Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park
Part 3
Das neue Gotteshaus sollte in die Kirchgasse gebaut werden, an die Stätte, wo einst Joachim Lutz, Freiherrlich Callenbergischer Stallmeister, wohnte. Aber so wäre die Kirche dem Berge zu nahe gekommen und deshalb zu dunkel geworden. Da erglühte der 30. Mai 1603, als auch in dem Neißthale Tausende von purpurnen Blüthen prangten, ein Theil der Stadt in hellen, vernichtenden Flammen. Durch unvorsichtiges Fischesieden brach vor dem Schmelzthore, bei dem Kürschner Barthol Buntzen, dessen Haus da stand, wo sonst das rohe Gitterthor unweit des Röhrkastens auf den Kirchhof führte, Feuer aus, welches nicht nur viele Bürgerhäuser, sondern auch die ganze Neustadt, die damals auch den Platz, wo jetzt die Kirche steht, umfaßte, in Asche legte. Durch Gottes Fügung war Raum für die Kirche gewonnen worden. Die Neustädter erhielten Land, weiter hinaus zu bauen. Da, wo ihre Häuser von den Flammen verzehret worden waren, sollte fortan dem Herrn „sein Feuer und Heerd“ an- und aufgerichtet werden.
Ein Heerd des Herrn sollte der Altar werden von der neuen Kirche umschlossen. An dem Oberwerke desselben war einst in kunstvoller Schnitzerei nach dem Geschmacke der Zeit die heilige Geschichte dargestellt, so für uns geschehen, in der Mitte des Altars das Hauptstück derselben, der Herr am Kreuze, der sich selbst für uns geopfert hat. Mächtig wurden in der Erinnerung an die großen Thaten der göttlichen Gnade und Liebe Menschenseelen ergriffen, näher fühlte man sich dem Heiligen und Barmherzigen, und zahllose Opfer, Herzen voll Dank und voll Liebe, sind dem Herrn dargebracht worden an dem Altare der Kirche, seitdem ihm da, wo einst Menschenwohnungen von den Flammen zerstört worden waren, von den frommen Burggrafen von Dohna sein Feuer und Heerd an- und aufgerichtet worden ist.
Den 27. April 1605 in der Woche des Sonntags ~Miser. Dom.~ ist der Grundstein zu dem Hause gelegt worden, in welchem von der Gnade und Barmherzigkeit des Herrn gesungen und gepredigt werden sollte. Ps. 89, 1. Bei der Taufe der Ursula Catharina, Tochter des Burggrafen Karl Christoph zu Dohna, nachmaligen Reichsgräfin von Callenberg, den 19. Mai 1622 ist die Kirche feierlich eingeweiht worden. Das erste Paar, welches an dem Altare getraut wurde, war Christoph Richter, ein Tagelöhner, Hans Richters, Zimmermanns und Inwohners in der Schmelze Sohn, und Jungfrau Martha Spärrichin, auch eines Zimmermanns in der Schmelze Tochter.
Die Umgebungen der Kirche sind durch den Fürsten zu einem lieblichen Vorhofe derselben umgewandelt worden. Anfänglich bildete der Kirchhof ein rings von Mauern eingeschlossenes Viereck. Zwischen die Mauer nach der Gasse zu war ein großer Röhrbottich gesetzt, um das schöne Gotteshaus in Feuersgefahr schützen zu können. Die Mauer wich 1779 einem von zwei großen Thorwegen durchbrochenen Stackete, zwischen welchen auf einem etwas eingerückten Rondele das eiserne Monument stand, den Helfern in der Theurung 1771/72 gesetzt. Noch stehen einige der alten Linden, welche sonst auf der Morgen- und Mittagsseite den Gräbern des Kirchhofs Schatten brachten. Jetzt zieht sich von dem Ostende der Kirche aus gleich einer grünen Ranke eine Kette von Bäumen und Sträuchern an der Südseite des Kirchplatzes hin. Zwischen ihr und der Kirche ist ein Rasenteppich. Von der Hauptstraße aus dringet der Blick über niedriges Gesträuch zu dem schönen Gotteshause. Das eiserne Monument stehet jetzt da, wo sich die beiden Hauptwege zur Kirche vereinen.[B] -- Wohl hat sich die Umgebung der Kirche geändert, wohl ist sie selbst nach dem Brande 1766 in einfachem, edeln Schmucke renovirt worden; aber die hohe Bestimmung des Heiligthums bleibt fort und fort dieselbe, zu sein ein Heerd des Herrn, an welchem Christenherzen der ewigen Liebe die Opfer ihres Dankes darbringen. --
_Anmerk._ Ueber die deutsche Kirche s. Musk. Kirchenzierde -- auch ~sub tit. Muskov. decus eximium~, Guben 1668 -- u. Langner S. 16-20. Der Baumeister dieses Gotteshauses, dessen Bogen nur sich selbst und keinen dieselben im Inneren stützenden Pfeilern anvertraut sind, war der Italiener ~Bevelaqua~. Den 2. April 1766 brannte die Kirche aus. Das Altarblatt ist von dem Maler Huttin. Der Thurm ist nicht in der Höhe wieder hergestellt worden, die er früher hatte. --
Fußnote:
[B] Dieses Monument befindet sich gegenwärtig auf dem freien Rasenplatz an der Südseite der Kirche. An seiner früheren Stelle erhebt sich das Siegesdenkmal -- eine Victoria von Drake -- gestiftet zum Andenken an die Kriege von 1866 und 1870/71, ein Werk von hohem Kunstwerth.
Anm. d. Herausgebers.
IX. Die standesherrliche Gruft.
Während sich die freundliche, lichtreiche, deutsche Kirche Muskaus über ihrer Gemeinde wölbt, umschließt die Gruft vor dem Altare eine Versammlung edler, ehrwürdiger Todten. Sie gleichet einer jener Krypten, jener unterirdischen, spärlich beleuchteten Kapellen unter dem Chore mittelalterlicher Kirchen. Sie birgt die Gebeine derer, welche einst Schirmvoigte des Gotteshauses waren und welche von dem Schlosse aus hierhin zu ihrer Ruhestätte übersiedelten.
Zugleich mit der Kirche ließ Karl Christoph, Burggraf zu Dohna, jene Gruft für sich und seine Nachkommen bauen. Hatte sich der berühmte Weltumsegler Franz Drake, ein Freund des Vaters des Burggrafen, das Element, auf welchem er gelebt hatte, zu seiner Grabesstätte erkoren, hatte er verordnet, daß einst sein Leichnam auf bleierner Bahre in das Meer gesenkt würde; in dem Hause des Herrn, das er gebaut und geliebt, wollte der fromme Burggraf einst ruhen, und die Gruft unter dem Altare sollte ihm und Vielen werden ein stiller Hafen nach den Stürmen des Lebens. -- Die Gruft, in welcher die Standesherrn und deren Familienglieder beigesetzt sind, ist den Bewohnern der Herrschaft immerdar eine heilige, ehrwürdige Stätte gewesen, nicht aber den wilden Kroaten, welche, als sie im dreißigjährigen Kriege, 1633 den 8., 11. und 12. October, die Herrschaft, Stadt, Schloß und Kirchen plünderten, die Särge aufschlagen, um dort verborgene Schätze zu finden. -- Sonst führte eine steinerne Stiege, verdeckt durch eine Fallthüre, nahe bei der Kanzel in das düstere Gewölbe. Es ist ziemlich geräumig und zieht sich bis unter den Altar hin. In ihm sind diejenigen, welche sich einst an dem Altare des Herrn bei dem Genusse des gesegneten Brotes und Kelches nicht nur als Glieder einer und derselben hohen Familie, sondern auch des Hauptes, Jesu Christi, des Todüberwinders, ewig verbunden fühlten, im Todesschlafe vereint. Aber wer sind die Schläfer der stillen Gruft? Wie heißen die, welche die dunkle Krypte der Kirche versammelt hat? Nicht lassen sich die Namen aller mit Bestimmtheit angeben; denn da sind Särge, große und kleine, metallene und hölzerne, welche das Loos derer theilen, die sie bergen, -- das Loos des Zerfallens.
Jene beiden ältesten, zinnernen Särge standen anfänglich nicht hier, sondern in einem Gewölbchen neben der Sakristei der alten Stadtkirche. In ihnen ruhen die Gebeine des Burggrafen Wilhelm zu Dohna, welcher den Grundstein der Kirche legte, und seiner Gemahlin Catharina. Beide haben das Gotteshaus, dessen Baues sie sich freuten, nicht in seiner Vollendung gesehen. Erst nach derselben kam eine feierliche Stunde, in welcher ihre Leichname in die Gruft der Kirche gebracht wurden. Vier Kinder gingen den Eltern im Tode voran, deren drei wohl bei ihnen in der Gruft ruhen. Die Särge mehrten sich. Der Tod bettete aus Wiege in den Sarg ein Knäblein, Caspar Wilhelm, der Herrschaft ihren einstigen Herrn entreißend. Dem Sohne folgten die Eltern in die Gruft, Burggraf Karl Christoph zu Dohna und seine Gemahlin Ursula Brigitta von der Schulenburg.
Wohl schloß sich also die kurze Reihe der Dohnas, welchen einst die Herrschaft gehörte; aber nicht die Gruft für ihre Nachkommen. Die einzige Erbin der Standesherrschaft, Ursula Catharina, Burggräfin zu Dohna, vermählte sich den 11. December 1644 mit dem Landvoigte der Oberlausitz Curt Reinicke von Callenberg. Die Eltern sahen in die Gruft senken ihren Erstgeborenen, Herrmann, in dem ersten Jahre seines Lebens, seinen Bruder Karl Christoph und dessen Schwester Catharina Elenora, deren Sarg zu Häupten anagrammatisch die Inschrift trägt: ~C. E. F. V. C.~ -- ~Cath. E. Freiin v. Cal.~ -- Christi Erlösung Fördert Unsere Crönung. -- Unter ihren Kindern ruhen die Eltern, der Landvoigt und dessen Gemahlin, in ihrer Jugend eine Waise, aber nicht im späteren Alter, wie im Tode.
Doch unter den Särgen der Gruft ist ein sinnig verzierter Sarg. In dem einen Schilde des Deckels ist der Sonne Untergang und der Sterne Aufgang dargestellt, und um den Rand desselben zieht sich die Umschrift: ~Pulchra in prole superstes!~ Sechszehn Kinder, neun Söhne und sieben Töchter, wurden dem zweiten Standesherrn aus Callenbergschen Geschlechte, welcher in jenem Sarge ruht, geboren. Einige derselben starben frühzeitig, als Johann Georg, Curt Reinicke, Georg Wilhelm, Ludwig August, Maria Margaretha, Ursula Catharina, Johanna Sophia; die andern wurden der Eltern Freude. Die Söhne, namentlich Heinrich und Otto Karl, erlangten durch Tapferkeit und Weisheit die höchsten Ehrenstellen. Eine Tochter Louise vertauschte ihrer Väter Glauben mit dem katholischen und in der Firmung ihren Namen mit dem Eleonora. Ihrem Gatten folgte freudig zur Ruhestätte die Ursula Regina, geb. Freiin von Friesen. Sie verordnete, bei ihrem Begräbnisse nur Lob- und Danklieder zu singen ob all’ der Barmherzigkeit und Treue, die der Herr an ihr und den Ihrigen gethan hatte. In der Gruft sind ferner beigesetzt der Standesherr Johann Alexander von Callenberg und mehrere der Seinen, worunter eine Enkeltochter, ein Kind der Gräfin zur Lippe. G. A. H. Herrmann von Callenberg ruht allein in der wendischen Kirche. Die Gruft birgt ferner die irdische Hülle des Standesherrn Ludwig Karl Hans Erdmann, Reichsgrafen von Pückler, so wie die des Vaters desselben, August Heinrich, einst Administrator der Herrschaft. Den 7. Februar 1815 wurde die Leiche der Schwiegermutter des Grafen Curt von Callenberg, der Frau von Bassewitz, aus Eichberg in die Gruft gebracht; den 21. Januar 1817 starb der Graf selbst zu Dresden; den 27. Januar wurde seine Leiche hier feierlich beigesetzt. Er war der Letzte der Familie, welcher die Herrschaft lange Zeit gehört hatte, aber auch der Letzte, welchen die Gruft aufnahm. Muskau wurde verkauft. Seine Fürstin ist zu Branitz bestattet. --
Eine heilige Stätte ist jeder Grabhügel, ist die Gruft der Kirche zu Muskau. Sie, die dort schlummern, waren einst die väterlichen Leiter und Führer von Geschlechtern, zu ihnen schauten Generationen vertrauensvoll empor und gleich ihnen gingen sie zu Grabe. Wie an des eigenen Hauses Glücke haben die Standesherren an dem Glücke der Herrschaft gearbeitet, und Zeugen davon sind Gebäude, die sie aufführten, Institutionen, die sie trafen, ist der bessere Zustand, welcher auch dieser Gegend wurde.
Einen unverwelklichen Lorbeer haben sich einige derselben gewunden aus Verdiensten um das Vaterland, aus hochherzigen, in blutigen Kämpfen vollbrachten Thaten. Immer wird in der Geschichte der Lausitz gedacht werden des Landvoigts, welcher der Unordnung steuerte, die der dreißigjährige Krieg auch dem Markgrafthume gebracht hatte, der bei Janckau dem Feinde zehn Fahnen und zwei Standarten abnahm, der bei Wittstock, Schweidnitz, Leipzig u. s. w. tapfer kämpfte. Nimmer wird vergessen werden des blutigen Tages vor Wien, wo die Türken von dem edlen Sobiesky in ihrem Lager, von den Kurfürsten aber unter den Mauern der alten Kaiserstadt überwältigt wurden und wo sich unter den Sachsen vor Allen auszeichnete eines heldenmüthigen Vaters heldenmüthiger Sohn -- Curt Reinicke von Callenberg II.
Vieles hat sich geändert, seitdem jene Todten die Gruft aufgenommen hat. Andere sind in ihr Schloß eingezogen. An der Gruft der Kirche weilt sinnend die Erinnerung. Und sie schauet die, welche die Särge bergen; sie gedenket der Geschlechter, unter denen sie einst lebten. Mächtig ergehet ein Wort an die Nachwelt: „Wir haben hier keine bleibende Stätte!“ Aber über der Versammlung der Todten in der Gruft, dort in dem Hause des Herrn, ertönet fort und fort das Wort des Lebens, dahin weisend, wohin ihre Seelen vorausgegangen.
_Anmerk._ Nachrichten über die Gruft finden sich in der Musk. Kirchenzierde B. 716-756 und in der Anm. dazu.
„Es ruhn in dieser Kirch’ auch sonst vornehme Leichen, Die nicht bemerket sind mit Grabe-Stein und Zeichen, Dieweil der ganze Platz mit Ziegeln überall Gepflastert und besetzt, gleich wie ein schöner Saal.“
Ueber die Standesherrn und deren Familien vergl. -- die Adelslexica von Zedlitz, Gauhe u. s. w. -- Carpzovs Ehrentempel u. A. -- insbesondere: Grab- und Ehrenmale von v. Martin Francisci, Superintendent. der Erbherrsch. M., Einleitung -- Leichenreden: auf Wilhelm, Burgg. z. Dohna v. ~M.~ M. Zeidler, Wittenb. 1606, auf Karl Christoph, Burgg. zu Dohna von demselben, Görlitz 1625, und d. Stationspred. v. G. Mathesius, weil. Past. zu Zibelle, Görl. 1625 -- auf den Landvoigt -- ~Con. conc. fun. D. Geieri, Theol. celeb., habit. Dresdae a. 1672~ -- auf dessen Sohn, C. Reinicke v. ~M.~ K. G. Engelschall -- dazu: ~Magnatum~ Καρδιοκόλλα, drei Leichenreden v. Jai, Stöcker u. s. w. --
X. Die Taube des Schlosses.
Stirbt auf dem Schlosse zu Muskau ein Kind seiner Herren, fällt eine Knospe, eine Blüthe ab von dem Baume des Lebens, so zeigt sich der Sage nach oft, wenn der Todeskampf bald zu Ende ist, die weiße Taube des Friedens. Ihrer erwähnt Jacobus Stöckerus, weiland Superintendent zu Muskau, in einer von ihm 1662 gehaltenen Leichenrede „Geistlicher Brautkranz und Ehrenkron aus Pauli Lustgarten“.
Dem um die Lausitz wie um die Standesherrschaft hochverdienten Landvoigte Curt Reinicke von Callenberg wurden vier Kinder geboren. Drei derselben starben frühzeitig, unter ihnen eine Tochter an der Grenze der Kindheit und des jungfräulichen Alters. Catharina Eleonore von Callenberg war die Freude ihrer Eltern. Gesundheit, Schönheit, fröhlicher Muth, Tugend und Frömmigkeit stritten in ihr um den Preis. Rasch und reich entfaltete sich der Geist des Mädchens, am herrlichsten im Glauben und in der Liebe zum Herrn. Doch es glich einer Blume, welche der Erde entblühen und für den Himmel aufblühen sollte. Unabweisbare Todesahnungen durchzogen die kindlich reine Seele. Die Anfangsbuchstaben ihres Namens C. E. F. V. C. deutete sie also: Christi Erlösung Fördert Unsere Crönung -- ein Wort, welches ihr Symbolum und später die Inschrift ihres Sarges zu Häupten wurde. Nach dem Tode ihres Bruders K. Christoph behauptete sie, daß sie ihm bald nachfolgen würde. Eine hitzige Krankheit warf sie nieder. Die Eltern flehten den Herrn um Rettung ihres Lieblinges an; aber die glaubensstarke Tochter bat die Mutter, von den Klagen und Thränen zu lassen, denn sie sei ja des Herrn. Unter den Stunden des 26. Juni 1662 war ihre Todesstunde.
Der Tod hatte seinen Sieg über das junge Leben bald vollendet. Die Scheidende stand an der Grenze der frohen Ewigkeit. Aber wie die Sonne, welche dichtes Abendgewölk durchbrochen hat, in ihrem Sinken noch einmal so lieblich mit ihrem Golde spielt, so war das fromme Mädchen in seiner Todesstunde. Ein tiefer Friede hatte sich über ihre Züge ergossen, ihr Antlitz war verklärt, ihre Blicke leuchteten in Trost und Freude, das Auge des Glaubens schaute klarer und weiter denn je; es war einer jener Augenblicke in dem Tode dieser Frommen gekommen, wo ein Vorgefühl der nahen Seligkeit mächtig in die Seele trat. Da richtete sich die Sterbende plötzlich auf ihrem Lager auf. Sie fragte: „Wo blieb denn die weiße Taube, welche um mein Bett flog?“ Ein heiliger Schauer erfaßte die Umstehenden. Indeß kam Magister Stöckerus. Indem er des Mädchens Hand ergriff, sprach er: „Haltet ja euern Herrn Jesum im Herzen recht fest!“ Da sank ihr Haupt, es brachen die schönen, hellen Augen, und unter innigen Gebeten übergab der glaubensstarke Magister die Seele seines Lieblings dem Herrn.
Der fromme Stöckerus giebt viel auf jenes Gesicht und sollte er darob für einen Thoren gehalten werden. Das Täublein, meint er, war das rechte Täublein Noä mit dem Oelblatte des Friedens, nachdem die Fluthen der Schmerzen vorüber waren, Jesu Taube 1. Mos. 8, 11. Matth. 3, 16. Er schließt die herrliche Leichenrede, in welche er sein ganzes Herz gelegt hat, mit den Worten ~Hieronym. ad Paul. suam: Faveamus Blesillae -- Cath. Eleon. -- nostrae, quae de tenebris migravit ad lucem, et inter fidei incìpientis ardorem, consummati operis percepit coronam~. --
_Anmerk._ Jacobus Stöckerus, 1606 zu Jena geb., war 1630 Feldprediger bei der sächsischen Armee, dann Superintendent zu Muskau von 1646 bis 1678. Sein Bild, wiederhergestellt durch die Hand des Herrn Obrist Köhler, jetzt in der Sakristei der deutschen Kirche, zeigt einen ehrwürdigen, kräftigen Mann.
XI. Die Thränenwiese.
Die Ursula Catharina, geborene Burggräfin zu Dohna, war einst nicht die milde, fromme Frau, die sie später an der Hand des Landvoigts Curt Reinicke von Callenberg geworden ist. Die Sage schildert sie herrschsüchtig, hartherzig, ja grausam. Sehr früh waren ihr die Eltern gestorben. Ihre wackern Vormünder, die Gebrüder Sigismund und Seyfried von Kittlitz, nahmen sich zwar des verwaisten Burgfräuleins väterlich an; aber es fehlte die Erziehung der Eltern, besonders die der Mutter, welche edle Gefühle des Herzens weckt und pflegt. In den gefahrvollen Zeiten des dreißigjährigen Krieges wurde die Erbin der Herrschaft zwar bald hierhin, bald dorthin in Sicherheit gebracht; aber sie sah die Gräuelthaten des Krieges und viele Schlechtigkeiten verwilderter Menschen, und dies blieb nicht ohne Einfluß auf ihr Herz.
Unweit des Schlosses nach dem Westende der Stadt zu ist die Thränenwiese, eine der schönsten Partien des Parks. Fast regelmäßig, wenn das Gras derselben zum ersten Male gemäht wird, beginnt es zu regnen, so daß die Heuernte verdirbt; denn auf der Wiese ruhet ein Unsegen, ein Fluch. Fabian von Schönaich hatte armen Bewohnern der Gegend gestattet, sich dort anzubauen, wo jetzt die Wiese ist. Auch die Burggrafen von Dohna duldeten die niedrigen Hütten in der Nähe des Schlosses. Anderer Gesinnung als ihre Eltern war die Ursula Catharina. Sie wollte den Platz zur Vergrößerung des Gartens haben; mitten im Januar mußten die armen Bewohner der Hütten, ohne daß anderweitig für sie gesorgt wurde, ihr schützendes Obdach verlassen. Die Hütten wurden abgebrochen. Nur eine derselben blieb stehen. In ihr wohnte ein armes Elternpaar. Drei Knäblein wärmten sich am Ofen. Neben dem Bette der Mutter stand eine Wiege mit ihrem Lieblinge. Ein alter, treuer Diener der Burggräfin hatte, gerührt durch den Anblick des neugeborenen Mägdleins, bei der Herrin ein gutes Wort für die arme Familie eingelegt. Die letzte der Hütten durfte noch stehen bleiben; aber nur kurze Zeit, bis zum ersten Februar. --
Der erste Februar war herangekommen. Grimmiger denn je war die Kälte, und selbst die Vögel suchten Schutz vor derselben unter den Dächern der Gebäude. Vergebens war jener arme Mann die Stadt und die Dörfer durchlaufen, um für sich und die Seinen ein Obdach zu finden. Gern hätte er dafür gezahlt mit seiner Hände Arbeit. Traurig kehrte er in seine Hütte zurück. Doch mit grimmigen Blicken schaute die Ursula an jenem Tage nach der Hütte. Denn, als sie hörte, daß dieselbe noch nicht geräumt sei, hielt sie dies für Saumseligkeit, Mißbrauch ihrer Güte, Ungehorsam, Starrsinn. Der Abend nahte. Immer zorniger ward die Gräfin; immer größer die Verzweiflung des Armen. Sie gab ihm den Muth, auf das Schloß zu gehen und die Herrin um Mitleiden anzuflehen. Der alte Diener, welcher für ihn gesprochen hatte, öffnete die Pforte. In schlichten Worten schilderte der Bedrängte seine vergeblichen Mühen, ein Unterkommen zu finden, bat er um Verlängerung der Frist, um Gnade für die Seinen. Aber in dem Herzen der schönen Gräfin hatte der Zorn jedes Mitleiden erstickt, und in das Roth ihrer Wangen mischte sich die Gluth desselben. Harten Worten folgten noch härtere. Sie hieß den Armen gehen und augenblicklich die Hütte räumen. Er fiel vor ihr auf die Knie nieder, er flehte mit Worten und Thränen das Erbarmen der Gräfin an, daß Steine hätten gerührt werden mögen. Aber wie es bisweilen zu geschehen pflegt, daß die Leidenschaft, je mehr sie sich ihrer Herrschaft über ihr Opfer sicher fühlt, desto wilder und unaufhaltsamer wächst: -- die Gräfin stieß den Flehenden von sich, und immer heftiger wurde ihr Zorn. Die Gluth ihres Antlitzes verkündigte, was sie befehlen würde. Sie schellte. Der alte, treue Diener kam. In einer Viertelstunde, so lautete der Befehl an denselben, sollte das Haus der Ungehorsamen brennen, der, nach ihrer Meinung, wie Viele vergessen hätte, daß sie noch die Herrin Muskaus sei. Der im Dienste des Hauses ergraute, treue Diener bat die gestrenge Herrin, ihm diesmal zu erlassen, was sie befohlen. Sie drohte ihm mit augenblicklichem Abschiede. Da siegte die Liebe zu seinem Dienste über das Gefühl des Mitleidens und des Rechtes in des Alten Brust. --
Es begann dunkel zu werden. An dem Fenster des Schlosses stand die schöne Ursula nach der Hütte schauend und ungeduldig wartend, ob man ihren Befehlen gehorsam sein würde. Die Zornesgluth ihrer Wangen verflog allmählig; aber bald sollten die Zornesflammen dort draußen die Nacht erhellen. Eilig rafften die Armen, bald Obdachslosen ihre wenigen Kleider zusammen. Die Mutter nahm den Säugling aus der Wiege und drückte ihn fester an die Brust. Die Knaben hingen sich furchtsam an die Eltern. Sie verließen das Haus. Die Thüre wurde geschlossen. Der alte Diener vollzog seiner Herrin Befehl, und ein brennender Kienspan zündete das Strohdach.
Grimmiger wehte der eisige Morgenwind. Die Armen hatten den Hügel dem Eichbusche gegenüber erreicht. Hier mußten sie Halt machen. Die Knaben bebten vor Kälte und weinten, und das zarte Leben an der Mutter Herzen umfing des Nachtwinds kalter Hauch, so daß es zu erstarren begann. Indeß schlug zu ihren Füßen die Flamme der Hütte zum Himmel empor. Wohl weidete sich an diesem Anblicke die hartherzige Gräfin; aber dort auf dem Hügel, in der äußersten Noth, von Allen verlassen, da der Wind wie des Todes Hauch ihr Kind anwehte, schaute die Mutter zu der Stätte zurück, wo seine Wiege gestanden, und als die lichte Lohe wie Regen zur Erde herabfiel, fluchte sie in ihrer Verzweiflung einen Fluch gar ernst und schauerlich: „Nie werde dieser Stätte die erste Ernte! Wie die Lohe, welche jetzt auf sie herabfällt, treffe sie Vernichtung von oben!“ Und wie sie geflucht, so ist es geschehen. Wohl erbarmte sich ein Bauer, mitleidiger als die Gräfin, der Armen, wohl zogen sie fort zu einem glücklichern Loose; -- aber der Fluch, der Unsegen liegt noch immer auf jener Wiese des Parks, und wird das Gras derselben zum ersten Male gemäht, so fällt gewöhnlich Regen und es verdirbt.
_Anmerk._ Die Ursula Catharina lebt in der Sage fort. Ueber ihre Jugend bis zu ihrer Vermählung s. Musk. Kirchenz. Anm. zu B. 533.
XII. Der Fremdling unter den Todten.