Sagen und Bilder aus Muskau und dem Park
Part 2
Und wiederum stehen dort im Park und auf der Flur mächtige Eichen nebeneinander wie Brüder und Schwestern, nicht merklich verschieden in ihrem Alter. Auch diese pflanzte die Sitte, der Glaube, in welchem man von ihnen auf des Lebens Freuden und Leiden schloß. Begrüßte die Mutter zum ersten Male das Neugeborene, war die Stunde gekommen, wo sich sein Leben vor der Eltern Blicken zu entwickeln begann; dann ging der Vater auf seine Flur, die bedeutungsvolle, weissagende Eiche zu pflanzen. Das Leben des Baumes trat in Beziehung zu dem des Kindes; zwischen beiden war Sympathie. Und um die Wette gediehen beide, die Pflanze an der Brust der Natur, das Kind an dem Herzen der Mutter. In erhöhter Hoffnung blickten die Eltern von dem Bäumchen auf ihren Liebling, wenn es ergrünte, in Bangen, wenn sein Wachsthum gehemmt ward. Doch die Kräfte des Lebens entwickelten beide. -- Und abermals an einem Tage hoher Freude pflanzte der Vater einen jungen Eichbaum, ein Bruder zu sein des neben ihm grünenden; denn wiederum war die Familie um einen Sprößling reicher geworden. Fester war seine Hoffnung; denn des Eichbaums grünende Weissagung erfüllte sich an dem Erstgeborenen. Und also reihte sich schwesterlich und brüderlich Baum an Baum. -- Aber in jener Baumgruppe ist eine Lücke, und kaum erreichen die Aeste einander! Der bedeutungsvolle Eichbaum ging ein, und der Tod entriß den Bruder dem Kreise der Geschwister. Wehen die Abendwinde durch der Bäume Zweige, dann ist ihr Rauschen wie die Todtenklage um den Gefallenen; sinken in den Tagen des Herbstes die Blätter, dann sind sie wie Todtenkränze, welche verwelken. Doch der Lenz bringt neue Eichenreiser, und treu ehren die verschwisterten Pflanzen das Andenken der früh gesunkenen.
Herrliche Eichengruppen der Gegend, tröstende Bilder erfüllter Weissagungen, verwirklichter Hoffnungen! Wohl seid ihr ehrwürdig in eurem hohen Alter, mehr noch aber deshalb, weil Menschenherzen an euch in Dank und Freude geschlagen haben. -- Der Fürst hat viele dieser Eichengruppen in den Bereich seines Parks gezogen. In ihrer Beziehung zu einander liegt schon von selbst die reinste Harmonie und das schönste Ebenmaß; denn sie pflanzte ja einst die Hoffnung und Liebe. Jene Eichengruppen sind wie uralte, heilige Familienbilder der Vorzeit, wie Patriarchen der Fluren.
_Anmerk._ Ueber Civilis und Velleda s. Wolfg. Menzel Gesch. d. Deutschen. S. 60. Die Worte der Joh. d’Arc stehen Act. 4. Auft. 1. -- Eine Blume oder einen Kranz zu tragen und sich so in beständigem Rapport mit der Natur zu erhalten, ist die Sitte vieler Nationen, besonders der slavischen. Den Bräutigam schmückt bei den Wenden der Rosmarin, die Braut die Raute. In der Eigenthümlichkeit der Pflanze, in ihrem Wachsen, Blühen und Welken sah man eine Wiederspiegelung eigener Zustände. Diese Auffassung der Vegetation hat bei den Slaven den Orakelzusammenhang mit den Pflanzen vermittelt. Hierzu gehört die Weissagung der Eichen. Ueber Aehnliches s. Bratranek, Aesthetik der Pflanzenwelt. S. 106. 86. f. --
IV. Die Wehklage.
Die beiden Neißeufer im Park sind vor Kurzem da, wo der Eichbusch ist, durch eine Brücke, welche sich kühn und leicht über den Fluß schlägt, verbunden worden -- ein Werk des jetzigen Protectors und Mehrers des grünen Reiches des Fürsten. Sonst war dort ein alter, hölzerner, schwankender Steg. Mancher hat an demselben, wenn die Neiße voller ging, seinen Tod in den Wellen gefunden; aber vor dem Unglücke warnte die Wehklage, obwohl nur von Wenigen, Hellsehenden, bemerkt. Unterhalb der Brücke bildet die Neiße eine kleine Insel. Dichter schlangen sich da einst die Aeste alter Weiden und Erlen in einander, und üppiger wucherte der Nachwuchs empor. Kaum vermochte der Sonnenstrahl das geheimnißvolle, grüne Dunkel zu durchbrechen, und schaute man die zusammengestürzten alten Bäume und Stämme der romantischen Wildniß, so bekam man eine Ahnung, wie es einst in hiesiger Gegend, in dem Neißethale, ausgesehen haben mochte. In jenem Gebüsche hat der Sage nach die Wehklage oft ihre Stimme erhoben vor einem Unglücke. --
Die Sage von der Wehklage -- bože sedleško -- oder Gottesklage -- boža losč -- in beiden Lausitzen heimisch, ist ein Ueberrest alt slavischer Religions-Vorstellungen. Die Wehklage ist ein Sendbote guter Gottheiten, ein Schutzengel. Bald hat sie sich gezeigt als eine weißgefiederte Henne, bald als liebliches Kind, bald als eine Frau von Anmuth und Wehmuth in weißem Kleide; denn das Weiß ist bei den Wenden nicht blos die Farbe der Unschuld, sondern auch der Trauer. -- War ein Unglück im Anzuge, so ertönten die Klagelaute des Geistes; sollte ein Familienglied sterben, dann setzte sich die Wehklage im Dunkel des Abends vor das Gehöfte, den Todesfall vornweg zu betrauern und zu beweinen. In dem Heulen des Sturmes, in dem Rauschen der Wellen, in dem geheimnißvollen Weben des Nachtwindes vernahm man ihre Stimme, und gar oft zeigte sich der mitleidige, warnende Schutzgeist denen, welchen es vergönnt war, ihn zu schauen, am meisten aber in hiesiger Gegend.
Der Tag nahte heran, an welchem drei Menschen in den Fluthen der Neiße bei der Mühle den Tod finden sollten. Mehrere Tage vorher bei einbrechender Dämmerung hörte der Müller ein ängstliches Klagen und Jammern aus dem Gesträuch am jenseitigen Ufer. „Es betrifft nicht dich, sondern Andere!“ lautete ihre Antwort, und gleich einem Nebel verschwand die Wehklage vor seinem Auge, nachdem sie die Opfer des Todes theilnehmend zuvor beklagt hatte. -- Auch vor dem Brande 1766, welcher die ganze Stadt in Asche legte, ließ sich die Wehklage oft in dem Hause hören, in welchem die Flammen ausbrechen sollten. Räthselhaftes Heulen durchtönten bald von hier, bald von dort aus das Gebäude, unheimliches Klagen und Jammern wurde immer und immer wieder vernommen, besonders da, wo um Mitternacht der scheidende Tag dem kommenden die Herrschaft übergiebt. -- Endlich fragte man den Geist. In heulenden, dumpfen Tönen antwortete er: „Es wird nicht nur bei dir sein, sondern auf allen Gassen!“ Die Wehklage hat gewarnt und geweissagt. Bald war Muskau ein Aschenhaufen. --
Noch immer warnt und weissagt die Wehklage; denn gar mütterlich besorgt ist die Natur um den Menschen durch Anzeichen der Veränderungen und unheilbringende Erscheinungen. Ist Thauwetter im Anzuge, soll das Eis brechen und der Strom schwellen; so verkündet dies ein dumpfes Brausen in den Bäumen. Kreuzen sich die Strömungen in der Luft, will der Wind eine andere Bahn einschlagen, soll Sturm kommen; so zeigt dies oft ein dumpfes Heulen in den Häusern vorher an, die Bewohner derselben mahnend, Feuer und Licht wohl zu bewahren. Steigen die Nebel auf, welche der Gesundheit schaden, so formen sie sich wohl oft der Phantasie zu geistergleichen, weißen Gestalten, welche zu fliehen sind. -- Noch immer warnt und weissagt die Wehklage. Denn wie die Natur, welche uns umgiebt, mächtige Veränderungen vorher empfindet und anzeigt, so geheimnißvoll unsre eigene Natur. Bei dem Sinken der Sonne, in der Stille der Nacht hat sich unser oft schon ein Vorgefühl eines nahen Leidens bemächtigt. Selbst ferne Verluste und Todesfälle bewegen in wunderbarer Sympathie das Herz: es beginnt unwillkürlich zu trauern, es stimmen sich wie durch eine unsichtbare Hand die Saiten der Seele zur Klage, und die Natur um uns und in uns ist selbst die warnende, weissagende Wehklage der alten, slavischen Religionen. --
Wie ein Heiligthum jenes Schutzgeistes war das wilde, dichte Gebüsch der Neißinsel im Park. Es warnten des Windes Heulen und der Abendnebel vor der Nacht und den Fluthen der Neiße. Die Stimmen und Gestalten der Natur wurden schlichten Söhnen derselben zu einer göttlichen Macht.
_Anmerk._ Von der Wehklage erzählt das Volk in der Lausitz, besonders in hiesiger Gegend. Vergl. Horcanski: Laus. Provinzialblätter, Leipzig 1782 3. Stck. S. 260. Ueber den fürchterlichen Brand am 2. April 1766 s. Langner.
V. Das böse Ufer.
Die gesunde Lage Muskaus im Neißthale ist oft gepriesen worden. Gleich der Standesherrschaft ist aber auch die gesammte Lausitz mit ihren vielen, immer grünen Wäldern, mit ihren wechselnden Hügeln und Thälern selten von schweren Krankheiten heimgesucht worden. Ob das Dorf Groß-Voygenz, einst zwischen Stadt und Gablenz gelegen, durch den schwarzen Tod oder im dreißigjährigen Kriege eingegangen ist, läßt sich nicht bestimmen. Warum aber die Pest diese Gegend gemieden hat, giebt folgende Sage an, welche zwar auch anderwärts wiederklingt, hier aber in dieser Form heimisch ist. --
Ein Mann aus einem der Stadt benachbarten Dorfe hatte den ganzen Tag über Holz gefällt, um dem dichten Walde mehr Land zur Wiese abzugewinnen. Es begann dunkel zu werden; er wollte nach Hause gehen. Da durchzogen vom Walde her, gleich Geistern in langen, weißen Gewändern, Nebelstreifen die Flur. Dem Landmann graute. Er beflügelte seine Schritte. Doch länger als sein Fuß war ein langer Nebelstreifen. Es war als hätte er Haupt und Hände. Schon hatte er den Armen erreicht. Mit Centnerlast legte er sich auf seine Schultern, und eine Stimme sprach: „Ich bin die Pest! Du trägst die Pest!“ Heiße Angst erfaßte den Armen, sein Blut begann zu sieden; fieberhaft hämmerten die Pulse, und zahllose Schweißtropfen rannen die Stirn und Wangen herab. Er wandte sich hierhin und dorthin auf der Flur -- vergebens; die Pest folgte ihm. Er schüttelte gewaltig, die Last abzuwerfen -- vergebens; immer fester umklammerte ihn des Todes Macht. Er eilte vom Thale zum Hügel -- vergebens! Wie der heißhungrige Wolf, der seine Zähne in das Genick des Hirsches geschlagen hat, war er zusammengekettet -- mit der Pest. In wilder Verzweiflung war er also die Fluren durchjagt und auch die Stunden des Abends. Schon verkündete der Glockenschlag Mitternacht. Da stand er auf einem Hügel vor seinem Dorfe. Längst war das Feuer auf den Kaminen erloschen. Auch seine Hütte umfing tiefer Frieden. Dort schlummerte in der Gesundheit Fülle sein Weib mit den Kindern, die den Vater bei Verwandten wähnten. Ein Tag war froh verlebt, und sein Werk vollbracht. Die Nacht und der Schutz des Himmels walteten über den Schläfern. -- Schon wollte sich der Unglückliche seiner Wohnung, den Seinen nahen; doch er wußte, daß er ihnen den Tod brächte, daß er mit ihm einzöge in das Dorf. Ehe dies geschehen sollte, wollte er lieber verlassen sterben auf einsammer Flur. -- Und wiederum stürmte er in wilder Verzweiflung von dem Dorfe weg in das Feld und die Nacht hinein. Immer größer wurde seine Angst, immer heftiger sein Schmerz; aber es trieb ihn nicht mehr die Pest allein, sondern auch die Liebe. So hatte er die Neiße erreicht, da, wo jetzt im Park die Hügel jäh zu dem Flusse herabfallen, wo sich der Strom je und je wieder gefahrvolle Tiefen wühlt, wo „das böse Ufer“ ist. Er nahm Abschied vom Leben und sandte den Seinen den letzten Segensgruß; denn er war entschlossen, ein Opfer anstatt vieler zu fallen. Er wollte die Pest mit sich begraben in der Neiße. -- Schon wollte er sich in den Strom stürzen, schon schritt er zur That: -- da ließ es ihn los. Eine Stimme sprach: „Solche treue, aufopfernde Liebe habe ich nirgends gefunden. Hier darf meine Herrschaft nicht sein!“ Und im Grauen des Morgens zog wiederum ein langer, weißer, geisterhafter Nebelstreifen von der Neiße zu dem nahen Hügel. Der öffnete sich. Dort tauchte die Pest hinab. Der Landmann eilte in den Strahlen der aufgehenden Sonne nach banger Nacht hochbeglückt zu den Seinen. Seitdem hat aber die Pest weder die Standesherrschaft, noch die Lausitz heimgesucht.
_Anmerk._ Ueber die gesunde Lage des Städtchens s. Peschek, L. Wochenbl. 1790, 81-84. Das Dorf Groß-Voygenz soll noch auf der Schreiberschen Specialkarte v. 1745 angegeben sein. So Past. Halke, handschriftl. Chronik von Gablenz.
VI. Die Ludki.
In dem langen, blutigen Kampfe der Deutschen gegen die Slaven mochte die dichten, unwegsamen Wälder der Standesherrschaft dem alten Glauben und der Freiheit der Wenden lange Zeit ein Asyl sein. Auch hier findet sich die Sage von den Ludken.
Die Ludki waren kleine, zwergartige Wesen. Sie lebten fern von den Menschen in verborgenen Höhlen, in welchen sie ihre zierlichen Haushaltungen hatten. Die Berge und Hügel sollen die Wohnung jener Unterirdischen gewesen sein, in denen sich Urnen finden; doch werden auch besonders die waldigen, sumpfigen, öden Gegenden als Stätten ihres Weilens von der Sage bezeichnet. Dort leben sie von der Jagd und dem Fischfange und den Früchten der Wildniß, ja wohl auch von etwas Ackerbau und Viehzucht, wenn ihr Aufenthaltsort von Städten und Dörfern weit entfernt war. Die Noth trieb sie bisweilen, die Bewohner benachbarter Dörfer um Lebensmittel zu bitten. Auch borgten sie sich von ihnen allerlei Geräthschaften, als Aexte, Sägen, Schüsseln, Teller u. s. w., welche sie ehrlich, ja oft mit Geschenken wieder brachten. Sie nahten sich meistens des Nachts, in Angst und Furcht. Mischten sich bei Freudenfesten die Menschen bunt durch einander, dann mischten sich auch oft die Ludki unter dieselben, um als Musikanten eine Art Hackebret oder Cymbal mit Tangenten meisterhaft zu spielen, oder wohl gar als Tänzer an dem Feste Antheil zu nehmen. Lange Zeit führten die menschenscheuen und doch menschenfreundlichen Ludki ihr einsames, kümmerliches Leben in den waldigen Verstecken der Gegend. Aber es erhoben sich christliche Kirchen. Der Schall der Glocken drang in die dichten Wälder. Die mächtigen Töne derselben konnten sie nicht vertragen. Sie verschwanden seitdem.
Jene Ludki, welche in den Todtenhügeln wohnten, waren ohne Zweifel die Abgeschiedenen. Sie setzten dort nach dem Glauben der Slaven das irdische Leben in verjüngtem Maaßstabe fort. Bisweilen kamen sie aus dem kümmerlichen Jenseits zu den Menschen in die Kreise ihres früheren Lebens, um sie alsbald wieder zu verlassen. -- Aber die ursprüngliche, religiöse Bedeutung der Sage wird von der politischen überwogen. Sie weiset auf eine Zeit hin, in welcher die Freiheit der Slaven durch das Schwert der Germanen den Todesstoß erhielt, an dem sie sich langsam verblutete, und die Ludki in ihren waldigen Verstecken, die dem Glockengeläute wichen, sind die Schemen, die Schatten, die letzten Ueberreste der einst selbständigen, freien Slaven. Ein edler Nationalstolz, Liebe zu den alten Göttern, der Freiheit und dem Vaterlande war einst der Grundzug in dem Charakter der Sorben, der sich in langer, heldenmüthiger Gegenwehr gegen die Deutschen gezeigt hat. Sie unterlagen. Es erhoben sich Burgwarten, und an der Stelle der slavischen Knesen traten deutsche Ritter, welche über die Besiegten herrschten. Edlen Gemüthern, den Führern und Leitern des Volkes, den Vaterlandsfreunden, war ein Leben ohne Freiheit nichts werth. Sie zogen sich zurück in die Einsamkeit und Abgeschiedenheit in den Wäldern. Die große, sinkende Nation hatte nur noch Ludki d. h. Völkchen, welche wohl eine freiwillige Verbannung, nicht aber das Joch der Deutschen ertragen wollten. --
Die dichten Wälder hiesiger Gegend wurden den die Freiheit liebenden Ludken ein sicheres Asyl. Hier mochten sie fort und fort ihre Götter verehren, die ihrem Volke einst Glück und Segen gespendet hatten und von welchen sie die Wiederherstellung der verschwundenen Herrlichkeit desselben erflehten. Hier mochten sie erzählen von Opfern, dem Vaterlande vergeblich gebracht, und manchen Gefallenen beklagen. Schüchtern und heimlich kamen sie zu ihren unterjochten Brüdern, war es, um von ihnen zu empfangen, was ihr Loos erträglich machte, war es, um ihnen zu bringen eine Gabe der Liebe, war es, um zu erfragen, ob sich die Nacht der Knechtschaft nicht irgendwie lichte. Grimm und Wehmuth in den Herzen spielten sie an den Festen, wo der Einzelne in der Menge unbemerkt verschwindet, manch’ altes, heiliges Nationallied, und die Macht der von Wenigen verstandenen Klänge riß nicht nur alte Wunden auf, sondern brachte auch gesunkenen Hoffnungen noch einmal ein kurzes entblühendes Leben. Die Deutschen befestigten ihre Herrschaft. Kirchen um Kirchen wurden gebaut. Das Geläute der Glocken war das Grabgeläute für den heidnischen Glauben und die Freiheit der Slaven. Das Geläute der Glocken war aber auch ein Geläute, welches der Gegend einen neuen Morgen verkündete. Seine Sonne war die Religion des Welterlösers.
_Anmerk._ Ueber die Ludki s. Anhang zu den Volksliedern der Wenden V. 22. und Chronik der Stadt und des Amts Senftenberg S. 15. f. --
VII. Die Bergkirche.
Muskau mit seiner schönen, neuen, deutschen Kirche liegt an dem Fuße an einer langen, von vielen Schluchten durchbrochenen Hügelkette. Da, wo sich das goldene Kreuz des Thurmes, welches einst die selige Frau Fürstin Pückler errichten ließ, bis zur Höhe des Berges erhebt, ist ihm gegenüber ein herrlicher Punkt, von welchem aus der Blick frei über die Stadt und den Park bis zu den Hügeln jenseit der Neiße schweift und den Fluß aufwärts und abwärts, bis sich seine Kraft verliert in der Haiden unübersehbarem, grünen Meere. Dort, nicht weit von des jähen Hügels Rande stehet ein Kirchlein, fast Ruine, ehrwürdig in seinem hohen Alter, eine Mutter der Töchter im Thale. --
Tritt man durch das Thor des Kirchhofes, dessen Bogen der zerstörenden Macht der Zeit widerstand, so sieht man viele Gräber, eine dichte Saat. Um dieselben zieht sich eine alte, starke Mauer aus Feldsteinen. Mitten unter den Gräbern erhebt sich das Kirchlein. Der Thurm bei demselben ist längst zerfallen. Ein schlechtes Breterdach vermag den Wettern nicht zu wehren; doch halten sich noch immer die Bogen über dem Altare. In den Wänden des Schiffes, nahe an dem Simse, sind drei Fenster, durch welche ein spärliches Licht fiel; aber der Altar erglänzte in hellern Strahlen, welche durch mehrere Fenster drangen, und zur Rechten desselben ist die zerfallene Sakristei. Längst ist hier die katholische wie die spätere evangelische Verkündigung des Christenthums verhallt. In den öden Räumen wohnet das Schweigen; doch die rastlos schaffende Natur arbeitet fort über den Trümmern. Um die Kirche und in derselben wächst Moos, Fliedergesträuch und manche Blume zur Zierde der alten, heiligen, verwaisten Stätte, und es ist, als wenn die ergrünende und erblühende Pflanze über dem zerfallenen Gesteine triumphirend fragte: „Vergänglichkeit, wo ist dein Sieg?“
Die Bergkirche wird für die älteste der Herrschaft gehalten. Zeugen ihres hohen Alters waren die drei Glocken derselben. Die mittlere trug eine alte, deutsche Inschrift, die nicht zu lesen war, die kleine die Jahreszahl 1408. Auf den Thurm der neuen Kirche gebracht, schmolzen jene Glocken erst in den Flammen des 2. Aprils 1766. Ein Zeuge ihres hohen Alters ist ihr Bau aus Feldsteinen, ist wohl auch das zerfallende Gewölbe über dem Altare. Ein Zeuge ihres hohen Alters ist sie selbst, die Kapelle; denn nicht die schönen, geräumigen Kirchen, an welchen die Lausitz jetzt so reich ist, waren die ersten gottesdienstlichen Gebäude, sondern die Kapellen, in deren Nähe sich später wie hier größere Kirchen erhoben. Jenes Kirchlein sah das Heidenthum sinken, es überdauerte den Katholicismus hiesiger Gegend. In ihm wollte Lazarus Welck, wenn sein Leben verwelkt wäre, bestattet sein. Dort schläft auch Melchior Tilenus, der erste evangelische Diaconus, neben seinem Collegen. Nachdem am 2. April 1766 die St. Andreas-Kirche abgebrannt, die deutsche aber ausgebrannt war, wurde beinahe 20 Jahre lang der wendische Gottesdienst in der Bergkirche gehalten. Der Gebrauch derselben zu gottesdienstlichen Zwecken hörte auf. Durch des Fürsten Sorge ist sie eine Ruine geworden.[A]
Weder von den Hügeln jenseit der Neiße, noch von einem andern, entfernteren Punkte des Parkes aus gewährt die Kapelle zur Zeit einen deutlichen, schönen Anblick. Ein desto reicherer erschließt sich aber an jener Ruine dem Geiste, welcher an historischen Analogien in eine ferne Vergangenheit dringt, deren Gestalten die Phantasie das Leben bringt. Und es trägt uns jene das Jetzt und Einst verbindende Macht an dem zerfallenden Gemäuer in die Tage, wo sich hier nach hartem Kampfe die erste deutsche Burgwarte erhob, unter deren Schutze der Grund zu der Kapelle gelegt wurde; in die Tage, wo muthige Glaubensboten dem Hügel gegenüber, wo ein slavisches Götzenbild gestürzt worden war, triumphirend das Kreuz aufpflanzten; in die Tage, wo die starke Ummauerung des Friedhofes noch schützen mußte gegen die wiederholten Ueberfälle der Sorben, bis sich ihre Glauben und Freiheit liebenden Ludki vor dem Geläute der Glocken immer tiefer in die Wildniß der Wälder zurückzogen; in die Tage, wo sich Herzen erschlossen dem Lichte der ewigen Wahrheit, welches, wie die Kapelle auf dem Berge weit hinausschaute in das Land, so von da hineinstrahlte in die Wälder der Herrschaft; in die Tage, wo das Kirchlein die Menge der Beter nicht mehr faßte und ihm Töchter erstanden zu seinen Füßen im Thale. --
Geht man von der Ruine bis zu dem nahen, steilen Rande des Berges, so hat man, besonders an einem Frühlingstage, den herrlichsten, reichsten Anblick. Da kann man die Schöpfungen des Fürsten überschauen; da liegen Stadt und Schloß vom Park umfangen im Thale; da treten des schönen Gartens Gruppen, eine lieblicher als die andere, hervor und zusammen zum herrlichen Ganzen; da wechselt nach der Sonne verschiedenem Stande die Beleuchtung; da treibt des Lenzes Kraft Blätter, Knospen und Blüthen: -- aber du mußt hinter dich schauen zu der zerfallenden Kapelle, soll sich dir die Freude des Anblicks erhöhen. Denn da wird dir in den Sinn kommen, daß einst des Lenzes Pracht, des Lebens Herrlichkeit wird, was sie ist, -- Ruine, Asche, und du wirst dich ihrer freuen, so lange sie währet. -- Die Ruine der Bergkirche ist ein herrlicher Punkt der Gegend sowohl durch ihre Lage als auch als elegischer Gegensatz zu der Landschaftsverklärung, die als Park Schloß und Stadt umgiebt.
_Anmerk._ Neue, eigens geschaffene Ruinen in einem Park haben etwas Komisches; wirkliche Ruinen sind eine Zierde desselben. „Sie erscheinen wie riesige, diesem Boden mit Nothwendigkeit entwachsene Krystalle. Man muß den Instinkt bewundern, mit welchem die ersten Ankömmlinge den Platz für ihre Städte, Dörfer, Burgen und Kirchen wählten.“ Bratranek, Aesthet. d. Pfw. S. 434. Dies gilt auch von der Bergkirche. -- Nachrichten über die Bergkirche finden sich in der Muskauischen Kirchen-Zierde von J. C. Crusius, weiland Kantor zu M. -- ein seltenes, für die Geschichte der Standesh. wichtiges Werk -- in dem kurzen Entwurfe einer oberl. wend. Kirchenhistorie, Budissin 1767 S. 38 -- ferner bei Langner, S. 22, 23. -- ~Dr.~ Jäger, Leben des Fürsten S. 337.
Fußnote:
[A] Diese Kirchenruine stand malerisch inmitten uralter prächtiger Linden, sie war mit dieser Umgebung eine große Zierde der Landschaft. Diese Linden wurden im Jahre 1848 von den Bauern des Dorfes Berg, welche die Bäume als ihr Eigenthum beanspruchten, niedergehauen. Durch diesen Vandalismus hat die Ruine ihr jetziges nüchternes und unbedeutendes Ansehn erhalten. Anm. d. Herausgebers.
VIII. Der Heerd des Herrn.
Im Jahre 1597 hat Wilhelm, Burggraf zu Dohna, die Herrschaft Muskau von dem Kaiser Rudolph II. erblich erkauft. Es war seine erste Sorge, nicht sowohl sich selbst ein bequemes Schloß zu schaffen, als vielmehr vorher dem Herrn zu Ehren eine neue, größere Kirche zu bauen; denn die alte Pfarrkirche, die St. Andreas Kirche, war zu klein geworden für die große Gemeinde. Der Bau mußte verschoben werden. Es fehlte an einer für die Kirche passenden Stelle. Doch Gott, der Herr, wies selbst den Raum zu derselben an.