Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe

Part 3

Chapter 33,433 wordsPublic domain

Doch ist es nicht meine Sache, darüber zu berichten. Ich sehe mir das Land mit den Augen eines gewöhnlichen Reisenden an, und wirtschaftliche Studien liegen mir fern.

Die Einwohner von Buenos Aires haben ebenso wenig charakteristisches an sich wie die Straßen der Stadt. Aussehen, Kleidung, Gebaren -- alles ganz europäisch. Natürlich überwiegt der südländische spanisch-italienische Typus. Man sehnt sich ordentlich nach den prachtvollen Mohren von Bahia und nach den interessanten Mischlingen, die die brasilianische Bevölkerung so bunt und anziehend machen. Russen und Deutsche gibt es in Buenos Aires genug, um einige mittelgroße europäische Städte damit zu bevölkern. Die russische Kolonie zählt gegen 100000 Köpfe, die deutsche mehr als das Doppelte. In Buenos Aires erscheinen zwei große deutsche Zeitungen, von denen die »La-Plata-Zeitung« sogar, wie man sagt, eine nicht unwichtige politische Rolle spielt. Der einen hier erscheinenden russischen Zeitung kommt eine solche natürlich nicht zu. Doch ist es immerhin viel, daß sie überhaupt existiert.

Die sogenannte »gute Gesellschaft« glänzt augenblicklich -- im Sommer -- durch Abwesenheit in Buenos Aires. Wer nicht in Europa ist, kühlt sich die erhitzten Glieder wenigstens an der Küste des Atlantischen Ozeans, in dem Seebadeorte Mare la Plata, dem »Ostende Argentiniens«, wie dieser schöne, aber märchenhaft teure Strandort genannt wird. Buenos Aires bietet an landschaftlichen Schönheiten gar nichts. Ein einziger Park, »Palermo« mit Namen, gewährt abends etwas Kühlung, wenn nämlich vom La Plata-Strome ein erfrischender Wind weht. Die ziemlich kümmerliche Vegetation dieses Parkes wird mit großer Kunst gepflegt, und immerhin ist es dort abends angenehmer als in den staubigen, drückend heißen Straßen der Stadt. Es gibt in Palermo sogar einen »See«, der anderswo freilich Teich heißen würde. Doch schwimmen darauf leibhaftige schwarze Schwäne. Und das sieht allemal sehr stolz und majestätisch aus.

Will man aber mehr haben, so muß man schon ganze 40 Kilometer weit mit der Bahn fahren. Doch lohnt sich die Strapaze. Erstens hat man während der Reise den La Plata-Strom als Gefährten zur Seite. Und der ist, wenn auch nicht schön, so doch originell mit seinen gelbbraunen, von violetten Lichtern durchsetzten Fluten, die sich unabsehbar weit zum Horizont hinziehen. Das andere Ufer ist natürlich nicht zu sehen, denn der Fluß ist hier ca. 45 Kilometer breit. Aus der Entfernung, bevor man die Bewegung des Wassers beobachten kann, macht er den Eindruck einer ungeheuren sonnendurchglühten Sandfläche. Der Ort, den es zu erreichen gilt, heißt Tigre. Ein Nebenfluß des La Plata gleichen Namens bildet ein landschaftlich überaus reizvolles Delta. Die Inseln sind mit üppiger Vegetation, blühenden Fruchtgärten, schattigen Laubwäldern, sogar Palmenanpflanzungen bedeckt. Macht man die sehr genußreiche »volta« um alle Inseln herum, was im Motorboot ungefähr zwei Stunden beansprucht, so kann man selbst von überhängenden Zweigen köstliche Pfirsiche und saftige Reineclauden pflücken -- vorausgesetzt, daß das Gewissen es zuläßt. Tigre ist das Zentrum für den argentinischen Wassersport. Man sieht dort wundervoll ausgestattete Motor- und Segeljachten der beau monde von Buenos Aires. Auch Ruderboote mit mehr oder weniger entkleideten Insassen schießen auf den Flußarmen hin und her.

Mit gemischten Gefühlen setzt man sich wieder in den staubigen Bahnzug, und empfindet es als Schicksalstücke, daß man nach Tigre fliehen muß, wenn man das haben will, wie die Stadt, in die man zurückkehrt, heißt -- buenos aires, zu deutsch »gute Luft!«

6. BRIEF.

DIE ARGENTINISCHEN PAMPAS. -- DAS WEINLAND VON MENDOZA.

Wenn man als abenteuerlustiger Amerika-Reisender neue Eindrücke, unbekannte Situationen, europafremde Lebensbedingungen, interessante Erlebnisse sucht, so kehrt man Buenos Aires, diesem Talmi-Paris, ohne viel Herzschmerzen den Rücken. Die Hoffnung, daß man im Inneren des Landes Eigenartiges, Charakteristischeres zu sehen bekommt, als in der vielgepriesenen Hauptstadt Argentiniens, wird in der Tat nicht getäuscht.

Die südamerikanischen Pampas -- jedem Knaben, der je mit heißen Backen seinen Mainried gelesen hat, haben sie einst als höchstes und einziges Ziel der Sehnsucht vorgeschwebt. Die Sehnsucht würde wahrscheinlich vergehen, bekäme er sie in Wirklichkeit zu Gesicht.

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren die unendlichen Prärien, die sich hunderte und aberhunderte von Kilometern nach allen Richtungen hinziehen, eine vollständige terra incognita nicht nur für den Europäer, sondern auch für den eingeborenen Südamerikaner. Jetzt durchquert sie eine Eisenbahn, und eine Strecke, für die man früher Wochen beschwerlichsten Reisens brauchte, legt man heutzutage in 24 Stunden zurück. Gibt man noch 12 Stunden dazu, so kommt man sogar über die Kordilleren hinüber bis an die Küste des Stillen Ozeans.

Nur ein kleines Gebiet im Zentrum des tropischen Südamerika ist bisher von den Invasionen neugieriger und gewinnsüchtiger »Kulturträger« verschont geblieben. Das ist der sogenannte Gran Chaco. Dorthin haben sich die Überreste der stolzen Indianerstämme, die einst den ganzen Riesenkontinent bevölkerten, zurückgezogen. Sie leben dort ihr Leben, wie sie es vor tausend Jahren gelebt haben, ein Leben, dessen Grundlage eine wunderbar sinnvolle, natürliche Moral ist. Durch die selbstzufriedene Kulturarbeit der »Weißen«, deren Hauptwerkzeug das »Feuerwasser« ist, wird die unendlich höher stehende moralische Kultur dieser Wilden, die sich ihrer Nacktheit nicht schämen, langsam aber hoffnungslos untergraben. Wer das nicht glaubt, lese das wundervolle Reisebuch Elmar Nordenskjölds, der zwei Jahre lang das Leben dieser Chaco-Indianer in ihrer Mitte gelebt hat und jene Zeit zu der schönsten, »moralinfreiesten« seines Lebens zählt.

Der Zug, der von Buenos Aires quer durch die Pampas nach dem Westen fährt, der hier jedoch nicht so wild ist wie in Nordamerika, trägt den stolzen Namen: Ferro Carril Transandino International. Nach europäischen Begriffen ist es eine miserable Sekundärbahn, als Gegenstand des Spottes der »Fliegenden Blätter« jedem Deutschen genugsam bekannt. Die Schienenspur ist wenig mehr als einen Meter breit, die Waggons sind eng und unbequem; auch die sogenannten Schlafwagen, die bis zum Fuß der Anden verkehren, lassen in bezug auf Bequemlichkeit so ziemlich alles vermissen. Nur langsam gewöhnt man sich an die »argentinische Küche« des Waggon-Restaurants, deren Hauptingredienzen Safran und roter Pfeffer sind.

Doch alles das erträgt man gerne, denn was man links und rechts durch die Waggonfenster sieht, ist interessant und neu genug, um einen zeitweilig alle europäischen Bedürfnisse vergessen zu machen. Endlos zieht sich die gelbgrüne Fläche der Pampas hin, der Horizont scheint in kaum erreichbare Fernen entrückt zu sein. Das Gras ist nicht hoch und erweckt auch nicht den Anschein, als ob es besonders fett wäre. Dennoch finden zehntausendköpfige Rinderherden dort ihre Nahrung. Bekanntlich versorgt Argentinien ganz Südamerika mit Fleisch und die ganze Welt mit »Liebig-Extrakt«. Es gibt in Buenos Aires nicht eines, sondern mehrere Schlachthäuser, von wo aus bis zu 2000 Stück Vieh täglich in ein besseres Jenseits, d. h. in die Mägen hungriger Argentinier, Brasilianer und Peruaner befördert werden. Vom nächsten Jahr ab wird auch Europa zu den Abnehmern des argentinischen Fleischmarktes gehören. Während ich in Buenos Aires war, langte die Freudenbotschaft an, daß es gelungen war, 3000 Hammel in tadellosem, natürlich künstlich gefrorenem Zustande nach Hamburg zu bringen. Darob herrscht unter den Viehherdenbesitzern Argentiniens natürlich eitel Freude und Seligkeit, und die Landpreise der Pampas steigen.

Wenn man die Stationsgebäude, die den Schienenstrang der transandinischen Eisenbahn einsäumen, und die Wohnhäuser der Pampasbewohner mit den Augen eines Russen ansieht, so schwellt einem einiger Stolz die Brust. Gegen diese erbärmlichen, aus Lehm, Schmutz und Stroh aufgeführten Domizile sind die Hütten der ärmsten russischen Bauern fürstliche Paläste. Der ganze Reichtum des Landes zieht sich hier nach den Hauptstädten hin, im Inneren ist und bleibt es wüst und leer.

Die Vegetation der Pampas verändert sich ungefähr in der Mitte des Weges aufs auffallendste. Statt der Wiesen und des Präriegrases sieht man weite Sandwüsten mit kümmerlichem, verkrüppeltem Buschwerk bestanden. Eine Unmenge von Kakteen mit wunderschönen weißen Sternblüten macht den Anblick exotischer. Hin und wieder grüßen als alte Bekannte einzelne hypertrophisch ausgebildete Exemplare von Sonnenblumen. Die Rinder- und Hammelherden hören auf, statt dessen sieht man merkwürdige langhalsige Vögel über das Buschwerk streichen und graue Strauße über den Sand spazieren.

Nun beginnt auch die fürchterlichste Plage der Pampas-Fahrt: der Staub. Ein Staub, so fein und dicht, daß er überall durchdringt, man mag die Fenster noch so sorglich verschlossen halten. Jetzt versteht man auch den merkwürdigen Aufzug der Mitreisenden, die man anfangs für Mönche oder Mitglieder irgend einer geheimen Sekte hielt. Alle stecken sie von Kopf bis zu Fuß in langen weißgrauen Staubmänteln, und man muß seine schnell erworbenen Reisefreunde buchstäblich an der Nasenspitze erkennen.

Übrigens hatten wir Glück. Abends um 9 Uhr erlebten wir in der staubreichsten Gegend ein Gewitter von einer derartigen Heftigkeit, daß der Weltuntergang nahe schien. In den Pampas, wo alles immer nach Wasser dürstet, soll das eine große Seltenheit sein. Wer nie einen Pampasregen gesehen hat, macht sich keinen Begriff davon, was das ist. Nicht eimer-, sondern kübelweise scheint das Wasser vom Himmel herabgegossen zu werden. Die Waggons der stolzen Transandino-Bahn hielten diesen Fluten nicht stand, in brausenden Wasserfällen strömte das Wasser durch die Waggondecke auf unsere Häupter herab, und nur mit Hilfe einer genial erfundenen Wasserleitung aus Bettüchern und Eimern gelang es mir, mich und meinen Reisekameraden vor dem Ertrinken zu retten. Ein wundervolles Bild gewährten die grenzenlos weiten Flächen der Pampas im bläulich-blendenden Licht der Blitze, die fast pausenlos aufeinander folgten. Ebenso plötzlich, wie er gekommen, war der ganze Zauber verschwunden.

Hat man die interessanten, aber öden Pampas glücklich durchquert, so erlebt das Auge eine angenehme Überraschung. Man fährt in die fruchtbare Weinebene von Mendoza hinein. Soweit der Blick reicht, ruht er auf saftig grünen, hochkultivierten, endlos sich hinziehenden Reihen von Weinstöcken aus. Das sind die Goldfelder des Landes, auf denen in den letzten Jahrzehnten Millionen und Abermillionen verdient worden sind.

Mendoza selbst ist ein freundliches Städtchen, mit breiten, von einstöckigen Häusern eingerahmten Straßen, üppigen Parkanlagen und blühenden Gärten. Warum die Häuser alle einstöckig sind, wurde mir klar, als ich den Prospekt des uns empfohlenen Hotels durchlas. Dort lautete der erste Satz: »l'édifice est construit spécialement contre tremblements de terre«. Alle zwei bis drei Monate »bebt« es nämlich in Mendoza, nicht allzu gefährlich, aber immerhin so stark, daß mehrstöckige Gebäude den Bodenschwankungen nicht standhalten. Auch das Baumaterial ist höchst eigenartig, ein Gemisch aus Schmutz und Stroh, das man an Ort und Stelle euphemistisch »ungebrannte Ziegel« nennt. Holz fehlt vollständig. Das konnte man schon an der Bahnlinie beobachten. Sämtliche Telegraphenpfosten sind aus Eisen. Die krüppligen Stämme der Weinstöcke würden zu diesem Zwecke freilich schlechte Dienste leisten.

Dank der Liebenswürdigkeit des Direktors der Deutschen Bank in Mendoza hatten wir Gelegenheit eine der größten Wein-»Fabriken« des Gebiets in Augenschein zu nehmen. Zwanzig Minuten Bahnfahrt und zehn Minuten in einem omnibusartigen Wagen, wie sie hier dem Landverkehr dienen, brachten uns nach dem Weingute der deutschen Weinindustriellen S. und H. In liebenswürdigster Weise wurde uns der ganze Betrieb der »Bodega L'Allemana« gezeigt, obzwar die Ernte noch ausstand, und die Fabrik ruhte. Es würde mich zu weit führen, wollte ich alle Einzelheiten dieses enormen Betriebes schildern. Einige Zahlen mögen genügen. Mendoza produziert jährlich 4 Millionen Hektoliter Wein, wovon auf unsere Gastfreunde 100000 Hektoliter entfallen. Die Firma steht an fünfter oder sechster Stelle. Der Löwenanteil von über 1 Million gebührt einem Italiener, der als armer Erdarbeiter ins Land gekommen, und heute noch Analphabet ist. Die geniale Idee, in Mendoza Wein zu bauen, rührt von ihm her. Die ganze Kultur ist erst einige Jahrzehnte alt. Der Wein ist von ganz vorzüglicher Qualität, »alte«, »abgelagerte« Sorten gibt es natürlich noch nicht. Die Weingutsbesitzer bewahren nur wenige Flaschen zum eigenen Gebrauch auf. Die gesamte Produktion wird bis auf den letzten Tropfen in Argentinien konsumiert. Nicht ein Faß gelangt zum Export. Unsere liebenswürdigen Gastwirte setzten uns einige Flaschen der ältesten Jahrgänge dieses köstlichen Mendoza-Weines vor, und ohne Übertreibung muß zugestanden werden, daß er getrost mit den besten europäischen Weinsorten konkurrieren kann. Das Aroma ist ein ganz eigenartiges, der Wein ein Mittelding zwischen schwerem Burgunder und gut gelagertem Rheinwein.

Mendoza wird mir unter anderem unvergeßlich bleiben durch den ersten argentinischen »Kunstgenuß«, den ich dort erlebte: eine spanische Operette »Marina del mare« mit Namen. Nachdem ich sechs Wochen lang keine Musik gehört hatte, schien mir jeder Ton ein Labsal. Unter den Sängern waren einige vorzügliche Stimmen. Erquickend nach dem europäischen Begriff des »Künstlerischen« war die bodenlose Naivetät, mit der hier Dekoration und schauspielerische Aktion behandelt wurden. Die ganze Darstellung war sozusagen »schematisch«, die Phantasie des Zuhörers hatte nach allen Richtungen hin freien Spielraum. So wurde man unvermutet vor eine schwierige ästhetische Frage gestellt. Doch will ich meine Leser nicht mit ihrer Lösung langweilen.

7. BRIEF.

DIE KORDILLEREN.

Als ich vor Jahren die Dolomiten zu Fuß durchwanderte, kam mir oft der Gedanke: so ungefähr müssen die Kordilleren aussehen. Woher diese Überzeugung stammte, weiß ich nicht. Wahrscheinlich war es die abenteuerliche rosa-rote Färbung des Gesteins und die stellenweise exotische Vegetation, die die Vorstellung von außereuropäischen, tropisch angehauchten Gebirgsgegenden wachrief. Es kam mir damals nicht in den Kopf, daß es mir jemals vergönnt sein würde, die Dolomiten und die Kordilleren tatsächlich miteinander zu vergleichen. Soll ich es als Merkmal einer mir bisher nicht bewußten Divinationsgabe auffassen, daß, als mir die ersten Gebirgszüge der Kordilleren zu Gesichte kamen, mir nichts anderes übrig blieb, als auszurufen: Genau so sehen ja die Dolomiten aus!

Da ich in der Geologie nicht bewandert bin, will ich es unterlassen, zu untersuchen, warum sich die Dolomiten und die Kordilleren so ähnlich sehen. Es genügt mir, diese nicht zu bestreitende Tatsache festzustellen, übrigens sei der Genauigkeit halber angemerkt, daß es in diesem Falle eigentlich unzulässig ist, in Bausch und Bogen von den Kordilleren zu reden. »La Cordillera« nennt man hier nur den mittelsten und höchsten Bergrücken des Gebirges, das nicht nur Südamerika, sondern auch Mittel- und Nordamerika durchzieht. Der Teil der Cordillera, den ich meine, sind die Anden, das Gebirge, welches Chile von Argentinien trennt.

Um weiteren Mißverständnissen vorzubeugen, muß ich noch hinzufügen, daß Ähnlichkeit ein sehr dehnbarer Begriff ist. Und wenn man von der Ähnlichkeit der Kordilleren und der Dolomiten redet, so ist das dieselbe Ähnlichkeit, die etwa ein Tiger und eine Katze miteinander haben.

Die ersten Ausläufer der Kordilleren erblickt man, wenn man in dem Ferro Carril Transandino, jener schon erwähnten putzigen Witzblatt-Bahn, das gelobte Land Mendoza verläßt. Der Zug muß sich gewaltig anstrengen, um die Berge hinaufzuklettern. Eine Lokomotive zerrt von vorne, eine andere schnauft von hinten, und die ganze Mühe gilt vier kleinen Waggons, die spickevoll besetzt sind mit in Staubmänteln vermummten Passagieren. Die Geschwindigkeit, die dabei entwickelt wird, ist kaum größer als fünf bis zehn Kilometer die Stunde. Doch hat man keine Ursache, dieses Schneckentempo zu bedauern. Was langsam kommt, kommt gut, und hier von Minute zu Minute immer besser und herrlicher.

Es ist ein undankbares Geschäft, wenn man versuchen will, die unerhörte Pracht dieser grandiosen Gebirgswelt zu beschreiben. Selbst der Pinsel des genialsten Malers müßte hier versagen. Die Lokomotiven keuchen und stöhnen. Immer höher geht es hinan. Die einzigen Reste organischen Lebens sind einige wenige grüngelbe Grasbüschel, die sich im Geröll der Abhänge verbergen. 2800 Meter Höhe sind erreicht. Hier machen wir Halt. Mögen andere, die Eile haben, weiterfahren. Das scheinen, außer meinem Reisekameraden und mir, sämtliche Passagiere des Zuges zu sein. Hier gibt es -- gelobt sei die abschreckende Wirkung einer zwanzigtägigen Seefahrt -- noch keine »Touristen« aus Europa. Man schämt sich fast, die einzigen Vertreter dieser im allgemeinen verabscheuungswürdigen Menschenspezies zu sein. Aber alle Unbequemlichkeiten, die daraus erwachsen, daß Südamerika dem Touristenverkehr noch nicht erschlossen ist -- z. B. das vollständige Fehlen irgendwelcher Reisehandbücher à la Bädeker -- erträgt man nur zu gerne.

Der Ort, in dem wir den Zug verlassen, heißt Puente del Inca (Brücke des Inka), auf Geographiekarten wird man ihn vergeblich suchen. Außer dem Stationsgebäude und einem kleinen Hotel sind nur einige Zelte, die Nachtquartiere von Eisenbahnarbeitern, zu erblicken. Ringsumher kein Baum, kein Strauch. Ein reißender Gebirgsstrom hat sich seinen Weg in schäumender Lust quer durch einen Felsenhügel gebahnt. Der dadurch entstandenen natürlichen Felsbrücke verdankt der Ort seinen Namen.

2800 Meter sind in Europa schon eine ganz respektable Höhe, für die Höhenverhältnisse der Kordilleren sind sie eine Bagatelle, die kaum der Rede wert ist. Dennoch merkt ein Flachländer schon ganz bedeutend die Wirkung der verdünnten Atmosphäre. Aber trotzdem ergreift einen sofort noch eine andere Gebirgskrankheit, die sich in dem einen Wunsch äußert: Höher, höher! Und eine Stunde, nachdem wir den Zug verlassen hatten, saßen wir schon auf Maultieren, um einen nahen Berggipfel, den »11. Febrero«, zu erklimmen. Dieser und einige andere kleinere Ausflüge waren das notwendige Training, um uns für ein anderes größeres Unternehmen vorzubereiten. Die Eisenbahn ist, wie gesagt, für Leute da, die Eile haben. Will man dagegen die Schönheit der Gebirgswelt genießen, so greift man zu anderen Verkehrsmitteln. Wir beschlossen, den Übergang über den Andenpaß auf Maultieren zu machen. Statt einigen Stunden, dauert das freilich einige Tage, doch nimmt man dafür Eindrücke mit, die man nicht vergißt, auch wenn man das Alter Methusalems erreicht.

Frühmorgens machten wir uns auf den Weg. Voran der Führer, ein ernsthafter, vertrauenerweckender Argentinier, der sich in seinem Torreador-Hütchen und wehenden Poncho gar malerisch ausnahm. Mit mächtigen, mittelalterlichen Rittersporen, wie man sie sonst nur auf der Bühne an den Beinen irgend eines Don Quichote sieht, trieb er sein Maultier zu schneller und energischer Gangart an. Uns mit unseren unbewaffneten Stiefelabsätzen gelang das erheblich schlechter. Unser erstes Ziel, das freilich einen Umweg bedeutete, waren die Kupferminen von Navarro. Unermüdlich greifen die braven Maultiere aus. Der Weg wird steiler und steiler. Die letzten Spuren jeglicher Vegetation verschwinden. Über Steingeröll und Felsplatten immer höher und höher. Links und rechts öffnen sich gähnende Abgründe. Immer beschwerlicher wird das Klettern. Immer beschwerlicher wird auch das Atmen. Der Puls hämmert wie ein Schmiedewerk. Im Kopf spürt man einen leichten Druck. Und mit einem Male stellt sich auch der Schrecken aller ungeübten Bergsteiger ein -- das Gefühl des Schwindels. Man schaut schon lieber nicht mehr zur Seite, sondern krampfhaft auf den Sattelknauf. Kein Laut ist ringsumher zu vernehmen. Nur das Knirschen der Hufe im lockeren Geröll und das leise Schnauben der Maultiere. Man segnet und verflucht zugleich diese vierbeinigen Gefährten. Zu Fuß wäre der Anstieg sicherlich noch ungemütlicher, aber dieses quälend langsame Tempo der Reittiere macht einen auch nicht wenig nervös. Es scheint eine halbe Stunde zu dauern, bis das Tier mit dem Hufe eine Stelle aussucht, die ihm sicher genug dünkt, um den Fuß draufzusetzen. Und vor einem starrt drohend, scheinbar unerreichbar der Gipfel, den es zu übersteigen gilt. Gestattet es das Gelände, wird Rast gemacht. Und nun ist mit einem Schlage alle Mühsal vergessen! Sprachlos blickt man in die sich immer herrlicher entfaltende Pracht dieser unerhört großartigen Gebirgswelt hinein. Die kühnste Phantasie kann sich derartige Bilder nicht ausmalen. Das Merkwürdigste an den Bergspitzen und Abhängen der Anden ist ihre Färbung. Tiefschwarz, blutigrot, grünlichgrau, violett, leuchtend rosa, in sattem Orange schillert das Gestein dieser phantastischen Bergriesen. Es ist ein zauberisches Bild, wie man es weder in der Schweiz, noch in den Alpen jemals erblicken kann. Mächtige Gletscher unterbrechen hier und dort das farbenfreudige Bild, über alles hinweg grüßt im leuchtend blauen Himmel der schneeweiße, strahlende Gipfel des Aconcagua, des Goliath unter den amerikanischen und europäischen Bergen.

Und trotz dieses bunten, lichttrunkenen Bildes wird man keinen Augenblick das Gefühl der grauenvollen Öde, die hier herrscht, los. In herrlicher Majestät, aber auch in drohender, ungebeugter Kraft blicken die Berge auf das armselige Menschengesindel herab. In Europa hat sich der Mensch die Berge untertan gemacht. Hier sind sie die Herrscher, und wehe dem, der ihnen zu nahe kommt. Ihre mächtigste Waffe sind die Steinlawinen. Auch wir hörten eine mit dumpfem Grollen niedergehen. Glücklicherweise kreuzte sie nicht unseren Weg. Gar finster starrte der Krater eines Vulkans herüber. Mächtige Steinhaufen in unordentlichem Gewirr und weither verstreute Lawablöcke kennzeichneten seine Tätigkeit.

Die Kupferminen von Navarro sind nicht durch ihre Ergiebigkeit bemerkenswert. Wohl aber dadurch, daß sie in der unfaßlichen Höhe von zirka 4200 Metern ausgebeutet werden. Wie die Menschen es dort monatelang aushalten, ist unbegreiflich. Vielleicht gewöhnt sich der Körper mit der Zeit an den verminderten Luftdruck. Beständig weht ein eisiger Wind, und selbst jetzt im Hochsommer bei Mittagssonne fror einem trotz sweater und Lederjacke. Im Winter liegen die Minen von aller Welt hoffnungslos abgeschnitten in tiefster Vergessenheit da. Einen schauerlichen Eindruck machte die einfache Erzählung von drei Arbeitern, die die sechs Wintermonate als Hüter der Maschinen oben blieben. In den Schneemassen vergraben, gleich lebendigen Toten erwarteten sie von Tag zu Tag das Nahen des Frühlings. Wer kennt die grausige Novelle »L'Auberge« von Maupassant? Mir fiel sie ein, als ich diesen drei wetterharten Gestalten in die Augen blickte.

Am dritten Tage, nachdem wir unsere Ansprüche in bezug auf Nachtlager und Nahrung auf das Niveau bescheidener Haustiere herabgedrückt hatten, erreichten wir die Chilenische Grenze. Auf dem Gipfel des Passes, dem sogenannten »Cumbre« ist vor einigen Jahren eine Kolossalstatue, eine Christusfigur ans Kreuz gelehnt, errichtet worden. Sie dient als Wahrzeichen des Friedens zwischen Chile und Argentinien, den beiden feindlichen Nachbarländern, die jahrzehntelang ununterbrochen Zwist und Hader miteinander hatten. Auf beide Seiten hin, nach Chile und Argentinien öffnet sich ein wundervolles Gebirgspanorama. Einen abstoßenden Eindruck machen gerade auf dieser Stelle die überall umherliegenden Kadaver von Maultieren, die dem atmosphärischen Druck während des Überganges nicht standgehalten haben.