Rupertsweiler Leut

Part 1

Chapter 13,431 wordsPublic domain

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1912 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; Dialektausdrücke wurden nicht korrigiert.

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Bearbeiter der Übersichtlichkeit halber an den Anfang des Buches verschoben.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; Passagen in Antiquaschrift werden in der vorliegenden Fassung mit ~Tilden~ gekennzeichnet.

####################################################################

Rupertsweiler Leut

Rupertsweiler Leut

von

Harriet Straub

1912

München bei Georg Müller

Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig

Inhalt

Seite

Der heilige Aloysius 1

Die Alt-Pfarrköchin 11

D’ Gertrude 35

Ein verdienstliches Werk 83

Die Lenebas 91

Die ehr- und tugendsame Jungfrau Euphrosyne 110

Das Gespenst 123

Die Leich’ 153

Wortverzeichnis 161

Der heilige Aloysius

Im Dörfchen Rupertsweiler herrscht reges Leben, seit ein paar Tagen schon fahren Wagen hochgepackt mit Tannenreisig aus dem nahen Wald und die würzig duftenden Zweige werden in großen Massen an der Kirche und den ansehnlichsten Häusern abgeladen. Und abends sitzen die jungen Mädchen auf den Bänken vor den Häusern und winden unter frommem Gesang meterlange Gewinde aus Tannenzweigen, während die kleinen Geschwister rote, weiße oder gelbe Papierblumen hineinbinden.

Fronleichnam steht vor der Tür, und wie jedes Jahr wetteifern alle, wer den schönsten Schmuck haben würde zur feierlichen Prozession. In den Häusern ist auch geschäftiges Treiben, die Heiligen werden unter den schützenden Florhüllen oder Glasstürzen hervorgeholt und wo’s nötig ist, die Kronen oder Heiligenscheine neu vergoldet, die Sockel mit Kränzen von leuchtend bunten Papierblumen umwunden. Öllämpchen oder gar Leuchter aus Glas oder Silberblech werden geputzt und gefüllt, um zu Ehren des Allerheiligsten angezündet zu werden, wenn die ganze Gemeinde, was nur laufen kann, mitzieht durch alle Straßen und bis an die äußerste Feldgrenze im Triumphzug des Heilands. Die Küfermarie ist eben fertig geworden mit ihrem letzten Gewinde und reinigt sich jetzt am Bächlein, das an ihrem Haus vorbeieilt, die harzigen Hände, bindet eine frische Schürze vor und geht quer über die Straße zum Kirchplatz, wo das Pfarrhaus steht. Die alte Haushälterin des Pfarrers, Fräulein Theres, öffnete auf ihr Klopfen und begrüßte die Küfern mit einem freundlichen: „Ihr wänn wieder der hl. Aloysius hole zum ziere, i han nen scho runtergeholt us em Gaschtzimmer.“ --

Das war altes Gewohnheitsrecht, daß der Pfarrer seinen Pfarrkindern von seinem Überfluß an Heiligenbildern und Statuen austeilte, und die Küfern, die so nah an der Kirche wohnte, hatte immer den Ehrgeiz gehabt ihre Fenster besonders stattlich auszuputzen, aber eine eigene Statue sich anzuschaffen, dazu hatte es nie gelangt. Der Mann hätte mit seinem Küferhandwerk schon ganz schön verdient in dem weinbautreibenden Dorfe, wenn er nur den Wein nicht gar so gern selber getrunken hätte. Jetzt, auf die freundliche Anrede der Pfarrköchin, stand die Frau verlegen und zupfte am Schürzenzipfel. „Nix für ungut!“ fing sie schließlich an, „aber wenn’s Euch recht wär, möcht’ i gern än andere Heilige, nit der hl. Aloysius.“ Die Pfarrköchin zog die Stirn in Falten: „Jo do komma ner a weng spot, mer hän scho alle hergä -- i ha grad nur der hl. Aloysius für Euch ufg’hobe. -- Ihr hänn en doch alli Jahr ghät.“ -- „Scho, scho, freili,“ meinte zögernd die Küfern, „gar nix hän er meh? Nei, der hl. Aloysius nem i et, lieber stell i gar nix na.“ Trotzig klingt’s, und die Pfarrköchin, die eigentlich ungeduldig war, zu ihren Kränzen zurückzugehen, horchte neugierig auf: „Jo ä Kruzifix hätte mer scho no.“ „Dös han i selber,“ meinte brummig die Küferfrau, „dös hängt mer doch nit gern zum ziere naus am Fronleichnigstag, -- a Tafla werdener doch no ha?“ fragt sie drängend, und da sie merkt, wie die Haushälterin eilig ist, setzt sie hinzu: „Wenn Ihr Müh dervo hänt, i ka warte, i bin fertig mit de Kränz, wenn Ihr wänn, kann i helfe kränzle, und derweil überlegt Ihr’s, ob Ihr nix andersch meh hän.“

Die Pfarrköchin, die alle Hände voll zu tun hatte, war froh um die angebotene Hilfe, und die beiden sitzen sich bald im Hof gegenüber unter einem Berg von Tannenzweigen, die noch kunstvoll auf Bretter genagelt werden mußten. Auf dem dunklen Tannengrün werden weiße Papierrosen befestigt, die die Namenszüge ~J. H. S.~ und auf zwei andern ~M(aria)~ und ~J(oseph)~ bilden sollen. Das Ganze wurde dann genau in die drei Frontfenster eingepaßt. Das hatte die Pfarrköchin in der Stadt gesehen und war sehr stolz auf diesen neuen Schmuck, und die Küferfrau war zuerst ganz stumm vor Bewunderung und Neid. „Nei, wo hän Ihr au nur immer die neue Ifäll här,“ sprudelte sie dann los, „do kann usereins sich heimgige lo, immer s’glich, amol rote un amol gäle Rose, aber susch“ -- „Do derdrum wän Ihr der hl. Aloysius nimme?“ fragte die Pfarrköchin nun direkt. „Jo, do drum au,“ meint zögernd die Küfern, „aber nei, warum soll i denn lüage, i ha gar nit dra denkt, andersch z’ziere wie suscht -- aber wissener -- i ha ne Hühnle z’rupfe mit em hl. Aloysius, un do drum will i en nit ha zum ziere dös Jahr, nei wissener, der verdient’s bei Göscht nit,“ setzte sie in ausbrechendem Ärger hinzu. Die Pfarrköchin bekreuzt sich erschrocken, und die Küfermarie schlägt sich auf den Mund: „Gott verzeih mer d’Sünd -- i schwätz halt alls, wie mer der Schnabel gwachse isch -- jo, aber wenn i verzähl, wie’s mer gange isch -- no werdet’s Ihr selber isehe -- daß i Recht han. Ihr kenne jo der Karli -- mei Ma -- er wär ganz ordentli -- i kann grad suscht nit kloge -- bis ufs suffe -- wen er Eine hät, no isch nimme mit em uszkomme. Im Frühjahr, wie n’i uf der Lindeberg gwallfahrtet ha, hän i halt au wieder do dra denkt, un ’s Weine isch mir ko, wenn i dra denkt ha, was i scho bett und bett ha bei nere jede Wallfahrt, un nie nit hät die lieb Mutter Gottes gholfe. Nei wissener, i hann mer jo gsait, daß dös a bsunderi Gnad wär, un daß i deß nit so verlange ka, i bin a arme sündige Mensch, aber i ha grad gmeint, unser lieber Herrgott könnt mer amol a anderi Buß uflege, ’s tragt si lichter, wenn mer amol wechsle ka -- un wie n’i so gweint ha -- hät mi a Nachbari, i ha se witers nit kennt, se war von der andere Site vom Berg z’Hus, die hät mi agschtoße und hät gmeint: ‚Ha jetzt, was weinener au so? Wenn’s Euch so ’s Herz abdruckt -- i ha’s au amol so ghätt -- i han dem hl. Aloysius a Noväne globet un a Kerze, un er hät mer gli gholfe. Hän Ihr dös scho amol tua?‘“ -- „I hän mir gli denkt, dös isch a Wink vo der Mutter Gottes, si ka do au nit alles selber mache, mer tät jo ganz die andere liebe Heilige hinte dra setze, wenn sie alles mache wot, han i nit recht?“ Und die Pfarrköchin mit ihrer besseren Bildung bestätigte das, indem sie sagte: „Uf dere Welt isch’s ja au eso, der König und die Königin machet au nit alles selber, und jedes hät si Posta, mit sine bsundere Pflichte.“

„Freili jo,“ nickt die Küfern, die’s jetzt eilig hatte, ihr Herz gar vollends auszuschütten, „un wo’n i do scho sit Jahre der hl. Aloysius zum Ziere gno hä, ’s war jo zu dütli ä Wink. No natürli han i au uf der Schtell a Noväne globet un a Kerz, un weil i gar ä so sicher war, daß dös a Wink von der liebe Mutter Gottes war, hän i a silbernes Herz globet -- i han’s erscht versproche, wenn mei Ma ganz ’s Sufe si glasse hät, sell isch wahr. -- Jetzt höret no -- i komm vo der Wallfahrt nach Hus, ame Suntig Obig isch ’s gsi -- un wian’i daher komm, hockt der Karli bei Göscht uf em Bänkli vor der Tür. Wo ner doch soscht erscht am Montig in der Fruah usem Wirtshus komme isch.

‚Karli, fehlt der was?‘ hän i’n gfragt. ‚Nit, daß i wüßt,‘ sait er, ‚i ha nur kei Lust ghet i’s Wirtshus z’go,‘ sait er, ‚’s isch so friedli do z’hocke am Suntig Obig.‘ ‚O du gütiger, du süßer hl. Aloysius,‘ han i denkt, ‚dös isch dei mächtige Fürsprach, un glei morn fang i d’Andacht a.‘ Un so han i’s ghalte, un d’Kerz han i an sei Altar gschtiftet, er hät lang kei so große meh ghätt.

Un daß i’s kurz mach, a ganze Monet lang isch der Karli i kei Wirtshus meh ganga, un gschafft hät er im Hof mit de Fässer, daß es a wahri Freud war, un gsunge dabi luschtige Schelmeliedle, un i han nit gwußt, was i dem hl. Aloysius antua soll vor Freuda -- jo un dann hätt der Karli au agfange lieb z’tua un mir z’schmeichle, wia i de erschte Woche, wie mer ghirot kha hän, un i ha mi grad gschämt, un Geld hät er mer gä -- -- do bin i in d’Stadt glaufe i meinere Freud un han dem hl. Aloysius a schön’s silberig’s Herz kauft, des gschenkt Geld vom Karli un mei ganz Gschparts han i hergä derfür -- ’s wär nit nötig gsi -- i ha’s erscht globet kha, wenn der Karli ganz gbessert gwese gsi wär, un i hätt guat no a Monet oder zwo zuwarte könne -- aber i han mi halt so gfreut über die wirksam Fürsprach, jo und wian’i z’Hus komma bin, i bin schneller gsi als suscht, weil i au gar so a lichts Herz kha ha -- do han i d’Bscherig gsehe.

Jetzt han i gwüßt, warum der Karli so gern ‚friedli‘ vor dere Hustür ghockt hät un nimmi ins Wirtshus hät wölle. Über der Zaun über hät er mit der nia Magd von’s Vogte scharmuziert, un i han wohl gsähe, daß dös nit zum erschtemal gsi isch, un von wege seim schlechte Gwisse isch er a so duckmäuserig gsi un hät mer flattieret, daß i nix merke soll. Z’erscht isch mir d’Wut über den Duckmäuser ko, ’vor er nur gwußt hät, daß i nen gsehne ha, han i em eis übergwischt, wo’n er dra denke wird, un d’Meinig han i em au gsagt, ihm un dem schlechte Mensch -- die were nimmi viel Freud mitenander ha. Der Karli isch in seim Zorn natürli glei ins Wirtshus gloffe, un so bsoffe wia in dera Nacht isch er scho lang nimme gsi, un so goht’s jetzt widersch, ’s isch schier nimma mit em us’ko. -- Jo seh’n er, sither han i grad a Zorn, wenn i a der hl. Aloysius denk -- Gott verzeih mer d’Sünd, si nitägig Andacht un die großmächtig Kerz hät er gha, un’s silberig Herz han i em kauft, Gottlob han i’s no nit an der Altar ghängt -- un ä so bhütet er mer mei Mann. So hän mer nit gwettet -- zrucknehme kann i em d’Kerz un d’Andacht nimmi -- aber in mei Hus kommt er mer nimme -- sell weiß i.“ Zornig schlug sie den letzten Zweig auf das Brett fest und wischte sich dann energisch die Hände an der guten Schürze ab -- die Pfarrers-Theres hatte sich auch erhoben und meinte bedächtig: „Hütet Euch der Sünd, Küfern, i mein alls, so derfet Er do nit spreche, -- aber i ha mer’s durch de Kopf go lasse, i han no a Tafla vo der hl. Elisabeth, die hät au a Huskrüz ghätt mit ihrem zornmütige Ma, wänn Er die ha? Und wenn Er die vielleicht aruft -- vielleicht hilft die ehnder no, die kennt si eher us mit so na Sache.“ Die Küfern zog erfreut mit ihrer Tafel ab, und als am andern Morgen die Prozession an ihrem Haus vorüberzog, nickte sie der hl. Elisabeth verständnisvoll zu: „Gelt, du hütsch mer mei Hus besser, ’s isch gfehlt, wenn mer sich uf d’Mannsbilder verlaßt, die halte alli zsamme, wenn’s gege us Wiber goht.“

Die Alt-Pfarrköchin

„Fräulein Elisabeth“ und die Lene hausten jetzt schon bald zwei Jahre zusammen im kleinsten Häuschen des Dörfchens, das zum Ausgeding der Lene gehörte. Beide waren aus dem Dorf Rupertsweiler gebürtig, beide hatten in einem Pfarrhof gedient. Die Lene als Magd, nur eigentlich mehr für den Viehstall angestellt, auswärts, draußen in der Ebene.

Fräulein Elisabeth war Pfarrköchin beim Vorgänger des jetzigen Dorfpfarrers bis zu dessen Tod.

Arm war die Pfarre gewesen, in der der Herr der Lene amtiert hatte, ihr Lohn war gering, und nach dem Tod des Geistlichen erhielt sie eine Rente von monatlich 15 Mark. Damit zog sie sich, 60 Jahre alt, in das Häuschen zurück, das ihr bei der Erbteilung der Geschwister als Ausgeding zugefallen war. Besser war’s ihrer Freundin Elisabeth gegangen.

Die Pfarre war aus Klosterzeiten noch reich dotiert, und als bald nach der Rückkunft der Lene auch der Dorfpfarrer starb, konnte Fräulein Elisabeth, so wurde sie in ihrer Würde als Pfarrköchin allgemein von den Dörflern angeredet, auf ein sorgenloses Alter rechnen; sie hatte nahe an 100 Mark im Monat zu verzehren. Sie zog zur Lene ins Häuschen, und da sie die Rüstigere war, mit ihren 52 Jahren, gesund und frisch, besorgte sie auch das kleine Gärtchen, worin wuchs, was sie zum Lebensunterhalt brauchten. Und sie behielt die Kirchenwäsche auch unter dem Nachfolger ihres Herrn in ihrer Pflege, das gab ihr außer der Ehre auch noch ein ganz nettes Sümmchen im Monat. Die neue Pfarrköchin konnte überhaupt gegen die „Fräulein Elisabeth“ nicht aufkommen. Das Zieren der Altäre an den Festtagen, keine verstand so wie sie immer neue künstliche Blumenformen zu erfinden aus Wachs und Stoff, die Ausschmückung der Straßen und Brunnen bei den öffentlichen Prozessionen, alles gedieh nur unter ihrer Oberaufsicht, davon war Fräulein Elisabeth überzeugt, und der Pfarrer und die Dörfler fügten sich der Ansicht. Und der alte Meßner, der eigentlich lieber seinem Schneiderhandwerk nachging, war erst recht damit einverstanden, daß ihm nur die Dienste blieben, die eben von Frauen nicht versehen werden durften. Nur die neue Pfarrköchin wollte nicht in die Lage der Dinge sich fügen, bis jetzt stand sie aber allein mit ihrer Meinung, und was sie auch nur vorgeschlagen hatte, war immer zum Übel ausgefallen. Einmal hatte sie’s durchgesetzt, daß zur Auferstehungsfeier Öllämpchen aufgestellt worden waren ums heilige Grab herum, statt der Wachskerzchen, die Fräulein Elisabeth immer angebracht hatte. Bevor aber die Prozession am heiligen Grabe angekommen war, fingen die Lämpchen an fürchterlich zu prusten und zu spritzen, und die Flämmchen erloschen jämmerlich im Wasser. „Ja die Fräulein Martha kennt eben unsere Verhältnisse noch nicht,“ meinte mit betrübtem Kopfschütteln Fräulein Elisabeth, die mit den Dörflern gern hochdeutsch sprach, „die hat halt denkt, es geht so geschwind, wie in der Stadt, und da hat sie halt mit dem Öl sparen wollen, sie isch überhaupt arg tüchtig und sparsam.“ Die Fräulein Martha schwor hoch und teuer, daß sie genug Öl eingefüllt habe, um die ganze Nacht zu reichen; gegen die Tatsache, daß die Lämpchen ausgegangen waren, konnte sie nicht ankämpfen, und die Dörfler spotteten und schimpften, und der Fräulein Martha Behauptung, daß Fräulein Elisabeth Wasser nachgegossen habe, heimlich, wurde von den wenigsten geglaubt. Und als nun gar am Fronleichnamstag die Stufe des Altars am Pfarrhaus, den die Neue allein hergerichtet hatte, unter dem Pfarrer einbrach, als er die Monstranz aufstellen wollte, da wurde sie selber verzagt und tat lange Zeit nichts mehr ohne den Rat ihrer erfahrenen Vorgängerin. Und so hätte die Fräulein Elisabeth ganz glücklich leben können als Alt-Pfarrköchin, wenn sie nur mit der Lene besser ausgekommen wäre. Sie war doch eigentlich aus „purer Gutmütigkeit“ in das kleine Häuschen zur Lene gezogen, weil „der arme Tschole“ sonst so ganz verlassen gewesen wäre; mit den paar Pfennigen hätte sie ja doch nicht leben können, nur durch ihren Beitrag zum Haushalt ging die Sache einigermaßen, und sie besorgte doch den Garten -- die Setzlinge bekam sie überall her geschenkt -- so hatten sie Gemüse in Hülle und Fülle. Aber die Lene wollte auch wieder nicht recht einsehen, daß es ohne Fräulein Elisabeth nicht gegangen wäre, sondern tat ganz so, als wäre die Fräulein Elisabeth nicht die „Öberschte“ des Dörfchens, gleich nach dem geistlichen Herrn. „Du bisch doch lang gnua Pfarrköchin gsi, i mein alls, du könnsch jetz au der Fräuli Martha Platz gä,“ wiederholte sie immer wieder, wenn sie hörte, wie Fräulein Elisabeth mit dem Meßner beratschlagte über die „äußeren Kirchenangelegenheiten“. „Was hätsch au du gsait, wenn di Vorgängeri grad so gsi wär un di nit dra glosse hätt,“ fragte sie ärgerlich. Aber Fräulein Elisabeth fuhr auf und meinte in ihrer explosiven Art: „I tua’s doch zur größeren Ehre Gottes, weil d’Fräulein Martha ja alles hintere für macht, meinsch denn i hätt nit gern mi Ruah! I han lang gnua gschafft, i tät gern usruha, aber sie verschtoht jo nint, wenn i’s nit mach, glingt jo nix wie’s si soll, denk doch nur an die Blamage mit de Öllämpli. I müßt mi ja vor unserem Herrgott und de liebe Heilige schämme.“ -- Und es schlug dem Faß den Boden aus, als die Lene nach einer solchen Rede einmal zur Antwort brummte: „I mein alls, dini Kerzli hätte au nit brennt, wenn mer sie vorher ins Wasser tunkt hätt.“ Danach sprachen die Beiden überhaupt nicht mehr miteinander, außer wenn Besuch da war, denn nach außen ließen sie sich nichts merken, das waren sie ihrer Stellung schuldig. Nur ein Gemeinsames gab’s noch, das sie immer wieder zusammenführte: ihre Furcht vor Gewittern. Die Lene fürchtete sich einfach, schlicht und recht wie ein frommes Kind, sie zündete ihre geweihte Wachskerze an bei jedem Gewitter, schloß Tür und Läden und betete den Rosenkranz. Fräulein Elisabeth war aber zu ihrem Unglück gebildet. Sie hatte einmal eine Abhandlung über Gewitter gelesen, und da war ihr hängen geblieben, daß „ein Gewitter am liebsten in einen feindlichen Pol schlägt“. Und in der populären Abhandlung war das so schön verdeutlicht worden, daß Fräulein Elisabeth ganz genau wußte: „Feindschaft zieht Gewitter an“. Und da das mit dem, was ihr ihr Gewissen sagte, vom Zorn Gottes gegen Menschen, die in Feindschaft leben, so gar genau übereinstimmte, vermehrte ihr „Wissen“ nur noch ihre Angst. Wenn Gewitterwolken aufstiegen, wurde die kleine lebhafte Person noch unruhiger und fahriger als sonst und hantierte mit fieberhaftem Fleiß im Haus herum. Beim ersten Donner zieht sie sich aber in ihr Schlafzimmer zurück, zündet auch die geweihte Wachskerze an und holt den Rosenkranz aus der Tasche; aber lang hält sie’s nicht allein im Zimmer aus. Sie klopft an das Schlafkämmerchen der Lene und tritt zögernd auf das „Herein“ mit ihrer Wachskerze über die Schwelle. „Lene, hänn Ihr was gege mi uf em Herze?“ ist ihre erste Frage. Die Lene läßt sich im Beten nicht stören, sie schüttelt nur mit dem Kopfe. „I mein alls, mer wänn zsamme bete,“ sagt Fräulein Elisabeth. Die Lene betet ruhig weiter. Beim Absatz angelangt, sagt sie: „Stoh it so an der Türe, hock di abi.“ Fräulein Elisabeth setzt sich dicht neben die Lene auf die schmale Ofenbank im Zimmerwinkel. „I bin am zweite Gsätzli vum Schmerzhafte,“ sagt sie dann auffordernd. Trocken erwidert die Lene: „Wenn de mit bette willsch, i bi am vierte vum Trostreiche.“ Fräulein Elisabeth gibt es einen Ruck, aber ein neuer Donner macht sie gefügig, und sie spricht das Gesetzle mit der Lene weiter. Der erste Rosenkranz ist zu Ende, aber das Gewitter dauert fort. „Waisch Lene, wenn i alls so a weng heftig bin, i mein’s nie nit bös; gell mer wänn üs vertrage wieder,“ fängt Fräulein Elisabeth nochmal an auf die Lene einzureden. Die nickt und meint: „I ha nix gegen di, ’s isch mer recht, wem mer üs vertrage.“ Mit erleichtertem Herzen fängt Fräulein Elisabeth nun den Schmerzhaften an, und die Lene gibt die Antwort. Und so beten sie in schöner Eintracht weiter, bis das Gewitter ausgetobt hat oder fortgezogen ist, und zwei, drei Tage lang herrscht dann noch im kleinen Häuschen Friede und Verträglichkeit.

Gewöhnlich ist der Meßner der Störenfried. Ist’s alte Gewohnheit oder Freigebigkeit von Fräulein Elisabeth, oder traut er wirklich der neuen Pfarrköchin keinen Sinn für Kirchenangelegenheiten zu, er kommt nach wie vor mit seinen Anliegen zu Fräulein Elisabeth. Trifft er zufällig die Lene allein in dem Häuschen an, so schickt ihn die gewöhnlich fort mit einem: „Gehnt doch zur Fräuli Martha, die verschtoht des grad so guat.“ Erfährt das Fräulein Elisabeth, so droht sie der armen Lene mit allen Strafen der Hölle. „Du waisch, was des für a Sünd isch, wenn mer jemand verhindert, a guts Werk z’tu. Wenn i unserm Herrgott z’Ehre mich abschaff, wo doch suscht er grad in Unehre kumme tät, mit dere ungeschickte Trine, i wüßt nit, was für a Straf groß gnug wär für die, die des verdienschtlich Werk hindere wolle.“ Aber die Lene blieb verstockt: „Blos nit, was di nit brennt, hätt mer mei Mutter immer gsait un wenn’s d’Fraile Martha nit recht macht, muß sie des mit unserem Herrgott ausmache, aber di Sach isch des jetzt amol nimmi, un doderbi blieb i.“ Das war Anfang und Ende ihrer Rede, und Fräulein Elisabeth gab es auf, sie zu bekehren.