Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen

Part 4

Chapter 43,908 wordsPublic domain

»Gestern -- ja -- ja -- da is mir wieder sowas Komisches passiert. Mer solltes garnich fer meeglich haltn. Ich sitze also hier uffn Sims un trockne mir meine Mütze innewendch, weils doch son heeßer Tag war. Da kommt eener un sagt, werter Freind, Sie könn mir mal mein Koffer von der Bahn holn. Wie ich schon sagte, war's mächtch warm, un hier an der rechten Ecke beim Konditter putzte das neie Dienstmädchen von Zahnartzts grade de Fenster. Daderbei trat se so weit raus, daß ich jeden Momang dachte: jetzt fällt se. Ich schtand dessertwegen immer mit een Been uffn Schprunge, daß ich se noch zu packn kriege, wenn se fällt. Ich sage nu zu dem Reiseonkel: ich habe jetzt keene Zeit. Entschuldign Sie, meent er, un sah nach de Uhr -- wielange könnte denn das dauern? -- Ne halbe Schtunde vielleicht, das weeß ich jetzt noch nich. Da komm ich nachher noch mal, sagt er, zieht den Hut un sagt adjö. Adjö. Ja, ich passe wieder uff, daß die leichtsinnige Karline nich ausn Fenster fällt -- da uff eemal merke ich, wie jemand von der Seite her ruft. Sst! Sst! Sie da --! Na, ich schiele mit een Ooche hin, daß ich nich verpasse, wenn se runterfällt, un sehe da, wie eener uffä Gaule sitzt. Lange Reitschtibbeln, schwarzn Schwenker un Esse. In sein Handschuhfingern hat er ä weißn Brief -- un ruft so von ohm runter, daß ich den Brief gleich besorgen solle. Das Kerlchen hättet ihr überhaupt ämal sehn solln. Den uffn Feifenkopp -- da könnt ihr vor Lachen nich roochen. Na, ich denke mir, so eilig wärd das nich sin mit dein Briefbesorchn, un meene zu ihm, daß ich jetzt keene Lust habbe. Hä -- macht er un klemmt sei drittes Ooche fester ins Gesichte. Er hatte 's wohl nich richtch verschtandn, un da sag ich's noch ämal, daß ich jetzt keene Lust nich habbe. Ach nee, sagt er, un fung an ze feixn. So recht dreckch, wißt ihr, un das wißt ihr ooch, daß ich alles vertragn kann, bloß das nich. Ich behalte abber meine Ruhe un gucke wieder mit allen beeden Oochn bei Zahnartzts ihre Anna. Uff eemal schreit der von sein Gaul runter mit änner Schtimme wie ne Groschentrompete. Fräächer Kärrl, sofort kommst du her --! Jetzt feixe ich. Das bringt mein Urach natierlich in de Wolle, un gefällt mir, weil das ä menschlicher Zug is, den ich ooch von mir kenne. Wie ich nu immer noch feixe un sitzn bleibe, huppt eich der Kerl, als hättn der Hahn gehackt, mit seiner Zicke uffs Trottewahr un fuchtelt mit seiner Fiepe in der Luft rum. Na, ich denke, was soll denn das nu wärn, wenn's fertj is? Hau du nur! Een Schlag! Un wärklich zieht er mir eens übern Buckel. Wenn Anna jetzt runterfällt, is der Schuld! Mir wärds schwarz vorn Oochn -- alles schwimmt -- na, ihr kennt mich ja -- greife dem Bock in de Nasenlöcher, un mit der Faust haukch eens uff de Pferdeschtärne. Der Gaul kriegtn Lachkrampf in de Knieä un fällt um. Mei Anies kommt mit een seiner langschtibblichn Beene daderbei unter den Pferdebauch ze liegn. Er krächzt und zappelt un schreit, wenn er sein Bixtol mit hätte -- -- --. Ich setze mich wieder uff mein Platz un sage: siehste mei alter Freind, du kennst den wilden Max noch nich. Nu schreit er un schimpt un zerrt wie verrückt an sein Been rum. Wie das so is -- hier an der Ecke is immer ä mächtger Verkehr -- da dauerts nich lange, un alles is schwarz von Menschen. Alle schtehn drum rum. Keener traut sich ran, weil das Pferd um sich schlägt. Mir dauert das nu ooch ä bißchen lange. Das arme Pferd konnte doch nischt davor -- un eh ä Schutzmann geholt -- oder de Feierwehr -- denke ich, 's wärd doch besser sin, wenn du die Sache wieder ins richtge Gleise bringst. Erscht gucke ich noch mal bei Annan, die natierlich 's Fensterputzn vergessn hat un das ganze Theater fein sehn kann -- un schubbe de Menschen beiseite. Da liegt nu der zitternde Gaul, un mein Freind hat sei Been immer noch unter den Pferdebauch. Ä paar Zuschauer ham unter de Arme gefaßt un zerrn un zerrn -- --. Na, ich packe das zitternde Vieh mit eener Hand an Hals, mit der anderer an Schwanz, hebs in de Höhe un schtells wieder sachte uff de Beene. Was mein Freind is -- der kraucht uff alln Viern rum -- denn bei dem Zerrn da hatter sei Been glücklich aus sein Schtibbel rausgewärgt. Nu schtand er da mit een Schtibbel un een rosarotn Schtrump. Vor lauter Fitz konnte er sein Langschäfter nich schnell genug anziehn, drehte sich erscht paarmal im Kreise rum -- fiel beinahe hin -- bis eener mit half. Wie ich den Leiten de ganze Geschichte erzähle, klatschtn sie in de Hände un wolln mich uffs Pferd setzn. Aber ich winke mit der Hand, se solln nich solches Uffhebens machen von der Sache. Mei Urach is nu schleinigst wieder uff sein Bock geklettert un will sich ausn Schtoobe machen. Wie er schon son Schticke fort is, feife ich mit mein zwee Fingern Huitt! Er dreht sich um, un ich winke. Richtch kommt er schnell angeschwirrt, zieht heeflich sein Hut un fragt, was ich wünsche. Ich mache noch ne kleene Kunstpause, weil er so verlegen is un seine hohe Persönlichkeet so lächerlich gemacht wurde, un sage denn leise zu ihm: du hattst doch vorhin ä Brief zu besorchn!? Er sucht mit zittrigen Fingern in sein sämtlichen Taschen rum un bringt endlich den ganz zerknautschten Brief raus. Die Adresse schteht druff, haucht er, un will mir son hartes Schtick Gott-mit-uns in de Hand drückn. Ich sage, laß nur dei Geld schtickn, da kannste dir dein Anzug frisch uffbiegeln lassen. Immer nobel, un wenn's Hemde guckt -- wenn ooch heeme der Kamm uff der Butter liegt. Er sagte: danke scheen, un drückt sich seitwärts in de Büsche. Eh ich mich uff de Sockn mache, gucke ich erscht noch mal bei Annan. Abber die is nich mehr zu sehn. Wahrscheinlich isse doch runter gefalln, weil ich nich immer hinguckn konnte ... An den fein Hause, was uff den Brief schteht, klingle ich. Son glattrasierter Junge nimmt mir den Brief ab, un ich sage fix, daß ich uff Antwort warte. Ich schtehe da un warte -- kee Mensch läßt sich sehn. Na, ich mache de Tür von innewendch zu, geh durchn Garten -- ä paar Schtufn nuff un ins Haus. Das kannch eich nu gar nich beschreim, wie's da aussah. Ihr wärd glatt uffn Rückn falln. Alles in Marmor un dicke Teppche -- da gehste als obste schwebst --. Ich huste nu mal so recht anzieglich, un wie ich mich umdrehe, da schteht eene da -- ich wußte nich, is die gemalt, oder is das sone Fijur, die schon daschtand, alste reinkamst. Die Fijur schtärzt mir vor de Beene, hebt de Hände hoch und bettelt, ich soll ihr nischt tun. Ich schtreiche ihr über ihre fein Haare un sage, ich will Sie nischt tun -- ich kenne Ihnen doch gar nich. Ich gloobe, ich habbe geweent. Abber denn schrie ich mit Wut in der Schtimme, ich müßte sofort was zu essn ham -- ä fein Pickus müßt ich ham. Was denkt ihr wohl, wie die nausflitzte. Eens zwee drei kamse wieder rein, un zwee Diener brachtn ä Tisch mit lauter Fresserein druff. Ich -- mein Leibriem abgeschnallt -- un wie so ä Habicht über den Tisch her -- ich habbe eich ungefähr gehamstert wie ne neinköppche Raupe. Mir wars Wasser immer aus eener Backe in de andre geloofn. Wie ich fertch bin, kommt das kleene Freilein rein un fragt, ob ich ihr helfn wolle. Na, warum denn nich? Wenn sies verlangt hätte, hättch das ganze Haus umgefackt, weil ich so satt war un sie so hübsch. Ja, sie wolle von hier fort fliehn. M. W., mit Wonne sage ich. Sie hielt's hier nich mehr aus. Natierlich -- das feine Essen jeden Tag. Draußn in der Remise schtänd ä kleener Handwagn -- der wärde geniegen für ihre Sachen. Gut, ich hole den Wagn raus, un sie bringt ungefähr son Schticker zwanzch Hutschachteln raus. Abber solche Schachteln, da konnt ich allemal bloß eene untern Arm nehm. Wie ich alle zwanzch uffgeladn hatte, zogn mir los. Niemand ließ sich sehn. Ich hätts je ooch keen geraten. Abber wundern tatch mich, wo se eegentlich hinwollte! Kreiz un quer ging's durch de Schtadt. Eenmal links un eenmal rechts -- dann wieder links -- dann ging's im Kreise rum, bis mar wieder uffn sellm Flecke schtandn. Wie mir so ne Schtunde egal hin und her gefahrn warn, da sagt se ze mir -- mir wolltn nur wieder ze Hause gehn. 's wär heite so scheißliches Wetter -- se hätte gar nich gedacht, daß der Wind so kalt blies. Un ihre Gummischuhe hätte sie ooch vergessn. Un wie ihr de Beene weh tätn von den vielen Loofn. Da fuhr ich ähmt wieder heeme un lud de Hutschachteln ab. -- Ich mache jeden Unfug mit. Nu horcht mal genau druff, was ich eich sage. Morgen oder wenn's grade mal paßt, nehme ich Schlesingern sein zehnmetrigen Möbelwagen un fahre nach der Willa. Das kleene Freilein hat schon ze mir gesagt, dasse von ihrn zwölf Zimmern bloß zweeä braucht. Da lade ich alles uff, die fein Tische und Schtühle, de Teppche un so, un da machn mir mal son recht verhaun Tag, un ich schenke eich dann alles -- -- ich wär mich doch nich mit dem ganzen Kram rumärgern. -- -- -- Hm -- 's geht nirgends närrscher zu als in der Welt -- --«

Der wilde Max steht auf, reckt sich und macht einige schwerfällige Schritte.

Abraham entfernt sich eilig und murmelt so etwas wie: »Der Schtromer, der ganz große.«

Da lacht Max durch die Nase und entnimmt einer abgegriffenen Blechdose ein Stück Männerschokolade, wie er den Priem nennt.

Die neuste Räubergeschichte haben seine Zuhörer diese Erzählung genannt. Sie ist aber schon so oft von ihm erzählt worden, daß sie sie selbst so ziemlich auswendig können. Nur schmückt sie der wilde Max öfters hier und da ein wenig aus, oder bringt ein neues, gerade aktuelles Geschehnis hinein. Und immer beginnen seine Geschichten mit »gestern« und enden mit »morgen oder wenn's grade mal paßt«.

Wenn am Tage der Straßenverkehr an ihnen vorüberflutet und der Gang, die Haltung, die allerneuste Mode einer oder eines Vorübergehenden ihre Lachlust erregt, dann drehen sie sich um und rufen: »Haste den gesehn? Das war dei Freind Anies.« Oder mit einer Kopfbewegung und einem Augenzwinken: »Max -- das war deine Fijur, die mit dem großen Schiebel[3].«

[3] Hut.

Dann aber steckt Max sein überlegenstes Lächeln auf und brummt: »So ne Fijur wie meine Fijur, gibt's nich zweemal.«

Klavierfritze.

Ein flacher Tafelwagen, mit einem kleinen flinken Pferd bespannt, rollte durch die Straßen. Drei Männer saßen auf dem Wagen. Einer auf dem Bock und zwei an der Seite des Wagens. Dunkel waren die drei gekleidet, trugen Ballonmützen und waren von athletischem Körperbau. Die beiden zur Seite des Wagens hingen die Beine gemächlich herunter, hatten die Hand auf das Knie gestützt und schauten mit selbstsicherer Ruhe auf das bewegliche Treiben der Straße.

Inmitten der Stadt, vor einem altertümlichen Hause, hielt der Wagen.

Der breite Torweg mündet in einen langen Hof. An den obersten Stockwerken, dicht unter dem Dach, sieht man Flaschenzüge hängen. Eine Anzahl Treppenaufgänge, die alphabetisch bezeichnet sind, führen ins Innere des Hauses. Rissig und vom Wetter gedunkelt lehnt in einer Ecke des Hofs ein früherer Schmuck des Hauses, der steinerne Oberkörper einer Frauenfigur. Abgebrochene Schnörkel und Verzierungen liegen daneben. An den meisten der zahlreichen Fenster hängen Firmenschilder. Diese bunten Standarten erzählen von Städten und Ländern und dem überall wohnenden Fleiß, der nun hier sein Lager, seinen Stapelplatz hat. Sie erzählen aber auch von den vielen Räumen, die in einem solchen alten Hause sein müssen, von kleinen niedrigen Stuben, von nüchternen kahlen Wänden, von Wänden mit dicken Tapeten, hinter denen der Kalk leise herunterrieselt, und von rechnenden kalkulierenden Profitmenschen und kritzelnden Federn. Auf der breiten Rampe im Hofe werden Kisten und Pakete in allen Formen und Größen auf- und abgeladen. Ein Stimmengewirr ist hier, ein fortwährendes Kommen und Gehen, ein täglich mit gleicher Emsigkeit pulsierendes Leben.

Einer der Treppenaufgänge hat einen schmalen Flur, in dem ein gelbliches, von einem Drahtgeflecht umgebenes Gasflämmchen flackert. Gibt man sich Mühe, in dem ungewissen Licht etwas zu erkennen, so sieht man ganz hinten eine steile gewundene Treppe in die oberen Räume führen.

Sieht man Klavierfritz, der auf dem Bock des Wagens saß, durch den Hof gehen, so meint man, daß es ihm nicht schwer fallen könnte, eins von den Klavieren, die in Holzverschlägen verpackt sind, unter den Arm zu nehmen. Und daß er es womöglich mit genau denselben kleinen Schritten, der ihm eigenen Würde, auf den draußen haltenden Wagen legen könnte.

Alle seiner Zunft sind so kräftige Männer, und an ihrem Auftreten merkt man, daß sie eine Vergangenheit verkörpern.

Klavierfritze bewahrt noch ein altes Bild auf. Darauf sieht man so eine Art Halbkutsche, doch ohne Kutscherbock, Deichsel und Räder. Es ist eine Sänfte, in der man sich zur Zeit der kurzen Hosen und der Schnallenschuhe ins Theater, in die Kirche oder nach Hause tragen ließ. Zwei große starke Männer, in blauem Schoßrock mit gelben Knöpfen, auf dem Kopfe einen schwarzlackierten Zylinderhut, tragen die Sänfte an zwei langen Stangen. Diese stecken außerdem noch in den Ösen eines Lederriemens, der über der Schulter hängt.

Ein solcher Sänftenträger ist der Großvater des Klavierfritz gewesen. Der Enkel, der dieses Bild für so wertvoll hält, daß er es nicht an die Wand seiner Stube hängt, sondern zuunterst in einer eisernen Kassette aufbewahrt, transportiert jetzt Pianos, wie er sagt. Das tut er schon zehn Jahre, bei ein und derselben Firma.

Er geht jetzt durch die kleine Hausflur, wo das Gasflämmchen brennt, die steile Treppe hinauf ins Kontor.

Er führt den Finger an die Mütze und fragt Hans nach einer neuen Bestellung. Hans ist der älteste Lehrling, sitzt in nächster Nähe der Türe und ist ein bleicher, lang aufgeschossener Jüngling. Für Ungerechtigkeiten, Bedrückung, harte Worte, die Hans Klavierfritzen klagt, hat dieser volles Verständnis. Er hat dem Jungen schon manchmal Rückgrat und Festigkeit gegeben, den Unsichern klärenden Rat erteilt. Er pflegt dann seine große Faust auf den vor Hans aufgeschlagenen Folianten zu legen und zu sprechen: »Un wenn du weeßt, daß du im Recht bist, dann sagste, ihr kennt eich uffn Kopp stelln, ich machs ähmt nicht.« Dafür hat Hans für ihn auch eine Zuneigung, die mehr ist als Hochachtung.

Den Zettel mit der genauen Adresse, den er von Hans bekommt, steckt Fritz unter seine Mütze.

Mit seinen beiden Kameraden lädt er im Hofe ein Klavier auf den Wagen, klettert auf den Bock, macht mit der Zunge »ksss, ksss«, und das flinke Pferdchen zieht an.

Grau ist der Himmel, und ein feiner Regen rieselt herab.

Sie sind eine gute halbe Stunde gefahren, als sie vor einer Villa der Vorstadt halten.

Ein langer Möbelwagen steht bereits dort. Sechs Möbelräumer in blauen Blusen und Schürzen schleppen das Haus voller Möbel.

»Gu'n Tag ihr«, sagt Klavierfritze.

»Mahlzeit«, sagten die Sechs.

»Bringst du das Trinkgeld?« fragt einer und wischt sich den Schweiß mit der Schürze aus dem Gesicht.

»'s liegt doch schon uffn Fensterbrett«, sagte Fritz, jeden der Reihe nach betrachtend. Sein Blick fällt auf einen, der, eine schwere eichene Truhe auf dem Rücken, die Treppe hinaufkeucht.

»Is das nich Nasenfranz?«

»Ja -- das isser«, ruft der im Weitergehen unter seiner Last hervor. Es klingt gereizt, wie er weiter fragt: »Hast du was dagegen?«

»I wo«, sagt Klavierfritze gemütlich. Sie sind keine guten Freunde, Nasenfranz und er. Seiner Meinung nach ist das so ein Allerweltskerl und eine unheimliche Großgusche. Man braucht ihn nur mit ein paar Worten anzutippen, so fährt er kampfbereit in die Höhe. Was konnte er nicht alles, und was war er nicht alles schon gewesen. Zuzeiten der Leipziger Messe war er groß. Da hatte er in den verschiedenen Buden schon Gastspiele gegeben, und war bereits eine bekannte Erscheinung. Er konnte Feuer fressen, Glas und Kohlen verschlucken, Zauberkunststücke waren ihm nicht fremd und als Entfesselungskünstler und Ringkämpfer war er auch schon aufgetreten. Wenn sich gar nichts Passendes fand, fungierte er als Ausschreier. Arbeitslos war er ja den größten Teil des Jahres. Zur Messe halfen ihm nur seine mannigfachen Fähigkeiten darüber hinweg. Seine Nase mußte er bei irgendeiner Gelegenheit eingebüßt haben. Sie zeigte sich nur noch als kleiner Stummel. Das Nasenbein fehlte vollständig. In den Buden, in denen er zur Messe arbeitete, schlief er auch. War dann die Messe vorbei, so stand er wieder vor dem Nichts, nächtigte, wo es gerade anging, wurde erwischt, bekam ein paar Tage Haft, und hatte er Glück und Gelegenheit, einige Zeit zu arbeiten, so langte es wenigstens zum Übernachten in einer Herberge. Und er kämpfte wie ein Ertrinkender. Nie gab er sich besiegt. Wenn er unterlag oder ihm etwas mißlang, schob er das nur einem zufälligen Zusammentreffen zu, und weil er nun einmal ein Unglücksmensch sei. Er brauchte Geschrei, Gewühl, viel Menschen und Aufregung um sich herum. Wenn er auf den Brettern einer Schaubude stand, hatte er oft ein dumpfes Gefühl des Staunens. Wie sie da unten standen und Geld ausgaben. Wie sie gafften und lachten, schmatzten und grinsten, soffen und schrien und so taten, als wären sie es gar nicht anders gewöhnt. Das da unten auch genug waren, die sich nur mit den Augen sattaßen und -tranken, sah er nicht und wollte er nicht sehen. Er sah nur den schmausenden, behaglich vorbeifließenden Menschenstrom und gab so der Wut und dem Haß immer neue Nahrung, daß er allein ein Ausgestoßener sei. Wenn er mit seiner heisergebrüllten Stimme geschrien hatte, daß sie doch ja nicht versäumen sollten, die Bude zu besuchen, konnte er mitten im Satze abbrechen. Hastig ging er schnellen Schrittes ins Innere der Bude, warf hungrig seine Augen umher, als suche er etwas, als müsse er sich auf etwas besinnen, was ihm nicht einfallen wollte, und war dann eine Zeitlang still. Rechnete nach, was er in dieser Woche verdiente, wie lange er damit auskommen könne und was wohl nachher zu unternehmen wäre, wenn Geld und Arbeit alle war.

Wie er einmal als Ringkämpfer aufgetreten war, hatte da unter den Zuschauern einer gestanden, der die andern alle überragte. Die Besitzerin der Bude hatte ihn auf den Großen aufmerksam gemacht. Nasenfranz hatte ihn auch gehörig aufgestachelt, und Klavierfritze konnte sich unmöglich so in den Augen des Publikums herabsetzen lassen, daß seine Größe, seine Stärke nur angeschwemmtes Bier wäre. Die Bude war zum Bersten gefüllt, und Klavierfritze »legte« denn den zappelnden, durch allerlei Finten und Kapriolen ausweichenden Nasenfranz auch nach wenigen Minuten regelrecht. Die Zuschauer tobten und klatschten wie rasend.

Nasenfranz vergaß so etwas nicht leicht. Es war reiner Zufall, daß er unterlegen war. Er war gestolpert und ausgerutscht, als es sich um den entscheidenden Griff handelte -- und -- wenn er so groß wäre wie der, dann hätte man einmal sehen sollen! Unter den Arm hätte er ihn genommen.

»Was habt ihr denn gehabt, ihr beede«, sagte einer der Möbelräumer, der neben Klavierfritzen stand und den Blick sah, den Nasenfranz seinem Gegner zuwarf. Der wartete mit seiner Antwort, bis Nasenfranz wieder vorbeikam, und sagte gemütsruhig, als striche er ein Butterbrötchen: »Ich hab'n mal gelegt.«

Nasenfranz fuhr herum: »Du Dicknischel -- du vollgefressener -- du mich --?!«

»Wo fehlt's denn?« fragte der.

Nasenfranz sprang in die Höhe, stellte sich breitbeinig in Kampfstellung, ballte die Fäuste, drehte sie umeinander und fletschte die Zähne.

»Los doch -- los doch -- trample doch los -- Elefante.« Wie ein aufs tiefste verwundetes Tier stand er da.

Klavierfritze maß ihn von oben bis unten und schüttelte den Kopf. »'s is besser, du gehst«, sagte er mit einer abfertigenden Bewegung.

Doch in dem kleinen getretenen, hin und her geworfenen Mann rauchte noch das jähe empfindliche Blut, das sich Luft schaffen mußte und nicht viel danach fragte, wer der Gegner war. Er rückte näher und schlug dem andern mit der Faust in die Seite.

Klavierfritze trat auf ihn zu, bekam ihn beim Genick zu fassen und drückte seinen Kopf nieder.

Nasenfranz gurgelte, fauchte und spuckte, aber seinen Kopf bekam er nicht in die Höhe.

Fritze ließ ihn nach einer Weile los und sagte: »Du -- also nu is Schluß!«

Nasenfranz ging zum Möbelwagen, stieß einen seiner Kollegen beiseite, der eben eine Kommode anheben wollte, und schwang sie ingrimmig auf seinen Rücken. Seine Augenbrauen zogen sich finster über seiner verstümmelten Nase zusammen. Es fraß in ihm und verstärkte seinen Groll, daß er an den Dicknischel nicht herangekonnt hatte. Wenn der ihn nicht so unvermutet im Genick gepackt hätte --! Pah! Er war doch nicht etwa schwächer als der.

Der Kutscher kam mit den beiden Lastpferden und schirrte sie vor den Möbelwagen. Die Möbelräumer rafften die umherliegenden Decken zusammen, warfen sie in den Wagen und trockneten Gesicht, Kopf und Hals vom Schweiß. Dann quetschten sie sich alle sechs auf den Kutscherbock, jeder den Arm um seinen Nebenmann legend.

Der Regen hatte stärker eingesetzt und klatschte in großen Tropfen auf das Straßenpflaster.

Klavierfritze überholte mit seinem leichteren Gefährt den Möbelwagen und knallte vorbeifahrend mit der Peitsche. Er und seine beiden Genossen, die mit herunterhängenden Beinen zur Seite des Wagens saßen, hatten die Rockkragen hochgeschlagen und die Mützen tief ins Gesicht gezogen.

Nasenfranz sah lange diesen drei breiten Rücken nach. Das Sichere, Bestimmte, das von ihnen ausging, löste in ihm wieder jenes Staunen aus, in das sich ein leiser Neid mischte.

Seine Gedanken wanderten unruhig durch den Kopf. Die folgenden Nächte konnte er vielleicht wieder in dem Möbelwagen schlafen. Es war jetzt keine Umzugszeit, da würde der Wagen wohl noch eine Weile leer stehen. Dem großen Hund, der ihn neulich angesprungen hatte, konnte er vielleicht einen Knochen hinwerfen.

Sie bogen über einen Platz, auf dem dunkle, regennasse Bäume standen, in eine Straße ein, die geradeswegs in die Stadt führte. Die mächtige breite Straße dehnte und streckte sich. Der dunstige nebliche Himmel hatte sich schwer und beklemmend auf die Dächer der Häuser gelagert. Die Straßenlaternen zu beiden Seiten schwebten wie schwimmende Punkte, zwei lange Ketten bildend, in der Luft. Sie schienen sich ganz hinten zu einem Punkt zu vereinigen, der sich immer weiterschob, je näher man kam.

Die Fünf neben ihm auf dem Kutscherbock sangen ein langsames, getragenes Lied, das eintönig den niederrauschenden Regen und das Rütteln und Poltern des Wagens begleitete.

Und er schloß die Augen.

Hofsänger.

Die Fenster, die nach dem Hof hinausgingen, öffneten sich. Frauenköpfe wurden hier und da sichtbar oder ließen das Fenster, nach einem Blick in den Hof, halboffen stehn.

Ein gefühlvolles Lied schwebte zu den Fenstern hinauf. Vogerl, stiegst in die Welt hinaus, begann es und erzählte von dem Vogel weiter, daß er seine Mutter allein zu Hause ließ.

An manchem Fenster, in mancher Küche wurde das Lied mitgesummt. Es war eine jener Melodien, die, auch wenn man ihnen den Eintritt verwehren wollte, doch durch alle Ritzen und Spalten zu schleichen wissen und schwer zu vertreiben sind. Wie Fliegen, die nicht vom Zucker lassen können und hundertmal wiederkommen, wenn man sie verscheucht.

Unten im Hofe standen zwei junge Leute, beide etwa im Anfang der zwanziger Jahre. Der lange knochige, etwas eckige Mensch mit der schwarzen Strickweste war Hermann, während der andre, der wenig kleiner und schmächtig war, Paul hieß. Paul war der Sänger, während ihn Hermann auf der Mundharmonika begleitete.

Einige in Papier gewickelte Geldstücke fielen neben sie nieder, die sie, nachdem sie geendet, aufhoben, während sie dankend den Hut lüfteten. Nach einer kleinen Weile holte auch Paul seine Mundharmonika hervor, und zu zweit spielten sie einen forschen Marsch. Dann spähten sie umher, ob etwa irgendwo noch ein Geldstück lag, zogen noch einmal grüßend den Hut und gingen.

Ihr Programm war in jedem Hof dasselbe. Sie spielten einen Marsch, dann sang Paul sein Lied, manchmal gab er auch eins zu, wenn die Geldstücke zahlreicher als sonst fielen, und zum Schluß bliesen sie wieder.