Part 16
Vor langen Jahren lebte in Joachimsthal ein erfahrener, aber armer Bergmann, namens Christoph Wattmer, der sich und seine zahlreiche Familie, so gut es eben ging, durch seiner Hände Fleiß redlich ernährte. War auch oft in seiner Hütte Schmalhans Küchenmeister, so bewahrte sich doch Wattmer stets einen heiteren, zufriedenen Sinn, um den ihn seine Kameraden nicht selten beneideten. Einmal hatte er aber in der Nacht einen bösen Traum, der ihn recht traurig stimmte, da er ein großes Unglück befürchtete. Deswegen wäre er gern von der kommenden Morgenschicht weggeblieben, allein er mußte seiner Pflicht folgen. Mit sorgenschwerem Herzen machte sich also Wattmer beim Tagesanbruch auf den Weg zum Grubenhause, verrichtete daselbst sein Gebet und mit dem üblichen »Glück auf!« fuhr er im Namen Gottes in den tiefen Schacht. Als er vor Ort war, arbeitete er fleißig und unverdrossen, bis er plötzlich in der Nähe ein Klopfen und Hämmern, ein Ächzen und Stöhnen vernahm, das ihn nichts Gutes erwarten ließ. Wie er nun in Gedanken versunken dastand, sah er einen großen, dicken Mann im schmierigen, erdfahlen Grubenkittel auf sich zuschreiten. Er hatte einen großen runden Hut auf dem Kopfe, Schlägel und Eisen im breiten Gürtel, in der rechten Hand aber trug er ein Grubenlicht, das die ganze Strecke taghell erleuchtete. Je näher die unheimliche Gestalt kam, desto enger schnürten Furcht und Grausen des Bergmanns Brust zusammen. »Fürchte Dich nicht,« redete der Berggeist den zitternden Bergmann an, »ich will Dir kein Leid zufügen, denn Du bist mir gerade willkommen. Sorge täglich für eine Pfennigsemmel, es soll nicht Dein Schaden sein!« Der Bergmann that, wie ihm befohlen ward, und brachte dem Berggeiste jede Schicht eine Pfennigsemmel. Darüber erfreut, sprach der Berggeist eines Morgens zu Wattmer: »Da Du bisher meinen Wunsch erfüllet hast, will ich Dich zum reichen Manne machen.« Nach diesen Worten schlug er an die Wand und sofort öffnete sich eine Strecke voll Silbererzes. »Melde den Anbruch«, fügte er hinzu, »Deinen Vorgesetzten, doch sage niemandem, daß ich mit Dir im Verkehre stehe, sonst bist Du unrettbar verloren!« Der Bergmann versprach Stillschweigen, schied mit dankerfülltem Herzen von seinem Gönner und fuhr vergnügt zu Tage. Er eilte alsdann zum Berghauptmann und hinterbrachte ihm die Nachricht von dem reichen Silberanbruche. Wie ein Lauffeuer ging diese Kunde von Mund zu Mund und Freude strahlte auf allen Gesichtern. Die gesamte Bergknappschaft veranstaltete nun zu Ehren des wackern Christoph Wattmer ein glänzendes Mahl, bei welchem er obenan saß. Als die Teilnehmer des Freudenfestes im Saale schmausten, zechten und sich lustig machten, bestürmten sie unablässig Wattmer, er möge ihnen doch endlich über das unerwartete Auffinden des Anbruches näheren Aufschluß geben. Die Aussage, die derselbe machte, genügte den neugierigen Kameraden, welche den Zusammenhang der Sachlage ahnen mochten, noch lange nicht, sie wollten mehr erfahren. Ihrem Drängen gab endlich der unbesonnene Wattmer nach und erzählte mit beklommenem Herzen die ganze Begebenheit; dafür aber sollte er schwer büßen. Als er nämlich am folgenden Tage mit Zittern und Zagen anfuhr, erwartete ihn schon mit geballter Faust der ergrimmte Berggeist, der ihm mit donnernder Stimme zurief: »Heißt das, armseliger Erdenwurm, mir, dem Herrn über alle Gebirge dieser Gegend, Wort gehalten?« Dann ergriff er Wattmer und schleuderte ihn unbarmherzig in den Schacht hinunter, wo er zerschmettert tot liegen blieb.
169. Der Berggeist von Joachimsthal.
(Novellistisch in Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 12. etc.)
Die Grube St. Barbara zu Joachimsthal hatte einst einen bösartigen gottlosen Obersteiger, welcher über Kirche und Gebet spottete, unmäßig trank und spielte, seine Untergebenen drückte und einen schändlichen Unterschleif machte. Seinem Beispiele folgten die meisten seiner Untergebenen; nur acht oder zehn Bergleute glaubten treu an Gott und Vergeltung, hielten in frommer Gemeinschaft zu einander und wurden von der bösen Rotte ihrer Kameraden spottweise »Moses und die Propheten« genannt. Zu diesem kleinen Häuflein, welches vergebens der einreißenden Verwilderung entgegenstrebte und sogar mit einer Anzeige drohte, gehörte auch Daniel. Derselbe war ein junger Mann voll Geist und Leben und dabei ausgestattet mit reichen Kenntnissen im praktischen Bergbau, so daß er bereits von dem verstorbenen Vorgänger des gottlosen Obersteigers dem Bergamte zur Beförderung vorgeschlagen worden war. Doch hatte man ihn bald wieder vergessen, so daß die Hoffnung Daniels, seine Braut Marie, welche die hinterlassene Tochter des verstorbenen Obersteigers war, heiraten zu können, in weite Ferne rückte. Dazu kam noch, daß ihn der gottvergessene neue Obersteiger wegen seines frommen Wesens haßte und bei den übrigen Vorgesetzten verleumdete. Nur die Trostworte seiner Braut und eines alten Freundes, des eisgrauen Martin, welcher mit ihm auf derselben Grube anfuhr, trösteten ihn. Als nun Daniel eines Tages vor Ort arbeitete und es schon stark gegen das Ende der Schicht gehen mußte, da sein letztes Licht in der Blende fast ganz heruntergebrannt war, hörte er unter seinen Füßen ein Klopfen und Hämmern, und er wußte wohl aus den Erzählungen des alten Martin, daß dies von den Erdgeistern herrühren müsse, da er ja auf der Sohle der Grube stand und unter ihm keine Häuer arbeiteten. Da suchte er sein Arbeitszeug zusammen, um wieder auszufahren. Als er aber im Stollen um eine Ecke bog, trat ihm plötzlich aus einem von den Alten betriebenen und wieder verlassenen Orte ein kleiner, dicker Mann im Grubenkittel entgegen. Schlägel und Eisen, die ihm im Gürtel staken, waren ungeheuer groß und stark. In der rechten Hand hielt er eine Blende, in der aber kein Licht brannte, sondern ein herrlicher grüner Stein befestigt war, der einen wunderlieblichen Schein in hellen Strahlen nach allen Seiten hinwarf. Wie nun Daniel schweigend vorübergehen wollte, ward er mit Erstaunen gewahr, daß der unbekannte Bergmann mit seinem Leibe die Breite des Stollens so genau ausfüllte, daß an ein Vorbeischlüpfen nicht zu denken war. Er trat also einen Schritt zurück, schlug ein Kreuz vor der Gestalt und sagte: »Wer Du auch seist, gieb einem frommen Bergmanne Raum, der auf seinem Berufswege wandelt!« Aber der kleine Kerl lachte und sagte: »Ich fürchte mich vor Deinem Zeichen nicht, Kamerad, und magst Du daraus abnehmen, daß ich Dir kein Leid zufügen will. Im Gegenteil, ich will Dir helfen. Du bist ein armer Kerl, hast manchmal kaum satt Brot und verdienst mehr, als alle die Schurken, die hier anfahren. Ich bin der, den Ihr den Bergmönch nennt, bin Herr über alle Gebirge dieser Gegend und kenne alle edlen Flötze und reichen Gänge. Dich hab ich lieb gewonnen und will Dich zum reichen Manne machen. Hier nimm!« Damit langte er aus seinem weiten Grubenkleide eine Menge der herrlichsten Schaustufen von Rotgüldenerz hervor. »Gott behüte«, sprach Daniel, »daß ich Euer Geschenk annehme, und somit meinen Landesherrn bestehle. Wißt Ihr wirklich, wo edle Geschicke brechen, so zeigt es dem Steiger an, und wir bekommen dann alle einen höheren Lohn. Schimpft mir auch nicht auf meine Kameraden, es sind auch noch ehrliche Kerls darunter.« »Narr Du,« brummte der Bergkönig, »mit Deinen ehrlichen Kameraden; und Dein Steiger ist ein Schuft, der die Grube bestiehlt und dem ich noch einmal den Hals umdrehen will! -- Du nimmst also mein Geschenk nicht?« »Ich darf nicht, Herr!« entgegnete Daniel. »Nun, so krieche hinaus, Du blöder Maulwurf!« Mit diesen Worten faßte ihn der Berggeist bei den Schultern und warf ihn den Stollen vor bis an den Fahrschacht, ohne daß dem Daniel jedoch ein Glied weh gethan hätte. Derselbe stieg nun hinauf, und als er so hoch oben war, daß das Tageslicht in den Schacht fiel, sah er wieder den Berggeist, welcher bereits oben war und mit dem Neffen des Steigers seine Silberstufen theilte. Da der Neffe aber immer die größere Hälfte in seinen Kittel steckte und darauf den übrigen Teil dem Berggeiste zuschob, packte ihn dieser beim Gürtel, riß ihm die versteckten Stücke heraus, rannte ihn mit dem Kopfe gegen die Fahrt, wobei er immer schrie: »Heißt das ehrlich geteilt, Du Galgenstrick? heißt das ehrlich geteilt?« und schleuderte ihn endlich in den Schacht hinunter. Glücklicherweise gelang es dem auf der Fahrt feststehenden Daniel, den Neffen des Steigers aufzufangen und wieder mit heraufzubringen. Er trug ihn zum Steiger, dem er die ganze Geschichte erzählte. Dieser aber hieß ihn einen Narren, der wohl betrunken gewesen sei, und gebot ihm nach Hause zu gehen. -- Am anderen Morgen wurde Daniel vor den Steiger gefordert, der ihn der Lüge beschuldigte, indem sein Neffe ausgesagt habe, wie Daniel betrunken in die Grube gekommen sei, Händel angefangen und ihn, den Neffen, blutrünstig geschlagen habe. Das Märchen vom Bergmönch sei nur erfunden worden, damit sich Daniel auf diese Weise entschuldige. Zur Strafe solle derselbe nun 8 Tage lang zur Huntejungenarbeit, welche die jüngsten Anfänger verrichteten, verurteilt sein. Diese neue unverschuldete Kränkung empörte Daniels Herz; er beschloß, seinen Abschied zu fordern und auf einem ausländischen Bergwerke ein Unterkommen zu suchen. Seine Braut Marie bestärkte ihn in seinem Entschlusse. Am nächsten Lohntage wollte er seinen Abgang anzeigen.
Im Bewußtsein seiner Unschuld war er wieder angefahren und begann eben seine Strafarbeit. Plötzlich stand der Berggeist vor ihm und sprach: »Siehst Du, Tropf, wie Deine Gutmütigkeit belohnt wird, und was Du für ehrliche Kameraden hast? So nimm nun ein Stück Silber von mir, damit Du wenigstens einen Zehrpfennig auf die Reise hast!« »Hebe Dich weg, Versucher!« antwortete Daniel; »jetzt leide ich unschuldig, deshalb bin ich heiter und guter Dinge; so ich aber Deinen Reichtum nähme und mein Gewissen mit ungerechtem Gut belastete, was bliebe mir dann für ein Trost?« Da entgegnete der Berggeist: »Ich sehe wohl, daß Du ein ehrlicher, wackrer Bursche bist, und deshalb soll es Dir wohl gehen. Jetzt merke wohl auf, was ich Dir sage. Wenn Du zu Abend aus der Grube fährst, so bitte den Steiger, er möchte Dich morgen frei lassen, Du wolltest Deine Andacht halten. Das darf er Dir nicht abschlagen. Dann gehe zum Geistlichen, empfange das heilige Sakrament und halte Dich ruhig. Hüte Dich aber jemand ein Wort zu sagen, es wäre zu Deinem Schaden. Wenn nun der Steiger die Knappen beruft, so gehe und thue frischen Muts, was Dir befohlen wird, Du bist auf guten Wegen, Gott wird Dich schützen und ich werde Dir behülflich sein!« Daniel that, wie ihm gesagt ward. Er verrichtete am andern Morgen seine Andacht und saß nun stillbetend in seinem Kämmerlein, wartend, was da kommen sollte. Einige Stunden nach Mittag hörte er ein Zusammenlaufen und lautes eilendes Gespräch vor seiner Hütte. Als er hinaustrat, vernahm er, daß in der Grube ein großes Unglück geschehen sein müsse, denn das Gestänge stehe still und man höre in der Tiefe ein ungewöhnliches Brausen und Poltern. Bald rief die Bergglocke die Arbeiter, welche sich nicht auf der Schicht befanden, beim Steiger zusammen, welcher wetterte und fluchte. Beim Zählen fehlte bloß der alte Martin, welcher am vorigen Tage die Erlaubnis erhalten hatte, in sein Geburtsdorf zu gehen. Nun ordnete der Steiger an, daß einer hinabsteigen müsse, um nachzusehen, was unten geschehen sei. Dazu veranlaßte er seinen eigenen Neffen, weil er ihm Gelegenheit verschaffen wollte, sich auszuzeichnen. »Ich verspreche Dir,« so sagte er zu ihm, »einen Bericht an's Bergamt, der Dir den Untersteiger einbringen soll!« Der Neffe weigerte sich anfangs, versuchte es dann, stieg wieder empor und bat schließlich, ihn zu verschonen, da ihn die Angst umbringe. Da stieß ihn der erzürnte Oheim in die Grube hinab und warf die schwere Fallthüre zu. -- Unterdeß hatte sich die Kunde von dem Unglücke in der Grube weiter verbreitet, die Frauen und Kinder von mehr als zwanzig Bergleuten, die auf der Schicht arbeiteten, kamen herbei und überhäuften den Steiger mit Vorwürfen; unter ihnen war auch Marie, welche von tödlicher Angst um Daniel an den Unglücksplatz getrieben wurde. Da gebot der Steiger, durch die Vorwürfe erbittert, durch seines Neffen vorsätzlichen Mord noch mehr verwildert, Daniel solle nun hinab und ihm Kundschaft bringen, woraus er dann den Bericht abfassen könne. Daniel trat darauf, obwohl ihn Marie davon zurückzuhalten suchte, die gefährliche Fahrt an. Er tröstete seine Braut und sagte, sie würden sich gewiß wiedersehen. Der Steiger aber warf die Fallthür wieder zu, schob den Riegel vor und sagte lachend: »Der fromme Mann wird wohl pochen, wenn er wieder heraus will!« Damit ging er nach seinem Hause. Auf Mariens Bitten öffneten die oben stehenden Bergleute den Schacht wieder und das Mädchen lauschte hinab. Plötzlich rief sie aus: »Ich sehe ein Licht in der Tiefe!« und dann wieder: »Gottlob, es ist Daniel!« So war es. Daniel stieg glücklich hinauf, alle Arme streckten sich nach ihm aus, um ihm zu helfen. Um seinen Leib hatte er ein Seil geschlagen, und an dem Seile hing der leblose Körper des vom eigenen Onkel hinabgestürzten Neffen. Das erste, was Daniel that, war, des Neffen Schläfe zu reiben; man entzündete Sprengpulver vor dessen Nase, und endlich gelang es den vereinten Bemühungen, ihn wieder zum Leben zurückzurufen. Als er die Augen aufschlug, sah er Daniel und stammelte: »Daniel, unschuldiger, verleumdeter Daniel, zweimal mein Retter, ach, vergieb!« Dieser drückte ihn an sein Herz. Während dessen war ein höherer Bergbeamter mit dem Steiger an die Grube gekommen. Der Bergoffizier beugte sich über den Schacht, starrte hinab und sagte: »Unglaublich! die Wässer steigen noch immer. Seht nur selbst, Obersteiger!« Dieser eilte herbei, sich weit über den Abgrund legend. Aber plötzlich fuhr, allen sichtbar, eine Riesenfaust aus der Tiefe, drehte im Nu des Steigers Angesicht auf den Nacken, daß man alle Wirbel brechen hörte, hielt das gräßlich verzerrte, blaue Todenantlitz der Menge entgegen und verschwand mit seinem Raube unter der Flut. Darauf hörte man ein fürchterliches Donnern in der Tiefe. Als sich die Umstehenden von ihrem Schreck etwas erholt hatten, sprach der Bergbeamte sehr ernst: »Gott hat gerichtet und meinen schwachen Händen dies Amt entnommen! denn auch ich war gekommen zu richten!« Er erzählte nun, wie die Unredlichkeit des Steigers dem Bergamte bekannt geworden sei, und wie er vor seiner Abreise von dem alten Martin, den er als einen frommen Bergmann kenne, noch mehr vollgiltige Beweise der Schuld erhalten habe. Hier an der Grube habe er den unredlichen Mann seines Amtes entsetzen und zur Strafe ziehen wollen. Und als der Bergoffizier nun weiter von Daniel hörte, wie derselbe in der Grube seinem Tode in den hereinbrechenden Wassern entgangen sei und wie er den Körper des Neffen vom Steiger gefunden und auf wunderbare Weise gerettet habe, da erkannten er und alle Anwesenden die Hand Gottes und die Hülfe des Berggeistes. Daniel war mit dem Körper des von seinem Onkel Hinabgestürzten von den Fluten verschlungen worden, und als er wieder zum Bewußtsein kam, fand er sich mit letzterem in einer geräumigen, trocknen Halle, zu seinen Füßen stand die angezündete Blende und lag ein Stück Seil. So gelang es ihm, wieder die Fahrt zu gewinnen und den leblosen Körper mit hinauf zu ziehen. -- Der Bergoffizier ernannte hierauf Daniel im Auftrage des Bergamtes zum Untersteiger an der Grube St. Barbara, und ebenso wies er auch dem alten Martin einen Zuschuß an, der es ihm erlaubte, den Rest seines Lebens außer der Grube zuzubringen. Darauf schied der Beamte von ihnen, indem er dem Daniel noch Glück zu seinem neuen Berufe wünschte.
Nach acht Tagen war Marie Daniels glückliches Weib. Der Berggeist erschien zwar nicht wieder, aber mehrfach konnten die Glücklichen seine Nähe spüren. Zwar blieb die ersoffene Grube liegen, jedoch entdeckte Daniel in demselben Reviere die herrlichsten Anbrüche. Die Grube ward nach seinem Namen »Daniel-Zeche« genannt, gab überreiche Ausbeute und baute sich gut aus. Als aber nach einem Jahre Daniel den Beamten und den alten Martin zu Gevattern bei seinem neugeborenen Söhnlein bat und ersterer ihm die Ernennung zum Obersteiger mit Gehaltszulage mitbrachte, da klingelte es auf einmal wie goldene Schellen auf den zinnernen Tellern, die an der Wand standen, und siehe, es fielen eitel neue Goldstücke durch die Decke herab, hundert an der Zahl. In der Mitte war ein Mönch darauf geprägt, und rund herum standen die Worte: »Beschert Glück zur Daniel-Zeche!« Jetzt erkannte Daniel wohl seinen alten Freund, den Berggeist, und in der Freude seines Herzens griff er nach einem Becher Weins und brachte auf den Berggeist die Gesundheit aus. Da that ihm jedermann Bescheid, die Gläser klirrten und zugleich ertönte eine starke, liebliche Musik von Harfen und Zithern, Hörnern und Schalmeien. Als man aber die Thüre öffnete und den Spielleuten zu trinken geben wollte, da war niemand zu sehen und zu hören.
170. Der Berggeist von Abertham.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 84.)
Am ältesten Ende von Abertham liegen mächtige Halden der ehemaligen »Kreuzzeche,« welche in der letzten Periode des dortigen Bergbaues allein zur Förderung sämtlicher Erze und Gesteine der Aberthamer Grubengänge benutzt wurde. Über 300 Bergknappen waren bloß zur Förderung angelegt. Als man aber daran ging, in genannter Zeche mancherlei Fördermaschinen einzusetzen, waren viele Bergleute um ihr Brot besorgt und trauerten und jammerten. Ihr Klagen rührte sogar den mächtigen Berggeist, der sich entschloß, die bedrängte Lage von den armen Bergleuten abzuwenden. Er ließ sich daher mehrmals an verschiedenen Orten der Kreuzzeche sehen und stieß bei seinem jeweiligen Erscheinen die warnende Drohung aus:
»Legst Du mir meine Manneln (Knappen) ab, So schneid' ich Dir Deine Mittel ab!«
Da sich jedoch der Bergherr an diese Drohung nicht kehrte, sondern unablässig darauf sann, immer mehr Maschinen in Anwendung zu bringen, trat endlich, nachdem des Berggeistes Langmut ein Ende genommen, die unglückliche Katastrophe ein, welche die gesamte Knappschaft schon längst befürchtet hatte. Es brach nämlich eines Tages der sogenannte tiefe Stollen, auch Schlickenstollen genannt, zusammen und ließ sich nicht mehr bewältigen. Alle angewandten Kunstgriffe, die Entsumpfung der nach Erz führenden Horizonte zu bewerkstelligen, erwiesen sich zwecklos; die Mittel waren und blieben abgeschnitten.
171. Der kleine Jäger auf dem Ochsenkopfe bei Bockau.
(Mitgeteilt von P. Mothes aus Bockau.)
Bei der alten Zeche auf dem Ochsenkopfe haben verschiedene Leute einen kleinen Jäger mit erdfahlem Gesichte gesehen. Derselbe ladet jeden, der ihm begegnet, zu einem Spiele ein, und wenn ihm dann der Betreffende folgt, so führt er ihn auf unbekannte Flecke, von wo aus derselbe sich nur schwer wieder zurecht findet.
172. Der Gevattersmann vom Greifenstein.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen. Anhang, No. 40. Dietrich und Textor, die romantischen Sagen des Erzgebirges. I. 1822, S. 150. etc. Gießler, Sächs. Volkssagen. Stolpen (o. J.) S. 107.)
Vor langer Zeit lebte in Geyer ein armer Häuer, mit Namen Hans Geißler, der war blutarm und hatte ein schwangeres Weib und viele Kinder und wußte sich oftmals keinen Bissen Brot zu verdienen. Am größten aber war seine Not am Sylvesterabende, als die Niederkunft seines Weibes auf wenig Stunden nahe war und er weder eine warme Stube, noch sonst eine Erquickung, ja nicht einmal eine Wehmutter für sie hatte. Er eilte hinaus, eine erfahrene Muhme aus Günsdorf zu holen, verirrte sich aber bei dem gräßlichen Schneegestöber von dem Wege und kam, durch tiefe Wehen sich mühsam durcharbeitend, zuletzt an die Felsenschichten des Greifensteines. Erschrocken wollte er umkehren, als der Berggeist ihm erschien und mit freundlichem Blick ihn also ansprach: »Eile, glücklicher Vater! Gott hat Dein Weib mit drei holden Knäblein gesegnet! Wenn Du nichts dawider hast, will ich Dein Gevatter sein!« Da verließ Hansen die Furcht und er antwortete: »In Gottes Namen magst Du mein Gevatter sein, aber wie thue ich Dir die Stunde der Taufweihe kund?« Wie nun der Berggeist lächelnd sagte, daß er ohnedem kommen würde zur rechten Zeit, da verließ sich Hans darauf und eilte heim. Sein Weib hatte ihm drei holde Knäblein geboren.
Am andern Tage, als alles zur Taufe bereitet war, da ließ auch der Gevattersmann vom Greifenstein nicht auf sich warten. Er erschien in Häuerkleidung und übte das fromme Werk mit inniger Andacht; als die heilige Handlung vorüber war, da schenkte er Hansen einen Schlägel und ein Eisen und sprach: »Lieber Gevatter, bete und arbeite! Wo Du mit diesem Gezäh einschlägst, da wirst Du reiche Ausbeute finden, und dann denke allemal an Gott und Deinen Gevattersmann.« Darauf verschwand er; seine Worte aber trafen ein. Hans ward ein reicher Mann und soll die Siebenhöfe bei Geyer gebaut haben.
173. Das Geschenk des Holzweibchens.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke, S. 105.)
Die Holzweibchen sollen kleine zwerghafte Wesen gewesen sein, die sich in verschiedenen Wäldern des Joachimsthaler Bezirks aufhielten.
Ein Holzhauer setzte sich einmal zur Mittagszeit auf einen gefällten Baumstamm und verzehrte sein hartes Brot. Da kam aus dem Gebüsche ein altes Holzweibchen, füllte den Hut des Mannes bis an den äußersten Rand mit Holzspänen und verschwand. Alsbald sprang der Holzhauer, welcher diesem harmlosen Treiben ruhig zugesehen hatte, auf und schüttelte die Späne aus. Als er abends zu Hause den Hut abnahm, fiel klingend ein Stück Gold zur Erde, welches die Form eines Spanes hatte. Einer der Späne, die das Holzweibchen dem Holzhauer geschenkt und die er weggeschüttet hatte, war im Hute hängen geblieben und zu Gold geworden.
174. Die Waldweibchen bei Pobershau.
(Nach Mitteilung des Sem. Richter.)
Ungefähr zehn Minuten von Pobershau und nicht weit vom Walde zeigt man auf der sogenannten Amtsseite das Burkhardtsloch. Hier sollen vor vielen Jahren Waldweibchen oder wilde Weibchen gelebt haben, welche sehr gutmütig waren und oft armen Leuten in ihrer Not halfen. Deshalb werden sie noch heute in der Gegend, so oft man von ihnen erzählt, »Feen« genannt.
175. Das Holzweibel auf dem Spitzberge bei Preßnitz.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 56.)
Auf dem großen Spitzberge bei Preßnitz haben sich ehedem Holzweibel aufgehalten. Sie sind aber fortgezogen, als die Bewohner der umliegenden Orte anfingen, die Knödel im Topfe zu zählen. Nur ein Holzweibel blieb zurück, führte aber gegen die Menschen nichts Gutes im Schilde, weshalb man ihm aus dem Wege ging. Dem aber, der ein gutes Sprüchlein konnte oder ein Stückchen geweihte Kreide oder »Charsamstagskohle« bei sich führte, konnte es nichts anhaben. Ältere Bewohner von Preßnitz beschrieben es als von winziger Gestalt, mit einem Körbchen auf dem Rücken und einem Rührlöffel in der Hand.
176. Ein Holzweibel flüchtet vor dem Teufel.
(Edw. Heger a. a. O., S. 83.)
Ein Gebirgsholzhauer in der Gegend von Pürstein ward während seiner Waldarbeit häufig von einem Holzweibel besucht und mit Geld beschenkt. Einmal kam aber das Weibel in eiliger Flucht, denn der Teufel wollte es holen, und es rief schon von weitem: »Holzhauer, hacke geschwind drei Kreuze auf den Stock.« Das that denn auch gleich der dankbare Mann, das Holzweibchen setzte sich flugs auf den Stock und der Teufel mußte mit leeren Krallen abziehen.
177. Holzweibchen bei Grumbach, Steinbach und Pfannenstiel.
(Christ. Lehmann, Histor. Schauplatz etc., S. 78.)