Part 17
Vom Holzweibchen werden dann und wann einige alte Sagen herumgetragen, daß es vom Satan gejagt würde und in solcher Flucht einen Stock, darin die Holzhacker ein Kreuz gehauen, suche, sich darauf setze und alsdann erlöset würde. Man hat auch von alten Leuten zu Grum- und Steinbach erzählen hören, daß vor alten Zeiten ein Holzweibel gekommen, sich auf den Ofenherd gesetzet und gesponnen und das Gespinst in die Stube geworfen habe; dem hätten sie müssen zu essen geben.
So wollte man auch im Februar 1681 auf dem Pfannenstiel, einem Schönburg'schen hohen Walde, ein Holzweib gesehen haben, welches einen großen Schnee, schnelle Wasserfluten und hitzigen Sommer angedeutet, darauf viel Menschen und Vieh hinsterben würden.
178. Gejagtes Holzweibchen bei Steinbach.
(Christ. Lehmann a. a. O., S. 187.)
An der Aschermittwoch des Jahres 1633 hatte Adam Beyer im Walde bei Steinbach einen Baum gefällt. Indem der Baum im Fallen ist, hauet er nach der Holzhacker Gebrauch ein Kreuz hinein; sogleich kommt ein gejagtes Waldweibchen und bleibet an dem mit dem Kreuz bezeichneten Baume stehen, da es dann sicher geblieben. Unterdessen füllet es dem Holzhacker seinen Kober mit Spänen, er aber schüttet die Späne wieder aus, und da ungefähr ein Spänlein hängen geblieben und er nach Hause kommt, findet er an dessen statt einen ganzen Thaler. Er gehet alsobald wieder in den Wald, in der Hoffnung, solcher Thaler viel aufzulesen, aber vergebens. Doch weil dieser Mann damals in kurzer Zeit zu seinen Mitteln gekommen, hat man vermutet, er müsse etwas gefunden haben. Von dieser Begebenheit an gehet niemand gern an der Aschermittwoche daselbst ins Holz, in der Meinung, der Teufel jage das Holzweibchen an der Aschermittwoche.
Auch im Thüringerwalde und Fichtelgebirge wohnen Waldweibchen zuweilen bei den Menschen, sie geben ihnen Geschenke und sind vor dem wilden Jäger auf Baumstämmen, in welche drei Kreuze eingehauen wurden, sicher. Dasselbe wird von den Moosweibchen erzählt, welche Menschen um Brot bitten. Wenn in Pfaffenreut bei Wunsiedel beim Mahl an dem Rande der Schüssel durch Herausschöpfen Tropfen hängen blieben und diese die Kinder oder auch Erwachsene mit dem Löffel abstreifen und verzehren wollten, sagten die Ältern: »Das dürft ihr nicht, das gehört dem Moosfräula!« Ein Beweis von dem freundschaftlichen Verkehre, in welchem die Wald- und Moosweibchen mit den Menschen standen. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 206, 212, 221, 235. Zapf, Sagenkreis des Fichtelgebirges, S. 37.)
Mannhardt erklärt die Holz- und Moosweibchen für Genien der Wälder und Personifikationen des Blättergrüns; darauf fußt der Glaube, daß ihr Leben an dasjenige der Waldbäume gebunden ist. Wenn die Sage erzählt, daß der wilde Jäger (d. h. der Sturmgott Wuotan) die Waldweibchen jage, so ist dann darunter der Sturm zu verstehen, welcher die Blätter vor sich her treibt. Damit hat sich aber die ältere Vorstellung, nach welcher unter den gejagten Frauen Wolken zu verstehen sind, verändert; die Wolkenfrauen, welche durch Regen die Pflanzenwelt befeuchten, sind später auf die Erde herabgezogen und zu Waldgenien geworden. (Mannhardt, die Götter der deutschen und nordischen Völker, S. 112 und 116.)
179. Von Holzweibchen geschenkte Späne verwandeln sich in Gold.
(Edwart Heger in der Erzgebirgszeitung, VI. S. 84.)
In der Gegend von Kupferberg erhielten Waldarbeiter von den Holzweibchen häufig Geschenke; doch mußten sie sich auch manchen Schabernack gefallen lassen. Oft machten sich die Weibel unsichtbar und nahmen den Leuten die mitgebrachten Lebensmittel weg. Der hungrige Waldmann fand dann manchmal statt des Mittagsbrotes höchst ärgerlicherweise nur eine Menge Hackspäne in seinem Schnappsacke vor, die er meist achtlos wegwarf. Zuhause angekommen, erstaunte er freilich, wenn einige hängengebliebene Spänchen und Splitter zu purem Golde geworden waren. Ähnliches passierte auch einmal zweien armen Weibern, die oberhalb des Pürsteiner Burberges und unweit des Dorfes Gesseln in der Waldung dürres Holz sammelten. Sie trafen da ein kleines Wesen, das ihnen eine Menge Hackspäne zeigte und sie aufforderte, diese Späne noch mitzunehmen. Die Weiber, obwohl schon ziemlich belastet, gehorchten und füllten die letzten leeren Plätzchen in ihren Körben mit den Spänen, auf dem Heimwege aber, als die Bürden sich gar zu schwer erwiesen, sagten sie: »Was sollen uns eigentlich auch die Späne!« und warfen sie hinaus. Nur ein paar dieser Späne blieben an den Körben hängen, und diese wurden zuhause -- o Wunder! -- zu blankem Golde. Jetzt freilich ärgerte es die Weiber ungemein, daß sie die reiche Gabe so leichtsinnig weggeworfen hatten, und das ließ in ihnen leider die Freude über den verbliebenen Rest schönen Goldes sowie das Gefühl der Dankbarkeit gar nicht recht aufkommen.
180. Waldweibchen im Seegrunde bei Zinnwald.
(Mündlich.)
Ein Mann von Zinnwald trieb etwas Spitzenhandel, der ihn öfters nach Böhmen führte. Einmal ritt er durch den Seegrund nach Eichwald, da begegnete ihm ein Waldweibchen. Dasselbe redete ihn an: »Bruder, willst Du mit mir schnupfen?« dabei that es sonderbarer Weise seine Schürze auf und die war voller Laub. Als der Spitzenhändler hineingriff, um sich des Spaßes halber, wie er meinte, eine Hand voll Laub zu nehmen, blickte er zugleich auf und sahe das Gesicht des Waldweibchens gleich einem alten Käse. Da erschrak er so sehr, daß er seine Hand schnell zurückzog und fortritt. Das Weibchen aber rief ihm nach: »Nun muß ich noch hundert Jahre warten; hättest Du das Laub genommen und wärest nicht erschrocken, so wäre ich erlöst!« Ein Blatt war ihm jedoch unter den Ärmel gefahren, und das war, als er es später fand, lauter Gold.
Das Ansehen des Gesichts vom Waldweibchen gleich einem Käse erinnert an die Zwerge Tirols und der Schweiz, welche »Kasermandeln« (Käsemännchen) heißen und goldene Käse oder sich erneuernde Gemskäslein verschenken. Förstemann hat in Kuhns Zeitschrift für Sprachforschung I. S. 426 nachgewiesen, daß Quark (= Käse) und Twarg (vergl. mhd. ~querx~ und ~twere~) im deutschen Norden bis Lievland beides Zwerg und Käse bedeutet. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 12.) In den Lausitzer Sagen heißen die Zwerge Querxe. Nach einer schottischen Sage haben auch die Elfen, welche sich durch ihre gewöhnlich grüne Kleidung unsern Holzweibchen nähern, eine Vorliebe für Käse. Auf dem Gipfel des ~Minchmuir~ in ~Peebleshire~ befindet sich die Käsequelle, welche den Elfen geweiht war und die ihren Namen davon erhalten hat, daß die Vorübergehenden gewohnt waren, ein Stück Käse hineinzuwerfen. (Henne-Am-Rhyn, die deutsche Volkssage, S. 269.)
181. Ein gefangenes Waldweibchen verkündet den Frieden.
(Chr. Lehmann, Histor. Schauplatz, S. 758.)
Als Kurfürst Joh. Georg I. im Jahre 1644 um Rabenstein gejagt hatte und am 18. August an Chemnitz vorbeizog, bekam er die Nachricht, daß seine Jäger ein wildes Weiblein in der Stallung gefangen hätten, welches einer Ellen lang, von menschlicher Gestalt, rauher Haut, doch im Angesicht und an den Fußsohlen glatt war. Endlich habe dasselbe angefangen zu reden und gesagt: »Ich verkündige und bringe den Frieden.« Darauf hat der Kurfürst befohlen, dasselbe wieder laufen zu lassen und gesagt: »Wir erinnern uns, als wir vor 25 Jahren auf den Lautersteinischen und Crottendörfischen Wäldern gejagt, daß wir dergleichen Männlein gefangen, welches uns den Krieg verkündiget und gesagt: »Ich bring euch Krieg.«
182. Das Holzweibchen im Schönecker Walde.
(Illustrirtes Familien-Journal. VI. No. 157.)
Da droben im Schönecker Walde lebte vor Jahren ein Holzhauer, ein braver, stämmiger Bursche, der aber trotz rastloser Thätigkeit kaum soviel verdienen konnte, um eine alte kranke Mutter und ein paar kleinere Geschwister zu ernähren. Es ging immer knapp her, und doch mußte hie und da noch ein Groschen für ein rotes Band oder etwas dergleichen abfallen, womit der Bursche die Tochter des Nachbars beschenkte. Die jungen Leute waren einander gut; aber an's Heiraten durften sie noch lange nicht denken, denn es fehlte ihnen ein eigenes Hüttchen, und die Wohnungen der Ältern hatten nicht Raum für einen neuen jungen Hausstand. Da entschloß sich der Bursche schweren Herzens, ein paar Jahre hinaus in die Welt zu wandern und sich irgendwo zu vermieten, bis er sich das Nötige verdient haben würde. Als er bald darauf durch den grünen Wald zog und trübe Bilder der nächsten Zukunft in seiner Seele auftauchten, da sprang plötzlich vor ihm ein kleines graues Mütterchen mit einem Körbchen Reisig aus dem Gebüsche, und wie gehetzt lief es auf ihn zu und bat flehentlich, er möge schnell in eine niedergebrochene Fichte, die just über den Weg lag, drei Kreuze schneiden, der wilde Jäger sei ihr auf dem Fuße und der sei ihr Feind und werde sie töten. Das alles war das Werk eines Augenblicks, und alsbald hatte der Bursche auch mit seinem Messer die drei Kreuze in den Baumstamm geschnitten, und war selbst mit dem fremden Weibchen darunter gekrochen, als auch schon das wilde Heer ankam. An den drei Kreuzen aber hatte die Macht des wilden Jägers eine Schranke, er zog fluchend und wetternd zurück und das Holzweibchen war gerettet. Dasselbe gab seinem Helfer einen grünen Zweig aus seinem Körbchen, dankte gar geheimnisvoll und -- war verschwunden. Dem Burschen war's noch ganz wirbelig und drehend im Kopfe von all dem Spuk, aber so viel war ihm doch klar, daß das graue Mütterchen, wenn es einmal etwas schenken wollte, sich schon ein wenig mehr hätte angreifen können. Mißmutig wollte er den Zweig wegwerfen, besann sich aber doch noch und steckte ihn zum Andenken an das sonderbare Erlebnis auf seine Mütze. Wie er nun frisch weiter schritt, da ward ihm sein Mützlein immer schwerer und schwerer, und als er es endlich abnahm, da war der Zweig gewachsen, und was war's überhaupt für ein Zweig geworden? Gelbe glitzernde Blätter waren d'ran, und wuchsen immer noch mehr, daß ihm schier Sehen und Denken und am Ende die Lust, weiter zu wandern, verging. Er kehrte um, ohne eigentlich zu wissen, warum, und war noch vor Abend wieder daheim. Was die alte Mutter sich wundern mochte! Der Tochter des Nachbars aber war's eben recht, denn: Wiederkommen bringt Freude.
Der wilde Jäger hatte wohl Ursache, das Holzweibchen zu verfolgen, denn dasselbe hatte in seinem Garten von dem wunderbaren Goldbaume sich ein Körbchen der besten Zweige geholt. Davon hatte nun der Bursche einen bekommen und der trieb immer neue Blätter. Die Blätter schüttelte unser Holzhauer ab und verkaufte sie in den Städten, wo sie noch heute von den schönen Damen als Schmuck getragen werden. Nun konnte er seines Nachbars Kind heiraten, und sie mögen sich wohl auch ein gar hübsches Haus gebaut haben. Das Goldbäumchen aber ist mit der Zeit eingegangen, vielleicht hat sichs auch das Holzweibchen wieder geholt, vielleicht auch der wilde Jäger selber.
Auch Christ. Lehmann erzählt im Histor. Schauplatze, daß sich die Holzweibchen in ihrer Gutmütigkeit und um die Menschen glücklich zu machen, zuweilen an dem zauberhaften Baume im Garten des wilden Jägers vergreifen, daß sich aber die von ihm abgebrochenen Zweige und Blätter in Gold verwandeln. Deshalb werden nun die wilden Weibchen vom Satan, d. h. dem wilden Jäger verfolgt.
183. Buschweibchen in der Umgebung des hohen Steines.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 135.)
Wie im hohen Steine zwischen Graslitz und Markneukirchen menschenfreundliche Zwerge wohnten, so hielten sich in den umliegenden Wäldern Buschweibchen auf, welche häufig in die Häuser kamen und dort Essen begehrten, wofür sie manch' seltenen, kostbaren Stein, manch' heilkräftige Pflanze zurückließen.
Manche Leute nennen sie auch Moosweibchen, und man schildert sie als zwerghafte Gestalten, über und über mit Moos bewachsen und Kleider aus Baumrinde und Flechten tragend. Einst bezeigte sich ein solches Wesen besonders wohlthätig, wie uns die folgende Sage berichtet.
Zu wiederholten Malen vernahmen Beerweiber und Schwämmesammlerinnen aus einem dichten Gestrüppe in der Nähe des hohen Steines heftiges und anhaltendes Niesen; aber keiner von ihnen fiel ein, »Helf Gott!« zu rufen. Wenn sie sich dann auf den Heimweg begaben, sahen sie aus dem Gebüsche ein Moosweibchen treten, das sich unter schweren Seufzern und traurigen, vorwurfsvollen Blicken entfernte. Einst aber, als das Niesen denn gar zu laut und häufig erschallte, sagte ein Weib: »Nun so helf Gott der Person, welche so heftig da drin nieset!« Augenblicklich stand eine weiße Frau vor ihr und sagte freudig: »Du hast mich erlöst, hier empfange Deinen Lohn!« Mit diesen Worten überreichte sie dem armen, erschrockenen Weibe einen schweren Moosknollen und verschwand. Der überreichte Knollen aber enthielt ein großes Stück Gold, welches das Weib reich machte.
Eine ähnliche Sage aus der Grafschaft Mannsfeld erzählt von einem Görsbacher, welcher am »Wahle«, einem Stück Land, wo jedenfalls früher ein alter Gerichts- und Opferplatz war, vorüberging und dabei wiederholt jemanden niesen hörte. Der Görsbacher rief jedesmal »Gott helf!«, aber kein Dank schallte zurück. Als es nun zum dritten Male nieste, sagte der späte Wanderer: »Ei, wenn Du mir nicht dankst, so schweig ich auch.« Da rief es ihm kläglich zu: »Ach, hättest Du mir doch nur noch einmal »Gott helf!« zugerufen, so wäre ich erlöst gewesen; nun muß ich wieder 100 Jahre nach Erlösung schmachten!« (Größler, Sagen der Grafschaft Mannsfeld, No. 221.)
Ganz ähnlich sind die Sagen vom Spuk am roten Steine bei Oberhof in Thüringen, (Richter, Deutscher Sagenschatz, 3. H. No. 7), und von den verfluchten Jungfern bei Eisenach und am Falkensteine bei Schmalkalden. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, No. 113 und 153.)
Die Sitte, beim Niesen dem Betreffenden »Gott helf!« oder dem Entsprechendes zuzurufen, reicht jedenfalls bis ins graue Altertum zurück, obschon der Anfang dieses Gebrauchs gewöhnlich in das 6. Jahrhundert verlegt wird, als eine Beulenpest in Italien auftrat, welche mit Niesen begann und mit dem Tode endete. Damals soll man zuerst demjenigen, welcher zu niesen anfing, zugerufen haben: »Nun helf' Dir Gott!« (Hahn, Geschichte von Gera I. S. 287.) Jedoch gedenken dieser Sitte schon Aristoteles und Plinius. Aristophanes bezeichnet das Niesen als eine göttliche Kundgebung, und als eine solche galt dasselbe auch bei den Indianern Amerikas; denn als die Spanier in Florida eindrangen, sahen sie, daß, wenn der einheimische Herrscher nieste, die Anwesenden sich vor ihm beugten und die Arme flehend nach der Sonne ausstreckten.
Daß die Buschweibchen und wilden Weiber heilkräftige Kräuter kannten, wie unsere Sage meldet, erfahren wir auch aus dem Gudrunliede. Wate von Stürmen verband sich und die im Kampfe Verwundeten und nahm eine gute Wurzel in seine Hand, denn längst hatte man vernommen, »heilkundig sei Herr Wate von einem wilden Weibe!«
184. Buschweibel in der Gegend von Platz und Hohentann.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 55.)
Man erzählt in der Gegend von Hohentann und Platz, daß in alten Zeiten, wenn das Gesinde auf den Feldern und die Hausfrau allein zu Hause war, daß die Buschweibel öfters in den Häusern erschienen und bei verschiedenen häuslichen Verrichtungen hülfreich an die Hand gingen und sogar die Kinder warteten. Diese gute Zeit ging aber vorüber wie die Buschweibel selbst prophezeiten, denn sie sagten: »Wenn man wird die Knödel im Topf und das Brot im Ofen zählen, dann ist unsere Zeit vorbei, dann werden wir nicht mehr da sein!«
185. Warum die Holzweibel nicht mehr im Erzgebirge leben.
(Grohmann, Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. 1. B., S. 14.)
Der Holzweibchen sind vormals viele in den erzgebirgischen Wäldern gewesen; sie können aber jetzt nicht mehr daselbst leben, seit das Brot im Backofen gezählt wird. Früher wurde es nicht gezählt und da konnten sich die Holzweibel unbemerkt davon holen.
Mehr noch wie die eigentlichen Zwerge machen die Holzweibchen den Eindruck von Angehörigen eines unterdrückten und nur geduldeten Volksstammes. Bemerkenswert ist dabei, daß sie niemals wie die Berge bewohnenden Zwerge als Volk, sondern nur vereinzelt auftraten. Die Eigentümlichkeit ist ihnen nicht bloß bei uns, sondern auch in den Sagen der Lausitz und des Vogtlandes beigelegt. Eine Lausitzer Sage ermöglicht die Deutung, in den Holzweibchen versprengte Slaven zu sehen. In dem Dorfe Königshain wird nämlich einem solchen Weibchen, welches sich den Winter über bei einem Bauer aufgehalten hatte, von einem anderen, das vorübergeht, »Deuto, Deuto!« zugerufen. Es könnte dies ein Warn- oder Fluchtruf sein und so viel wie »Deutsche kommen!« bedeuten. (Haupt, Sagenbuch d. Lausitz I. No. 37.) Unsere Sage deutet an, daß die Holzweibchen sich heimlich das Brot holten, denn als man es zählte, konnten sie nicht mehr in der Gegend unbemerkt leben und zogen deshalb fort.
Doch weisen wieder andere Züge, welche die Sagen von den Holzweibchen anführen, auf mythische Wesen hin, wie sich denn überhaupt die Vorstellungen von unterdrückten Volksstämmen und diejenigen ihrer Gottheiten im Laufe der Zeit mit einander vermengten.
186. Die Holzweibel ziehen fort.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 60.)
Als die Holzweibel von den Menschen nicht mehr gastlich aufgenommen wurden, nahmen sie immer heimlich etwas weg: hier ein paar Klöße aus dem Topfe, dort ein frisch gebackenes Brot, und das war ihnen ein Leichtes, denn sie konnten sich unsichtbar machen. Doch man merkte endlich den Diebstahl und nun zählte die geizige Hausfrau allemal ihre Klöße und Brote, und die Weibel konnten dann nichts davon wegnehmen. Das war schlimm für die kleinen Leute, und sie beschlossen, die ungastlichen Stätten der Menschen zu verlassen und weit fortzuziehen.
Auf der Sosauer Flur wollte die Auswandererschar den rauschenden Egerfluß übersetzen, und ihr König rief dem Fährmann zu: »He Ferge, Du sollst Deinen Lohn im voraus wählen: entweder einen roten Kreuzer für jede Person oder Deinen Hut voll Goldstücke ein für allemal!«
Da sich die Weibel unsichtbar gemacht hatten, so kannte der Fährmann ihre Zahl nicht, und er dachte: Du nimmst das Gewisse! Er entschied sich daher für das Gold. Aber der Zug Leutchen wollte schier kein Ende nehmen, und Nacht und Tag ohne Unterlaß mußte der Mann die Fähre lenken. Endlich sagte der König: »Ferge, Du bist jetzt zu Ende; willst Du aber einmal sehen, was Du mit Deiner Arbeit geleistet hast?« Als dies der Fährmann bejahte, winkte der König und alsbald wurden die Weibel sichtbar, die alle kleine Sturmhütlein trugen. Da erstaunte der Fährmann über die Menge der kleinen Gestalten, die auf den angrenzenden Feldern des Dorfes Pokatitz am nordöstlichen Fuße des Kaadner Burberges aufgestellt waren, eng zusammen, so daß alles rings kohlschwarz aussah. Er merkte nun, wie thöricht seine Wahl gewesen, und daß ihm der verschmähte rote Kreuzer viel mehr eingebracht hätte.
187. Moosmännchen auf dem Kahleberge bei Altenberg.
(Mündlich.)
Auf der mitternächtlichen Seite des Kahleberges sind schon viele irre gegangen. Das geschah durch Moosmännchen, welche sich hier aufhielten und an gewissen Tagen besonders die Holzhauer neckten. Ein Holzarbeiter sah einmal ein solches Männchen; es war klein und sein Gesicht war mit Moos überzogen. Der Holzhauer konnte es aber nur sehen, wenn er etwas seitlich blickte; wendete er sich eilig um, damit er es anredete, so war es verschwunden; er sah es aber immer wieder von der Seite, wenn er weiter ging.
Auch die wilde Jagd hat man vielmals am Kahleberge gehört.
Deutsche Sagen und unter diesen auch solche aus dem böhmischen Erzgebirge erzählen uns ebenfalls von Moosweibchen, welche vielfach mit Wald- oder Holzweibchen zusammenfließen. Moosweibchen lebten z. B. im Harz in der Gegend von Wildemann. Sie werden uns als freundlich und liebreich geschildert und hatten Gänsefüße. Gleich den Holzweibchen wurden sie vom wilden Jäger verfolgt. Eine Erinnerung an die Moosmännchen hat sich im Harze noch darin erhalten, daß bei Volksfesten verkleidete und über und über in Moos gehüllte Knaben mit einem kleinen Tannenbaum in der einen und einer Sparbüchse in der andere Hand umhergehen und milde Gaben erbitten. (Heine, Sagen etc. aus dem Harze, S. 29.) Eine ähnliche dunkle Erinnerung an diese mythischen Wesen findet sich auch im Vogtlande, wo man an einzelnen Orten, wie in Reichenbach, zu Weihnachten kleine Moosmännchen auf den Tisch stellt.
188. Waldgeist bei Pfannenstiel.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 75.)
Hinter Grünhain liegt ein Wald, der Pfannenstiel genannt, auf welchem nicht allein viel Menschen erschlagen worden sind, sondern es hat auch daselbst ein Waldgeist viel Leute geneckt und erschreckt, daß sie davon starben. Dergleichen ist einem Schneeberger mit Namen Mehlhorn begegnet, den es in den Rumpelsbach geworfen, nachdem er dieses Gespenst auf dem Rücken den Berg hinan getragen hatte.
189. Ein Feldteufel zu Grumbach.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 76.)
Im Jahre 1654 hielt der Richter zu Grumbach einen Dorfknaben von 13 Jahren zu seinen Schafen. Von diesen führte ihn ein Feldteufel zweimal weg; das eine Mal warf er ihn nach dem Kitzwalde ins dürre Fichtengras, das andere Mal sahe das Gespenst seinem verstorbenen Vater ähnlich, bald mit, bald ohne Kopf, und es trug ihn in der Höhe über drei Äcker weg und warf ihn dann in einen Morast, so daß der Knabe krank wurde und nicht mehr hüten wollte.
190. Der Getreideschneider.
(Spieß, Aberglaube, Sitten etc. des sächs. Obererzgebirges. Programmarbeit. Dresden 1862, S. 14; z. T. mündlich.)
Am Johannesabende in der sechsten Stunde kommt der sogenannte Getreideschneider, der über die Ecke eines Stückes Getreide durchschneidet, von welchem er dann, wenn der Bauer drischt, den vollen Nutzen hat. Um diesem vorzubeugen, nimmt der Bauer Liebstöckelöl (Öl aus ~Levisticum officinale~) und macht, nachdem er den Finger in das Öl getaucht, ebenfalls in der sechsten Abendstunde des Johannestages, drei Kreuze an jede Ecke des Feldes auf die Erde. Ist aber der Getreideschneider bereits dagewesen, so hängt der Bauer, bevor er das Getreide einfährt, ein Büschel Reisigspitzen (frischgrünende Tannenzweige) über dem Scheunenthor auf, drischt sobald als möglich und macht dabei mit dem Reisigbüschel den Anfang. Dann ist der Bann gelöst und der Getreideschneider zieht keinen Nutzen.
In Thierfeld geht die Sage, daß in der Mittagsstunde des Walpurgistages die Vogelbeerbäume und Feldfrüchte von dem Getreideschneider beschnitten würden, ohne daß man ihn sieht.