Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 9
Am nächsten Morgen um ½5 Uhr hieß es: aufstehen! Jetzt waren wir durch die Erfahrung gewitzigt und wären auch noch früher aufgesprungen, um einer Verspätung aus dem Wege zu gehen. Es ist nicht leicht, in der Dunkelheit die Mulas einzufangen, sie zu satteln und zu bepacken. Während wir unseren Morgenimbiß einnehmen, fängt es an zu dämmern. Wir sehen uns unser Nachtquartier an. Jetzt erscheint es schon weniger einladend, als gestern abend. Der Fußboden, oder das was ihn ersetzt, hat vielleicht vor zwei Jahren zuletzt eine Bürste gesehen. Wenn man ihn näher untersucht, läßt sich das Menü früherer Reisegesellschaften mit ziemlicher Sicherheit bestimmen. Über der Tür hängt die Hälfte eines faulenden Balkons. Keine Fensterscheibe ist heil. (Während ich dies niederschreibe, denke ich lächelnd daran, daß, als wir fünf Wochen später nach Injenio zurückkehrten, mein Reisekamerad vor diesem Hause ausrief: »Gott sei Dank, endlich wieder ein anständiges Lokal!«)
Von den indianischen Ansiedlungen Boliviens ist Injenio unstreitig eine der interessantesten. Es ist ein altes Inka-Dorf. Aus dem Fluß, den wir am Abend vorher hatten rauschen hören, haben vor langen Zeiten die »Söhne der Sonne« unermeßliche Reichtümer an reinem Golde herausgewaschen. Jetzt ist der Vorrat versiegt. Nur mit großer Mühe gelang es, von einem alten Indianer einige Körner Flußgold zu erstehen. Oben in den Bergen hofft man, noch Gänge des edlen Erzes zu finden. Eine amerikanische Gesellschaft ist eben dabei, mit kolossalem Kostenaufwande oberhalb Injenios einen maschinellen Goldminenbetrieb einzurichten. Heute noch sieht man beim Durchschreiten des Dorfes, wie wert den Inkas Injenio gewesen ist. Imposante Dammarbeiten durchziehen die Gegend, Mauern aus mächtigen Quadern, in denen die Jahrhunderte keinen Stein haben lockern können. Von Zyklopen errichtet scheinen auch einzelne Häuser zu sein. Die Inkas wollten hier für die Ewigkeit bauen. Sie konnten es nicht wissen, daß sie selbst so viel früher zugrunde gehen würden, als ihre Werke. Noch eine lange Strecke außerhalb Injenios sieht man am Ufer des Flusses und an den Hängen der Berge die verlassenen Ruinen alter Inkaherrlichkeit einsam dastehen.
Der Weg, der anfangs am Fluß entlang führt, beginnt wieder sich einen Berg hinaufzuschlängeln. Bald ist die Vegetationsgrenze erreicht. Nur große weiße Sternblumen, gleich verkrüppelten Margueriten ohne Stengel, und rote und violette Gebirgsglocken, unseren Alpenveilchen nicht unähnlich, bedecken die Abhänge.
Diese zweite Tagereise ist ermüdender, als die erste, geistig noch mehr als körperlich. Es geht ununterbrochen bergauf und bergab, ohne daß man einen merklichen Höhenunterschied überwindet. Was man eben gewonnen hat, büßt man in den nächsten fünf Minuten wieder ein. Schließlich wird man resigniert. Es ist den ganzen Tag über neblig. Keine Spur von Aussicht. Man sieht nicht weiter, als hundert Schritte. Gleich feuchten Treibhausdämpfen steigen die Nebel empor. Sie kommen aus Palmenwäldern und Bananenhainen. Der Weg wird immer schlechter. Sogar die Mulas stolpern. Alle Augenblicke muß man absteigen, damit die Mula nicht sich selbst die Beine und dem Reiter den Hals bricht.
Gegen Mittag setzt ein feiner Regen ein, der immer stärker und stärker wird. Endlich schüttet es wie aus Eimern. Der Weg ist so schlüpfrig und glatt, daß man jetzt selbst bei den gewagtesten Passagen den Mulahufen mehr vertraut, als den eigenen Stiefelsohlen. Man reitet gesenkten Hauptes, von der Hutkrempe geht es von Zeit zu Zeit wie ein Sturzbach nieder. Gegen diesen Wolkenbruch schützt auch der »regendichte« Poncho nicht. Man fühlt sich langsam aber sicher durchweicht, und sorgenden Blicks sieht man, daß dasselbe Schicksal auch die Schlafsäcke auf den »carga-Tieren« erreicht.
Wenigstens verspäten wir uns nicht. Um 5 Uhr ist das zweite Nachtquartier, das »Grand Hotel« Tola Pampa, erreicht.
Giftiger Hohn hat einer Scheune, die einsam auf Bergeshöhe steht, einst diesen hochtönenden Namen gegeben, der ihr seither anhaftet. Als wir das Haus von Ferne sahen -- 50 Kilometer im Umkreise gibt es kein anderes -- erhoben sich unsere Lebensgeister. Voller Energie ritten wir darauf zu.
Prosit Mahlzeit! Besetzt!
Das »Grand Hotel« -- vier Mauern mit einem Dach darüber -- besteht aus zwei Räumen. In einem hatten sich sechs Bolivianer niedergelassen, so fragwürdigen Aussehens, daß man unwillkürlich nach dem Revolver griff. Im anderen, kleineren, hockten frierend fünf Indianer. Was war zu machen? Die Bolivianer-Festung im Sturm zu nehmen, trauten wir uns nicht zu. Also mußten die armen Indios daran glauben. Macht geht hier überall vor Recht, den Indianern gegenüber natürlich ganz besonders. Wir konnten ihnen nicht helfen, die armen Burschen mußten hinaus und sich unter der Dachtraufe niederlassen. Der eine mußte sogar noch den Fußboden aus gestampftem Lehm reinfegen. Wenigstens sind die Braven an Trinkgeldern nicht zu kurz gekommen. Dem einen kauften wir für 2 Bobs (zirka 4 Mark) einen Arm voll trocknen Holzes ab, das er, weiß der Himmel von wo hergenommen hatte, dem andern einige Stück Brot, wobei allerdings ein ganzer Bob für jedes Stück zu erlegen war. Der dritte holte uns Wasser von einer ziemlich entfernten Quelle. Jede Flasche erzielte annähernd den Preis von Münchener Export-Bier!
Wenigstens waren wir bis auf weiteres vor Wind und Wetter geschützt. Das hatten wir aber auch sehr nötig. Schlafsäcke und Betten waren total durchweicht, wir selbst ebenfalls, das einzige Trockne waren die Decken, die unter den Sätteln gelegen hatten. In keineswegs sehr gehobener Stimmung ließen wir uns auf unseren nassen Betten nieder. Im Raume nebenan schwelte das bolivianische Lagerfeuer. Der Rauch drang durch die Mauerritzen und beizte uns die Augen. Einen Schornstein, oder wenigstens ein Loch in der Decke hatte das »Grand Hotel« Tola Pampa nicht. Dennoch machten auch wir in unserer »Nummer« ein Feuer an, was schwierig war, da man sich in dem Räume, nachdem die Betten aufgestellt waren, kaum herumdrehen konnte. Immerhin hob sich der Lebensmut ganz beträchtlich, als wir in zwei Kesseln, die kunstreich an einem nassen Stabe übers Feuer gehängt waren, das Wasser brodeln hörten. Nun stellte sich zu unserer freudigen Überraschung heraus, daß preußische Bergassessoren auch mehr können, als Minen-Gutachten abgeben -- nämlich Suppe kochen! Unser Assessor W. jedenfalls braute aus Knorrs Suppentafeln, Liebigs Fleischextrakt, Wurstresten, Cornedbeef, Erbsenkonserven und den Überbleibseln einer einst sehr schönen Hammelkeule eine Suppe zusammen, die dem maître d'hotel bei Adlon Tränen kollegialer Rührung in die Augen getrieben hätte. Dieses Meisterwerk der Kochkunst war unerreichbar. Und als dann das Wasser im zweiten Kessel sich in Grog verwandelt hatte, der immer mit Whisky »verdünnt« wurde, ward uns immer »wöhler« zu Mute, wie man hierzulande sagt. Um 8 Uhr lagen wir auf den nassen Betten, der Ariero, der übrigens seinem ominösen Namen -- Don Botello (die Flasche) -- alle Ehre machte, als Wächter quer vor der Türe.
Um 4 Uhr am nächsten Morgen rasselte der sorglich auf einem Emailleteller aufgestellte Wecker. Nicht ohne Bangen traten wir vor das Portal des »Grand Hotel«. Regnet es immer noch? Nein. Dem Schicksal sei Dank. Ein wolkenloser Sternenhimmel von großartiger Pracht spannt sich über die Berge. Noch ist es Nacht.
Als wir zum Ausritt bereit waren, begann ein Naturschauspiel von unvergeßlicher, geradezu berückender Schönheit -- der Sonnenaufgang. Im Westen am dunklen Himmel erblich der Mond, im Osten, von tiefschwarzen Silhouetten der Berge eingesäumt, begann der Himmel sich rot zu färben, ein Rot von so dunklem satten Ton, als rührte es von einem mächtigen Kohlenfeuer her. In dieser Farbe leuchteten plötzlich die Schneekoppen der Hauptkordillere auf. Zu unseren Füßen dehnte sich unübersehbar weit ein brauendes Nebelmeer aus, das sich wie die Wellenbrandung eines märchenhaften Ozeans durcheinanderschob, milchig, von fast bläulichem Weiß, bis auch hier der Lichtschein hindrang und die ganze grenzenlose Fläche rosenrot färbte. Es war schwer hierbei seine fünf Sinne beisammenzubehalten und noch dazu auf die Mula aufzupassen, die im unsicheren Morgenlichte schnuppernd ihren Weg suchte.
In der Ferne auf dem Kamm eines Berges sah man die winzig scheinende Gestalt eines Indianers stehen. Ich dachte daran, daß diese Naturkinder, wie man mich versichert hat, heute noch alle Sonnenanbeter sind, trotzdem viele von ihnen, besonders in den Umgebungen der Städte, natürlich getauft sind. Und ich dachte daran, daß ihre Religion vielleicht doch nicht so ganz inferior ist, wie es uns von der Höhe unserer europäischen Weisheit herab, vielleicht scheinen mag. Naiv genug ist er ja, der Sonnenkultus der Indianer. Sie bringen ihrem Gott nicht einmal Opfer. Sie beschränken sich darauf, ihn als Erzeuger und Erhalter der Welt zu bewundern. Der Anschauung der Indianer nach gehören ihrem Gott alle Dinge, die er zuerst bescheint, das heißt, alles was sich auf dem Gipfel der Berge befindet. Dieser Gedanke ist schön und billig zugleich. Vielleicht glaubt der Indianer auch, daß auf den Höhen der Berge, die so wundervoll im Sonnenlicht glänzen, wer weiß was für Herrlichkeiten verborgen sind. Denn in den weiteren Postulaten seiner Weltanschauung ist der Indianer sehr bescheiden. Von den Produkten der Erde beansprucht er für sich nur die gewöhnlichsten, die ihm zur Nahrung, Kleidung und Behausung dienen. Alles was kostbar und schön ist, -- das Gold, die Vicunnas, aus deren samtweichem Fell man die schönen Decken macht, die noch zarteren Chinchillas usw., alles das gehört ausschließlich den »Söhnen der Sonne«, den Inkas. Der ordinäre Indianer hat darauf kein Recht.
Was es mit den Inkas eigentlich für eine Bewandtnis hat, darüber habe ich übrigens in Bolivien ebensowenig sicheren Aufschluß finden können, wie in Europa. Die Geschichte des Landes setzt sich aus Legenden zusammen. Ziemlich allgemein nimmt man an, daß der Stamm der Inkas auf die Bemannung eines gestrandeten Normannen-Schiffes zurückzuführen ist, die wegen ihrer hellen Haare und Augen als Sonnenabkömmlinge angesehen wurden. In Peru gibt es noch Indianer, die ihre Herkunft von den Inkas ableiten. Jetzt freilich ist ihre Haut braun, wie die der übrigen Indianer. Doch sind es alles auffallend schöne, hochgewachsene Gestalten mit edlen reinen Gesichtszügen.
Von Tola Pampa begann ernstlich der Abstieg. Eine Stunde noch führte der Weg durch das steinige Felsgeröll, das wir schon zur Genüge kannten. Dann setzte die Vegetation ein, und zwar gleich mit völlig tropischem Charakter: Farrenbäume, Fächerpalmen, zuerst alles noch recht winzig, kaum mannshoch, und vereinzelt. Doch mit jedem Schritt, den wir hinab tun, wächst und verdichtet sich der Wald. Von den Maultieren sind wir abgestiegen und lassen sie hinterher laufen. Beim Abstieg brauchen wir sie nicht. Vor uns liegt ein sonnenüberglühter Grat, ein Weg von fast zwei Stunden. Er führt in leichter Neigung hinab. Nachdem wir ihn überschritten haben, kommen wir in Schatten. Gleichzeitig beginnt der Teil des Weges, der im Volksmunde mit Recht »amargurani« -- Bitternis -- heißt. Ein geradezu grauenhaft schlechter, vom Regen total ausgewaschener, von breiten Felsspalten durchschnittener Weg. Oft ist man in Verlegenheit, wohin man beim nächsten Schritt den Fuß setzen soll. Wenigstens geht es konstant abwärts. Es wird immer heißer. Man hat bald die Empfindung, daß man in dampfdurchglühter Treibhausluft vorwärts schreitet. Die Kleider kleben am Leibe. Der Schweiß fließt in Strömen.
Und dennoch vergißt man alle körperlichen Beschwerden über der vegetativen Pracht, die einen umgibt. Der Wald wird mit jedem Schritt dichter, endlich ist zu beiden Seiten des Weges richtiger undurchdringlicher Urwald.
Was für ein Wald! Kein Märchen kann ihn schöner schildern. Riesenfarren mit fächerartig ausgebreiteten Ästen, Schlingpflanzen, die wie Girlanden von Baum zu Baum und über den Weg hängen. Üppig wucherndes Buschwerk mit glänzenden, gleichsam lackierten Blättern; überall leuchten gelbe, rote, violette Blüten hervor, einzeln und in schweren Dolden. Tausende von Pflanzen, die bei uns als kostbare Ziergewächse gezüchtet werden, alles in riesengroßen unwahrscheinlichen Dimensionen, mannshohe Schilfblätter, sogenannte Gummibäume (die übrigens mit dem Nutz-Gummibaum nicht das Geringste gemeinsam haben), gigantische Nesseln, deren Blätter von einer Seite samtgrün, von der anderen scharlachrot sind, Palmen von jeder Form und Größe, einzeln und in Gruppen, wie sie kein Kunstgärtner schöner zusammenstellen kann. Ein Wirrwarr von saftigem Grün aller Schattierungen mit leuchtenden Farbenflecken dazwischen. Fast alle größeren Bäume sind mit Moosen bedeckt, Moosen von allen Farben, nilgrün, grau, bläulich, ja dunkel weinrot. Und hier, welch eine Pracht! Aus dem Moose schauen die ersten Orchideen hervor. Man traut seinen Augen nicht. Man greift nach den Blüten, und wenn man sie in der Hand hält, läßt sich ihre Existenz nicht mehr in Abrede stellen. Man kann sich nicht satt sehen an den feinen hellila und dunkelvioletten Blumen. Es sind wahre Wunderwerke der Natur, diese bizarren Kelche mit ihren exzentrischen Formen und herrlichen Farben. Am schönsten sind die großen, goldbraunen Dolden, an denen oft bis dreißig einzelne Blüten sitzen. Man hat bald den ganzen Arm voll von dieser Blütenpracht und weiß nicht, wohin damit.
Es ist Frühstückszeit! An einem kleinen Sumpfe, den sogenannten »Lagunillas« wird Halt gemacht. Hier lernen wir die erste Schattenseite der Tropen kennen -- den Mangel an Trinkwasser. Die Thermosflaschen sind alle leer getrunken. Im ganzen Walde ist kein Stückchen trockenes Holz aufzutreiben, um Feuer zu machen und das Sumpfwasser zu kochen. Alle Versuche schlagen fehl. Der Durst wird immer quälender. Schließlich pfeift man auf Fieber und Typhus, schöpft einen Becher voll des trüben Wassers aus dem Sumpf, tut einen »Desinfektionsschuß« Whisky hinein, und nimmt einen herzhaften Schluck. Wie das wohltut, obgleich es scheußlich schmeckt. Nun kann die Reise weiter gehen.
Gleich nach dem Frühstück hatte ich Glück. Ich blieb mit meinem Gewehr eine halbe Stunde zurück, da ich in den Baumkronen mancherlei flattern sah, was mich interessierte. In den Wald zu schießen, hat keinen Zweck, wenn man nicht mit einem Schlagmesser, einer sogenannten »macheta« ausgerüstet ist, wie es hier jeder Indianer bei sich hat. Ohne dieses Instrument ist im Walde keine zwei Schritte vom Wege an ein Durchkommen zu denken. Man muß also geduldig warten, bis die erhoffte Beute über den Weg fliegt.
Da! ich schieße. Und vor mir auf dem Wege liegt ein regelrechter Papagei, prächtig grün und rot gefiedert. In der Freude meiner Seele werfe ich meine Papiros mitsamt meiner schönsten Bernsteinspitze in den Urwald -- ich habe sie nie wiedergefunden -- und hänge meine bunte Beute an den Sattelknopf. Die schönste Feder kommt an den Hut, der sich übrigens im Laufe der Wochen in einen regelrechten indianischen Federkopfputz verwandelte.
Dieses Mal übernachten wir in einer Indianer-Herberge. Noch um eine Nüance primitiver als in Tola Pampa. Dafür stehen ums Haus herum wilde Zitronen- und Apfelsinenbäume, und unten am Abhänge sehen wir eine Bananenpflanzung. Auch nicht zu verachten.
Wir teilen den einzigen verfügbaren Raum, da er groß genug ist, mit einer Gesellschaft indianischer Packeseltreiber. Sie kochen in einer Ecke stumm -- Indianer reden nie, außer dem Allernotwendigsten miteinander -- ihren Reis, wir in der anderen geräuschvoll unsere Suppe.
Zu unseren Häupten über den Feldbetten siedelten sich auf einer Stange sämtliche Hühner des Hauses an und machten sich bald unangenehm bemerkbar.
Zu dem durchlöcherten Dach schaut der Sternenhimmel herein, durch den offenen Giebel das Kreuz des Südens, das wir jetzt endlich kennen. Dieses Kreuz ist übrigens ein bluff. Erstens ist es überhaupt nichts Besonderes und zweitens ist es kein Kreuz. Genau ebensogut könnte es einen Triumphwagen oder eine Kaffeekanne vorstellen. Es ist ein unregelmäßiges Parallelogramm von vier Sternen, deren einer ziemlich schwach leuchtet. Warum das ein Kreuz bedeuten soll, ist unerfindlich, jedenfalls weiß das kein Mensch, außer dem Astronomen, der es so getauft hat.
Theoretisch hatten wir von Lorenzo Pata, unserem letzten Nachtlager, bis San Carlos einen Tag. Praktisch wurden zwei daraus. Aber nicht durch unsere Schuld, denn um 5 Uhr war die ganze Gesellschaft auf den Beinen, und um 6 ritten wir aus, wohlgemut, trotz des strömenden Regens. Alles ringsumher trieft. Wir sehr bald ebenfalls. Der naßgeregnete Urwald bietet ein anziehendes Bild. Das Grün scheint noch saftiger. Man glaubt es ordentlich zu spüren, wie die fruchtbaren Kräfte sich darin regen. Die Moose schwellen, die Blumenkelche öffnen sich.
Um 11 Uhr klärte es sich auf. Die Tropensonne tat das ihrige, um uns schnell zu trocknen. Wir dampften richtig. Aus dem Tal -- wir sind ja immer noch 1½ Tausend Meter hoch -- steigen Nebelfetzen herauf und verfangen sich in den Baumkronen. Der Weg führt bergauf, bergab, bergab, bergauf. Eine gefährliche Stelle ist noch zu überwinden -- der sogenannte »tornillo« (die Schraube), -- eine korkenzieherartig gewundene Wegstrecke, die an einem Abgrunde entlang führt.
Den ganzen Weg, von Sorata an, war es uns aufgefallen, daß auf dem Gipfel jeder Steigung ein mächtiger Steinhaufen aufgeschichtet war, von besonders riesigen Dimensionen bei den schwierigsten Stellen, am Jachazani-Paß, beim Beginn des Amargurani-Abstiegs, hier am Tornillo. Don Botello gab uns die Erklärung dafür. Wenn der Indianer einen Berg emporsteigt, nimmt er in jede Hand einen Stein, trägt ihn hinauf und legt ihn dann fein säuberlich hin. Er glaubt, daß ihm das Steigen erleichtert wird, wenn er die Steine näher zur Sonne bringt. Psychologisch ist dieser Aberglaube sehr verständlich und berechtigt. Der Indianer denkt die ganze Zeit während des Aufstiegs an seine Steine, und das lenkt die Aufmerksamkeit von der eigenen Erschöpfung ab. Im Laufe der Jahrzehnte bekommt ein jeder Gipfel auf diese Weise ein kunstloses, aber imposantes Denkmal. Bemerkenswert ist, daß die Indianer ihre Steine oft in der Form eines Kreuzes anordnen.
Um 3 Uhr erreichten wir eine »Finca«, San José, des Herrn G., durch dessen Gebiet wir schon seit zwei Tagen ritten. Nun waren noch 3 Stunden bis San Carlos. Nach kurzem Aufenthalt begannen wir den letzten, sehr steilen Abstieg. Allein wir hatten die Rechnung ohne den Regen gemacht, der am Morgen herabgeströmt war. Ein Gebirgsbach -- der Rio d'Oro -- der unten im Tal den Weg durchschnitt, war derart angeschwollen, daß an ein Passieren gar nicht zu denken war. So mußten wir den ganzen Weg wieder hinauf. Ich blieb unvorsichtiger Weise, vom Jagdeifer beseelt, zurück, schoß auch richtig ein langschwänziges Ungeheuer, halb Papagei, halb Fasan und -- beinahe -- einen Affen. Doch mußte ich dafür büßen, nämlich den ganzen zweistündigen Aufstieg zu Fuß machen. An diese Stunden denke ich ungern zurück. Ein siebenstündiger Weg, meist zu Fuß, lag schon hinter uns. Halbtot langte ich in San José an. Die Kochkunst unseres vortrefflichen Assessors und eine Flasche wirklich echten Münchener Bieres, das überall in den Tropen, wo es Menschen gibt, verzapft wird, freilich zu Phantasiepreisen, brachte mich nur langsam wieder auf die Beine. Trotz Hunden, Mäusen und einem Hahn, die sich in unserem Zimmer bekriegten, schlief ich wie ein Erschlagener.
Am nächsten Morgen ließen wir uns nicht zurückhalten und nahmen auch glücklich das Hindernis, das uns in Gestalt des Rio d'Oro den Weg versperrte. Dennoch hatten wir auch jetzt, trotz des verhältnismäßig niedrigen Wasserstandes, beim Durchreiten des Stromes das Gefühl, gleich vom Strudel mitgerissen zu werden. Allein das Schicksal meinte es besser mit uns, und nur die Füße wurden naß, ungeachtet der ingeniösen Steigbügel. Gegen Mittag erreichten wir das gelobte Land -- San Carlos.
~Tafel 8~
~Tafel 9~
4. SAN CARLOS.
Die Hazienda San Carlos ist entzückend gelegen. Ich würde sagen idyllisch, wäre dieser Ausdruck nicht in den Tropen überhaupt und unter allen Umständen deplaciert. In einem Talkessel, der die Aussicht nach einer Seite freiläßt, sind in regellosem Durcheinander die acht bis zehn Häuser des Gutshofes hingebaut. An einer Seite zieht sich eine üppige Bananenpflanzung hin, deren Früchten wir mehr als einen exquisiten kulinarischen Genuß verdanken.
Von allen Pflanzen der Tropen ist die Bananenstaude, meinem Geschmack nach, die malerischste. Die ganz hell lichtgrünen Blätter von der Form riesiger Palmenwedel falten sich an der Spitze des Baumes zu einem breiten schattenspendenden Dache auseinander. Der Stamm geht von unten nach oben allmählich aus einem bräunlichen Rot in dasselbe Lichtgrün des Laubwerkes über. Zwischen den Blättern lasten schwer die mächtigen Fruchtkolben, an denen sich die Bananen, je nach dem Stadium der Reife und der Sorte, grün, goldgelb oder kupferbraun auseinanderspreizen.
An der anderen Seite der Hazienda ziehen sich die Kaffeeplantagen entlang. Schon von weitem sieht man die feuerroten Kaffeebohnen aus dem Laube hervorleuchten. Ums Wohnhaus herum stehen Orangen und Zitronenbäume, über und über mit reifen Früchten bedeckt.
Nur das Wohnhaus ist ein Bretterbau. Die Wände der übrigen Häuser bestehen, wie überall unten in den Tropen, aus aneinandergereihten Bambusstäben, die einfach in die Erde gesteckt und nur lose mit Bast zusammengeflochten werden. Fenster haben diese Bambuskäfige, von denen ich noch zu erzählen haben werde, nicht. Alle Gebäude sind mit Palmstroh gedeckt. Oberhalb der Plantagen sind die sie umgebenden Hügel mit wundervollem dichten Urwald bestanden.
Obgleich wir unangemeldet in San Carlos eintrafen, wurde uns ein überaus freundlicher Empfang seitens des Verwalters -- hier nennt man ihn »gerente« -- zuteil. Auf der luftigen Veranda, während unsere Zimmer zurecht gemacht wurden, bekamen wir sofort einen prächtigen rosenroten Cocktail aus Zuckerrohrschnaps vorgesetzt. Ohne das geht es hier nicht. Kein Verbrechen wird strenger gerochen, als wenn man die »cocktail-time« versäumt. Nun, man läßt es sich ja schließlich gefallen. Wenigstens braucht man, wenn man zu Gast ist, nicht um die »Cocktails« zu würfeln, wie wir das in Oruro und La Paz bis zur Besinnungslosigkeit tun mußten.
Vor dem Frühstück noch wurde uns ein langentbehrter Genuß zuteil. Wir konnten baden. Hinter dem Hause hat sich nämlich der umsichtige und reinliche »gerente« mit Bedacht und Fleiß ein Schwimmbad hergerichtet. Es besteht aus einem großen Holzkasten, geräumig genug für eine ganze Familie. Das krystallklare Wasser eines kühlen Gebirgsstromes wird vermittelst zweier Holzröhren herein und wieder hinausgeleitet. Man plätschert also in fließendem Wasser. Daß das Bad von einer gewaltigen Bananenstaude beschattet wird, gibt der ganzen Sache einen, dem Ort entsprechenden, äußerst exotischen Charakter.
Während der fünf Tage in den Kordilleren waren wir alle total verwildert, ganz »en Schwein« wie Heine sagen würde, mit sprossenden Vollbärten. Wir erkannten uns gegenseitig kaum wieder, als wir uns sauber gewaschen und gekämmt an der Frühstückstafel zusammenfanden.