Part 23
Der wilde Graf Iso von Isenburg saß noch in mitternächtiger Stunde in seiner Burg beim Weinkrug. Er langweilte sich und meinte, wenn er nur einen Genossen hätte, derselbe könnte selbst der Teufel sein. Da erschien der Teufel und forderte den Grafen zum Würfelspiel auf. Dem kam diese Aufforderung gerade recht; denn das Würfelspiel liebte und trieb er leidenschaftlich. Mancher Wurf ward gemacht, doch der Graf verlor fortwährend und hatte schon alle seine Knechte und Mägde und zuletzt sich selbst verspielt. Da gelüstete es dem Teufel nach Isa, der einzigen Tochter des Grafen. Dieser liebte aber seine Tochter über alles und hätte für sie sein Leben jederzeit geopfert; denn sie war in seinem rohen und wüsten Leben der einzige Stern, zu dem er mit aufrichtiger Ehrfurcht emporblickte. Ihre Schönheit und sittliche Reinheit hatte schon manchen Rittersmann bezaubert, doch nur dem edlen Kuno von Stein hatte sie ihre Liebe mit jungfräulicher Schüchternheit erwidert. Der Graf wollte seine geliebte Tochter Isa nicht auf den Wurf setzen. Doch der Teufel bot ihm die Freiheit für sich und seine Knechte und Mägde und noch so viel Geld, als er mit seinem gewaltigen Streitrosse wiege, wenn er gewönne. Der Graf zögerte trotz der Versprechung und wollte den verhängnisvollen Wurf nicht thun. Der Teufel drängte, denn in kurzer Zeit war die Mitternachtsstunde vorüber und seine Macht zu Ende. Da that der Graf einen gewaltigen Zug aus seinem Humpen, ergriff die beiden Würfel und warf -- jubelnd sprang er auf -- er hatte 12 geworfen. Unter Hohngelächter forderte er den Teufel auf, mehr zu werfen. »Soll geschehen!« sprach dieser, schüttelte die Würfel und mit einem gewaltigen Donnerschlag rollten diese auf den eichenen Tisch und zeigten -- 13. Da riß der Graf in furchtbarem Zorn sein Schwert heraus und wollte den betrügerischen Teufel erwürgen. Doch dieser hauchte seinen schwefeligen Odem aus -- und kraftlos sank der Graf auf seinen Stuhl zurück. »Wehe, wehe! Niemals sollst Du meinen Engel, meine Isa haben!« murmelte der zerknirschte Graf und sah mit ängstlich stierem Blick auf seinen schrecklichen Spielgesellen. Da schien der Teufel Erbarmen zu fühlen und machte dem Grafen den Vorschlag, er solle seine Isa entweder seinem Todfeinde Riedhard von Eisenbrück zum Weibe, oder dem Kloster Grünhain als Nonne übergeben. Der Graf war aufs tiefste empört und wollte nichts von dem Vorschlage wissen; denn der fürchterliche Riedhard war ihm ebenso verhaßt, wie seiner lieben Isa das Lebendigbegrabensein hinter Klostermauern. Der Teufel drängte zur Entscheidung, da die Mitternachtsstunde zu Ende ging, und drohte, den Grafen mit sich fortzunehmen. Dieser gelobte, Isa dem Kloster zu übergeben. In einer blauen Wolke verschwand der Satan. Der Graf aber gedachte den Teufel zu betrügen und seine Isa dem Kloster wieder zu entführen. -- Die schweren Thore des Klosters Grünhain schlossen sich hinter der jammernden Isa. Weder die tröstenden Worte der Oberin, noch die freundlichen Zusprachen der Klosterschwestern vermochten die arme Isa zu beruhigen. Ein unbezwinglicher Gram zerstörte das blühende Leben. -- Nach einigen Monaten stand an der westlichen Klostermauer allabendlich im Dunkel eine vermummte Gestalt, die stets mit dem frühesten Morgengrauen wieder verschwand, während im Kloster ein einziges Fensterlein matt erleuchtet war. In der siebenten Nacht nach der Mitternachtsmesse durcheilte flüchtigen Laufs eine Nonne den baumreichen Klostergarten und gelangte mit Hülfe des Vermummten über die Mauer. Beide verschwanden im Dunkel und eilten dem nahen Walde zu. Als das Glöcklein zur Frühmesse rief, kam Schwester Barbara (das war der Klostername Isa's) nicht aus der Zelle -- sie war verschwunden. -- Alle Räume des Klosters wurden durchforscht, jedoch vergeblich. Da entsandte die Oberin Klosterknechte mit Spürhunden in die umliegenden Wälder, doch die Flüchtigen hatten einen großen Vorsprung nach dem dichtbewaldeten Gebirge zu gewonnen. Als am 3. Tage die Sonne sich neigen wollte, standen die Flüchtigen auf einer hohen Felswand, an deren Fuß das Schwarzwasser rauschte. Da verkündete Hundegebell die Nähe der Verfolger und zwischen den uralten Fichtenstämmen zeigten sich die Klosterknechte. Schon sind die Hunde heran, die Fliehenden hören den Zuruf der Klosterknechte -- da ertönt ein markdurchdringender Schrei -- der jähe Sprung in die schauerliche Tiefe erfolgt. -- Hunde und Häscher finden weder in den Wellen noch im Walde eine Spur der Flüchtigen. Der Felsen bedeckte sich mit schwefeligem Gelb und wird heute noch der Nonnenfelsen genannt.
Der um einen Einsatz mit dem Menschen würfelnde Teufel kommt in mehreren Sagen vor. Nach einer Lausitzer Sage (Haupt, a. a. O., No. 103), wird jedoch dabei der Teufel, welcher 6 Augen warf, betrogen, da sein Gegner ein Auge mehr hatte; eins war nämlich beim Werfen herausgesprungen und lag neben dem Würfel.
252. Das Berggebäude »Turmhof« bei Freiberg.
(Gießler, Sächs. Volkssagen. Stolpen o. J., S. 282.)
Hinter dem Gute Turmhof vor der Stadt Freiberg bemerkt man die Überbleibsel eines ehemaligen bedeutenden Bergbaues. Dort war vor mehr als drei Jahrhunderten das Berggebäude »Turmhof« gangbar, welches zu den hervorragendsten der damaligen Zeit gehörte und in seinen Anfängen vielleicht bis in die Zeit der Gründung Freibergs zurückreichte. Wie aber alles in der Welt der Vergänglichkeit zum Opfer fällt, so waren auch die Tage dieser Grube gezählt, denn schon vor Jahrhunderten kam sie zum Erliegen, wie manche ihrer Genossinnen, und die Ausbeute der Gewerken verwandelte sich in Zubuße. Wodurch nun der Turmhof zum Erliegen gekommen, darüber giebt folgende Sage Aufschluß.
Eine wichtige Person bei der Grube war der Kunststeiger Heinrich; er verstand das Maschinenwesen seiner Zeit wie keiner, das aber wußte er auch und ließ sich deshalb von niemand in sein Fach hineinreden, nicht einmal vom Obersteiger, der doch sein Vorgesetzter war. Deshalb gab es auch mancherlei Zwiespalt zwischen den beiden, und mit der Zeit hatte sich eine Feindschaft herausgebildet, die namentlich dem Obersteiger seine Stellung sehr verleidete. Der Kunststeiger war bekannt und gefürchtet wegen seines abstoßenden Charakters. Neid, Habsucht, Rachetrieb, Streitsucht, namentlich beim Kartenspiel, dem er absonderlich zugethan war, und sonstige üble Eigenschaften hafteten an ihm und brachten ihn fortwährend in Händel mit seiner Umgebung. Auch erzählte man sich von ihm, daß er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen habe. Dieser Kunststeiger hatte nun einen Sohn mit Namen Veit, einen muntern, freundlichen und friedliebenden Jüngling mit bravem, rechtschaffenem Herzen, der ebenfalls dem Bergmannsstande angehörte und auf dem Turmhofe anfuhr. Sein Vater, obschon ein rauher und harter Mann, war ihm doch mit wahrhaft abgöttischer Liebe zugethan.
Auch der Obersteiger Gebhardt vom Turmhof hatte ein Kind und zwar ein vielumworbenes hübsches Töchterchen, welches Johanna hieß. Alle Bemühungen um ihre Hand wurden aber von Johanna zurückgewiesen, denn sie hatte sich bereits mit des Kunststeigers Sohn Veit heimlich verlobt, und wenn letzterer die ihm bereits verheißene Anstellung als Untersteiger erhalten haben würde, wollten sie Hochzeit machen, falls ihre Väter (die Mütter waren bereits gestorben) nichts dagegen hätten. Der Obersteiger erfuhr auch sehr bald aus dem Munde seiner Tochter, wie die Sache stand, und seine Bedenken wurden durch die Thränen und Bitten der Tochter und im Hinblick auf Veits bergmännische Tüchtigkeit und untadelhafte Aufführung endlich beseitigt.
Anders war es bei dem alten Kunststeiger. Derselbe grollte mit dem Obersteiger fort und trachtete darnach, demselben Schaden zuzufügen. Dazu sollte ihm das unlängst geschlossene Bündnis mit dem Teufel helfen. Für die Dienste, welche ihm letzterer zu gewähren versprochen hatte, sollte ihm der Kunststeiger Heinrich alljährlich die Seele eines Menschen liefern, und zwar sollte es jederzeit derjenige sein, welcher am letzten Tage des Jahres der letzte beim Ausfahren aus der Grube Turmhof wäre. -- Wieder war der letzte Tag des Jahres erschienen, an welchem nach dem Vertrage der Plan des bösen Kunststeigers zur Ausführung kommen mußte. Die Schichtzeit war abgelaufen, die Zeit zum Ausfahren gekommen. Die sämtliche Mannschaft befand sich auf der Fahrt; der Obersteiger war vom Kunststeiger durch irgend einen Vorwand in der Grube zurückgehalten worden. Jetzt kamen sie zum Schachte; da bestieg der Kunststeiger schnell die Fahrt und gab vor, dem Obersteiger beim Hinausfahren das Öffnen des Schachtdeckels ersparen zu wollen. So gelangte der Obersteiger als der letzte zum Ausfahren.
Der Himmel aber fügte es, daß der Kunststeiger dennoch eine falsche Rechnung gemacht hatte. Sein eigener Sohn Veit war, unbemerkt von ihm, noch in der Grube zurückgeblieben. So wurde dieser nun derjenige, der zuletzt zum Ausfahren kam; -- aber er hat das Tageslicht nicht mehr gesehen und keines Menschen Auge erblickte den Unglücklichen jemals wieder. Der Teufel lauerte seinem Opfer auf und stürzte es rücklings in die grausige Tiefe. Als der Kunststeiger seinen Feind, den Obersteiger Gebhardt, rüstig und ohne Fährlichkeit Sprosse um Sprosse hinter sich nachfahren sah, mochte er sich wohl wundern, daß der Satan sich nicht des letzteren bemächtigte. Mit Unwillen und Staunen bemerkte er, daß sein Widersacher unbeschädigt nach ihm die Schachtkaue betrat. Als er aber mit düster forschendem Blicke die Mannschaft überschaute, und unter ihr seinen Sohn Veit vermißte, da fiel es ihm wie Schuppen von den Augen; der Teufel hatte ihn um das liebste, für welches sein verknöchertes Herz noch Gefühl gehegt, betrogen. Bewußtlos sank er zusammen.
Die Abwesenheit Veits war bald bemerkt worden; man wunderte sich über sein Außenbleiben. Da erhob sich der endlich zum Bewußtsein gekommene Kunststeiger mit irrem Blicke. Hastig schrie er: »Ich will sehen, wo mein Sohn geblieben ist!« Dann fuhr er zurück in die Grube. »Niemand folge mir, dem sein Leben lieb ist!« herrschte er den Knappen zu, die sich erbötig zeigten, den bekümmerten Vater zu begleiten.
Die Berghäuer gehorchten und lauschten nur hinab in die Tiefe.
Da erscholl es drunten wie von mächtigen Axthieben und man vernahm bald darauf ein entsetzliches Geprassel. Erschrocken flohen die Leute, denn sie befürchteten des Schachtes baldigen Einbruch und hatten sich nicht getäuscht. Der Kunststeiger zerhieb mit furchtbaren Axtschlägen die Kunstgestänge und zerstörte die Gerinne, in welchen das starke Aufschlagwasser zum Umtriebe des Kunstrades über den Schacht geleitet war, so daß die ganze Wassermasse sich in die Tiefbaue ergoß und bald die ganze Grube ersoff. In den wild hereinstürzenden Gewässern hat der Kunststeiger seinen Tod gefunden. Der Teufel verpaßte seine Zeit nicht: er hatte ihn drunten geholt.
Des Obersteigers Tochter Johanna verfiel infolge jenes trübseligen Ereignisses in ein hitziges Fieber, an welchem sie lange in Lebensgefahr darniederlag. Die Jugend half ihr die Krankheit überwinden, aber sie war und blieb für immer tiefsinnig. So trat sie in das in der Sächsstadt zu Freiberg gelegene Jungfrauenkloster zur heiligen Maria Magdalena ein. Erst später verließ sie es wieder, als dasselbe bei der Reformation gänzlich aufgelöst wurde, und kehrte in die Welt zurück. Die Grube Turmhof kam nach jenem unglücklichen Ereignisse zum Erliegen, denn wo der Teufel gehaust hat, kann kein Segen aufkommen.
253. Der versteinerte Kammerwagen.
(Fr. Bernau: Comotovia 1877, S. 80.)
In einem friedlichen Thale bei Neudeck lebte ein Bauersmann still und zufrieden mit seiner Familie; nur seine älteste Tochter, bereits zur blühenden Jungfrau herangewachsen, machte ihm manche Sorge. Sie unterhielt nämlich ein Liebesverhältnis mit einem armen Burschen aus der Umgebung des Dorfes, der als Bergknappe im Schoße der Erde sein Brot verdiente. Schon lange wurde von den Liebenden eine Verbindung angestrebt, allein der Vater versagte die Einwilligung, so sehr auch das Mädchen darum bat. Da beschloß der Knappe, sich noch auf einige Jahre in eine andere Gegend zu wenden, dort fleißig zu arbeiten und nach seiner Rückkehr wieder um die Hand der Geliebten anzuhalten. Diese gelobte ihm beim Abschiede ewige Treue, und dadurch getröstet zog er von dannen.
Anfangs schien der Schmerz des Mädchens über die Entfernung des Geliebten sehr groß; doch nach und nach mäßigte sich die Sehnsucht, und Zeit und Arbeit brachten es dahin, daß sie den Geliebten allmählich vergaß. Da gelang es denn einem andern Dorfburschen ohne Mühe, sich ihre Gegenliebe zu erwerben, und da er reich war, erhielt er auch die Einwilligung des Vaters. Es wurden Vorbereitungen zur Hochzeit getroffen, und der Tag der Trauung war nicht mehr fern. Da kehrte plötzlich der Bergknappe zurück. Er hatte sich in der Fremde manches erspart und hoffte nun, bald im Besitze des geliebten Mädchens zu sein. Abends, als es schon im Thale zu dämmern begann, ging er an das Haus seiner Geliebten und hoffte sie zu sehen; er sah sie auch -- aber in den Armen eines andern. Wie ein Blitzstrahl durchfuhr es seine Glieder, er wollte vorwärts, doch sein Fuß war wie angewurzelt; einen Fluch zwischen den Zähnen murmelnd, stürzte er hinweg. Von diesem Tage an war er fahrlässiger in seinen Arbeiten und siechte vor Gram immer mehr dahin. Oft sah man ihn spät abends seine Hütte verlassen und einem Platze zuwandern, welchen selten ein Mensch betrat, da, wie es hieß, die bösen Geister dort ihr Wesen trieben. Hier schloß er nun ein Bündnis mit dem Bösen, um die treulose Geliebte und ihren Bräutigam zu verderben. Acht Tage vor der Hochzeit begab er sich in die Wohnung der Braut. Obschon von seiner Ankunft unterrichtet, erschrak sie doch sehr über sein verstörtes Aussehen; er dagegen gab sich den Anschein, als wüßte er nichts von ihrer Treulosigkeit. Vor Schreck war sie keines Wortes mächtig; da er hieraus nur zu deutlich ersah, daß sie wirklich treulos an ihm gehandelt, kündigte er ihr mit kurzen Worten seine Rache an; er werde mit Hülfe des Teufels alles das, was sie vom Hause aus mit bekäme, verderben, weil es ihr Reichtum war, der ihren Vater von der Einwilligung zur Verbindung mit einem armen Burschen abgehalten hatte. Und auch sie selbst werde den Folgen seiner Rache erliegen zur Strafe für ihre Treulosigkeit. Und so geschah es. Die Hochzeit wurde gehalten und das Ehepaar begab sich in die neue Heimat; der hochbepackte Kammerwagen folgte. Eben passierten sie eine Höhe, von welcher sie die Hütte des Bergknappen erblicken konnten. Da erbebte von einem dumpfen Donner der Boden, der Kammerwagen ward umgestürzt, die Betten und alle sonstigen Geräte lagen am Boden und wurden in demselben Momente zu Stein. Die vor den Wagen gespannten Tiere wurden scheu und stürzten wie wütend den Berg hinab, den Kammerwagen gänzlich zertrümmernd. Die Braut aber warf der Schreck aufs Krankenlager, und dies, sowie die Reue über die begangene Treulosigkeit, brachten ihr einen schnellen Tod. Dieses war nach der Sage die Rache des Bergknappen; er selbst war nach diesem Vorfalle aus der Gegend verschwunden und nie hat man ihn wieder gesehen. Aufgehäufte Steinmassen bezeichnen noch heute die Stelle seiner Rache.
254. Wie der Teufel Schellerhau verlor.
(Mündlich.)
Man hat eine Redensart, womit man die Bewohner des langgestreckten, aus zerstreut liegenden Häusern bestehenden Dorfes Schellerhau neckt: »Euch Schellerhauer hat der Teufel im Sack verloren!« Dies rührt davon her: Der Teufel fuhr einmal durch die Luft und hatte ganz Schellerhau in einem Sacke. Der Sack jedoch hatte ein Loch, so daß ein Haus nach dem andern herab zur Erde fiel. Wie nun der Teufel merkte, daß der Sack so leicht geworden war, weil er fast ganz Schellerhau verloren hatte, da warf er ihn im Ärger hin und rief: »Zum Schinder!« Da wurde dort, wo der Sack ganz am Ende des Dorfes nieder gefallen war, die »Schinderei«, wie man allgemein die Abdeckerei nannte; und in diese »Schinderei« mußte jedes gefallene Stück Vieh abgeliefert werden.
Wie hier die Häuser von Schellerhau, so verlor der Teufel auf den Fluren der Kolonie Fichtenthal bei Heide-Gersdorf aus seinem Sacke die vielen Steine, welche daselbst noch liegen und die er sich zum Baue eines Hauses vom Riesengebirge geholt hatte. (Haupt, Sagenbuch d. Lausitz, No. 112.)
Ebenso erzählt eine lausitzisch-wendische Sage, daß der Teufel einmal auf dem Wege war, um ~Kneschki~, d. i. kleine Herren oder Junker auszusäen. Als er von der Bautzner Gegend aus über Wittichenau, Hoyerswerda und Senftenberg kam, um in der Niederlausitz seine Saat fortzusetzen, verlor er bei dem Dorfe Skado bei Senftenberg einen solchen Kneschk. Ärgerlich sagte er: »~to je skoda~!« (das ist schade!), weil er den Junker für die Niederlausitz hatte aufsparen wollen. Davon hat denn jenes Dorf seinen Namen erhalten. (Preusker, Blicke in die vaterländische Vorzeit, I., S. 180.). Auch das Dorf Langenschade in Thüringen verdankt seinen Namen einem gleichen Ausrufe des Teufels. Der Teufel flog hoch durch die Luft und trug in seiner Schürze eine Menge Häuser mit sich davon. Ohne daß er es merkte, fiel eines nach dem andern aus der Schürze. Als er es endlich gewahr wurde, rief er ärgerlich aus: »Das ist schade!« So entstand der Ort Langenschade. (Richter, Deutscher Sagenschatz, 4. Heft, No. 23.)
Die letzten beiden Sagen zeigen besonders darin eine große Ähnlichkeit mit der unsrigen, als der ärgerliche Ausruf des Teufels einem Dorfe, bei uns aber dem letzten Hause von Schellerhau seinen Namen verschaffte.
V.
Zaubersagen.
Neben dem Götterkultus bestanden bei den alten Deutschen auch Übungen in der Zauberei, d. h. in dem Vermögen, höhere geheime Kräfte auf andere, und zwar anfänglich gut oder böse, später jedoch nur schädlich wirken zu lassen. Durch die christlichen Priester wurden diese heidnischen gottesdienstlichen Gebräuche für sündhaftes Blendwerk erklärt und mit dem Teufel in Verbindung gesetzt, so daß sich die Vorstellung von einem unmittelbaren Zusammenhange des bösen Feindes mit dem Wesen der Zauberei ausbildete. (J. Grimm, Deutsche Myth., S. 580.)
Im Zusammenhange mit dem Zaubern steht auch das Beschwören, d. h. ein Zaubern durch Segensformeln, sowie das die Zukunft enthüllende Wahr- und Weissagen; letzteres geschah einst bei germanischen Völkern durch das Auflesen der auf ein Tuch geworfenen Runen. Besonders wurde die Kraft der Weissagung den mit einem reizbaren Nervensystem begabten und mehr von der Außenwelt abgezogenen Frauen, welche deshalb bei den alten Deutschen Priesterinnen und Wahrsagerinnen zugleich waren, zugeschrieben; sie waren auch die Wisserinnen mancher Geheimnisse, und sie kannten die heilende Kraft der Kräuter, so daß sich daraus später der Glaube des Mittelalters an Hexen und Hexerei entwickelte. Wie das Christentum den Begriff zaubernder Frauen bereits bei dem Heidentume vorfand und nun vielfach veränderte, so läßt sich bis in die Gegenwart in dem ganzen Hexenwesen noch ein offenbarer Zusammenhang mit den Opfern, den vielfach mit religiösen Veranstaltungen verbundenen Volksversammlungen und der Geisterwelt der alten Deutschen nachweisen. (J. Grimm, a. a. O., S. 587.) Es mag nur daran erinnert werden, daß die Hexen nach den Volksüberlieferungen am Walpurgis- oder Hexenabende fast immer nach Orten durch die Luft fahren, welche ehemalige Gerichts- oder Opferplätze sind. Ob übrigens die »Drutenau«, mit welchem Namen man schon seit Jahrhunderten das Thal von Auerhammer bezeichnet, ein solcher Platz war, mag dahin gestellt bleiben; die Drut, welche teilweise die Frau Holle oder Perchtha vertritt und mit der man in der Schweiz lärmende Kinder beschwichtigt, gilt häufig auch als Hexe. Eine solche erkennt man nach dem Glauben der Erzgebirger an den Platt- oder Drudenfüßen, an den roten Haaren, den roten, triefenden Augen und großen, buschigen, über der Nase zusammengewachsenen Augenbrauen. (Spieß, Aberglauben etc., S. 29.) Das Behexen richtet sich hauptsächlich auf das Vieh und Getreide der Nachbarn; in unsern Sagen wird dadurch gute Milch in blutige verwandelt. Außerdem schreibt der Volksmund noch das Beschreien, wobei jemand wegen irgend einer guten Eigenschaft gelobt wird, damit dann das Gegenteil davon eintrete, der Hexerei zu. Als Schutz gegen Zauberei und Hexerei gelten Kreuzeszeichen an der Thüre, das Durchkriechen unter sogenannten Schleifbrämen, das Versprechen und anderes mehr.
Nach dem Volksglauben stehen nicht bloß die Hexen, sondern überhaupt alle Zauberer in einem Bunde mit dem Teufel. Die ersten Überlieferungen von solchen Bündnissen des Teufels mit Männern finden sich bereits im 10. Jahrhunderte, während die erste sichere Erwähnung eines Bundes des Teufels mit Hexen in der Mitte des 14. Jahrhunderts in Italien vorkommt. Jacob Grimm vermutet dabei, daß die Veranlassung zu dem Glauben an Teufels- und insbesondere Hexenbündnisse in der Verfolgung der Ketzereien, welche in der Mitte des 13. Jahrhunderts von Italien und Frankreich nach Deutschland kam, zu suchen sei. Man legte den Zusammenkünften der Ketzer abgöttische Ausschweifungen zur Last und die Kirche eiferte gegen die neuen Irrlehren und Überreste des Heidentums, welche sich jenen da und dort zugesellten. (Deutsche Mythologie, S. 600.)
In unsern Sagen wird der Teufel zur Dienstleistung citiert, oder er wird durch Beschwörungen in Fliegen- oder Hummelgestalt aus Personen ausgetrieben. Durch gewisse Zauberformeln, welche in geheimnisvollen Büchern stehen, werden die höllischen Geister in verschiedenen Gestalten, hauptsächlich als schwarze Vögel, herbeigerufen. Mit Hülfe des Teufels verbreitet sich die Pest, und Speisen werden so fest gemacht, daß man nichts davon abschneiden kann. Durch teuflische Künste festgemachte Personen können auf gewöhnliche Weise nicht verwundet werden; dies gelingt erst durch einen abgeschossenen Dukaten oder silbernen Knopf, oder durch einen Degen, welchen man zuvor unter dem Schuh durch die frische Erde oder durch ein Brot gezogen, oder dessen Spitze man wenigstens vorher in die Erde gestoßen hat.
Die musicierenden und tanzenden +Katzen+ erscheinen offenbar als Hexentiere. Katzen werden aber auch als Wesen gedacht, von deren Lebensdauer der Bestand der Familie abhängt. (Rochholz, a. a. O. I., S. 160); zuweilen verkündigen sie etwas Erfreuliches. Bei uns sagt man, daß eine über den Weg laufende Katze, besonders eine schwarze, Unglück bedeutet. Wenn eine Katze sich putzt oder einen krummen Rücken macht, so kommt Besuch. -- Wie als Kühe und Ziegen hat man sich die Wolken auch als Katzen gedacht, und man meinte weiter, daß die in den Wolken waltenden Weiber die Gestalten von Katzen annehmen könnten; daher nennt man die durch Luft und Wolken ziehenden Hexen auch Wetter- und Donnerkatzen. (Mannhardt, a. a. O., S. 90.) -- Katzen zogen den Wagen der Freya.
255. Der Schwarzkünstler zu Geyer.
(Lothar, Volkssagen und Märchen. 1820. S. 69. Darnach Gräße, Sagenbuch d. K. S., No. 450.)