Part 12
In der Nähe der bei Niederschlema über die Mulde führenden Eisenbrücke stand vor Jahrhunderten und noch ehe Schneeberg gegründet wurde, ein Eisenhammer. Auch wurde das Eisenerz, welches damals am Schneeberge gegraben ward, über die alte Brücke nach Lößnitz gefahren, um es daselbst auf der Ratswage wiegen zu lassen. Die Brücke war mit einem Dache versehen und deshalb sehr dunkel, und weil außerdem auf beiden Seiten der Mulde bis an das Ufer finstere Waldungen waren, wurden an dieser damals schauerlichen Stelle viele Greuelthaten verübt. Unter andern wurde daselbst auch ein Mann erschlagen, welcher einen schwarzen Pudel mit sich führte. Dieser Pudel ist dann noch nach langen Jahren bei der Brücke gesehen worden, seinen Herrn suchend, und darauf ist er jedesmal plötzlich wieder verschwunden.
123. Der schwarze Hund auf dem Hemberge bei Bockau.
(Mitgeteilt durch Sem. Paul Mothes aus Bockau.)
Auf dem Hemberge bei dem Bergflecken Bockau ist ein bestimmter Kreis, in welchem ein schwarzer Hund haust. Wer sich in diesen Kreis verirrt, der sieht den Hund und trägt jedesmal eine Krankheit davon.
124. Der schwarze Hund in Grünthal.
(A. Blüml in der Erzgebirgszeitung, 5. Jahrg., S. 174.)
Noch jetzt hört man von alten Leuten, besonders Hüttenarbeitern in Grünthal die feste Behauptung, daß um den Kupferhammer daselbst ein großer schwarzer Hund schleiche, aber nicht wie andere dieser Tiere auf vier, sondern nur auf zwei Beinen, und daß er oft heimkehrenden Arbeitern ins Genick springe, sie auch wohl bis über die nahe Landesgrenze verfolge.
125. Der schwarze Hund auf der Bockwaer Köppe.
(Mitgeteilt von Ernst Michael in Niederhaßlau.)
An der Straße von Bockwa nach Niederhaßlau, auf der sogenannten »Köppe« oberhalb des neuen Bockwaer Friedhofes, soll sich öfters um Mitternacht ein schwarzer gespenstischer Hund sehen lassen, der entweder neben den ihm Begegnenden ein Stückchen hinläuft und dann plötzlich verschwindet, oder auch sich diesen eine Weile in den Weg stellt und sie im Weitergehen hindert. Den oder jenen soll er zuweilen auch genötigt haben den Straßendamm hinabzuspringen, wohin er darauf selbst gefolgt ist, um in den nahen Muldengebüschen, von woher er zumeist gekommen war, sich zu verlaufen. -- Von den letzteren ist bekannt, daß sich darin etliche Personen erhängt, ebenso, daß in dem daneben rauschenden Muldenwehre mehrere Lebensüberdrüssige ihren Tod gesucht und gefunden haben.
126. Der Walkpudel.
(Mündlich.)
Auf dem Walksteige zwischen Dippoldiswalde und Ulberndorf läßt sich zuweilen ein schwarzer Pudel mit feurigen Augen sehen, den die Umwohnenden Walk- oder auch Waldpudel nennen.
127. Der Hüttenmops.
(Mündlich.)
An dem Huthause bei Ober-Karsdorf oder beim Stollen an der Naundorfer Brücke sind schon viele von einem gespenstischen Hunde, welcher der Hüttenmops heißt, erschreckt worden. Der Hüttenmops erscheint auch in Olbernhau, Oberneuschönberg, Rothenthal, Grünthal und Umgegend. Er heißt dort meist »Hüttenmatz« oder »Hüttenmutz«, und die ihn gesehen haben, beschreiben ihn als einen großen, schwarzen Pudel mit feurigen Augen, der des Nachts umherstreicht, ja zuweilen sogar auf Bäumen angetroffen wird. Gesagt wird weiter, daß der Hüttenmops ein böser Geist sei. Einst ist er einem ruhig dahinschreitenden Fleischer auf den Rücken gesprungen, und trotz allen Schüttelns, Betens und Fluchens konnte ihn der Mann nicht wieder herunterbringen, bis er vor seiner Thür angelangt war, wo das Gespenst mit einem höhnischen Schrei verschwand. Der Fleischer aber starb nach drei Tagen.
Auch auf der Straße zwischen Freiberg und Erbisdorf ließ sich früher der Hüttenmops in Gestalt eines riesenhaften Pudels mit feurigen Augen sehen. Man hielt ihn für einen verwandelten Bergbeamten, der ohne Rast von Grube zu Grube wandern mußte. (E. H. Müller, Beschreibung der Bergstadt Brand, S. 4.)
Gespenstische Hunde sind meist Tod oder Unheil verkündend, auch wenn ihnen die Sage nicht ausdrücklich die prophetische Gabe beilegt. Wenn des Nachts vor seinem Hause ein Hund heult, so sagt man in Schleswig: die Hel ist bei den Hunden, d. h. Hunde wittern die umziehende Pest. Letztere aber wird mit einem Feuer verglichen, das als blaue Flamme erscheint. Damit hängt nun jedenfalls wieder der Glaube zusammen, daß der Hund eine Feuersbrunst anzeigt. (Rochholz, Deutscher Glaube und Brauch, I. S. 159.) Im Erzgebirge sagt man: Heult ein Hund mit erhobenem Kopfe, so bricht Feuer aus, senkt er den Kopf dabei, so stirbt jemand.
Sich den Menschen aufhockende gespenstische schwarze Hunde kennt auch die slavische Sage. (Veckenstedt, Wendische Sagen, S. 330.)
128. Der gespenstische Hase bei Frankenberg.
(Gräße, Sagenschatz d. K. Sachsen, No. 471.)
An der Frankenberger Straße, die nach Chemnitz führt, steht in einem Dorfe ein schöner neugebauter Gasthof, in dem kein Besitzer lange bleibt, denn da läßt sich am Tage und des Nachts ein Hase sehen, der überall neben dem Hausherrn herläuft, allerdings ohne ihm etwas zu thun, für alle anderen aber unsichtbar ist.
129. Die Vögelgesellschaft zu Dittersbach.
(Nach Liberius Veridicus, Unmaßgebliche Gedanken von den Dittersbacher Vögeln. Frankenberg 1707, bei Gräße a. a. O., No. 588.)
Im Monat Oktober des Jahres 1706 entstand des Nachts eine große Feuersbrunst in dem bei Frankenberg gelegenen Dorfe Dittersbach. Bei derselben versammelten sich wilde Enten, wilde Gänse, Quäker, Kiebitze, Sperber, Eulen, Lerchen, Rotkehlchen u. s. w. und gegen Morgen kamen Raben und Krähen dazu und machten ein gräßliches Geschrei. Die Vögel flogen um das Feuer herum, viele verbrannten, viele aber wurden gefangen. Weil man sich aber den Grund dieser Vögelversammlung nicht denken konnte, ist vom Gerichtsamte am 6. November eine Registratur hierüber aufgenommen und an die sächsische Regierung eingeschickt worden.
130. Das Schindergründel bei Joachimsthal.
(Wenisch, Sagen aus dem Joachimsthaler Bezirk, S. 49.)
In der Joachimsthaler Gegend hauste früher ein gewisser Schinderhans, von welchem man manches drollige Märchen erzählt; dem Volksglauben nach soll er mit dem Teufel im Bunde gewesen sein.
Ein anderer Räuber hieß Schwabenkunert; dieser verstand die Kunst, verschiedene Gestalten anzunehmen.
Beide wurden nach Verübung vieler Unthaten am Galgenberge gehängt; als dort vor einiger Zeit Steine gebrochen wurden, fand man noch ihre Skelette. Als man diese herausnahm, reichten sich die zwei Galgenvögel die Hände.
Auch geschah einst im Schindergründel ein Mord; als ein Fuhrmann später über diese Stelle fuhr, bemerkte er zu seinem Entsetzen rückwärts am Wagen einen großen schwarzen Hund; er hieb ihn mit der Peitsche, aber siehe da, der Hund wurde viermal größer, und erst als der Fuhrmann aus dem Schindergründel kam, verschwand der Hund, der Fuhrmann aber starb nach einer kurzen Zeit. -- Auch war das Schindergründel berüchtigt als Aufenthaltsort vieler Diebe und Räuber.
131. Die vergrabenen Fuhrleute bei Blauenthal.
(Mündlich.)
Als vor einigen Jahrhunderten viel falsches Geld von Österreich nach Sachsen geschafft wurde, kamen auch mit solchem Gelde einige Fuhrleute in die Nähe von Blauenthal, da wo sich am linken Ufer der Bockau die sogenannte Steinwand erhebt. Es kam ein schweres Gewitter und die Fuhrleute suchten deshalb Schutz unter einem überhängenden Felsen. Da das Unwetter lange anhielt, so vertrieben sie sich die Zeit mit Kartenspiel. Plötzlich fuhr ein Blitz nieder, ein schwerer Donnerschlag folgte und die Felsenhöhle mit den darin sitzenden Männern war im Nu verschwunden. Die stehengebliebenen Wagen wurden nach Eibenstock gebracht. An gewissen Tagen lassen sich nun in der Nähe der Steinwand Spukgespenster sehen. So kam einst wiederholt des Nachts ein weißer Hase. Ein Arbeiter des Hammerwerks schlug nach ihm und rühmte sich dann, er habe ihm eins ausgewischt. Aber in der folgenden Nacht fand man den Mann tot.
132. Die Puppe von Brand.
(E. H. Müller, Beschreibung der Bergstadt Brand, 1858, S. 119 etc.)
An die ältere Geschichte des Gasthofes zum Erbgericht in Brand knüpft sich folgende Sage:
In früheren Zeiten war eine wohlhabende Witwe im Besitze dieses Erbgerichts. Dieselbe übertrug den ganzen Reichtum ihrer Liebe auf ihre siebenjährige Tochter, und an einem Weihnachtsfeste wollte sie derselben eine seltene Freude bereiten und schenkte ihr eine Puppe, die mit der Tochter von fast gleicher Größe war. Als aber das Töchterchen die Puppe erblickte, zeigte es mehr Furcht als Freude, und auch an dem folgenden Tage mochte das Kind die Puppe nicht sonderlich anschauen, vielmehr wurde es krank und starb noch in den 12 Nächten an dem bösen Scharlachfieber. Als einen Ersatz ihres geliebten Töchterchens nahm nun die Witwe die Puppe zur Hand, kleidete sie an mit den Gewändern der Verstorbenen, ließ sie neben sich auf einem besonderen Stuhle sitzen, setzte ihr Speisen und Getränke vor und sprach mit ihr wie mit einem Kinde. Eine Magd mußte die Puppe aus- und anziehen und regelmäßig ins Bett bringen. Ja die Frau ging allen Ernstes mit dem Plane um, einen Hauslehrer für ihren Liebling zu berufen, als der Tod ihrem wunderlichen Treiben ein Ende machte. Seltsame Gerüchte verbreiteten sich über ihr Dahinscheiden; feierlich wurde sie zur Erde bestattet und mit Grauen gedachte man der Puppe, die still in ihrer Lade lag.
Allein nach dem Begräbnisse der Hausmutter hatte dieselbe keine Ruhe mehr; in nächtlicher Weile stand sie auf, suchte ihre Kleider, die der neue Besitzer an sich genommen, und lief im ganzen Hause umher, so daß jeder Einwohner sich in der Nacht nicht getraute, über die ängstlich verschlossene Kammer zu schreiten. Selbst an Sonn- und Festtagen, wenn sich das junge Volk durch Spiel und Tanz ein Vergnügen bereitete, trippelte sie hinter den kräftigen Bergburschen und den rotwangigen Mädchen her, so daß man anfangs floh, später aber, an die Erscheinung gewöhnt, sich nicht sonderlich mehr stören ließ. Der Wirt aber nahm sich ernstlich vor, dem Spuk ein Ende zu machen. In St. Michaelis wohnte nämlich in einem einsamen halbverfallenen Häuslein eine alte triefäugige Frau, von der man behauptete, es sei nicht ganz richtig mit ihr, auch habe man in ihrer Stube einst ein Geschöpf, einer Fledermaus ähnlich, bemerkt. Sie wurde nur die Haldenhexe genannt. An diese Person wandte sich der Wirt in seiner peinlichen Lage, und sie versprach unter seltsamen Geberden die Puppe in der Lade. Allein die Geschichte scheint nicht geholfen zu haben, vielmehr rumorte die Puppe mehr als je, und es schien ihr gar nicht in der zugenagelten Lade zu gefallen. Kurze Zeit darauf kam auch das letzte Stündlein der Hexe und sie starb eines rätselhaften Todes. In seiner Not wandte sich nun der geplagte Erbgerichtsbesitzer an den Ortsgeistlichen in Erbisdorf. Der Pastor erschien, las einige lateinische Gebete vor, beschwor die Gestalt und schloß mit den Worten ~apage satanas~! Darauf entfernte sich der Geistliche. Unterwegs aber hörte er ein leises Husten und als er sich umdrehte, tanzte die Puppe spottend hinter ihm her, so daß er voll Grausen eilends nach Hause lief und Thür und Thor fest zuschloß. Und so blieb denn die Puppe ungebannt im Hause. Lange Zeit wohl mochte sich dieselbe ruhig verhalten haben, bis sie dann endlich wieder mit ihrem Spuke auftrat. Ihrem Treiben sollte aber nunmehr ein baldiges Ende bereitet werden. An einem sonnenhellen Nachmittage wurde die Lade mit allem Zubehör auf einen Schubkarren geladen und von einem Tagelöhner dem dunklen Spitalwalde zugefahren. Je näher er demselben kam, desto schwerer wurde die Lade, so daß ihm der Schweiß von der Stirne rann. Unter einer Birke machte er ein Loch, einige Fuß tief; doch war ihm bei dieser Arbeit nicht ganz wohl, denn der Himmel umzog sich mit dunklen Wolken, Blitze leuchteten durch des Waldes Düster und in der Ferne rollte der Donner. In aller Eile setzte er die Lade in das gegrabene Loch, schaufelte Erde darauf, bedeckte es mit Rasen und begab sich nun eiligst auf den Rückweg. Je näher er an Brand kam, desto eiliger hörte er hinter sich trippeln und trappeln und als er sich auf einen Augenblick umsah, erblickte er zu seinem Entsetzen die begrabene Puppe mit hellleuchtenden Augen. Außer sich vor Schreck kam er halbtot nach Hause, aß und trank nicht und legte sich zu Bette. Das hitzige Fieber übermannte ihn und schon nach drei Tagen war er eine Leiche.
Seit jener Zeit hat man von der gespenstischen Puppe nicht mehr viel vernommen. Als jedoch das Erbgericht neu aufgebaut wurde, wollen einige Bauleute dieselbe gesehen haben, wie sie auf den halbvollendeten Mauern herumgesprungen sei, und man sagt, daß sie heimlich samt der Lade wieder aus dem Spitalwalde hereingeschafft worden wäre.
133. Gespensterspuk in einer Binge bei Eibenstock.
(Mündlich.)
Im Dönitzgrunde bei Eibenstock, in welchem noch die Überreste früherer Zinnseifen zu sehen sind, zeigt man auch eine alte Binge. Von derselben wird erzählt, daß einst zwei Reiter über dieselbe setzen wollten, daß sie aber dabei mit ihren Pferden hinabstürzten. Wer nun in der Johannisnacht an diese Binge kommt und aufmerksam horcht, der vernimmt in der Tiefe nicht nur das Klirren von zusammenschlagenden Hufeisen, sondern auch das leise Ticken einer Uhr.
134. Die geheimnisvollen Ambosschläge im Keller eines Hauses zu Eibenstock.
(Mündlich.)
In Eibenstock zeigt man ein Haus, welches früher einem Schmied gehörte, dessen Frau mit dem Teufel ein Bündnis geschlossen hatte. Als die Frau gestorben war, verkaufte der Mann das Haus und zog fort; doch ließ er verschiedene Gegenstände in dem weitläufigen und in viele Gänge auslaufenden Keller zurück. Da geschah es, nachdem das Haus wieder bewohnt war, daß eines Abends eine Frau hinab in den Keller ging, in welchem sich ein Brunnen befindet, um daselbst noch Wasser zu holen. Da hörte sie heftige, wie auf einen Ambos ausgeführte Schläge, von denen sie jedoch nicht sagen konnte, woher sie rührten. Dies wiederholte sich noch zweimal nach einander. Darauf ist aber der Frau der Mut plötzlich gesunken und sie ist eilends davongegangen. Solche Ambosschläge sind übrigens noch mehrmals in der Nacht in jenem Keller gehört worden.
135. Die Klage in Kohlenschächten bei Bockwa.
(Gräße, Sagenschatz etc. No. 585.)
Hinter Bockwa, seitwärts von Hohndorf nach Reinsdorf zu, gab es vor einigen dreißig Jahren noch einige verfallene Kohlenschächte; in einen derselben soll einmal ein Offizier beim Spazierengehen hineingestürzt und sein Leichnam erst nach langer Zeit wiedergefunden worden sein. Wenn man in die Nähe dieses Ortes kam, so hörte man fortwährend Winseln aus jenen Schächten, ohne heraus zu bekommen, woher dasselbe kam.
136. Das gefährliche Feld bei Zwickau.
(Gräße, Sagenschatz etc. 2. Aufl., No. 611.)
Vor dem Schneeberger Thore an dem Wege nach Oberhohndorf liegt ein Feld, auf welchem sich ein Kreuzweg befindet, den die Wege von Schedewitz, Reinsdorf und Oberhohndorf bilden; über diesen geht des Mittags zwischen 12 bis 1 Uhr niemand, auch soll denselben kein Fuhrwerk passieren. Vor einigen Jahren fand man daselbst um diese Zeit einen umgeworfenen Wagen, aber ohne Pferde und menschliche Begleiter, und hat sich zu demselben auch nachmals kein Besitzer gefunden.
III.
Dämonensagen.
Auch die Sagen von den Dämonen, d. h. mit göttlichen und natürlichen Eigenschaften ausgestatteten Wesen, welche wir sonst im Mythus mit den Gottheiten selbst verkehren sehen, wurzeln in dem alten Götterglauben. Wo die mit übermenschlichen Eigenschaften und daher mit der Kraft, den Menschen zu helfen oder zu schaden, begabten, dabei ein eigenes, abgeschlossenes Reich bildenden Dämonen in den Überlieferungen des Volkes nicht mehr gefürchtet, sondern geneckt und verspottet werden, da zeigt sich bereits der Einfluß des Christentums, dessen Verkündiger und Hüter bestrebt waren, die alten heidnischen Gottheiten in ihrer Ohnmacht und ihrem Nichts darzustellen.
Die Dämonenwelt zerfällt in Zwerge, Vegetationsgeister, Wassergeister oder Nixe, Riesen und Tierdämonen; wenn wir aber diese Dämonenwelt an uns vorüberziehen lassen, empfangen wir nicht bloß die Überlieferungen des germanischen, sondern zugleich auch solche des slavischen Götterkreises. In den Volkssagen der Wenden, Czechen und anderer sprachverwandter Nationen leben gleiche mit menschlichen und göttlichen Eigenschaften ausgestattete Wesen fort; sie sind demselben Quell entsprungen, aus welchem alle dem indogermanischen Sprachstamme angehörigen Völker schöpften, und das böhmische Volk erzählt vom Ursprunge dieser Dämonen: »Als Gott die übermütigen Engel aus dem Himmel verstieß, wurden aus ihnen die bösen Geister, welche den Menschen bei Tag und Nacht beunruhigen, ihn necken und schädigen. Die in die Hölle stürzten und in die Löcher und Abgründe, das sind die Teufel und die Todmädchen. Aus denen aber, die auf die Erde fielen, wurden die Kobolde, Schrätlein, die Zwerge, Daumlinge, die Alpe, die Mittags- und Abendgespenster und die Irrlichter. Die in die Wälder fielen, wurden zu Waldgeistern, als da sind: die Hemänner, die wilden Männer, die Waldmänner und die wilden Weiber und Waldfrauen. Jene endlich, die ins Wasser fielen, wurden zu Wassergeistern, zu Wassermännern, zu Meerjungfern und Meerfrauen.« (Grohmann, Sagenbuch aus Böhmen und Mähren, I. S. 108.)
Die +Zwerge+, welche die Volkssage nicht bloß in Böhmen, sondern auch in Tirol und der Schweiz als gefallene, obschon nicht ganz verdorbene, sondern nur verführte Engel ansieht, die aber nach einer Überlieferung aus Schwaben einst über die Menschen herrschten und von diesen göttlich verehrt wurden, sind vorzugsweise die Phantasiegebilde der Gebirgsbewohner. Sie gleichen vielfach den gnomenartigen ~Yakschas~ der indischen Sagenwelt, welche in den Gebirgen die Schätze des Metallgottes ~Kuveras~ hüten, und wie nach dem Glauben der alten Griechen die Pygmäen wie Ameisen in der Erde wohnten, so halten sich auch die Zwerge des deutschen Sagenkreises, dem sie hauptsächlich angehören, vorzugsweise in Höhlen und Klüften auf, während die Wenden der Lausitz die Wohnungen ihrer Zwerge, der Ludki, in die heidnischen Grabhügel verlegen, deren Urnen nach dem Volksglauben Hausgeräte des Zwergvolkes sind.
Von allen Wesen wurden die Zwerge nach der Edda zuerst geschaffen, sie schmiedeten gleich den Göttern Erze und lebten in dem Körper des aus Reif oder gefrorenem Tau entsprungenen Riesen Ymir, der die Welt bedeutet. (Henne-Am-Rhyn a. a. O. S. 282.) Unter einem Könige zu einem Volke vereinigt, lebten sie friedlich mit den Menschen, für welche sie arbeiteten und die sie häufig für kleine Dienste reichlich belohnten. Besonders thaten sie frommen und armen Leuten Gutes. Gewisse übermenschliche Eigenschaften und Fähigkeiten, die Kenntnis von geheimen Heilkräften, z. B. denen der Bärwurz und des Baldrian gegen die Pest, ihr Auftreten als Hüter unermeßlicher Schätze, aber auch nach Jakob Grimm die Liebe zu den Tönen, knüpft ihr Geschlecht an höhere Wesen, vorzüglich an Halbgötter und Göttinnen. (Deutsche Myth., S. 264.) Während sie auf der einen Seite dadurch, daß sie den Menschen beistehen, ihnen Glück bringen und sie belohnen, sich denselben nähern, scheinen sie, um mich der Worte Jacob Grimms (a. a. O. S. 259.) zu bedienen, doch überhaupt von ihnen zurückzuweichen, und »so machen sie den Eindruck eines unterdrückten, bedrängten Volksstammes, der im Begriffe steht, die alte Heimat den neuen mächtigeren Ankömmlingen zu überlassen«. Übereinstimmend damit bemerkt auch Preusker in seinen Blicken in die vaterländische Vorzeit (I. S. 54.), daß die Zwergsagen der Lausitz, des Vogtlandes, Harzes und Thüringens auf zerstreute slavische Ansiedler hinweisen, die später von den vordringenden Deutschen verdrängt und unterdrückt wurden, so daß sie sich verbergen und ihre Wohnsitze verlassen mußten. Ja nach einer Lausitzer Sage, die Veckenstedt (Wendische Sagen, S. 157.) mitteilt, stammen die Wenden von den Ludkis ab. Unsere erzgebirgischen Sagen erzählen, wie die Zwerge durch Lauch, den man in die Milch that, durch Aufrichtung der Pochwerke, Eisenhämmer und des »Klippelwerks«, sowie dadurch vertrieben wurden, daß man die Knödel im Topfe und die Brote im Backofen zählte. Sie werden aber wiederkommen, »wenn die Hämmer würden abgehen.« Von Schmiedeberg zogen sie über die Eger. Ähnlichen Überlieferungen begegnen wir anderwärts. In der Lausitz konnten sie das Kümmelbrot und Glockengeläute nicht vertragen und sie ließen sich von einem Bauer aus Hainewalde über die böhmische Grenze fahren. Bei Langenberg fuhren sie in einer mondhellen Nacht über die Elster, und die Zwerge, welche ehemals in den Hüttener Bergen, besonders in dem Kindelberge und im Pläterberge bei Wittensee wohnten, kamen in der Nacht an die Hohner Fähre und ließen sich übersetzen. (Müllenhof, Schleswig-Holst. Volkssagen, No. 329.) Auch die Wichtel- oder Heinzelmännchen des Spatenberges fuhren über einen Fluß. (Witzschel, Sagen aus Thüringen, S. 107.)
Überall spricht sich dabei der Groll über menschliche Treulosigkeit und Unduldsamkeit, ursprünglich wohl über den Abfall von den heidnischen alten Göttern aus. Wenn aber in anderen Gegenden der Glockenton die Zwerge vertrieb und letztere demnach in der Sage der Kirche unfreundlich gegenüber treten, so bauten sie wieder nach einer dazu fremdartig erscheinenden Überlieferung im Erzgebirge die Steiner Pfarrkirche, indem sie des Nachts das Baumaterial von unten, wo man die Kirche zu errichten beabsichtigte, auf den Berg trugen. Sie übernehmen hier eine Arbeit, welche nach anderen Sagen einem weißen Pferde oder einem anderen gespenstischen Wesen zugeschrieben wird.
In den Volksüberlieferungen werden die Zwerge, deren Frauen nach einer unserer Sagen die Klagemütter, in der Lausitz jedoch die Busch- oder Holzweibel sind (Preusker a. a. O., S. 52.), in mehrere Gattungen mit verschiedenen Namen geschieden, welche jedoch nicht immer streng von einander zu trennen sind. Vielfach gehen die eigentlichen, bunte Röcklein oder spitze rote Hüte tragenden und Höhlen und Schluchten des Gebirges bewohnenden Zwerge in +Berggeister+ über. Letztere, als ursprünglich gutmütige und in Gestalt sehr verschieden, meist als Bergleute, Mönche, jedoch auch in einer erzgebirgischen Sage in Roßgestalt auftretende Wesen, nähern sich wieder, indem sie zuweilen boshaft werden, den Kobolden.
Der Berggeist kommt nur beim Bergwerke vor, und die Sagen von ihm sind gewiß so alt wie der Bergbau selbst. Mit Recht weist daher Wrubel (Sammlung bergmännischer Sagen, S. 5.) darauf hin, daß man unsern Berggeist wohl vom Rübezahl des Riesengebirges, welcher besser »Gebirgsgeist« zu nennen sei, unterscheiden müsse. Wenn wir auch in den Sagen vom Berggeiste einen Überrest des heidnischen Götterglaubens haben, so mochten doch die stetigen Gefahren, denen der Bergmann bei seinen Berufsgeschäften ausgesetzt ist, das von verschiedenen abergläubischen Meinungen beeinflußte Gemüt mit Bangen vor einer unterirdischen Macht erfüllen, welche allmählich festere Form annahm und zu einem Beherrscher des unterirdischen Reiches wurde. (Wrubel a. a. O., S. 8.)
Die Berggeister waren die Hüter von edlen Erzgängen, und vielleicht sind die sagenhaften Überlieferungen von den rätselhaften Fremden, welche das Erzgebirge, den Thüringerwald, das Vogtland, Fichtelgebirge und andere Landschaften nach Gold durchsuchten, und die als Venetier oder Wahlen von dem Volke mit überirdischen Kräften ausgestattet wurden, die das Innere der Berge kannten und mancher Zauberkünste kundig waren, zum Teil auf die Schätze hütenden Berggeister zurückzuführen.
Venetier, die nach der Volkssage in verschiedenen Gestalten auftraten, wuschen auch die Goldkörner aus den Brunnen und Flüssen, und so gehört wohl auch die Sage von dem Hutmanne in Wiesenthal, welcher einstmals auf dem Fichtelberge an einem Brunnen, dessen Boden von eitel Goldflammen leuchtete, einen in einem Buche lesenden Mönch antraf, ebenfalls hierher.