Sagenbuch des Erzgebirges

Part 40

Chapter 403,446 wordsPublic domain

Im Jahre 1564 hat zu Schneeberg in Bastian Fischers Stube ein angenageltes Hirschgeweihe geblutet und übel gerochen, gleichwie ein anderes in der nächsten Woche darauf, welches gegen 12 Jahre in der Stube gewesen, vom Fette getrieft, also daß ein schwarzer Gischt am Horn zu sehen gewesen ist, weswegen es aufs Rathaus gebracht werden mußte. Man hat sich darüber allerlei Gedanken machen müssen.

Ein Hirschgeweih führt das würtembergische Haus in seinem Wappen. Als Sophie, die Tochter des Schwabenherzogs Christoph, starb, soll ein solches Geweih an ihrer Zimmerwand geblutet haben.

Erinnert mag noch daran werden, daß während der Hirsch Eikthyrnir den Gipfel der Weltesche Yggdrasil benagte, aus seinem Geweihe eine große Honigfülle durch den Wohnsitz der Asen und zu den Menschen und bis in die Unterwelt floß. Wer von solcher Honigfülle trank, wurde hirschtrunken, d. h. selig. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 7.)

431. Der wunderbare Schuß zu Schneeberg.

(Meltzer, ~Hist. Schneeberg.~, S. 1020.)

Am 14. März 1615 ist in Schneeberg in Paul Leibigers Stube Christoph Büttner, ein Zahnbrecher, auf wunderbare Weise erschossen worden. Dieser war kurz zuvor am Sonntage ~Oculi~ von der Reise gekommen und wollte mit Christoph Leibigern um ein Handrohr, das über ein halbes Jahr an der Wand gespannet gehangen, tauschen. Als er aber dasselbe spannte und solches kein Feuer gehen wollte, da hat Büttner zu Leibigern, welcher dazumal das Rohr in der Hand gehabt, gesagt. »Ei, es muß Feuer geben in Teufels Namen!« Siehe, da ist alsbald das Rohr losgegangen und der leichtsinnige Büttner erschossen worden, ungeachtet, wie der damalige Pfarrer dies aufgezeichnet, man weder Kugel noch Schrot gesehen und gefunden.

432. Der krumme Schuß in Zwickau.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 125.)

Als 1546 Ferdinand, König von Böhmen, und Herzog Moritz von Sachsen Zwickau belagerten, ist aus der Stadt mit einem Stück (einer Kanone) durch beide Kirchthüren geschossen worden. Die Kirche liegt in der Stadt fast zwischen Morgen und Mittag, die Thüren aber gehen gegen Mittag und Mitternacht. Bei der mittäglichen Thüre liegt ein Berg vor und die mitternächtliche geht ganz und gar nicht gegen die Stadt. Darum haben die Alten gemeinet, daß diesen Schuß ein Zauberer gethan habe, welcher gewußt, daß eben zur selben Zeit sich in der Kirche viel vornehme Herren aufgehalten, und sind darum auch keine neuen Thüren gemacht, sondern nur Brettlein vor die Löcher genagelt worden.

433. Perlenschoten in Wiesenthal.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 481.)

Wahrhaftig ist's, was sich mit gewachsenen Perlenschoten zu Neustadt-Wiesenthal im Jahre 1626 zugetragen. Nach dem großen Sterben selbiger Zeiten wohnte in gedachtem Bergstädtlein Michael Rohdörfer, ein Exulant aus Lutitz in Böhmen, welcher mit seinem Weibe und sieben kleinen Kindern wunderbarer Weise den Religionsfeinden entkommen. Sein Töchterlein von sieben Jahren hatte vom Schutthaufen eines ausgegrabenen alten Kellers etliche Kapsamen-Strünklein aufgelesen und in des Vaters Garten gesteckt. Da nun solche wohl fortgekommen und gereifet, nimmt sie die Schötchen ab und klopfet sie aus, findet aber mit Verwunderung weiße Körnchen, die sie, unwissend was es sei, dem Vater weiset und spricht: »Ja, Vater sehet, was find ich für Patterlein?« Der Vater kennets, daß es rechte Perlen, suchet und findet sie in den Schötchen selbst, also, daß je nach zwei Samenkörnchen eine wahrhafte Perle lag, und sammelten sie dieses Samens und der Perlen ein Käsnäpfchen voll. Viel Edelleute, die sich damals in Wiesenthal als Exulanten aufhielten, habens selbst in Augenschein genommen, auch einige dieser Perlen dem Töchterlein abgeschwatzt und als Rarität aufgehoben. Eine Gräfin von Hauenstein kam von Annaberg, hielt mit der Karosse vor des erwähnten Exulanten Thür, breitete ihr Haartuch auf den Schoß und bat, das Mägdlein sollte ihr einige Samenschötlein aufmachen, welches auch geschah, und sie fand, daß es wahrhaftige Perlen waren. Sie versprach darauf, wenn der Vater einwilligen wollte, dieses glückselige Kind auf- und anzunehmen. Endlich machte die Gräfin etliche Schoten eigenhändig auf, aber die Perlen zerschmolzen ihr unter den Fingern, wie es auch zuvor andern Leuten, die sie selbst aufgemacht, begegnet war. Darauf sagte sie: »Ei, so ists eine sonderbare Gnade von Gott, derer wir nicht würdig sind.« Ein frommer Edelmann aus Böhmen, der auch daselbst im Exil lebte, ließ den Vater mit allen sieben Kindern vor sich kommen, betrachtete und befand das Wunder augenscheinlich und kleidete die armen Kinder alle neu.

434. Brot wird aus weißer Erde gebacken.

(Moller, ~Theatrum Freib. Chr.~ II, S. 364. Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, Nr. 12.)

Im Jahre 1590 fand ein armes Hirtenmädchen, welches bei der herrschenden großen Dürre viel Hunger leiden mußte, zwei Meilen von Freiberg einen weißen Gang einer guten Spanne dick. Derselbe sah wie Mehl aus und sie nahm etwas davon mit nach Hause und buk Brot daraus. Darauf geschah von anderen armen Leuten ein großer Zulauf; das weiße Mehl wurde ausgegraben und ebenfalls verbacken. Ein solches Brot wurde auch nach Freiberg gebracht und auf's Rathaus geliefert; es schmeckte gar süßlich und roch ein wenig nach Brot. Nach einer andern Volkssage hackte im Jahre 1590, da große Teurung war, ein frommer Mann aus Freiberg ohnweit der Stadt in einer Lehmgrube. Er hatte daheim eine zahlreiche Familie hungrig verlassen und gedachte mit Thränen, wie unzureichend das Brot sein würde, welches er für die wenigen Pfennige Tagelohn am Abend würde kaufen können. »Ach Gott!« rief er, die nassen Augen zum Himmel gewendet, »du kannst Großes thun, o gieb mir und den Meinen, daß wir nicht verhungern dürfen!« Da fielen plötzlich große Stücke einer schönen weißen Masse unter den Schlägen seiner Hacke aus der Lehmwand hervor. Wie erstaunte der gute Mann, als er sie genauer betrachtete und sah, daß sie beim Angreifen zu Mehl wurden, welches gutem Brotmehl an Ansehen, Gewicht und Geschmack ganz gleich war. Nicht länger zweifelte er, daß Gott durch diese seltene Masse ihm wunderbar helfen wolle, lud ohne Säumen seinen Schiebkarren voll solcher Mehlklumpen und fuhr damit nach Hause. Ehe der Abend kam, hatte er eine ziemliche Anzahl Brote daraus gebacken, welche sehr schmackhaft waren und wie Veilchenwurzel dufteten. Bald wurde die Mähr von dem wunderbaren Mehle bekannt und noch viele arme Leute in Freiberg und der Umgebung suchten in den Lehmgruben nach der belobten weißen Masse, welche sie auch fanden und zu Brot backen und genießen konnten, nämlich, wenn sie fromm und gut waren. Denn nur wenn arme rechtschaffene und gottesfürchtige Leute das Mehl als eine Gabe Gottes ausgruben und mit Danksagung verbrauchten, blieb es gutes und brauchbare Mehl; wenn es aber Spötter und Gottlose in die Hände nahmen, ward es zu Sand und zu Stein.

435. Gottes-Speise bei Zwickau.

(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, Anhang, Nr. 49. Nach Luthers Tischreden bei den Br. Grimm, Deutsche Sagen I., Nr. 362.)

Bei Zwickau auf einem Dorfe schickten einst Eltern ihren Sohn, einen muntern Knaben, in den Wald, die Ochsen, welche da auf der Weide waren, heimzutreiben. Aber die Nacht überraschte den Knaben und es erhob sich ein solch mörderisches Schneewetter, daß er nicht aus dem Walde zu kommen wußte. Als nun der Knabe am andern Tage immer noch nicht nach Hause kam, gerieten seine Eltern in große Angst und konnten doch vor dem großen Schnee nicht in den Wald. Am dritten Tage erst, nachdem der Schnee zum Teil abgeflossen, gingen sie hinaus, den Knaben zu suchen und fanden ihn endlich an einem sonnigen Hügel sitzen, wo gar kein Schnee lag. Freundlich lachte er seine Eltern an, und als sie ihn fragten, warum er nicht heimgekommen, antwortete er, daß er habe warten wollen, bis es Abend würde. Er wußte nicht, daß schon mehrere Tage vergangen waren, und als man ihn ferner fragte, ob er etwas gegessen hätte, erwiderte er, es sei ein Mann zu ihm gekommen, der ihm Käse und Brot gegeben habe.

Also ist dieser Knabe sonder Zweifel durch einen Engel Gottes gespeist und erhalten worden.

Nach einer thüringschen Sage bringt eine Jungfrau einem im Walde verirrten Kinde Speise und Trank. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, Nr. 113.)

436. Körnerregen.

(Lehmann, Chronik der Stadt Chemnitz, 1843, S. 297. Moller, ~Theatrum Freibergense~, 1653, S. 313.)

Am 7. und 9. Juli 1770 regnete es eine Art Korn, welches dem natürlichen Korn zum Teil sehr ähnlich aussah, zum Teil waren es runde Körner wie Wicken. Man fand es auf den Bleichen bei Chemnitz und meinte nun, es müsse vom Himmel gefallen sein. Das Volk deutete es auf Pestilenz und Teurung. Als man es steckte, ging es nicht auf; man hat es getrocknet und gemahlen und es gab etwas Mehl.

Auch am 17. Juni 1572 hat es bei Freiberg gut natürlich Korn geregnet, wie auch am 2. Juli desselben Jahres zu Frankenberg. Die Leute haben es aufgerafft, gemahlen und schön Brot daraus gebacken.

Sonst soll dergleichen geregnetes Korn mehrenteils taub und unnütz, bisweilen auch schädlich gewesen, und das Vieh, so davon gefressen, gestorben sein.

Dieser Körnerregen bestand jedenfalls aus den kleinen Knollenknospen des gemeinen Feigwarzenkrautes (~Ficaria ranunculoides~), welche in den Blattachseln genannter Pflanze sitzen und später abfallen, um im nächsten Jahre zu keimen. Bei heftigen Regengüssen wurden dieselben losgerissen und zusammengeschwemmt, so daß sie dann bei massenhaftem Vorkommen die Aufmerksamkeit des Volkes und den Glauben erregten, sie seien mit dem Regen zugleich vom Himmel gefallen.

437. Wallfahrten zum Bade Wolkenstein.

(Hauptmann, Uhralter Wolkensteinscher Warmer Badt- und Wasser-Schatz etc. Leipzig, 1657, S. 63, 85. Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 234.)

Das Warmbad im Hüttengrunde bei Wolkenstein führte vor der Reformation nach einer auf der Höhe erbauten Kirche, in welche sieben Dörfer eingepfarrt waren, den Namen »zu unser lieben Frauen auf dem Sande«. Man hat in dieser Kirche Messe gehalten, ehe man in's Bad gegangen ist. Während des Papsttums ist auch dorthin ein solches Wallfahrten geschehen, daß die Kirche vielmal zu klein und ein großes Gedränge darum war. Dabei sind gar viele, welche das Bad gebrauchten, gesund geworden und haben zum Gedächtnis Krücken und Stäbe, deren sie sich bei ihrer Gebrechlichkeit bedient hatten, bei der Kirche zurückgelassen. Es kann aber kein Mensch sagen, zu welcher Zeit man dieses Bades sei innen worden. Man zeigte früher an dem Badehause ein hölzernes Christusbild mit der Jahreszahl 1385 und folgender Inschrift:

»Diß Warmbad am Sand zu unser lieben Frawen Hat Gottes Wunderhand gelegt in diese Awen, Wodurch dem Leibe Heil werden krancke Hertzen, Christi Verdienst und Blut lindert die Seelenschmertzen.«

438. Die Kapelle des St. Jobs im Wiesenbad.

(Köhler, Hist. Nachrichten von der Bergstadt Wolkenstein. Schneeberg 1782, S. 38. Kirchengalerie von Sachsen, 12. B., S. 66.)

Im Wiesenbad bei Annaberg, wohin besonders Kranke und Sieche wallfahrten, hat eine Kapelle gestanden, die dem St. Job gewidmet gewesen ist und welche vom Fürst Georgen reichlich begabet und vom Bischof zu Meißen im Jahre 1505 eingeweihet wurde. Letzterer setzte auch einen Meßpriester dahin, welcher den Badegästen, ehe sie ins Bad gegangen, eine Messe lesen mußte. Von dieser Kapelle des St. Jobs ist alsdann das Bad das Jobs- oder Hiobsbad genannt worden. -- Die Entdeckung des Heilbrunnens soll sich von einem armen Manne herschreiben, der seine ungesunden Schenkel in diesem Wasser gewaschen und heil geworden.

439. Wallfahrten nach Freiberg zu einem wächsernen Marienbilde.

(Moller, ~Theatrum Freibergense Chron.~ II, S. 20.)

Anno 1262 haben die Geißler in großer Zahl das Land Meißen durchlaufen und sich dieses Jahr in der Stadt Freiberg befunden, dahin damals eine starke Wallfahrt zur schönen Marie gewesen. Diese Leute sind halb nackend je zwei und zwei barfuß gegangen, in roten offenen Mänteln, die man spanisch Armilausen genannt.

Das Marienbild war von Wachs in menschlicher Größe ganz schön und zierlich gestaltet und stand in einer besondern Kapelle. Die Leute kamen von allen Orten heftig gelaufen, als wenn sie bezaubert wären, und was ein jedes von Männern und Weibern von seiner Arbeit in der Hand gehabt, wenn ihn die Tollheit angestoßen, das hat er mit sich genommen und allda gelassen; wie auch viel krumme, lahme und andere preßhafte Menschen, die sich zu diesem Bilde verlobet, gesund geworden und ohne Mangel wieder davon gegangen sein sollen.

Diese Wallfahrt hat lange Zeit gewährt, bis man erfahren, daß unter dem Schein des Heiligtums ein böses sodomitisches Leben und viel Schande und Laster getrieben wurde, worauf durch einen fürstlichen Befehl dem Gelaufe und den Zusammenkünften gesteuert wurde und solche mit Ernst abgeschafft worden sind.

440. Das wunderthätige Marienbild in Ebersdorf.

(Staberoh, Chronik der Stadt Öderan, 1847, S. 87. Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, Nr. 559. Kirchengalerie, 8. B., S. 117.)

Vom Jahre 1439 bis 1443 ward das Meißnerland von einer besondern Pest heimgesucht. Die davon betroffenen Menschen waren nicht mit Schmerzen geplagt; von Schlafsucht befallen, war der Pestkranke in wenigen Tagen tot. Früher wanderte man vor dem Pestengel aus, diesmal half man sich mit Gelöbnissen. Das wunderthätige Marienbild in Ebersdorf bei Frankenberg ward von Tausenden besucht, und diese wurden dann mit irgend einem Trostspruche oder der Verhängung einer Buße entlassen. Für die Öderaner lautete die Sühne und Strafe folgendermaßen:

»Das Haus der lieben Frawen Mit Klang druf ufzubawen!«

Das hieß nun: die Kirche zu Öderan samt deren Glocken herzustellen. Die Öderaner haben dann auch Glocken auf den Turm besorgt; inwieweit sie sonst noch dem Verlangen des Marienbildes nachgekommen sind, wird uns vom Chronisten verschwiegen.

Außer manchen andern Reliquien, wie einem hölzernen Christusbilde, das zu manchen Zeiten Thränen vergossen haben soll, zeigt man in der Kirche zu Ebersdorf noch heute eine Krücke, welche ein durch die Berührung des Marienbildes geheilter Lahmer getragen habe. Diese Krücke ist mit der Jahreszahl 1333 gezeichnet, und man liest an ihr die eingeschnittenen Worte:

»Kruck, Du bist ein schön Kruck, Kruck, Du bist mein Ungluck, Zu meinem Ungluck hab ich ein schön Kruck.«

441. Die Muttergottesstatue in Maria-Sorg.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 57.)

Dreiviertel Stunden von der Bergstadt Joachimsthal entfernt liegt die zerstreute Ortschaft Mariasorg, welche ein Kapuzinerhospiz besitzt, in dessen Kirche sich am Hochaltare eine Muttergottesstatue befindet, zu der alljährlich zahlreiche Wallfahrer und Andächtige von fern und nah wegen der vielen Wunder pilgern, durch welche Gott das Bildnis der heiligen Jungfrau Maria verherrlichte. An dieses Gnadenbild knüpft sich folgende Sage:

Zur Zeit, als ~M.~ Johannes Mathesius, Luthers Schüler und Tischgenosse, in Joachimsthal als Pfarrherr wirkte, bewohnten »das vor alters benannte rote Haus im untern Viertel des Türkners« mehrere Protestanten und ein Mädchen, welches der römisch-katholischen Kirche treu geblieben war. Von den vielen Heiligenbildern, mit denen es das Kämmerlein geschmückt hatte, erfreute sich besonders eine alte, verbräunte Muttergottesstatue einer hohen Verehrung seitens des Mädchens. Ungestört kniete dieses oft stundenlang vor derselben und flehte mit gefalteten Händen zur Jungfrau Maria, der gnadenreichen Himmelskönigin. Allein bald erfuhren die Hausgenossen von der stillen Andacht, welcher sich das Mädchen hingab, und zwei Brüder, eifrige Protestanten, faßten den Entschluß, diesen religiösen Übungen für immer ein Ende zu machen. Der eine der Brüder bemächtigte sich eines Tages der Statue und wollte sie mit dem Angesichte gegen die Mauer annageln, wovon das Zeichen noch heute an dem Hinterhaupte des Bildes zu sehen sein soll, fiel aber zur Strafe für seine Frevelthat von der Leiter und starb. Der andere warf hierauf das Marienbildnis in den Winkel eines im Hause befindlichen Hühnerkämmerleins, wo es, durch Schmutz entstellt, viele Jahre versteckt blieb, bis mit der Vertreibung der Protestanten der Katholicismus in Joachimsthal wieder feste Wurzeln faßte.

Damals geschah es, daß David Weidner aus Plan sich daselbst niederließ und mehrere, von den Protestanten verlassene Bürgerhäuser, darunter auch das rote Haus, kaufte. Zu seiner Überraschung fand er in letzterem die Muttergottesstatue in dem Hühnerkämmerlein; er ließ sie als guter Katholik absäubern und hielt sie lebenslang in Ehren. Weidner starb um das Jahr 1676 als Stadtrichter und vererbte das Bildnis seiner Tochter Anna Lucia, verehelichten Mader, die dasselbe als Heiligtum aufbewahrte und andächtig in ihrem Wohnzimmer verehrte. Als darauf in den neunziger Jahren des 17. Jahrhunderts die Joachimsthaler Gemeinde an dem denkwürdigen Orte, wo des Einsiedlers Niavis kleine Kapelle gestanden, die bei Einführung des Luthertums in hiesiger Gegend zerstört wurde, eine Kirche erbaute, ließ Anna Lucia Mader daselbst ihre Muttergottesstatue zur allgemeinen Verehrung aufstellen. Nach diesem Marienbilde erhielt die Kirche, da die Gegend schon von uraltersher Sorg hieß, den Namen »Maria-Sorg«, der in der Folge auch auf das Dorf überging.

Noch immer ladet die Kirche zu Maria-Sorg zum Beten ein, dagegen fiel das alte rote Haus dem verhängnisvollen Brande vom 31. März 1873 zum Opfer.

442. Das Marienbild bei Klösterle.

(Glückauf, 3. Jahrg., Nr. 4, S. 33.)

Bei Klösterle steht an der Schlackenwerther Straße ein Marienbild in einer hohlen Linde. Das stand erst auf der andern Seite, auch in einem Baume. Da schlug das Wetter ein. Der Baum flog in tausend Granatstücke und das Bild schwebte unversehrt, so daß ihm kein Unthätchen geschehen, über die Straße zu der andern Linde, und dort hat man es denn auch aufgestellt.

Die Linde, der Nationalbaum der Deutschen, galt unsern Vorfahren als heilig; sie war besonders der Göttin Frigg geweiht, an deren Stelle später Maria getreten ist, die nun zur Beschützerin der Linden wurde. Auch das Bild der heiligen Maria von Rosenthal wurde in einer Linde gefunden. (Haupt, Sagenbuch II, Nr. 287.) Als ein aus Holz geschnitztes Marienbild von den Rastenburgern von seinem Platze, einer Linde, welche immer grün blieb, geholt und nach der Kirche getragen wurde, stand es doch am andern Morgen wieder in der Linde, weshalb man unter derselben eine Kapelle baute. So entstand der Wallfahrtsort »Heiligenlinde«. (Reling und Bohnhorst, unsere Pflanzen, S. 17.)

443. Das Marienbild in Mariaschein.

(Th. Schäfer, Führer durch Nordböhmen, 3. Aufl., S. 65.)

Von Teplitz 1½ Stunde entfernt und in der Nähe des Bergstädtchens Graupen liegt das Jesuitenkloster Mariaschein. Die große Kirche desselben ist rings von prächtigen Linden umgeben, sowie von Säulenhallen, in denen Beichtstühle aufgestellt sind; Freskobilder stellen die wunderbaren Wirkungen des Gnadenbildes dar. Dieses selbst, ein Marienbild, »die schmerzhafte Mutter Gottes«, wird in der Mitte des Hochaltars unter Glas in goldener Hülle aufbewahrt; es ist aus Thon, etwa 12 cm hoch, und soll zur Zeit der Hussitenkriege nach der Zerstörung des Nonnenklosters zu Schwatz von einer Nonne in einer Linde an der Stelle der jetzigen Kirche versteckt worden sein, wo es seine Kraft durch die wunderbare Errettung eines Mädchens von einer Schlange bewies. Als die Bürger des Städtchens Graupen dasselbe in feierlichem Zuge in ihre Kirche gebracht hatten, kehrte es auf wunderbare Weise in die Linde zurück. Deshalb baute man an dieser Stelle zuerst eine Kapelle, dann die Kirche. Bei Wallfahrten wird das Bild gezeigt und von den Gläubigen geküßt.

S. die Bemerkung zur vorhergehenden Sage.

444. Das Ölbild in der Steiner Pfarrkirche.

(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 134.)

Betritt man die Pfarrkirche des am Hohen Steine gelegenen Dorfes Stein, so fällt einem in der Vorhalle, oberhalb des Weihwasserbeckens, ein Ölgemälde auf, Diebe darstellend, wie sie eben die wertvollsten Gegenstände vom Altar der Steiner Pfarrkirche zusammenraffen und davontragen. Die fromme Sage erzählt weiter: Die Verbrecher flohen mit dem gestohlenen Kirchengute nach Sachsen zu und in der Nähe des Hohen Steines entleerten sie die Monstranze und das Ciborium der consecrierten Hostien. Das geschah im Herbste. Das Jahr darauf, im Frühlinge, weidete eine Rinderherde in dieser Gegend. Da hörte der Hirte ein anhaltendes Röhren einiger der ihm anvertrauten Kühe, und als er nach der Ursache forschte, sah er zu seinem Erstaunen mehrere Rinder um eine Wachholderstaude stehen, an der noch einige der von den Dieben hier verschütteten Hostien hingen, während die andern, ebenfalls unbeschädigt, unter dem Strauche am Boden lagen. Eilig lief der Hirte, seine Heerde im Stiche lassend nach Hause und verkündete, was er gesehen. Viele Leute gingen mit ihm und fanden seine anfangs bezweifelten Aussagen bestätigt, sahen auch zu ihrer Verwunderung die Rinder, immer noch laut röhrend, um den »Kronawittstrauch« herumstehen. Geistliche, von einer großen Volksmenge begleitet, welcher das merkwürdige Ereignis kund geworden, kamen bald an den Ort, unter Absingung heiliger Lieder faßten sie die Hostien in den Kelch und übertrugen sie in feierlicher Prozession in die Pfarrkirche, aus der sie so freventlich entwendet worden waren.

Auf der Stelle aber, wo das Wunder geschehen, erhob sich bald eine einfache Kapelle, welche in ihrem Innern außer anderm ein Gemälde aufweist, welches auf das Auffinden der Hostien Bezug hat und an deren Stufen das bedrängte Herz Trost und Linderung seiner Leiden findet, wenn es sich zum Urquell aller Dinge erhebt.

445. Die heilige Georgenfahne zu Tharand.

(Die Ruinen von Tarant. Ein Beitrag zur Kunde der Vorzeit etc. Dresden, Joh. Sam. Gerlach, 1795, S. 20.)

Im Jahre 1190 erlitt die Burg Tharand das Unglück, daß sie in Feuer aufging, wobei sich noch obendrein ein großes Wunder ereignete. Es flog die daselbst seit einiger Zeit aufbewahrte heilige Georgenfahne, die im Kriege wider die Ungläubigen viele Wunder gethan hatte, während des Brandes vor aller Augen zum Fenster unversehrt hinaus, und niemand wußte anzugeben, wohin sie gekommen war.

Von dieser heiligen Georgenfahne wird erzählt, daß sich dieselbe Ludwig der Fromme, Landgraf zu Thüringen, im Kriege gegen die Sarazenen vortragen ließ. Als er bei Akkon blieb, ward die Fahne erst auf die Wartburg und später nach Tharand geschafft. (Merkels und Engelhardts Erdbeschr. v. Kursachsen, 2. B., S. 103.)

446. Das Wunschfläschchen.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 205.)