Sagenbuch des Erzgebirges

Part 35

Chapter 353,482 wordsPublic domain

Unweit der Bergstadt Preßnitz steht an der Straße, welche von Dörnsdorf dahin führt, eine Marienstatue. Dieselbe stellt die Mutter Gottes mit dem Jesuskindlein dar, welches die Erdkugel und das Scepter in seinen Händchen hält. Neben dem Gnadenbilde stand vor vielen, vielen Jahren eine unansehnliche, kleine Berghütte mit einer ergiebigen Grube. Im Volksmunde lebt noch die Sage fort, welche sich an die Statue und die Berghütte knüpft. Zur Zeit einer großen Teuerung lebte in einer windschiefen, halbverfallenen Hütte des Erzgebirgs eine arme, brave Bergmannsfamilie. Schlecht und recht, wie es eben bei einem Bergmanne möglich ist, hatte der arbeitsame Vater in bessern Tagen sein Weib und seine vier Kinder im Schweiße seines Angesichts ernährt. Heute aber saß er gar tiefbekümmert, das Haupt gebeugt, die schwieligen Hände gefaltet, im Kämmerlein, denn weder ein Bissen Brot noch ein roter Pfennig war in der Hütte. Als er sein Weib vor Not heiße Thränen weinen sah, und seine sterbenskranken Kinder vor Hunger schrieen, da wollte dem Vater vor Gram und Kummer schier das Herz zerspringen. Nicht länger litt es ihn unter seinem Dache. Viel Schönes hatte er ja von der Mildthätigkeit der Menschen erzählen hören, warum sollte er dieselbe nicht auch in seiner hartbedrängten Lage in Anspruch nehmen? Und er ergriff, den seinigen Trost zusprechend, den Wanderstab, um in den benachbarten Dörfern wohlthätige Mitmenschen um Gaben für seine hungernde Familie anzuflehen. Wo er anklopfte, ward ihm zwar aufgethan, allein überall traten ihm bleiche, darbende Gestalten entgegen, die selbst bittere Not litten und darüber klagten; denn schwerer als jeder andere Landesteil war diesmal das blutarme Erzgebirge von der ausgebrochenen Teuerung heimgesucht. So kam unser Bergmann ganz hoffnungslos vor Preßnitz an. Der schreckliche Gedanke, daß seine Familie nun dem Hungertode zum Opfer fallen müsse, brachte ihn zur Verzweiflung. Ermattet brach der Lebensmüde auf dem Wege zusammen und wollte, da er gerade einen Strick bei sich hatte, Hand an sich legen, um so allem Elende mit einemmale zu entgehen. Doch von neuem erwachte in ihm sein echt christlicher Sinn und verscheuchte das wahnsinnige Hirngespinst; er nahm seine Zuflucht zur gnadenreichen Gottesmutter, sank auf die Knie und verrichtete ein kräftiges Gebet, das lindernden Balsam in sein wundes Herz träufelte, so daß alsbald Friede in dasselbe einkehrte. Vom Schlaf überwältigt, legte der Hungrige sein müdes Haupt auf den Rasen und schlief ein. Da klang es um ihn her wie himmlischer Engelschor, und im strahlenden Lichtglanze erschien Maria, die Himmelskönigin, mit dem holden Jesuskindlein auf dem Arme. Mit wundermilden Blicken näherte sie sich dem Bergmann und sprach: »Wach' auf, öffne die Erde unter deinem Haupte und vertraue fest auf Gott!«

Der Bergmann erwachte; heiliger Schauer durchrieselte seine Glieder, da er noch immer die überirdischen Klänge zu vernehmen meinte. Neu gestärkt sprang er auf, ergriff, um sich zu überzeugen, ob er geträumt oder gewacht habe, seinen wuchtigen Wanderstab und wühlte an jener Stelle, wo er geschlafen, die Erde auf. Kaum hatte er diese einige Zoll aufgeschürft, da sank er plötzlich in die Knie, hob seine Hände gen Himmel und rief aus: »Gepriesen sei der allmächtige Gott und die seligste Jungfrau Maria, ich bin gerettet!« Ein Klumpen Gold lag zu seinen Füßen, der nun aller Not ein Ende machte. Mit beflügelten Schritten eilte der Bergmann zu den Seinigen heim und verkündigte ihnen mit freudestrahlendem Gesichte das wunderbare, rettende Ereignis. Wer beschreibt wohl den Jubel der armen Familie, die auf überaus seltsame Weise in die Lage kam, sich die lange entbehrten Nahrungsmittel anzuschaffen und so ihre Gesundheit bald wieder herzustellen? Gottes reicher Segen aber begleitete auch fernerhin die Unternehmungen des Bergmanns, der von jetzt an auf eigene Faust den Bergbau an jener wunderbaren Stelle betrieb und daselbst viel edles Erz zu Tage förderte.

Zur bleibenden Erinnerung an die glückliche Errettung seiner Familie ließ der Bergmann aus tiefer Religiosität und Dankbarkeit neben der kleine Berghütte eine Statue der heiligen Jungfrau Maria errichten und lebte mit den Seinen noch viele Jahre glücklich und zufrieden.

364. Die Grundsteinlegung der St. Wolfgangskirche in Schneeberg.

(Mündlich.)

Es wird erzählt, daß man anfangs beabsichtigt habe, die St. Wolfgangskirche in Schneeberg auf dem Platze zu erbauen, wo gegenwärtig die Bürgerschule steht. Als man aber daselbst den Grundstein legte, verschwand derselbe zweimal nach einander. Da erschien einem Bergmanne im Traum ein Grubenmännchen, welches ihm die Stelle zeigte, auf welcher die neue Kirche erbaut werden sollte. Als man daselbst den Grundstein legte, blieb er liegen. Darauf führte das Männchen den Bergmann in die Tiefe und zeigte ihm unter dem Platze die reichen Silbererze.

365. Der goldne Hirsch auf dem Kuhberge.

(Mitgeteilt vom Lehrer Ludwig in Stützengrün.)

Man erzählt sich, daß auf dem Kuhberge bei Stützengrün, links von dem Fahrwege, welcher von genanntem Orte auf den Berg führt, in einer mit Heidekraut überwachsenen grubenartigen Vertiefung ein goldener Hirsch vergraben liege. Wenn der Hirsch aufgefunden wird, was bestimmt geschehen soll, wird der Kuhberg zur Stadt werden. Einen Brunnen auf dem Kuhberge heißt man Goldbrunnen.

Nach altüberlieferten Vorstellungen, welche besonders in deutschen Volksmärchen einen Nachklang haben (als z. B. das Marienkind ein wenig an den Glanz der Dreieinigkeit rührte, wurde ihm der Finger golden), war nicht nur der Götterhimmel golden, sondern auch der Leib der Götter selbst und ihrer Lieblingstiere von einem Geblüt durchronnen, welche reines Gold ist. Golden ist der Hirsch, weil er der Leben nährenden Sonne angehört. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 4--7.)

366. Die Eselswiese bei Zwickau.

(Nach der poetischen Bearbeitung Ziehnerts bei Gräße a. a. O. No. 610; z. T. mündlich.)

Südlich von Zwickau liegt eine Wiese, die man Eselswiese nennt. Diese Wiese soll einst von einem Zauberer bezaubert worden sein, der auf ihr einen gefährlichen Fall gethan, so daß, obschon schönes Gras und Klee darauf wuchs, sie doch von ihrem Besitzer durchaus nicht benutzt werden konnte, weil die Milch des Viehes, das von demselben fraß, so blau wie Indigo ward. Nun hatte aber nicht weit von der Wiese ein armer Holzmacher seine ärmliche Hütte gebaut; derselbe wurde, da er drei Esel besaß, der Eselsgürge genannt, und er war allgemein wegen seiner Gutherzigkeit beliebt und gern gesehen. Der zog sich das Gras dieser Wiese zu Nutze und seine Esel wurden dick und fett davon.

Einst, bei einem heftigen Gewitter, pochte es des Nachts an seine Hütte, und als er die Thür öffnete, da trat eine wunderschöne Jungfrau, die trotz des Unwetters ganz trocken war, weiß verschleiert herein, rosenfarbene Sandalen an den Füßen und einen goldenen, mit Diamanten gezierten Kranz auf dem Haupte. Sie setzte sich an seinen Tisch, als er ihr aber Essen und Trinken, sowie sein armseliges Binsenlager zum Schlafe anbot, wies sie beides zurück und sagte, sie bedürfe dieser irdischen Erholung niemals, und auf sein Befragen, wohin sie wolle, entgegnete sie: »Nach oben, wo ich herkomme«. Der arme Gürge legte sich hierauf verwundert wieder nieder, als aber der Morgen anbrach, weckte sie ihn auf, um Abschied zu nehmen, und als er sie ein Stück Weges begleitete, fragte er sie, ob sie nicht die heilige Jungfrau selbst sei, sie gleiche gar zu sehr dem Bilde derselben, wie er es in den Kirchen so oft gesehen. Darauf antwortete sie: »Ja, ich bin es; Du aber, guter Gürge, sollst den Lohn für Deine Gastfreundschaft heute Abend erhalten, wenn Deine Esel von der Weide zurückkehren«. Damit verschwand sie. Als nun die Sonne im Untergehen war, da ging Gürge voll Neugier seinen Eseln entgegen, allein er konnte nichts an ihnen wahrnehmen, als daß ihre Mäuler blutig waren. Da es nun auf der Wiese weder Dornen noch scharfe Gräser gab, solche die Esel auch bekanntlich wegen ihrer Hartmäulichkeit nicht verwunden können, so begab er sich an Ort und Stelle und trat plötzlich auf etwas Spitzes. Er griff darnach und zog einen Goldbarren aus der Erde, ja er fand ohne viel Mühe eine Menge davon; er holte darauf seine Esel, die sich davon blutig gefressen, und trieb sie schwerbeladen in sein Hüttchen zurück. Am andern Morgen aber, wie er seinen Reichtum beschaute, beschloß er davon eine Kirche zu bauen. Dies soll die Marienkirche sein. Das Volk aber hält noch heute die hölzerne Statue des Obristwachtmeisters von Heldreich († 1674), welche sich über der Thür zur sogenannten Götzenkammer in der erwähnten Kirche befindet, für das Bild des armen Eselgürge, den man auch zum Stammvater der Herren von Römer gemacht hat.

Nach einer andern mündlichen Überlieferung soll das gefundene Gold eine zapfenähnliche Form gehabt haben. Die Menge desselben betrug zehn Scheffel.

367. Des Schlackenmanns oder albernen Mannes Loch.

(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg, 1879, S. 62.)

Das oben genannte Loch befindet sich unweit des »alten Schlosses«, eines Schlackenhügels auf Pleiler Gemeindegebiet, und ist ein alter verfallener Stollen, welcher von einem Irrsinnigen (Albernen) in den Berg getrieben worden sein soll. Nach einem in der Nähe befindlichen großen Schlackenhaufen, in welchem er oft herumwühlte, erhielt der Alberne auch den Namen Schlackenmann. Der Schlackenmann soll Silbererze gesucht und in Menge gefunden haben. Er verbarg sie aber so gut in seinem Loche, daß sie bisher niemand aufzufinden vermochte. Da er für seinen Schatz fürchtete, vermied er ängstlich jeden Umgang mit Menschen und kroch stets in das Bergloch, sobald jemand sich näherte. Hier ist er auch einsam verstorben. Sein Name und Andenken aber sind im Volksmunde noch lebendig.

Ein ähnlicher verfallener Bergstollen befindet sich auch hinter der Bogmühle. Er wird das Türkenloch genannt, nach einem Manne türkischer Abstammung, der hier gleichfalls Bergbau auf edles Erz getrieben haben soll. Der Türke hatte es jedoch nicht auf den Gewinn abgesehen, legte auch keinen Schatz an, wie der geizige Schlackenmann, sondern holte sich von dem Silbererz immer nur nach Maßgabe seiner leiblichen Bedürfnisse.

368. Die Grube »himmlisches Heer« bei Annaberg.

(Novellistisch von Textor in »Die romantischen Sagen des Erzgebirgs«, I. 1882, S. 225 etc. Darnach bei Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 523.)

Einst lebte in der Gegend des heutigen Annabergs ein armer Bergmann, mit Namen Daniel, der reich mit Kindern, aber nicht mit zeitlichen Gütern gesegnet war, und sich, weil seine Frau schwer erkrankt war, in großer Not befand. Denn die Grube am südlichen Abhange des Pöhlberges, wo er arbeitete, war unergiebig. Wie er nun mit seinem Gevatter, dem Steiger, lange vergeblich gearbeitet hatte, fiel auf einmal ein Teil des Gesteins von selbst herab und sie sahen einen mächtigen Gang reichen Erzes vor sich; eine Stimme aber rief: »Daniel! Ich bin der Fürst der Berge! Was Du in diesem Schachte gewinnst, ist Dein, ich schenke es Dir!« Jener aber sprach: »Ich kann nicht annehmen, denn es gehört den Gewerken«. Als nun der Berggeist ihn noch mehrmals aufgefordert hatte, das Gefundene zu nehmen und an seine Frau und Kinder zu denken, er aber sich weigerte, verschwand auf einmal der ganze Erzgang wieder. Daniel ging traurig nach Hause, als er aber dort ankam, kam ihm seine Frau völlig gesund entgegen und sagte, es sei ein fremder Bergmann dagewesen, habe ihr Brot, Fleisch und Wein für ihre Kinder gebracht, und sie aus einem kleinen Fläschchen trinken lassen, und seitdem seien alle ihre Schmerzen verschwunden, jener aber habe gesagt, ihre Not werde bald aufhören, das lasse ihr der Fürst der Berge sagen. In der Nacht träumte aber der fromme Bergmann, der Berggeist stehe vor ihm und sage ihm, zum Lohn für seine Redlichkeit wolle er ihn glücklich machen, er solle früh auf den Schreckenberg gehen, dort werde er Feuer vom Himmel fallen sehen, und an dieser Stelle solle er einschlagen. Wie gedacht, so geschehen, er ging in den Wald; plötzlich fuhr aus heiterem Himmel ein Blitz in eine hohe Fichte, und als jener die bergmännische Rute an den Wurzeln des Baumes schlagen ließ, da entdeckte er beim Nachgraben einen reichen Silbergang. Diesen mutete er und sein Gevatter Steiger und beide wurden schnell reich; die Grube aber nannte man das himmlische Heer.

369. Der Alaunsee bei Komotau.

(Fr. Hübler in der Comotovia. 4. Jahrg., S. 76 etc.)

Eine Viertelstunde nordöstlich von Komotau liegt an der Straße und nächst dem Fußwege, welcher nach dem benachbarten Görkau führt, die Alaun- oder Schweizerhütte, eine Restauration im Schweizerstile, welche wegen ihrer reizenden Lage für die Bewohner Komotau's einen beliebten Ausflugsort bildet. Sie liegt in einem Kessel, welcher gegen Westen von einem schönen Eichenwäldchen, dem sogenannten Hüttenbusche, im Nordosten und Süden von Obstgärten eingesäumt ist, welche den in der Mitte des Kessels liegenden Hütten- oder Alaunsee einschließen. Auf dem Platze nun, den jetzt die spiegelglatte Fläche des Sees bedeckt, befand sich vor 300 Jahren ein Alaunbergwerk, von dessen Dasein noch rote Hügel an seinem Ufer zeugen. Bevor noch die Gewässer des Sees aus der Tiefe der Erde hervorquollen, befand sich dort ebenfalls ein Eichenwäldchen, wohin an Sonn- und Feiertagen die ehrsamen Bürgersleute Komotau's mit Weib und Kind hinauszogen, um sich zwischen den Bäumen und auf dem Rasen zu erlustigen und besonders an den milden Frühlingsabenden im Mai dem Gesange der Nachtigallen zu lauschen, welche sich sonst dort, wie in der Gegend überhaupt, in viel größerer Anzahl aufgehalten haben sollen, als jetzt. Noch heutzutage sieht man an dem Ufer des Sees die mitunter mächtigen Baumstrünke der abgesägten oder umgeschlagenen Eichenstämme wie Klippen aus dem Wasser hervorstehen, und schon mancher Lustfahrende hat mit ihrer Tücke Bekanntschaft gemacht, saß auf und konnte nur mit Mühe sein Fahrzeug wieder flott machen. -- Über die Auffindung des Alaunbergwerkes und den Ursprung des Sees erzählt nun die Sage folgendes:

Um die Mitte des 16. Jahrhunderts lebte in Komotau ein Mann, der »dürre Merten« genannt, welcher im Besitze der schwarzen Kunst und als Prophet in der Stadt eine bedeutende Rolle spielte, und welcher allgemein wegen seiner Weisheit geehrt, aber auch wegen seiner Prophetengabe und übernatürlichen Geheimmittel gescheut wurde. Er erreichte ein Alter von 118 Jahren, lebte am Ende seiner Tage im Komotauer Spitale und fand schließlich einen gewaltsamen Tod durch Mörderhand. Er erließ viele Prophezeiungen, die lange im Volksmunde blieben und jetzt noch nicht völlig verwischt sind. Seine größte Prophezeiung bezog sich auf den 30jährigen Krieg und dessen Grund, auf das Erscheinen der Jesuiten in Komotau, und auf das tragische Ende des Georg Popel von Lobkowitz, des ehemaligen Herrn von Komotau. Außerdem prophezeite er einst: »Auf einer Wiese, welche von drei Seiten ein Kessel einschließt, ist ein großer Schatz verborgen, der durch Jahrhunderte Menschen und Geschlechter ernähren wird.«

Viele Leute von Geldgier getrieben, suchten emsig solche Plätze, welche mit der Prophezeiung übereinstimmten, auf und gruben, mit Schaufel und Haue bewaffnet, zur Nachtzeit nach dem verborgenen Schatze, erschreckten sich wohl oft gegenseitig, konnten jedoch nichts auffinden.

Einmal ging nun ein Fleischhauer aus Komotau, namens Lazarus Drohmann, der sich und seine alte gebrechliche Mutter durch sein Handwerk schlecht und recht ernährte, nach Rothenhaus bei Görkau, um Schlachtvieh einzukaufen. Er verspätete sich daselbst, da er nichts Passendes hatte finden können, und begab sich bei schon hereingebrochener Nacht nach Görkau, wo er Speise und Trank zu sich nahm und dann den Heimweg nach Komotau einschlug, als gerade der Türmer 11 Uhr blies. Er bemerkte es nicht, wie vom Milleschauer her schwarze, dichte Gewitterwolken herzogen. Bald brauste der Sturmwind einher, grelle Blitze beleuchteten auf Augenblicke den Weg und die ganze Gegend bis zu den Gipfeln des Erzgebirgs, und der Donner kam prasselnd und krachend im Gefolge. Lazarus beflügelte seine Schritte, um noch die Stadt vor dem völligen Ausbruch des Unwetters zu erreichen, aber vergeblich; gerade noch eine Viertelstunde war er von derselben entfernt und er hatte eben den Eichenwald betreten, dessen Platz jetzt der See einnimmt, als das Gewitter mit aller Macht entfesselt wurde. Er suchte vor dem herabströmenden Regen und dem wütenden Sturme hinter einem dichten Eichengestrüppe notdürftigen Schutz und verfiel bald, von der Müdigkeit übermannt, trotz Sturm und Wetter in einen festen Schlaf. Plötzlich, es schlug gerade 12 Uhr auf dem Komotauer Turme, fuhr, wenige Schritte von ihm entfernt, ein greller Blitz in die Erde und erleuchtete Gras, Gestrüpp und Bäume tageshell. Der grelle Lichtschein und der damit verbundene Donnerschlag erweckten ihn gewaltsam und er fuhr entsetzt in die Höhe. Da sah er, betäubt und staunend, wie der Blitzstrahl einige Sekunden auf einer Stelle wie festgebannt haften blieb, dann sich aber teilte, indem ein Teil des Strahles in die Höhe ging, der andere jedoch in der Erde verschwand. Lazarus war voll Schreck und Staunen einige Zeit sitzen geblieben. Endlich, nachdem er sich von seiner Betäubung erholt hatte, sprang er auf und setzte, da auch das Unwetter bereits weiter gezogen war, den Rückweg fort, im Herzen Gott dankend, daß ihn der Blitzstrahl nicht getroffen, und erreichte glücklich seine Hütte.

Nach acht Tagen wanderte Lazarus abermals Geschäfte halber nach Rothenhaus. Auch diesmal schlug er den Rückweg bei vorgerückter Nacht ein. Seinen Weg beleuchtete jedoch der freundliche Mond und wohlgemut trat er in den Schatten des Eichenwäldchens, wo er vor wenigen Tagen dem Tode, wie er glaubte, nur durch ein Wunder entronnen war. Wie er so sinnend auf dem weichen Rasen dahinschritt, stand plötzlich ein Mädchen in hellstrahlender Schönheit vor ihm.

Der Mond beschien durch die Zweige der Eichen ihre freundlich lieblichen Züge, und von ihrem weißen Gewande schien selbst ein heller Schimmer abzugehen. Sie grüßte ihn und reichte ihm ihre Hand. Er fragte verwundert: »Woher kommst Du und was willst Du?« »Ich komme weither aus schönen Landen und gehe dorthin, wo mich meine innere Stimme ruft. Ich fliehe die Nähe böser Menschen, aber gute suche ich auf und beglücke sie. Du hast ein gutes Herz, ich will Dich daher glücklich machen, komm' und folge mir.« Die holde Erscheinung schritt voran, so leicht, daß sie kaum den Boden zu berühren schien, freudig und beklommen zugleich folgte ihr Drohmann. Nach einigen hundert Schritten machte sie halt und zwar merkwürdigerweise auf derselben Stelle, wo er sich vor acht Tagen vor dem Ungewitter verborgen hatte. Kein Laut, kein Ton war zu vernehmen, selbst das Heimchen schlief, überall herrschte die Stille des Grabes. Da ertönten von der Stadt her die ernsten, tiefen Töne der Mitternachtsstunde und wie auf einen Zauberschlag begann es sich überall im Wäldchen auf dem Grase, zwischen den mächtigen Baumstämmen und dem niedrigen Gebüsche zu regen und zu bewegen; kleine Männlein mit Schurzleder und Kappe angethan, mit Hauen und Schaufeln versehen, eilten geschäftig herbei und begannen genau an dem Punkte, wo der eine Blitzstrahl sich in die Erde gesenkt hatte, zu graben, zu schaufeln und die Erde in winzigen Karren wegzufahren, daß es eine Lust war, ihnen zuzusehen. Im Umsehen war ein Stollen in die Erde getrieben und schon kamen daraus Männchen zum Vorschein, welche winzige Fäßlein pustend und schnaufend heraufrollten, die wiederum von anderen auf Wägelchen geladen und fortgeschafft wurden. Lazarus sah schweigend und verwundert dem geschäftigen Treiben der Gnomen zu, da schlug es 1 Uhr und wie mit einem Schlage war alles verschwunden, die Zwerge, der Stollen, die Fäßchen und Wägelchen, und Stille herrschte wieder ringsum. Er glaubte aus einem Traume erwacht zu sein. Wie er sich jedoch umsah, stand noch neben ihm das schöne Mädchen. Dasselbe sah ihn mit ernster Milde an und sprach: »Du sahest hier das Bild künftigen Fleißes. Die Erde, worauf wir stehen, birgt in ihrem Schoße Alaun und Schwefel. Ihr Gewinn gehört Dir. Gehe morgen wieder hierher, aber allein, und grabe um die zwölfte Stunde auf dem bestimmten Platze; wenn Du drei Schuh tief gegraben hast, wirst Du das Gesuchte finden. Dann erst können andere Dir helfen. Der Schatz, der in der Erde schlummert, ist groß, hebe ihn zu Deinem und der Mitmenschen Frommen. Wehe aber,« fuhr sie in noch ernsterem Tone fort, »wenn das Werk gierig und hastig, oder lässig und unachtsam betrieben wird, dann werden die Erdgeister den Schatz der Mutter Erde den Lässigen und Unachtsamen entrücken und sein Segen wird dem Lande für immer verschwunden sein. Lebe wohl!« Damit reichte sie ihm die Hand und ging schwebenden Ganges zwischen den Eichen dahin und je weiter sie ging, desto mehr schien es, als ob es ein heller Nebelstreif wäre, der sich am Waldesrasen dahinzog und der in der Ferne endlich verschwand. -- In der folgenden Nacht verließ Lazarus heimlich seine Hütte, ohne der alten Mutter etwas von dem Erlebten mitgeteilt zu haben, und mit Spitzhaue und Schaufel versehen eilte er dem bekannten Wäldchen zu. Wiederum ballten sich über dem Erzgebirge Gewitterwolken zusammen, er aber ließ sich dadurch nicht in seinem Vorhaben zurückschrecken, glaubte er ja sicher und fest an die ihm gewordene Verheißung. Um 12 Uhr war er am Platze angelangt. Da brach aber auch mit furchtbarer Gewalt das Gewitter los und unter betäubendem Donner fuhr ein Blitz herab und senkte sich in geringer Entfernung von ihm in die Erde, alle Gegenstände ringsum grell beleuchtend. Dort erkannte er auch die Stelle, an welcher tags vorher die Zwerge gearbeitet, und nun begab er sich herzhaft ans Werk. Kaum hatte er mehrere Schuh tief gegraben, so stieß er auch auf das verheißene Alaun- und Schwefelerz. Frohlockend verließ er den Platz und eilte, da es Tag geworden, nach Sebastiansberg, um der Bergobrigkeit seinen großen Fund anzuzeigen. Er erhielt hierauf vom Erbherrn von Komotau, Johann von der Weitmühl, die Rechte und Privilegien, welche zum Betriebe des Bergwerkes notwendig waren, und nun begann ein reges Leben im stillen Eichenwäldchen, so wie er es früher schon erschaut. Er wurde ein reicher Mann und sein altes Mütterchen erlebte noch frohe Tage.