Sächsisch Volk: Ausgewählte Skizzen
Part 3
Wa--was war denn da los? Er nahm eine der noch brennenden Kutschlampen und leuchtete ins Wageninnere.
Eine weibliche Gestalt lehnte in einer Ecke. Sie hatte ein apfelsinengelbes Maskenkostüm an, das mit rotem und grünem Flitterkram übersät war.
Er setzte sich ihr gegenüber und betrachtete sie aufmerksam. Der Kopf war zur Seite gesunken, und die mit einer Nadel in dem hellblonden Haar befestigte Mütze war auf das eine Ohr gerutscht. Das ausgeschnittene Kostüm ließ ein Stück der weißen Brust sehen, die sich in regelmäßigen Atemzügen hob und senkte. Neben ihr lag ein Bündel.
Das war ja eine nette Überraschung. Himmel Herrgott! Hm, alt war sie ja nicht gerade -- na jung auch nicht mehr. Die hatte der im Zylinder wohl hier liegen lassen. Hm -- er war ja auf dem Bock eingenickt -- dann hatte ihn der munter gemacht -- und da mußte sie wohl zuvor eingestiegen sein.
Jjajjajaa -- was war da zu machen? Sie hier ruhig schlafen lassen? Daß sie morgen früh in ihrem Aufputz wieder fortlief? Vielleicht wußte sie selber nicht, wo sie hingehörte. Wenn er sie nun in seine Stube trug? Da konnte sie schlafen, solange sie wollte, und kein Mensch sah sie. Nachher konnte man ja weitersehen.
Na ja freilich, brummte er, stieg aus dem Wagen und hing die Lampe wieder an ihren Ort. Da war das Mädchen jedenfalls ordentlich eingeseift worden und hatte nun einen Tüchtigen in der Krone.
Er hing die Wagentür aus, der sie am nächsten saß. Behutsam faßte er sie mit einem Arm unter den Knien, mit dem andern um den Leib und zwängte sich mit ihr aus dem Wagen.
Himmel, an der war schon was dran! Eine hübsche Last war das. Da gibt man sich schon so wenig wie möglich mit Frauenzimmern ab, und dabei kommt einem ein so seltener bunter Vogel von selber ins Nest geflogen. Er legte sie schweratmend in sein eisernes Feldbett und deckte sie mit der Pferdedecke zu. Im Wagen fand er noch einen ihrer Halbschuhe, den er vor das Bett stellte.
Hm -- was wollte er nun mit sich und seiner Müdigkeit anfangen? Er zog seine Strickjacke aus und versuchte, nur mit den Hosen bekleidet, sich neben sie zu legen. Nein, das war nichts. So ließ sich's auf die Dauer nicht schlafen. Das Feldbett war zu schmal. Er ging hinüber in den Stall, schüttete in einer Ecke Stroh auf, breitete eine Decke darüber und deckte sich mit seinem Pelzmantel zu. Freilich -- hier war schon mehr Platz. Er gähnte und lachte ein wenig. Wer ihm vor einer Stunde gesagt hätte, daß er wegen einer wildfremden, vergessenen Maske im Stall schlafen würde -- na, den hätte er vielleicht -- was einem doch nicht alles passieren kann --. Ruhig schlief er ein.
Am nächsten Morgen ging er an seine gewohnte Arbeit. Brachte den Pferden frisches Wasser und Futter, putzte und striegelte. Während er so auf dem Rücken des einen Braunen herumarbeitete, die Hufe stampften und scharrten, die wedelnden Schweife die Fliegen verscheuchten und das Mahlen der kauenden Gebisse zu hören war, dachte er an die vergangene Nacht. Ob sie noch schlief? Überhaupt -- daran hatte er noch gar nicht gedacht -- wenn man so jemand hätte, der einem mal die Treter schmierte oder früh eine Tasse heißen Kaffee kochte -- in der Strickjacke war das Loch unter dem Ärmel auch schon wer weiß wie lange -- -- hm, das wäre gar nicht so ohne. Er setzte den Wassereimer aus der Hand und ging die paar Schritte über den Hof. Spähend sah er durch das kleine schmutzige Fenster in die Stube. Nichts regte sich. Dort vor dem Bett lag noch, wie eben hingeworfen, der Halbschuh. Am Kopfende schaute ein Stück ihrer gelben spitzen Mütze hervor. Sie schlief also noch. Na, einen anständigen Affen mußte sie schon gehascht haben!
Er ging leise hinein und machte die Tür des Wandschranks, der dem Bett gerade gegenüber hing, weit auf. Sie mußte es sehen, daß da ein halbes Brot lag, unter der Glasglocke Butter, Speck und der feine zerlaufene Käse stand. Behutsam ging er.
Er machte sich fertig, schirrte das Pferd an, schloß den Stall mit dem Querbalken und fuhr zum Hoftor hinaus.
Ach was -- er kam ja gegen Abend wieder, um das Pferd zu wechseln, und zu mausen gab's in seiner Stube nicht viel, was der Rede wert gewesen wäre.
An seinem Standort saß er zeitunglesend auf dem Bock; nickte dem und dem zu, war gleichmütig wie immer. In der Destille frühstückte er, stand hinter der Tür an die Wand gelehnt, betrachtete die Vorübergehenden und blinzelte nach seinem Wagen.
Als es zu dunkeln begann, fuhr er wieder nach Hause. Jetzt konnte er seine Ungeduld kaum noch zähmen. Schwer war's doch geworden, sich so gar nichts anmerken zu lassen. Aber dabei ein so schönes Gefühl -- wenn ihr wüßtet -- -- --.
Auf dem Hofe angelangt, näherte er sich sogleich seiner Stube. Ein eigentümliches Schleifen und Kratzen ertönte. Er trat ein. Sie kniete auf dem Boden und scheuerte mit der Wurzelbürste darauf los. Mit einem Blick bemerkte er auch, daß die Tür des Wandschrankes verschlossen war. Sie wußte Bescheid. Einen einfachen Rock und Bluse hatte sie an. War das mit im Bündel gewesen?
Da sie immer noch weiter schrubbte, als hätte sie ihr Lebtag nichts weiter getan, stieß er sie sachte mit dem Fuße an.
Sie erschrak ein wenig. Die derben bloßen Arme auf den Boden gestemmt, hielt sie inne, drehte den Kopf und richtete sich dann auf.
Ganz verlegen wurde sie und wollte sich aus ihrer knienden Stellung erheben. Er klopfte ihr beruhigend auf den Rücken und machte eine Bewegung mit der Hand, sie solle sich nur nicht stören lassen. Sie sah ihm mit einem langen Blick, der an seiner Gestalt in die Höhe ging, in die Augen. Sie wollte lächeln und verzog nur die Mundwinkel. Dann tauchte sie zögernd die Bürste in das Waschfaß und scheuerte weiter.
Er ging hinaus. Sinnend strich er seinen Bart und sah dem Obsthändler zu, der auf seinem Wagen stand und einem Trupp Marktfrauen die Tragkörbe von Äpfel sackte.
Sie wußte sich ja zu helfen. Die Scheuerbürste, das Waschfaß hatten auf dem Hof neben der Wasserleitung gelegen. Sie würde schon finden, was sie brauchte. Ihm war zumute, als könne er stundenlang auf einen Fleck stieren, und als müßte er dann wieder lachen und singen.
Diese Nacht schlief er wieder im Stall und betrat auch am Morgen nicht die Stube. Wie eine Scheu war es in ihm. Was hätte er ihr denn sagen sollen?
Ehe er am Abend wieder heimfuhr, brachte er im Kasten des Kutschersitzes eine Kaffeemühle, eine Tüte Kaffee, Wurst und Fleisch unter. Ärgerlich wippte er mit der Peitsche. Heute mußte Gewißheit werden.
Die eingekauften Sachen im Arm, betrat er die Stube. Sie stand schnell vom Bett auf und drückte sich in eine Ecke. Er tat sehr geschäftig, legte alles auf den Tisch und rumorte im Wandschrank herum, brummend, daß er den Spirituskocher versiebt hätte, den er endlich in einem Lappen eingewickelt fand. Es war noch kein Wort zwischen ihnen gefallen. Nun drehte er sich um, räusperte sich laut und sagte, ob sie ihm denn morgen früh eine Tasse Kaffee kochen wolle. Als sie nicht antwortete und nur hilflos auf seine Lippen sah, machte er eifrig die Gebärden des Kaffeemahlens.
Sie nickte, als sei das selbstverständlich. Dann zeigte sie nach einem Ohr und sprach stockend und stotternd, daß sie kein Gehör habe, schon als ganz kleines Kind nicht. Da sahen sie sich mit einem langen Blick in die Augen, und es war ganz still in dem kleinen niedrigen Raum.
Am nächsten Morgen stand er zeitiger auf als sonst. Hastig richtete er Pferd und Wagen her und fuhr davon. Planlos fuhr er in den Straßen umher und frug sich immer wieder, ob sie wohl schon munter gewesen war und ob sie Kaffee gekocht hatte.
Trotzig kam er abends wieder. Sich von einem hergelaufenen Weibsen verdrängen -- verdrängen lassen -- aus der eigenen Behausung --? Oho!!
Er setzte sich auf einen Schemel an den wackligen Tisch und begann zu essen. Verstohlen sah er nach ihr hin. Sie saß auf dem Bettrand und hatte auf dem Schoß einige Schürzen liegen, deren Bänder sie durch die Finger zog und glättete. Nun gewahrte er unter dem Bett auch einen kleinen Reisekorb, dessen Deckel mit schwarzem Wachstuch überzogen war. Er vermied jedes Erstaunen und winkte sie heran. Rückte den andern Schemel zurecht und wies auf Wurst und Brot.
Sie setzte sich auch neben ihn, vorsichtig und geräuschlos essend. Zuweilen blickten sie auf, nickten sich zu, als hätten sie sich nichts zu sagen, als hätten sie immer so zusammengesessen. Sie hatte auch so etwas in den Augen, das ihn wie etwas längst Vertrautes ansah: ich weiß schon, was du sagen willst; sei du nur unbesorgt.
Nach dem Essen holte er seine Zeitung hervor und las. Dabei fühlte er, wie sie ihn unausgesetzt betrachtete. Er wandte den Kopf und zeigte auf eine Stelle in der Zeitung. Sie rückte näher heran, um es auch zu lesen.
Unwillkürlich legte er nach einer Weile seinen Arm um ihre Schultern, und so lasen sie alle beide.
Drückend wurde das Schweigen. Keiner wagte sich zu rühren, wie sie so saßen und längst das Zeitungsblatt nach allen Richtungen hin überflogen hatten. Endlich wollte sie sich aufrichten. Da faßte er sie mit der andern Hand am Kinn, zog ihren Kopf heran und küßte sie.
Er fühlte, wie ihre Lippen die Liebkosung erwiderten. Von nun an war das Feldbett nicht mehr zu schmal.
Den folgenden Tag passierte etwas noch nie Dagewesenes.
Der feine Bernhard war früh nicht an seinen Standort gekommen. Er kam am Mittag und auch am Abend nicht.
Dafür war er in der Stadt gesehen worden, wie er in den feinen Vierteln an großen Gebäuden und Sehenswürdigkeiten herumkutschiert war -- wie er, ein leidlich hübsches Frauenzimmer im Wagen, mit der Peitsche auf dies und jenes gezeigt hätte. Ja -- und seine beiden Braunen wären vor dem Wagen gewesen -- hätten sogar Blumen an den Ohren stecken gehabt wie ihr Herr an seinem blitzenden Lackhut. Und alles hätte so blank und so munter gelacht, daß selbst der Neid in der Gasse zerplatzt wäre, hätte er das mit angesehen. Ja, hier konnte einer wieder mal deutlich sehen, daß stille Wasser tief sind. Denn wer hätte das dem feinen Bernhard so ohne weiteres zugetraut. Freilich, auf Überraschungen war man ja bei dem gefaßt. Aber, daß er solche Dinger baute und eine Hochzeitsreise durch die Stadt machte, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen verlauten zu lassen, das war doch ein starkes Stück. Nun hatte man ihm ja nicht einmal gratulieren können!
Und als er am nächsten Morgen in der Kneipe hinter der Tür lehnte, seinen Schnitt Bier und seinen Korn trank, den Eintretenden guten Tag zunickte oder sich zu einer skatenden Gruppe stellte, da kannte das Staunen keine Grenzen. Ha -- er war eben der feine Bernhard! ...
So verging etwa ein Jahr. Nichts änderte sich in seinem Äußeren. Er war wortkarg wie immer und bestimmt in seinem Tun.
Aber eines Tages war er wieder die Ursache allerlei Vermutungen und kopfschüttelnden Staunen.
Er war wieder einen ganzen Tag nicht gekommen, auch nicht gesehen worden.
In seiner Kutscherstube saß er auf dem Bettrand, hatte den Kopf in die Hände gestützt und die Finger in die Haare gekrallt.
Sie war fort.
Mit weitgeöffneten Augen stierte er zu Boden. War denn das möglich? Was war es denn, was sie fortgetrieben hatte? Hatte er je gefragt, ob sie bleiben wollte? Nie! Er hatte es gestern abend gleich geahnt, als er sie bei seinem Eintreten nicht in der Stube vorfand. Der Reisekorb und aller übrige Kram fehlte ja auch. Wenn eine unter Tausenden zu ihm gepaßt hatte, so war sie's gewesen. Sie war in ihn hineingewachsen. Er wollte es abschütteln! Zum Teufel -- wenn sie gehen wollte -- nun gut --!
Finstere Falten auf der Stirn, richtete er sich auf. Da fiel sein Blick auf den geöffneten Wandschrank. Sie hatte die beiden Fächer fein mit Papier ausgelegt und eine weiße Zackenborte an die Ränder der Bretter gehäkelt. Er stand auf, nahm das Papier heraus und riß die mit Zwecken befestigte Borte langsam ab, ging in den Stall und an seine Arbeit.
Es kam jetzt öfter vor, daß der feine Bernhard ein Glas über den Durst trank und mit einem Fahrgast wegen der Bezahlung in Streit geriet, oder beim Skat zu krakeelen anfing und mit dem Finger drohte: sie sollten ihn nur erst einmal kennen lernen, er wäre kein Guter. Hatte er früher für die harmlosen Späße der Straßenjugend nur einen Peitschenknall übrig gehabt, so konnte er jetzt in Wut geraten, wenn sie ihm zuriefen, daß sich die Räder so schnell drehten, oder -- ob er frei wäre --. Mit gewaltigem Satz sprang er vom Bock und schlug ihnen die Peitsche um die Ohren, daß sie ausrissen wie Schafleder ...
Eines Abends stand der dicke Wirt der Kutscherkneipe vor seiner Tür. Da rief er auf einmal ins Lokal hinein:
»Jetzt kommt aber ne Porzellanfuhre.«
Die Gäste drängten sich an der Türe, um zu sehen, was es gäbe.
Der feine Bernhard kam angefahren. Aus seinem Wagen drang ein wüster Spektakel, Lärm und Johlen. Angetrunkene Stimmen sangen: »Nach der Heimat möcht ich wieder«. Aus den Wagenfenstern hingen verschiedene Beine heraus. Bernhard riß den vollgepfropften Wagen auf und warf seine Kumpane dem Wirt in die Arme. Mit dem abgebrochenen Peitschenstiel schlug er drinnen auf den Tisch, daß die Gläser zu tanzen anfingen und umfielen, schlug zu einem lustigen Lied krachend auf einen Stuhlsitz, hüpfte herum und schrie juhu.
Der Tumult wollte kein Ende nehmen. Er hatte gewettet, die Ecke eines Biertisches mit der Faust abzuschlagen. Krachend fielen die Schläge der geballten Hand. Die Ecke wollte nicht weichen. Er warf seinen Mantel fort und schlug weiter, vor Wut schäumend. Von seiner Faust tropfte das Blut auf den Tisch. Bis sich der Wirt ins Mittel legte.
Er müsse die Ecke erst abhauen, brüllte er. Fluchend und schimpfend wurde er hinausgeführt. Alles, was in seine Droschke hinein wollte und hinein ging, kam mit. So ging es von Kneipe zu Kneipe. Der feine Bernhard zahlte alles. Immer gefolgt von einem Schwarm wechselnder Anhänger. Drei Tage und drei Nächte währte das Treiben.
Allein und verlassen langte er auf seinem Hofe an. Mühsam kletterte er vom Bock, taumelte und stolperte in seine Bude und warf sich, so wie er war, auf das Bett.
Die Bauern aus dem angrenzenden Gasthause fanden früh, als sie zum Markte gingen, den kopfhängenden Braunen noch auf dem Hofe stehen. Sie führten ihn in den Stall und fütterten ihn mit Brotrinden und Abfällen ihrer Grünwaren.
* * * * *
Der feine Bernhard ist jetzt Dienstmann.
Mit Mütze und blauer Bluse sitzt er auf dem niedrigen Sockel des Bahnhofgitters. Eine Droschkenhaltestelle ist dort. Wie riesige Ungetüme in ihren dicken verwitterten Pelzen, stehen Droschkenkutscher und Dienstmänner mit gebeugten Rücken und grauen zerzausten Vollbärten um ihn herum und in der Nähe.
Sie sprechen von den Autos und den Messengerboys.
Manchmal schlägt ihm einer auf die Schulter und sagt wie zur Bekräftigung:
»Nich wahr, Bernhard, so isses --?«
Da öffnet er die stets halbgeschlossenen Augenlider wie weltvergessen, hängt die kurze Pfeife aus der Zahnlücke und über sein gelbes knochiges Gesicht zuckt es wie vorüberhuschendes Lachen: »Ich bin der feine Bernhard -- wehe wenn du's nich gloobst! Ich bin der feinste Mann von Eiropa. Habt ihr ne Ahnung -- --.«
Der wilde Max erzählt ...
Stand die kleine Gruppe Dienstmänner an der Straßenecke, vor dem rechten Ladenfenster, so daß man ihre vom Alter und Lastenschleppen gebeugten Rücken lange Zeit fast unbeweglich sah, so wußten es die Eingeweihten: der wilde Max erzählt ...
Zu dieser Gruppe gehörte Anton, der auch der versoffene Anton hieß. Da er zugleich Couleurdiener einer studentischen Verbindung war, fiel auch hier für ihn der nötige Alkohol ab. Mit Vorliebe trug Anton Turnschuhe. Die drückten nicht und waren angenehm leicht. Er trug sie auch an seinen Ausgehetagen. Da wußte er aber auch, was sich für einen Couleurdiener ziemt. Denn er zog an solchen Tagen seine weißen Hosen und seinen schwarzen Gehrock an, setzte einen steifen Hut auf sein Haupt, und hielt einen derben Spazierstock in der Hand, der an einem der studentischen Kneipabende in irgendeiner Ecke stehengeblieben war. So ausgerüstet, besuchte er die vielen kleinen Gastwirtschaften, in denen er durch seine weitverzweigte Tätigkeit bekannt war -- drückte dem Wirt die Hand, begrüßte ein paar Gäste, trank einen Schnitt Bier oder einen Schnaps und ging in die nächste Kneipe. Alles eilig und wichtig, als hätte er ein dringendes Geschäft zu erledigen. »Ooch hinne heite, Anton?« scherzte der eine oder andre. »Ich mache heite de Runde -- kene Zeit -- ich komme sonst nich rum«, antwortete der mit heiserer Stimme, die einem Grunzen glich. Hatte er so gewissenhaft keine ihm bekannte Kneipe vergessen, so war sein Gesicht noch röter und aufgedunsener als sonst, und sein Ausgehetag war damit zu Ende.
Einen andern Dienstmann, dem die weißen Haare in dichten Strähnen unter seiner Mütze hervorsahen, nannten sie den Schtumpelschtecher. Er sammelte weggeworfene oder an Schaufenstern und Treppenhäusern weggelegte Zigarrenstummel. Er gab das aber niemals zu. Er rauche nur, wenn es ihm schmecke. Und wenn er da manchmal mit einer Zigarre erst zur Hälfte wäre, bewahre er sie auf, bis es ihm wieder schmecke. Die Stummel zerschnitt er zu Pfeifentabak, oder er rauchte sie, wenn sie noch gut erhalten waren, in seiner schwärzlichen, verräucherten Zigarrenspitze.
Der dritte der Gruppe war der kleine schmächtige Abraham, der viele Jahre bei der Heilsarmee gewesen war. Von ihm sagte der wilde Max, daß er immer die »Zwenksche Krankheet«[2] hätte. Abraham galt als verrückt, weil er je nach Jahreszeit oder Laune seine Fußbekleidung wechselte, fortwährend Selbstgespräche führte, wobei er auf die Frage, ob er etwas gesagt habe, stets mit »Wie?« antwortete. Kein Zweifel, er war verrückt. Im Winter trug er Filzschuhe, dann wieder einmal hohe Schaftstiefel oder Schuhe der verschiedensten Art, die er von denen geschenkt bekam, die überflüssiges Schuhwerk hatten und ihn kannten. Nicht selten besserte er sie auch selbst aus. Lange Zeit trug er auch ein Paar Lackschuhe, in die er nicht wenig verliebt war. Sie mußten ehedem für feine, schmale Füße gearbeitet worden sein. Durch Abrahams Füße waren sie ausgetreten und hatten sich nur noch ihre lächerlich erscheinende Spitze bewahrt. Oft, wenn er mit vorgestreckten Beinen an der Mauer lehnte, spuckte er ein ganz klein wenig auf die Lackspitzen und rieb sie dann abwechselnd an den Hosenbeinen, bis sie ganz blank waren.
[2] Zwenksche (von dem Dorf Zwenkau herrührend) Krankheet: Husten, Schnuppen un kee Geld.
Begann der wilde Max zu erzählen, so zögerte er stets, sich sofort mit hinzustellen. Die verdammten Geschichten hielten einen bloß von der Arbeit ab. War es doch schon vorgekommen, daß ihm ein Reisender auf die Schulter geklopft hatte, wo es doch umgekehrt sein sollte! Wenn man halbwegs ein paar Groschen verdienen wollte, mußte man schon höllisch hinterher sein. Wenn hier auch ein Kreuzungspunkt vieler verkehrsreicher Straßen war, der Bahnhof und die ankommenden Reisenden gut beobachtet werden konnten, so war doch wiederum gegenüber der Standort der Droschkenkutscher und der einer andern Gruppe Dienstmänner, die ihnen manches Geschäft vor der Nase fortschnappten. Da saß da drüben der feine Bernhard, dem man jedes Wort abkaufen mußte, und der so tat, als wäre er wunder was. Dabei hatte er doch sein ganzes Geld verjuchhet, der alte Sünder. Da waren Schlosserkarl und Schmiedtemil, die beide Fahrräder hatten. Und das Unikum erst, die Kaulquappe. Wie klein und fett er war, und der kurze, gedrungene Hals, den er hatte, fast war es gar keiner. Und seine großen hervorquellenden Froschaugen.
Den größten Triumph hatte die Gruppe am Schaufenster, als die Rollschuhmode aufkam. War das ein Gaudium, als die Kaulquappe mit Rollschuhen an den Füßen täglich mehrmals um die Verkehrsinsel herumsegelte, die sich in der Mitte des Platzes befand. Wie ein hilfloses Wrack, oder wie einer, der einen Schwips weg hat und obendrein Seil tanzen will. Das waren Dinge, die den wilden Max jedesmal zu dem Ausspruch veranlassen konnten: »Herr, siehe dein Volk an -- es sin lauter Zijeiner.«
Der wilde Max saß stets auf dem Sims des großen Ladenfensters. Dieser Sitz gehörte ihm. Saß ein andrer dort und er kam hinzu, so machte er ohne weiteres bereitwillig Platz. Das Ladenfenster war bis zur Manneshöhe milchfarbig gestrichen. Um so ungestörter konnten sie hier sitzen -- ihr Mittagsschläfchen halten oder sich auf andre Art die Zeit vertreiben.
Es war ein heller, freundlicher Nachmittag. Die angrenzenden Straßen zeigten ihr um diese Zeit übliches Gesicht.
Abraham ging langsam auf und ab, sah auf seine Schuhe und murmelte vor sich hin. Da stand man hier und wartete, wartete bis zum Schwarzwerden. Hatte es nicht seine Frau besser, die in die Buchbinderei ging? Solange Arbeit da war, hatte sie wenigstens ihren regelmäßigen Verdienst. Ja, er allein hätte die Kinder nicht ernähren können. Kaum eins. Geschweige denn vier. Hatte nicht neulich die Zweitreppige gesagt, sie sähen aus wie Bettelkinder --! Die sollte sich ja um sich bekümmern -- die -- die sollte sich ja vor ihm in acht nehmen. Zornig stieß er im Gehen ein Blatt Papier mit dem Fuß zur Seite. An der Ecke angelangt, bog er schnell in eine Seitenstraße ein und trat in die erste Hausflur. Prüfend sah er sich um. Langte dann in seine Bluse, zog die Flasche hervor und trank einige hastige Schlucke. Die Flasche wieder verbergend, trat er mit unbefangener Miene auf die Straße. Ging schnell bis zur nächsten Ecke und nahm dort seinen langsamen Schritt wieder auf. Es war durchaus nicht nötig, daß es jemand sah.
Da bemerkte er, wie bereits einige um den wilden Max herumstanden, dröhnend lachten und ihn drängten, diese neueste Räubergeschichte zu erzählen. Der hatte gut erzählen. Hatte ja auch halbwegs etwas Sicheres jeden Monat. Denn er bekam eine kleine Rente für seinen rechten Zeigefinger, dem zwei Glieder fehlten. Freilich sagte er, er hätte sich die fehlenden Glieder einmal vor Wut abgebissen, weil er einen hauen wollte und der ausgerissen wäre. Nein, Abraham wollte sich nicht mit hinstellen. Man kann nicht wieder los von ihm. Dieser Teufel hatte es ja auch nur auf ihn abgesehen. Wie er zögerte und nach ihm hergrinste! Abraham fühlte das, auch wenn er nicht hinsah.
Lange konnte er indes das Abseitsstehen nicht durchführen. Sie riefen ihn, bis er mit ärgerlichen Schritten, von denen jeder ein Protest war und zeigen sollte, daß er nicht gern kam, zu ihnen trat.
Der wilde Max saß auf dem Fenstervorsprung und lehnte mit dem Rücken an der Scheibe.
»Gibb mir erscht mal een«, sagte er zu dem Schtumpelschtecher. Dieser entnahm seiner Ledertasche einen längeren Zigarrenstummel. Max steckte ihn in seine papierne Zigarrenspitze und ließ sich Feuer geben. Dann rückte er ingrimmig an seiner Dienstmannsmütze, bis sie etwas schief saß, zog die borstigen Augenbrauen finster zusammen und kreuzte die Arme über der Brust. »Was denkt ihr wohl, wenn ich meine Wut kriege -- ich haue alles kurz und kleen -- da is mir alles egal dann --.« Starr sah er dabei vor sich hin. Wenn nun vollends die Muskeln seiner Kinnladen tanzten und vibrierten, sagte beinahe keiner seiner Zuhörer ein Wort mehr. Das sah auch zu unheimlich aus. Eine fürchterliche Wut mußte in ihm kochen. Dabei konnte man das Spiel seiner Kinnladen wie das letzte Aufflackern eines unglücklichen Gegners deuten, der unbarmherzig zermalmt wurde.