Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park

Part 5

Chapter 53,434 wordsPublic domain

Kaum ist man auf einem der schmalen Wege vom Schlosse aus in den Wald eingedrungen, so öffnet sich ein liebliches Plätzchen. Ein kleiner Teich wird ringsum vom Walde umschlossen, der hier in dem frischesten, üppigsten Wuchse grünt. Selten kräuselt sich, von den Bäumen und Sträuchern geschützt, seine Fläche in Wellen, und der Teich ist wie ein Spiegel des Waldes. -- Dieser kleine Teich war schon früher, als seine Ufer die jetzige, reizende Form erhielten; aber nur von Zeit zu Zeit. Schmolzen in den Strahlen der Frühlingssonne endlich auch das Eis und der Schnee der Wälder, flossen nach längeren Regengüssen voller die Quellen und Waldbäche, so sammelte sich hier das Wasser. Dann aber zeigte der Teich dem, der sich ihm nahte, wie im Spiegel die Gestalt, und gar gern weilte an demselben das Landmädchen; denn hier war ihr zu schauen vergönnt, was die ärmliche, dunkle Kammer nicht bot, ihr eigenes frisches, liebliches Bild.

Diese Partie des Waldes fand bald ihre Würdigung durch den Fürsten. Das Waldwasser wurde in dem Teich auf’s Lieblichste gebettet, und die Ufer desselben erhielten schöne Formen. An seinem Süd-Westende ist ein Brückchen mit einem Geländer von Fichten-Zacken. In der Nachmittagssonne ist die Spiegelung am vollkommensten und klarsten. Seine Anmuth erhält der Teich und dessen Umgebung durch den Charakter des Traulichen und Lieblichen mitten in dem Erhabenen und Ernsten, das dem Walde eigen ist, durch den erhöhten Eindruck des ersteren, hervorgerufen durch den Contrast.

Jene Fläche des Teichs ist ein Spiegel eigner Art. Nicht ist er geschliffen in einer der berühmten Fabriken; die Natur hat ihn selbst aufgestellt. Dichter drängen sich um den Teich die Bäume, als liebten sie dieses Plätzchen vor allen andern, und, gleich als wollten sie sich verdoppeln, tauchen ihre Schatten in die Tiefe hinab und streben auch dort zum Himmel empor. Schüchtern naht sich dem Wasser der stolze Hirsch; doch rings umher ist Ruhe und Stille. Es schauet sein Auge das prächtige Geweih, die schlanke Gestalt im Wasser, und, wie gleichmäßig befriedigt durch den Trank und durch sein Bild, zieht er in den Wald zurück. -- Im reinsten Blau wölbt sich an einem jener herrlichen Herbsttage der Himmel über dem Walde und dem Teich, aber da unten auf seinem Grunde ist er noch einmal. Die zahllosen Sterne der Nacht sind aufgestiegen; aber ihr Wiederschein, ihr freundlicher Glanz, ist in die Tiefe des Teich’s hinabgestiegen. Der Mond durchbricht das Gewölk; aber er durchbricht auch das Dunkel des Wassers. Die Sonne, die Königin des Tages, steht hoch am Himmel. Nicht vermag das Auge ihre flammende Majestät zu ertragen; aber in der Tiefe des Teich’s glänzet ihr milderes Licht. --

Am lieblichsten ist der Teich an einem jener sonnenreichen Herbsttage. -- Da waltet hohe Freude durch die Standesherrschaft. Wie mit bunten Flaggen und Wimpeln hat sich der Park Muskaus in der Färbung seiner Baumgruppen geschmückt. Festlich geziert und geöffnet stehet das Jagdschloß. Wie zur Revue treten die Anlagen der Wiese, eine lieblicher und reizender als die andere, hervor, und tiefes, erwartungsvolles Schweigen waltet durch den kräftigen, grünen Wald. In des Himmels Schutze ist der königliche Standesherr aus den meerumrauschten Niederlanden in sein Muskau, in das Waldrevier um das Jagdschloß zurückgekehrt.

Feierliche Stille lagert um den kleinen Teich. Glätter und krystallner ist sein Spiegel; frischer grünen die Tannen und Fichten an seinen Ufern; klarer und schweigsamer fallen ihre Schatten in die Tiefe, der grüne, herrliche Rahmen eines hohen, erhabenen Bildes zu sein. -- Und an das Ufer des Teich’s tritt der mächtige, milde Herr der Herrschaft, an seiner Seite die hehre Gemahlin, deren königlicher Sinn sich wiederspiegelt in der Tochter lieblicher Hoheit. -- Und sie freuen sich der schönen Stätte in dem Palaste des Waldes. Doch wie verstohlen, aber treu zeichnet der Teich das hoheitsvolle, königliche Bild. Schon strahlt es wieder aus seiner Tiefe! O trage es sicher und treu, du heller Spiegel des Waldes!

Ueber sich den freundlichen, blauen Himmel, unter sich in der Tiefe des Teich’s desselben Himmels reines, klares Bild, selbst mitten inne in dieser wunderbaren Spiegelung, in dem seligen Gefühle der Beglücker und Wohlthäter von Tausenden zu sein: was bedarf es wohl mehr zu freudenreichen Augenblicken in der Einsamkeit und Stille des Waldes?

XV. Die Todte.

Tiefer in den Wald führet der schmale Pfad. Wie unerschöpflicher Lebensmuth umgiebt uns allenthalben frisches, fröhliches Grün. Dicht an uns herantreten zu beiden Seiten des Weges der Bäume hohe, kräftige Gestalten. Ihre Gipfel trinken der Sonne Licht, der reinen, freien Lüfte Strom; ihre Wurzeln saugen unaufhörlich in langen Zügen der Erde Kräfte, und den Mächten des Himmels wie der Erde liebevoll hingegeben, durchwogt frisches, volles Leben den Wald bis in das äußerste Zweiglein hinein. -- Herrliche Bäume des Waldes, Gleichnisse unseres von Himmel und Erde vereint gewährten Daseinsglückes, wie wird es uns so wohl in euern grünen Hallen! Wie berühren uns da kräftiger und erfrischender die Wellen aus dem Strome des Lebens! Wie trifft uns da wunderbares Wehen als würden wir hineingezogen in das Weben und Arbeiten der Kräfte der Natur! Voller schlägt das Herz, freudiger wie in Andacht jauchzet jeder Nerv dem Herrn des Lebens, und des Daseins reichste Empfindung wird uns in dem grünen, heiligen Walde.

Doch siehe! was taucht dort aus dem Walde hervor? Es gleichet einem fahlen, bleichen Schemen, einem Gespenste der Nacht; es ist wie eine Gestalt aus dem Reiche der Todten. Mitten unter den grünen Bäumen steht eine erstorbene Eiche mit weißem Stamme und kahlen Aesten und leises Grauen beschleicht uns beim Anblicke der Todten. Lange schon ist der Baum eingegangen; aber noch immer hält er sich aufrecht, als sträubte er sich, Staub und Asche zu werden. Seine Säfte sind versiegt; aber noch immer dauern Stamm und Aeste fort wie die Knochen eines Gerippes. Regungslos steht der entblätterte Baum. Oft ist der Lenz wiedergekehrt, der Natur ein fröhliches Auferstehen zu bringen; aber die entschlafene Eiche hat er nicht zu erwecken vermocht. Mancher Sturm hat sie gerüttelt und die umstehenden Bäume gebeugt, als sollten sie die Schwester fragen: „Lebst du noch?“ -- doch starr und stumm ist „die Todte“. Zahllose Thautropfen hat die Nacht gleich Balsam des Himmels auf die Erblaßte geträufelt; aber wie Thränen, dem Todten geweint, perlten sie an den Zweigen benachbarter Bäume. Vergebens sendet der Todten die Morgensonne ihren Strahl, vergebens trifft sie des Mondes Silberlicht: was einmal dem Tode verfallen, kehrt hienieden nimmer zum Leben zurück. Mitten unter ihren lebensfrischen Schwestern ist sie eine Beute des Todes geworden die herrliche, starke Tochter des Waldes. Ein früher Sabbath ist ihr gekommen. Sie schläft, umhaucht von dem Dufte des Waldes, wie der Leichnam unter Blüthen und Blumen. Die Strahlen des Abendrothes, die sie durch die dichten Zweige der Bäume finden, sind wie der Glanz der Kerzen, der auf ein Todtenangesicht fällt, die Schatten der Nacht, die sich über den Wald lagern wie ein Trauerflor, und rauschen die Abendwinde durch die Gipfel der Bäume, dann ist es, als wenn sie klagten um die Todte in ihrer Mitte. --

Unwiderstehlich fesselt uns jener Eichbaum, losgerissen von den Einwirkungen der Kräfte des Lebens. Er ist wie ein Monument des Todes. Er gleichet mitten in dem lebensfrischen Walde einer jener Mumien, welche einst die Aegypter zu ihren Freudenfesten brachten, um sich durch den Anblick derselben zu mahnen, die flüchtige Freude recht zu genießen. Er stehet da, wie eine Marmor-Büste in einer festlichen Halle, welche reiches Leben durchwogt, wie ein ehernes Standbild, das dennoch in seinem Schweigen redet. -- Ein leises Grauen umfängt uns, und schüchterner strömet das Blut aus dem Herzen durch die Pulse. Wir gedenken der Stunde, wo wir selbst wie jene Todte sein werden -- regungslos, stumm und bleich mitten in dem sich erneuenden, vollen, uns überdauernden Leben. Doch den Wald durchwoget des Daseins Fülle, und weiter ziehet es uns in denselben hinein. O trage uns, starker Strom des Lebens, bis du uns sinken läßt, wie jenen Eichbaum, -- die Todte!

XVI. Die Umarmung.

Die Vorstellung, daß Blumen, Sträucher und Bäume, besonders die, welche über Gräbern wachsen, in irgend welcher Beziehung zu den Todten stehen, findet sich in der Poesie vieler Nationen. Sie stammt aus einer Zeit, wo der Glaube an das ewige Leben noch nicht tröstete. Man suchte in dem Schmerze einen Ersatz für den Entrissenen. In die Grabesblume blühte das verwelkte Leben hinein; oft trugen ihre Blätter Inschriften. Diese Vorstellung findet sich in alten, deutschen Volksliedern, und selbst der sentimentale Mathisson hat in dem bekannten Gedichte „Adelaide“ einen Vers, an welchen Professor Koberstein seine Abhandlung über die Todtenblumen angeschlossen hat, welcher also heißt:

Einst, o Wunder! entblüht auf meinem Grabe Eine Blume der Asche meines Herzens; Deutlich schimmert auf jedem Purpurblättchen: Adelaide!

Auch der slavischen Poesie ist jener Zug eigen. Freunde, besonders aber Liebende, welche ein widriges Geschick im Leben von einander trennte, vereinte die Erde. Die Pflanzen des Grabes gaben Kunde von dem Glücke im Tode. So spricht in einem wendischen Volksliede, s. Haupt 2, 48, ein Mädchen, welches dem entrissenen Geliebten in das Grab nachfolgen will:

Begrabt uns nun beide Die Reben, sie wuchsen Dort, unter die Linde. Und trugen viel Trauben. Pflanzt auf uns zwei Reben, Sie liebten sich beide, Zwei Reben des Weinstocks. In Eines verflochten.

In einem andern wendischen Volksliede s. Haupt 1, 50, spricht das Mädchen, welches an dem Kreuzweg neben den Geliebten begraben sein will, da, wo die Leute zur Kirche gehen, damit sie gedenken der großen Liebe:

Auf ihn pflanzt einen Weinstock hin, Auf mich aber grünen Rosmarin. Es wird auf dem Weinstock ein Zweiglein sein, Und auf dem Zweiglein ein Blättchen so klein, Und auf dem Blättchen ein Schriftchen so fein, Daß wir ja beide selig sein. --

Die Sage hiesiger Gegend läßt das Glück der Wiedervereinigung sich noch weiter fort setzen. Nicht blos die Ranken und Bäume über den Gräbern streben nach Vereinigung, sondern auch die neuen Pflanzen, welche aus jenen hervorgehen, werden mächtig von einander angezogen.

In einem Dorfe der Lausitzer Berge wuchsen zwei liebliche Kinder heran. Aus der Jugendfreundschaft erblühte die feurigste Liebe; aber die Eltern waren gegen das Glück, das Beide gehofft hatten. Ueber die Berge gen Böhmen mußte der Jüngling ziehen, um einer Fremden angetraut zu werden und so viel Gut zu erhalten. Einem Andern, als ihm, mußte das Mädchen die Hand reichen. Wohl sprach der Scheidende zu ihr, der sein Herz gehörte: „Laß sie nur grollen und thun, was sie wollen: wir werden verbunden darum doch sein;“ wohl tröstete die Betrübte: „Wird es nicht heuer sein, so wird es zu Jahre sein: wir werden verbunden darum doch sein.“ Haupt 1, 123. -- Ein früher Tod riß die Letztere dahin. Einige Jahre darauf kehrte der, der ihrer in der Ferne nimmer vergessen hatte, zum Besuche in das Dörfchen zurück. Es sollte nun wieder seine Heimath werden. Er starb. Dicht neben der früh Entschlafenen an der Kirchhofsmauer wurde ihm sein Grab. Der Tod vereinte, was das Leben getrennt hatte, obwohl es für einander gehörte. Derselbe heimathliche Boden umschloß die Todten. -- Doch siehe! zu Häupten jedes dieser beiden Gräber entkeimte im nächsten Frühlinge ein Fichtenbäumchen. Aufs Kräftigste wuchsen die Pflanzen heran, als wollten sie bald das Ziel erreichen, ihre Aeste in einander zu verschlingen. Wie von geheimer Macht angezogen, neigten sie sich, je höher sie sich erhoben, desto mehr zu einander. Jedermann freute sich des schönen Fichtenpaares, der Zierde des Kirchhofs. So hatten jene beiden Fichten lange Zeit neben einander über den zerfallenen Gräbern gestanden und mehr denn eine Generation in die Erde sinken sehen. Sie waren schon sehr alt geworden. Endlich sollte das Sinken und Vergehen auch an sie kommen. Ein furchtbarer Orkan durchbrauste die Wälder der Lausitz. Er brach auch die Fichten des Kirchhofs. Sie stürzten beide zu derselben Stunde. Der Sturmwind hatte seine beste Kraft aufbieten müssen, um die Bäume zu werfen, die nicht von der Stätte weichen wollten, wo sie so lange vereint gestanden hatten. Endlich erlagen sie der Macht des wilden Elementes. -- Jener Orkan brauste von den Bergen in das Flachland. Seine Wirbel hatten Manches in die Höhe getrieben, und dichte Staubwolken flohen vor ihm her. In einer derselben durchschifften Streifchen aus den Zapfen jener gefallenen Kiefern die Luft. Zwei derselben wurden weithin getrieben; aber nahe bei einander sanken sie nieder und wurden von der Erde bedeckt. Und wiederum wuchsen zwei Bäume, von des Himmels Mächten geschützt, kräftig empor. Viele Jahre sind an ihnen vorübergezogen, und mancher Baum des Waldes, der neben ihnen grünte, ist nicht mehr. Ihre Häupter sind an einander gelehnt, hoch in den Lüften reichen sie sich die mächtigen, starken Arme, und flüstert es in ihren Zweigen, dann ist es, als erzählten sie sich die Geschichte des Scheidens und der fröhlichen Wiedervereinigung.

In dem innigen, stillen Werden und Sichentfalten der Pflanze schaute man einst die Fortsetzung eines Lebens an, welchem ersehntes Glück nicht wurde. Der Tod war nicht das Letzte. Wie in einer Unterwelt setzten sich in dem Gebiete der schweigsamen Pflanzen menschliche Schicksale fort, fanden sie dort ihre Ausgleichung, Versöhnung und Vollendung, und das Herz fand also Trost in seiner Verstimmung über harte Loose. -- Und so erzählte einst die Pflanze, der Baum von Freud und Leid. -- Jene Sage von dem Fichtenpaare ist darin eigenthümlich, daß sich das Wiedervereinigen und Angezogenwerden weithin fortsetzt. Sie tritt uns in die Seele bei dem Anschauen herrlicher Fichtenpaare in dem Walde um das Jagdschloß. An einander gelehnt stehen die alten Stämme, und die Vereinigung ihrer Zweige gleichet einer Umarmung nach bittrer Trennung.

_Anmerk._ Aehnliches erzählt eine serbische Ballade. Brat. Aesthetik d. P. S. 60.

„Und nicht lange währt es, aus dem Grabe Omers wächst empor die grüne Föhre, Aus Merimes eine weiße Föhre. Föhre neigt zum Föhrenbaum sich traulich Wie die Maid sich schmiegt an den Geliebten, Wie die Seide glänzt am Blumenstrauße. Eng vereint wächst Föhre mit der Föhre, Bittre Nieswurz blühet rings um Beide.“

Bekannt sind der Schluß von Tristan und Isolde, sowie die Metamorphosen in Pflanzen bei Ovid u. A. Aus dem Grabe des Adonis entkeimt die Anemone, aus dem Blute des sterbenden Ajas das ~Delphinium Ajacis~ -- Rittersporn -- ~Ipse suos gemitus foliis inscribit et Aia -- flos habet inscriptum~. -- An der Quelle, wo der schöne Narcissus seinen Tod fand, erblühte die Blume, welche fortan seinen Namen trug. Protesilaus sprang bei der Landung der Griechen an der trojanischen Küste zuerst an das Land und wurde von einem Troer erschlagen. Aus seinem Grabe schossen immer und immer wieder Bäume auf, die aber verdorrten, so bald sie hoch genug waren, Ilion zu erblicken.

XVII. Die Heimath.

Auf den Gipfeln der Berge öffnet sich ein weiter Horizont; aber im Flachlande der Lausitz ist der Blick gehalten durch die vielen Haiden. Nur dem Vogel ist es vergönnt, sich empor zu schwingen über die höchsten Forsten und seine grüne Heimath zu überschauen. -- Unweit des Jagdschlosses auf einer sanft ansteigenden Bodenerhebung hat der Fürst einen hölzernen, hohen Thurm errichten lassen, dessen Schnörkelwerk an den chinesischen Styl erinnert. Auf jeder der sechs Etagen ist man höher über den Wald emporgetaucht. Eine herrliche Aussicht bietet sich dem Blicke von dem Pavillon der Spitze.

Die Kronen der Bäume, die sich vor Kurzem so stolz über uns wiegten, liegen tief zu unsern Füßen. Würziger Föhrenduft steigt zu der Höhe empor, die wir erklommen haben. Des Waldes Nacht, sein Geheimniß stellt sich uns schöner dar, da wir wissen, was der grüne Schleier birgt, der sich weithin vor uns ausbreitet. Wie eine Freude unseres Lebens, die so eben scheiden will, grüßet uns noch einmal der Wald, und wir erwiedern seinen Gruß und sprechen: „Herrlicher Urwald der heimathlichen Lausitz, habe Dank für die Freude in deinen Hallen!“

Doch je näher dem Himmel, desto reicher und freier der Blick! Und in die weite Ferne dringt des Auges Kraft von der Höhe des Thurmes. Wie ein Wolkengebilde am Horizonte ziehen sich auf der Grenze Böhmens und Preußens die Gebirge Schlesiens hin, und nur die schneebedeckten Gipfel derselben haben ein helleres Licht. Hinter ihnen sammelt die Elbe ihre Gewässer. Von dorther durchziehen herrliche Nebenflüsse der Oder alte, ruhmreiche Schlachtfelder, zu mehren des Stromes Macht und Bedeutung. Aber klarer, weil näher, erhebt sich im Süden das Lausitzer Gebirge, und freundlich schauen seine Höhen in die Ebene hinaus. Von vulkanischen Kräften aufgethürmt, tritt aus dem Gebirgszuge die Landeskrone stolz hervor, und unweit derselben ist die alte, ehrwürdige Sechsstadt Görlitz. Manches liebliche Thal und freundliches Dörfchen umschließen die Berge, die sich von da gen Westen ziehen. An ihrem Fuße liegt das alte Budissin, die Zierde Sachsens, mit seinem Schloß Ortenburg. Als dort den 23. März 1645 der Standesherr von Muskau, der tapfere Curt Reinicke von Callenberg, unter feierlichem Gepränge als Landvoigt des Markgrafenthums Oberlausitz introducirt wurde, war das Schloß arg verwüstet. Der schwedische General Banner hatte 1639 seinen Groll gegen Sachsen an dieser Burg ausgelassen. Durch Callenbergs Sorge wurde sie wieder hergestellt. -- Aus jenen Bergen im Süden bricht die Neiße hervor und gleich dem Blute in den Adern des Sanguinikers eilt sie über ihr sand- und kieselreiches Bette durch die Haiden der Lausitz der Oder zu; -- phlegmatischer schreitet von den Höhen in Südwesten die schwarze Elster, sich oft in ihrem Laufe zertheilend, zwischen schilf- und kalmusbewachsenen Ufern ihrer Elbe zu: aber der Strom der Lausitz ist die Spree, welche von da nach der Mark zieht. -- Ueber mehrere Hügel, unter denen sich besonders die Königshainer Berge mit dem Todtensteine, jener alten heidnischen Opferstätte, auszeichnen, gleiten die Blicke zu der Ebene herab. Hier und da öffnet sich der Wald, und eine Feldmark, ein Dorf mit Kirche und Thurm wird sichtbar. Wohl giebt es reichere und schönere Fluren als die der Lausitz; aber selten trügt hier die Hoffnung auf die Ernte, und mancherlei Früchte, von dem edlen Weizen bis zu dem Buchweizen mit rothweißen, honigduftenden Blüthen, trägt das Land, in welchem eine herrliche Blume nicht verwelcket -- die Zufriedenheit seiner Bewohner, die Liebe zur Heimath! -- Wie eine Insel, ringsum von dem Germanismus umfluthet, ist die Heimath der Wenden. Starke, kräftige Söhne der Natur haben sie auf einer Fläche von siebenzig Quadratmeilen ihre Nationalität durch Jahrhunderte erhalten. Unter ihnen ertönen, besonders in zwei Dialekte schattirt, die Klänge einer Sprache, welche mehr als andere nach dem fernsten Osten, nach Indien, hinweist und welche unter ihren Schwestern desselben Sprachstammes theils der böhmischen, theils der polnischen ähnlich ist. Namen, Sagen und Gebräuche der Gegend sind wie Denkmäler einer Zeit, von welcher keine Historie berichtet. -- Die Volkslieder der Wenden waren einst unbeachtet und wenig gekannt. Sie glichen einfachen Feld- und Waldblumen, deren sich Hirten und Ackerbauer freuten und die ihren Lebensweg schmückten; aber als man herniederstieg von den Höhen der Bildung zu den Thälern und Gründen, in welchen das Volk weilt, erkannte man, daß jene Volkslieder, wie auch anderwärts, emporgeblüht waren nach unbewußten Gesetzen der Schönheit aus dem ewig schöpferischen Schooße der Nation, frisch in ihrem hohen Alter, von seltner Pracht und Mannigfaltigkeit. Manche dieser Blumen, gepflückt in den Wäldern der Standesherrschaft, ist hineingewunden worden in den Kranz der Volkslieder der Wenden in der Ober- und Niederlausitz.

Wir versetzen uns von des Thurmes Höhen in eines jener Dörfer, welche wir von dort aus erblicken. In der Mitte desselben ist die Kirche und der Kirchhof. Die Dorfflur ist mit Weiden, Linden und andern Bäumen bepflanzt. Die Häuser bilden eine einzige breite Gasse. Sie sind meist aus Schrotholz aufgeführt, und über dem Giebelfenster ist ein frommer Spruch. Noch immer, wie einst, liegt in der Wohnung des Wenden das Brot fortwährend auf dem Tische, um den Hungrigen gebrochen zu werden. Die starken, frischen Menschen, welche uns das Pomhaj bóh! zurufen, hat die Arbeit auf dem Felde und die einfache Nahrung gekräftigt. Mancher Sohn der Lausitz ziert durch seine herkulische Gestalt die Reihen preußischer und sächsischer Krieger. Durch Muth und Tapferkeit hat sich der Wende, wie einst in den Jahrhunderte langen Kriegen gegen die Deutschen, so immerdar ausgezeichnet, und selbst die Franzosen kannten recht wohl ~les bouchers Saxons~, das schöne, tapfere Dragonerregiment, Prinz Johann, welches meist aus Wenden bestand. Mitten unter jenem Völkchen wohnt die Heiterkeit und Fröhlichkeit. An den Gemeindefesten, bei der Arbeit auf Feld und Flur ist ein fröhliches Singen und Scherzen, und kommt der Winter, dann ist die Spinnstube mit ihren Regeln und Ordnungen die Stätte harmloser Freuden. Ein herrlicher Zug in dem Charakter des Wenden ist die Treue. Wohl ist ihm ein gewisses Mißtrauen eigen; aber es ist nicht ursprünglich, sondern im Laufe der Zeiten entstanden durch mannigfaltige Bevortheilungen und Mißhandlungen von Seiten der Deutschen. Dennoch hängt der Wende in unverbrüchlicher Treue an denen, welche sein Vertrauen haben, und liebt sein Vaterland in reiner, lautrer Liebe. Die liebste Stätte ist ihm seine Kirche. Nimmer ist sie leer, weder in der Hitze des Sommers, noch in den Unwettern des Winters. Bei jeder Mahlzeit, so oft die Betglocke ertönt, falten sich die Hände zum Gebet, und Lebensgewohnheiten und Begrüßungsformeln weisen hin auf den tiefen, religiösen Sinn, den Grundzug in dem Charakter des Wenden. Es ist die Religion, an welche sich diese sinkende Nation hält, und die ihr, der ersterbenden, Trost und Frieden bringt.