Part 24
Vor vielen Jahren ward zu Geyer ein Totengräber gefangen genommen und in einen Turm gesetzt, so daß er mit den Füßen die Erde nicht hat berühren können. Man glaubte nämlich früher, daß Zauberer und Hexen, wenn sie die Erde nicht mehr berühren könnten, unschädlich würden, und sperrte sie daher oft in eiserne Käfige ein. Der genannte Totengräber hatte seine Frau ermordet, ihren Mund mit schwarzen Beeren angestrichen, als sei sie an der Pest gestorben, alsdann ihr den Kopf abgeschnitten, das Herz aus der Brust genommen, verbrannt, solches auf die Straße ausgestreut und wer darüber gegangen, ist gestorben. Seines Kindes Kopf hat er an die Feuermauer gehängt; so viele Tropfen Blutes von ihm gefallen, so viele Menschen sind gestorben. Dann hat er die sterbenden Leute aufs Gesicht gelegt und ihr Sterben hat kein Ende genommen. Drei Ruten hat dieser Mann ausgesteckt, eine nach Annaberg, die andere nach Schweinitz, die dritte nach Alterle (Elterlein?). Zuletzt hat er erzählt, wie viel Glück er mit seiner Kunst in großen Städten gemacht habe. Er meinte, wenn er nur die Erde oder einen Kreuzweg oder eine Dachtraufe erreichen könnte, so wollte er sich schon die Freiheit verschaffen.
Blutstropfen sind Symbole für die Seele. Drei frische, auf die Hand fallende Blutstropfen zeigen einer Mutter den Tod ihres gemordeten Kindes an. (Grimm, Deutsche Sagen, No. 353.)
Jacob Grimm bemerkt (Deutsche Myth., S. 607), daß früher der Glaube verbreitet gewesen sei, eine Hexe könne sich verwandeln, sobald sie die Erde berühre. Eine Frau in Zittau, welche als Hexe galt, wurde, damit sie die Erde nicht berühre, im Stockhause frei aufgehängt. Ähnliches geschah 1678 in Bautzen mit einem Räuber und Mörder, der den Teufel hatte. (Pescheck, Gesch. v. Zittau, II. S. 746.)
256. Pestzauberei.
(Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 987.)
Im Jahre 1680 wurde zu Geyer der Totengräber wegen Zauberei auf dem Gottesacker gefänglich eingezogen. Denn man hatte ihn auf den Markt gehen und aus einer Schachtel etwas ausstreuen sehen. Als darauf allerhand Beweismittel gesucht wurden, ihn seiner Bosheit zu überführen, so fand man unter anderen, daß er sein eigen Weib wieder ausgegraben, ihr Augen, Nase und Zunge ausgeschnitten und zu Pulver gebrannt und dieses Pulver auf die Gasse gestreuet hatte. Er erhielt dafür den Staupenschlag und wurde des Landes verwiesen.
Im Jahre 1614 hatte ein Totengräber zu Wolkenstein einer Pestleiche den Kopf im Grabe abgestoßen, diesen in seiner Stube an einer Schnur in des Teufels Namen aufgehängt, darein Hefen, Bier und Blut von Verstorbenen, sowie Milch aus der Pestleichen Brüsten gegossen und darnach eingeheizt. So viel Tropfen nun aus dem schwitzenden Hirnschädel gefallen, so viel Pestleichen hat er denselben Tag gehabt. Dieser Pestzauberer hatte auch zweierlei Pulver, ein gutes wider die Pest, und ein ansteckendes, so er aus einer Pestdrüse gemacht. Wegen solcher schrecklichen Unthaten ist er verbrannt worden.
Im Jahre 1623 hauste die Pest in Gottesgab, welches Städtchen halb ausstarb. Der Totengräber kam in den Verdacht, daß er diese Seuche mit bösen Mitteln verursacht habe. Hans Leonhardt, ein verwegener Mühlknecht, welcher kürzlich erst aus dem Kriege gekommen war, wagte sich hinein in des Totengräbers Häuslein und fand einen Totenkopf über dem Ofen hängen, darüber er sich erboste, und er hieb den Totengräber samt dem Weibe krumm und lahm, holte Feuer und brannte das Spital gar weg, daraus zwar die tötlich Gehauenen gekrochen, aber dennoch an ihren Wunden gestorben sind.
Im Jahre 1633 hatte eine gewisse Pittelia samt ihrer Tochter zu Abertham die Pest durch Zaubermittel vermehren helfen. Bei der Marter bekannte sie, daß sie eine Bürste neben einer Leiche ins Grab geworfen habe; man müsse dieselbe wieder herausnehmen, wo nicht, müsse ganz Abertham aussterben, da schon 26 Personen gestorben waren. Es hat sich mit der Bürste auch also befunden, und wurde diese Pestzauberin am 18. November genannten Jahres in Joachimsthal an einem Pfahle mit dem Strange erwürgt, ihre Tochter von 13 Jahren enthauptet, beide Körper verbrannt, der Sohn aber des Landes verwiesen.
257. Die Zauberelse zu Zwickau.
(Tob. Schmidt, ~Chron. Cygn.~ II., S. 374. Gräße, a. a. O., No. 550.)
Im Jahre 1557 den 22. Mai ist zu Zwickau die alte Zauberelse gefänglich eingezogen worden. Die hatte den Leuten Tränke gesotten, den Mägden Kinder abgetrieben, auch vielen Menschen in ihren Gliedmaßen, Armen, Beinen, Fingern, Brüsten und in die Fersen »gefärtigt«, auch viele andere Zauberei mehr getrieben. Sie hatte auch einem Maler zu Glauchau Gift beigebracht, daß er gestorben. So hatte sie auch leiblich mit dem bösen Feind gebuhlt und eine lange Zeit mit ihm zugehalten, der ihr auch Geld gebracht, bisweilen 2 und 3, bisweilen auch 4 Thaler, mehr aber nie. Da man sie gefragt, wie er aussehe, hat sie geantwortet, er wäre ein alter grauer, häßlicher Teufel. Dieser böse Geist ist auf der Gasse oftmals mit ihr gegangen, doch, sprach sie, es hat ihn niemand als sie sehen können. Als sie gefangen gesessen, ist er oftmals zu ihr vor's Gefängnis und an das vergitterte Fenster gekommen und hat sie gefragt, was sie mache, ob sie heraus wolle, er wolle ihr helfen. Sie hat aber geantwortet, sie wolle gern hinaus, aber sie habe noch ihre Seele zu bedenken. Auf diese Rede ist er davon geschieden, sie aber hat gesessen bis zum 18. Juni, da hat sie wegen vielfälliger Zauberei ihre Strafe empfangen und ist am Galgen verbrannt worden.
Jacob Grimm weist (Deutsche Myth., S. 599) darauf hin, daß, nachdem die heidnischen Vorstellungen von einer Verbindung der Helden mit Schwanenfrauen und Elbinnen verdrängt worden seien, der Glaube an einen geschlechtlichen Verkehr des Teufels mit Hexen, durch welchen das geschlossene Bündnis besiegelt und dem Teufel freie Macht über die Zauberinnen verliehen ward, Platz greifen konnte.
258. Das Zauberbuch und die gespenstischen Krähen.
(Mitgeteilt vom Sem. Osw. Hübner aus Bernsbach.)
Eine alte Frau in Bernsbach, die selbst schon Großmutter war, erzählte, daß ihr Großvater einst einen alten Freund, der Gasthofsbesitzer in einem andern Orte war, besucht habe. Da gerade Heuernte gewesen, sei der Wirt mit allen seinen Leuten auf die Wiese gegangen, so daß nur sein alter Freund in dem Gasthofe zurückblieb. Dieser erhielt den Auftrag, Bier zu verschänken, wenn Gäste kämen. Als er nun allein gewesen, hätte er ein Buch aus einem Schranke genommen und sich mit Lesen darin vertieft. Auf einmal wäre eine Krähe an das Fenster gekommen, und bald darauf wären noch mehrere gefolgt, welche sich sämtlich vor der Hausthüre niedergelassen hätten. Auf einmal wäre aber der Wirt atemlos in das Haus gestürzt gekommen, hätte dem sonst sehr lieben Freunde eine Ohrfeige gegeben, das Buch weggenommen und die Worte gesprochen: »Wäre ich nicht gekommen, so wärest Du in einer Viertelstunde tot gewesen, denn die Krähen hätten Dich umgebracht!«
Daran ist bloß das Lesen in dem geheimnisvollen Buche schuld gewesen.
Die Raben, an deren Stelle bei uns im Glauben des Volkes auch die Krähen und Dohlen getreten sind, gelten als Teufelsvögel, deren Erscheinen gewöhnlich Unglück und insbesondere einen Todesfall verkündet. Nach einem slavischen Aberglauben sind überhaupt Vögel die Seelen Verstorbener; Raben und Krähen gelten als die Seelen Verdammter. Nach Aargauer Sagen entschweben die Seelen der Erlösten in Gestalt von Tauben, die von Verwünschten und Erhängten dagegen verwandeln sich in Raben. (Rochholz, a. a. O. I., S. 156.) Auf dem Kirchhofe zu Scherpenheuvel wurden die Nahewohnenden nach dem Begräbnisse eines Mannes, der ein schlechte Leben geführt hatte, durch das Geschrei eines Raben in ihrer nächtlichen Ruhe gestört. (Nork, a. a. O., S. 275.)
Wie unter dem Einflusse der christlichen Bekehrer die alten heidnischen Gottheiten zu dämonischen und teuflischen Gestalten wurden, so auch die ihnen einst geheiligten Tiere. Auf den Schultern Odhins saßen zwei Raben, »Hugin und Munin«, d. h. Gedanke und Erinnerung, welche jeden Tag durch die Welt flogen und dann dem Gotte Nachrichten ins Ohr raunten. In Erinnerung an diese einst dem Gotte beigegebenen Vögel erzählt die Sage, daß der Kaiser Friedrich Barbarossa, auf dessen Gestalt, ebenso wie auf die anderer beliebter Helden, Odhin übertragen wurde, im Kyffhäuser einen Hirten frug, ob noch die Raben um den Berg flögen. Nach einer lausitzischen Sage dagegen wurde der wilde Jäger, d. i. Odhin, in einen Nachtraben verwandelt.
259. Die unheimlichen Gäste in Werda.
(Köhler, Volksbrauch im Vogtlande, S. 537.)
In dem Dorfe Werda bei Falkenstein lebte ein junger Mann, der saß an einem Sonntagabende im Winter ganz allein zu Hause und hatte ein Buch aus einem alten Schranke zur Hand genommen, um darin zu lesen. In dem Buche aber waren verschiedene Zeichen und Figuren, die er sich nicht sogleich ausdeuten konnte. Deshalb zog er die Lampe näher an sich heran, um besser sehen zu können. Als er nun so eine Weile im Lesen und Ausdeuten vertieft ist, blickt er zufällig in die Höhe, fährt aber wieder erschrocken zurück, denn zu dem kleinen Schiebefenster herein sieht ein rabenschwarzer Mann mit grinsendem Gesichte. Der Bursche fragt nach dem Begehr, erhält aber keine Antwort. Nachdem er sich vom Schreck etwas erholt hatte, las er ruhig weiter und war bemüht, die Figuren ordentlich zu deuten. Er sah sich wieder um und wurde zu seinem Schrecken gewahr, daß zu jedem Fenster ein schwarzer unheimlicher Gast hereinsah. Dabei war er auf seinem Sitze wie festgebannt und konnte fast kein Glied mehr regen. Jetzt wollte er das Buch zumachen, denn es flimmerte und tanzte ihm alles vor den Augen. Aber wie von einer unsichtbaren Macht gefesselt, konnte er seinen Blick nicht von dem Buche abwenden und er fing wieder an zu lesen. Plötzlich aber entstand im Hause ein groß Getöse und Gepolter, die Thüre flog auf und ein langer schwarzer Mann kam herein und blieb in der Mitte der Stube stehen. Der Lesende fragte zum zweiten Male, was sein Begehr sei, erhielt aber wieder keine Antwort. Dabei mußte er in dem Buche immer weiter lesen, und es dauerte gar nicht lange, so ging das Gepolter von neuem los und eine zweite schwarze Gestalt trat in die Stube und stellte sich neben die erste hin. Ohne von seinem Buche aufzusehen, las der Bursche fort. Jetzt aber that es einen Schlag, daß das ganze Haus in seinen Grundfesten erschüttert wurde, Fenster und Thüren sprangen auf, ein blitzähnlicher Schein fuhr durch die Stube und eine dritte Gestalt, länger als die beiden ersten und wild von Aussehen, trat nun in Begleitung von allerhand Tieren, als Raben, Eulen und Elstern, in die Stube und stellte sich nun zwischen die beiden ersten hinein. Jetzt wurde es unserm Geisterbeschwörer himmelangst und er rief aus vollem Halse nach Hülfe. Es dauerte aber lange, ehe die gewünschte Hülfe kam. Endlich kam der Bruder des Burschen mit noch einigen Nachbarssöhnen nach Hause, und diese sahen nun, was vorgefallen war. Der Sohn des Wirtes, der auch mit hinzugekommen war, lief sogleich zum Pastor, welcher auch erschien, aber dessen Kraft zu schwach war, die Geister wieder zu bannen. Er gab den guten Rat, es solle doch gleich einer nach Theuma zum Pater reiten, der könne Hülfe schaffen. Ohne sich lange zu besinnen, ritt der Sohn des Wirtes nach Theuma und erzählte daselbst dem Pater, was vorgefallen war. Der Pater ließ sich auch bewegen mitzukommen. Da er ankam, war bereits das halbe Dorf vor dem Hause versammelt, und sogleich begann er seine Beschwörungen. Es dauerte auch nicht lange, so entfernten sich die ungebetenen Gäste, nur der letzte hielt noch stand und wollte nicht weichen. Als aber der Theumaische Pater ein großes Buch hervorzog, entfloh er unter fürchterlichem Gebraus durch den Schornstein und ließ einen Schwefelgeruch zurück. Das Buch aber, welches der Bursche gebraucht hatte, nahm der Pater mit und ermahnte noch den jungen Mann, solche Sachen fernerhin zu lassen und nichts zu unternehmen, was er nicht verstehe.
Das Buch, in welchem der Bursche las, ist Faust's Höllenzwang, von dem uns der Volksmund erzählt. Ähnlich wie dem jungen Manne in Werda erging es den Buben eines Wunderdoktors in Schumburg, die in Abwesenheit ihres Vaters dies geheimnisvolle Buch aus einem Schranke nahmen und darin lasen, worauf eine Menge von teuflischen Vögeln ins Zimmer kam. (Grohmann, Sagen aus Böhmen und Mähren I., S. 315.) Ein alter Mann in Eichelborn in Thüringen hatte große Kenntnisse in geheimen Künsten. Einst las er abends in einem großen Buche, während ein Knabe bei ihm in der Stube war. Da wurde er hinausgerufen. Der Knabe las trotz des Verbotes in dem Buche, und da kamen viele Raben, welche von außen an das Fenster pochten. Auf das ängstliche Geschrei des Knaben kam der Alte zurück, gab dem Ungehorsamen eine derbe Ohrfeige und las in dem Buche schnell einige Worte; siehe, sofort verschwanden die Raben nieder. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No. 3.) Dieselbe Sage findet sich auch bei den Lausitzer Wenden. Als ein Bauer, welcher am Schloßberge zu Burg in der Nieder-Lausitz wohnte und der im Besitze eines »Charakters« war, einmal auf dem Felde arbeitete, suchte daheim sein Sohn das Zauberbuch hervor. Beim Lesen desselben kamen ebenfalls Hasen, Krähen und andere Vögel zu Thür und Fenster herein. Der Vater, von Unruhe und Angst getrieben, lief eilig nach Hause und sahe, was der Sohn angerichtet hatte. Da nahm er das Buch zur Hand und las alle Stellen, welche der Sohn gelesen hatte, rückwärts; da verschwanden die Ungetüme wieder. (Veckenstedt, Wendische Sagen, 1880, S. 273.)
260. Die Hexen zu Schellenberg.
(v. Weber, Aus vier Jahrhunderten, I. S. 371. Darnach bei Gräße a. a. O., No. 552.)
Im Jahre 1529 sind zu Schellenberg im alten Schloß, welches an der Stelle der vom Kurfürst August erbauten Augustusburg stand, die beiden Hexen, die alte und junge Rodin, weil sie mehrmals zu Schönerstedt auf dem Hexensabbath gewesen, Diebsdaumen verkauft, untreue Männer durch Zaubermittel zu ihren Frauen zurückführen gelehrt, Hexensalben gesotten und Abwesende citiert, gefoltert und dann wahrscheinlich hingerichtet worden.
261. Wann die Hexen ins Erzgebirge kamen.
(Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 908.)
Im Jahre 1080 war Böhmen voller Zauberer, Hexen, Wahrsager und Beschwörer, wider welche Herzog Ulrich inquirierte und 107 in einem Jahre hinrichten ließ. Die andern zerstreuten sich in Mähren und unser Gebirge. Um Klostergrab und Ossegg behexten sie die Leute, daß sie erkrankten, besonders die Schwangern.
Im böhmischen Erzgebirge stellt man sich die Hexe in Gestalt eines hämischen, boshaften, alten Weibes vor, das im Bunde mit dem Teufel steht, auf Ofengabeln, Schürhaken oder Besen durch den Schlott fährt und durch die Luft reitet, den Brand ins Getreide legt, die Kühe verhext, daß sie keine oder rote Milch geben, die Kinder in der Wiege mit Wechselbälgen vertauscht und ähnlichen Unfug treibt. Ihre Macht über den Menschen und über alles, was ihm lieb ist, soll in der Walpurgisnacht am stärksten sein. (Joseph Fritsch in der Erzgebirgs-Zeitung, 4. Jahrg., S. 101.)
262. Das Hexenloch bei Joachimsthal.
(Nach Wenisch, a. a. O., S. 40.)
Nicht weit von der Johanneskapelle bei Joachimsthal zeigte man auf einem Feldraine das gegenwärtig durch einen Steinhaufen verdeckte »Hexenloch«. Die Sage erzählt von demselben, daß sich hier Hexen aufhalten. In der Walpurgisnacht führen sie ihre Tänze auf, essen und trinken und spielen um die Seelen von Selbstmördern Karten. Zum Schutze gegen ihr Eindringen in die Wohnungen werden von vielen Leuten am Walpurgisabende mit geweihter Kreide oder Kohle drei Kreuze an die Thüren gemacht.
263. Mittel gegen Zauberei.
(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 900.)
Zwei junge Eheleute in Pöhl waren von einer rachgierigen Dorfhexe so verzaubert, daß sie einander spinnefeind wurden und eines das andere ein ganzes Jahr lang nicht ansehen konnte. Endlich krochen sie beide durch sogenannte Schleifbrämen, das sind Brom- oder Kratzbeerzweige, welche einen Bogen geworfen und wieder in die Erde gewurzelt. Damit ist ihnen geholfen worden.
264. Eine Hexe wird erkannt.
(Lehmann, a. a. O., S. 908.)
Zu Arnsfeld bei Wolkenstein wurde eines Mannes Vieh bezaubert, daß es Blut gab. Da die Magd melken wollte, merkte sie das lose Stück, nahm ein Seihtuch, stach's voller Nadeln und kochte es im Ofen. Darauf kam der Nachbarin Mann gelaufen und begehrte Citronenschalen. Dieselben wurden ihm abgeschlagen, denn der Magd war es verboten worden, das geringste zu geben. Da kam der Mann wieder und bot etliche Hühnchen zum Verkaufe an; aber auch jetzt wurde er abgewiesen. Er kam zum dritten Male und verlangte nur eine Birne vom Baume im Garten; doch erlangte er nichts. Endlich kam er und bekannte, daß seine Frau brennende höllische Schmerzen habe und bat, so sie etwas gebraucht, es weg zu thun. Damit wurde es offenbar und mußte der Mann mit Weib und Kind davonlaufen.
H. Heine erzählt in seinen Sagen, Märchen und Bildern aus dem Harze (No. 79), daß einst eine Hexe, welche Milch verzaubert hatte, jämmerlich verbrüht und zerstochen wurde, als der Wirt, gegen den die Zauberei gerichtet war, die Milch kochte und dann mit einer Gabel in der kochenden Milch herum fuhr.
265. Die Hexen am Walpurgisabende.
(Spieß, Aberglaube etc. im Erzgeb., Progr., S. 13; z. T. mündlich.)
Am Walpurgisabende, dem Abende vor dem 1. Mai, zünden überall im Erzgebirge Knaben auf hochgelegenen Punkten Besen an und springen damit herum; es wird geschossen, geschrieen, mit Peitschen geknallt und mit Bretern zusammengeschlagen, um ein rechtes Getöse hervorzurufen. Dies geschieht, um den Hexentanz darzustellen, oder, wie allgemeiner behauptet wird, um die zum Blocksberg ziehenden Hexen zu vertreiben. Am Walpurgisabende ziehen auch die Hexen ein, und man muß daher Besen oder landwirtschaftliche Geräte vor die Stallthüre legen, um sie abzuhalten. In Neustädtel erzählt man: Als Karl der Große die alten Sachsen vom Brocken oder Blocksberg jagen wollte, kamen die Hexen und allerhand Gespenster mit glühenden Besen und auf Ziegenböcken geritten, um ihn zu vertreiben.
Walpurgis, welche in der Mitte des 8. Jahrhunderts lebte und eine Tochter des Königs Richard von England war, wurde später heilig gesprochen und als Beschützerin gegen den Bosheitszauber verehrt. Die angezündeten Feuer sind die Opferflammen für die Frühlingsgöttin Ostara; das Umherspringen ist ein Rest der alten religiösen Tänze; die Hexen, welche in der Walpurgisnacht eine so große Rolle spielen, sind die weisen Frauen, welche Kräuter kochten und, mit dem Priesteramt bekleidet, als »Alrunen« in dem germanischen Götterkultus auftreten. Sie versammeln sich in der ersten Mainacht auf dem Hörsel- und Inselberge in Thüringen, auf dem Stoffelsteine bei Bamberg und an vielen anderen Orten, besonders aber auf dem Blocksberge im Harz. In Schweden war ihr Sammelplatz die kleine Felseninsel Blakulla, zwischen Oeland und Smaland gelegen; dorthin reisten sie aber am grünen Donnerstage. Die Böcke, mit denen nach unserer Sage die Hexen nach dem Blocksberge ziehen, sind die Opfertiere.
Vor dem Eintreten der Hexen schützen drei Kreuze an der Stallthüre oder die Buchstaben ~C. M. B.~ (Kaspar, Melchior, Balthasar, nach der Legende die Namen der heiligen drei Könige); oder man legt einen alten Besen oder ein Stück frischen Rasen vor die Thürschwellen.
Es mag schließlich noch darauf hingewiesen werden, daß der Glaube an Hexen in den indischen ~Çâkinî~, ~Dâkinî~ und ~Yeginî~, welche kraft mythischer Zaubersprüche des Nachts durch die Lüfte reiten und ihre Tänze abhalten, eine Parallele findet. Es ist demnach die Vorstellung von weiblichen Unholden bereits der indogermanischen Urzeit eigen, und so mag vielleicht unserm Worte »Hexe« die Wurzel, ~çak~, mächtig sein, zu Grunde liegen. (Fr. Hirsch, Gesch. der Deutsch. Litteratur, I., S. 6.)
266. Der wunderliche Katzentanz.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 507.)
Am 1. Mai des Jahres 1726 ist ein gewisser zuverlässiger Mann im Erzgebirge von einem Orte zum andern gereist und am Abend bei düsterer Witterung bei einem Walde vorbeipassiert, da denn er sowie sein Begleiter, den er bei sich hatte, ein dem Anschein nach in einem Hause scheinendes Licht bemerkt, welchem beide in der Hoffnung, eine Herberge zu finden, zugelaufen. Nachdem sie aber näher und näher gekommen, hören sie eine zum Tanz gehende Musik, und der eine von ihnen geht aus Neugierde ans Fenster und wird durch selbiges gewahr, daß eine große Anzahl Katzen darin zu finden, davon etliche musicieren und die andern darnach tanzen. Sein Begleiter beschließt nun, in das Haus hineinzugehen, wird aber von dem andern davon abgehalten, und jetzt nimmt einer von ihnen wahr, daß seine große Hauskatze ebenfalls dabei anzutreffen. Aus Entsetzen gehen beide fort und kommen in spätester Nacht nach Hause. Als nun des andern Tags zu Mittag sich die große Hauskatze bei der Mahlzeit in der Stube einfindet, spricht ihr Hausherr, sie anschauend: »Nun, Du machtest Dich gestern Abend auch sehr lustig!« Da springt ihm alsbald der alte Kater auf den Hals und kratzt ihn in den Kopf und das Gesicht, hätte ihn auch sicherlich getötet, wofern nicht das Hausgesinde herzugelaufen und mit Schlägen und Schreien diesen verteufelten Feind abgetrieben.
Diese Sage hat viel Ähnlichkeit mit der vom sogenannten Katzenberge zwischen Leipzig und Merseburg. Um die Mitte des 16. Jahrh. ist nämlich ein Bischof von Merseburg, namens Michael, ein großer Katzenfreund gewesen und hat eine große schwarze Katze besessen. Dieser Bischof ist einst nach Leipzig gereist und hat auf dem oben genannten Hügel, der nachher davon seinen Namen bekam, eine ganze Katzengesellschaft angetroffen. Er rief derselben im Scherze zu: »Ihr Katzen, seid ihr alle beisammen?« Da hat eine geantwortet: »Es mangelt keine, ausgenommen Bischof Michael seine Katze.« Bei seiner Rückkehr erzählte er seiner Katze die wunderliche Begebenheit und fragte zugleich, warum sie den andern Katzen nicht Gesellschaft geleistet? Alsbald fuhr die Katze zum Fenster hinaus und ist nicht mehr gesehen worden.
Katzen sind Hexentiere, sie bilden entweder das Gespann der Hexen, oder diese nehmen die Gestalt jener Tiere an.