Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park

Part 6

Chapter 63,313 wordsPublic domain

Wir mischen uns weiter unter jenes Völkchen mit seinen ursprünglichen, eigenthümlichen Sitten und Gebräuchen. -- Das Krumbholz ist von Haus zu Haus getragen worden und hat die Gemeinde zur Gromada gerufen, im Sommer unter die Linde des Dorfes, im Winter in die Schenke. Innerhalb der strengen Gesetze und Ordnungen der Versammlung entstehen heftige Wortgefechte; aber sie führen durch Prüfungen und Erwägungen zur Verständigung, und gar fest wird an den Beschlüssen der Gemeinde gehalten. -- Doch dort bewegt sich ein Hochzeitszug durch das Gefilde! Von dem ersten Wagen ertönt Musik, die Töne der Tarakawa, der dreisaitigen, wendischen Geige und des Dudelsacks. Den zweiten Wagen hat die Braut mit ihrem Ehrengeleite, den dritten der Bräutigam mit dem seinigen bestiegen, und es folgen noch viele Wagen mit jubelnden Gästen. Eine Hauptperson ist der Družba, wie der Brautwerber, so der Ordner des Festes. Das Haupt der Braut ist mit grünseidenen Bändern umwunden, und den Scheitel schmücket ein Rautenkränzchen. Gar stattlich ist das frische, tiefbusige Mädchen in ihrem schwarzen Jäckchen, welches über der Brust von farbigen Schnuren gehalten wird, in dem hundertfaltigen Reifrocke, mit dem Rosmarin an der Seite des Herzens. Der Bräutigam trägt einen langen Rock. Oft mehrere Tage über dauert die Hochzeit mit ihren eigenthümlichen Gebräuchen bei der Trauung, beim Mahle, beim Tanze, dem Abzuge und Anzuge der Braut. -- Auch bei den Kindtaufsfeierlichkeiten werden besondere Gebräuche beobachtet. Während der sechs Wochen betet die Wöchnerin, so oft die Betglocke ertönt, ein Vaterunser für ihr Kind an dem Wochenbette und sie entfernt sich nie aus der Stube ohne eine Bibel oder ein Gesangbuch in die Nähe des Neugeborenen gelegt zu haben. Nach dem Kirchgange nimmt die Mutter ihr Kind gewöhnlich mit auf das Feld. Es ruhet während ihrer Arbeit in einer Art Hängematte und wächst in freier Luft unter der unmittelbaren Sorge der Mutter heran. Die Trauertracht der wendischen Frauen ist ein langer, weißer Ueberwurf aus feiner Leinwand, in welchen sie sich vom Kopfe bis zu den Füßen einhüllen. Das Weiß als Trauerfarbe ist ihnen vor andern Völkern eigen und weiset, wie die Sprache der Wenden, nach Indien. Ist ein Bienenvater gestorben, so muß sein Tod den Bienen gemeldet werden. Ebenso werden die Pferde, wenn die Leiche aus dem Hause getragen wird, in den Ställen aufgejagt, um ihnen das Scheiden des Hausbewohners kund zu thun. An dem Abende vor dem Begräbnisse, welcher der wüste oder stille Abend heißt, versammeln sich die Dorfbewohner mit den Leidtragenden im Trauerhause, um ihn, oft bis tief in die Nacht hinein, durch das Singen von Sterbe- und Trostliedern zu feiern. Den Tod eines Familiengliedes zeigt oft die Wehklage vornweg an. -- Mehr als bei einem andern Volke findet sich unter den Wenden der Aberglaube in Meinungen und Gebräuchen. Er ist eine Nachwirkung ihrer alten, heidnischen Naturreligion und zeigt, wie innig dieselbe mit dem Volksleben verflochten war; er ist von Interesse für den Historiker, besonders aber für den Psychologen, denn er läßt Blicke in die innerste Eigenthümlichkeit der Nation thun; er gehört zur Poesie des Volkes, wohl verschieden von dem kalten Unglauben, ja diesem gewissermaßen diametral entgegengesetzt.

Aber welche für die Menschheit bedeutungsvollen Ereignisse haben jene Fluren geschaut, über welche unser Blick von der Höhe des Thurmes schweift? Die Lausitz ist nicht so reich an historisch merkwürdigen Stätten, wie andere Gauen Deutschlands. Sie hat nach der Besiegung der Slaven durch die Deutschen bald unter brandenburgischer, bald unter böhmischer, bald unter kursächsischer Landeshoheit gestanden, und mehr oder weniger zertheilt und zerstückelt, das Loos der Staaten getheilt, zu welchen sie gehörte. Dennoch ist auch auf den Fluren der Lausitz mancher Kampf gekämpft worden. Hier wurde den Hussiten ein kräftiger Widerstand geleistet; hier rangen Schweden und Kaiserliche in dem blutigen, dreißigjährigen Kriege. In dem siebenjährigen Kriege theilte die Lausitz das Schicksal Sachsens. -- Tausende durchzogen einst auf der alten Etapenstraße von Spremberg her die Standesherrschaft, um unter Napoleons Fahnen nach Rußland zu marschiren und dort ihr Grab zu finden; aber es ist das Schlachtfeld von Bautzen, der Stolz der Lausitz, auf welchen der Völkerbezwinger es zuerst inne wurde, daß die Nationen ein anderer Geist beseelte, wie sonst. Durch den Wiener Congreß ist dem größten Theile der Lausitzen das Glück geworden, unter den milden, preußischen Scepter zu kommen. Damals war wohl in dem Herzen so manches Patrioten der Wunsch, die Lausitzen möchten eine eigene Provinz des preußischen Vaterlandes bilden: -- frischer hätten dann ihre Farben geglänzt, weniger hätte die Gegenwart mit der Vergangenheit und dem, was sich in ihr historisch gestaltet hatte, zu brechen gehabt; -- aber zu großem Danke ist das Land den Königen von Preußen, seinen geliebten Herrschern, verpflichtet. --

Ja einst war die Lausitz eine der verachtetsten Provinzen, einst glich sie einem Paria unter den Gauen des deutschen Reichs. ~Tutti Frutti IV.~, 273. Aber wie die verachteten Parias des alten Indiens wahrscheinlich die ältesten Bewohner des Landes sind, welche nach langer, heldenmüthiger Gegenwehr unterworfen wurden, so lenket dieser Vergleich den Blick in eine ferne Vergangenheit, welche die Heldenperiode des Landes ist. -- Da, wo diese Gegenden einigermaßen an das Licht der Geschichte treten, finden wir ein geordnetes, kräftiges Volksleben in ihnen. Ihre Bewohner haben Wohnung an Wohnung gereiht; sie treiben Viehzucht, Ackerbau und Gewerbe. Die freien Grundbesitzer haben sich unbeschadet ihrer Freiheit den reicheren untergeordnet, diese wiederum den mächtigeren, tapfereren und einsichtsvolleren. Die Knesen und Pane eines Gaues versammeln sich unter dem Vorsitze des Priesters auf ihr campus Martius, um über Volksangelegenheiten zu berathen und Recht zu sprechen, und die Sorben fühlen sich glücklich in ihrer Heimath und deren Unabhängigkeit. Sie kommen mit den Deutschen in Berührung. Es beginnt ein Kampf, der Jahrhunderte währt, ein Kampf für die Freiheit und den alten Glauben. Von der Hartnäckigkeit dieses Kampfes berichtet die Geschichte. Damals mochte manche hochherzige That vollbracht werden aus Liebe zu dem Vaterlande, und freudig mochte man ihm opfern Gut und Blut. Mancher Sorbe auf seinem „Goldfuchse“ mit blitzendem Schwerte mochte gewaltig ringen mit dem erzumhüllten, deutschen Ritter, und als sich die Deutschen in ihrer Herrschaft über die Lausitzen immer mehr befestigten, mochte der Freiheit noch lange Zeit ein Asyl sein in den dichten Wäldern der Standesherrschaft, wo die Vaterlandsfreunde ob der untergehenden trauerten. Doch vieles Große und Heldenmüthige deckt das Schweigen der Geschichte. Ein längerer und hartnäckigerer Kampf für die Freiheit ist wohl nicht gekämpft worden, als der der Slaven gegen die Deutschen.

Deutsche Ritter wurden die Herren dieser Gegend. Viele derselben haben sich hohe Verdienste um die Standesherrschaft erworben. Sie sorgten für das Volk, für sein geistiges und materielles Wohl. Unter den spätern Standesherrn sind besonders zu nennen die edlen, frommen Burggrafen zu Dohna, vor allen aber die Reichsgrafen von Callenberg, welche von 1644 bis 1795 die Wohlthäter und Beglücker der Gegend waren.

Diejenigen Länder bedürfen am meisten, wie des Trostes der Religion, so der Fürsorge ihrer Herren, in welchen nach unabänderlichem Gesetze der Weltentwicklung eine Nationalität der andern weicht; denn in der Nationalität wurzelt die Gesittung und manche herrliche Tugend. Auch hier wird das deutsche Element immer überwiegender. Der Standesherrschaft Muskau ist das Glück geworden, unter den Königen Preußens zu stehen und einem milden, königlichen Prinzen zu gehören. --

Noch einmal durchziehen die Blicke das Land von den Bergen im Süden bis weithin über die Haiden gen Norden. Die Sonne taucht hinab hinter den Wald, und die feierliche Nacht steiget herauf. In andächtigem Schweigen ruhet das grüne Revier. Kaum vernehmbar tragen die Westwinde die Klänge der Betglocke vom fernen Kirchthurme über die Gipfel der Bäume bis zu der Höhe, auf welcher wir stehen: -- Gott segne und schütze dich, heimathliche Lausitz!

XVIII. Der Feuerschein.

Oft ist im Dunkel des Abends oder der Nacht nach der Gegend hin, in welcher Muskau liegt, ein rother Schein sichtbar. -- Durchbricht dort die Flamme das Dach und sprengt sie die Banden, in welchen sie der Mensch hält? Ist sie eben im Begriff, sich ihrer zerstörenden Allgewalt zu freuen und in den Stürmen zu jauchzen und zu frohlocken? Wird das freundliche Städtchen wiederum von einem Brande heimgesucht, in welchem es oft in Asche und Trümmer gesunken? -- Rascher nähert sich der Wandrer der Stadt; aber keine Sturmglocke ertönt, und überall ist der Frieden der Nacht. Ein langer, schwarzer Rauchstreifen zieht über das Neißthal oder hat sich in der Form einer Säule höher, als die Berge erhoben, an welche sich das Städtchen lehnt. Lustig tanzet die Flamme über dem kurzen Schornsteine und emsig wird sie genährt und vergrößert. Helles, gelbes Licht ergießt sich aus des Ofens Mündung über die Gegenstände der Nähe. In matterem Grün überranket der Weinstock die erhellte Wand des Hauses, und in eigenthümlicher Beleuchtung stellen sich die nächsten Gruppen des Parks dar. Blasser glänzet der Mond am Himmel ob des fröhlichen Feuers auf Erden. Je weiter von demselben, desto mächtiger wird die unterbrochene Herrschaft der Nacht und des Dunkels. Doch an dem Heerde der Flamme freuen sich fleißige Arbeiter; denn ihrer Hände Werk soll durch des Feuers bildende Kraft die letzte Vollendung erhalten. -- Eins der stärksten Gewerke Muskaus ist das der Töpfer. Selten vergeht ein Tag, an welchem nicht einer der vielen Oefen geheizet würde. --

Wie die Kunst den Thon zu formen eine der ältesten ist, wie sie geübt wurde von den Hebräern, Phöniziern, Etruskern, so hatten es auch die alten Slaven in derselben gar weit gebracht. Davon zeugen die Urnen, welche in alten Begräbnißplätzen und anderweitig gefunden werden. Die Töpferei ist ein Gewerk, welches von den ältesten Zeiten an hier gewesen ist und welches früher vielleicht noch mehr blühte, als jetzt. Der Muskauer Kantor Crusius berichtet in seiner Kirchenzierde, daß zu seiner Zeit, um 1650, viel Muskauer Töpfergefäß in andere Länder, auch wohl über die See weggeführt, dagegen manch’ Thaler anhero gebracht worden sei. Anm. z. V. 199. Der berühmte, viel besuchte Muskauer Topfmarkt war auf dem Kirchplatze, und es mußte Jeder, der da seine Töpfe feil bot, einige derselben als Standgeld an die Herrschaft abgeben -- eine Abgabe, auf welche die Gräfin Ursula Catharina in der Sorge für das Hauswesen in höchst eigener Person hielt. Ein großer Nachtheil erwuchs einst den hiesigen Töpfern aus dem Verbote, die schlesischen und brandenburgischen Märkte zu besuchen. S. Lang. S. 24.

Der Boden um Muskau, auf der Grenze der Ober- und Niederlausitz, enthält vortreffliche Thonlager; das Holz zum Brennen des Geschirres hatte aber früher in der waldreichen Gegend kaum einen Geldwerth. Der geschmeidige Thon verhärtet im Ofen zum klingenden Steine. Dieses Steingefäß zeichnet sich vor andern Fabrikaten nicht nur durch seine Festigkeit und Dauerhaftigkeit, sondern auch ganz besonders dadurch aus, daß die Glasur auf’s Innigste mit der Masse verschmilzt. Crusius nennt es „fein und frisch“ und giebt damit wohl die uralte Eigenschaft desselben an, in welcher es zum Aufbewahren von Flüssigkeiten, die es frisch erhält, besonders geeignet ist. Aus dem hiesigen Thone werden mancherlei Gefäße geformt als Flaschen, Aesche, große zweihenklige Töpfe, besonders aber die mannigfach verzierten Krüge. Um 1800 wurden jährlich gegen 6000 Ellen thönerner Röhren nach Böhmen und der Oberlausitz versendet. Der sel. Superintendent Vogel gab eine Art derselben an, in welchen das Wasser steigen und dem Drucke widerstehen kann. Auch Tabakspfeifen, welche sehr gesucht waren, formte man sonst aus hiesigem Thone. -- Merkel: Erdb. v. Kursachsen VI, 74.

Das Töpfergewerk zählt zur Zeit 14 Meister. Noch immer ist das Muskauer Geschirr berühmt und gesucht. Mancher hoch beladene Frachtwagen geht nach Böhmen, bis in die Kaiserstadt Wien, wo der Name „Muskauer Steingefäß“ einen guten Klang hat; manche Sendung wird zu dem Schwielung-See oder zur Oder, und von da nach Hamburg, Stettin, Danzig, ja selbst nach Amerika geführt. Während die Tuchmacherei in hiesiger Stadt ganz aufgehört hat, -- nach der handschriftlichen Chronik von Abraham Hoßmann soll es einst an 200 Tuchmacher in Muskau gegeben haben, und noch um 1800 werden solche erwähnt -- blüht noch immer das alte, ehrenwerthe Töpfergewerk.

Es ist gar interessant, dem Arbeiten in einer Töpferwerkstatt zuzuschauen. Da dreht sich die zirkelnde Scheibe, da formt sich unter geübten Händen in kürzester Frist die geschmeidige Masse, da erhält sie alsbald die verschiedensten Gestalten in Aeschen, Krügen u. s. w., da sieht man so recht, wenn auch im Kleinen, die Biegsamkeit und Formbarkeit der Materie, die Beherrschung derselben durch den Menschen. Ist auch alles Irdische und Irdene zerbrechlich, ist die Scherbe oft ein Bild des hinfälligen Menschenlebens: -- so sei doch der Name „Muskauer Steingefäß“ bedeutungsvoll für die Zukunft des alten, löblichen Gewerkes! Mögen jene zahlreichen Flammen, welche den Thon verglasen, nimmer verlöschen im Neißthale!

XIX. Das Bad.

Im Jahre 1822 lenkte der Kreisphysikus Dr. Kleemann die Aufmerksamkeit des Fürsten Pückler auf die hiesigen, an Heilkräften reichen Eisenwässer. Die Wirkungen derselben übertrafen alle Erwartungen, und alsbald wurde die Gründung des Bades ein Lieblingswerk des Fürsten, besonders aber seiner Gemahlin, der Tochter des Staatskanzlers von Hardenberg. Den 29. Juni 1823 wurde das Bad feierlich eingeweiht. Es erhielt den Namen Herrmannsbad. Viele hohe Herrschaften waren zu der Festlichkeit herbei gekommen. Die Einweihungs-Ceremonien verrichtete der Fürst von Carolath. Der Pavillon der Trinkquelle, über welcher jetzt Kreuz und Halbmond vereint sind, trug die Inschrift:

Das Neu-Entdeckte ist uralt; -- Stets war es jung an seinem Ort, Und wirkt mit himmlischer Gewalt Auch jetzt im Dienst der Menschheit fort.

Die ersten Bade-Directoren, welche sich um die Hebung der Anstalt große Verdienste erworben haben, waren der Dr. Kleemann, der Justiz-Commissarius Sieber, der Hofgerichts-Assessor Seydel und der Forstsecretäre Mühle als Rechnungsführer. Die Restauration mit dem Kursaale war vordem ein Alaunmagazin und das anstoßende Gebäude eine Beamtenwohnung. Bald wurde die bogenförmige Moosgallerie aufgeführt. In dem Gebäude rechts davon sind Bäder und Wohnungen für Badegäste; dort sind auch die Zimmer, welche die Abyssinierin Machbuba einst inne hatte. Hinter diesem Gebäude ist ein großes Logirhaus, 1824 errichtet. Vieles ist geändert und verbessert worden. Das neue, nette Logirhaus auf einer Böschung am Fuße des Berges hat der jetzige, königliche Standesherr aufführen lassen. --

Der Park des Bades ist eine der schönsten Partien in dem großen, harmonischen Ganzen. Die Arbeiten an demselben wurden alsbald begonnen; es mußten dazu Besitzungen angekauft oder eingetauscht und eine Landstraße verlegt werden. Nur durch Faschiniren konnten die steilen Bergabhänge bepflanzt werden, da das junge Gehölz immer wieder von dem Sande, welchen der Regen herabschwemmte, vernichtet wurde. Doch alle diese Mühe deckt, wie allenthalben im Parke, die Vergangenheit und die Schönheit des Ganzen, die wie von selbst entstanden zu sein scheint.

Wir treten, um jene Schönheit zu überschauen, an die Brüstung der Gallerie. Zu unsrer Linken thürmt sich die Bergwand steiler denn anderswo auf, und mächtige Bäume derselben hängen hinaus in das Thal; zur Rechten dringet der Blick durch Baumgruppen in das Freie. Er folget dem Laufe der Neiße und eilet über die Brücke derselben zu einem jener herrlichen Hügel des Parkes, um auf dessen Bäumen mit ihren schönen Umrissen zu ruhen. Von da kehrt er zu der freundlichen, lieblichen Nähe zurück. Zu unsern Füßen sind prächtige Blumenstücke. In frischester Farbenpracht unterbrechen sie das Grün der Wiese; denn es sind Sommerblumen, die während der Badesaison ihren Schmuck entfalten. Hier und da tritt niedriges Gesträuch zu lieblichen Baumgruppen zusammen. Mächtig steiget der Wasserstrahl der Fontaine empor; aber in Perlen zertheilt, fällt er zur Erde herab. Allenthalben sind trauliche, stille Plätzchen, wo der Kranke ruhen und der Gesunde sich freuen kann der Stille des Thales, welches täglich die Töne der Musik durchziehen. Alles hat hier den Charakter des Gemüthlichen, Traulichen, des Befriedigten in enger Umgrenzung, und gar heimathlich wird es uns alsbald zu Muthe in dem Thale, in welchem das Bad Muskau ist. --

Wir erklimmen auf einem jener Pfade, der sich den Berg hinauf windet, die Höhe desselben, nachdem wir zuvor noch einen Blick auf ein trauliches Plätzchen gethan haben, welches sich buchtartig in die Berge hineinzieht. Dort, wo der Hügel nach Nordwesten wie ein Vorgebirge steil abfällt, gleitet das Auge an der laubholz-bewachsenen Berglehne hin. Alte, kräftige Buchen neigen sich über die Wohnungen im Thale, sie mit ihren dichten Zweigen zu überschatten. Unter ihnen tauchet die deutsche Kirche mit dem goldenen Kreuze des Thurmes und das Schloß malerisch empor. Links sind tiefe, romantische Schluchten, rechts, jenseit der Neiße, flachen sich die dortigen Hügel zur Neißaue ab. Noch reicher und umfassender wird der Blick, gehen wir zu einem jener steilen Abhänge in entgegengesetzter Richtung, wo sich der Höhenzug nach Süden wendet. Hier ist die Natur wild. Wie Felsen thürmen sich zerklüftete und abgerissene Bergabhänge gar steil auf. An ihnen liegt das Alaunwerk, welches seit den ältesten Zeiten hier gewesen ist, und um dasselbe sind, gleich Vorbergen des nahen Höhenzuges, die schwarzen Massen ausgelaugter Alaunerde und Asche aufgeschüttet. Aus dem dunklen Grün der Haiden schlängelt sich wie ein Silberstreifen die Neiße hervor. Zu beiden Seiten derselben sind Wiesen und Felder; aber bald werden sie von den Haiden begrenzt, deren Flächen sich weithin ausdehnen. Doch jenseit derselben, am Saume des Horizontes im Süden, steigen die Berge empor. Die Bilder, welche hier nah und fern vor dem Auge vorüberziehen, stehen durch ihren meist erhabenen Charakter im Contraste zu dem Gemüthlichen und Traulichen des Thales, so daß dieses durch jene bedeutend gewinnt. --

Die Gegend, in welcher der Mensch weilet, wirket auf ihn ein. Die Töne ihrer Bilder klingen an sein Herz an und wecken Stimmungen in demselben. Die Luft, die Vegetation, die ganze Scala der Beziehungen, in welche der Mensch zu der Natur einer Gegend tritt, sucht ihn geistig und körperlich zu bestimmmen. Jene Beziehungen gleichen dem Wassergeäder in der Tiefe der Erde, welches aus den Erdschichten die Heilkräfte saugt und zum Gesundbrunnen zusammenfließt, welcher von Vielen gesucht wird. So hat in der anmuthigen Lage des Bades, in der Natur um Muskau, welche die Kunst idealisirt hat, schon mancher Kranke Stärkung und Kräftigung, der Gesunde aber reichen Genuß und Erhebung gefunden.

Doch in den geheimnißvollen Tiefen der Erde bereitet die Natur die Fluth der heilsamen Quelle, welche sie den Kranken zur Genesung beut. Die Quellen des Herrmannsbades gehören in die Klasse der salinischen Stahlwässer. Außer den Mineralbädern giebt es hier vortreffliche Moorbäder, und beide werden mit einander verbunden. Daran reiht sich das russische Dampfbad und das Kiefernadelnbad, welches grade hier in vorzüglicher Güte hergestellt werden kann. Die Heilquellen Muskaus sind oft analysirt worden, bereits 1824 vom Dr. Hermstädt, am gründlichsten von Duflos.

Während die liebliche Natur um das freundliche Städtchen durch den Genius des Fürsten zur reinsten Vollendung idealisirt ist, ist unter den Anlagen in den Bergen und seitwärts derselben eine eigene, unterirdische Welt. Schon Jahrhunderte fährt da der Bergmann bei seinem Grubenlichte in den Schacht, um die Alaunerze zu Tage zu fördern, oder die Braunkohle zu brechen, und weithin ziehen sich die unterirdischen Gänge. Um ihn herum in der düstern Stille trieft es wie Thau von dem Gesteine und Erdreiche. Die sich senkenden Tropfen sättigen sich an den mineralreichen Stoffen und vereinigen sich zu der Quelle eigenthümlicher Mischung. Die aber arbeitet sich empor aus der Tiefe der Erde, ein edles, kostbares, flüssiges Erz der Berge, eine Gabe der Gegend. Der Fürst hat bei der Ausführung seines großartigen Werkes alle Voraussetzungen benutzt, welche ihm die Geschichte und Natur der Gegend bot, und in diesem Hineinziehen, Benutzen und Vervollkommnen des Gegebenen besteht das Ausgezeichnete seiner Schöpfungen. Das einst Neu-Entdeckte war hier uralt, der Quelle heilende Kraft wurde in den Dienst der Menschheit genommen, und das Herrmannsbad im herrlichen Parke errichtet. Möge ihm der Segen bleiben, der einst bei seiner Einweihung ausgesprochen wurde, eine Stätte zu sein, wo Leidenden wiederum wird das höchste Gut -- die Gesundheit!

_Anmerk._ Ueber das Bad und seine Heilkräfte s.: Das Herrmannsbad bei Muskau, dargestellt in Hinsicht auf seine Umgebungen, sowie seine bewiesenen Heilkräfte. Sorau 1825 gr. 8. mit 5 Abbildungen in fol. Steindruck. -- Borott, Tagebuch im Musk. Herrmannsbade geführt, mit einer vollständigen Beschreibung des russ. Dampf- u. Schwitzbades, nebst dessen Wohlthaten und Wirkungen &c. Zittau 1824. -- Dr. Prochnow: Muskau, seine Kur-Anstalten und Umgebungen. Laus. Magazin, 1824, 337-393; 1825, 101-108; 157-159. Musk. Wochenbl. 1822, 217; 1824, 182. -- Schles. Provinzialblätter 1825, 367-375. 1824, 240-245. Mineralwasser: Nachl. 1766, 223. Dr. Jäger S. 355. -- Ueber das Alaunwerk: Vogels Nachrichten darüber und besonders über eine ausgebrannte Halde, Laus. Magaz. 1802, 1, 84-96.

XX. Das Zapfenhäuschen.

Mancher Punkt des Parks, ausgezeichnet durch seine herrliche Aussicht, hat schon früher, ehe er in den Plan des Ganzen hineingezogen wurde, durch Feste in der standesherrlichen Familie eine Bedeutung erhalten. Die Erinnerung daran erlischt immer mehr.