Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen

Part 5

Chapter 53,754 wordsPublic domain

Sie waren innige Freunde und hatten sich auf der Walze kennen gelernt. Hatten sie da schon alles redlich miteinander geteilt, so taten sie es jetzt erst recht. Wenn es auch nicht viel war, was sie mit ihrem Hofsingen einnahmen, es half doch ein wenig über die arbeitslose Zeit hinweg.

Manchmal wurden sie auch barsch von einem Hof gewiesen, noch ehe sie begonnen hatten, und manchmal zogen sie es auch selbst vor, ein paar Häuser weiterzugehn, wenn ihnen die Gelegenheit nicht besonders günstig schien.

Hermann sah sich jeden Hof erst an. Da war in dem einen ein Schlosser, der an einem Schraubstock stand und ein langes Eisenrohr mit dem Hammer bearbeitete. Auch aus der Werkstatt ertönte helles und dumpfes Pochen durcheinander. In einem andern Hofe wurden Motore repariert. Mehrere Geschäftsautomobile standen umher. Die Motore wurden in Gang gesetzt und untersucht. Es war ein Rattern und Stöhnen, bald langsam, bald schneller, oder sich in puffenden Stößen überstürzend. Die damit beschäftigten Menschen schrien sich ihre Worte ins Gesicht, denn das Geräusch der Motoren übertönte sie.

Hier war kein Platz für die beiden. Sie suchten sich ruhigere Höfe aus.

Eines Nachmittags standen sie wieder vor einem Hause. Paul wartete und Hermann ging hinein, um sich ein bißchen umzuschauen. Es verging eine geraume Zeit. Hermann kam nicht wieder zum Vorschein, und Paul ging ihm deshalb nach. Er sah ihn an der Tür lehnen und wollte ihn eben fragen, was es denn gäbe, als er betroffen stehen blieb.

In der Mitte des Hofes stand ein dreirädriger Korbwagen, in dem eine schwarzgekleidete Frau saß. Ihr graues Haar war in der Mitte schnurgerade gescheitelt, und jedes Haar schien zu beiden Seiten des Scheitels peinlich genau aneinandergereiht zu sein. Ihr Gesicht war gelb und hatte einen immerfort lächelnden Ausdruck. Die ebenso gelben Hände lagen auf den Armstützen des Wagens und zupften und spielten an dem ausgefranzten Lederbezug. Ein barfüßiger Junge hielt die Querstange des Wagens gefaßt, bereit, jeden Augenblick den Wagen wieder fortzufahren.

»Die alte Liebichen«, sagte Hermann auf einen Blick Pauls.

Sie hüstelte lange und anhaltend und begann dann zu singen:

Es zog ein Matrose Wohl über das Meer, Nahm Abschied vom Liebchen, Das weinte so sehr.

Da kam einst die Kunde: Das Schifflein versank, Ihr Herzallerliebster Im Meere ertrank.

Da stand sie am Ufer mit weinendem Blick; Ihr Herzallerliebster kehrt niemals zurück.

Sie sprach mehr, als daß sie sang. Ihre Stimme war dünn, schnappte bei jedem Atemholen über, und es klang, als wollte jemand zum Scherz absichtlich falsch und gequält singen.

Sie hüstelte wieder, und ihr Gesicht nahm wie vorher das unbewegliche Lächeln an. Der Junge sammelte das Geld auf, die Alte hob mechanisch den Arm, machte eine kraftlose grüßende Bewegung, und ihr Begleiter schob nicht ohne Anstrengung den Wagen über das holprige Pflaster, zum Tor hinaus.

Als sie an den beiden vorüberkamen, sagte Hermann: »Wie geht's denn, Mutter Liebichen?« Die Alte hob etwas den Kopf. Aber in ihrem Blick lag kein Erkennen. Sie nickte nur immer, und Hermann wußte nicht, ob das eine Antwort sein sollte, oder ob es von dem Schütteln des Wagens herrührte. Der Junge schob ohne Aufenthalt pflichteifrig den Wagen vorbei, und draußen lenkte er ihn in das nächste Haus.

Die beiden Freunde gingen nach einer andern Gegend, klapperten noch ein paar Höfe ab und schlenderten dann durch die Stadt. Hermann ging zu einem Bäcker, kaufte Brot, während Paul in einen Fleischerladen trat und Abfälle und Wurstzipfel verlangte. Er zwinkerte der drallen Verkäuferin mit einem Blick auf seine aufgezählten Pfennige zu und sagte, sie solle nicht so wenig geben, es wäre für einen Kranken. Sie verstand ihn, schnitt sich beim Geben nicht in die Finger und machte ihm ein reichliches Paket zurecht. Draußen auf der Straße traf er wieder mit Hermann zusammen. Sie gingen in die Anlagen, setzten sich auf eine Bank und aßen.

»Erzähl' das mal von der Alten«, sagte Paul kauend.

»Nachher«, gab Hermann zurück und hieb hungrig in sein Stück Brot.

Als sie gesättigt waren, machte sich's Paul bequem, streckte die Beine weit von sich, nahm die Zigarrette, die wie ein Bleistift hinter seinem Ohr saß, und rauchte sie. Wie einen langentbehrten Genuß stieß er den Rauch durch Mund und Nase. Hermann holte seine Mundharmonika hervor und begann zu spielen. Er war ein Künstler auf seinem Instrument. Ein zartes weiches Lied war es. Solostimme und Begleitung hielt er geschickt und vollendet auseinander. Mit einem Ausdruck und einer Hingabe spielte er, daß dabei sein ganzer Oberkörper in Bewegung geriet.

Das Lied erregte Pauls Phantasie. Es zauberte ihm Bilder vor Augen, Bilder seiner Wanderzeit, voller Farbe -- voller Sonne und Luft. Diesen Winter wollte er noch hier aushalten, aber dann ging's wieder fort. Zum Frühjahr, wenn sich der frische Märzwind aufmachte. Es trieb ihn schon jetzt inwendig. Immer weiter. Immer weiter -- -- --

»Die alte Liebichen« -- begann Hermann, die Mundharmonika in der hohlen Hand ausklopfend, mit einem Blick auf den sinnenden Freund.

»Hast du heute den Jungen gesehn, der sie fuhr? Vor zehn Jahren, ja so lange wird es her sein, habe ich sie auch einmal von Hof zu Hof gefahren. Ja ich! Ich weiß noch, sie wohnte in einem großen Hause, das jetzt kaum wiederzuerkennen ist, vier Treppen hoch. Ich mußte sie die Treppen mit hinauf- oder heruntertragen. Denn sie war damals schon halb gelähmt und hätte eine Ewigkeit gebraucht, die Treppen zu steigen. Manchmal, wenn ich sie gegen Abend zurückbrachte und niemand oben in der Wohnung war, mußte ich unten bei ihrem Wagen warten. Wenn es lange dauerte, wurde sie unruhig, warf sich auf ihrem Sitz hin und her und sagte immer wie erstickt: ach -- ach -- als wollte sie die Tränen in die Augen zwingen. Aber ich habe ihre Augen nie naß gesehn. Du mußt nämlich wissen, daß ihre Leute in dem Hause richtig wie verhaßt waren, und das ließ man auch die alte Liebichen merken. Sie wohnte bei ihrem Bruder und war da nur eben so geduldet; groß mucksen durfte sie ja nicht. Er kam immer erst gegen Morgen nach Hause, ich glaube, Kellner war er, und da gab's oft Streit. Sein übernächtiges Gesicht war bleich und eingefallen. Aber in seinem Körper mußte eine Kraft stecken, daß man staunte. Einmal kam er früh polternd und schimpfend die Treppe hinauf. Sie wollten ihn nicht hineinlassen, weil er so betrunken war. Er donnerte mit den Füßen an die Türe, daß die Hausbewohner zusammenliefen, und als es ihm zuviel wurde, hob er die Türe aus und wütete in der Wohnung wie ein Sinnloser. Zwei Söhne hatte er, die damals aus der Schule waren. Das waren dir zwei Kerle! Sie liefen auf den Händen durch die Hausflur, schlugen einen Salto in der Luft, als wäre das rein gar nichts, und hatten in allem so etwas Zügelloses, daß es ihnen nie an einer bewundernden Schar von Altersgenossen fehlte. Ich war auch nicht wenig stolz, daß ich ihnen so nahe war, da man ja in der ganzen Umgegend von den Liebichs sprach. Wie das aussah, wenn die Frau mit ihrer Tochter auf der Straße ging! Die Tochter war aufgeputzt, trug sich gern bunt und auffällig, und die Mutter ging klein und dürftig mit bloßem Kopf nebenher. Ich kann mich noch an die Grünewarenfrau erinnern, die nebenan wohnte. Sie spuckte immer aus, wenn jemand von den Liebichs vorbeikam, und sagte, das wäre ungefähr eine Gesellschaft. Und dabei bildete sie sich ja ihre Meinung auch nur nach dem Klatsch, der in ihren Laden getragen wurde. Was ich aber nicht begriff, war daß die ganze Familie beisammenblieb, so sehr sie sich auch in den Haaren lagen. Jeder ging seinen Weg, kümmerte sich um nichts, frug nicht danach, was die andern taten, und plötzlich -- als habe der Friede schon zu lange zwischen ihnen geherrscht -- standen sie eines Wortes wegen in Flammen und fielen übereinander her. Wie Tiere, die sich zerfleischen wollen. Und die alte Liebichen saß hilflos dabei und wartete zitternd, bis man auch sie samt ihrem Stuhl umwarf. Ich habe es einmal mit angesehn und kann es nie wieder vergessen -- -- -- --«

Er hauchte gedankenverloren in sein Instrument und entlockte ihm langgezogene leise Töne.

Sacht dunkelte es.

Vor ihnen lag ein Stück mondübergossene Wiese, auf das die Bäume ihre Schatten streuten. Viel Blätter hatten sie im Kampf mit dem herbstlichen Wind schon lassen müssen. Nun standen sie stumm und schwarz, mit entlaubten Wipfeln da. Kein Flüstern und Rauschen war hörbar.

Weit hinten sah man die Straße, die die Anlagen umsäumte, wie in fahlen wallenden Nebel getaucht. Das matte Licht brach durch die Äste und Zweige, die mit schützenden Gebärden ängstlich dem lauten Treiben zu wehren schienen.

Jenseits dieses natürlichen Gitters huschten Gestalten und Fahrzeuge schattenhaft vorüber.

Ein dunkler Fußweg führte im Bogen eine kleine Anhöhe hinan. Dort, wo er in die Straße mündete, war das Schwarz der Sträucher durch ein großes gelbes Loch unterbrochen.

Hermann hatte den Rockkragen hochgeschlagen, den Hut ins Gesicht gezogen und die Hände in die Hosentaschen versenkt.

Auch Paul war in sich zusammengekrochen.

Halblaut flüsterte er: »Im Frühjahr -- wenn der Märzwind geht -- dann wandern wir -- dann wandern wir --«

»Ja,« gab Hermann ebenso zurück, »im Frühjahr --!«

Volksmaskenball.

Sie sah das große Eckhaus ganz erstaunt an. Wochenlang hatte das Leitergerüst gestanden, und sie hatte wenig darauf geachtet, was da eigentlich vor sich ging. Nun hatte man das Gerüst wieder abgebaut, und da mußte das Haus freilich auffallen. Es leuchtete ordentlich von weitem, so blendend weiß sah es aus. Aber was für einen Anblick boten da auf einmal die Nebenhäuser. Man sah sie gar nicht gerne an, so schwarz und schmutzig waren sie. Dazu hatte der Regen Spuren und Streifen hinterlassen und mit der Zeit hier und da das Mauerwerk abgewaschen.

Frida buchstabierte, was der Maler in seinem mit allen Farbenproben versehenen Kittel malte. »Vergnügungs --« bekam sie heraus. Weiter war die Schrift noch nicht gediehen.

Zwar hatte sie manchmal einen befrackten Kellner im Hauseingang stehen sehen. Sie erinnerte sich, daß einmal ein Mann mit einem Mädchen am Arm, die in einem fort lachte und ihren Hut immerzu gerade schob, herausgekommen war. Wenn man aber einen Weg, durch eine große lärmerfüllte Straße, ein paar Jahre lang, viermal täglich ging, so sah und hörte man vieles, über das man nicht weiter nachdachte. An der Straßenecke traf sie sich auch mit ihrer Freundin Martha und beide gingen zusammen nach Hause.

Nun, wo sich das Eckhaus in seinem neuen Kleid präsentierte, stand allabendlich ein Mann vor dem Hauseingang. Einen großen gelben Mantel, mit silbernen Schnüren und Knöpfen verziert, hatte er an und auf dem Kopfe trug er einen Dreispitz. Wie eine aufgezogene Figur stelzte er maschinenmäßig auf und ab, eingelernte Worte vor sich her schnarrend. Wenn man diesen Worten glauben wollte, mußte es im Innern des Hauses unerhört großartig zugehen. Aber was mehr auffiel, war, daß der Mann so fror. Denn es war bitter kalt, und um die Straßenecken fauchte der eisige Wind besonders gern. Ohrenwärmer hatte der Mann, und unter seiner roten Nase starrten die beiden gefrorenen spitzgezwirbelten Schnurrbartenden wagerecht in die Luft. Mit seinen Holzschuhen klapperte er taktmäßig auf den Steinfließen, und von dem, was er zwischen den Zähnen hervorstieß, hörte man die immer wiederkehrenden Worte: »eintreten -- phänomenal -- feenhaft --«.

Und noch etwas Neues konnte man eines Mittags beobachten.

Vor einem der Fenster des weißen Hauses blieben die Vorübergehenden eine Weile stehen. Da war zu lesen, daß eine Woche später ein Volksmaskenball stattfinden sollte. Die ausgestellten zehn Preise fielen den zehn schönsten Masken zu.

In einer Schachtel mit blauem Samt lag eine goldene Uhr. In einer zweiten Schachtel mit blauer Einfassung ein goldenes Armband. Andre Preise waren: eine reichverzierte Standuhr, eine Teekanne mit Tassen, ein Pokal mit Gläsern, ein Handtäschchen, an das ein Zettel geheftet war. »A la Pompadour« stand darauf. Alle Wertstücke waren schön dekoriert und die Preise der Reihenfolge nach bezeichnet.

In Fridas Augen wuchs das Staunen, als sie sich zum Gehen wandte. Einen solchen Preis konnte man bekommen, wenn man eine der schönsten Masken war? Nein -- kaufen hätte sie sich davon nichts können.

Es lockte und reizte sie in den folgenden Tagen, jedesmal wenn sie an dem Fenster vorüberging. Sie sann und überlegte und war mit ihren Gedanken öfter bei der goldenen Uhr und dem Täschchen a la Pompadour. Was würde wohl die Mutter sagen, wenn sie einen solchen Preis mit nach Hause brächte? Die Mutter? Sie erschrak ein wenig. Ja, wenn sie mit der Mutter einmal wie mit einer guten Freundin hätte sprechen können. Aber war nicht ein fröhliches Wort von der Mutter eine Seltenheit? Sonntags, wenn Frida mit ihrer Mutter spazierengehen mußte, kam ja kaum eine Unterhaltung auf. Die Mutter hatte so etwas Starres, Wortkarges. Sie machten beide einen Umweg um die Stadt bis zum Friedhof. Die Mutter begoß das Grab des Vaters, und Frida saß auf einer Bank und wartete. Auf dem Rückwege gingen sie an der Fabrik vorbei, in der der Vater viele Jahre gearbeitet hatte. Und manchmal besuchte die Mutter auch den einarmigen Pförtner der Fabrik, der im Erdgeschoß wohnte. Der war ein Freund des verstorbenen Vaters gewesen, und die Mutter hörte ihn gern erzählen. Frida saß oder stand dabei, abseits und fremd. Als müsse sie immer sinnen und sinnen, was es wohl wäre, das sie ruhig und niedergedrückt beiseite zu stehen zwang.

Da war es für sie eine Erholung, wenn sie abends ein Stündchen zu ihrer Freundin Martha ging. Wenn in der kleinen Stube alle Mitglieder der Familie versammelt waren, herrschte ein Ton, der für Frida neu war. Das Lachen war hier kein seltner Gast, und da sie alle zumeist erst abends richtig Zeit hatten, sich miteinander auszusprechen, so kam oft eine Unterhaltung zustande, bei der sie sich schon auf den nächsten Abend freuten. Denn der Vater war es, der mehr die andern reden ließ. Nur hier und da warf er seine klugen und anregenden Bemerkungen dazwischen und hatte zum Schluß die Unterhaltung doch so in seinem Sinne gelenkt, daß noch eine Frage offen blieb, und er seine Lieblingsbemerkung anbringen konnte: »Darüber müßte man mal ausführlich reden.« Ja bisweilen war es vorgekommen, daß sie die Aussprache über die kleinen Fragen des Alltags hinaustrug. In dem kleinen Kreise herrschte eine sekundenlange Stille, und es war als dehnten sich plötzlich die Wände. Die Augen füllten sich mit Glanz, und in der Brust war ein Gefühl, als könne man nicht schnell genug die beengenden Kleider aufreißen, damit das Übermächtige Platz habe. Da kniff der Vater die Augen zusammen und sagte, daß sie nun ein richtiges Lied singen sollten. Alles was da lebendig geworden war, strömte dann hinein in das begeistert gesungene »richtige« Lied.

Heute saß Marthas Vater am Tisch, den buschigen Kopf in die Hände gestützt, und las in einem dicken Buch. Martha hatte die andre Hälfte des Tisches inne und zerschnitt ein großes Stück bunten Stoff. Das würde Rock und Bluse für den Maskenball, sagte sie. Schlimmstenfalls nähme sie das kleine Hütchen ihres Bruders, an dem die lange Feder wäre und die Tirolerin wäre fertig. Überhaupt wäre der Stoff so reichlich und billig, daß sie zwei Röcke und zwei Blusen herausbekäme. Viel Umstände würden nicht gemacht, denn das Kleid brauche ja bloß für einen Abend zu halten. Ob denn Frida nun mitkomme? Frida lächelte unschlüssig. Die Mutter würde -- --. »Eins kann man nur machen -- entweder man geht, oder man geht nicht.«

So sprach Martha in ihrer bestimmten Art. Ihr Vater hob den Kopf und sah seine Tochter mit einem langen Blick an. Er kannte sie und hatte ein starkes Vertrauen zu ihr. »Ein solches Fest müßte man im Sommer machen -- im Freien -- auf einer großen Wiese. Natürlich ganz anders als wie es jetzt geschähe.« Doch darüber müßte man mal ausführlich reden, setzte er hinzu und las weiter.

Als der Abend des Volksmaskenballs herankam, sagte Frida zu ihrer Mutter, die am Küchentisch saß und Brotstückchen in die Kaffeetasse tauchte, daß sie heute zu ihrer Freundin ginge und wahrscheinlich etwas später käme.

»Um zehne bist du wieder da«, sagte die Mutter, mürrisch und unbeirrt.

Martha war bereits fertig angezogen. Sie sang und tanzte in der Stube herum, während Frida ihren Rock und ihre Bluse überstreifte.

An dem uniformierten Ausrufer vorbei betraten sie den Saal. Der war nun schon zum Erdrücken voll.

Die nicht maskierten Besucher standen dichtgedrängt ringsherum um die Tanzfläche, auf der das Maskentreiben wogte. Die Musikkapelle spielte in einem fort Walzermelodien, mit einem Aufwand an Kraft, als gelte es durch Donner und Getöse die rechte Stimmung zu erzwingen. Denn unter den Masken herrschte noch ein unfrohes Schweigen. Sie hatten sich alle unter die Arme gefaßt, und so zog das bunte Gemisch im Kreise um den Saal. Hier und da fing eine schüchterne Lustigkeit schon an in den Beinen zu zappeln. Gleich den beiden Freundinnen waren Tirolerinnen in leichten billigen Kostümen vorherrschend. Ein großes stattliches Mädchen stellte die Germania dar. Sie hatte ein langschleppendes Gewand an, einen Brustpanzer und einen Helm aus blankem Blech. Auf der Helmspitze war eine kleine grüne Eiche befestigt. Dazu umklammerte die Germania mit beiden Händen den Fahnenstock einer schwarz-weiß-roten Fahne. Die Fahne mußte gar nicht so leicht sein. Denn von Zeit zu Zeit stützte sie den Fahnenstock auf die Brüstung, die die Tanzfläche von den Zuschauern abschloß, und wallte dann wieder majestätisch durch den Saal. Ein Mönch, fleißig betend, trug ihre Schleppe. Ein Handwerksbursche dagegen beunruhigte und stieß die Germania und den Mönch fortwährend mit seinem Knotenstock. Der Walzbruder trug ein Felleisen, einen zerbeulten Zylinder, im Auge hatte er ein Monokel, und aus seinen Stiefeln guckten sämtliche Zehen. Ein Schornsteinfeger ging neben einem Schusterjungen und dieser neben einem grimmigen Räuberhauptmann. Ein affektierter Stutzer hatte am Arm eine Hexe, während in seinem andern Arm ein Lumpensammler hing. Ein Bäckerjunge ging neben einem Koch, der den Löffel schwang. Dann folgte ein steifer englischer Lord, der eine dralle Bauerndirne führte. Ein sich möglichst dumm gebärdender deutscher Rekrut ging neben einem Lappländer, dessen Kostüm aus lauter Lappen bestand. Der Lappländer zog eine Spanierin mit sich. Doch hob er öfter seine Gesichtslarve und trocknete sich den Schweiß ab.

Dazwischen quirlte ein Luftschiff herum, das die Aufschrift »Zeppelin« trug. Der Träger des etwa zwei Meter langen Luftschiffs steckte mit Kopf und Oberkörper in seinem Luftfahrzeug, so daß man von ihm nur die langen Beine sah. Er mußte aber vergessen haben, eine Öffnung für seine Augen anzubringen. Denn man sah es seinen zögernden unschlüssigen Beinen an, die nur vorsichtig aufzutreten bemüht waren. Infolgedessen eckte er fortwährend an und wurde hin und her gestoßen. Ein maskierter Polizist schrieb ihn deshalb auf.

Nun kam eine Gruppe.

Zwei magere Fleischer in weißen Schürzen, mit grimmigen Gesichtern und roten Ballonmützen. In der einen Hand hatten sie ein großes Schlachtmesser, während die andre Hand ein großes Schild trug. Darauf stand gedruckt: Zur Linderung der Fleischnot empfehlen wir Katze, Pfund 35 Pfg., Pferd, 45 Pfg., Hund, 45 Pfg. Der eine Fleischer hatte auf seinem Rücken einen Vogelkäfig befestigt. Darin hing ein Hering in der Schwebe. Und darunter war zu lesen:

Dänisches Fleisch ist nicht zu teuer für den Tisch, Doch nicht so billig wie dieser Fisch.

Der zweite Fleischer trug an seiner Brust einen prächtigen Pferdefuß, verziert mit bunten Schleifchen, wie sie manchmal die Würste in den Fleischerläden aufweisen. Auch darunter standen einige ergänzende Worte. »Laut Urteil des berühmten Herrn von Schorlemer sehr nahrhaft.«

Langsam ging der Tod am Schluß des Zuges. Die Schneide der geschulterten Sense wies rote Spritzer und Flecken auf. Ein wirkliches ausgehöhltes Knochengesicht meinte man zu sehen, so täuschend war die Gesichtslarve. Wie Knochenfinger waren die Handschuhe des Todes bemalt, und ein weißer Überhang, auf dessen Rückseite mit großen Buchstaben »Krieg« stand, bedeckte vollständig den ganzen Körper.

Wenn der Tod von dem Maskenschwarm bedrängt wurde -- einige Übermütige an seinem Gewand zupften, oder ihm ein Bein stellten -- ging er in die Mitte des Saales und begann vorwärtsschreitend zu mähen.

Alle gingen sie ihm dann aus dem Wege und flüchteten vor seiner Sense.

Und sie lachten dabei. Die hohe Obrigkeit notierte ihn darauf hin auch.

Frida und Martha gaben das Umherziehen für eine Weile auf, stellten sich an die Brüstung des Saales und ließen den Zug an sich vorbeifluten. Der überladen dekorierte Saal, die krachende Tanzmusik und die heiße tabakerfüllte Luft ließen ihr Frohgefühl allmählich abstumpfen.

Nun trat ein Mann, dem man ansah, daß er Gehrock und weiße Handschuhe nicht oft trug, in die Mitte des Saales und hielt eine kurze Ansprache an das Maskenvolk. Ein mit den zehn Preisen beladener Tisch wurde hereingetragen, und nun ging die Verteilung der Preise an diejenigen Masken vor sich, die nach Ansicht der Preisrichter die schönsten waren. Hunderte von Augen verfolgten diesen Vorgang, und die Preisrichter mußten mit ihrem jeweiligen Spruch warten, bis der lebhafte Meinungsaustausch wieder zur Ruhe gekommen war.

Auch der Tod war unter den Prämiierten.

Aber das Luftschiff meldete sich nicht, als man den sechsten Preis ausrief. Quer vor der Musikbühne lag ein seltsames Wesen. An den krampfhaft schlenkernden Beinen sah man, daß der Luftschiffer seinen Oberkörper nicht aus dem Fahrzeug herausbekam. Rock und Weste schienen ihm durch seine Bemühungen unter den Armen zu sitzen, und dieser Knäuel verhinderte wohl sein Herausschlüpfen. Wie ein elektrischer Aal, der sich fest gebissen hatte, schnellte er auf dem glatten Parkett entlang. So aufmerksam war man also der Preisverteilung gefolgt, daß man gar nicht bemerkt hatte, in welchen Nöten sich der Gute befand. Natürlich half man ihm nun heraus, wobei sein Luftschiff freilich teilweise in Trümmer ging. Mit gesträubten Haaren, rotem Kopf und zerrissener Kleidung nahm er seinen Preis in Empfang.

Nun begann ein allgemeiner Trubel. Als wäre ein Ameisenhaufen im Saal, so drängte, stieß und trat man sich. Denn das Drehen beim Tanzen war schwer. Die Germania hatte ihre Fahne zusammengerollt, und auf dem Tisch, an dem sie saß, stand der Helm mit der Eiche. Der Luftschiffer hatte die Haare schön gekämmt, und der Tod war wieder ein leibhaftiger Mensch geworden.

Eingepfercht zwischen vielen anderen Mädchen standen Frida und Martha am Eingang des Saales. Sie lehnten und standen, warteten und warteten auf etwas Unbestimmtes, das zu ihnen käme und die leise Verlassenheit verscheuchte, die heranschleichend sie und die vielen zu packen schien. In ihrer bescheidenen Tracht verschwanden sie unter der Menge.

Lange standen sie so.

»Komm«, sagte Frida.

Eilig schritten sie auf der kalten nächtlichen Straße vorwärts und sprachen kein Wort. Frida dachte an ihre Mutter, die wohl allerlei Schwarzes und Schreckliches folgerte, weil sie heute so lange ausblieb. Und Martha war mit ihren Gedanken bei ihrem Vater. In einem neuen Lichte erschien ihr jetzt sein: »Darüber müßte man mal ausführlich reden.« Nicht, daß es das Reden allein tat. Aber in sich selbst grub man so weiter und tiefer, und das sprang damit auch auf andre über. In Frida mußte eine ähnliche Saite angeklungen haben; denn beim Abschied gab sie Martha die Hand und versprach ihr, am nächsten Abend bei ihr vorzusprechen.

Großmutter.