Sagenbuch des Erzgebirges

Part 19

Chapter 193,573 wordsPublic domain

Als er einmal am Ufer der rauschenden Eger saß und gedankenvoll nach dem Wasserspiegel schaute, tauchte aus demselben eine holde Nixe empor, die mit lieblicher, wunderbarer Stimme dem Überraschten zurief: »Ich kenne, wißbegieriger Jüngling, Deines Herzens tiefen Kummer, die schwarze Kunst ist Dein Begehr. Diese will ich Dir lehren, doch nur unter der Bedingung, daß Du Dich nie vermählst.« Hans Heiling, bezaubert durch die vielversprechenden Worte, strahlte vor Freude, daß er nach langem, erfolglosen Forschen endlich sein so heiß ersehntes Ziel erreichen könne, und schloß mit der Wassernixe unbesonnen den Bund. Die Nixe hielt Wort und Hans Heiling wähnte sich der Glücklichste unter der Sonne zu sein, als er des Wissens Drang erfüllt sah. Seit der Begegnung mit der Nixe war manches Jahr verflossen. Da faßte Hans Heiling mit Hintenansetzen seines gegebenen Versprechens den Entschluß, sich zu vermählen; denn er hoffte, selbst auf seine Kunst vertrauend, die Macht des geheimnisvollen Wasserweibes zu hemmen. Unbesorgt veranstaltete er also die Hochzeit. Der Tag der Trauung war erschienen und die Hochzeitsgäste hatten sich in den Räumen des Schlosses versammelt. Schon stand der Brautzug vor dem Traualtare, eben wollte das glückliche Paar das Jawort aussprechen -- da stieg plötzlich mit furchtbaren Blicken die erzürnte Nixe aus den tobenden Wellen der Eger, ließ unter Blitz und Donner das Schloß verschwinden und verwandelte durch ihren Fluch die ganze Hochzeitsgesellschaft in Stein: das Brautpaar, den Mönch, die Gäste und die Musikanten.

Friedrich Bernau bemerkt in der Comotovia (4. Jahrg. S. 17), daß die Sage vom Hans Heiling zur Faustsage gehöre und jedenfalls durch diese erst hervorgerufen worden sei. Der in unserer Sage angeführte Berg Krudum, südlich von Elbogen gelegen, ist ebenso wie der Heilingsfels und die Stätte, wo einst Alt-Elbogen lag, von mythischer Bedeutung. Ursprünglich ist Hans Heiling die »heilige Wiese«. Im Archive zu Elbogen befindet sich ein aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts herrührendes Schriftstück, welches besagt: »Daß wißmuth So zum Stein Elpogen gehörig, vff der Heiling wissen 2 tagwergk Machen vnd haven die lethaditzer giebt 2 Fuder hew.« Noch im Jahre 1680 wird eine »heilige Wiese« genannt; der Zusatz »Hans« kommt zu dieser Zeit noch nicht vor, ebenso wie noch heute die Redeweise »Am Heiling« die allgemein übliche und gebräuchliche ist. Die in der obigen Elbogener Urkunde genannten »lathaditzer« sind die Bewohner eines seit dem dreißigjährigen Kriege verschwundenen Dorfes auf dem Nordabhange des Aberges.

206. Der Wassermann flickt.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 162.)

Bei Seestadtl am Fuße des Erzgebirges liegt an der Straße ein großer Teich, welcher durch einen breiten, mit Gebüsch bewachsenen Damm eingeschlossen ist und der »Steinteich« genannt wird. Bei diesem Teiche soll sich ein Wassermann öfter am Ufer sehen lassen. Gewöhnlich flickt er dann seine Kleider. Nach dem Glauben der Landleute steigt er immer nur während des Mittagsläutens an's Ufer, setzt sich am Fuße des Dammes hart am Wasser nieder und flickt. Wer ihn verspottet, der wird von ihm in's Wasser hinabgezogen; bloß demjenigen, welcher des Morgens vor dem Ausgehen gebackene Semmelschnitte verzehrt, kann er nichts anhaben. Hat einer den Wassermann beleidigt und keine Schnitten gegessen, so nutzt ihm selbst das Hersagen des Spruches nicht mehr:

»Wassermann plump, Zieh mich nich in Tump, Zieh mich nich zu tief nei', Daß ich nich stecken blei'.«

Der Wassermann ist immer schlecht gekleidet. Sein alter zerdrückter Hut ist voll großer Löcher, durch welche oft Büschel struppiger, grüner Haare herausragen. Sein Gesicht ist mit einem starken Barte bewachsen, und wenn er seinen Mund öffnet, erblickt man seine großen grünen Zähne. Sein Rock sowie seine Hosen sind immer zerrissen und kotig, und er flickt daran, so oft er ans Ufer steigt. Hat er jemandem nachgestellt und ihn unter's Wasser gezogen, so läßt er sich lange nicht sehen.

Eines Morgens trug ein Bauernmädchen Gemüse hinauf nach Eisenberg, und nahm, um zuzustrecken, ihre Richtung über den Damm. Sie war fast hinüber, als sie unten am Damme einen alten Mann sitzen sah, der an einem zerrissenen Rocke flickte und ihr zunickte. Das Bauernmädchen, welches eben nicht an den Wassermann dachte, gab ihm einen Schimpfnamen, worauf sich der Wassermann erhob und seinen Mund öffnete. Die Bäuerin erschrak und lief, so schnell es ihre schwere Last erlaubte, über den Damm hin; der Wassermann hinter ihr drein. Trotz ihres Schreiens sprang er auf den Korb, den sie auf dem Rücken trug und faßte sie beim Halse. Vor Todesschrecken rief sie: »Jesus Marie!« und sogleich war der Wassermann verschwunden. Das Mädchen kam halbtot im Schlosse an und wurde noch dazu ausgelacht, als sie vom Wassermann erzählte. Nach 3 Tagen starb sie und alle Leute waren fest überzeugt, daß daran nur die Berührung des Wassermanns schuld gewesen sei.

Der Nix hat hier grüne Zähne und Haare. Bereits in der Einleitung zu diesem Abschnitte wurde darauf hingewiesen, daß grün eine dämonische Farbe ist. Eine erzgebirgische Sage erzählt von einer grünen Frau am Kahleberge bei Altenberg. Dämonisch wird die verzauberte, ein Schlüsselbund tragende und Schätze hütende Jungfrau des Hausberges in der Grafschaft Mannsfeld; sie erscheint ganz grün gekleidet (Größler, a. a. O., No. 59); in Grün gekleidet waren auch die Hexen bei ihren Tänzen, und auf dem Blocksberge erschien der Teufel grün, der deshalb auch der »Grüne« genannt wird. (Österreich. Touristenzeitung 1881, No. 5.)

Wie der Wassermann bei Seestadtl flicken auch Nixe in der Niederlausitz ihre Kleider; ja ein Nix in einer grundlosen Lache bei Buckow bittet Vorübergehende um einige Lappen und Flecken. Ein Nix in einem Teiche bei Wintsdorf besserte seine Schuhe aus. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 187--198.)

207. Der Nix fordert sein Opfer.

(M. Spieß, Aberglauben etc. des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit, 1862, S. 39.)

In der obern Zschopau lebt ein Nix, welcher jedes Jahr sein Opfer fordert.

S. die Einleitung zu diesem Abschnitte.

208. Nixe im Zellwaldteiche bei Nossen.

(Alfr. Moschkau, Gesch. des Benedictiner Klosters St. Walpurgis im Zellwalde, 1874, S. 8. ~Saxonia~ I., S. 172.)

In dem genannten, ungemein lieblich im Zellwalde gelegenen Teiche sollen Nixe ihren Wohnsitz haben.

209. Die Nixenwannen und Nixensteufe des Chemnitzflusses.

(~Dr.~ Theile in »Über Berg und Thal«, 7. Jahrg., No. 5.)

Im Chemnitzthale hat das nagende und mit Sand und Geröllen schleifende Wasser in den Blöcken des Cordieritgneißes zahlreiche Strudellöcher gebildet, welche man daselbst »Nixenwannen« nennt. Einen Teil der Chemnitz zwischen Alt- und Neuschweizerthal, eine Strecke von ungefähr 300 bis 400 Metern, wo die Chemnitz, zumal im Frühjahr und Herbst, am wildesten ist und so heftig schäumt und brüllt, daß man an ihren Ufern sein eigenes Wort nicht hört, bezeichnet man als Nixensteufe. Mitten in dieser Strecke befindet sich im Flusse ein großer, vollständig durchlöcherter Steinblock, der zu einer förmlichen Höhle ausgewaschen worden ist. Diese Höhle galt beim Volke als der Ausgang eines unterirdischen Nixenschlosses und man erzählte sich, daß man, besonders in mondhellen Nächten, die Nixe in langen weißen Gewändern durch das Thal habe ziehen sehen.

Nahe bei der Nixensteufe erhebt sich am rechten Ufer der Chemnitz ein mächtiger Fels, im Volke die »Ullrichsburg« genannt, der ehedem ein Raubschloß getragen haben soll.

Vor circa 35 Jahren aber war das ganze Terrain, welches jetzt den Namen Schweizerthal führt, ein großer Wald, der im Munde des Volks »Zietsch« hieß, und durch dessen Dunkel weder Weg noch Steg führte. Die Zietsch war gefürchtet von den Leuten, und nach Dunkelwerden wagte sich kein Wanderer mehr auf den unwegsamen Pfad, welcher der Chemnitz entlang lief. Dabei mußte man die obengenannte unheimliche Nixensteufe passieren.

210. Der Nix im Rabenauer Grunde.

(Ludw. Lamer im Glückauf 1882, S. 105.)

Etwa halbwegs im Rabenauer Grunde, da wo die rote Weißeritz, nachdem sie schäumend zwischen großen Steinen sich durchgewunden, einen Bogen macht und sich vertieft, also daß man trotz klaren Wassers nicht auf den Grund sehen kann, ist der Nixentump, in welchem der alte Nix haust.

Wenn die Lübauer Bauern mit ihren schwerbeladenen Wagen den steilen Feldweg am Anfange der nahegelegenen Planwiese hinauffuhren und die Gespanne trotz allen Antreibens die schweren Gefährte nicht den Berg hinaufzubringen vermochten, dann kam wohl der alte Nix mit seinen zwei Schimmeln, legte sich vor den Wagen und nun gings unter fröhlichem Hohrufen und Peitschenknall den Berg hinauf, als wären es bloß leere Geschirre; waren die Gefährte oben angelangt, so daß nur noch ebene Straße vor ihnen lag, dann verschwand plötzlich der alte Nix mit seinen Schimmeln, ohne Lohn oder Dank abzuwarten.

Auf der Planwiese pflegten auch die zwei Töchter des alten Nix die schneeweiße Wäsche zum Bleichen ausbreiten; war aber das Wetter dazu im Grunde nicht günstig, oder störte sie sonst öfteres Begängnis oder des Holzhauers Axtschlag, dann bleichten sie auf der Wiese, da wo rote und weiße Weißeritz ihre Wasser mischen.

Manchmal verlangte es die beiden Töchter des Nix auch nach menschlicher Gesellschaft; dann kamen sie wohl nach Lübau, wenn in der Schenke die Fiedeln zum fröhlichen Tanze aufspielten, und tanzten da mit den jungen Burschen, so daß sie nichts von den Bauerndirnen unterschied, wie ein handbreiter nasser Streifen am Saume des Gewandes. Sie ließen sich dann auch wohl von ihren Tänzern manchmal bis an den Nixentump geleiten, entschwanden aber, dort angekommen, plötzlich ihren Augen; nie hat man gehört, daß sie einem Burschen den Zugang zum Nixentump eröffneten.

211. Die Seebergsjungfer.

(Grohmann, Sagen aus Böhmen, S. 143.)

Geht man von Eisenberg auf dem Fußwege nach der Hütt' und nach dem Orte Kunersdorf, so kommt man aus dem Walde auf die Heide, die sich von Eisenberg bis gegen Kunersdorf und vom alten Seeberg bis hinab an die Straße ausbreitet. Der untere Teil besteht aus schönem Wiesengrunde, den man nur die »Haderwies« nennt. Über dem Eisenberger Walde liegt ein kleiner, stark mit Schilf bewachsener Teich, der »Haderwiesteich« genannt. Gegenüber demselben, einige hundert Schritte aufwärts, quillt aus steinigem Boden ein Bächlein. Diese Quelle hält sehr gutes Wasser, welches immer rein und kühl ist, und heißt das »Quakbrünn'l«.

Vor Zeiten kam oft die Seebergsjungfer herab, um sich in dem Teiche zu baden. Die Hütbuben, welche das Vieh auf der Haderwiese weideten, sahen sie oft dahin kommen. Sie war halb Fisch und halb Mensch. Einstmals war nur ein Junge auf der Wiese. Da stand auf einmal die Seebergsjungfer vor ihm und fragte, ob er sie wohl erlösen möchte, sie wolle ihm so viel Geld geben, daß er die Haderwiese kaufen könnte. Der Junge war damit zufrieden. Hierauf sagte sie ihm, er solle sich jetzt vom Teiche entfernen und nicht eher kommen, als bis sie ihm winken würde. Wenn er ohne Erlaubnis komme, so werde es ihm nicht gut gehen. Der Hütjunge lief eiligst weg, und während er nach seinem Vieh sah, badete sich die Seebergsjungfer in dem Teiche. Als sie fertig war, winkte sie dem Hütjungen. Der kam und schimpfte und warf mit Steinen nach ihr. Weinend kehrte sie nach dem Seeberge zurück und in der folgenden Nacht hörte man sie bis hinab nach Barthelsdorf weinen und jammern. Lange Zeit kam sie nicht mehr, um zu baden.

Auch erschien sie den Leuten oft in Gestalt eines alten Weibes.

Eines Tages ging ein Weib von Eisenberg in den »Busch«, um Holz einzuführen. Als sie am Seeberge ankam, ihre Huck niedersetzte und Holzstücke aufklaubte, sah sie ein altes Weib, welches ihrer Arbeit mit Aufmerksamkeit zusah. »Wohin geht Ihr?« fragte das Eisenberger Weib. »In's Gebarg'sche!« (übers Gebirge) antwortete die Alte und verschwand vor den Augen des Holzweibes. Diese hatte aber gesehen, daß sie hinter sich einen Fetzen von ihrem Kleide nachschleppte; es war also die Seebergsjungfrau gewesen.

Über die der deutschen Sage fremdartige Erscheinung einer Wassernixe, halb Mensch und halb Fisch, s. die Einleitung zu diesem Abschnitte. Noch mag darauf hingewiesen werden, daß auch die Nixe der Totenlache zwischen Schleusingen und Rappelsdorf hinter sich einen häßlichen Fischschwanz schleppt. (O. Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H., No. 19.)

212. Der Kobold zu Lauter.

(Chr. Lehmann, Hist. Schauplatz, S. 949.)

Im Jahre 1695, kurz vor Weihnachten, ereignete sich zu Lauter in einer Schenke bei einem Fleischhacker in der Kammer, wo er mit seinen Kindern geschlafen, von ungefähr 9 bis 11 Uhr abends, und von 1 bis 3 Uhr nach Mitternacht, bei der Kinder Bette ein Kratzen, welches sie in der Ruhe merklich störte. Anfänglich hielt er's für eine große Ratte und hat fleißig aufgestellt, aber nichts gefangen. Mit der Zeit hat's auch angefangen so laut zu pochen, daß man's im Keller hat hören können, und hat den Kindern keine Ruhe gelassen. Ein Knabe von zwölf Jahren hat fleißig gebetet und zu ihm gesagt: »Laß mich doch in Ruhe; wenn du nicht mit beten willst, auch nicht beten kannst, so gehe deiner Wege!« und ist dabei unerschrocken gewesen. Im Januar 1696 hat ein Kind von ohngefähr ein Band in den Händen mit ins Bette genommen, welches das Ungetüm dem zulaufenden Volk, durch ein Astloch der Decke herab ins Haus steckend, gezeigt und damit gespielt; wenn es jemand hat ergreifen wollen, ist's entwischt und bald zu einem andern Loch auf solche Weise herunter gehangen worden. Gedachter Fleischhacker hat dabei sein Geld aus einem verschlossenen Kasten vermisset und ist dazu gekommen, daß es eine ganze Bürde Wäsche bis an die Kammerthür gebracht, welche er noch rettete. Der Schulmeistersubstitut des Ortes unterstand sich das Ungeheuer zu fragen, da es denn viel geredet, in einem Tone, wie ein zarter Knabe oder eine Weibsperson, es ist auch zornig auf ihn geworden, daß es ihn hinein in die Kammer gefordert, wohin er sich jedoch nicht getraute, sondern ist in der Thür stehen geblieben. Hernach haben auch andere ihren Fürwitz gebüßt und allerlei gefragt: unter andern, ob es von einer gewissen Person dahin gebannet wäre, da es denn mit Ja geantwortet. Als am 19. Januar die Wirtin eines Kindes genesen, und am 20. darauf das Taufmahl gegeben wurde, wobei sich auch nebst den Gevattern der Pfarrer und andere Leute befunden, ist weiter nicht das geringste gehöret worden.

Es ist bereits in der Einleitung zu diesem Abschnitte darauf hingewiesen worden, daß die Kobolde als unselige Geister erscheinen, welche nicht beten können. Als der Bauer dem Kobolde in Schmalzerode vorbetete und an die Worte kam: »Das Blut Christi,« setzte der Kobold an und sprach: »das Blut -- das Blut --« dann sprang er verdrießlich auf, stampfte mit dem Fuße und rief: »Ach was, das Blut zicke, zacke, zicke, zacke!« bleckte die Zähne und lief aus der Stube und ist nicht wieder gekommen. (Größler, Sagen der Grafschaft Mannsfeld, Nr. 32.)

In einigen Sagen erscheinen die Kobolde sogar mit teuflischen Zügen. So nahm ein Kobold in Kloster Mannsfeld seinen Weg durch den Schornstein, als er einer Frau während des Gottesdienstes Speisen und Getränke brachte; er war dabei wie helles, loderndes Feuer anzusehen. Im Dorfe Wettelrode trug eine alte Frau Kobolde zum Verkaufe; wer einen solchen gekauft hatte, der mußte seinen Namen mit dem eigenen Blute in ein Buch schreiben, welches die Frau bei sich hatte. (Größler, Sagen der Grafschaft Mannsfeld, Nr. 146 und 201.) Die zum Verkaufe ausgetragenen Kobolde erinnern übrigens an die Bilder von Hausgöttern (S. die Einleitung); Kobolde waren wie letztere klein, denn der Kobold (vom wälschen ~cob~, der Daumen) ist ein Däumling.

213. Der Poltergeist zu Grüna.

(Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 951.)

Auf dem adeligen Vorwerk Grüna bei Scharfenstein hat ein Poltergeist im Stall an Menschen und Vieh großen Mutwillen geübt, daß fast kein Gesinde mehr bleiben konnte. Endlich sind Leute in einer Kammer, da es sich am meisten hat spüren lassen, mit bloßem Gewehr geordnet worden, welche alle Winkel durchhauen mußten, da sich endlich eine alte Haube oder Mütze soll gefunden haben, und hat damit die Gaukelei ein Ende gehabt.

214. Der Kobold zu Thalheim.

(Lehmann a. a. O., S. 952.)

Bei dem Oberförster zu Thalheim war ein Kobold im Hause, welcher den Leuten große Last und Schalkheit anthat, daß sie nicht mehr bleiben konnten. Endlich brannte das Haus weg; etliche meinten, das böse Ding hätte es angezündet, andere, der Hausherr hätte es selber lassen anzünden, um das Ungetüm los zu werden. Da sie aber ihre Sachen ausgeräumt hatten und auf einem Wagen davon fahren, lässet es sich unter denselben mit vernehmlicher Stimme hören: »Wären wir nicht so gerannt, so wären wir wohl mit verbrannt.«

Ursprünglich sind die Kobolde schützende Hausgeister; sie gehören als Geister der Vorältern zur Familie, daher ist auch ihre Anhänglichkeit zu letzterer und allem was ihr gehört, erklärlich. Ihre neckische Natur ist ein späterer Zusatz.

Rochholz erzählt in »Deutscher Glaube und Brauch« (I. S. 162.), daß man eine Wohnung abbrach, um dem darin spukenden Gespenste zu entgehen. Als man aber mit dem letzten Fuder alten Holzwerks in den Neubau einfuhr, sprang der Kobold als Katze zusammengebuckelt vom Wagen in die offene Scheune.

215. Schalkheiten des Kobolds in einem Hause zu Annaberg.

(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 951.)

In eines Geistlichen, des ~M.~ Enoch Zobels Bürgerhause zu Annaberg hat sich im August und September des Jahres 1691 folgendes begeben:

Es hat mit Auf- und Niedergehen, Klappern, Schlagen, Auf- und Zumachen der Thüren, Werfen, Fallen, Verschleppen des Hausrats, Rufen, Lachen, Zupfen bei den Kleidern, schimpfliches Necken einer Magd viel seltsame Händel getrieben. Bisweilen ist es als ein dunkelgrauer fortrauschender Schatten erschienen und hat sich einst mit einem nackenden Arm erblicken lassen; im verschlossenen Gewölbe sahe man Licht brennen, es steckte grünes Waldreisig auf die Hausthüre, desgleichen es auch auf und an den Spiegel gethan. Im hintern Hofgewölbe hat sichs hören lassen, als ob Bergleute arbeiteten. Eine Kugel hat es die Treppe herunter ins Haus geworfen. Alte Kleider hat es hervorgetragen und seltsam aufgehängt. Den Schlafenden wollte es die Betten nehmen, bei Tage hat es etliche Betten verschleppt und brennendes Licht auf den Boden getragen. Einem wachenden beherzten Bürger überfiel etwas in der Nacht, seinen Gedanken nach wie ein zottiger brauner Bär. Es sah bisweilen zum Stallfenster heraus wie ein altes Angesicht mit einer schwarzen Haube. Es gab der Hausgenossin eine starke Ohrfeige, daß man die roten Striemen noch des andern Tages sehen konnte. Es steckte die Ofengabel, Ofenkrücke, einen langen Borstwisch mit allerlei Lumpen behangen zur Hausthür hinaus auf die Gasse. Ferner zog es den großen Wassertrog ab und versteckte die Zapfen, setzte ein brennendes Licht auf die Hausbank und schürte Feuer auf dem Herde. Dergleichen Schalkheiten verübte es sehr viel, und wenn es etwas angestiftet, so lachte es. Es versteckte die Schlüssel, streute Korn vom Boden hinab in den Hof. Der Hausgenossin Betten trug es auf den Gang hervor, aber man sahe keinen Träger. Es steckte allerlei Sachen zusammen in den Ofentopf. Ein Studiosus sahe etwas wie ein altes Gesicht, es warf ihn mit einem Steinchen und hielt ihm rücklings beim Claviocordio mit kalten Händen die Augen zu. Es entführte unterschiedliche ausbreitete Wäsche. Den 26. Sept. befand sich Feuer und Dampf auf dem Holzstalle, worauf die Bewohner des Hauses Lärm machten, so daß es bald gelöscht wurde. Mittlerer Zeit war allenthalben gute Anstalt wider alle Gefahr getroffen worden. Im Hause wurde täglich zu gewissen Stunden gesungen und gebetet. Es wurde auch öffentlich in der Kirche Fürbitte angestellt. Nachgehends hat sich weiter nichts mehr spüren lassen.

Dieser Sage liegt eine wirkliche Thatsache zu Grunde, doch hat der Aberglaube viel dazu gedichtet. Richtig ist es nämlich, daß der Spuk in dem Hause des Archidiakonus Zobel zu Annaberg zum Teil von einem Manne mit Namen Anton Friebel hervorgerufen worden war, welcher sich in eine zottige Decke gehüllt und in dieser Verkleidung entweder als Hund oder selbst als altes Weib die Bewohner zwei Monate lang geängstigt hatte. Trotz des Geständnisse von Friebel hielt man eine derartige Täuschung auf natürlichem Wege für unmöglich, so daß selbst in dem Urteile des Schöppenstuhls zu Leipzig vom 8. Januar 1698, wodurch der Inquisit zum Strange verurteilt ward, seiner spukhaften Erscheinungen ausdrücklich und lebhaft gedacht wurde. Der Geistliche, der ihn hiernächst zum Tode vorbereitete, drang mit der Frage in ihn, ob er nicht ein geheimes Bündnis mit dem Satan habe, und als er sich erbot, seine Zauberstückchen vor aller Augen zu wiederholen, wenn man ihm seine zottige Decke geben wollte, verwies ihm dies der Geistliche mit heiligem Schauer und ermahnte ihn, die wenigen Stunden, welche er noch zu leben hätte, nicht zu zu solchen Teufeleien, sondern zu seiner Bekehrung zu verwenden. (Unterhaltungsblatt zum Erzgeb. Volksfreunde, 1884, No. 32.)

216. Der Koboldstein bei Pfaffengrün.

(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirk, S. 50.)

Wer von Joachimsthal aus auf der steilen, nach Mariasorg führenden Gemeindestraße wandert, genießt auf der Mariasorger Höhe eine bezaubernde Fernsicht auf das gesegnete Schlackenwerther-Lichtenstädter Becken, die Ruine Engelhaus, auf das Mittelgebirge und einen Teil des Egergebietes; rechts streckt der Pleßberg, links der Koboldstein sein Haupt empor. Zu letztgenanntem Berge, der eine herrliche Aussicht gewährt, gelangt der Reisende in südlicher Richtung. Dahin wandert die Einwohnerschaft der Bergstadt Joachimsthal am Ostermontage um ein Uhr morgens. Vor Sonnenaufgang sieht man oben die Kobolde tanzen; doch die Auferstehung des Herrn verkündend, gewahrt man die Sonne, bevor sie sich ruhig über den Horizont hebt, vorerst dreimal emporhüpfen.

Man will jetzt den »Koboldstein« zu einem »Kobaltsteine« machen, weil daselbst Kobalterz mit Hornstein zu gewinnen sei. (Karl Viktor Ritter von Hansgirg.) Fremdartig ist in unserer Sage, daß Kobolde, welche doch vorzugsweise Hausgeister sind, auf einem Berge tanzen; jedoch mag daran erinnert werden, daß Kobolde auch zuweilen als Waldgeister auftreten.

217. Der Kaspar des Greifensteins.

(M. Spieß, Aberglauben etc., des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. 1862, S. 39. Gießler, Sächs. Volkssagen, S. 116.)

Auf dem Greifensteine bei Geyer läßt sich der Kaspar sehen. Er erscheint in weißen Hosen, rotem Fräckel, großen Kanonenstiefeln und Bonaparthut. Man erzählt: Eines Tages, nachmittags 4 Uhr, als die Arbeiter eines Steinbruchs, welcher dem Greifenstein sehr nahe liegt, ihr Brot verzehrten, ruft aus Unmut einer von den Arbeitern gegen die Höhe des Felsens: »Komm, Kaspar, iß mit!« In demselben Augenblicke kommt ein großer Stein vom Felsen herab und fällt gerade neben dem Arbeiter hin.

218. Geist Mützchen.

(Gräße, Sagenbuch des K. Sachsen, No. 554.)