Sagenbuch des Erzgebirges

Part 21

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Nordöstlich von Geyer gegen den Greifenstein hin zeigt sich an Herbstabenden eine merkwürdige Lufterscheinung oder ein rötlich leuchtendes, beinahe 7 Ellen hohes Irrlicht, das, sobald es sich zu bewegen anfängt, immer kleiner wird, bis es endlich gar verschwindet, in der dortigen Gegend aber die Staatslaterne von Geyer genannt wird.

Sagen von Irrlichtern sind ungemein zahlreich; dabei erscheinen die Irrlichter entweder als selbständige Flammen, oder sie fließen mit der Vorstellung von feurigen Männern zusammen. Eine Laterne wandelt des Nachts zwischen dem Pfaffenholze und Martinsrieth bei Sangerhausen, dergleichen im Loh, einem Hölzchen bei Buttstädt; beide Laternen werden von einer Hand gehalten, ohne daß man sonst jemanden sieht. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 267 und 303.) Im Vogtlande will man dagegen bemerkt haben, daß jedes Irrlicht den Kopf zu einer dunkeln, gewöhnlich nicht sichtbaren Gestalt bilde. Hier nähert es sich dem feurigen Manne. Als wirklicher feuriger Mann, also offenbar als Kobold, erscheint es auf einer sumpfigen Strecke bei Loitzsch. An einem andern Orte tanzen die Nixe mit Irrlichtern. (Eifel, Sagen aus dem Vogtlande No. 449, 159 und 60.) In dem Volksglauben gelten die Irrlichter vielfach als die Seelen ungetauft verstorbener Kinder; die beiden Irrlichter in Holzzelle im Mansfeldischen sind dagegen die Seelen eines Mönchs und einer Nonne (Größler a. a. O. No. 49.) Das Licht ist ein Symbol für den Geist des Verstorbenen, darum erscheinen die Seelen als Lichter. Haupt weist dabei (Sagenbuch etc. No. 57.) auf den Gebrauch in der Lausitz hin, daß man zwei Lichter anzündet, wenn Brautleute bei Tische sitzen; wessen Licht zuerst verlischt, der stirbt zuerst. Eine ähnliche Bedeutung haben auch die Lichter, welche man im Erzgebirge wie anderwärts am Andreasabende oder zu Sylvester in Nußschalen auf einem Becken mit Wasser schwimmen läßt, um daraus die Zukunft der betreffenden Personen zu erfahren. In dem Märchen vom Gevatter Tod (Br. Grimm, Kinder- und Hausmärchen, 1. B. No. 44) zeigt letzterer seinem Paten in einer unterirdischen Höhle die Lebenslichter der Menschen, und vielleicht ist auch auf die gleiche Vorstellung der Gebrauch zurückzuführen, daß man in katholischen Ländern bei Begräbnissen dem Sarge brennende Lichter voranträgt, oder am Vorabende des Allerseelenfestes Wachslichtchen anzündet.

227. Die unheimliche Fackel.

(Heger und Lienert, Ortskunde von Schmiedeberg i. B., S. 61.)

Man hat bei Schmiedeberg dann und wann Irrlichter gesehen, die man unheimliche Fackeln nannte. Die Leute hüteten sich, mit denselben Bekanntschaft zu machen und wichen ihnen aus, wo sie konnten.

Einst soll im Bogenhaus, in der Nähe des »letzten Pfennigs«, ein Mann durchs geöffnete Fenster eine unheimliche Fackel bemerkt und ihr vorwitzig zugerufen haben: »Komm her auf Courage!« In diesem Augenblicke erhielt er von unsichtbarer Hand eine tüchtige Ohrfeige; die Fackel aber war verschwunden.

Eine tüchtige Ohrfeige erhielt auch vom Irrlichte jener Schulmeister, welcher demselben bei der sogenannten Lerch am Saalwalde im reußischen Oberlande mit den Worten entgegentrat: »Was bist Du für ein Licht?« Neben der Ohrfeige erhielt er noch die Antwort: »Kümm're Dich um Dich, ich bin ein Licht für mich!« (Eisel, Sagenbuch des Vogtl., S. 163.)

228. Dämonische Gestalten am Grundtümpel bei Wildenau.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz., S. 207 und 208.)

Zu Wildenau ist im Pöhlwasser ein unheimlicher Ort, der Grundtümpel genannt, da sich das Wasser einer Stuben groß in die Runde dreht, und sich öfters darin allerlei Spukgestalten sehen lassen, als Weiber, Männer und Pferde. Man hat auch in selbiger Gegend bis nach Schwarzenberg und Sachsenfeld viel Irrwische und feurige Drachen ziehen und spielen sehen. Wenn die Leute aus Raschau nach Wildenau gingen, oder von Schwarzenberg herüber gehen wollten, hat es sie oft die ganze Nacht irre und gar nahe an den besagten Tümpel geführt, so daß sie beim Anbruche des Tages an dem Wasser gesessen haben.

Teilweise ist ihnen ein Fischer mit Hamen begegnet, der sie bis an die Dorfhäuser täuschte, so daß sie 10 bis 12 Wochen darnach krank gelegen haben. Im Jahre 1624 wollte Andreas Illings Vater am Wildenauer Berge mit seinem Pferde arbeiten; da kam ein fremdes weißes Pferd mit allem Geschirr gelaufen und spannete sich selbst an. Nachdem es aber eine Weile hurtig gegangen, ahnte der Ackermann nichts gutes und wollte ausspannen und Mittag machen. Damit aber riß sich das wilde Pferd mit Haken und dem andern Pferde los und lief nach dem Tümpel zu; der Ackermann hing sich an sein Pferd, schrie und gab gute und böse Worte, bis sich das Gespenst verlor und ihn mit seinem Pferde in großer Bestürzung zurückließ.

229. Dämonische Gestalten an einem Teiche bei Scheibenberg.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 208.)

Eine starke Viertelstunde unter Scheibenberg, am Elterleiner Wege, läuft der tiefe Stollen in einen Teich aus. Daselbst hat es die Leute oft bei Tag und Nacht erschreckt und den Weg bald in Gestalt eines großen, ungeheuren Mannes, bald eines Wolfes vertreten, oder sonst mit Tumult und Gerassel bethört.

230. Dämonischer Sturm bei Oberscheibe.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 208.)

Im Juli des Jahres 1644 waren die Oberscheibener oben bei ihren Teichen im Heumachen. Da kommt am Sonnabende vor dem zehnten Trinitatissonntage ein mächtiger Sturmwind mit Sausen und Pfeifen, fährt in die Teiche und wirft das Wasser hoch in die Höhe, als wenn sich zwei Pferde im Wasser mit einander schlugen. Darüber erschraken die Leute, liefen an die Heuschöber, die bösen Geister aber fuhren aus den Teichen in die Heuschöber, spielten damit in der Luft, fuhren über die Äcker hinaus und nahmen, wo sie gegen Crottendorf zu antrafen, alle Wipfel von den Bäumen mit.

231. Der Drache.

(Mündlich. Spieß, Aberglaube etc. Progr., S. 30. Lehmann, a. a. O., S. 207.)

Auf einer sumpfigen Wiese unterhalb Neustadt bei Falkenstein, nach Dorfstadt zu, ist öfters der Drache gesehen worden. -- Vielfach verbreitet ist der Glaube, daß der Teufel denen, welche mit ihm ein Bündnis geschlossen haben, in der Gestalt eines Drachen Geld und andere Gegenstände zuträgt, welche er anderswo geraubt hat. Der Drache fährt bei solchen Leuten zur Feueresse herein, und man muß ihm dann eine Schüssel Hirsebrei auf den Oberboden setzen; er verzehrt den Brei und legt statt dessen Geld in die Schüssel. Bei Marienberg sagt man, daß ein solches Geldstück, welches der Drache gebracht hat, stets wiederkommt, wenn es auch ausgegeben worden ist. Thut es dagegen der Empfänger in ein Glas, das er mit einem Deckel verwahrt hat, auf den er einen Kreis mit Kreide beschreibt und innerhalb desselben die Kreide liegen läßt, so muß es bleiben.

Feurige Drachen hat man zugleich mit Irrlichtern auch in der Gegend von Schwarzenberg ziehen und spielen sehen.

Der Glaube, daß man dem Drachen eine Schüssel Hirsebrei auf den Oberboden setzen müsse, steht jedenfalls mit dem auch im Erzgebirge vorhandenen Gebrauche in Verbindung, am Neujahrstage Hirse zu essen, damit man das ganze Jahr über Geld habe. Auch nach einer slavischen Sage mußte der Drache, welcher einem Bauer Geld brachte, mit Hirse gefüttert werden. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 166.)

232. Das gespenstische Kalb auf dem Frauenmarkte in Schneeberg.

(Mündlich.)

Drei Bürger in Schneeberg kamen einmal des Nachts in der zwölften Stunde aus dem Wirtshause. Als sie an den Frauenmarkt gelangten, trennten sich zwei von ihnen und der dritte ging allein über den genannten Markt. Auf einmal sprang ihm daselbst ein Kalb auf den Rücken und legte die beiden Vorderbeine fest auf seine Schultern; so mußte es der Mann bis an sein Haus tragen. Dort verschwand es, als die Frau ihrem Manne die Thür aufmachte. Die Frau verwunderte sich, daß ihr Mann so bleich und erschrocken aussah und fragte ihn nach der Ursache; doch er wollte ihr unter 9 Tagen nichts erzählen. Da drang seine Frau noch mehr in ihn, bis er ihr endlich das Begebnis erzählte und ihr zugleich die Spuren auf seinen Achseln zeigte, welche das gespenstische Kalb mit seinen Pfoten darauf zurückgelassen hatte. Das war sein Unglück, denn man soll von derartigen Erlebnissen, wenn sie nicht dem Betreffenden Verderben bringen sollen, unter 9 Tagen nichts erzählen. Der Mann starb auch noch innerhalb dieser Zeit.

Betreffs der dämonischen Natur des Kalbes s. die Einleitung. Auch nach einer wendischen Sage mußte ein Bauer vom Koselbruch in der Lausitz ein Kalb ohne Kopf, das sich ihm auf den Rücken wälzte, bis in sein Dorf tragen. (Veckenstedt, a. a. O., S. 411.)

233. Ein gespenstisches Kalb zu Mildenau.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 673.)

Ein Vorbote war es, daß vor dem deutschen Kriege, da der Feind einfallen sollte, sich zu Mildenau im Herbst des Nachts ein gräßliches Geblöke und Geschrei erhob; es lief etwas im Dorfe durchs Wasser auf und nieder in Gestalt eines Kalbes und brüllete so abscheulich, daß die Leute alle bestürzt wurden. Den folgenden Sommer ist der Feind eingefallen und hat geplündert und verheert.

234. Der Fisch im Windischteiche bei Eibenstock.

(Mündlich.)

Zwischen der Stadt Eibenstock und dem dortigen Bahnhofe liegt in einem flachen Wiesengrunde der »Mielahr« oder Windischteich. Darin soll ein wunderbarer Fisch mit einem goldenen Reifen leben, und um den Fisch zu fangen, hat man vor einer Reihe von Jahren den Teich ausgepumpt, aber den Fisch doch nicht gefunden. Von dem Fische erzählt man, daß denselben einst eine Prinzessin in den Teich gesetzt habe.

Die Sage erzählt auch von dem Dorfbache in Neugersdorf in der Oberlausitz, daß darin Karpfen mit goldenen Halsbändern leben. Die goldenen Halsbänder der Fische erinnern an die Halsringe mythischer Schwäne. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 156.) Als mächtiger Karpfen mit einem goldnen Ringe um den Kopf erschien in der Oder bei Breslau auch Rübezahl. (Das Riesengebirge in Wort und Bild, 4. Jahrg. 1. und 2. H., S. 13.)

Fische treten in der Sagenwelt seltener als andere Tiere auf. Seine dämonische Natur offenbart der schöne Fisch in der Elster bei Stublach; derselbe ist ein Nixenkind. (Eisel, Sagenbuch des Vogtlandes, No. 73.) Ein Fisch im Altshausenbache in Schwaben verläßt das Wasser und erscheint in Menschengestalt. Der Zwerg ~Andwari~, welcher sich in einen Hecht verwandelt, ist Hüter des Schatzes. Nach der wendischen Sage verwandeln sich Kobolde in Hechte. (Veckenstedt a. a. O., S. 420.) Auf dem Grunde des großen Arbersees befinden sich Fischlein, deren Schuppen gediegen Gold und deren Augen kostbare Edelsteine sind, jeder ein Königreich wert. (Pröhle, Deutsche Sagen, S. 225.)

235. Der Otternkönig und die Schlangenkönigin.

(Joseph Fritsch in der Erzgebirgs-Zeitung, 3. Jahrg., S. 114. Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, 1. B. 1864, S. 79.)

Die Beerensammler im Erzgebirge erzählen von einem Otternkönige, welcher ein goldenes Krönlein trägt und über das ganze Natterngezücht herrscht. Derselbe hat die Gewohnheit, in einer Quelle zu baden und zu trinken; weiß man die Stelle und breitet daselbst ein weißes Tuch aus, neben das man eine Schüssel mit Semmel und Milch gestellt hat, so legt dann der Otternkönig sein Krönlein während der Mahlzeit auf jenes Tuch. Wer sich desselben schnell bemächtigt, dem bringt es Reichtum und Glück; wird er aber von den durch das Pfeifen des Königs gerufenen und von allen Seiten herbeieilenden Nattern erreicht, so ist er unrettbar verloren.

In Schönlinde erzählt man: Wenn man mit Schlangen und Nattern in guter Freundschaft leben will, muß man sich vor allem die Schlangenkönigin zur Freundin machen. Dies geschieht, wenn man an einem heißen Tage zum Waldrande geht, ein weißes Tüchlein ausbreitet und ein Schüsselchen Milch mit Weißbrot darauf stellt. Jeden Tag muß man das thun, bis die Schlangenkönigin endlich ihr Krönlein auf dem Tuche liegen läßt. Wer dies Krönlein hat, ist vor Schlangen und Nattern sicher.

S. die Einleitung. Sagen vom Schlangenkönige oder der Schlangenkönigin, welche goldene Kronen tragen, finden sich allgemein. Im Fichtelgebirge wird erzählt, daß die eine goldene Krone tragende Schlange zuweilen zu den Kindern in die Stube kommt und dort ihre Krone ablegt, mitunter auch beim Weggehen vergißt. Einige behaupten, es sei ein Ei, besetzt mit kostbarem, strahlendem Gestein. (Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 49.)

236. Die Riesenrippe zu Nossen.

(Gräße, Sagenschatz des K. Sachsen, No. 365. Alfr. Moschkau in der ~Saxonia~ I., S. 22 und 23. Moschkau, Führer durch Nossen und Altzella, S. 8.)

In dem großen und gar zierlich gewölbten, aus dem Kloster Altzelle stammenden Hauptportale der Kirche zu Nossen hängt seit undenklichen Zeiten ein sonderbares Gewächs, welches von einigen für die Rippe eines Meerwunders oder Elephanten, von anderen für die eines Riesenfräuleins von Nideck im Elsaß, deren Ältern hierher gezogen seien, ausgegeben wird. Diesen Gegenstand hat man auch der Rarität wegen in das Siegel der Stadt Nossen selbst mit aufgenommen. Erzählt wird von dem genannten Riesenfräulein, daß sie einst in Rhäsa einen auf dem Felde arbeitenden Bauer mit Pflug und Pferden in ihre Schürze nahm und ihrem Vater hineintrug. Auch soll sie öfter nach Haslau »in die Haselnüsse« gegangen sein. -- Die Rippe kam Anfang des 17. Jahrhunderts in die Königl. Kunstkammer nach Dresden, 1657 aber wieder zurück nach Nossen. Nach einer andern Meinung wäre diese Rippe identisch mit der in Gold gefaßten Rippe der heiligen Katharina, welche zu den Reliquien des Klosters Altzella gehörte.

237. In Kirchen ausgegrabene Riesengebeine.

(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 759.)

Im Jahre 1650 ließen die Grumbacher ihre Kirche erweitern und den Grund graben, da sie dann übermäßig große Gebeine mit Verwunderung ausgegraben. ~Anno~ 1652, als der Amtmann zu Wolkenstein, Johann Rechenberg, in der Kirche allda den kostbaren Altar von Marmor und Alabaster erbauen und dazu den Grund graben ließ, haben die Maurer riesenmäßige Menschenknochen angetroffen, von denen die Arme und Beine eine halbe Elle länger gewesen, als diejenigen gemeiner Mannspersonen.

Ob die in den Kirchen zu Grumbach und Wolkenstein gefundenen großen Knochen wirklich menschliche Gebeine gewesen sind, erscheint als etwas fraglich, wenn man weiß, daß es allen Völkern gemeinsam zu sein scheint, die Knochen großer urweltlicher Tiere für menschliche Riesenknochen zu halten. S. auch E. Krause, Erasmus Darwin, S. 208 und Perty, Anthropologie I., S. 13. Albin Kohn erzählt (die Natur 1878, No. 51), daß es in der Provinz Posen mehrere Kirchen giebt, in denen sich an Ketten aufgehängte fossile Mammutzähne finden, welche das Volk für die Rippen vorsündflutlicher Riesen hält; dieselben wurden in der Nähe der Orte gefunden, in deren Kirchen sie sich jetzt befinden. Es läßt sich übrigens der Knochenkultus bis in die früheren Zeiten zurück verfolgen; besonders waren es auch die Gebeine von Helden und Heiligen, welche man aufbewahrte und gegen Zerstörung zu schützen suchte, weil man ihnen Wunderkräfte beilegte. -- Es könnte noch eine Deutung versucht werden. Die Germanen veranstalteten zu Ehren ihres obersten Gottes Pferdeopfer, Pferde weissagten und die alten Sachsen steckten die Köpfe ihrer geschlachteten Rosse auf die Dächer ihrer Häuser. Dies sind Zeugnisse dafür, daß bei unsern deutschen Vorfahren das Pferd ein ihren Gottheiten geweihtes Tier war. Damit hängt auch der Glaube in Dänemark zusammen, nach welchem unter jeder Kirche, welche gebaut wird, ein lebendes Pferd eingegraben werden müsse. Sollte man auch bei uns dem Glauben an eine besondere Wirkung, wenn auch nicht lebendig vergrabener Pferde, so doch von Pferdegebeinen beim Baue von Kirchen gehuldigt haben?

238. Große Menschengebeine in Preßnitz.

(Fr. Bernau in der Comotovia, 5. Jahrg., S. 85.)

Als im Jahre 1753 zur Erbauung des neuen kostbaren Preßnitzer herrschaftlichen Amthauses das alte Hassenstein'sche Schloß niedergerissen und der Grund gegraben worden, hat man viele, zum Teil ungeheure große Menschengebeine gefunden; es soll auch öfters daselbst, bis diese Gebeine wieder begraben wurden, sehr gepoltert haben.

IV.

Teufelssagen.

Als die christliche Bekehrungsarbeit bei den Deutschen und später den Slaven begann, war es Klugheit, das Vorhandensein der heidnischen Götter nicht in Frage zu stellen. Die christlichen Bekehrer bequemten sich vielmehr der festgewurzelten Überzeugung an, daß jene Wesen wirklich existierten, nur lehrten sie, daß dieselben Unholde und teuflische Gewalten seien, welche dem Gott der Christen widerstrebten und die Menschen irre führten. Die alten heidnischen Götter und Dämonen sind demnach im Volksglauben zu Teufeln geworden. Der aus der griechischen Sprache entlehnte Name ~Diabolos~ ging in die lateinische und später auch als ~Diufal~, ~Tiuvel~, ~Tüvel~ u. s. w. in die deutsche, sowie als ~djabel~ in die slavische Sprache über; in letzterer wurde er später durch das Wort ~czert~, welches den Begriff eines schwarzen Wesens in sich schließt, ersetzt.

Daß die Neubekehrten dem Teufel und allen Unholden entsagen mußten, ersehen wir aus fränkischen Taufgelöbnissen des 8. und 9. Jahrhunderts, welche bei den Sachsen und Thüringern in Anwendung kamen und worin es heißt: »~Forsachistu diabole? Ec forsacho diabole~«, oder: »~Forsahhistu unholdun? Ih forsahu.~«

Dem Teufel, der in verschiedenen Gestalten den Menschen entgegentrat, wurde später alles Ungewöhnliche und Unheimliche zugeschrieben. Verbreitet war der Glaube, daß der einzelne Mensch mit ihm ein Bündnis eingehen könne, um dann mit seiner Hülfe gewisse irdische Vorteile zu erlangen. Dafür mußte er sich jedoch dem Teufel mit Leib und Seele ergeben, und zum Zeichen, daß er dies gethan, sich ihm mit seinem Blute verschreiben. Zur Erklärung dieses mit dem Blute Verschreibens weist Rochholz (Deutscher Glaube und Brauch, I., S. 55.) darauf hin, daß nach dem früheren Volksglauben nicht nur alle verstorbenen Menschen, sondern auch die entthronten Götter und der Teufel, als ein gestürzter Engel, an Blutmangel leiden, und daß deshalb besonders der letztere geizig auf ein Tröpflein Bluts desjenigen Menschen besteht, der sich zu ihm in ein Schutzverhältnis begeben will. -- Wenn der Teufel einem Menschen dienstbar geworden ist, so erscheint er vielfach nach dem slavischen Volksglauben als Drache. -- Zahlreich sind die späteren Sagen, nach denen er sich in seiner Ohnmacht und Kraftlosigkeit darstellt, so daß er von menschlicher List überflügelt wird. Dies geschieht z. B., wenn er junge Mädchen, wie auch im Erzgebirge erzählt wird, heimsuchen will.[4] Ein gläubiges Bekenntnis Christi jedoch vertreibt ihn; gottlosen Säufern und Fluchern aber dreht er die Hälse um; hier hat er Macht über den Menschen. Obschon der Teufel ein natürlicher Feind der Menschen und unter diesen besonders der Müller ist, vielleicht weil diese das ernährende Mehl liefern, so baut er auch wieder unter gewissen Bedingungen Mühlen auf. Bei Wehrau in der Oberlausitz wurde er von einem Müller betrogen, so daß er in seinem Zorne dessen Mühle, von welcher nur noch ein Wehr, »das Teufelswehr« vorhanden ist, zerschmetterte. Ein »Teufelswehr« giebt es auch in der Mulde oberhalb Auerhammer; doch scheint eine dazu gehörige Sage verloren gegangen zu sein. -- Teuflische Tiere sind Katze, Kuckuck, Rabe u. a.; über dieselben werden noch einige Bemerkungen bei den einzelnen Sagen folgen.

Felsen, welche gegenwärtig die Bezeichnungen »Teufelsstein« und »Teufelskanzel« tragen, waren vielleicht heidnische Opferplätze. Einen Teufelsstein, mit welchem eine Wundersage verknüpft ist, giebt es bei Lauter. Teufelskanzeln kennt man an der Göltzsch zwischen Auerbach und Mühlgrün und zwischen Waldkirchen und Grün bei Lengenfeld. Denselben Namen führt auch der obere Teil des Friedrich-August-Steins in Schöneck.

[4] In Böhmen sagt man, wenn der Wirbelwind dahin fährt, darin fahre die Braut, welche sich der Teufel von der Erde holt. (Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren, S. 35.)

239. Eines Schmied's Tochter in Platten ist vom Teufel besessen.

(Meltzer, ~Historia Schneebergensis~, S. 1148--1153.)

Im Jahre 1559 hat sich zu Platten, der Schneebergischen Kolonie, wo damals noch alles evangelisch gewesen, ein Teufelsspiel geäußert, da der Satan eines Schmieds Tochter, mit Namen Anna, leibhaftig besessen und sie grausam gequälet, bis er wieder ausgetrieben worden. Bemeldete Schmieds Tochter hat sonst ein gutes Zeugnis gehabt, wie sie christlich, keusch und züchtig gelebt, zur Kirche gegangen, das heilige Sakrament oft gebraucht und die Evangelien mehrenteils auswendig gelernt; aber doch wäre sie zu Fastnacht aus Verhängnis Gottes vom bösen Geiste besessen und darauf krank niedergeworfen worden. Zu Ostern habe man die leibliche Besitzung des Teufels verstanden, nachdem der Satan aus der Jungfrau leibhaftig zu reden angefangen und in der Stube in der Gestalt eines Kuckucks, Rabens und einer Hummel sich sehen und mit solcher Vogelstimme sich hören lassen und je länger je mehr von Tag zu Tag wunderliche Dinge geredet, sonderlich bei dem großen Zulauf des Volkes von Einheimischen und Fremden. Und wenn der Name Jesus genannt worden, habe er sich in der Jungfrau Augen gesetzt und ihr dieselben wie große Henneneier aus dem Kopfe herausgetrieben, daneben die Zunge einer Spanne lang wie eine zusammengeflochtene Wiede zum Mund herausgestreckt und ihr das Angesicht auf den Rücken gewendet. Wenn sie einmal Ruhe gehabt und gefragt worden, wie es ihr ginge, habe sie kurz geantwortet, es dünke sie, als wenn sie stets auf einem Wasser läge und ertrinken solle, aber es kämen noch allewege fromme Leute und hülfen ihr davon. Einstmals habe der Teufel bekannt, daß die Jungfrau ihn zu Fastnachten in einem Trunk Bier unter einer Fliege Gestalt getrunken, nachdem er ihr zwei Jahre nachgegangen wäre. Ein frommer Mann, mit Namen Elias Hirsch, ist alle Nacht bei der Jungfrau gewesen, hat ihr vorgebetet und sie getröstet. Einstens habe der böse Geist zu ihm gesprochen: »Elias, thue einen Reihen oder Tanz mit mir, tanz vor oder tanz nach!« Und da Elias geantwortet: »Du Schelm, Du gehörest nicht unter die Menschen, mit ihnen zu tanzen, tanze in das höllische Feuer!« so habe er wieder geantwortet: »So gehe hinweg, Du wirst einen feinen Tanz sehen.« Und indem er angefangen zu pfeifen, wäre eine Katze zur Stube herein, und ein Hund unter dem Tische hervorgelaufen, und diese hätten miteinander einen langen Tanz gethan, bis die Katze wieder zur Stubenthüre hinaus, und der Hund sich auch wieder verlaufen. Dergleichen seltsame Possen hätte der Teufel noch mehr angerichtet. Endlich aber ist er aus der Jungfrau durch der Priester und vieler frommen Christen Gebet und Seufzen getrieben worden und wie ein Fliegenschwarm zum Fenster hinausgefahren, nachdem er vorher von der Jungfrau ein Glied, dann einen Nagel vom Finger und zuletzt nur ein Haar begehret, gleichwohl aber nichts erhalten. Dabei hat er gesagt: »Alle, die nicht gern zur Kirche gehen wollen, selbst daheim lesen, zum Sakramente nicht gehen, im Fressen, Saufen und Wucher liegen, sind alle mein mit Leib und Seele. Und sofern diese Buße thun wollen, so will ich ausfahren.« Zu dem mit anwesenden Geistlichen von Schlackenwerthe sagte er noch: »Und Du Pfaff von Schlackenwerthe, vermahne die Deinen zur Buße, dahin fahre ich!« Welches denn dieser Pfarrer seiner Gemeinde öffentlich auf der Kanzel auch angesagt mit Vermahnung zur Buße.

Der Teufel läßt sich hier in Gestalt eines Kuckucks, Raben, oder einer Hummel sehen und schließlich fährt er wie ein Fliegenschwarm zum Fenster hinaus.