Part 13
Ein anderes Geschlecht der Zwerge sind die +Hausgeister+ und +Kobolde+, welche eine mehr heitere und neckische, zuweilen selbst boshafte Natur besitzen. Sie halten sich vorzugsweise in den Wohnungen der Menschen, aber auch in Bergwerken auf, und nur ganz vereinzelt erscheinen sie im Freien. Wie die Zwerge und die später besprochenen Moosweibchen sind auch die Kobolde unselige Geister. Daher hat ein Knabe in Lauter, welchem ein solcher Kobold keine Ruhe ließ, fleißig gebetet und gesagt: »Laß mich doch in Ruhe; wenn Du nicht beten willst und auch nicht beten kannst, so gehe Deiner Wege.« Andere Hausgeister sind befriedigt, wenn man ihnen ein wenig Milch aufstellt, und wäre es auch nur in einem Katzenschüsselchen, so daß sie daher Katzenveit, Heinzelmann, Katermann u. s. w. heißen. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 18.) Der erzgebirgische Katzenveit, dessen Jacob Grimm nur kurz und zwar als eines »Waldgeistes« im Fichtelgebirge gedenkt, erinnert in mancher Beziehung wieder an den Rübezahl des Riesengebirges.
Ein Hausgeist, wie das vogtländische »Schreckgökerle«, vor dem sich die Kinder fürchten, ist das »Schreckagerl«, welches wie andere Kobolde bei der Arbeit hilft; nur muß man ihm dafür zu essen geben. Dieses hilfreiche Beistehen bei der häuslichen Arbeit, das Füttern des Viehes, das Fegen der Küche und dergl. mehr gehört so recht zum Wesen der Kobolde. Unser Bahnbrecher in der Kenntnis der germanischen Götterlehre sagt in seiner deutschen Mythologie (S. 284.), daß es ihm scheine, man habe früher aus Buchsbaumholz kleine Hausgeister geschnitzt und dieselben in dem Zimmer aufgestellt; der Ernst habe sich in Scherz umgewandelt und die christliche Ansicht habe die Beibehaltung des alten Brauches geduldet. In gleicher Weise mag aber auch aus dem ursprünglich dienstfertigen Kobolde, welcher das Gesinde weckte und nach dem Rechten im Hause sah, mit der Zeit ein Polter- und Plagegeist geworden sein, der dann mehr teuflisch und gespenstisch auftrat. So sank, wie Jakob Grimm sich ausdrückt, der getreue Hausfreund des Heidentums zum Schreckbild und Gespött der Kinder herab, ein Los, das er mit Göttern und Göttinnen teilt. (Deutsche Myth., S. 293.)
Als Kindergespenst tritt überall im Erzgebirge das »Jüdel« oder »Hütchen« auf, welches den letzten Namen vielleicht von dem roten Hute der Zwerge hat. Das Jüdel spielt während ihres Schlafes mit den Kindern; es spielt auch des Nachts mit den Kühen. Will man das Jüdel als Hausgeist unterhalten, so muß man demselben Spielsachen geben. Wie unter den Kobolden der Katzenveit vom Kohlberge bei Zwickau und die Männchen des Koboldsteins bei Kloster Maria Sorg, so waren auch der +Kaspar+ des Greifensteins und der Geist +Mützchen+ bei Freiberg keine eigentlichen Hausgeister; bei letzterem ist durch die Nebelkappe deutlich seine Zwergnatur gekennzeichnet.
Zahlreich melden uns endlich Sagen von koboldartigen Wesen, welche in den Zechen den Bergknappen entgegentraten. Sollen doch die beiden Metalle Kobalt und Nickel, nach denen gegenwärtig vorzugsweise die Gruben des Schneeberg-Neustädtler Reviers abgebaut werden, von zwei neckischen Geistern ihre Namen erhalten haben. Von dem Kobalt, dessen Name zwar auch von dem böhmischen ~Kow~, das Erz, ~kowalty~, erzhaltig, abgeleitet wird, sagt ein alter Bergprediger: »Ihr Leute heißt es Kobalt und die Deutschen nennen den schwarzen Teufel Kobel, der Menschen und Vieh durch Zauberei Schaden thut. Es haben nun aber der Teufel und seine Hallraunen oder Drutten dem Kobalt, oder der Kobalt den Zauberinnen den Namen gegeben, so ist Kobalt ein giftig und schädlich Metall.« (Merkel, Erdbeschr. v. Kursachsen I. S. 176.)
Mit den Kobolden teilweise verwandt sind die +Irrlichter+, welche man sich als lebende Wesen vorstellt. Sie führen Menschen irre, hocken sich ihnen auf oder bestrafen sie auch, wie die erzgebirgische Sage von der unheimlichen Fackel erzählt. Irrlichter können aber auch in feuriger Gestalt umherschweifende Seelen sein, welche nicht der himmlischen Seligkeit teilhaftig wurden, und dann nähern sie sich den zum Gespensterspuk gehörenden feurigen Männern.
Aus der Klasse der +Vegetationsgeister+ begegnen wir im Erzgebirge, als einem ursprünglichen Waldgebirge, hauptsächlich den +Walddämonen+ unter den Namen von Waldgeistern, Waldteufeln, Moosmännchen, wilden Weibern und Holzweibchen. Wie die Nixe fügen sie sich nicht in die Civilisation, und obschon sie zuweilen freundlich mit den Menschen verkehren und dieselben für geleistete Dienste belohnen, so ist ihnen doch der Humor, welcher die Zwerge auszeichnet, fremd, und Schwermut oder große Wildheit charakterisiert sie. Zuweilen treten die Holzweibchen als Schicksalsverkündiger oder Wetterpropheten auf. Der wilde Jäger oder der Teufel verfolgt sie auch im Erzgebirge und ein Baumstamm mit eingehauenen Kreuzen gewährt ihnen gegen denselben Schutz, wenn sie sich auf ihm niederlassen. Die vogtländische Sage, welche von ihnen das meiste weiß (Jul. Schmidt, Topographie der Pflege Reichenfels und Witzschel, Sagen aus Thüringen), erzählt, daß sie vor dem wilden Jäger Ruhe finden, wenn sie sich auf einen Stamm setzen, in welchem während der Zeit, da man den Schall des niederfallenden Baumes hört, drei Kreuze in einem Zwickel gehauen wurden. Im Sagenschatz des K. Sachsen (zu No. 550.) bemerkt hierzu Gräße, daß viele glauben, die Holzweibchen seien aus den heidnischen Sorbenfrauen entstanden, die vor dem Christentume in die Wälder geflohen, wenn sie dieselben aber wieder verlassen hätten, von den Christen verfolgt bei Stämmen, auf denen drei Kreuze eingehauen gewesen, Schutz gesucht und gefunden hätten. Dagegen zählt Jakob Grimm die Holzweibchen, die nach ihm einen Übergang zu den Zwergen bilden, zu dem heidnischen Gespensterspuk, der sich aus den Vorstellungen von halbgöttlichen Wesen, mit denen das Heidentum den Wald bevölkert dachte, entwickelte. (Deutsche Myth., S. 243 und 520.) Und Nork greift in den Sitten und Gebräuchen der Deutschen (S. 63.) sogar auf die Gnomengestalten der indischen Sagen zurück, mit denen er unsere ähnlichen Sagenstoffe wie Ausläufer aus einer gemeinschaftlichen Wurzel in Verbindung setzt. -- Unsere Sage nennt die Holzweibel auch Buschweibchen und faßt sie teilweise als den Moosweibchen gleiche Wesen auf. Die Moosweibchen waren immer zwerghaft und über und über mit Moos bewachsen; nach der thüringischen Sage wohnten sie an dunklen Orten und in Höhlen unter der Erde. (Richter, Sagen des Thüringer Landes, IV. S. 43.) Wie in Thüringen die Moosweibchen, so kamen auch im Erzgebirge die Buschweibchen zuweilen in die Wohnungen der Menschen und begehrten daselbst Essen. Sie beschenkten mit Spänen und Laub, welche Dinge sich später in Gold verwandelten. Bei uns wurden sie wie die eigentlichen Zwerge vertrieben, als man das Brot im Backofen zählte.
Neben den Sagen vom Erscheinen der Holzweibchen im Erzgebirge, von denen ein Teil allerdings nur noch in älteren schriftlichen Überlieferungen vorhanden ist, leben im Volke noch Redensarten, welche sich auf den Glauben an das frühere Erscheinen dieser dämonischen Gestalten beziehen. So sagt man in der Gegend von Schneeberg: »Das Holzweibel hat aufgehängt«, wenn man früh an den Büschen Spinnweben ausgespannt sieht, die auf beständiges schönes Wetter gedeutet werden. Steigen weiße Nebel aus den Waldungen auf, so sagt der Gebirger: »Das Holzweibel heizt ein, es wird ander Wetter!« (Lindner, Wanderungen durch das sächsische Obererzgebirge, I. S. 4.) Bei Brunnersdorf warnte man noch vor wenigen Jahren die Beeren suchenden Kinder vor dem Buschweibchen und ermahnte sie, im Walde der Sicherheit wegen beisammen zu bleiben; bei Kupferberg sagt man von eilig Dahinlaufenden: »Der läuft wie der Teufel, wenn er dem Holzweibel nachläuft«, und in der Gegend von Platz nennt man kleine vermummte Kinder scherzweise Buschweibel. (Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung VI. S. 55 und 56.) Ähnliche Redensarten sind in anderen deutschen Gegenden gebräuchlich. So sagen z. B. die Bauern in der Zittauer Gegend, wenn daselbst die Berge dampfen: »Die Holzweibchen kochen Kaffee« (Haupt, Sagenbuch etc. No. 38.), während die Erdmännchen am Eisengraben backen, wenn gewisse Nebel auf dem Kaisacker im Frickthale aufsteigen, und die Wölkchen, welche hoch am Gebirge schweben, in Tirol für die aufgehängte Wäsche der Holzweibchen gehalten werden, die schönes Wetter verkünden. (Gartenlaube, 1880, No. 31. und Henne-Am-Rhyn a. a. O., S. 261 und 278.)
Mir scheint, als ob sich auch der Name »Käthel« in manchen Volksüberlieferungen auf ein dämonisches Wesen, vielleicht ein Holz- oder Buschweibchen bezieht.
Das enge Muldenthal zwischen dem Mehltheuer und der hohen Rieß unterhalb der Haltestelle Niederschlema heißt im Volksmunde das »Käthelloch« und man prophezeit auf Grund der in ihm lagernden Nebel auf eine Änderung des Wetters. Es erinnert dies an Volksmeinungen in Nordböhmen. Die Frauen in Neuland bei Gabel sagen, wenn der Rollberg von Wolken umzogen ist, daß das Roll-Kathel koche und in Sukohrad spricht man in ähnlicher Weise: »Die Geltsch-Käthe kocht.« (Mitteilungen des Nordböhm. Excursions-Clubs, 7. Jahrg. S. 95.)
Während den Holz- und Moosweibchen ein Grad von Gutmütigkeit und Zuneigung zu den Menschen zukommt, sind die +Waldgeister+ und +Feldteufel+ schreckhafte Gestalten. Auch der +Hemann+, welcher sich ebenfalls im Gebirge sehen läßt und Antwort giebt, wenn man ihn im Walde laut mit »He he, hu hu!« ruft, hat Freude an dem Schaden der Leute.
Zu den Vegetations- und insbesondere zu den +Feldgeistern+ ist weiter das +Mittagsgespenst+ zu zählen. Schon die alten Kirchenschriftsteller des 6. Jahrhunderts schreiben eine Reihe von Krankheiten dem Mittagsteufel zu; seinetwegen wurden die Kirchen, welche sonst den ganzen Tag bis zum Abendläuten offen stehen sollten, während der Mittagsstunde zugeschlossen. In der Schweiz wandeln bei der vom Volke keineswegs als gnadenreich gehaltenen Mittagssonne die verwünschten Schloßjungfern umher, und wie die Pest früher ~morbus meridianus~ hieß, so ist auch das Mittagsgespenst der Wenden teilweise zugleich die Pestjungfrau. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 67.)
Die slavische, zu den Feld- und Waldgeistern gehörende +Marzebilla+ tritt ebenfalls im Erzgebirge auf. Sie führt die Leute ins Dickicht und an fruchtbare Stellen, wenn sie beten, überläßt sie aber ihrem Schicksal, wenn sie fluchen.
Die +Wehklage+ aber gehört teilweise wie das Klopfen an die Thüre, ohne daß jemand draußen steht, das Rufen des eigenen Namens, als ob derselbe aus weiter Ferne hertönte, und viele andere geheimnisvolle Laute, aus denen das Volk auf Tod oder bevorstehendes Unglück schließt, zu den Voranzeichen. (Rochholz a. a. O., I. S. 143.) Auf dem Harze ist die Klagemutter Frau Holle, (Henne-Am-Rhyn, a. a. O., S. 562.), anderwärts ist eine »Heulmutter« oder »Frau Hel« die Schattengöttin Hel, welche an dunkeln Furten sitzt. (Rochholz a. a. O., I. S. 90.) Nach einer Sage aus der Gegend von Fulda ist die Wehklage dagegen unverkennbar ein Waldgeist, denn man sagt daselbst, wenn jemand sterben sollte, so sei eine Waldfrau von der wilden Frauen-Loch hergekommen und habe sich wehklagend in der Nähe des Sterbehauses gezeigt. (Wolf, Hessische Sagen, S. 53.) Eine erzgebirgische Sage bezeichnet die Klageweibel als Frauen verbannter Berggeister und Zwerge. -- Wenn nach der Edda die Zwerge und Riesen dem Menschen in der Schöpfung vorangingen und weiter nach alter Überlieferung von beiden Dämonen die Zwerge zuerst geschaffen wurden, um das wüste Land und Gebirge zu bauen (J. Grimm, Myth., S. 253.), so fügt noch eine Oberpfälzer Sage hinzu, daß alle Zwerge, da sich das trockene Land noch nicht abgeschieden hatte, zunächst im Wasser lebten. Sie waren demnach im Anfange gleich den +Nixen+. Der männliche Nix, Necker oder Nicker, erinnert nach einer anderen Überlieferung wieder an den skandinavischen Odhin, dessen Beiname ~Nikarr~ ihn als den Wellen besänftigenden Meergott bezeichnet. (J. Grimm a. a. O., S. 276.) Der Nikur soll als schönes apfelgraues Roß am Meeresstrande erscheinen, und ein großes Pferd mit ungeheuren Hufen zeigt sich auf dem Wasser, wenn Sturm und Gewitter aufsteigen. Anklängen an diese Vorstellungen begegnet man im Erzgebirge. Es mag dabei auf die Sagen vom Grundtümpel bei Wildenau und von dem Sturmwinde bei Oberscheibe, der in die Teiche fuhr und das Wasser in die Höhe warf, »als wenn sich zwei Pferde im Wasser mit einander schlügen«, hingewiesen werden. Vorherrschend schildert die Sage den männlichen Nix als häßlich, ausnahmsweise wird er als von schöner Gestalt beschrieben. Er hat struppige grüne Haare und grüne Zähne, Rock und Hosen sind immer zerrissen und kotig. Auch die slavischen Flußnixen sind grünhaarig und der finnische Wassergott Ahto hat einen Grasbart. (Rochholz, a. a. O., II. S. 281.) Der Nix im Grundtümpel bei Wildenau, welcher ein Krönlein auf dem Haupte trug, sah blau aus. Grün und blau aber sind dämonische Farben, und besonders weist letztere Farbe auf Wuotan hin, dessen Leibfarbe ebenfalls blau ist. Haupt bemerkt in seinem Sagenbuche der Lausitz (No. 44.), daß, obschon der skandinavische Odhin im Gegensatze zu dem deutschen Luft- und Sturmgotte Wuotan auch Nix ist, bei den Slaven vielleicht der Luftgott zu einem Wassergotte wurde. Hier berühren sich jedenfalls germanische und slavische Überlieferungen. Die Freude aller Wassergeister ist Tanz, Gesang und Musik. Auch die erzgebirgische Nixensage erzählt von zu Tanze gehenden Wasserjungfrauen, sowie vom »thörichten See« bei Satzung, in welchem ein Nix seine Wohnung hatte, daß man daselbst mittags großen Tumult und Alarm von Jauchzen, Schreien, Geigen und Pfeifen gehört habe, als ob eine lustige Bauernhochzeit in dem See abgehalten würde. In dem Sagenbuche der Lausitz hat Karl Haupt mehrere unter der slavischen Bevölkerung lebende Sagen mitgeteilt und er bemerkt dabei, daß der musikalische Nix der Wenden ebenso bezeichnend für die slavische Anschauung sei, wie die Querxe oder Zwerge und der wilde Jäger, die Berg- und Luftbewohner, für die Anschauung der Deutschen.
Das was Jacob Grimm (deutsche Myth., S. 280.) im Allgemeinen bei den Wassergeistern hervorhebt, nämlich ein Zug von Grausamkeit und Blutdurst und die Ausübung blutiger Rache, welche in den Sagen von diesen Geistern so vielfach wiederkehren, dabei aber auch ein Beispiel für die Aufrechterhaltung der männlichen Ehre, welche dem Nix charakteristisch ist, finden wir in der Sage von dem obengenannten thörichten See vereinigt. Hier belohnt auch der Nix einen Holzhacker für den geleisteten Dienst, indem er ihm einen Beutel schenkt, der nie leer werden sollte, so oft er auch hineingreifen würde. Die Belohnung für geleistete Dienste, scheinbar unbedeutend und doch so reich, ist eine Handlung, welche uns an ähnliche Handlungen in den Zwergsagen erinnert; das Wesen der Kobolde und Poltergeister aber nehmen die Nixe an, wenn sie ohne Veranlassung, wie dies bei Elterlein geschah, ruhige Arbeiter und Spaziergänger erschrecken.
Der Nix der Zschopau fordert jedes Jahr sein Opfer. Es ist dies eine Überlieferung, welche auch der Lausitz nicht fehlt und die sich in gleicher Weise bei der Saale, Elster, Donau, Oder u. s. w. wiederholt. In die Bode bei Quedlinburg warf man früher in bestimmter Frist einen schwarzen Hahn; geschah dies nicht, so forderte der Fluß ein Menschenleben. Wenn auch nicht bei allen Überlieferungen von den jährlich ein Menschenleben fordernden Flüssen die Nixe ausdrücklich genannt werden, so ist doch immer dabei an heidnische Menschenopfer, welche den Wassergeistern gebracht wurden, zu denken. (Haupt a. a. O., No. 45.) Als man die Opfer nicht mehr freiwillig brachte, holte sich diese der Flußgeist selbst.
Schließlich mag noch auf die in unserem Sagenkreise etwas fremdartig erscheinende Seebergjungfer, welche zuweilen an den Hoderwiesteich bei Seestadtl kam, um daselbst zu baden, hingewiesen werden. Sie erschien halb als Fisch und zur Hälfte als Mensch und erinnert durch diese Gestalt an die keltische Brunnennymphe Melusina, deren Namen wir aber in einer Sage aus dem böhmischen Teile des Erzgebirgs einer Luftgottheit beigelegt finden. Jac. Grimm ist geneigt, alle Vorstellungen von geschwänzten Nixen als echt deutsche anzuzweifeln. (Deutsche Myth., S. 277.) -- Der vielleicht bis zur europäischen Völkerwiege zurückreichende Glaube an Wasserdämonen hat bei den auseinandergehenden Völkerstämmen mancherlei Gestalt angenommen. Verwandt mit unsern deutschen und slavischen Nixen und den keltischen Brunnennymphen sind die indischen ~Apsaras~, d. h. die aus dem Wasser Entsprossenen. -- Zur Dämonenwelt gehören auch die +Riesen+, welche nach der germanischen Mythe erst nach den Zwergen erschaffen wurden, um die Ungeheuer und Würmer zu erschlagen. Abgesehen von den chronikalischen Überlieferungen von Riesenknochen, welche da und dort gefunden wurden, fehlen im Erzgebirge eigentliche Sagen von Riesen und ebenso ist es jedenfalls auch bemerkenswert, daß sich bei uns nicht, wie dies in anderen Gebirgen der Fall ist, Riesensagen mit gewaltigen Felsmassen verknüpfen, welche nicht selten mauerartig aufgetürmt, die bewaldeten Höhen krönen, oder die durch ihre absonderliche Form -- ich erinnere dabei an die granitischen »Hefenklöse« bei Johanngeorgenstadt und den Rockenstein bei Schönheiderhammer -- die Aufmerksamkeit der Bewohner gewiß schon in früherer Zeit erregten. Die so häufig im oberen Erzgebirge auftretenden Blockwerke hat das Volk nüchtern betrachtet, während es z. B. im Vogtlande in ihnen die Hinterlassenschaft von Riesen erblickt, und spitze Felskegel haben seine Phantasie nicht wie in der Lausitz erregt, wo ein solches bei Heidersdorf anstehendes Naturgebilde als Keule eines Riesen gedeutet wird. (Eisel, Sagenbuch des Vogtl., No. 22--25. Haupt, a. a. O., No. 90--93.)
Die kindlichen Naturmenschen konnten sich entfernte Erscheinungen, welche sie am Himmel oder im Luftkreise beobachteten, nur durch Vergleichung mit näheren bekannten erklären. So war ihnen der Blitz eine feurige Schlange, im Heulen des Sturmes hörten sie die Stimmen bekannter Tiere und die Wolken erschienen ihnen als Kühe oder Ziegen, welche statt der Milch Regen spendeten. Noch jetzt begegnen wir dieser Vorstellung in einem schwedischen Volksrätsel, dessen Lösung die Wolke ist: »Eine schwarzrandige Kuh ging über eine pfeilerlose Brücke, kein Mensch in diesem Lande die Kuh aufhalten kann.« (Manhardt, a. a. O., S. 89.) Jedoch sah man die Tiere der Erde im Himmel größer und gewaltiger wieder, und man fing an, diese himmlischen Wesen zu fürchten oder fühlte sich veranlaßt, ihnen für ihre Segensspenden zu danken. Als sich dann der Glaube an menschenähnliche, im Himmel wohnende Götter entwickelte, trat eine Verschmelzung derselben mit jenen himmlischen Tieren ein, indem man meinte, daß sich Götter selbst in solche Tiere verwandeln könnten, oder letztere ihnen als ihre Begleiter nahe standen. Später hefteten sich diese Überlieferungen an irdische Tiere und an Menschen, so daß z. B. aus dem die Blitzschlange bändigenden Sturmgotte Wuotan ein Mann wurde, welcher eine wunderbare Macht auf wirkliche Schlangen auszuüben imstande war. In dieser Weise haben wir die Sagen von +dämonischen Tieren+ aufzufassen. (Grohmann, Sagenbuch von Böhmen und Mähren, I. S. 216.)
Ein wendischer Aberglaube berichtet, daß jeder Kobold die Gestalt eines Kalbes annehmen könne. (Haupt, Sagenbuch d. L., No. 88.) In unseren Sagen ist das gespenstische Kalb Anzeichen eines Krieges oder es springt des Nachts jemandem, der dann sterben muß, auf den Rücken und läßt sich forttragen. Zu Ypern wurde ein reicher Mann, der ein goldenes Kalb anbetete, nach seinem Tode verwünscht, die Gestalt eines Kalbes anzunehmen, das jedem, dem es begegnet, auf den Rücken springt. (Nork, Sitten und Gebräuche d. Deutschen, S. 281.)
Das bereits genannte Mittagsgespenst nimmt auch zuweilen Tiergestalt an; so erscheint es im Jura unter dem Namen »Stollnwurm« als Drache. Als +Bock+ sonnt es sich des Mittags am Charfreitage auf der Ruine Hagberg. In diesen Vorstellungskreis gehört vielleicht auch der Bock, welcher sich zuweilen des Mittags (aber auch des Nachts) um 12 Uhr am Bocksloche, einem alten Stollen in Oberschlema sehen läßt (s. Ortssagen.) Als +Lamm+ erscheint das Mittagsgespenst am Tobelhötzli in der Aargauer Gemeinde, und hierher gehören wohl auch unsere Sagen vom weißen Schafe, das Menschen erschreckt, und vom weißen Widder mit goldenen Hörnern.
Aus der Auffassung des Blitzes als +Schlange+ sind zahlreiche mythologische Vorstellungen hervorgegangen. Wie der Blitz die Gewitterwolke gleichsam spaltet, so daß dann die goldene Sonne wieder aufleuchtet, so sollen die himmlischen Schlangen einen kostbaren Edelstein verfertigen. Diese Vorstellung wurde später auf die irdischen Schlangen übertragen. (Mannhardt, a. a. O., S. 103.) Weit verbreitet sind die Sagen von dem Schlangenkönige, welcher auf seinem Kopfe eine goldene Krone trägt. Es drängt sich hier auch die Vermutung auf, daß die gelben Flecke hinter den Augen der Ringelnatter bei der Häutung zu dem Glauben von einer goldenen Krone Veranlassung gegeben haben. Wie der Schlangenkönig von Lübbenau in der Niederlausitz seine Krone auf ein feines weißes, großes Tuch niederlegte, so erzählt auch die erzgebirgische Sage gleiches von unserem Otternkönige oder unserer Schlangenkönigin. Karl Haupt (Sagenbuch d. Lausitz, No. 84.) bemerkt dabei, daß die weiße Farbe, welche das Tuch haben muß, auf die Repräsentanten der Finsternis einen zwingenden und siegreichen Zauber ausüben muß, so daß sie nun ihre Schätze opfern. Nach einem anderen Volksglauben aber, welchen Mannhardt (a. a. O., S. 103) anführt, legt der Schlangenkönig seine Krone auf ein +rotes+ Tuch nieder.
137. Die Zwerge des hohen Steins.
(Joh. Böhm in der Erzgebirgs-Zeitung, 1881, S. 133.)
Der hohe Stein zwischen Graslitz und Markneukirchen war der Aufenthalt der Zwerge, welche von hier aus die umliegenden Häuser besuchten, den Leuten bei ihren Arbeiten halfen und ihnen manche Wohlthat erwiesen. Als aber die Knödel in den Topf und die Brote in den Backofen gezählt wurden, verschwanden sie nach und nach aus der Gegend.
Beim Baue der Steiner Pfarrkirche zeichneten sich dieselben besonders aus. Dieselbe sollte nämlich am Fuße des Berges, auf dessen Abhange sie sich gegenwärtig erhebt, zu stehen kommen, und viel Material hatte man bereits dorthin gebracht. Allein die Zwerge trugen des Nachts zu wiederholten Malen das Baumaterial auf die Anhöhe, bis man sich endlich entschließen mußte, dort das Gotteshaus aufzurichten. Der Bau schritt ungemein rasch vorwärts. Was die Maurer und Werkleute am Tage begonnen hatten, wurde von dem arbeitsamen Zwergenvolke während der Nachtstunden zur vollsten Zufriedenheit des Baumeisters hergestellt, so daß in kurzer Zeit der eherne Mund der Glocken die Gläubigen zum Hause des Herrn rufen konnte. Zum Andenken setzte man drei in Stein gehauene Bilder von Zwergen außen an die südliche Wand der Kirche, wo sie heute noch zu sehen sind.
138. Die Zwerglöcher auf dem Schwarzberge.
(Edw. Heger in der Erzgebirgszeitung, 6. Jahrg., S. 57.)
Häufig haben sich die Zwerge auf dem Pürsteiner Burberge, sowie auf dem Leskauer Schloßberge aufgehalten. Ihr Hauptsitz war jedoch auf dem Schwarzberge und viele Höhlen führten in die Tiefe des Berges zu den Versammlungssälen. Diese merkwürdigen Höhlen, glatt ausgemeißelt und schön gewölbt, sind noch gegenwärtig im Volksmunde unter dem Namen »die Zwerglöcher« allgemein bekannt, und eines dieser Zwerglöcher enthält in einer etwas geräumigeren Weitung einen Brunnen, dessen Wasser in der ganzen Gegend gerühmt wird. Der Ort, wo die meisten Zwerghöhlen münden, wird die »Lihtmerskirch« genannt, und man sagt, es sei vor geraumer Zeit eine Kirche dort gewesen.