Part 25
Auf der Brüßlerstraße zu Dendermonde liegt ein Haus, worin sich ehedem eine Brauerei befand. Hier diente Hans Zimmermann als Knecht. Da er sein Handwerk sehr gut verstand, so konnte er nicht begreifen, warum das erste, zweite und dritte Gebräu mißlang. Nun hatte er aber bemerkt, daß jedesmal, wenn er am Brauen war, eine Katze rund um den Kessel lief. Als er sein viertes Gebräu begann, und die Katze wieder miauend um den Kessel strich, redete er sie in der Überzeugung an, daß sie eine Hexe sei; er bekam zwar nur ein Miau zur Antwort, worauf sie weglief, aber bald mit einem Dutzend Katzen wieder zurückkam; die faßten sich Pfote an Pfote und begannen einen Tanz um den Kessel, wobei sie unaufhörlich sangen: »Hansken Temmermann vroeg aen my: Katze, van wear kom drgy?« (Hänschen Zimmermann mich frug: Kätzchen, woher kommst denn Du?) Da wurde Hans böse, füllte einen Eimer mit dem kochenden Bier und goß das über die Katzen hin. »Miau! Miau!« schrien alle und verschwanden, das Gebräu aber glückte. Am andern Morgen jedoch sah man im Rochusgäßchen sechs Frauen mit verbrannten Gesichtern tot auf der Straße liegen. Da blieb kein Zweifel mehr, wer die Katzen gewesen waren. (Nork, Sitten und Gebräuche der Deutschen, S. 556.) Eine ähnliche Sage erzählt Leibing (Sagen und Märchen des bergischen Landes, No. 64). Nach ihm verwundete ein Brauknecht zwei Katzen, die eine am Ohr und die andere büßte eine Pfote ein; am andern Tage hatte die Frau des Braumeisters ein zerschmettertes Ohr und eine andere Frau in der Nachbarschaft hatte ein Stück eines Fußes eingebüßt. Auch Jacob Grimm weist in seiner Deutschen Mythologie (S. 623) darauf hin, daß viel von verwundeten Katzen erzählt wird, die man hernach an verbundenen Weibern wieder erkannte.
Ebenso fehlen auch die gleichen Überlieferungen der slavischen Sage nicht. Zu einem Bauer in Saspow in der Nieder-Lausitz kam oft eine graue Katze in den Stall und das Vieh wurde krank. Als diese Katze mit einer Düngergabel in den Hals gestochen wurde, sprang sie weg. Am andern Tage hatte eine Frau im Dorfe mehrere Löcher im Halse; diese war die Hexe. -- Ähnliches geschah in der Mühle bei Leipa im Spreewalde, wo viele Katzen des Nachts einen fürchterlichen Spuk trieben, bis endlich der zu Hülfe herbeigezogene Scharfrichter mit dem Messer eine Katze in die Pfote schnitt. Am andern Tage hatte die Frau des Amtmanns im nächsten Dorfe eine kranke Hand und es hieß, sie habe sich geschnitten. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 281 und 292.)
267. Das Schmatzen der Toten in den Gräbern.
(Moller, ~Theatrum Freiberg. Chron.~ II., S. 254. Wilisch, Kirchen-Hist. v. Freyberg etc. II., S. 378.)
Im Jahre 1552 hat in den Dörfern um Freiberg die Pest grassiert, sonderlich starb viel Volk zu Hermsdorf, Claußnitz und Dittersbach. Das Volk glaubte dabei, daß die toten Körper in den Gräbern anfingen zu essen und einer den andern nachholete. Etliche, die auf den Gräbern gestanden, erzählten, daß sie gehört, wie die Toten unter der Erde schmatzten. Deswegen hat man den Verstorbenen die Köpfe mit einem Grabscheite abgestoßen oder sie ganz verbrannt und dabei gemeint, so das Unheil und Sterben abzuwenden. Es hat aber nichts geholfen, denn die Pest hat als Strafe Gottes noch heftiger überhand genommen, so daß einzelne Dörfer fast ausstarben.
Das Schmatzen der Toten in den Gräbern ist nur eine besondere Form des besonders im Aberglauben slawischer Völker herrschenden Vampyrismus. Der Vampyr wird meist als die Seele eines Verstorbenen gedacht, welcher im Grabe keine Ruhe findet, letzteres verläßt und sich auf schlafende Menschen, besonders Blutsverwandte legt und ihnen auf körperlich kaum wahrnehmbare Weise das Blut aussaugt. Nach der Lausitzer Sage wird ein solcher Vampyr gebannt, wenn ein Priester den Leichnam ausgraben läßt, ihm den Kopf abschneidet, das Herz mit einem Pfahl durchsticht, selbiges sodann verbrennt und die Asche auf das Grab streut. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 69.) Der Pfahl mußte bei den Slaven von Eichenholz oder vom Weißdorn sein. (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche in Böhmen, S. 191.)
Nach Görres ist der Vampyrismus, welcher sich bereits bei den alten Griechen vorfand, nur eine besondere Form des Alpdrückens. (Nork, Sitten und Gebräuche etc., S. 686.) Er beruht auf dem Glauben, daß der Verstorbene des Blutes entbehrt und darum sein Grab verläßt, um einem noch Lebenden Blut auszusaugen. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch I., S. 55.)
268. Von einem an eine Stelle festgebannten Sohne.
(Moller, ~Theatrum Freib. Chron.~ II., S. 221. Br. Grimm, Deutsche Sagen I., No. 231.)
Als ein Bürger zu Freiberg, namens Lorenz Richter und seines Handwerks ein Leinweber, welcher auf der Weingasse gewohnet, seinem Sohne von 14 Jahren etwas zu thun befohlen und derselbe nicht gehorcht, sondern in der Stube an derselben Stelle stehen geblieben, hat ihn der zornige Vater verwünscht und gesagt: »Ei stehe, daß Du nimmermehr könntest fortgehen!« Auf diese Verwünschung des Vaters ist der Knabe stehen geblieben, und er hat drei ganze Jahre an derselben Stelle gestanden, so daß er tiefe Gruben in die Dielen getreten, und man ihm des Nachts, wenn er schlafen wollte, ein Pult untersetzte, damit er den Kopf und die Arme darauf legen konnte, um ein wenig zu ruhen. Weil er aber nahe an der Stubenthüre beim Ofen den eintretenden Leuten im Anlaufe war, haben ihn die Geistlichen der Stadt durch ihr Gebet von diesem Orte aufgehoben und gegenüber in den andern Winkel der Stube glücklich und ohne Schaden gebracht. An diesem Orte hat er ferner bis ins vierte Jahr gestanden und die Dielen noch tiefer durchgetreten, als zuvor. Damit ihn die Aus- und Eingehenden nicht so sehen könnten, hat man ihn auf seine Bitten durch einen Umhang verdeckt; er hat wegen steter Traurigkeit nicht viel gesprochen. Endlich hat Gott die Strafe etwas gemildert, indem er das letzte halbe Jahr sitzen, sich auch ins Bette, das man neben ihn gestellt, legen konnte. Er hat ganz elende ausgesehen, ist blaß von Angesicht, hagern Leibes und auch sehr mäßig im Essen und Trinken gewesen. Nach sieben Jahren wurde er den 11. September 1552 durch den Tod erlöst. Die Fußtapfen sahe man noch lange an den betreffenden Plätzen, und als sie der Vater nach dem Tode seines Sohnes aussetzen lassen wollte, weil er sich derselben wegen seines Fluches schämte, hat ihm der Rat solches verboten.
269. Speisen werden festgemacht.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 869 und 870.)
Ein Bergmann in Seifen hatte ein Doctor Faustsches Kunststück, indem er zur Lust in Gesellschaft über dem Essen alle Speisen stahlfest machte, daß kein Mensch, ehe er wollte, einen Bissen abschneiden konnte. Desgleichen war zu Elterlein ein Schlosser, Zacharias Vogel, der eine gute Zeit im Kriege gedient hatte; dieser konnte nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen und alles Vieh, wie auch Käse, Butter, Brot und andere Speisen fest machen.
270. Festgemachte werden überwunden.
(Lehmann, a. a. O., S. 873 und 874.)
Im Jahre 1632, den 3. Januar, wurde Jochim Escher erschossen, auf welchen sein Feind erstlich eine bleierne Kugel losbrannte; weil diese aber nicht einging, riß er eilend einen Dukaten aus der Tasche, biß ihn zusammen, brauchte ihn anstatt der Kugel und schoß den Escher Knall und Fall vom Pferde.
Im Jahre 1677 schlugen sich zwei freche Kerle auf Böhmisch-Wiesenthal. Der eine war stahlfeste und konnte gar nicht verwundet werden. Da sein Gegenpart dieses merkte, sagte er: »Halt, ich will dir besser kommen!« Zieht hiermit den Degen unter dem Schuh durch die frische Erde und verwundet ihn dann dreimal nacheinander. Andere haben Magnet in die Kugeln gegossen, oder den Degen durch ein Brot gezogen, oder mit Kugeln von Wißmut geschossen, oder die Degenspitze nur in die Erde gestochen und damit die Festgemachten überwältigt.
271. Festgemachte werden von ihrem Wesen und ihrer geheimnisvollen Kraft befreit.
(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 873 u. 874.)
Im Jahre 1652 lebte zu Satzung ein ehemaliger Soldat, +Michael Vogel+, welcher der Festigkeit wegen ein Amulet am Halse trug und nun beim Trunk immer Zank und Schlägerei anfing. Als er aus dem Kriege nach Hause kam, warf er das Amulet weg, aber es kam aus Feuer und Wasser wieder. Endlich wurde sein Beichtvater auf das Amulet aufmerksam und nahm es an sich. Michael Vogel sagte, er müsse es mit gewissen Ceremonien abnehmen, doch der Priester versicherte, der Teufel habe über ihn keine Gewalt, er wolle es schon wegschaffen. Damit ging er zu einem Schmied und warf es ins Feuer. Da fuhr's zur Esse hinaus mit Ungestüm und platzte wie ein Doppelhaken. Darauf wurde der Kerl ganz anders, friedlich und sittsam.
Ähnliches begab sich 1639 in Grünhain. Ein junger Fleischer hatte sich bei den damals auf Scharfenstein liegenden Schweden fest machen lassen; davon wurde er so blutdürstig und unbändig, daß er beim Trunk keines Menschen Freund war. Als er sich aber verheiratete und in die Zunft aufnehmen ließ, trachtete die Freundschaft darauf, wie er die Festigkeit los werden möchte. Man brauchte allerlei Mittel, aber vergebens, bis endlich einer die Teufelei aus dem Leibe purgierte und eine Hummel von ihm kam.
Sowohl die römische als auch germanische Götterlehre erzählt uns von Göttern, welche unverwundbar waren. Cygnus, der Sohn Neptuns, konnte von keinem Pfeil verwundet werden und ebenso wurde Baldr durch die Gunst seiner Mutter Frigg gegen alle Waffen geschützt. Nur das Holz des Strauches Mistiltein (~Loranthus europacus~) tötete ihn, da Frigg von demselben keinen Eid gefordert hatte. Wie Götter wurden auch Helden unverwundbar. Siegfried badete sich im Drachenblute, das seine Haut fest gegen Waffen machte; nur wo das Lindenblatt zwischen seinen Schultern gelegen, war er verwundbar. Im Mittelalter hielt man die sogenannte Waffensalbe, die Gemskugel, die Wurzel ~Doronicum~, das Nothemde u. s. w. für Mittel, um sich waffenfest zu machen. (Nork, Sitten und Gebräuche d. D. S. 707). Auch die Lausitzer Sage erzählt von Hieb- und Stichfesten. Das Garn zu einem Nothemde, welches auch hier als Zaubermittel dient, muß von einem Mädchen unter 7 Jahren gesponnen, die Nähte müssen mit Kreuzstichen gemacht und schließlich müssen noch drei Messen darüber gelesen werden. (Haupt a. a. O. I. N. 240.)
272. Der Räuber Hartenkopf bei Zelle ist kugelfest.
(Gräße, Sagenbuch d. K. S., No. 362.)
Im Zellwalde bei Kloster Zelle und zwar besonders in dem alten Gemäuer, welches gemeine Leute für den Stadel eines alten Nonnenklosters ansehen, hatte sich ein Fleischer, namens Hartenkopf aus Siebenlehn, festgesetzt und beschlossen, hinfüro von Raub und Mord zu leben, weswegen die Leute den Fußweg, der von Siebenlehn nach Roßwein führt, nicht mehr sicher wandeln konnten, noch wollten. Weil sich nun dieser Schnapphahn nicht nur am Leibe festgemacht, sondern auch mit Geschütz und Gewehr versehen, also daß allen denen, so ihm zu nahe kommen würden, der Tod drohte, konnten die aufgebotenen Landgerichte und Amtsunterthanen, weil jeder für seine Haut fürchtete, wenig schaffen, bis endlich eine von Roßwein aus kommandierte kurfürstlich sächsische Korporalschaft vom Leibregiment zu Roß dieses Raubnest ersprengte, und weil die bleiernen Kugeln an dem Räuber nirgends haften wollten, haben sie endlich noch mit einem eingeladenen silbernen Knopfe den Zauber gelöst und den Leib zugleich mit gefällt.
Die durch Hülfe des Teufels erworbene Kugelfestigkeit besteht nicht gegen einen geerbten silbernen Knopf. Von einem solchen wurde der Stadtkommandant Bruse von Greifswalde, auf welchen mehr als zwanzig schwedische Kugeln erfolglos abgeschossen worden waren, getötet. (Temme, Pommer'sche Sagen, No. 244.) Ebenso erzählt eine Sage, wie der Reitknecht König Augusts des Starken den seinen Herrn verfolgenden Husaren durch einen silbernen Knopf niederschoß. (Johannes-Album, Chemnitz 1857. 2. T. S. 181.) An die Stelle des silbernen Knopfes treten auch silberne Kugeln. Nach einem rumänischen Volksliede konnten den Freischarenführer Pintye nur drei silberne Kugeln, drei Maß Frühjahrsroggen und drei Nägel von einem Frühlingsfohlen verwunden. (Jahrbuch des Ungarischen Karpathen-Vereins XII., S. 87.)
273. Der Holzmüller von Neudorf.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 317.)
In der sogenannten Holzmühle zu Neudorf bei Sebastiansberg lebte einst ein Müller, der war so reich, daß er den Fußboden seiner Stube mit lauter harten Thalern gepflastert und darüber erst die Dielen gelegt hatte. Er verstand aber auch die schwarze Kunst. Als er einmal ganz allein in der Mühle war, drangen plötzlich zwölf Räuber in die Stube und forderten sein Geld. Der Müller hieß sie niedersetzen und that, als ob er das Geld holte. Bald aber merkten die Räuber, daß sie nicht aufstehen konnten. Nun baten sie den Müller, er möge sie loslassen; der erbarmte sich, schnitt aber jedem mit seinem Messer ein Zeichen ins geschwärzte Gesicht und entließ sie. Als er nun am nächsten Sonntage seine Verwandten besuchte, fand er in ihren Gesichtern das eingeschnittene Zeichen. Oft schon hatte man versucht ihn zu erschießen, er war aber kugelfest. Endlich hat ihn ein Jäger auf dem Wege nach Krümau mit einer gläsernen Kugel erschossen; auf der Stelle, wo dies geschehen, steht heute noch ein Kreuz.
274. Ein zaubernder Schüler zu Freiberg wird vom Teufel umgebracht.
(Moller, ~Theatrum Freibergense Chron.~ II., S. 19.)
Im Jahre 1260 hat sich zu Freiberg ein Schüler (einige halten dafür, daß es ein Priester gewesen sei) in eine Jungfrau heftig verliebt, und um dieselbe zu gewinnen, hat er Rat und Hülfe bei einem Schwarzkünstler gesucht. Derselbe führte ihn in der Sachsenstadt in ein abgesondertes Gemach, stellte ihn in einen Kreis und begann seine gewöhnlichen Beschwörungen. Der Teufel ließ sich nicht lange bitten und erschien plötzlich in der Gestalt der begehrten Jungfrau. Da stand der Jüngling heftig auf und bot ihr aus dem Kreise die Hand. Doch zu seinem höchsten Unglück und Verderben riß ihn der Teufel zu sich und warf ihn gegen die Wand, so daß er auf der Stelle tot blieb. Aber auch der Schwarzkünstler erhielt seine Strafe. Der Teufel nahm den zerschmetterten Körper des Schülers und warf damit mit solcher Gewalt nach ihm, daß er daran »versterret die ganze Nacht winselnd gelegen und auch früh noch also gefunden wurde.« Er wurde darnach zu gebührender Strafe gezogen.
275. Ein zaubernder Pfaffe aus Mulda kommt elend ums Leben.
(Moller, a. a. O. II., S. 201. Wilisch, Kirchen-Historie von Freyberg etc. II., S. 327. Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl. Prosaischer Anhang, No. 5.)
Am Montage nach Palmarum 1536 hat ein Pfaffe aus Mulda in einem Weinhause zu Frauenstein allerlei Üppigkeit getrieben, ist auch des Nachts daselbst ganz voll und toll liegen geblieben, morgens aber mit umgedrehtem Halse tot gefunden worden. Man hat ihn für einen Zauberer gehalten, von dem gemeldet wird, daß er in Wirtshäusern böhmische und andere Groschen nach Belieben aus den Wänden herausgegraben und sonst allerlei Gaukelspiel zur Verwunderung gemeiner Leute getrieben habe. Er ließ z. B. auch den Wein zu Feuer werden und wußte es im Spiele zu machen, daß er allein alles gewann.
276. Der Wunderdoktor zu Permesgrün.
(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 314. Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 102.)
Ein Hirte, der bei Permesgrün die Herde weidete, fand einmal unter einem Steine, der am Fuße einer uralten Eiche lag, ein altes Buch, auf welchem die Worte standen: Wende den Inhalt wohl an, und Du wirst der Menschheit nützen. Das that der Hirte, und bald war er in der ganzen Gegend als Wunderdoktor bekannt und gesucht. Da erkrankte der Sohn des Herzogs so schwer, daß der Vater in der Verzweiflung dem Retter seine Tochter zur Frau versprach. Der Wunderdoktor ging an den Hof des Herzogs und versprach die Heilung. Der Herzog wiederholte sein Versprechen, drohte aber ihn umzubringen, wenn der Versuch mißlänge.
Der Wunderdoktor machte sich an die Kur, und bald war der Prinz gerettet. Als aber der Wunderdoktor seinen Lohn verlangte, verweigerte ihm der Herzog die Tochter. Darüber ärgerte sich der Doktor, daß er sichtbar hinsiechte. Da las er in seinem Buche und befahl hierauf seinem Diener, ihn zu zerstückeln, die Stücke in eine Kiste zu legen und diese unter jener alten Eiche zu begraben; nach einem Jahre sollte er die Kiste wieder öffnen, aber nicht früher. Dann werde er wieder frisch und gesund auferstehen.
Der Diener that, wie ihm sein Herr geheißen hatte, aber er konnte die Zeit nicht erwarten und öffnete schon nach dreiviertel Jahren die Kiste, um nachzusehen, wie es mit seinem Herrn stünde. Da war die Wunderkraft vernichtet, und der Herr blieb tot.
Wir haben am Schlusse dieser Sage eine Variante des alten Glaubens, daß der alternde Mensch oder der Verstorbene durch Zauberkünste wieder nach einem gewissen Zeitraume verjüngt aufersteht, wenn man seinen Körper in Stücke zerhaut. Der junge Graf ~de Villano~ hatte zu Salamanca in der Schule des Teufels auch gelernt, wie man alte Leute wieder verjüngt. Nachdem er selbst zu Jahren gekommen, wollte er zu seinem eigenen Vorteile von diesem Geheimmittel Gebrauch machen. Er ließ sich, als es mit ihm zu Ende ging, von einigen gekauften Mohren schnell in Stücke zerhauen, die Stücke in eine Glasflasche füllen und diese in den Pferdemist setzen. Auf der Folter jedoch gestanden die Mohren, leider zu früh, was sie gethan hatten, und als man nachgrub, fand man das Glas und darin ein bereits ganz wohlgestaltetes Kind. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch I., S. 121.) Nach Mannhardts Mythen (S. 66.) wurden der polnische Räuber Twardowsky und der ungarische Eisenlaci zerhauen und mit gekochten Heilkräutern begossen; nach sieben Monaten gewannen ihre Leichname wieder Kinder- oder Jünglingsgestalt. Auch der Arzt und Wunderdoktor Theophrast befahl vor seinem nahen Tode dem Diener, daß er seine Leiche in kleine Stücke zerschnitten in eine eherne Truhe lege und mit einem gewissen Pulver bestreuen solle. Nach 9 Monaten solle er die Truhe wieder öffnen. Der Diener öffnete sie aber bereits nach 7 Monaten und fand ein noch nicht völlig entwickeltes Kind, das sich krümmte und vom Zutritte der kalten Luft starb. (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 672.)
277. ~Dr.~ Faust's Höllenzwang.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 128.)
~Dr.~ Faust's Höllenzwang nennt die Sage ein Buch, in welchem die Kunst gelehrt wird, Geister zu citieren, ja selbst den Teufel sich dienstbar zu machen. Dieses Buch haben schon viele Freunde der schwarzen Kunst vergeblich gesucht, indem sie den Dornstrauch nicht wissen, unter dem es hinter dem Chemnitzer Schlosse, am Wege nach dem Küchwald, vergraben sein soll.
278. Orte, wo keine Sperlinge vorkommen.
(Köhler, Volksbrauch etc., S. 552, Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 7. Jahrg., S. 132.)
In dem nur aus wenigen Häusern bestehenden Lauterholz bei Lauterhof und Stangengrün soll man keine Sperlinge finden. Man hat sie schon in Nestern dorthin verpflanzen wollen, aber sie sind nicht geblieben. Dasselbe erzählt man von Karlsfeld, wohin man Sperlinge aus Eibenstock brachte, ohne daß sie geblieben sind. Es wird erzählt, daß diese Vögel von Zigeunern weggebracht worden seien.
Als in früheren Zeiten zur Thomasmühle bei Falkenau noch ausgedehnte Felder gehörten, wurden dieselben sehr von Sperlingen besucht, welche an den Saaten bedeutenden Schaden anrichteten. Da kam eines Tages eine alte Zigeunerin, welche den Müller um ein Almosen anflehte. Der Müller bot ihr eine gute Belohnung an, wenn sie die lästigen Gäste vertreiben könnte. Da sprach sie über die Sperlinge einen Spruch und von jener Zeit an waren auf den Feldern der Thomasmühle und auch in dem benachbarten Hillemühl keine Sperlinge mehr zu sehen. Erst, nachdem 1867 die Bahn gebaut wurde, haben sich etliche in Hillemühl angesiedelt. Die Thomasmühle aber fliehen sie noch heute.
In Fürstenwalde bat ein Soldat in einem Hause um etwas zu essen. Der geizige Hauswirt aber erwiderte: »Da geben wir's lieber den Spatzen, als euch.« Der erzürnte Soldat antwortete: »Ihr werdet den Spatzen nicht mehr viel geben.« Er hat darauf die Sperlinge verwünscht und seit dieser Zeit sind sie in Fürstenwalde nicht mehr zu finden.
Daß die Sperlinge von Zigeunern, welche von den Bewohnern freundlich aufgenommen wurden, verbannt worden sind, erzählt die Sage auch von dem Dorfe Sora bei Bautzen. (Haupt, Sagenbuch d. L. I., No. 246.) In Böhmen giebt es noch verschiedene Orte, an denen sich keine Sperlinge aufhalten, weil sie daselbst verbannt wurden. Nach einem dortigen Volksglauben kann man sie von den Feldern verscheuchen, wenn man einen Span von dem Holze, woraus ein Tischler einen Sarg angefertigt hat, in's Getreide steckt. (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche in Böhmen und Mähren, S. 73.) Aus dem Erzgebirge ist mir noch Neudörfel bei Schneeberg bekannt, von dem ebenfalls erzählt wird, daß daselbst keine Sperlinge nisten; die Sage meldet jedoch nichts davon, daß hier die Sperlinge durch Zigeuner weggebannt worden seien. Alle Orte ohne Sperlinge liegen oder lagen fast ganz von Wald umschlossen, so daß in ihrer Nähe Raubvögel einen sichern Schutz finden; ebenso tritt in der Nähe kleiner Walddörfer der Ackerbau zurück und es fehlen demnach daselbst Körnerfrüchte und Insekten, denen unsere Vögel nachgehen; ist es doch nachgewiesen, daß die Sperlinge überall dem Ackerbau gefolgt sind.
Von Interesse erscheint es, aus den mitgeteilten Sagen zu erfahren, daß das Volk das Fehlen der Sperlinge für eine Wohlthat ansieht; nur in der letzten Sage wird dasselbe als eine Strafe dargestellt. Sollte damit auch zugleich ausgesprochen werden, daß in Fürstenwalde der Ackerbau zurückgegangen sei?
279. Ein Herr von Arnim kann das Feuer versprechen.
(Gräße, Sagenschatz des K. S., No. 619.)
Südwestlich von Zwickau liegt das Dorf Planitz, welches der Familie von Arnim gehört. Ein früherer Herr von Arnim konnte das Feuer segnen. Wenn irgendwo viele Meilen in der Runde eine Feuersbrunst war, holte man ihn oder er eilte selbst hin, ritt um das brennende Haus herum, sprach seinen Segen und augenblicklich verlöschte die Brunst.
280. Wie das Feuer gebannt wird.
(Jugenderinnerung eines gebornen Nosseners.)
Vor hundert Jahren lebte in der Umgegend von Nossen ein Rittergutsbesitzer, der konnte das Feuer bannen. War irgendwo ein Brand ausgebrochen, so kam er eilends angeritten, jagte dreimal unter geheimnisvollem Murmeln um das Feuer herum, dann schnell wieder fort und über ein fließendes Wasser, worauf das Feuer erlosch. Wäre er nicht über ein Wasser geritten, so würde das Feuer ihn verbrannt haben.
Zur Zeit, als die Leute ihr Brot noch selbst einteigten, pflegte man in der Nossener Gegend bei ausgebrochenem Feuer den Backtrog vor's Haus zu tragen und nach dem Feuer gerichtet an das Haus anzulehnen. Dann wendete sich der Wind vom Hause ab. Auch schaffte man beim Retten niemals zuerst die Betten aus dem Hause, sondern irgend etwas anderes, da sonst die Kräfte gelähmt wurden.
VI.
Sagen von Schätzen.