er leitete seine Predigt auf den Vorfall und rief, indem er auf den Verdächtigen hinzeigte, laut aus: »Du Schalksknecht, Du Übelthäter, verschaffe die Glieder meines Kindes wieder!« Darauf soll der Mann wie tot umgefallen sein.
453. Eine Wundersage von dem Stücke des Kreuzes Christi in der Marienkirche zu Zwickau.
(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygnea~ I., S. 63.)
Früher ward in der gewölbten Sakristei in der Marienkirche zu Zwickau ein in arabisch Gold gefaßtes Stücklein vom Kreuze Christi verwahrt, welches der Hauptmann Martin Römer im Jahre 1479 der Kapelle geschenkt hatte. Nun war aber in die Einfassung mit Cyrillischen Buchstaben und in serbischer Sprache eine Inschrift gegraben, welche also lautete: »Dieses ehrwürdige Crucifix ist auf der Königin ... (der Name war nicht mehr zu lesen) Befehl gemacht und in die Kirche der h. Dreifaltigkeit bei der Grube (zu Konstantinopel) gesetzt worden; es sind in demselben fünf ganze Stücklein vom h. Kreuz und vier Edelsteine, die hölzernen Stücklein sind für 2000 Gulden gekauft, das Gold aber und die Edelsteine kosten 1000. Wer ein Stücklein von diesem Holze des Kreuzes mit Gewalt aus der Kirche der h. Dreifaltigkeit nehmen wird, der sei verflucht und das h. Kreuz bringe ihn um, wer es etwa an einem andern Orte antrifft, der schaffe es wieder in die Kirche zur h. Dreifaltigkeit, wer es nicht thut, den bringe Gott und das h. Kreuz um.« Trotz dieses Fluches hat aber, als die Türken Konstantinopel eingenommen, ein Grieche dieses Heiligtum, damit es nicht in unheilige Hände komme, errettet und hernach M. Römern in Zwickau verkauft, der auch von dem darauf geschriebenen Fluch nichts zu befürchten gehabt, weil er es nicht mutwillig entwendet, sondern nur vor denen, die es ohnedem zerschlagen und beschimpft hätten, bewahrt hat. Nun hat aber der Herzog von Friedland, insgemein der Wallenstein genannt, am 1. September 1632 dieses Kleinod durch seine Vettern Graf Maximilian von Wallenstein und Graf Paul von Lichtenstein abholen und hernach auf der Post durch genannten Grafen von Wallenstein dem Kaiser anbieten lassen, als verehre die Stadt Zwickau und die geistliche Behörde solches demselben freiwillig; allein es war hierbei wenig Willigkeit, sondern nur Gewalt zu finden, und es hieß vielmehr: willst du nicht, so mußt du. Nun ist aber der besagte Fluch an allen diesen Personen ausgegangen. Nachdem dies nämlich hier am 14. September geschehen, hat der Wallenstein am 6. November die große Schlacht bei Lützen verloren und seit dieser Zeit kein Glück mehr gehabt, also daß er bald darauf zu Eger ein blutiges Ende nahm; die beiden Grafen aber sind noch in demselben Jahre umgekommen und ist keiner von ihnen eines natürlichen Todes gestorben.
454. Das Marienbild in der Kirche zu Fürstenau.
(Brandner, Lauenstein, seine Vorzeit, frühere Schicksale und jetzige Beschaffenheit. Lauenstein, 1845. S. 297.)
Eine geschichtliche Merkwürdigkeit besitzt das in einem der rauhesten Teile des Erzgebirges liegende Dorf Fürstenau in seiner Kirche, welche eine Filiale von Fürstenwalde und die älteste Kirche der ganzen Umgegend ist. Denn schon lange vor der Reformation war die Kapelle in Fürstenau eine Tochter der Hauptkirche zu Graupen; sie führte den Namen »Zur unbefleckten Empfängnis Mariä« und ward 1424 mit einer Glocke beehrt. Das am Altar dieser Kirche befindliche Marienbild, von nicht ganz schlechter Bildhauerarbeit und reicher Vergoldung, stellt den Besuch Marias bei ihrer Schwester Elisabeth vor. Zu diesem Marienbilde zog der fromme Glaube eine Menge Wallfahrer, und mehrere dem Kirchlein verehrte Geschenke, sowie daselbst aufgestellte und bewahrte, von geheilten Kranken zurückgelassene Gegenstände sollen die gnadenreiche Wirkung bezeugen. Auch noch jetzt findet alljährlich am Sonntage nach Mariä Heimsuchung eine Wallfahrt der Katholiken aus dem benachbarten Böhmen unter Gesang zur Fürstenauer protestantischen Kirche statt. Sie verrichten dort vor dem Bilde knieend ihre Andacht und ziehen dann singend wieder über die Grenze zurück.
Zur Zeit der hussitischen Unruhen (um 1419 bis 1436) wurde das genannte Marienbild des Nachts von Dieben entwendet; diese aber sollen sich im Walde verlaufen und sodann, um den Weg aufzusuchen, das Bild einstweilen in einem Strauche versteckt haben. Kaum sei aber das Bild aus ihren Händen gewesen, so hätten sie auch den Weg wiedergefunden. Als nun einer der Diebe wieder zurückgegangen, um das Bild nachzuholen, sei dasselbe nirgends aufzufinden gewesen, so hätten die Diebe unverrichteter Sache wieder abziehen müssen. Das Bild aber ist tags darauf wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen. Einer der Diebe soll dies seinem Beichtvater noch auf dem Sterbebette entdeckt haben.
Bei einem zweiten Entwendungsversuche sollen die Diebe mit dem Marienbilde des Nachts in der Gegend von Teplitz von unbekannten Männern angefallen, das Bild ihnen wieder abgenommen und solches an den Prior des Klosters Mariaschein abgeliefert worden sein. Der Prior jedoch habe das Bild seiner Schönheit und reichen Vergoldung halber für sich behalten, oder solches einer anderen Kirche verehren, nicht aber nach Fürstenau zurückgeben wollen. Allein dasselbe sei hierauf bei ihm auf einmal verschwunden und wieder an seinem Platze in der Kirche zu Fürstenau gewesen. Diese Begebenheit ist auf Befehl des Priors in allen Kirchen der Umgegend öffentlich bekannt gemacht worden, seitdem aber sei nie wieder ein Versuch zur Entwendung des Bildes vorgekommen.
455. Die Fußtapfe der heiligen Maria.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 306.)
Zwischen dem Hausberge bei Graslitz und dem Holzhaue ist die Räumer, ein Thal, das mit großen Granitblöcken besäet ist. Dort liegt auch ein Stein, auf welchem der Abdruck eines Fußes sichtbar ist. Als die heilige Jungfrau übers Gebirge ging zu ihrer Base Elisabeth, soll sie hier gestrauchelt sein und den Fuß in den Stein eingetreten haben. Die Fußtapfe hat deshalb auch die merkwürdige Eigenschaft, daß jeder Fuß in dieselbe paßt. -- Nach einer anderen Sage soll hier ein Mädchen ermordet worden sein und im Todeskampf das Mal in den Stein getreten haben.
456. Maria im Erzgebirge.
(Nach der metrischen Bearbeitung von Ludw. Bowitsch bei Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)
Ein armes Mädchen mußte durch Klöppeln für sich und die alte Mutter das kärgliche tägliche Brod erwerben. Da wurde ihm einst von der reichen Edelfrau, der Besitzerin ausgedehnter Güter und ihrer Herrin, der Auftrag erteilt, für sie in einer bestimmten kurzen Frist ein reiches Spitzenkleid zu fertigen. Wenn die arme Klöpplerin ihre Aufgabe pünktlich und zur Zufriedenheit ihrer Herrin löste, sollte ihr reicher Lohn werden; beim Gegenteile erwartete sie dagegen Spott und bitt'rer Hohn. Die arme Klöpplerin saß Tag und Nacht bei ihrer Arbeit, doch als die sechste Nacht kam, da konnte sie sich nicht mehr des Schlafes erwehren und sie wankte todesmüde ans Bett der Mutter hin. Aber wunderbare Träume zogen jetzt wie ein Frühlingshauch durch ihre Seele; die ärmliche Stube erglühte in rosenrotem Scheine und leise trat eine holde Frau ein, mit einer goldenen Krone auf dem Haupte. Es war die Himmelskönigin Maria. Dieselbe setzte sich an das Klöppelkissen und die Klöppeln flogen so zauberhaft, wie es dem Mädchen nie gelungen war, so daß vor Anbruch des Tages das reichste Spitzenkleid vollendet da lag. Als das also träumende Mädchen aus dem Schlafe erwachte, stand bereits die Sonne hoch am Himmel. In Wirklichkeit aber, wie der Traum es gezeigt hatte, war das Spitzenkleid fertig und die Klöpplerin trug es frohen Mutes hinauf zum Schlosse. Da freute sich die stolze Herrin und belohnte die Arbeit so reichlich wie nie zuvor. In dem Kleide jedoch war Gottes Segen eingewoben, welcher in der Folge nicht nur der strengen Edelfrau, sondern auch der armen Klöpplerin zu teil wurde.
457. Der heilige Petrus in Eisenberg.
(Nach Vernaleken bei Henne-Am-Rhyn, Die deutsche Volkssage, 1879, S. 424.)
Bei einem alten Manne, einem Schmied in Eisenberg bei Komotau, kehrte einst der heilige Petrus ein, blieb über Nacht und gab ihm am Morgen drei Wünsche frei. Der Schmied wünschte sich: 1. einen Stuhl, von dem keiner ohne seinen Willen aufstehen könne, 2. einen Kirschbaum, von dem kein Hinaufgestiegener ohne seinen Willen wieder herab könne, und 3. daß er bei jedem Spiele gewinne. Das Letztere machte den Schmied zum reichen Manne. Endlich wollte niemand mehr mit ihm spielen, da kam der Tod und wollte ihn holen. Der Schmied schlug auch ihm ein Spiel vor und gewann noch zehn Jahre Leben. Als der Tod wieder erschien, bot er ihm den Stuhl und der Tod saß und durfte nur um zehn neue Jahre frei fort. Als auch die um waren, ließ er ihn auf den Baum steigen, dessen Kirschen ihm in die Augen stachen, und ließ ihn erst wieder herab, als er verhieß, nie wieder zu kommen.
458. Die Fußspur des heiligen Wolfgang bei Graupen.
(Jos. Schwarzer in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg., S. 162.)
Noch vor wenigen Jahrzehnten zeigte man in einem Felsen oberhalb des Bergstädtchens Graupen eine Fußspur, welche von dem heiligen Wolfgang herrühren sollte. Dieser Heilige und spätere Bischof von Regensburg soll vor Antritt seiner Mission nach Pannonien hier in einer Höhle gewohnt und dabei die Spur seines Fußes zurückgelassen haben.
459. Der Hengstberg bei Hengstererben.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirk, S. 76.)
In dem Hengstberge bei Abertham arbeiteten einmal fünf Bergleute, die wegen ihrer Frömmigkeit und Gottesfurcht weit und breit bekannt waren. Sie fuhren nie an, ohne den kräftigen Bergmannssegen gesprochen zu haben:
In Gottes Namen setzen Wir unser Erz jetzt ein; Laß uns von Deinen Schätzen Auf's neu beschenket sein! Wir sehn auf Deine Hände, Wem Du es giebst, dem glückt's, Vom Anfang bis ans Ende Herr benedei! so blickt's!
Die Grube aber, in welcher sie arbeiteten, war ein Bau auf Zinn. Unverdrossen und mit treuem Sinn verrichteten sie ihre Schicht. Der Herr segnete auch ihrer Hände Fleiß; denn wo sie mit ihrem Gezähe einschlugen, arbeiteten sie große Mengen Erzes heraus, und daher kam es auch, daß die Strecken schon tief in den Berg hineinreichten. -- Eines Tages versammelten sie sich wie gewöhnlich im Grubenhause. Immer pflegten sie heitern Angesichts zu sein, heute hingegen war in ihren Mienen Traurigkeit und Besorgnis zu lesen. »Freunde,« hub der älteste an, »mir scheint, daß Ihr heute sehr ernsthaft gestimmt seid. Ich bin es auch und zwar, weil ich einen bösen Traum gehabt, in welchem ich mich in einer großen Gefahr befand.« -- »Uns ist es auch nicht besser gegangen,« sprachen die Viere. Da sie aber fromm waren und feste Zuversicht auf Gott hatten, blieb ihr Gemüt ruhig, sie sangen ohne Furcht und mit Ergebung den Bergmannssegen und fuhren ein. Als sie vor Ort gekommen, falteten sie nochmals die Hände und beteten:
Jesu! Du reicher Schöpfer mein, Thu kräftig sprechen Auf allen Zechen Den Segen Dein. Bescher mit Freud' Reiche Ausbeut'! Wend' allen Schaden, Thu uns in Gnaden Behüten fein! Schicht! Schicht!
Da ward plötzlich die ganze Strecke sonnenhell erleuchtet, und die erschrockenen Bergleute wußten nicht, wie ihnen geschah. Sie hörten aber eine Stimme: »Fürchtet Euch nicht, Ihr frommen Männer! Blicket auf zu mir, ich bin der Engel des Herrn, der Euer Gebet erhört! Gehet eilends aus der Grube, denn diese findet heute ihren Untergang!«
Die Fünf blickten auf und sahen freilich nur auf einen einzigen kurzen Augenblick das milde Antlitz des Himmelsboten, und als sie ihm danken wollten, war er verschwunden. Heiliger Schauer durchrieselte ihre Glieder, lautlos fuhren sie zu Tage, eilten zu den Ihrigen und dankten Gott für alle Gnaden mit Rührung und Andacht. Da krachte es auf einmal wie ungeheueres Gewitter vom Hengstenberge her, -- der Bau war und blieb verschüttet.
460. Das Mönchgesicht an der Kirche zu Schlettau.
(Nach der poet. Bearbeitung von Ziehnert in Gräße, Sagenschatz etc. Nr. 525.)
An der östlichen Außenseite der Kirche zu Schlettau befindet sich etwa 8 Ellen von der Erde ein Stein in der Mauer, der angeblich, ohne von Menschenhänden bearbeitet zu sein, einem Mönchgesichte täuschend ähnlich ist. Das Volk erzählt sich von demselben folgende wunderbare Geschichte: Um das Jahr 1520 war Johannes Küttner (oder Kottne), ein Bruder des Grünhainer Abtes Georg Küttner, Pfarrer zu Schlettau. Da begab es sich, daß einst in stiller Mitternacht, als dieser noch eifrig in den Kirchenvätern studierte, ein bleicher Schatten vor ihn hintrat und also sprach: »Fürchte Dich nicht, ich bin der Geist eines Deiner Vorgänger, der vor nunmehr 100 Jahren, als die Hussiten in der Nähe waren, ein silbernes Crucifix um Mitternacht in die Kirchmauer vergrub, wo es noch ist; ich ward am nächsten Morgen von den wilden Ketzern erschlagen und bin jetzt gekommen, um Dich aufzufordern, das heilige Kreuz wieder an seinen frühern Ort auf den Altar zu stellen; Du wirst den Fleck, wo es vermauert ist, leicht erkennen, denn es wird sich Deinem Auge ein Lichtschein zeigen und da, wo derselbe erglänzt, schlage ein, und Du wirst es sogleich entdecken!« Damit verschwand der Geist, der fromme Pfarrer aber eilte in die Kapelle, wo der Sakristan ihn bereits zur Messe erwartete. Diesem teilte er das Erlebte mit und hieß ihn am folgenden Mittag mit Hammer und Spitzhaue zur Hand sein, um das Crucifix aus seinem Verstecke herauszunehmen. Kaum war aber der Pfarrer wieder weggegangen, da versuchte der Böse das dem Geize an sich schon zugewendete Herz des Sakristans, er beschloß auf der Stelle den Versuch zu machen, das Crucifix zu entdecken, den Raub auf die Seite zu schaffen und dann den Fleck möglichst gut wieder auszubessern, damit man von dem geschehenen Diebstahl nichts gewahren möge. Nach kurzem Suchen fand er auch das Lichtlein, und als er an der Stelle, die hohl klang, einschlug, blinkte ihm auch das Silber entgegen; allein er hatte bei dem Schlage das eherne Bildnis des Heilandes mit zerschlagen. Da fuhr auf einmal ein Donnerschlag vom Himmel herab und die Kirchenglocken fingen von selbst an Sturm zu läuten. Der Pfarrer fuhr aus dem Schlummer empor, er eilte herab und fand schon eine Menge Volk um die Kirche versammelt, weil man glaubte, dieselbe stehe in Flammen. Als die Thüren geöffnet wurden, fand man dieselbe zwar ganz hell, aber nirgends sah man Feuer, wohl aber lag der Tempelräuber zerschmettert neben dem herabgestürzten Crucifix am Boden, doch war sein Kopf vom Rumpf wie abgehauen, und als man nach demselben suchte, fand man ihn an derselben Stelle in der Mauer, wo das Crucifix eingemauert gewesen war. Der tiefbetrübte Pfarrer ließ nun das zerschlagene Bild des Heilands aus seinen Trümmern zusammensuchen, den Körper des Verbrechers aus der Kirche fortschaffen und befahl, den Kopf desselben nach Morgen zu in der Mauer zum ewigen Gedächtnis einzumauern. Als aber der Tag anbrach, da sah man das bleiche Gesicht des Sakristans von selbst zum Stein geworden aus der Mauer heraussehen, und dort steht es noch, denn es läßt sich weder übertünchen noch vermauern, ja man erzählt, daß es oft Thränen vergieße und allemal, wenn dem Städtchen Gefahren drohen, in gelbem Lichte leuchte.
461. Die Totenhand in Buchholz.
(Nach Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Auflage, Nr. 53 bei Gräße, Sagenschatz etc., Nr. 521.)