Part 29
Glücklicher war ein anderer Nachbar, der in späteren Jahren vor seinem Hause ein glühendes Kohlenhäufchen sah. Er nahm eine Schürze und deckte dasselbe vorsichtig zu. Dann ging er in sein Haus, holte ein Gefäß, in welches er das Häufchen schüttete, und trug es in den Keller. Des andern Tages sah er nach und siehe! aus den Kohlen waren lauter blanke Goldstücke geworden.
312. Die Johanneskapelle zu Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 39.)
Auf einer felsigen Anhöhe an der Ostseite von Joachimsthal erhebt sich die weithin sichtbare Johanneskapelle, die mit einem Wohngebäude in unmittelbarer Verbindung steht. Über die Entstehung dieses Kirchleins erzählt die Sage folgendes:
Als der Bau der Hospitalkirche zu Joachimsthal in Angriff genommen wurde, wohnte im sogenannten »Seidl-Koch-Haus,« dessen Ruinen seit dem gewaltigen Brande vom 31. März 1873 noch heute zu sehen sind, der Bergbeamte Vogelhaupt, welcher neben seinem Berufsamte die Geschäfte eines Spitalrechnungsführers versah. -- Da geschah es, daß beim Grundgraben dieser Kirche ein Maurer eine eiserne Kiste fand, die sehr schwer war. Deshalb schaffte sie Vogelhaupt mittels eines Pferdegespanns auf heimliche Weise zu seiner Wohnung. Dabei zersprengte sich wegen der allzu großen Last eines der Pferde. In der Kiste lag ein Schatz nebst einer Urkunde, in welcher es hieß, daß derjenige, der die Kiste finde, von dem darin enthaltenen Gelde möge ein Kloster errichten lassen. Vogelhaupt eignete sich wohl die gefundenen Schätze an, erfüllte jedoch nicht die daran geknüpfte Bedingung. Erst seine Nachkommenschaft, die von dem reichen Funde genaue Kenntnis hatte, suchte ihr geängstigtes Gewissen durch den Bau einer Kapelle einigermaßen zu beruhigen. Und so errichtete denn Johann Jakob Vogelhaupt mit seiner Gattin Maria Sophie, geb. Makasy, im Jahre 1734 die Johanneskapelle. Selbige gelangte, da Maria Barbara, die Tochter des genannten Ehepaares, sich mit Franz Ludwig Pallas vermählte, in den Besitz der Pallasfamilie. Der spätere Besitzer Franz Pallas, Domdechant in Prag, vererbte die Kapelle am 4. Juni 1823 seiner Schwester Barbara, verehelichten Walz, mit der Bedingung, daß an die Kapelle ein Haus mittels Legates von 15000 fl. Wiener Währung angebaut und dieselbe für immerwährende Zeiten als Hauskapelle erhalten werde. Diese letztwillige Verfügung des Domdechanten Pallas ist in den Jahren 1838 und 1839 erfüllt worden.
Gegenwärtig gehört die Johanneskapelle dem Bürger Hilarius Seidl, der sie am 30. November 1867 käuflich an sich brachte.
313. Der weiße Fels bei Bäringen.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 171.)
Im Buchwalde bei Bäringen erhebt sich ein hoher Felsen, der heißt »der weiße Fels.« Am Karfreitage soll sich der Felsen öffnen und ein uraltes Bäuerlein herauskommen, welches hier die frische Saat fürs nächste Jahr beginnt. Am nächsten Karfreitage soll nämlich an dem Orte, wo dasselbe säet, Gold hervorwachsen. Wer an diesem Tage hier vorübergeht, der kann es sehen, und wer von dem Golde etwas aufhebt, der kann mit demselben sein Vermögen bessern.
314. Die Räuberhöhle am Schafteiche bei Glauchau.
(Nach Ziehnerts poet. Bearb. b. Gräße a. a. O. No. 580.)
In der Nähe von Glauchau befindet sich der sogenannte Schafteich, der fast eine halbe Stunde im Umfange hat und beinahe den ganzen ebenen Raum zwischen dem Scheerberge, der Mulde und der Lungwitz einnimmt. Nahe bei diesem Teiche befindet sich eine Art Stolln, der weit hinein in die Erde reicht, und den man gewöhnlich die Räuberhöhle nennt. In derselben soll es aber nicht geheuer sein. So erzählt man, daß einst ein armer Hirtenknabe an jener Höhle fast täglich gespielt habe und oft von brennender Neugierde gequält worden sei, einmal hinein zu kriechen, um zu wissen, was denn eigentlich darin sei. Nun getraute er sich aber, so beherzt er sonst auch immer war, doch nicht so recht hinein, weil er den Rückweg zu verfehlen gedachte. Da sah er einmal eine schwarze, goldgesprenkelte Henne in den Eingang kriechen und gackern, gerade als wenn sie legen wolle. In der Hoffnung ihr Nest zu finden, folgte er ihr einige Schritte, allein bald ward es ihm zu unheimlich und zu finster und so kehrte er wieder um. Da er nun aber die Henne auch die nächsten Tage immer wieder an demselben Orte fand, so dachte er darüber nach, wie ihm wohl die Henne den Weg in das Innere der Höhle zeigen könne. Er nahm also einen starken Knäuel Garn und band der Henne einen Faden desselben an das Bein, und diese zog ihn nun ganz langsam, gerade als ob sie seine Absicht merke, hinter sich in die Höhle. Schon war aber das Garn fast ganz abgewickelt, da sah er auf einmal vor sich ein brennendes Licht. Allein wie ward ihm, als er bemerkte, daß dasselbe aus den Augen eines schwarzen, zottigen großen Hundes mit furchtbarem Rachen und starken Klauen ausströme! Neben demselben stand aber ein Männchen in einem grauen Mäntelchen, das hatte einen großen Sack Geld in der Hand und rief ihm zu, er möge nur näher kommen. Allein der Knabe wagte es nicht und nur erst, als das Männchen ihm nochmals zurief, er könne es ohne Gefahr thun, wagte er es. Hierauf reichte ihm der Graumantel eine Hand voll Thaler und sagte, er könne hierher so oft kommen, als er wolle, er solle jedesmal eine gleiche Summe bekommen, nur dürfe er niemandem sagen, woher er das Geld habe, sonst sei er verloren. Der Knabe fand nun den Rückweg sehr leicht, allein da er niemandem, auch seinen Eltern nicht, sein Glück mitteilen konnte, so blieb ihm nichts übrig, als das Geld zu vernaschen. Dies that er auch nach und nach, und als dasselbe verthan war, begab er sich wieder in die Höhle und holte sich eine zweite Auflage des vorigen Geschenks. Weil nun aber der Knabe gar zu oft bei dem Kaufmanne Näschereien kaufte und stets in blanken Thalern bezahlte, schöpfte derselbe Verdacht, das Geld sei gestohlen, und teilte seine Wahrnehmung dem Vater des Knaben mit. Da dieser nun recht gut wußte, daß sein Sohn nicht Pfennige, geschweige denn Thaler haben könne, so suchte er erst durch Drohungen heraus zu bringen, woher das Geld sei, und als der Knabe es nicht gestehen wollte, schlug er ihn so lange aufs Unbarmherzigste, bis derselbe alles gestand, aber auch hinzusetzte, daß ihm gewiß sein Brot gebacken sei, weil er das graue Männchen verraten habe. Und so geschah es auch, denn als der Vater am andern Morgen seinen Sohn, der ihm zu lange zu schlafen schien, aufwecken wollte, war er tot; der Böse hatte ihm den Hals umgedreht.
315. Reichtum des Hammerbergs bei Wittichsthal.
(Mündlich.)
Vom Hammerberge bei Wittichsthal sagte ein Venetianer, als er den Berg vom Fenster seines Logis aus erblickte, in ihm liege noch ein Königreich. Er wollte damit ausdrücken, daß in dem Berge ein großer Schatz liege.
316. Der Eimer voll Silber.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 262.)
Eine Magd, die in Komotau in einem Hause am Graben diente, ging zu Weihnachten spät des Abends zum Brunnen und schöpfte Wasser. Wie sie aber den Eimer heraufzog, war er voll Silbergeld. Sie lief eiligst zum Herrn und meldete das Wunder. Als dieser aber mit ihr wieder zum Brunnen kam, war der Eimer leer.
317. Ein graubärtiges Männlein zeigt einem Schüler zu Schneeberg einen Schatz.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~. 1716, S. 1146.)
Ungefähr im Jahre 1679 zeigte sich in dem Knappschaftshause zu Schneeberg ein Gespenst in eines alten, graubärtigen kleinen Mannes Gestalt einem Schüler, welcher daselbst seine Wohnung hatte. Es machte sich nach vielfältiger Erscheinung und Wortwechselung mit ihm dergestalt bekannt, daß er zuletzt nicht mehr so furchtsam sein konnte, sondern, um endlich Ruhe zu haben, einen angegebenen Schatz zu graben sich erkühnte. Obwohl nun der Schüler solchen Schatz, nachdem er des Tages immer darnach gegraben, endlich in vielen güldenen Ketten und Silbergeschirr, darauf die alten Schneeberger viel gehalten, erblickte, so hat er dennoch das betrogene Spiel in Händen gehabt. Denn als es zum Treffen und Heben gekommen, wie dazu das alte Männlein die Zeit gesetzet, hat der Schüler im Gewölbe, darin er allein gewesen, zwar gesehen, wie zwei anwesende Männer den Schatz aus der Erde gehoben und lauter Pretiosen auf den vorhandenen Tisch ausschütteten, wornach auch das alte Männlein ihn greifen heißen; aber wie er daneben von einem andern, der seitwärts auf einem Sessel gesessen, die Anrede gehört, wie er als ein armer Mensch sich erkühne, einen solchen kostbaren Schatz zu heben, darüber er, als der Herr der Welt, doch die Macht hätte: siehe, so ist darauf der Schüler voller Schrecken zurückgekehrt und in höchster Angst gewesen, bis der Seiger nachmittags 4 Uhr geschlagen. Denn eben bis auf diese Zeit hatte das alte Männlein die Gelegenheit zum Schatzheben gesetzt, und eben um diese Zeit hat ein Sturmwind gewütet und einen Baum im Garten gebrochen, dahin zugleich, wie das Gespenst bei letzter Erscheinung sagte, der Schatz aus dem Hause fortgerückt sein sollte.
318. Die Zigeuner und die Schatzgräber in Platten.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 89.)
Vor etwa siebzig Jahren kamen nach der Bergstadt Platten einige Zigeuner. Da dieselben wegen der rauhen Jahreszeit nicht im Freien ihr Lager aufschlagen konnten, gingen sie von Haus zu Haus und baten flehentlich um Herberge. Allein überall wurden die braunen Söhne mürrisch und hartherzig abgewiesen, bis sie ein armer, aber ehrlicher Bergmann, mit Namen Friedrich, in seine windschiefe Hütte aufnahm. Beseelt von edler Menschenliebe, kochte die Frau des Bergmannes sofort eine Milchsuppe, welche den hungrigen Gästen vortrefflich mundete. Nach mehrtägigem Aufenthalte beschlossen die Zigeuner, an's Wandern gewöhnt, weiter zu ziehen. Zuvor aber wollten sie sich der braven Bergmannsfamilie dankbar erweisen. Deshalb legte eine Zigeunerin das Geständnis ab, im Auffinden von Schätzen gut bewandert zu sein, und hielt alsogleich im Hause Umschau. Sie nahm die Wünschelrute, begab sich aus dem Stübchen in den Küchenraum und ließ diese schlagen. Die Rute neigte sich gegen den Ofen, ein Zeichen, daß hier ein Schatz verborgen liege. Nach mehreren anderen Schwankungen bezeichnete sie genau den Ort, und den Andreasabend als die Zeit zum Heben des Schatzes. Mit Segenswünschen schieden die Zigeuner. Der arme Bergmann jedoch konnte den festgesetzten Tag gar nicht erwarten und schritt noch vor dem Termine an die Ausführung seiner geheimnisvollen Arbeit. Zu diesem Zwecke verfertigte er einen großen Kreis aus Papier, den er mit hunderten von Kreuzen beschrieb und legte ihn auf den Platz, wo der vermeintliche Schatz sich befinden sollte. Hierauf stellten sich der Bergmann und ein Nachbar in den Kreis und fingen zu graben an. Es dauerte nicht lange, da kam eine eiserne Truhe zum Vorschein. In dem Augenblicke aber, als einer der Schatzgräber mit der Haue auf die Lade schlug, entstand ein gewaltiger Donnerschlag, und der Kreis zerriß in tausend Stücke. Sprachlos und totenblaß standen beide Männer da, und als sie sich von der Betäubung erholt hatten, sahen sie einander nicht wenig erstaunt an, denn der Schatz war wieder in die Tiefe zurückgerollt.
319. Die Schatzgräber.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 100.)
Zwischen Platten und Jungenhengst steht am Wege, der in die letztgenannte Ortschaft führt, ein Bild, welches Jesum, wie er gegeißelt wird, darstellt und von den Umwohnern »schönster Jesus« genannt wird. Dort soll ein großer Schatz verborgen liegen. Denselben wollten vor vielen Jahren zwei Geschwister, Bruder und Schwester, heben. Nachdem beide sich mit den üblichen Beschwörungsformeln bekannt gemacht hatten, gaben sie sich das Versprechen, kein Wörtlein während des Schatzgrabens zu sprechen. In einer Nacht gingen sie nun an Ort und Stelle und gruben allda, bis sie nach längerer Arbeit auf den Deckel einer Geldkiste stießen. Allein welcher Schreck! Mit einemmale kommt ein Soldat gegen das schätzesuchende Geschwisterpaar heran. Nach einer Weile sprengt auf feuersprühendem Rosse ein Reiter daher, dem mit Blitzesschnelle sich eine ganze Schwadron Kriegsgefährten anschließt. Eisiges Grauen überfiel da die Geschwister, welche einander schweigend anblickten. Als aber eine Totenbahre sichtbar ward, der ein langer Leichenzug folgte, da rief die Schwester: »Jesus, Maria! Da tragen sie unsere Mutter!« Wie diese Worte ihrem Munde entflohen waren, stürzte im Innern der ausgegrabenen Grube ein mächtig sprudelnder Quell hervor. Immer höher und höher stieg das Wasser und überflutete in wenigen Augenblicken den Weg. Bald reichte es sogar den Geschwistern bis zur Brust, so daß sie, über die höchst sonderbaren Erscheinungen entsetzt, von dannen eilten. Als sie nach Hause kamen, waren sie -- welch ein Wunder -- ganz trocken. Das Geschwisterpaar verspürte nun keine Lust mehr, den Schatz zu holen.
320. Buchstaben, Hobelspäne und Kohlen verwandeln sich in Geld.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 288.)
Eine Frau fand eines Tages auf dem Hausberge bei Graslitz beim Beerensuchen ein Bündel Reisig, worin verschiedene Buchstaben zerstreut herumlagen. Sie nahm einige derselben und dachte sie ihren Kindern zum Spielzeug zu bringen. Als sie dieselben aber zu Hause aus ihrem Korbe nehmen wollte, waren es Silberstücke geworden. Nun eilte sie wohl nach dem Orte zurück, um die übrigen zu holen, allein das Bündel samt den Buchstaben war verloren. Ein andermal fand eine Frau ein Häufchen Hobelspäne, die daheim zu Thalerstücken wurden, und wieder ein andermal trugen Kinder Kohlen und Steinchen heim, die sich zu Hause in Gold verwandelten.
Dämonische Wesen besitzen die Wunderkraft, die verschiedensten Gegenstände in edles Metall zu verwandeln. Auch wo sie in der Sage bei einer solchen Verwandlung nicht ausdrücklich genannt werden, ist die letztere doch von ihnen ausgegangen. Im Fichtelgebirge schenkt eine weiße Jungfrau Laub, das zu Golde wird (Zapf, der Sagenkreis des Fichtelgebirgs, S. 18), und im Harze verwandeln sich durch den Zwergkönig des Hübigensteins und die Prinzessin Ilse Tannenzapfen in Silber oder Gold. (Heine, Sagen, Märchen etc. aus dem Harze, S. 16 und 94.)
321. Kutter verwandeln sich in Geld.
(Mündlich.)
Einst ging eine Frau aus Bermsgrün in den Wald und fand daselbst mehrere wohl geordnete Häufchen von rundlichen, abgesprungenen Fichtenrindenstücken, die man »Kutter« nennt. Da sagte sie für sich: »Wer mag nur da gespielt haben?« und nahm solche Kutter von den Häufchen mit nach Hause, damit ihre Kinder auch damit spielen sollten. Als sie aber zu Hause ankam und den Korb aufdeckte, um die dahinein geworfenen Kutter ihren Kindern zu geben, fand sie statt derselben Geldstücke. Schnell ging sie darauf zurück, um auch die liegen gelassenen Kutter zu holen, allein sie konnte keine mehr finden.
322. Die sonderbaren Sägespäne.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 85.)
Vor vielen Jahren ging ein Weib aus Abertham in den in der Nähe liegenden Wald, der damals den Mühlberg bedeckte, um Klaubholz zu holen. Im Walde angekommen, stellte sie ihren Korb bei einem Kreuzwege nieder und lief in die Kreuz und Quer herum, um die Reiser zusammenzutragen. Als sie zu dem Korbe zurückkam, fand sie denselben mit Sägespänen angefüllt. Da sie jedoch ihrer nicht bedurfte, schüttete sie in ihrer Einfalt die Späne aus und legte in den Korb das Klaubholz. Wie war aber das Weib erstaunt, als sie, nach Hause gelangt, den Korb leerte und darin viele Goldstücke fand! Diese waren auf wunderbare Weise aus den Sägespänen, welche an dem Korbrande hängen geblieben waren, entstanden. Mit freudestrahlendem Gesichte eilte das Weib sogleich in den Wald zurück, um die verschmähten Sägespäne aufzuraffen, allein ihr Suchen war vergeblich, denn dieselben waren spurlos verschwunden.
323. In Goldstücke verwandelte Kartoffeln.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 98.)
Unweit von Platten steht an der Straße, die vormals von dieser Stadt nach Bäringen leitete, eine Johannes-Statue. Eines Abends -- es mochte 9 Uhr sein -- ging der Binder Fladerer aus Platten von Bäringen nach seinem Wohnorte. Als er bei der erwähnten Statue vorbeischritt, lagen mitten auf dem Wege frische, erst aus dem Felde genommene Kartoffeln. Ohne sich lange zu besinnen, griff Fladerer nach denselben und steckte sie ein. Wie er daheim die Kartoffeln aus den Taschen nehmen wollte, zog er lauter blanke Goldstücke hervor.
Nach der Sage soll unter der Johannes-Statue ein Silbergang sein.
324. Die Hirtenjungen am Heilingsfelsen.
(Deutsche Sagen. Herausgegeben von den Brüdern Grimm. 2. Aufl. 1. B. No. 158.)
Am Johannistag kamen zwei Hirtenknaben, indem sie den jungen Vögeln nachstellten, in die Gegend des Heilingsfelsen an der Eger und erblickten unten an demselben eine kleine Thüre offen stehen. Die Neugierde trieb sie hinein; in der Ecke standen zwei große Truhen, eine geöffnet, die andere verschlossen. In der offenen lag ein großer Haufen Geld, sie griffen hastig danach und füllten ihre Brotsäcklein voll. Drauf kams ihnen greulich; sie eilten nach der Thür, glücklich trat der erste durch. Als aber der zweite folgte, knarrten die Angel fürchterlich, er machte einen jähen großen Sprung nach der Schwelle, die Thüre fuhr schnell zu und riß ihm noch den hölzernen Absatz seines linken Schuhes ab. So kam er noch heil davon und sie brachten das Geld ihren erfreuten Eltern heim.
325. Die drei Jungfrauen und die Schätze des Borberges bei Kirchberg.
(Anton Bär im Glückauf, 2. Jahrg. S. 80.)
In der Schlacht an der Göltzsch, in welcher die Deutschen die Herrschaft der Sorbenwenden in den Flußgebieten der Saale, Elster und Mulde brachen, verlor auch ein adeliger Sorbe das Leben. Seine Burg lag inmitten seines ansehnlichen Grundbesitzes auf dem Borberge, welcher sich nahe bei der Stadt Kirchberg erhebt. Bevor er in den Kampf gezogen war, hatte er seine Schätze dicht neben dem Burgbrunnen, welchen man noch heute auf dem Borberge zeigt, vergraben, seine Kinder aber, drei Mädchen von großer Schönheit, hinausgeführt in den heiligen Hain und sie hier geloben lassen, dem Glauben ihrer Väter treu zu bleiben und die heiligen Gebräuche ihres Volkes fortzuüben. Als die Deutschen in die Gegend einrückten, brannten sie die Burg nieder, ließen aber die drei Schwestern, welche unterdessen ein kleines Gehöfte am Berge bezogen hatten, ziemlich unbelästigt in ihrer Verborgenheit leben. Allerdings traf auch sie, was jetzt über alle ihre Stammesgenossen in der Umgegend erging: sie mußten den Weisungen der deutschen Herrschaft willigen Gehorsam leisten und die Taufe und den christlichen Glauben annehmen. Letzterer Anordnung kamen sie indessen nur widerwillig nach, denn der neue Glaube stand im Widerspruch mit ihrem dem Vater geleisteten Gelübde und erlaubte ihnen nicht, manchen alten liebgewordenen Gebrauch weiter zu pflegen; sie fühlten sich darum oft in ihrem Herzen beschwert und gingen häufig zur Nachtzeit mit anderen Genossen hinaus zum zerschlagenen Opfersteine und übten allda ihre heidnischen Gebräuche.
Lange blieb das Treiben der Schwestern und ihres Anhanges verborgen, als aber aus dem Walde am Geiersberg heraus ein Kirchlein sich erhob und die Mönche dort das Seelsorgeramt mit Strenge übten, da setzten diese auch den Zusammenkünften am Opfersteine ein Ziel, und forderten die Schwestern, als die Veranstalter derselben, zu strenger Rechenschaft. »Ihr dient dem Herrscher der Hölle«, eiferten sie; »wohlan, da ihr unsere Warnungen und Mahnungen nicht beachtet habt, so sollt ihr auch dem Bösen verfallen sein. Wir sprechen den Bann über euch aus; freud- und friedlos sollt ihr sein, bis es euch gelingt, ein Christenkind zu herzen und zu küssen, das man aus dem Walde herein nach St. Margarethen zur Taufe trägt«. -- In der That gewann es den Anschein, als waltete über den aus der Gesellschaft Gestoßenen von Stund an ein freundlicher Stern nicht mehr. Jedermann vermied den Umgang mit ihnen; sie hatten weder Rast noch Ruhe mehr und mußten öfters in der Nachtzeit, wenn die wilde Jagd dahin zog, wie das gehetzte Wild den finstern Wald durchirren. Das waren böse, harte Zeiten für die Schwestern, traurige Erlebnisse, welche endlich in ihren Herzen die Reue erkeimen ließen, dem Willen des Vaters gemäß gehandelt zu haben. Vergebens erwies sich auch das Bemühen, den wenigen, zufällig in ihre Nähe kommenden Menschen sich freundlich zu erweisen, vergebens die Bitte bei den Mönchen zu St. Margarethen, den bösen Zauber zu lösen, welchen ihr Bann über sie gebracht hatte, die Not blieb und nahm zu, je älter sie wurden. Manches Jahr war bereits verschwunden und noch immer harrten die Schwestern des Zusammentreffens mit einem Kinde, das im nahen Kirchlein die Taufe empfangen sollte. Zwar hatte der Zufall die Gelegenheit hierzu einigemale geboten, aber die Scheu vor ihnen war so groß, daß man bei ihrem Erscheinen stets zur Seite wich und schon aus der Ferne den Versuch einer Annäherung zu hindern suchte. Da gewahrte einst in einer Nacht die jüngste der Schwestern in der Gegend, wo, umgeben vom dichten Wald, eines Köhlers Hütte stand, noch helles Licht; von dem Wahrgenommenen unterrichtet, schlichen alle drei, begleitet von ihren zwei treuen Knechten, bis zur Hütte und bemerkten, daß des Köhlers Weib ein Kind geboren hatte. Sogleich stand der Entschluß in ihnen fest, dem Kinde, wenn es zur Taufe getragen würde, zu nahen und dessen Begleitung um die Erfüllung ihres Wunsches anzugehen. -- Es währte auch nur kurze Zeit, als spät an einem Nachmittage der Köhler in Gesellschaft weniger Personen auf dem schmalen Pfade daher geschritten kam, um seinen Neugebornen nach St. Margarethen zur Taufe zu bringen. Alsogleich trat die älteste der Schwestern an ihn heran und sprach: »Lieber, laß mich Dein Kind sehen und herzen, Du sollst dafür auch diesen schönen glänzenden Stein haben, sieh' nur, wie er in der Sonne blitzt und funkelt.« Doch der Angeredete wandte sich ab und entgegnete: »Ich begehre weder Deinen Stein, noch sollst Du mein Kind sehen; halte mich nicht auf und laß mich weiter gehen.« Eine Strecke weiter kam die zweite Schwester und redete: »Lieber, sieh' dieses Goldstück, es soll Dir gehören, sobald Du mir erlaubst, Dein Kind einen Augenblick auf meinen Armen wiegen zu dürfen.« »Nein,« rief unwillig der Köhler, »Deines Goldstücks wegen gebe ich den Kleinen nicht aus meinen Händen; blicke nur empor, welch schweres Wetter am Himmel dräuet, ich will eilen, weiche zur Seite.« Abermals einen Steinwurf weiter kam die dritte Schwester dem Taufzuge entgegen. »Ei, lieber Köhler,« begann sie im muntern Ton, »Freya, die liebreiche, hat Dir ein Kind beschert, welches Du ohne Zweifel jetzt zur Taufe trägst; hier nimm diesen Wickel Flachs als Taufgeschenk, er soll Deinem Kinde Segen bringen, doch erlaube mir, den Kleinen auf einen Augenblick zu sehen.« Da reichte der Vater dem Mädchen, weil es gar so herzlich bat, das Kind und dieses drückte rasch einen warmen Kuß auf dessen Lippen. Noch redeten beide miteinander, als das Glöcklein von der Kapelle eifrig mahnte, das Gespräch einzustellen. Über den brausenden Bach auf schwankendem Steg eilte der Köhler hinauf zur Kapelle, die Jungfrau aber raschen Laufes zu den in banger Erwartung harrenden Schwestern. Wie fröhlich lenkten diese jetzt ihre Schritte dem Hofe zu, wie glücklich saßen sie, nachdem der jüngsten die Ausführung des längst gehegten Vorhabens gelungen war, dort beisammen! Die That, einst als Erfordernis bestimmt, den auf ihnen lastenden Zauber zu bannen, war erfüllt und von nun an sollte der Böse keine Macht mehr über sie haben.