Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe

Part 5

Chapter 53,413 wordsPublic domain

Dank der Liebenswürdigkeit eines deutschen Mitgliedes des Congreso scientifico in Temuco, des Meteorologen Dr. K., wurde es uns ermöglicht, einen Einblick in das Leben und Treiben der Mapuches-Indianer bei sich zu Hause zu gewinnen. Dr. K. hatte eine Tour ins Araukanergebiet vor, unter Führung eines anderen Kongreßmitgliedes, des noch sehr jungen chilenischen Professors M., der insofern der geeignete Mann zu diesem Unternehmen war, als er selbst einer Araukanerfamilie entstammt und die Sprache der Indianer vollkommen beherrscht. Solch ein Führer ist notwendig, denn die Indianer sind überaus mißtrauisch, lassen Fremde nur ungern in die Nähe ihrer Behausungen und haben besonders vor dem Photographiertwerden eine Heidenangst. Dr. K. hatte in dieser Hinsicht einst schlimme Erfahrungen machen müssen. Bei einem selbständig unternommenen Ausfluge hatte ihn ein alter Mapucheshäuptling in seiner Hütte eingesperrt, und nur mit großer List und viel Überredungskunst war es ihm gelungen, sich aus dieser heiklen Situation zu befreien.

Wir schlossen uns den beiden Herren an. Eines schönen Morgens um fünf brachen wir auf, voran die beiden Gelehrten in einem zweirädrigen Karren, der auch den Proviant beherbergte, hinterdrein wir zwei zu Pferde. Zuerst ritten wir nach einem alten indianischen Friedhof. Die Araukaner bestatten ihre Toten ohne Särge und setzen ihnen hölzerne Denkmäler, hohe Pfähle, in die oben eine Figur hineingeschnitzt ist, die ein stilisiertes Menschengesicht vorstellen soll, was jedoch kein Nichtaraukaner erraten kann, wenn es ihm nicht gesagt wird. Obwohl den Indianern jetzt befohlen ist, ihre Toten auf den allgemeinen Friedhöfen zu bestatten, so denken sie doch nicht daran, es zu tun, wie sie denn die Gesetze überhaupt nur respektieren, soweit es ihnen bequem ist. Neben alten, halbzerwühlten Gräbern mit altersgrauen, zerfaulenden Denkmälern, sahen wir auch einige frisch aufgeworfene. Nach zweistündigem Ritt erreichten wir den ersten indianischen Rancho. Prof. M. machte uns auf einen treppenartigen Aufbau aufmerksam, der vor dem Hause stand. Das ist das Zeichen, daß in dem Hause ein »Medizinmann« wohnt, respektive eine »Medizinfrau«, denn bei den Araukanern wird das ärztliche Gewerbe vorzugsweise von alternden Weibern betrieben. Auf dem Dache des Hauses erhebt sich auf hoher Stange ein gebleichter Tierschädel -- um die Hexen abzuschrecken, die Menschen und Tieren sonst viel Unheil zufügen können. Beim Besuche dieses und anderer Indianerranchos ging stets Prof. M. als Pionier voran. Erst nach längeren Unterredungen, die auf araukanisch geführt wurden, durften wir vorsichtig nachdringen, den »Kodak« sorglich verborgen. Doch wurden wir dann meist recht freundlich begrüßt, mit Händedruck und Willkommengruß: »Maremare«. Ein indianischer Rancho ist ein höchst primitiver Bretterbau mit Stroh gedeckt. Drei Wände umgeben einen Raum, dessen Größe je nach dem Reichtum der Familie variiert. An der vierten Seite ist das Haus offen, wodurch sonstige Türen und Fenster überflüssig gemacht werden. Dieser eine Raum dient dem Araukaner nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Schweine- und Hühnerstall, vorausgesetzt, daß er über solche Reichtümer verfügt. Außerdem enthält er in malerischer Unordnung alles für den Araukaner zum Leben notwendige. In der Mitte ist der Feuerplatz, umgeben von allerhand merkwürdig geformten Kochgeschirren. An Stangen und Schnüren, die den ganzen Raum nach allen Richtungen durchziehen, hängen getrocknete Maiskolben, Tierhäute, Felle, kunstvoll arrangierte Gedärme, daneben stehen die mit bunten Decken bezogenen Betten der meist recht zahlreichen Familienmitglieder, Säcke mit Mehl und Getreide dienen als Sitzgelegenheiten, von der Decke herab hängen die kunstreich gezimmerten »Behälter« für Brustkinder, die die Araukanerfrauen auf dem Rücken tragen, wenn sie das Haus verlassen. In einer Ecke steht der Webestuhl, eine sehr primitive Maschine, auf der die Araukanerfrauen alle Stoffe für den Hausgebrauch selbst anfertigen. Manche von diesen Stoffen, die zu Ponchos und Decken verwandt werden, sind wunderschön in Farbe und Musterung. Bei einem alten Araukanerhäuptlinge sahen wir über dem Feuerplatze zwei -- Skalpe hängen, ein schwarzes und ein blondes, augenscheinlich von einem »Milchgesicht« stammendes -- ein alter Familienbesitz, der jedoch in Ehren gehalten wird, obwohl diese Indianer jetzt friedlicher sind und, besonders keinerlei Gelüste nach den Kopfhäuten ihrer Mitmenschen mehr hegen.

In einem der Ranchos, die wir besuchten, trafen wir eine indianische »Medizinfrau«. Sorgenvoll behandelte sie einen Araukaner, dem von einem Gegner im Streite ein Bein zerbissen war. Sie hatte den Mann ans Feuer gesetzt und das kranke Bein so nahe zur Flamme geschoben, daß es den Eindruck erweckte, die kunstreiche Ärztin wolle es braten. Übrigens wurde die kluge Frau, wie sie unserem Führer gestand, von schweren Sorgen geplagt: in ihrer Praxis waren ihr bis jetzt nur Hundebisse begegnet und sie wußte nicht, ob die dagegen angewandte Therapie auch bei Menschenbissen heilkräftig sei. In einem schwarzen Kessel auf dem offenen Herde brodelte ein köstlicher Kräuterbrei, der von Zeit zu Zeit »bemurmelt« wurde. Hoffentlich hilft er dem wunden Krieger, damit er sich bald an seinem bissigen Gegner rächen kann.

Die beste Aufnahme wurde uns bei einem alten Araukanerhäuptlinge zuteil. Der Mann -- auf araukanisch nennt man ihn »Cazike« -- schien überhaupt kultivierter zu sein, als die übrigen. Er baute sich gerade aus schönem Rotholz ein neues Haus. Dies war die einzige Araukanerfamilie, die ich ohne Gefahr, eingesperrt zu werden, photographieren konnte. Bei den anderen wurden die unglaublichsten Listen angewandt, damit ich meinen Kodak ein oder das andere Mal heimlich funktionieren lassen konnte. Meist wurden es dann -- Rückenaufnahmen. Aber dieser alte Häuptling stellte uns nicht nur seinen beiden Frauen und seinen zehn Töchtern vor, sondern ließ sich gerne als stolzer Hahn im Korbe, inmitten der zwölf Frauenspersonen seiner Familie photographieren. Die Mädchen zogen dazu ihre schönsten Gewänder an und behängten sich mit reichem Silberschmuck. Auch ließ es sich der brave Mann nicht nehmen, die »Nomelofcien« -- so heißt auf araukanisch jeder Nichtindianer, gleichviel ob er aus Temuco oder Moskau stammt -- mit frischen Eiern zu bewirten. Weitere Gänge des araukanischen Diners wiesen wir, angesichts der mehr als primitiven Methoden ihrer Zubereitung, höflich aber bestimmt zurück. Dafür trank der Alte, ebenso wie seine zehn Töchter, gerne und viel von dem mitgebrachten Rotweine.

Die Araukaner sind, trotz eifrigen Bemühens der englischen Missionen, fast alle noch Heiden, das heißt bis zu einem gewissen Grade. Einige höchst unchristliche Sitten, z. B. die Vielweiberei, die jedoch mit den sozialen Verhältnissen des indianischen Lebens eng verknüpft sind, wird es wohl noch lange nicht gelingen, aus der Welt zu schaffen. Und wenn die Missionen darauf hinarbeiten, so begreifen sie nicht, daß sie damit gleichzeitig die Moral dieses Indianervolkes untergraben. Denn die Moral der Araukaner ist absolut einwandfrei, trotz der Vielweiberei höher stehend als in manchem Kulturlande. Dem Vater liegt daran, seinen jungen Sohn als Arbeiter ans Haus zu fesseln. Dazu gibt es nur ein Mittel: er muß ihm eine Frau -- kaufen. Denn hier werden die Frauen noch »gekauft«, für 25-80 Schafe, je nach dem Alter, kann man eine haben. Also der Vater kauft seinem 15jährigen Sohne eine Frau, die billig sein muß, also wenigstens 35 Jahre alt ist. Der Junge lebt mit seiner Frau glücklich bis zu seinem 25. Jahre. Dann ist seine Frau schon alt und verwelkt, er selbst hat sich aber schon etwas erspart und kann sich eine Frau kaufen, die ungefähr ebenso alt ist wie er. Mit der lebt er weitere 20 Jahre, dann ist er reich geworden und kann sich ein junges Weib von 15 Jahren leisten. Wenn er als 65jähriger Greis stirbt -- länger lebt der Indianer fast nie -- ist seine dritte Frau 35 und taugt gerade dazu für einen Burschen von 15 Jahren gekauft zu werden. So schließt sich der logische Ring des merkwürdigen araukanischen Eheinstituts ganz von selbst. Eifersucht kennt die Araukanerfrau nicht, sie geht in der Sorge um die meist sehr zahlreichen Kinder auf. Ein Araukaner mit drei Frauen lebt in den glücklichsten und ruhigsten Familienverhältnissen. Solch ein durch jahrhundertelange Tradition geheiligter, aus den sozialen Verhältnissen eines Volkes sich ganz von selbst ergebender Gebrauch läßt sich natürlich nicht durch einen Federstrich der Regierung aus der Welt schaffen, worauf die englischen Missionen mit Gewalt hinarbeiten. Dazu sind Jahrzehnte und Jahrzehnte sorglicher, verständiger und verständnisvoller Kulturarbeit notwendig.

Diese und manche anderen interessanten Aufschlüsse über Sitten und Gebräuche, Psychologie und Lebensbedingungen der araukanischen Indianer verdanke ich einer Persönlichkeit, die originell genug ist, um sie meinen verehrten Lesern vorzustellen. Es ist ein Franziskanermönch, Padre Hieronymo, einer der merkwürdigsten Menschen, die mir je in meinem Leben begegnet sind. Auf den ersten Blick scheint der Padre Hieronymo nur aus seiner braunen Kutte und einem mächtigen roten Bart, der bis an die Gürtelschnur herabreicht, zu bestehen. Sieht man näher hin, so entdeckt man hinter Brillengläsern ein Paar leuchtend blaue, intelligente, freundlich und doch ein wenig listig blickende Augen. Der Padre ist Bayer. Hier lebt er seit zehn Jahren, hat eigenhändig, fast ohne fremde Hilfe unweit Temucos eine Schule für Indianerbuben aufgebaut. Dort haust er, umgeben von 80-100 Araukanerknaben, die er zu vernünftigen, denkenden Menschen erzieht, ohne sie gewaltsam den eigenen Sitten und der eigenen Kultur zu entfremden. Einige Monate im Jahr durchstreift er zu Pferde das ganze Araukanergebiet, ist überall gerne gesehen, da er fließend araukanisch spricht, und holt sich die Jungen von 8-14 Jahren, die ihm jetzt überall mit Freuden anvertraut werden. Mit einer umfassenden, festgegründeten Bildung verbindet Padre Hieronymo eine überaus feine Menschenkenntnis, eine Weitherzigkeit und Vorurteilslosigkeit, die bei einem bayrischen Franziskanermönch geradezu verblüffend ist. Über alle Fragen der Politik, Literatur und Wissenschaft ist er orientiert. Unser erstes Gespräch drehte sich um russische politische Verhältnisse und die Bücher von Gorki und Tolstoi. Man denke -- ein deutscher Mönch in den chilenischen Urwäldern! Manche höchst anregende und interessante Stunde verdanke ich dem Padre Hieronymo. Gerne würde ich seine feinsinnigen Beobachtungen über das Leben der Araukaner mitteilen, doch würde mich das viel zu weit führen.

Die Araukaner-Indianer sind ein Thema, das sich auf diese Weise doch nicht erschöpfend behandeln läßt. Der Zweck dieser Zeilen konnte nur eine flüchtige Umrißzeichnung sein. Man sieht auch daraus, daß der Gegenstand einer anderen Behandlung wert wäre.

~Tafel 4~

11. BRIEF.

SÜD-CHILE -- EIN ZWEITES DEUTSCHLAND.

Wenn man in Europa an Chile denkt -- wer tut das überhaupt und wann? -- so macht man sich von der Ausdehnung des Landes schwerlich einen ganz richtigen Begriff. Auf die Karte von Europa projiziert, würde Chile von Norden nach Süden eine Strecke einnehmen, die etwa von Kopenhagen bis Zentral-Afrika reicht. Dieser Umstand bedingt natürlich eine Variabilität der wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie außerdem vielleicht nur noch in Rußland vorkommt. Die Grenzgebiete sind hier im hochgelegenen steinigen Norden, wo kein Baum und kein Strauch mehr gedeiht, die ungeheure Salpeterindustrie, -- im Süden, der in die gemäßigte Zone hineinreicht, die ausgedehnten Schafzüchtereien. Dazwischen liegen die üppigen Ebenen von Santiago und Liai-Liai, wo der herrliche chilenische Wein wächst -- überhaupt ein Fruchtland par excellence, das dem »gelobten« der Bibel in nichts nachzustehen scheint -- und weiter südlich am Valdivia und Ossorno herum das märchenhafte Weizengebiet, dessen Fruchtbarkeit jeden europäischen Landwirt gelb vor Neid machen muß. Die klimatischen Unterschiede in den einzelnen Landstrichen Chiles sind natürlich außerordentlich fühlbare. Das merkt man als Reisender, und noch dazu als eilig Reisender, ganz besonders -- leider, denn wenn man den Norden bei herrlichstem Sommerwetter und nie aussetzendem Sonnenschein verläßt, kommt man im Süden in den grauen, trüben und kühlen Herbst hinein, ehe man sichs versieht. Eine Redensart behauptet vom südlichen Chile, daß es ein Land sei, in dem es dreizehn Monate im Jahr regnet. Dagegen kann nur der Kalendermann aus Pedanterie protestieren. Dennoch wird man als Reisender von Ort zu Ort immer südlicher geschickt. Denn die Chilenen sind mächtig stolz auf den Süden ihres Landes, auf die malerischen Schönheiten, die das Seengebiet der südchilenischen Kordillere bietet. Aber was nutzen einem die herrlichsten Berge, die Schneekoppen phantastischer Vulkane, wenn sie von schweren, grauen Wolken bedeckt sind, oder die herrlichsten Seen, wenn ein dichter undurchsichtiger Regenschleier sie verhüllt! Man läßt die Einwohner von den zauberischen Schönheiten ihres Landes erzählen und muß ihnen aufs Wort glauben. Oder man muß den vierzehnten Monat des Jahres für seine Reise abwarten. Dann präsentiert sich vielleicht die ganze Gebirgsszenerie in ihrer vollen Pracht.

Beim Durchfahren der Bahnstrecke Valdivia--Ossorno--Puerto Montt wird es einem, ebenso wie beim Aufenthalte in den genannten Städten, zuweilen schwer zu glauben, daß man sich irgendwo in Chile befindet und nicht in Deutschland, freilich in einem Deutschland vor fünfzig oder fünfundsiebzig Jahren (wie man sich das so vorstellt). Selbst der Piccolo auf den Stationen fehlt nicht: »Glas Bier gefällig?« Nur heißt das hier »una cerveza«. Es ist kein Zweifel: in ganz Süd-Chile sind die Deutschen das absolut dominierende Bevölkerungselement. Wenn auch nicht der Zahl, so jedenfalls der wirtschaftlichen und kulturellen Bedeutung nach, die sie hierzulande erlangt haben. Allein drei Viertel des gesamten Grundbesitzes befinden sich in deutschen Händen, zuweilen sind es Latifundien, deren Ausdehnung sogar in Rußland Respekt erregen würde. Güter von 40-50000 Hektar sind keine Seltenheiten. »Es gibt in Chile keinen armen Mann«, behauptet eine Redewendung, die ich oft gehört habe. Glückliches Land, wenn das stimmt. Und das scheint zu stimmen. Wohlstand und Genügen, wohin man blickt, wenigstens unter den Deutschen, die im Konkurrenzkampf mit dem trägen unentschlossenen Chilenen leichtes Spiel haben. Der Hauptgrund dieses auffallenden Wohlstandes ist natürlich der beispiellos fruchtbare Boden des Landes. In Chile wächst alles, was man in die Erde steckt. Und wie wächst es! Ich habe siebenjährige Fruchtbäume gesehen, die doppeltmannhoch unter der Last der Früchte buchstäblich zusammenbrachen. Die Äste der Pflaumen- und Birnbäume sehen aus wie Riesentrauben und Riesenbeeren, Frucht an Frucht gedrängt, kein Blättchen hat dazwischen Raum. Und daneben wächst Tabak, Mais, oder Sonnenblumen von fabelhafter Größe, dann wieder Pfirsiche, Erdbeeren und friedlich nebeneinander stehen Kokospalmen und Edeltannen. Aber das eigentliche Gold des Landes ist der Weizen. Der Landwirt baut ihn fast ausschließlich. Er läßt seine Felder lieber drei bis sechs Jahre ganz ruhen, um sie dann wieder unter Weizen zu bringen. Den Begriff der Düngung kennt man hier nicht. Und was für Ernten gibt es hier! Eine Ernte, die das fünfundzwanzigste bis dreißigste Korn abwirft, gilt als mittelmäßig. In Ossorno lernte ich einen deutschen Landwirt kennen, der soeben eine Weizenernte eingebracht hatte, die ihm das fünfzigste Korn ausgab. Damit war er freilich selbst zufrieden. Trotzdem der ganze Weizenexport in den Händen von nur zwei großen Firmen liegt, die merkwürdigerweise englisch sind und die Preise auf ein Minimum herabdrücken, ist das Weizengeschäft so lohnend für die Landbesitzer, daß nichts anderes daneben bestehen kann.

Die einzige Mühe, die der Landwirt hier hat, ist die -- das Land urbar zu machen. Ist das einmal geschehen, so braucht er sich um nichts mehr zu kümmern. Das übrige besorgen der Boden und das Klima ganz von selbst. Aber diese Urbarmachung zwingt einen, gehörige Schwierigkeiten zu überwinden, und die Energie, die dazu verbraucht wird, verdient die allerhöchste Bewunderung. Enorme Strecken des Landes sind von undurchdringlichem Urwald bedeckt. Den gilt es auszuroden. Hier hat sich nun eine ganz merkwürdige Technik ausgebildet, die -- nebenbei gesagt -- tausende von Kilometern weit auch den landschaftlichen Charakter des Landes bestimmt. Sie besteht in folgendem. Es werden künstlich Waldbrände in Szene gesetzt. Vorerst um das Unterholz zu vernichten, denn sonst ist ein Eindringen in den Wald überhaupt unmöglich. Der erste Brand vernichtet jedoch den Wald noch nicht, er trocknet ihn nur aus. Nun wartet man ein Jahr oder zwei, dann zündet man den Wald wieder an. Und so weiter, bis endlich nur noch verkohlte Stämme in dichten Reihen gen Himmel starren und das zu Asche gewordene Unterholz in schwärzlich-brauner Schicht den Boden bedeckt. Dieses landschaftliche Bild verfolgt einen durch ganz Chile. Es sieht trostlos aus, am wenigsten darnach, daß hier der Mensch bei einer Kulturarbeit ist. Nun gilt es noch, die Bäume zu fällen und die Wurzeln zu heben, dann kann man ruhig und unbesorgt um das Resultat seinen Weizen säen. Doch hin und wieder widersetzt sich der Wald. Es gibt Stämme und Baumstrünke, denen weder mit der Hand noch mit Maschinen beizukommen ist. Der Landweg zwischen Puerto Varras und Puerto Montt ist mit niedergebranntem Wald eingesäumt, der seit fünfzig Jahren brach liegt. Sieht man die Stümpfe der Riesenbäume, von denen manche drei bis vier Meter im Durchmesser aufweisen, so begreift man, daß hier alle Arbeit umsonst wäre.

Ein Feind des Landwirts ist hier auch -- die Brombeere. Die Deutschen haben sie vor einigen Jahrzehnten erst selbst eingeführt. Jetzt werden sie die Geister, die sie riefen, nicht mehr los. Die Brombeere wuchert überall in solchen Massen, in solch üppigem Gewirr, daß sie droht, das ganze Land mit einer undurchdringlichen Hecke zu überziehen. Ein wahrer Vernichtungskampf gegen sie hat begonnen, der viel Mühe kostet und doch nur wenig nutzt.

War es vor fünfzig Jahren fast ausschließlich die Landwirtschaft, die die Deutschen hier stark machte, so dringt ihr Einfluß jetzt in alle Gebiete des wirtschaftlichen, sozialen, ja sogar politischen Lebens hinein. Übrigens sind die Chilenen weit entfernt davon, unzufrieden zu sein. Kürzlich fiel mir eine spanische Zeitung in die Hand, aus der ich, zur Orientierung, folgendes wörtlich übersetzte Zitat mitteilen möchte: »Deutsch sind unsere Unterrichtssysteme und deren Leiter, deutsch sind unsere Elektrizitätswerke, deutsch ist unser Militärwesen, deutsch beinahe die ganze Salpeterzone von Tolo und Taltal, deutsch die meisten und wichtigsten unserer Banken, in deutschen Banken sind unsere Goldreserven deponiert, auf deutschen Schiffen fahren unsere Staatsangehörigen, wenn sie ihr Land auf einige Zeit verlassen, auf deutschen Schiffen kommen die für unseren Gebrauch nötigen Waren an, mit deutschem Spielzeug spielen unsere Kinder, deutsche Artikel beherrschen unseren Markt und sogar unsere Zeitungen sind auf deutschem Papier gedruckt, oder wenigstens auf Papier, das durch deutsche Kaufleute in den Handel gebracht wird. Ich habe deshalb gesagt, daß, wenn eines Tags eine andere Nation an unseren Türen pocht, man ihr antworten wird: besetzt!« So weit der chilenische Publizist. Dazu kann man noch hinzufügen: deutsch, ausschließlich deutsch ist hier, wie übrigens auch anderswo das Dreigestirn Doktor, Apotheker, Wurstmacher und deutsch sind alle, wenigstens alle guten Hotels. Letzteren Umstand kann der Reisende, zumal der deutsche, nicht hoch genug preisen.

Und allen diesen Deutschen geht es, wie gesagt, gut. Verkrachte Existenzen kommen kaum vor. Ein Graf R., der sich hier so durchhochstapelt und ein Fürst v. F., der in einer Valdivianer Brauerei Flaschen wäscht, werden als Sehenswürdigkeiten gezeigt.

Nun entsteht die Frage: fühlen sich die Deutschen hier als Deutsche, oder sind sie zu Chilenen geworden, wollen sie es werden. Es ist dasselbe Dilemma, vor das die Deutschen auch -- anderswo gestellt werden. Ich fragte einen hiesigen Einwohner darnach, einen prächtigen bayrischen Wurstfabrikanten in Temuco, dessen Söhne sich schon etwas chilenisch ausnahmen. Ich fragte ihn: »Tut es Ihnen nicht leid, wenn Ihre Kinder das deutsche Heimatsgefühl verlieren?« Er zuckte die Achseln, und ein ganz leichter Schatten legte sich auf sein Gesicht. »Das Einzige, was ich von meinen Kindern verlange, ist, daß sie anständige und ehrliche Menschen sind.«

12. BRIEF.

CHILENISCHES GESELLSCHAFTS-, BADE- UND SPORTLEBEN.

Der Nachahmungstrieb, wenn er nicht auf innerem Verständnis und wirklichem Bedürfnis beruht, sondern auf Eitelkeit und Parvenü-Ehrgeiz, ist eine gefährliche, ja verhängnisvolle Eigenschaft. Er führt zu geistigen Fälschungen, zieht in der Regel Zwang und Unfreiheit nach sich und bedingt das betrübliche Schauspiel, wie Sinn in Unsinn verkehrt wird.

Einen Beleg für diese Behauptung bietet das Leben der chilenischen beau monde, wie es sich dem europäischen Beobachter darstellt.

Sobald der Südamerikaner -- hier ist speziell vom eingeborenen Chilenen die Rede -- zu Gelde kommt, packt ihn die Eitelkeit, es in allen Dingen den hochmütigen Europäern nicht nur gleich-, sondern womöglich zuvorzutun. Da ihm die eigenen Ideen fehlen -- wo sollte er sie auch herhaben -- muß er sich aufs Nachahmen verlegen. Und da entsteht jenes ergötzliche Bild, das die Kritik herausfordert, auch wenn man kein Mephistopheles ist: »wie er sich räuspert, wie er spuckt ...«

Schon auf den südamerikanischen Ozeandampfern, in den großen Hotels der argentinischen und chilenischen Hauptstädte, fällt die stahlgepanzerte Reserve auf, die von Vollblut-Chilenen Europäern gegenüber zur Schau getragen wird. Sie entspringt jedoch keineswegs dem Überlegenheitsgefühl und dem sprichwörtlichen Rassenhochmut der stolzen Spanier, sondern hat vielmehr in dem Gefühl der inneren Unfreiheit und gesellschaftlichen Unsicherheit ihren Grund. Weil der Chilene nicht genau weiß, _wie_ er sich in jeder gegebenen Situation »europäisch« zu betragen hat, beträgt er sich lieber gar nicht, d. h. bleibt stocksteif, stumm und unbeweglich. Die Angst, irgend eine gesellschaftliche Dummheit zu begehen, benimmt ihm die Bewegungsfreiheit.

Amüsanter noch als dies ist, daß sich dieselben Gesichtspunkte hier auf das gesellschaftliche Leben übertragen, auch wenn die Chilenen unter sich sind. Weiß man doch von seinem gesellschaftlichen Partner nicht ganz genau, was für »europäische« Begriffe er sich angeeignet hat. Von Leuten, die in den hiesigen Verhältnissen gut versiert sind, hört man einstimmig behaupten, daß in der chilenischen Gesellschaft eine arge Korruption herrscht. Es fällt schwer, das zu glauben, denn nach außen hin ist nicht das allergeringste davon zu merken. Im Gegenteil, ein sittenstrengeres Gebaren, als es die Chilenen allenthalben zur Schau tragen, läßt sich kaum denken. Hier herrscht zwischen Innen und Außen augenscheinlich dasselbe Verhältnis, wie etwa in der Kleidung der bolivianischen Indianerfrauen. Nach außen hin sehen sie sauber und appetitlich aus, und nur der Eingeweihte weiß, daß unter dem schönen neuen Kleiderrock unzählige alte, schmierige und zerfetzte stecken.