Rund um Süd-Amerika: Reisebriefe
Part 2
Auf der Westseite der Insel erreichten wir nach zirka 20 Kilometern ein kleines Fischerdorf, das auf steil abfallenden Felsen ins schäumende und brausende Meer hineingebaut ist. Es schien nur von Kindern bevölkert zu sein, die unser Auto in unheimlich anwachsenden Scharen umringten. Weder durch Geld noch durch gute Worte, noch durch Drohungen und Püffe konnte man sich von dieser schmutzigen braunen Bande befreien, die ein außerordentliches Verlangen nach Rauchwerk hatte und der die russischen Papiros leider sehr gut zu schmecken schienen. Für unsere milden Gaben revanchierten sie sich wenigstens durch die Vorführung von erstaunlichen Taucherkunststücken. Wie die Frösche sprangen sie von der hohen Felsküste ins Meer und verfehlten nie die ihnen zugeworfenen Münzen, nach denen sie oft metertief tauchten.
Die richtigen Madeira-Taucher sahen wir jedoch erst bei unserer Rückkehr aufs Schiff. Um den Dampfer herum herrschte ein solches Gewimmel von Booten, daß der kleine Kutter sich nur mit Mühe einen Weg zum Fallrepp bahnte. In jedem der hunderte von Booten saßen einige halbnackte braune Kerle und machten sich unter wüstem Geschrei anheischig, ihre Künste zu zeigen. Sämtliche Altersstufen von 10-40 Jahren waren unter diesen Tauchern vertreten, die mit unglaublichem Geschick ihr Geschäft besorgten. Gleich Affen kletterten sie an Tauen, die man ihnen hinabließ, bis aufs sechste Promenadendeck hinauf und von dort, d. h. von der Höhe eines zirka siebenstöckigen Gebäudes, warfen sie sich ins Meer. Es ist ein schönes, aber aufregendes Bild, wenn diese braunen Pfeile in die Tiefe schießen. Meterhoch spritzt das Wasser auf. Der Schlag auf die Wasserfläche muß ein mörderischer sein. Mit blutigroten Schultern tauchen die kühnen Burschen aus der Tiefe wieder auf, und zwischen den Zähnen halten sie unfehlbar das Geldstück, dem ihr Sprung galt. Die tollkühnsten von ihnen schwimmen übrigens nach dem Sprung unter dem Dampfer durch. Man kann ihnen alle Hochachtung nicht versagen, wenn man bedenkt, was für einen Tiefgang solch ein 16000 Tonnenschiff hat. Einigen von den Tauchern fehlte diese oder jene Extremität, es gab eine Menge einarmiger und einbeiniger unter ihnen. Die fehlenden Gliedmaßen haben seinerzeit den Haifischen der Bucht von Funchal als leckere Mahlzeit gedient. Trotz der Gefahr, sich das Genick zu brechen oder von Haien angefressen zu werden, sind die Burschen nicht teuer. Sie springen schon gerne für 200 Reis. (Als Mittel gegen Schlaflosigkeit empfehle ich, portugiesische Münzsorten etwa in russisches Geld umzurechnen, ein Reis ist in Brasilien ungefähr 7/1000 Kopeken, in Portugal 3½ mal so viel; beim Versuch, irgend eine Summe -- etwa 18 Millreis, 300 Reis -- in Mark oder Rubel umzurechnen, schwindelt einem, und jetzt hat die republikanische Regierung noch zum Überfluß eine neue Münzsorte, Centavos = 10 Reis, eingeführt, und prägt Münzen von 50 Centavos. Um hier nicht übers Ohr gehauen zu werden, muß man ein Rechenkünstler vom Range eines Arago sein.)
In Madeira, dessen Zaubergärten viel zu schnell dem Blick entschwanden, nahmen wir für Wochen Abschied vom Lande. An den kahlen, von senkrechtem Sonnenbrande durchglühten Inseln Cap Verde, St. Vincenz und St. Antonio, fuhren wir stolz vorüber. Erst an der brasilianischen Küste, in Pernambuco, werden wir wieder Land sichten.
Sieht man tagaus tagein über die endlose Wasserfläche des Ozeans hin, über dem sich als einziges Zeichen organischen Lebens von Zeit zu Zeit ein glitzernder Schwarm fliegender Fische erhebt, so kehren die Gedanken immer wieder zu dem Märchenlande Madeira zurück, das wie eine Fata Morgana nur für Stunden aus dem Ozean auftauchte und sich dem Gedächtnis doch unauslöschlich eingeprägt hat.
3. BRIEF.
PERNAMBUCO. -- BAHIA.
In Pernambuco sichtete die »Arlanza« zum ersten Male die südamerikanische Küste. Mit einem aus Bedauern und Beruhigung gemischten Gefühl sah man den hellen Streifen über dem Horizont, der uns als »Amerika« vorgestellt wurde, immer breiter werden. Man bedauerte, daß nun bald das Götterleben auf dem Schiff mit der unbegrenzten Möglichkeit zu allen Arten des »dolce far niente«, mit dem amüsanten »board-tennis« und Ringspiel, mit den je nach Bedarf kräftigen oder kühlen »drinks« im Rauchsalon, mit den phantastischen Äquator-Maskenbällen und allerhand anderem gesellschaftlichem Ulk ein Ende haben würde. Man war beruhigt, weil man nun tatsächlich mit Amerika Bekanntschaft machte und nicht mit dem Seeboden.
Doch mußten sich die Passagiere, die zwölf Tage keinen festen Boden unter den Füßen gespürt hatten, hier noch mit dem Anblick des Landes begnügen, ohne es zu betreten. Nur Reisende, deren Bestimmungsort Pernambuco war, wurden ausgeladen. Dieses Wort ist keine Hyperbel, sondern entspricht den Tatsachen. Der Seegang und die Brandung ist in der Bucht von Pernambuco so stark, daß kein Boot und kein Dampfkutter ohne die Gefahr sofortiger Havarie dicht an die großen überseeischen Schiffe anlegen kann. Sie halten sich, von unmutigen Wellen hin und her geworfen, in respektvoller Entfernung. Die Passagiere aber werden wie Warenballen in großen Körben an den Riesendampfkränen des Schiffes in den Ozean hinabgelassen, wobei es gilt, eines dieser schwankenden Böte zu treffen.
Diese Beförderungsart ist keineswegs erheiternd, zumal das Schiff von zahllosen mächtigen Haifischen umtanzt wird, die ihre gierigen Rachen nach allem aufsperren, was in die Nähe der Wasserfläche kommt. Zur Freude der Schiffsmannschaft gelang es übrigens, eine dieser gefräßigen Bestien zu »angeln«, ein wahres Prachtexemplar von fast 4½ Meter Länge. Der Angelhaken, den diese Hyäne des Ozeans ohne Besinnen verschluckte, hatte die Größe eines mäßigen Schiffsankers. Vielleicht war es auch einer, ich habe nicht genau hingesehen.
In Bahia, einem der wichtigsten Handelszentren des äquatorialen Südamerika, betraten wir zum ersten Male den neuen Kontinent. Vom ersten Schritt an konnte kein Zweifel darüber walten, daß man sich nicht in Europa befand. Die Bevölkerung scheint auf den ersten Blick, wenigstens im Hafenviertel, ausschließlich aus Mohren zu bestehen. Allmählich beginnt man jedoch die feineren Unterschiede zu bemerken und unterscheidet die Mulatten, die in allen Schattierungen, sogar gefleckt, vertreten sind, von den ganz Schwarzen, dann die »Weißen« von den Mulatten. Allerdings was man hier einen »Weißen« nennt, könnte in Europa noch ganz gut als etwas verblichener Neger passieren. Die sengende Kraft der Sonne ist unglaublich. Merkwürdigerweise lähmt sie jedoch die Energie keineswegs. Obgleich man ununterbrochen Ströme von Schweiß vergießt, kann man selbst um 12 Uhr mittags in der Sonne spazieren gehen, vorausgesetzt, daß der Kopf durch einen hohen Panamahut geschützt ist. Schatten gibt es um diese Tageszeit keinen, weder Häuser, noch Mauern, noch Menschen können sich eines solchen rühmen. Die Sonne steht im Zenith und ihre Strahlen fallen genau senkrecht. Der Schatten eines Menschen nimmt nur den Raum ein, den seine Fußsohlen bedecken. Es kommt einem ganz merkwürdig vor, den kleinen schwarzen Fleck zwischen den Füßen als den eigenen Schatten anzusehen. Die Eingeborenen vermeiden es natürlich tunlichst, sich um diese Tageszeit auf der Straße zu zeigen. Besonders die Mohren geben sich in dem Handelsviertel, das sie sich in den Querstraßen des Hafens errichtet haben, dem ihnen, ach so lieben Nichtstun hin. Sie sind übrigens ein gutmütiges und zugängliches Volk, von Kultur allerdings nur sehr oberflächlich beleckt. Einer dieser schwarzen Handelsherren, der sich am Stamm einer prächtigen Palme ein mehr als originelles Magazin von alten Kleidern, Hüten, Stiefeln eingerichtet hatte, und, längelang auf einer Holzbank hingestreckt, sein wohlassortiertes Lager bewachte, fragte, als ich meinen Kodak nach ihm zückte, weinerlich -- ob es schmerzen würde, war aber doch viel zu faul, um aufzustehen und sich der Gefahr des Photographiertwerdens zu entziehen.
Furchtbar, schauerlich, wahrhaft grausig sind die Negerweiber, besonders wenn sie alt sind. Sie sehen samt und sonders aus wie verkleidete Männer. Ihre Putzsucht ist sprichwörtlich. Sie geben sich die erdenklichste Mühe, ihre teuflischen Fratzen durch phantastischen Kopfputz und grellfarbige Kleidung noch auffallender zu machen. Unter den kniekurzen knallrosa oder knallblauen Röcken starren die schwarzen Beine hervor, einem weißen Spitzenhemdchen entragt das meist nicht sehr üppige schwarze Décolleté. Ein bunter Sonnenschirm vervollständigt diese Toilette, die einen glauben macht, man befände sich auf einem exotischen Maskenball.
Bahia ist eine echt brasilianische Stadt, als solche viel charakteristischer als die Hauptstadt Brasiliens, Rio de Janeiro, von der im nächsten Briefe die Rede sein soll. Die Häuser sind flach, kastenartig, ohne architektonische Pretensionen, sie scheinen nur aus Fenstern zu bestehen, die auf der Sonnenseite mit Bastmatten verhängt sind. In den engen Straßen der Innenstadt, deren schneeweiße Mauerflächen das grelle Sonnenlicht blendend zurückstrahlen, herrscht reges, von südlichem Temperament bewegtes Leben. Maultiertreiber, Straßenhändler, Zeitungsverkäufer vollführen ein wüstes Geschrei.
Ein europäisches »Lokal« habe ich in Bahia nicht ausfindig machen können. Es soll dort einen deutschen Klub geben -- der Großhandel liegt hier, wie in ganz Brasilien fast ausschließlich in deutschen Händen -- doch gelang es mir nicht, bis zu ihm vorzudringen. Es galt also, um satt zu werden, in einem brasilianischen Restaurant Einkehr zu halten. »Grutta Bahiana« hieß dieser denkwürdige Ort. Nach langen, fruchtlosen Versuchen eine der vielen brasilianischen Nationalspeisen, die auf der Speisekarte verzeichnet waren, herunterzubringen, mußte dieses redliche Bemühen eingestellt werden. Die Frage bleibt offen, wie ein Europäer es anstellt, in Brasilien nicht zu verhungern. Essen kann man die Dinge, die einem dort serviert werden, schon aus dem Grunde nicht, weil man sich am ersten Bissen, den man die Unvorsichtigkeit hat herunterzuschlucken, Mund, Speiseröhre und alle Eingeweide verbrennt. Die Brasilianer kennen nur ein Gewürz, das aber gründlich -- den Pfeffer. Man kann sie dafür nicht einmal dahin verwünschen, wo er wächst, denn das ist ja hier zu Lande. Die Eingeborenen vergießen während der Mahlzeit helle Tränen, und finden das genußreich, vielleicht weil der »pimento« im tropischen Klima hygienisch sein soll. Nachher spülen sie ihr Inneres mit einem gräßlichen Schnaps aus, an dem der Name das einzig Gute ist. Er heißt »mata bicho«, das bedeutet »töte das Biest«, womit aber nicht der Brasilianer selbst gemeint ist, sondern der gefürchtete Fieberbazillus.
Alle Leiden, die man während des Essens zu erdulden gehabt hat, werden jedoch bald darauf durch einen kulinarischen Genuß allerersten Ranges wettgemacht. Der brasilianische Kaffee! Man möchte ein Klopstock sein, um ihn zu besingen. Leider wird er, wie alles Gute im Leben, in sehr homöopathischen Dosen serviert, denn leider ist er, wiederum wie das meiste Gute im Leben, dem Herzen nicht zuträglich. Ein Täßchen, kaum größer als ein Fingerhut, bis zum Rande gefüllt mit feinem Rohzucker, der so rasch zergeht, daß man nicht einmal einen Löffel zum Umrühren braucht. Nein, dieser Kaffee! Schwarz wie der Tod, süß wie die Liebe, heiß wie die Hölle! Im kleinen Café, wo man diesen Göttertrank zu sich nimmt, herrscht übrigens ein tolles Leben nach der Mittagstunde. Freiheit und Gleichheit. Auf niedrigen schemelartigen Stühlchen hockt der Börsenfürst neben dem Eseltreiber. Vor diesem Kaffee schwinden alle Rangunterschiede hin, wie das Häufchen Rohzucker, das man in die Tasse tut. Das Lokal ist gepfropft voll. Mit affenartiger Geschicklichkeit voltigieren um alle die in sämtlichen Himmelsrichtungen ausgestreckten Beine Niggerboys in einst weiß gewesenen Anzügen. Über dem Kopf schwingen sie die langgeschnäbelten Kannen. Mit verblüffender Sicherheit trifft der schwarze Kaffeestrahl die winzige Tasse. Aber nur Herzathleten wagen es, sie zum zweitenmal füllen zu lassen.
Sehenswürdigkeiten hat Bahia, außer sich selbst, keine. Die »vornehmen« Stadtviertel werden sorglich in Ordnung gehalten. Auch um die Volksgesundheit kümmern sich die Stadträte in höchst lobenswerter Weise. Am Ausgangstor des Riesenaufzugs, der die obere Stadt mit dem Hafenviertel verbindet, steht ein merkwürdiges Denkmal: zwischen zwei himmelhochragenden Säulen ein mächtiges Plakat, frei in der Luft schwebende gigantische Lettern bilden folgende Inschrift: »606! Cura Syphilis! 606!« Dieses in seiner Offenherzigkeit erfrischende, aber keineswegs erfreuliche Wahrzeichen krönt, weithin sichtbar, die Stadt, hoffentlich bewirkt der gute Rat wenigstens, was er bezweckt.
4. BRIEF.
RIO DE JANEIRO UND BRASILIANISCHE KARNEVALSFREUDEN.
Weiß jemand von meinen verehrten Lesern, was eine »bisnaga« ist? Nein? Nun, hoffentlich wird er sich diese Kenntnis nie durch eigene Erfahrung erwerben. Eine »bisnaga« ist ein modernes Folterwerkzeug, unbekannten Ursprungs, in Brasilien zur Karnevalszeit -- leider -- in allgemeinem Gebrauche. Das Ding sieht sehr unschuldig aus, und bevor man damit Bekanntschaft gemacht hat, ahnt man nicht, welche infamen Eigenschaften es besitzt. Man denke sich ein mittelgroßes Glasflakon, das an einem Ende mit einem Siphonverschluß versehen ist. Der Inhalt besteht aus stark parfümiertem Äther und der Zweck der ganzen Maschine ist, sich diesen Äther gegenseitig in die Augen zu spritzen. Es ist nicht schwer, dieses Kunststück zu vollbringen, denn die bisnaga entlädt ihren Inhalt in feinem Strahl auf viele, viele Meter Entfernung, und man kann sich sein Opfer auswählen ohne sofortige Rache zu befürchten. Trifft nun solch ein bisnaga-Strahl, so wird der Gegner für die Dauer von zwei bis drei Minuten blind, hat das Gefühl, daß ihm die Augen ausfließen, und dieser klägliche Zustand wird dann zu weiteren heftigen Attacken vermittelst Konfetti, Pritschen, Luftschlangen, Niespulver und ähnlichen harmlosen aber peinvollen Scherzartikeln benutzt.
Ich habe mancherorts das tollste Karnevalstreiben miterlebt, doch verbleicht selbst München und Paris im Vergleich zu dem karnevalistischen Wahnwitz, den sich die Brasilianer in Rio de Janeiro leisten.
In der Avenida centrale, einer wundervollen Straße von der Breite des Newski-Prospekt in Petersburg, herrscht ein derartiges Gedränge, daß man eine Stunde braucht, um zehn Schritte vorwärts zu kommen. Auf dem Fahrdamm reiht sich Automobil an Automobil, von wo aus phantastisch kostümierte Männer und schöne Frauen einen wütenden Luftschlangen- und bisnaga-Kampf mit den Kopf an Kopf gedrängten Fußgängern ausfechten. Ein betäubender Ätherdunst erfüllt die Luft, tausende von sinnlich erregten Augenpaaren blitzen sich gegenseitig an, Geschrei und Gelächter schallt von hüben und drüben, zwischen den Beinen der Fußgänger flitzen die kleinen, braunen, unglaublich geschickten bisnaga-Verkäufer mit ihrem stereotypen Ruf: »seicente grammas un milreis cinquente!«
Ein wahnwitziger Taumel scheint alle Welt ergriffen zu haben. Ehe man sich's versieht, hat man einen Ätherstrahl in den Augen, dann eine Wagenladung Konfetti im Rockkragen, Pritschenschläge hageln auf Kopf und Schultern nieder.
Das alles vollzieht sich bei einer Temperatur von 30° Réaumur abends zwischen 9 und 12. Ozeane von kühlenden Getränken, einfachem Eiswasser, Kokosmilch und mehr oder weniger raffinierten Sorbets werden in den zahllosen Cafés, die die ganze Avenida einsäumen, vertilgt. In dieser Hauptstraße geht es zwar toll genug, aber immerhin gesittet zu. Doch braucht man nur einige Schritte in die Querstraßen zu tun, um Zeuge von allerhand wenig schönen Szenen und wüsten Schlägereien zu sein.
Im Dunkel abgelegener Straßen ist der Brasilianer chez soi und kehrt sein wahres Gesicht hervor, auf dem alle Leidenschaften und Todsünden verzeichnet stehen, im europäischen Glanz der Avenida legt er dagegen sofort die lächelnde Maske Pariser Halbkultur an.
Ja Brasilien! Es ließe sich gar viel darüber sagen. Besonders über die neue republikanische Regierung und ihre »Geschäftsprinzipien«. Jetzt will sie dem Kaiser Dom Pedro II, der Brasilien zu seinem unerhört raschen kulturellen Aufschwunge verholfen hat, ein Denkmal setzen. Seinerzeit, als der republikanische Staatsstreich gelang, wurde der alte Mann, der ein großer Gelehrter und einer der feinsten Köpfe des 19. Jahrhunderts war, auf ein altes halbzerfallenes Schiff gesetzt und nach Europa expediert, wobei die sichere Hoffnung bestand, daß der alte Kasten, der den Kaiser trug, statt in Europa auf dem Seeboden anlangen würde. Als diese Hoffnung fehlschlug, erfolgte das Dekret, daß nie mehr ein Mitglied des Hauses Braganza den Boden Brasiliens betreten dürfe. Dieses Dekret hat nun unvorhergesehene Folgen. Die gemäßigte republikanische Partei will die Leiche Dom Pedros aus der Lissaboner Begräbniskirche nach Rio überführen, um sie hier zu bestatten. Die Regierung muß sich dem widersetzen, denn Dom Pedro ist, obzwar tot, -- doch ein Braganza!
Was soll ich über Rio de Janeiro sagen? Man müßte ein Buch schreiben, wollte man einen richtigen Begriff von dieser Stadt vermitteln. Landschaftlich ist sie paradiesisch schön. Die Natur hat alle Herrlichkeiten, die sie hervorbringen kann, auf diesen Fleck Erde zusammengetragen. Das Panorama der Bucht ist einzig in seiner Art. Hohe Bergzüge von bizarren Formen umsäumen die Stadt. Mitten in der Bucht erhebt sich der sogenannte »Zuckerhut«, ein violetter Bergkegel, der bisher als unzugänglich galt. Seit einigen Wochen erreicht ihn eine Schwebebahn, deren kühnes Projekt -- echt amerikanisch! -- vor fünf Monaten noch nicht entworfen war. Die Bergabhänge sind von unglaublich üppigem tropischen Urwald bedeckt. Herrlich sind die enormen Kaiserpalmen, die eine Höhe von 40 Metern erreichen und die mächtigen Bambusbüsche, die aussehen, wie riesengroße grüne Fontänen. Eine großartig angelegte Automobilstraße hat vor nicht langer Zeit den Reisenden die nächste Umgegend Rios erschlossen. Sie führt über den Bergrücken des Tijuka durch dichten Urwald, in dem man hin und wieder einen Papagei aufscheucht und wo sich die märchenhaften blauen Riesenschmetterlinge auf den leuchtenden Blüten der tropischen Bäume wiegen. Die Ausblicke, die sich auf dieser Straße nach allen Richtungen hin bieten, sind -- zu schön, denn man glaubt nicht an ihre Realität. Man meint, sich mitten drin in einer Dekoration einer phantastischen Zauberoper zu befinden. Weder Klingsors Zaubergarten, noch die Märchenhaine eines Tschernomoren können reicher und üppiger gemalt werden. Es fehlt dieser ganzen Landschaft nur die Seele, die Stimmung. Oder vielleicht verstehen wir Nordländer sie nicht. Man fühlt sich fremd in dieser unerhörten Tropenpracht, die man bewundern kann, ohne sie zu lieben.
Die Stadt Rio hat zwei Gesichter, ein weißes und ein schwarzes. Der fabelhafte Luxus des Europäerviertels umgibt das erbärmliche Elend des Negerhügels, der sich mitten in der Stadt erhebt.
Die Neustadt übertrifft in der Anlage stellenweise selbst Paris. Was wollen z. B. die Champs elysées sagen im Vergleich zu dem 14 Kilometer langen asphaltierten, mit Steinquadern ausgelegten Kai, der die ganze Bucht von Rio de Janeiro umsäumt und die Stadt mit dem Badeort Leme verbindet! Und doch wieviel schöner ist der kleinste Winkel von Paris, als der ganze blendende Talmiglanz des modernen Rio. Denn ein Talmiglanz ist es. Man spürt es jeden Augenblick, daß man sich auf dem Boden eines Landes, das keine Geschichte hat, bewegt. Geld -- das ist die einzige treibende Kraft Brasiliens. So glanzvoll alles nach außen hin ist, so fehlt doch jede innere Kultur. Es ist nichts echt, alles -- Nachahmung. In der bodenlosen Geschmacklosigkeit vieler Bauten, ihrer überladenen Pracht, dem völligen Mangel jeden Stilgefühles zeigt sich das kulturelle Niveau ihrer Erbauer nur zu deutlich. Dennoch sind die Brasilianer mit einigem Recht stolz auf Rio. Allerdings äußert sich ihr Selbstgefühl mitunter in der lächerlichsten Weise. Auf dem berühmten Theatro Municipale stehen in großen goldenen Lettern drei Namen: Goethe, Molière, -- A. Penna. Was sollen die Deutschen und Franzosen dazu sagen! Penna ist ein kleiner einheimischer, übrigens ganz vergessener Komödiendichter, gegen den etwa Kotzebue ein Shakespeare war. Nationalitätsgefühl ist eine gute Sache, doch sei man vorsichtig in seinen Äußerungen, sonst wird man ridikül oder taktlos.
5. BRIEF.
BUENOS AIRES.
Wollte man sine ira et studio eine Schilderung der Hauptstadt Argentiniens entwerfen, wie sie sich dem Reisenden auf den ersten Blick präsentiert, so würde kein Mensch glauben, daß der Brief aus Amerika kommt. Buenos Aires hat nichts, aber auch gar nichts »amerikanisches« an sich. Es ist nichts anderes als eine vorzüglich gelungene Kopie sämtlicher Hauptstädte Europas zusammengenommen. Wenn man die Straßen der argentinischen Hauptstadt durchwandert, so glaubt man bald in Berlin, bald in Paris, in Petersburg, in London, meinetwegen in Hamburg, in Frankfurt, München oder sonst irgendwo zu sein, nur nicht in Südamerika, dem Lande, das sofort die Vorstellung von Indianern, Prärien, Pampas, wilden Tieren oder breitnasigen Patagoniern erweckt. Von alledem ist in Buenos Aires natürlich nicht das allergeringste zu sehen. Die Stadt bedeckt einen enormen Flächenraum, ihr Weichbild ist größer, als dasjenige Londons, obgleich Buenos Aires kaum halb so viel Einwohner (ca. 3 Millionen) zählt. Die abgezirkelt rechtwinklige Anlage der Straßen erinnert an das Friedrichstraßen-Viertel in Berlin, nur daß sich hier die einzelnen Straßen noch viel ähnlicher sehen und infolgedessen noch viel langweiliger sind. Was nützt die architektonische Pracht einzelner Bauwerke, wenn sie sich immer wiederholt! Man mag einen noch so guten Ortssinn besitzen und die Stadt noch so viele Male durchquert haben -- dennoch weiß man nie, an welcher Straßenecke man sich befindet. Sie sehen alle genau gleich aus.
Etwas besser ist es um die öffentlichen Plätze bestellt. Sie haben mehr Charakter, und man unterscheidet sie schon dadurch untereinander, daß auf jedem ein anderer erzener oder steinerner argentinischer Reitergeneral, oder sonst irgend eine Lokalberühmtheit in mehr oder weniger kühner Denkmalspose verewigt ist.
Kommt man dagegen zur berühmten Avenida del Mayo, dem Stolz der Argentinier, so ist man wieder in Paris. Der Boulevard des Capucines, wie er leibt und lebt! An das Paris vor zehn Jahren erinnern auch die zahllosen ein- und zweispännigen Droschken, die hier noch nicht, wie in Rio de Janeiro, von Automobilen verdrängt sind. Und schaut man sich die fabelhaft luxuriösen Läden an, so liest man auch dort auf den breiten Schaufenstern dieselben Namen wie in Paris. Die ganze Rue de la Paix ist hier vertreten, meistens sogar besser und reicher als an Ort und Stelle. Das gilt besonders von den Juwelierläden.
Die Argentinier haben nämlich viel Geld, unglaublich viel Geld und bezahlen mit dem Stolze aller plutokratischen Parvenüs kaltlächelnd Unsummen für allerhand Luxusgegenstände. Warum sollten sie auch nicht? Das Land selbst, das doppelt so groß ist als Europa, bietet ja unerschöpfliche Reichtümer. Und immer wieder erschließen sich neue. Man braucht sie nur zu nehmen. Von den enormen Viehzüchtereien, den in einzelnen Händen befindlichen Latifundien von der Größe mäßiger Königreiche, von der fabelhaft rasch emporgeblühten Weinkultur, die in wenigen Jahren unberechenbare Vermögen geschaffen hat, von den Erzreichtümern der Kordilleren usw. werde ich noch zu erzählen haben, wenn ich ins Innere des Landes hineinkomme. Augenblicklich ist man hier sehr erregt durch die Nachricht, daß sich im Süden Argentiniens zu allem Übrigen noch außerordentlich ergiebige Naphthaquellen erschlossen haben. Man nimmt an, daß dadurch den kaukasischen und nordamerikanischen Quellen eine sehr ernsthafte Konkurrenz auf dem Weltmarkt entstehen wird.