Part 15
Die Burg Oberlauterstein ist im Hussitenkriege geschleift worden. In den noch längere Zeit gebliebenen Überresten wohnten Berggeister und Zwerge, welche sich nicht miteinander vertrugen, sich stets zankten und des Nachts einen furchtbaren Lärm verursachten, so daß die Wanderer oft auf den Gedanken kamen, es donnere daselbst. Da kam einst aus dem Baierlande ein Geisterbanner, ein Feilenhauer von Profession, in diese Gegend. Es war ein langer, hagerer Mann mit zerlumpten Kleidern, als Geisterbanner gesucht hier und da, gefürchtet aber von jung und alt. Der Amtmann im Schlosse Niederlauterstein bat ihn, die Geister in der Ruine Oberlauterstein zu bannen, denn sie ließen auch ihn nicht ungeneckt. Der Feilenhauer versprach alles und hielt auch Wort. In einer finsteren Nacht nahm er seine Beschwörungen vor, pfiff dreimal ganz laut, und die unruhigen Geister krochen allzumal in den vorgehaltenen Ranzensack. Diese Geister trug der Mann in der folgenden Nacht im Ranzen, wie eine Partie junger Katzen, in die entferntere Ruine des Raubschlosses am Katzenstein, wo sie sich nun unter dunklen Fichten die Zeit mit Würfel- und Kartenspiel vertrieben. Als jedoch die Ruinen des Raubschlosses immer mehr zusammenbrachen, hatten die gebannten Geister nicht alle mehr Platz und zogen aus. Nicht selten zeigen sie sich jetzt noch in der Nähe des alten Oberlauterstein in feuriger Gestalt. Die Frauen dieser Geister heißen Klageweibel. Sie zeigen den nahen Tod der Bewohner an und haben ihren Sitz auf den sumpfigen Wiesen von Ansprung. Zuweilen erscheinen sie auch in Zöblitz in Gestalt kleiner Kinder, bittere Thränen vergießend.
152. Berggeister in den Schneeberger Gruben.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis~, S. 1019.)
Außer höchster Not wegen der bösen aufsteigenden Wetter und Schwaden, welche die zwei edelsten Glieder des menschlichen Leibes, das Gehirn und Herz ergreifen, sind die Bergleute auch nicht in geringerer Gefahr wegen der Bergteufel, Mönche und Berggespenster, die in der Finsternis herrschen und in den Strecken herumfahren wie brüllende Löwen, und suchen, wie sie Bergleute, wo dieselben nicht mit Gebet und Glauben widerstehen möchten, verschlingen. Und ob auch wohl die Bergmännlein einfältige Bergleute nicht so furchtsam machen, sondern doch wohl ein Zeichen eines guten künftigen Anbruchs, wo sie gesehen werden, sein sollen, so ist doch ein Teufel so arg wie der andere, und welcher am freundlichsten sich stellet, der ist wohl am schädlichsten und verursacht durch Gottes Verhängnis Fälle und Brüche. Es ist bekannt, wie einst dergleichen Bergteufel in Gestalt eines Mönchs einen Arbeiter in dem alten reichen St. Georg ergriffen und nicht ohne Beschädigung seines Leibes in der großen Weite in die Höhe geworfen.
Im Jahre 1538 ist ein Bergmann in der Höflichen Besserung Fundgrube, vom Ungeheuer erwürget worden, weshalb Kurfürst Johann Friedrich darüber in einem besonderen Befehle umständlichen Bericht verlangte.
Am 26. März des Jahres 1683 ging die Levitenzeche mit 3 Schächten in Haufen, daß man nichts von der Kaue sahe. Kurz zuvor aber war ein dicker Mann, mit Silber und Gold geschmückt, aus dem Kämmerlein heraus in die Kaue zu einem Bergmanne, Israel Ficker, welcher daselbst Schachtholz zurichtete, gekommen, und hatte ihn mit diesen Worten gefragt: »Kennst Du mich nicht?« Und da der Bergmann geantwortet: »Herr, wie soll ich Euch kennen, Ihr werdet wohl einer vom Herzog aus Holstein (der diese Zeche bauete) sein!« Da hat er ihn heißen anfahren, und, weil er es nicht thun wollte, dergestalt getäuscht, daß er darüber des Todes war und am 30sten desselben Monats begraben wurde.
153. Der Berggeist in der Grube »Sieben-Schlehen« bei Neustädtel.
(Nach Mitteilung des Lehrers E. Schlegel aus Zschorlau.)
Es war eines Jahres am 24. December, als ein Bergmann in der Grube »Sieben-Schlehen«, nachdem er sein Gebet verrichtet hatte, getrosten Mutes einfuhr. Rüstig ging er an seine Arbeit. Da gegen Mitternacht ließen sich in der Ferne Schritte vernehmen, und der Bergmann glaubte, einer seiner Gesellen komme, um ihn abzulösen. Doch als das »Sappen« näher kam, erblickte er einen Mann, der trug an der Brust eine goldig funkelnde Blende mit einer Kerze darin; seine Kleidung war dunkel bis auf die weißen Strümpfe; an den Füßen hatte er glänzend schwarze Schuhe und der Kopf war mit einem Hute, ähnlich den Napoleonshüten, bedeckt. Sein Gesicht konnte jedoch der Bergmann vor Glanz nicht sehen; nur das eine sah er, daß ein silberweißer Bart bis auf die Brust hernieder hing. Die Erscheinung blieb vor ihm stehen und sagte nichts, leuchtete ihn aber an und kehrte auf demselben Wege wieder zurück. Als der Bergmann am anderen Morgen von seinem Begegnis erzählte, sagten ihm seine Gesellen, das sei der Berggeist gewesen.
In demselben Schachte arbeitete am nächsten Charfreitage ein anderer Bergmann. Derselbe hörte in seiner Nähe ein unaufhörliches Sägen und Hämmern, wiewohl er wußte, daß keine Zimmerlinge da waren. Er zeigte dies beim Ausfahren dem Steiger an, welcher sogleich einfuhr und die Töne ebenfalls hörte. Darauf ließ derselbe den Ort mit Bretern verschlagen. Nach wenigen Tagen aber war er tot.
154. Der Berggeist am Donat zu Freiberg.
(Ziehnert, Sachsens Volkssagen, 4. Aufl. Anhang, No. 7.)
Auf dem Donat Spath im Bereiche der Elisabeth-Fundgrube zu Freiberg sieht man in der Nähe eines alten Schachtes den Namen »Hans« in Stein gehauen, wahrscheinlich zum Andenken eines Verunglückten. Das Bergvolk aber erzählt davon folgende Sage:
Vor Zeiten arbeitete auf dem Donat auch ein Bergknecht Hans, welcher so arm war, daß er manchmal hätte verzweifeln mögen. Er weinte oft stundenlang in der Grube und eines Tages, als er sich keinen Rat mehr wußte, brach er in laute Klagen aus. Da zerteilte sich der Felsen und aus dem steinernen Thore trat ein kleines Männchen hervor. Das war der Berggeist, der sagte: »Armer Hans, ich will Dir helfen, aber Du mußt mir jede Schicht dafür ein Pfennigbrot und ein Pfenniglicht geben und ewiges Schweigen geloben!« Hans, welcher sich bald von seinem Schrecken erholt hatte, versprach alles mit Freuden. Darauf verschwand der Berggeist wieder und ließ ihm des Silbers in Menge zurück. Nun war Hans ein gemachter Mann, der schon ein paar Groschen aufgehen lassen konnte. Niemand konnte begreifen, woher er das Geld habe, und er nahm sich wohl in acht, davon zu plaudern. Aber da kam das Stollnbier, wo das Bergvolk sich der Freude hinzugeben pflegt. Hans war diesmal vorzüglich auf dem Zeuge und sprach dem Glase wacker zu. Bald war er berauscht und konnte in der Lust des Herzens das Geheimnis nicht länger verschweigen. Als aber am andern Tage sein Taumel verflogen war und die Freunde ihm erzählten, was er geplaudert habe, da erschrak er und fuhr mit Zittern und Zagen an. Sein Geschäft war, den Knechten, welche am Haspel standen, das Zeichen zu geben. Diese warteten lange vergeblich, er gab kein Zeichen, sie riefen ihn, er antwortete nicht. Da plötzlich zuckte es rasch am Seile und ein helles Licht erglänzte in der Teufe. Die Haspelknechte wußten nicht, was das zu bedeuten habe, drehten aber den Rundbaum mit Eile banger Erwartung, und bald war der Kübel zu Tage gefördert. Rings um den Rand desselben brannten Pfenniglichte, und drinnen lag der arme Hans tot, mit blauem Antlitz, wie ein Erdrosselter, und auf ihm das letzte Pfennigbrot. Der grausame Berggeist hatte ihn umgebracht.
155. Der Berggeist bestraft einen Kunstwärter.
(Mitgeteilt vom Lehrer E. Schlegel aus Zschorlau.)
Nahe bei »Sieben-Schlehen« befand sich ein Schacht, in welchem folgendes geschah: Als der Kunstwärter daselbst das Kunstzeug einölte und dabei an den Hauptzapfen kam, ließ sich ein Gesicht an der Wand sehen, welches sprach: »Diesen Zapfen schmiere ich.« Der Kunstwärter gehorchte und ließ von da an diesen Zapfen unberührt, bis er doch einmal das Gebot übertrat. Kaum hatte er den Hauptzapfen eingeölt, so geriet er mit dem rechten Arme in das Kunstzeug, welches ihm den Arm abriß. Doch empfand er dabei nicht den geringsten Schmerz und die Wunde blutete auch nicht. Als er den weggerissenen Arm aufhob, erblickte er das Gesicht an der Wand wieder; dasselbe sah ihn höhnisch an, ohne etwas zu sprechen.
156. Der Berggeist erscheint als grauer Mann einem Bergmanne in Neu-Geising.
(Meißner, Umständliche Nachricht von der Bergstadt Altenberg, 1747, S. 239.)
Gottfried Behr, welcher im Zwitterstock zu Altenberg arbeitete und einen Brennofen beschickte, erzählte folgendes: Es sei am 31. August 1713, als er in seinem Hause zu Neu-Geising früh vor 3 Uhr habe aufstehen wollen, ein Mann, grau von Haaren und Bart, in einer vollkommen menschlichen Gestalt, in einer langen grauen Kutte vor sein Bett getreten und hätte gesagt: »Warte immer noch ein Bißchen!« Und als Behr geantwortet: »Ich muß anfahren«, hätte dieser weiter gesagt: »Du sollst noch eher droben sein, als der, so mein Volk zählen läßt. Warte noch ein Bißchen, ich will Dir was sagen. Ich will mit Dir ins Zechenhaus gehen und Dir was weisen, wie ich mein Volk will wegnehmen. Du hast unterschiedliche Warnungen gethan und dabei haben Dich viele verunglimpfet; dieselben haben ihr Teil schon gekriegt. Und wenn sie Dich itzo werden wieder so verunglimpfen, wenn Du es sagen wirst, so soll es denen wieder so gehen, wie den ersten. Und Du sollst eher droben im Zechenhause sein, wie der Geschworene, das merke Dir zum Wahrzeichen gewiß!« Darauf wäre der Mann verschwunden und er hätte nicht gesehen wohin. Hierauf sei er aus dem Bette aufgestanden, hätte sich angezogen, und wie er seinen ordentlichen Weg den Mühlberg hinan ins Zechenhaus gegangen, habe er daselbst den alten grauen Mann innen an der Thür stehend wieder angetroffen und gesehen, daß er vom Ofentopfe an einen Strich mit dem rechten Arme über die Bergleute nach dem Fenster zu gethan, und ihn an der linken Seite berührt, daß er solches die ganze Woche lang sehr gefühlet und manche Thräne darüber vergossen. Nach diesem hätte er wahrgenommen, daß die Leute alle weggewesen, bis auf zehn Personen, so an dem Ofen traurig gesessen. Der graue Mann aber hätte dazu gesagt: »Da haben sie die Zwölf, die mögen sie auszählen.« Darauf sei er wieder verschwunden, und habe er, nämlich Behr, die Leute, welche fortgewesen, mitten unterm Gebete wieder um sich gesehen; es sei auch gleich der Herr Geschworene hineingekommen und habe sich sofort am Tische an seinen Ort gesetzt und mit den Burschen sein Gebet gethan; weiter aber habe er damals weder im Zechenhause, noch in der Grube, oder sonst etwas mehr gemerket. Freitags hernach, den 8. September, habe sich ferner begeben, daß, als er zu seiner Zeit aufgestanden und ins Zechenhaus sich begeben, auch in die Stube hineingetreten, dieser alte graue Mann in voriger Gestalt und Tracht beim vorderen Fenster am Tisch auf seinem Orte gesessen. Nachdem er nun näher gegangen, den Tisch mit der Hand ergriffen und sich setzen wollen, sei derselbe aufgestanden und gleich wieder vor seinen Augen weggekommen, worauf er sich gesetzet und mit den Bergleuten gebetet. Am 11. September, früh 5 Uhr, erschien der graue Mann dem Gottfried Behr wieder vor dem Bette und sagte, er solle mit ihm wohin gehen, da würde eine Hochzeit sein, es wären schon drei Tafeln gesetzt. Nachdem aber seine Frau dazu gekommen und ihn gerufen, wäre der graue Mann wieder verschwunden.
157. Vom Berggeist in Schneeberg.
(Nach einer mündlichen Mitteilung.)
In der St. Georgenzeche zu Schneeberg ist früher einem Knappen ein Berggeist erschienen und hat ihn so gewaltig auf einen Stein gesetzt, daß er wie angemauert sitzen bleiben mußte. Ebenso erging es einem Steiger, welcher die Bergleute sehr streng behandelte. Später erschien der Berggeist wieder und schlug mit der Faust gewaltig an die Felswand. Die Bergleute, welche daselbst arbeiteten, sahen darauf eine Höhlung, in welcher viel Silber lag. Hätten sie sogleich eine Hacke oder ein anderes Gerät in die Höhle geworfen, so würden sie den Schatz gewonnen haben. So aber unterließen sie es aus Unkenntnis und der Schatz verschwand; auch der Berggeist ließ sich von dieser Zeit an nicht wieder sehen.
158. Der Berggeist erscheint als schwarzer Mönch.
(Br. Grimm, Deutsche Sagen, I. No. 2. Wrubel, Sammlung bergmännischer Sagen, 1883, S. 29.)
In der St. Georgsgrube zu Schneeberg erschien der Berggeist in Gestalt eines schwarzen Mönches, ergriff einen Bergknappen, der sich in der Teufe ungebührlich aufgeführt, hob ihn auf, und setzte ihn auf einer ehedem silberreichen Grube nieder, so hart, daß ihm das Hinterleder platzte und alle Rippen krachten.
159. Der Berggeist erscheint in Roßgestalt.
(Br. Grimm, Deutsche Sagen, I. No. 2. Wrubel, a. a. O., S. 29.)
Zu Annaberg war eine Grube, genannt »der Rosenkranz«, darinnen arbeiteten 12 Knappen. Die schwatzten mit einander possenhaft, wollten sich gegenseitig mit dem Berggeist fürchten machen und leugneten ihn als einen lächerlichen Popanz. Da mit einem Male sahen sie eine Roßgestalt mit langem Halse und mit feurigen Augen an der Stirne und erschraken zum Tode. Dann ward aus der Roßgestalt die wahre Gestalt des Bergmönches, die trat ihnen schweigend nahe und hauchte jeden nur an. Sein Atem aber war wie ein böses Wetter, sie sanken tot nieder von des Geistes Anhauch, und nur einer kam wieder zu sich, gewann mit Mühe den Ausgang und sagte, was sich zugetragen. Dann starb auch er. Darauf ist die silberreiche Grube »der Rosenkranz« zum Erliegen gekommen und nicht mehr angebaut worden.
160. Der gespenstische Bergmann in Aue.
(Meltzer, ~Hist. Schneebergensis.~, S. 1146.)
In den erzgebirgischen Bergstädten sind die Bergteufel in manchen Gestalten erschienen, bald als Bergmönche inner- und außerhalb der Gruben, bald mit einem Irrlicht, als einem vermeinten Grubenlicht. So ließ sich im Jahre 1684 in einer Auischen Wohnung beim Schnorrschen Hammerwerk ein Geist hören und darauf in Gestalt eines Bergmanns sehen. Derselbe hüpfte in einer gewissen Gegend unweit der Mulde, und da man an diesen Ort mit der Rute ging, soll dieselbe auf Silber geschlagen haben.
161. Gespenstische Bergknappen im Zechengrunde bei Zinnwald.
(Mündlich.)
Frauen, welche mit Butter durch den Zechengrund bei Zinnwald, wo früher reiche Bergwerke waren, gingen, sahen oftmals daselbst Bergknappen, obgleich schon längst kein Bergbau dort im Gange mehr war.
162. Gespenstischer Bergmann zwischen Rittersgrün und Pöhla.
(Lehmann, Historischer Schauplatz, S. 75.)
Am Bache zwischen Rittersgrün und Pöhla ist ein Fels, in dessen Nähe sich ein Gespenst als Bergmann hören und sehen ließ, oben auf dem Kopfe mit einem brennenden Grubenlichte. Derselbe erschreckte des Nachts die Leute und warf sie in den Bach.
163. Gespenstischer Bergmann bei Scheibenberg.
(Chr. Lehmann, Historischer Schauplatz, S. 76. Wrubel, Sammlung bergmännischer Sagen, 1883, S. 79.)
Am Scheibenberge hat sich oft ein Gespenst in Gestalt eines Bergmanns sehen lassen. Dasselbe ist den Maurern, welche dort Sand gesiebt, plötzlich auf den Hals gekommen; andere hat es hinter dem Berge an eine eiserne Thüre geführt, wie zum Eingange eines Schatzes, die man aber darauf nicht hat wieder finden können. Auch hat daselbst ein Gespenst in Gestalt einer Jungfrau, oder in der von Wölfen, Füchsen und Irrwischen manche irre geführt und geäfft.
Im Jahre 1632 hat Hans Schürf zu Crottendorf eine Tochter von 8 Jahren im Walde verloren, die man innerhalb 13 Tagen nicht auffinden konnte, bis sie von einer Köhlerin im Walde angetroffen und heimgebracht wurde. Da man sie nun fragte, was sie denn gegessen und getrunken, antwortete sie, ein Männchen habe ihr alle Tage eine Semmel und zu trinken gebracht.
164. Ein gespenstischer Bergmann führt irre.
(Gräße, a. a. O. Nr. 499.)
Einmal ritt ein beherzter Mann ganz allein in der Abenddämmerung nicht weit von Annaberg auf der gewöhnlichen Heerstraße, da sah er einen alten Bergmann vor sich hergehen. Als er an ihn herankam, bot er ihm einen guten Abend, erhielt aber keine Antwort, ebenso wenig auf die Wiederholung des Grußes, und da er etwas hitzig war, schrie er: »Ei, so soll Dich Grobian gleich der Teufel --!« und zog ihm eins mit der Reitgerte über. Aber siehe, auf einmal wußte er nicht mehr, wo er war; er ritt bis in die Nacht in der Irre herum und erst gegen Mitternacht hörte er Stimmen. Er rief, es kamen Leute, er fragte, wo er sei, und erfuhr, er sei in seinem eigenen Heimatorte. Man führte ihn bis an sein Haus und noch immer kannte er sich nicht; erst als seine alte Mutter mit einem Lichte vor die Thür trat, wußte er wieder, wo er war. Der Bergmann hatte ihn geäfft.
165. Das graue Männchen warnt einen Bergmann.
(K. Fr. Döhnel im Erzgeb. Anzeiger, Schneeberg 1803, S. 180.)
Eine geraume Zeit hatte der alte Bergmann Kapuzer redlich und treu in den unterirdischen Klüften gearbeitet, und wer ihn gesund und von der verderblichen Bergluft verschont in seinem grauen Kopfe sah, der mußte ihm gut sein. Freilich hatte er sich auf der Fahrt seines Lebens durch Kämme[1] und Knauer[2] winden müssen, und manches Wetter und manche Felsenwand hatten ihn auf seiner Fahrt bedroht. Es schien fast, als hätte ihn das Schicksal als ein taubes Gestein auf die Halde des Lebens geworfen; aber nie verlöschte das Grubenlicht der Hoffnung in seiner Hand, und mit diesem glaubte er noch einen reichhaltigen Gang zu treffen. Aber eine fürchterliche Teuerung brach herein, und Berghenne[3], die sonst ihm und seinen Kindern Sonntagskost gewesen war, mußte er ganz entbehren und oft Tage lang hungern. Die Kleinen jammerten ihn sehr, und ob er sich schon manches entzog, um nur ihren Hunger zu stillen, so wollte es doch nicht zulangen. Einstmals fuhr er zur Frühschicht an und sang mit frohem Mute das schöne Lied: Wer nur den lieben Gott läßt walten, obschon er seit zwei Tagen wenig gegessen hatte. Unter den letzten Versen des Liedes begann er seine Arbeit und verfolgte rasch mit dem Fäustel den am Tage vorher getroffenen Gang. Da sprang ihm gediegenes Silber ins Auge. Die Stufe, die er abhieb, war reichlich, und von ihrem Verkaufe konnte er langen Unterhalt für seine Kinder hoffen. Das Elend der Kinder stand vor ihm, die Mittel, es zu mildern, auch, und schon streckte er in Erwägung der wachsenden Not seine Hand nach der Silberstufe. Da schlug ihm etwas auf die Achsel. Er drehte sich um und sah ein kleines graues Männchen im Berghabite hinter sich stehen, das mit der einen Hand auf die Silberstufe zeigte und die andere drohend erhob. Kapuzer schauderte, warf die Silberstufe hin und das Männchen verschwand. Sogleich fuhr er aus, um es seinen Vorgesetzten zu melden, daß Gott das Gebet der Gewerken erhört und Gänge und Klüfte aufgethan hätte. Die Vorgesetzten umarmten den redlichen Mann, fuhren in den Schacht und sahen den reichen Fund. Die meisten Gewerken waren bemittelte Leute, sie wollten den alten Kapuzer mit Ruhe in seinen alten Tagen für seinen Fund belohnen, aber er schlug es aus, obschon sie ihm doppelten Lohn boten. »Ich will in meinem Berufe sterben, ist ja das Grab auch nur ein Schacht, in dem der Silbergang der Ewigkeit glänzt,« rief der Greis mit Thränen in den Augen; »ich kann noch arbeiten.« Die Bitte ward ihm gewährt, seine Kinder wurden gekleidet und er durch ein ansehnliches Geschenk der drückenden Nahrungssorgen für sich und die Seinen entzogen. Noch sechs Jahre arbeitete er mit gleicher Thätigkeit. Da rief ihn der Bergfürst von der Schicht. Früh morgens um drei Uhr wollte er zur Arbeit aufstehen, aber er vermochte es nicht. Um acht Uhr rief er seinen ältesten Knaben: »Geh' zum Bergmeister,« sprach er, »und sag' ihm, der alte Kapuzer werde bald Schicht machen, sein Grubenlicht wolle verlöschen, er solle mich noch einmal besuchen.« Der redliche Bergmeister kam zu dem Sterbenden und dieser erzählte ihm die Geschichte von dem Bergmännchen. Der Bergmeister stand gerührt an seinem Bette. Dann faltete der Kranke die Hände, betete still und endlich sprach er mit schwacher Stimme: »Es ist vollbracht, Glückauf!« und verschied.
Wenn ein redlicher Bergmann aus Armut stehlen will, warnt ihn das Bergmännchen, und nur die, welche geübte Bösewichter sind, überläßt es der Stimme ihres Gewissens und der strafenden Hand der Obrigkeit.
[1] Kämme sind festere Gesteinslagen.
[2] Knauer, ein festes und rohes Gestein.
[3] Berghenne ist eine Wassersuppe oder auch Brot und Käse.
166. Das gespenstische graue Männchen in der Grube »Treue Freundschaft« bei Johanngeorgenstadt.
(Engelschall, Beschreib. d. Bergstadt Joh.-Georgenstadt. 1723, S. 136.)
In dem Bergwerke zur »Treuen Freundschaft« hat sich am 7. Aug. 1719 folgendes begeben: Es arbeitete vor Ort Johann Christoph Schlott, und da man zu Mittag ausgepocht hatte, hörte er gegen den Schacht noch jemanden husten. Da meinte er, es werde der Steiger vor Ort fahren, solches in Augenschein zu nehmen. Nachdem sich aber niemand eingestellt hatte, wollte er ausfahren; aber kaum hatte er sich umgewendet, da nahm er wahr, wie ihm jemand vom Schachte her mit brennendem Grubenlichte entgegen kam. Dadurch wurde Schlott in seiner früheren Meinung, daß es der Steiger sei, wieder bestärkt. Doch als sie endlich beide auf der Strecke zusammenstießen, nahm er wahr, daß es ein sehr kleiner Mann in einem braunen Kittel war. Derselbe hing eben, als Schlott vorbei fuhr, sein Grubenlicht ans Gestein, so daß es auch sofort hängen blieb, legte die Tasche ab und sprach zu Schlotten. »Ists schon Schicht?« denn die Bergleute fuhren an diesem Tage wegen der Beerdigung des Hammerwerksbesitzers eine Stunde früher aus. Bei dieser Anrede überfuhr Schlotten ein Schauer, er eilte davon und traf keine Arbeiter mehr in der Grube an. Dies Begegnis erzählte er darauf dem Steiger, welcher anfangs nicht viel davon wissen wollte; doch mußte Schlott später den Ort zeigen, woran das Männchen sein Grubenlicht gehangen hatte. Daselbst nahm man eine kleine Kluft wahr und es wurde an der Stelle ein Schuß gebohrt, der einen Gang öffnete, von dem man mehrere Quartale nacheinander eine gute Ausbeute machte.
167. Der boshafte Berggeist in dem Schachte Orschel.
(Mündlich.)
Ein Bergjunge fuhr einst auf dem Bergschachte Orschel bei Schneeberg an; da erschien ihm ein Berggeist, welcher ihn töten wollte. Doch ließ er es bei der Drohung bewenden, wenn ihm der Junge alle Tage eine Semmel mitbrächte; aber er solle niemandem etwas davon sagen. Eines Tages brachte der Junge keine Semmel mit und wurde in einem Kübel erwürgt. Als man ihn fand, lagen um ihn herum viele verschimmelte Semmeln, mit denen er an das Tageslicht gefördert wurde.
Diese Sage hat eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der vom Berggeiste am Donat zu Freiberg. Das Geschenk einer Semmel, welches dem Berggeiste gemacht werden muß, erinnert an das Essen, welches man nach deutschen Sagen den Kobolden hinsetzen mußte. Wie die Kobolde sind hier vielleicht auch die Berggeister als Geister der Vorältern und zwar derjenigen, welche in der Erde ruhen, aufzufassen. Zwergen und Berggeistern werden an gewissen Orten Speisen und Getränke hingestellt, wofür sie sich durch Geschenke dankbar bezeugen. (Nork, Sitten und Gebräuche, S. 241) In Idria stellen die Bergleute den Wichtlein, die man im Bergwerke öfters klopfen hört, ein Töpflein Speise an einen besondern Ort. (Grimm, deutsche Sagen, I. No 37.)
168. Der Berggeist verlangt für reiche Anbrüche eine Pfennigsemmel.
(Ed. Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirke. 1882, S. 1. etc.)